Tagebuch-5 im Mai 2017 #WMDEDGT

Wie das immer so ist mit den hehren Vorsätzen zum regelmäßigen Bloggen: Es ist mal wieder ein ganzer Monat vergangen. Dabei habe ich einen Post ja schon eine ganze Weile im Hinterkopf und frickele in Gedanken auch immer mal wieder daran herum, aber noch fehlte die Muße des tatsächlichen Aufschreibens. Nun jedenfalls erstmal wieder, und sogar noch um einen Tag verspätet, der 5. des Monats und was ich so gemacht habe. Der Rest findet sich wie immer bei Frau Brüllen.

Die Frühlingsmorgen beginnen dieser Tage eigentlich immer damit, dass unser kleiner Nachbarsjunge, der sein Zimmer praktischerweise genau unter unserem Schlafzimmer zu haben scheint, aufwacht und lautstark nach Mama, Oma oder Papa ruft. Inzwischen baue ich das oft einfach schon in meine Träume ