Frauenkampftag 2019

Heute war es soweit: Zum ersten Mal ist der Internationale Frauentag in Berlin gesetzlicher Feiertag. Und da ich ja nun dieses Wochenende doch nicht in Prag bin, konnte ich den Tag auch gut für feministische Zwecke nutzen. Die ersten Stunden verbrachte ich damit, gut für mich selbst zu sorgen (ein nicht zu vernachlässigender Aspekt!): lange im Bett liegen bleiben, meditieren, gesund frühstücken, guten Tee trinken (schwarzer Tee mit frischem Ingwer, frischem Kurkuma und jamaikanischem Honig), Katzen kuscheln, Serien gucken, gesundes Mittag essen…

Die nächsten Stunden verbrachte ich gemeinsam mit meinen beiden Berliner Cousinen, dem Lieblingsnachbar und jeweils noch Freundinnen der drei auf der großen Demo zum Frauenkampftag. Vermutlich lag es daran, dass Feiertag war (und dass der Regen auch pünktlich zur Startzeit aufhörte), aber diese Demo war richtig groß und voll – zwischendurch sprachen die Veranstalter*innen von über 20.000 Teilnehmer*innen. Was mir außerdem aufgefallen ist: Es waren für mich überraschend viele Männer am Start. Natürlich verschätzt man sich da auch schnell, aber ich würde sagen das waren schon mindestens 30% und eher ein paar mehr – gerade bei den jüngeren Teilnehmer*innen.

Und das macht dann doch auch wieder ganz schön viel Mut und gibt Hoffnung für die Zukunft – trotz allem, was ich in den letzten Wochen darüber diskutiert habe, dass echte Gleichberechtigung nur gemeinsam erreicht werden kann und es eben nicht reicht, wenn man den Frauen “seinen Segen gibt”, aber selbst den Arsch nicht hochbekommt. Auch trotz der Tatsache, dass ich vor zwei Tagen tatsächlich vorargumentiert bekam, dass es doch wohl zu viel verlangt wäre, sich diskriminierungsfreie Schimpfwörter zu überlegen, wenn man seinen Frust über anstrengende Menschen, die zufällig Frauen sind, loswerden möchte und dass es doch völlig normal und quasi alternativlos ist, dann von einer dummen F*tze zu sprechen. Und natürlich trotz allem, was in letzter Zeit mal wieder durch die Medien gegangen ist und die Gemüter erregt hat. Trotz $218 und $219a, trotz AKK, trotz all der AltenWeißenMänner und des aktuell hochkochenden Backlashes:

Irgendwann werden wir in einer Gesellschaft leben, die noch diverser, inklusiver und gleichberechtigter ist als unsere heutige, und zwar für Menschen aller Gender, Geschlechter, sexuellen Orientierungen usw. Feminismus ist für alle da! Und wenn wir das endlich verstanden haben, dann lösen wir alle anderen Probleme auch irgendwie – gemeinsam!

Zwei legendäre Abende

Ich habe ja noch gar nicht richtig von den letzten beiden Abenden erzählen können, die jeder für sich genommen und in ihrer Gesamtheit ziemlich legendär waren. Die richtigen Menschen zur richtigen Zeit gemeinsam am richtigen Ort waren das.

Es begann am Dienstagabend mit dem Geburtstag meiner Mama, bei dem außer dem Hasen und mir mehr so Leute der Elterngeneration waren – Verwandte ebenso wie alte und vergleichsweise neue Freunde. Es gab gutes Essen und guten Wein und ziemlich schnell drehten sich die Gespräche um Vergangenes. Gemeinsame Erinnerungen von Menschen, die sich seit über 40 Jahren (und teilweise über 60 Jahren) kennen. Der Hase und ich konnten uns bequem auf dem Sofa zurücklehnen und einem ganz besonderen Schauspiel beiwohnen.

Es ist ja so eine Sache mit der Erinnerung: Sie ist subjektiv, selektiv und mitunter auch schlicht und ergreifend spekulativ. Da sitzen also Menschen beisammen, die vor 45 Jahren eine (oder zwei?) Reisen zusammen unternommen haben und als Rucksacktouristen durch Bulgarien getrampt und in den dortigen Hochgebirgen gewandert sind.

Aber da fängt es schon an: Waren denn alle auf beiden Reisen dabei? Oder hat diejenige Recht, die steif und fest behauptet, nur ein einziges Mal in Bulgarien gewesen zu sein? Und zu welchem der männlichen Mitreisenden gehörte eigentlich “die anstrengende Freundin”, an die sich alle erinnern? Wer hat wann wo weswegen gekotzt? Wer schlief mit wem in welchem Zelt? Und als sie nach dem Regen mit den Schäfern zusammen am Feuer saßen, wurde da ein Schaf frisch geschlachtet oder hatte jemand rohes Fleisch im Rucksack dabei? Und dann waren da doch in dieser Massenunterkunft diese beiden Schwulen, die die ganze Nacht über Sex hatten, so dass ein Mitreisender, der sich mit ihnen ein großes Bett teilte, nicht schlafen konnte? Wann war das nochmal und wo? Und wie sind sie da hingekommen? Und wer war nochmal dabei? Am Ende wird das Fotoarchiv zur Hilfe genommen, das natürlich längst digitalisiert ist. Die Fakten scheinen nun klar, aber die Erinnerung sagt trotzdem etwas ganz anderes… Was ist wahr?

Das war alles wirklich sehr, sehr amüsant anzusehen, gerade auch wegen der bestehenden Geschwister- und Liebesbeziehungen und der Art, wie sich diese auf die Gesprächsdynamik und Wahrheitsfindung auswirkten. Wir haben alle Tränen gelacht. Übrigens waren Filmschaffende unter den Gäst*innen. Solltet Ihr ähnliche Szenen also demnächst im Fernsehen sehen, dann wisst Ihr, woher die Inspiration kam… Was mir dabei noch aufgefallen ist: Anscheinend hatten meine Eltern eine viel wildere Jugend als ich selbst, ich sollte da evtl. dringend nochmal was nachholen!

Deswegen traf es sich auch sehr gut, dass ich am Mittwochabend direkt zu einem kleinen konspirativen Treffen geladen war, bei dem in der Ecke eines Fensters oben links im Großraumbüro (Kenner wissen) mit wenigen Handgriffen ein Lounge-Bereich in einen Probenraum verwandelt wurde. Schlagzeug, Bass, zwei Gitarren, Percussion-Spielereien… alles da.  Und dann wurde da bis kurz vor Mitternacht musiziert, wobei mir vor allem eine beobachtende Rolle zukam. Aber wer mich kennt weiß: Wenn die Musik nicht so laut wär, dann wär sie auch nur halb so schön. Und wenn irgendwo Lieder gespielt werden, die ich mag, dann muss ich da auch mitsingen. Zum Glück wurde das von den Profis enthusiastisch begrüßt und die Gitarre war auch so laut, dass die schiefen Töne einfach verschluckt wurden.

So ging es kreuz und quer durch die Musikgeschichte – von Bob Marley über Rage Against the Machine und Nirvana bis zu Oasis, Die Ärzte, Fools Garden und Silbermond. Selbst ein katholisches Kirchenlied wurde von den drei anwesenden Katholik*innen verpunkt und zu Gehör gebracht, während die vier anwesenden Nichtkatholik*innen (samt Hund) etwas ratlos durch die Gegend schauten. Besonders schön war auch, wie auf der Suche nach neuem Liedgut die Inspiration mal aus der einen, mal aus der anderen Ecke kam. Mal war es eine Bassline, mal ein Gitarrenriff, mal ein Drumbreak, das von den anderen erkannt und aufgenommen wurde. Nicht immer wusste ich sofort, um welchen Song es gehen sollte, aber einige habe ich dann doch als einzige mehr oder weniger sofort erkannt und mitgesungen, etwa den “Schunder-Song” und “Hurra” von Die Ärzte oder “Durch die Nacht” von Silbermond.

Am Ende hatte fast jeder mal am Schlagzeug gesessen und auch Bass und Gitarren wechselten regelmäßig die Besitzer. Und ich wusste mal wieder, dass ich zwar nicht wirklich gut singen kann (besonders in schwierigen Tonlagen, in denen ich innerhalb einer Strophe ständig die Oktave wechseln muss, um die Töne halbwegs zu erreichen), aber dabei wirklich unglaublich viel Spaß habe – zumindest wenn die Musik und die Begleitung stimmen. Zum Glück ist die nächste Runde bereits angesetzt und vorher treffe ich alle Beteiligten schon nächste Woche in der Karaoke-Kabine wieder ❤

Opa

Mein Papa beschwerte sich, dass ich bei meinen Erinnerungen an Warnemünde immer nur von Oma rede. Ich glaube das liegt vor allem daran, dass in den Jahren, in denen wir die beiden dort oben besucht haben und bevor sie dann in die Lausitz zogen und wir uns oft gesehen haben, Oma einfach die prägendere Figur war.

Opa saß am Schreibtisch und arbeitete – zuerst noch im Rahmen seiner Tätigkeit als Professor, später als Rentner seinen aktuellen Interessen nach. Er trat zu den Mahlzeiten in Erscheinung und abends vor dem Fernseher oder beim Rommé spielen. Und noch später am Abend dann in politischen Debatten mit Freunden und Kindern, aber an denen nahm ich erst viel später Teil. Oma hingegen war für mich den ganzen Tag über präsent*, wuselte im Haushalt herum und ging mit uns nach draußen, spazierte mit uns über die Promenade, nahm uns mit zum Einkaufen und ließ uns auf dem Spielplatz toben.

Später habe ich dann noch sehr viel Zeit mit Opa verbracht, auch wenn sich diese grundsätzliche Aufteilung nie so recht änderte. Opa war mehr so fürs Intellektuelle und die sitzenden Tätigkeiten, auch weil er körperlich nicht mehr so fit war. Er las stundenlang, beschäftigte sich mit Goethe und Van Gogh und schrieb an seinen “Memoiren”, die mein Bruder dann abtippte, weil Opa nach ersten Erfolgen am Computer doch lieber wieder zum Stift griff. Ich lernte seine winzige Handschrift auch noch lesen, als ich nach dem Auszug meines Bruders dafür zuständig war, seinen Schriftwechsel mit dem Sozialgericht über seine Rentenansprüche zu tippen. Seine wissenschaftlichen Arbeiten hatte übrigens immer meine Oma abgetippt. Ich muss mal herausfinden, wie das mit den chemischen Formeln damals ging…

Opa war ein Freund von schönen Dingen, von Literatur, Malerei, Musik (auch wenn er selbst kein Instrument spielte) und süßen Leckereien. Er zeichnete und schrieb und schenkte mir ein koloriertes Stillleben, das ich immer noch habe und mal wieder aufhängen könnte. Er ermunterte auch uns zu all diesen Dingen und war stolz auf meine Geige spielende Cousine und vor allem auf alle naturwissenschaftlichen Leistungen, die wir so zu Stande brachten. Bei mir waren das nicht besonders viele, aber ich weiß noch, wie er reges Interesse an meiner Teilnahme bei der Matheolympiade zeigte und mich dabei anspornte. Und nebenbei versuchte, die Aufgaben auf seine Art zu lösen (nicht auf 6.-Klasse-Niveau). Damit verbrachte er Stunden, während ich schon längst wieder am spielen war…

Opa saß stundenlang, las oder dachte nach und rauchte eine Zigarette nach der anderen, erst f6 und später Pall Mall. Das erste, was er nach der Begrüßung zu mir sagte, war meist: “Holste mir mal den Aschenbecher?” Andere typische Opa-Phrasen waren: “Naja!” (als Abschluss einer längeren Denkpause oder um Schweigen zu überbrücken), “Pfui Geier!” (beim Einnehmen ekliger Tropfen), “Schmeckt schön!” bzw. “Macht’s Maul breet, das viel ‘neigeht!” (beim Essen) und “So’n Mist!” (zu den Nachrichten im Fernsehen oder wenn wir Kinder Filme mit angedeuteten Sexszenen schauten.)

Als die Memoiren fertig waren (und später noch einmal) habe ich sie gelesen. Ich erfuhr viel Neues über Opas Kinder- und Jugendjahre. Sah den kleinen Knirps mit den Segelohren (daher habe ich die also) und den hübschen jungen Mann mit der blonden Tolle und den blauen Augen. Ich lernte etwas über die deutschen und die polnischen Vorfahren, über das Aufwachsen während des Krieges, über das Bewachen der Schule in der Bombennacht und die Heimkehr zur zerstörten Wohnung. Über das Eingezogenwerden, die Ausbildung an der Waffe und das Gefangennehmenlassen bei erster Gelegenheit. Mit 16. Über Jugendbeziehungen, Studienjahre und Familiengründung. Und dann konzentrierte ich mich auf die Geschichten über die Familie und überblätterte wissenschaftliche Erfolge, politische Arbeit und gesundheitliche Probleme.

Diesen Teil muss ich mir auf jeden Fall noch einmal genauer anschauen, den finde ich jetzt mit 15 Jahren Abstand doch deutlich spannender als damals. Wieso 15 Jahre? Heute vor 15 Jahren habe ich das letzte Mal mit Opa gesprochen. Da rief ich ihn an und gratulierte ihm zum 75. Geburtstag. Er klang krank und schwach, aber freute sich sehr. Bevor wir auflegten, erkundigte er sich noch nach dem Befinden meines damaligen Freundes. Einen Tag später war Opa tot.

Zum 90. denke ich heute sehr viel an ihn. ❤


*Oma war keine Hausfrau, sondern Lehrerin an der Hochschule für Seefahrt. Vermutlich hatte sie frei, wenn wir kamen?

#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 15: Assisi, Monte Cucco, Fabriano und la Famiglia

(Wir erwachten am Morgen in unseren Backpacker B&B und hatten trotz der ländlichen Ruhe das Gefühl, wir hätten in einem Party-Hostel geschlafen. Der Dorm-Room lag nämlich genau neben unserem Zimmer und im Gegensatz zu den dicken Wänden nach außen hin waren die drinnen dann doch sehr dünn und hellhörig, die Türen schwergängig und laut und die anderen Gäste lange wach und äußerst beredt. Möglicherweise sind wir inzwischen dann doch zu alt für das Hostel-Leben. Findet zumindest der Hase, der ja immerhin auch nochmal 2,5 Jahre älter ist als ich.

Ein gutes Frühstück und das Streicheln von allen in Reichweite befindlichen Vierbeinern (neben diesen Ziegen auch die Esel, der Hund hielt sich versteckt) verbesserten dann unsere Laune und wir unterhielten uns auch noch kurz mit der Volunteerin, die gerade dabei war, die Olivenernte zu sortieren, da heute dann gepresst werden sollte. Sie freute sich schon, zum Mittagessen dann vom neuen Olivenöl kosten zu dürfen.

Wir hingegen fuhren weiter nach Assisi, wo wir zunächst den Wochenmarkt besuchten und uns mit Pecorino, Trüffelkäse und zwei Sorten Salami für Zuhause eindeckten. Dann stärkten wir uns jeder nach seinem Geschmack – der Hase mit einer deftigen Porchetta-Semmel, ich mit einer sonnengereiften Kaki. Hier mal das Vorher-Nachher-Bild, damit Ihr einen Eindruck bekommt, wie sowas eigentlich auszusehen hat – nördlich der Alpen bekommt man ja selten reife Kakis zu sehen und essen.

Danach machten wir uns an die Erkundung der Dinge, für die Assisi eigentlich bekannt ist. Schlauerweise ließ ich mein Telefon dabei im Auto liegen und habe daher keine Fotos davon gemacht. Nur für zwei Bemerknisse ließ ich mir das Hasenhandy geben, das leider nicht ganz so tolle Bilder macht. Zunächst stiegen wir hinauf zur Festung Rocca Maggiore, von der man einen schönen Blick auf die Umgebung hat. Da es allerdings ein wenig diesig war, konnten wir nicht nach Perugia schauen. Unterwegs liefen uns ein paar Nonnen mit Smartphones über den Weg, die wie wild Fotos machten, aber wie gesagt, ich hatte meins ja nicht dabei. Dafür gibt es zur Illustration hier ein schönes Foto von alten Kaugummis. Ob das die Geburt einer neuen Sekte ist, muss ich noch herausfinden…

 

Als nächstes sahen wir uns ein paar Relikte aus römischer Zeit an, einmal das Forum Romanum und dann den Tempel der Minerva, den man seltsamerweise noch nicht mit einer christlichen Kirche überbaut hat, wie sonst fast überall.

Der Rest der Stadt ist dann aber Christentumskult pur. Franz und Klara bestimmen das Stadtbild, die Souvenirläden und die Menschenströme. Zum Glück waren wir eine Woche nach San Francesco in der Stadt, so dass die Busladungen an Touristen, Pilgern und Normalgläubigen zwar viele waren, man aber noch einigermaßen treten konnte. Die Basilica San Francesco ist tatsächlich sehr beeindruckend. Im oberen Teil hauen einen die Fresken ordentlich aus den Latschen, im Hof des unteren Teils schauten wir uns eine Ausstellung über Erdbeben an, die hier in dieser Gegend immer wieder vorkommen, wie fast überall in Italien. Wir haben uns dann aber nicht in die etwa 150 m lange Schlange eingereiht, um dem Sarkophag vom ollen Franz unsere Aufwartung zu machen. Stattdessen bummelten wir zum Auto zurück, ließen uns von einem barfüßigen Benedektinermönch bequatschen, ihm ein paar Cent für gute Zwecke zu geben und fuhren dann hinauf zu den Höhlen, in denen sich Franz und andere zu religiösen Betrachtungen zurückgezogen haben. Wir kletterten durch die Höhle, die Franzens Schlafstatt beinhaltete und spazierten dann auf verschiedenen Wegen durch den Wald. Dort stößt man in regelmäßigen Abständen auf Altare und auf Schilder, die einen daran erinnern, dass man nicht zum Spaß hier ist, nicht picknicken darf und Ruhe, Respekt und Würde bewahren soll.

 

Als wir genug vom andächtig sein hatten (schöner Wald, Geschmack hatte Franziskus), fuhren wir durch den Regionalpark Monte Cucco. Dort geht es hoch oben und teilweise auf unbefestigten Straßen durch Berge und Täler, über Wiesen und durch Wälder und an diversen Kuhherden vorbei. Sehr zu empfehlen und leider auch ohne Foto… In einem kleinen Dorf bei Fabriano – und damit wieder in Marche und nicht mehr in Umbrien – besuchten wir dann “meine italienische Cousine” und ihren Freund. Die italienische Cousine ist die ehemalige Austauschschülerin, dir vor 8 Jahren bei meiner Tante und meinem Onkel lebte und diese als ihre deutschen Eltern bezeichnet. Wir sahen uns seit 5 oder 6 Jahren zum ersten Mal wieder und würden die nächsten Tage miteinander verbringen. Zunächst bekamen wir einen Schokoladentee und sprachen über dieses und jenes, dann besichtigten wir gemeinsam das kleine Städtchen Fabriano, das vor allem für die Papierherstellung bekannt ist.

Schließlich fuhren wir alle gemeinsam weiter zur Familie der italienischen Cousine, die in einem Vorort von Ancona lebt. Dort gab es dann typisch italienische Gastfreundschaft und ein tolles Abendessen mit Antipasti (eingelegte Artischocken, Caprese, diverse Käsesorten und Taralli), Couscous, geschmortem Gemüse, Omelette, Obst, Gebäck mit Gianduia-Creme und leckeren Likören. Zum Essen gab es erst den Rotwein, den wir mitgebracht hatten (den eigentlich geplanten Rotwein, Lacrima di Morro d’Alba, bekamen wir dann gemeinsam mit den Resten der Käsesorten, die dem Hasen so geschmeckt haben, als Geschenk übergeben) und dann einen Verdicchio Castelli di Jesi, beides Weine direkt aus der Gegend.

Wir erzählten viel – auf Deutsch, Englisch und Italienisch – und saßen noch bis weit nach Mitternacht zusammen. Schön, wenn man in der Fremde Familie hat!

Jahresrückblick 2017

Traditionen sind Traditionen und auch wenn dieses Blog in den letzten Monaten so gut wie verwaist ist, so gehört doch ein Jahresrückblick her. Einen Vorsatz zum häufigeren Bloggen im nächsten Jahr spare ich mir aber – das wirkt dann so albern, wenn es doch schon wieder nicht klappt. Und weil ich keine Lust auf das Jahresendstöckchen habe, gehe ich einfach monatsweise vor und konzentriere mich ab dem Februar nur noch auf die positiven Erlebnisse…

Januar

Dieses Jahr brachte schon in den ersten zwei Wochen das größtmögliche emotionale Auf und Ab des Jahres mit sich (Herz schlägt! Herz schlägt nicht mehr…), verbunden mit körperlichen Beschwerden aus der Hölle. Losgelassen hat mich das ganze auch ein knappes Jahr später noch nicht, was wohl auch mit ein Grund dafür ist, warum es im Blog so still war. Ich bin allen sehr dankbar, die in dieser Scheißzeit für mich da waren.

In Woche 3 wurde dann Trump vereidigt, was sich nahtlos in mein seelisches Tief einfügte. Laut dem Hasen war ich wochenlang geladen. Schönes gabs aber dann auch noch: Anti-Trump-Proteste, Vogelhochzeitssüßigkeiten und die Geburt des zweiten Kindes der besten Freundin.

Februar

Im Februar ging es zum ersten Mal in diesem Jahr nach Rostock, wo ein lieber Freund mein neues zweites Wohnzimmer eröffnete, das Törtchenlokal Waldenberger. Am Abend tanzte ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder, bis das Licht anging und am nächsten Morgen lernte ich endlich die Tochter eines alten Freundes kennen und machte mit ihr den Warnemünder Strand unsicher.

Außerdem heiratete im Februar mein Bruder nach über 18 Jahren Beziehung meine Schwägerin. Wir schenkten eine Torte und die Nutzung unserer Wohnung als Partylocation.

März

Ich nenne den März 2017 meine “irischen Wochen”. Direkt am Anfang ging es für mich dienstlich nach Dublin. Dann war ich mit einer lieben Freundin beim Konzert von Jimmy Kelly, verbrachte den St. Patrick’s Day feuchtfröhlich mit dem Hasen im Pub und schließlich erschien die neue Kelly-Family-CD, die aus nostalgischen Gründen natürlich den Rest des Monats rauf und runter lief – so sehr, dass sie in meinen Spotify-Jahrescharts ganz oben landete, auch wenn ich sie in der zweiten Jahreshälfte deutlich seltener gehört habe.

April

Der April war politisch geprägt und ich wurde offiziell in ein Ehrenamt gewählt, das spätestens seitdem einen beachtlichen Teil meiner Zeit und Energie bündelt. Abgesehen davon feierten wir die Wohnungseinweihung zweier lieber Freundinnen, die nun endlich auch in Berlin wohnen, besuchten das Hasenpatenkind in Leipzig und aßen Waffeln im Garten. Am Ende des Monats verbrachten wir ein langes Wochenende auf einem Naturcampingplatz in der Mecklenburgischen Seenplatte. Dort begann ich passend zu den vorgenannten irischen Wochen it der Lektüre von Ulysses – die natürlich auch jetzt noch nicht beendet ist.

Mai

Im Mai fing der Hase seinen neuen Job an, mit dem er noch immer sehr sehr glücklich ist. Ich hatte viel Spaß auf der re:publica und die Erdbeerhäuschen kehrten endlich nach Berlin zurück. Außerdem kam meine geliebte Rostocker Indie Night für einen Abend nach Berlin und ich tanzte zum zweiten Mal in diesem Jahr bis zum Schluss. Und dann fuhren wir selbst nach Rostock, wo es unglaublich heiß war, so dass ich direkt anbaden konnte. Natürlich trafen wir auch viele liebe Freunde und sahen drei Bands live, unter anderem Zen Bison.

Juni

Der Juni brachte ich mich in eine noch ältere Heimat, zum 15-Jahre-Abi-Klassentreffen in Bautzen. Anlässlich meines Geburtstags gab es dann später ein Picknick bei uns im Hof –mit internationalen Gästen, vielen Kindern und sogar einem Hundekampf. Und Live-Musik war auch wieder dabei: Wir tanzten mit den Skatalites im Yaam.

Juli

Gleich zu Beginn des Monats feierten wir den 30. Geburtstag meiner Cousine mit einer großen Gartenparty und ich tankte ganz viel Familienfeeling mit meinen Cousins und Cousinen. Auch das nächste Wochenende wurde sehr flauschig – in einer auf Twitter organisierten Hilfsaktion bearbeiteten wir einen Schrebergarten in Pankow-Rosenthal, lernten dort unter anderem die wundervolle Mademoiselle Read On kennen und bekamen am Ende auch noch zwei Himbeerpflanzen für den Balkon geschenkt. Überhaupt war das ein Sommer voller Obst, der Hase hat literweise Saft, Apfelmus, Marmelade und Kompott hergestellt – komplett mit mundgeraubten Früchten aus den Innenhöfen der Umgebung (die sonst nicht geerntet werden). Achja, ein tolles weiteres Rostock-Wochenende mit der lieben Susanne war ebenfalls noch drin in diesem wunderschönen Sommermonat!

August

Im August fand unser alljähliches Cousins- und Cousinentreffen statt. Wir backten Pizza, schauten Filme, jagten uns um die Tischtennisplatte, schwitzten in der Sauna, tranken jede Menge Mate und quatschten bis tief in die Nacht. Später im Monat verbrachte ich beruflich eine Woche in Timmendorfer Strand und konnte dort nach Feierabend trotz kühlerer Temperaturen ein weiteres Mal in der Ostsee baden (und zum ersten Mal seit langem wieder Minigolf spielen). Zum Monatswechsel ging es dann für 4 Tage mit dem Hasen nach Stockholm.

September

Zurück aus Stockholm ging es mit dem Team direkt wieder aufs Wasser, und zwar bei einer Floßtour auf der Havel. Kurz danach ging es schon wieder nach Rostock, zu einem Kabarett-Abend mit Fiete und Schiete, viel Zeit mit Freunden und natürlich Strand und Törtchen. Als ich heimkam, überraschte mich der Hase mit Unmengen selbst gebackenen schwedischen Zimt- und Kardamomschnecken, die in den Folgetagen noch häufig Neid unter meinen Kolleg*innen hervorriefen. Dann ging es im September noch auf einen weiteren Business-Trip, diesmal nach Brüssel.

Oktober

Das Highlight des Oktobers war unser zweiwöchiger Roadtrip durch Sardinien, bei dem ich so viel gegessen habe, dass ich mir kurz vor Schluss noch den Magen verdarb und ein paar Tage so gut wie gar nichts mehr herunterbekommen habe. Ansonsten gab es viel Meer, Berge, Bäume und Getier zu sehen und vor allem jede Menge Erholung und Abschalten.

November

Anfang November war mein Bruder in Berlin und wir lösten gemeinsam sein Geburtstagsgeschenk ein: Ein Doppelkonzert von Dritte Wahl im Astra. Mitte des Monats besuchte ich eine liebe Freundin in Basel und verbrachte genau einen Tag mit Sightseeing, den Rest der Zeit mit Filme- und Serienschauen und jeder Menge Gesprächen. Am Wochenende drauf ging es wieder einmal nach Rostock, zu 20 Jahre Indie Night mit Live-Auftritten von Mortenson und Das Paradies – die nächste durchtanzte Nacht.

Dezember

Der Dezember war wie jedes Jahr geprägt von einerseits stressiger Arbeit und andererseits stressiger Vorweihnachtszeit – nur unterbrochen vom Geburtstag des Hasen, den wir mit einer spontanen Party doch ziemlich gut gefeiert haben. Dann sahen wir uns Das Paradies noch einmal gemeinsam in Berlin an und feierten den Hasengeburtstag noch ein zweites Mal, nämlich mit seiner Familie. Darauf folgten meine letzte Dienstreise des Jahres, die mich nach Nürnberg führte, die Firmenweihnachtsfeier, die Bescherung mit Bruder und Schwägerin und das Weihnachtsfest mit der Hasenfamilie. Das Jahr endete mit einem spontanen weiteren Rostock-Besuch am zweiten Weihnachtsfeiertag (mit einer weiteren durchtanzten Indie Night und einem Wiedersehen mit Cousins und Onkel) sowie zwei faulen Sofa-Tagen mit dem Hasen, bevor wir uns heute auf den Weg machten, um in einer Ferienwohnung in Vorpommern ganz still und leise zu zweit das Jahr zu verabschieden.

Wenn ich so zurückschaue, hat sich 2017 nach dem miesen Start deutlich gesteigert, jetzt bin ich gespannt, was 2018 bringt!

Silvester

Doppeldecker-Waffeln mit Brombeer-Quark-Füllung

Waffeln

Letztes Wochenende waren wir in Leipzig und besuchten das Hasenpatenkind samt Familie. Eines der Highlights des Besuchs war das gemeinsame Waffelnbacken und -essen auf der Terrasse. Nun ist es so, dass ich mich ja an sich über jedes Waffelessen freue, dann aber doch oft enttäuscht bin. Gut schmecken sie ja meistens, aber eben nicht so, wie ich das aus meiner Kindheit kenne. Und weil ich also letztes Wochenende ein wenig herumwimmerte, dass die Waffeln zu knusprig und trocken sein, habe ich dann dieses Wochenende “richtige” Waffeln gebacken. So wie Waffeln zu sein haben. 😉

Das Teig stammt aus dem klassischen “Das Backbuch” des Verlags für die Frau, das meine Mama im Küchenregal stehen hatte und in dem ich oft fasziniert blätterte. Zwei Seitenzahlen konnte ich damals auswendig (Heute nicht mehr so ganz, aber man könnte mal auf 208 und 11 nachgucken. Oder 108 und 211? Irgendwie so…), nämlich die für unseren Plätzchenteig (“Zauberkekse”) und die für den Waffelteig (“Festtagswaffeln”). Diese beiden Rezepte habe ich mir dann auch zu meinem Auszug nach dem Abitur in so ein kleines Heftchen abgeschrieben, aus dem nach und nach mein eigenes Rezeptbuch werden sollte.

Die Zutaten konnte ich schon in recht jungen Jahren zusammenrühren und durfte dann auch ganz schnell alleine auf dem alten gelben Kontaktgrill die Waffeln backen. Da dieser keine spezielle Form hatte, sah jede Waffel individuell aus und die Größen variierten beachtlich. Für unsere Variante der Waffeln, die es so wahrscheinlich in keinem Backbuch gibt, wurden größere Waffeln halbiert und kleinere einfach so aufeinander gestapelt. Dazwischen kam jeweils eine Schicht Quarkspeise (mit Milch glattgerührter Quark vermischt mit Marmelade, typischerweise selbstgemachte Brombeer-, Johannisbeer- oder Erdbeermarmelade aus dem Garten). Diese Doppeldeckerwaffeln konnte man dann wie eine Klappstulle ganz einfach aus der Hand essen (und sich dabei herrlich mit Quarkspeise einsauen).

Die Herstellung dieser Waffeln hat etwas meditatives – erst kommt ein Klecks Teig auf den Grill, der sich dann beim Zuklappen zurechtquetscht. Dann kommt ein Klecks Quarkspeise auf die untere Waffel, der sich dann wiederum beim Zuklappen zurechtquetscht. Am Ende hatte man lauter Unikate, an deren Rand gerne mal Quarkspeise hervorquoll. Wie eine Klappstulle konnte man diese dann noch schön heiß essen und sie schmeckten wirklich sehr anders, als was ich später im Leben als “Waffeln” vorgesetzt bekam.*

Der alte Kontaktgrill hat nun schon eine ganze Weile das Zeitliche gesegnet und ich buk dann heute mit unserem standardisierten Waffeleisen in Herzchenform. Ging aber erstaunlicherweise ganz genauso gut. Glücklicherweise war der Hase dann auch ebenso glücklich über die Waffeln wie ich, obwohl er letztes Wochenende noch sagte, dass er ja vor allem knusprig gebackene Waffeln mag und diese innen drin eher weich sind. Darf und werde ich also wieder backen!

Rezept: Doppeldecker-Waffeln mit Brombeer-Quark-Füllung

Zutaten Waffelteig

  • 150 g Margarine (es ist ein DDR-Kochbuch 😉 Ich habe Butter genommen)
  • 125 g Zucker, 1 Päckchen Vanillezucker (ich habe unseren selbstgemachten Vanillezucker verwendet und direkt 150 g davon genommen)
  • 3 Eier
  • 1 Prise Salz
  • 3 geriebene Bittermandeln (Die sind nichtmal zur Stollenzeit leicht zu bekommen und Bittermandelaroma hatte ich nicht im Haus, aber ohne schmecken die Waffeln auch super!)
  • 125 g Mehl
  • 75 g Stärkemehl
  • 1/2 TL Backpulver
  • 4 EL saure Sahne

 

Zutaten Füllung

  • 500 g Quark (Es bleibt etwas übrig, aber Quarkspeise kann man ja auch super später noch essen oder weiterverarbeiten)
  • ca. 100 ml Milch zum Glattrühren
  • 3 EL Brombeermarmelade (selbstgemachte von der Tante)

 

*Die zweitbesten Waffeln meines Lebens gab es übrigens im Urlaub an der schwedisch-norwegischen Grenze, mit oberfruchtiger Erdbeermarmelade drauf!

Anyone we know dead?

Voldemort hat das Ministerium übernommen, alle wichtigen Positionen sind mit Todessern besetzt worden und der Widerstand formiert sich im Verborgenen. Jeden Morgen nach dem Aufwachen die bange Frage “Anyone we know dead?”… Die momentane weltpolitische Lage weckt in mir jede Menge Harry-Potter-Assoziationen. Der erste und der letzte Blick des Tages gelten Twitter, wenn noch Zeit bleibt folgen in geringerem Maße Facebook, YouTube und SPON. Bei allem, was vor sich geht bleibt mir oft nur das Liken und/oder Retweeten, denn für alles andere fehlen Kraft, Energie und Überblick.

Poohead
Bild vom Women’s March in Berlin

Die Augen verschließen und einfach nur hoffen, dass alles bald wieder gut wird kann ich aber auch nicht. Ein paar Serienfolgen hier und da schaffe ich, aber für größere eskapistische Ausflüchte in Form von Spielfilmen oder gar Büchern reicht es momentan irgendwie nicht. Beim Nicht-Verrückt-Werden helfen hoffnungmachende Aktionen wie der Women’s March, die Proteste gegen den Muslim Ban, Kommentare von Stephen Colbert, Seth Meyers, Trevor Noah oder Samantha Bee und die inoffiziellen Twitter-Accounts von NASA und EPA.

Und dann gibt es ja trotz allem immer noch das eigene Leben, das mitunter auch ne Menge Aufmerksamkeit verlangt. Die letzten Wochen und Monate waren vom medizinischen Standpunkt aus gelinde gesagt aufregend, man drücke die Daumen, dass da jetzt langsam mal Ruhe einkehrt. Auf Arbeit gerät momentan auch einiges in spannende Bewegung und verlangt gesteigerte Aufmerksamkeit.

Und dann gibt es auch noch die positiven Nachrichten. Die beste Freundin bekam ihr zweites Kind und der Fratz somit eine kleine Schwester. Die beiden im Sommer erfolgreich verheirateten Freundinnen sind kurz davor, das Projekt “Umzug nach Berlin” abschließen zu können. Genauso geht es “unseren” Syrern. Am Montag konnten die drei nach fast zwei Jahren endlich ihre Mutter und Schwester wieder in die Arme schließen, die im Rahmen der Familienzusammenführung ein Visum bekommen haben und jetzt mit in der kleinen 1,5-Zimmer-Wohnung in Neukölln wohnen. Sogar oberleckere Süßigkeiten haben sie noch aus Damaskus mitgebracht. Der Hase verbrachte einen guten Teil der letzten Woche damit, den beiden bei den unendlich vielen Behördengängen zu helfen. Die Hochzeit von Bruder und Schwägerin-in-spe schreitet außerdem mit riesigen Schritten voran und gestern haben der Hase und ich mit vereinten kreativ-kulinarischen Kräften und professioneller Unterstützung die Hochzeitstorte entworfen und bestellt. Apropos Bruder, der ist jetzt auch auf Twitter, ebenso wie die Teeniecousine, die außerdem auch noch YouTube unsicher macht.

Außerdem habe ich mir in den letzten Wochen den regelmäßigen Kuchenkonsum meiner Kindheit und Jugend wieder angewöhnt, im Zuge dessen backe ich nachher auch endlich mal wieder, nämlich diesen Orangen-Mandel-Kuchen.

Es ist also nicht alles schlecht. Vielleicht gibt es sogar ab und zu was zu bloggen, das wäre doch auch schön, nachdem ich aufgrund des Schweigens der letzten Wochen bei den Iron Bloggern schon punted bin.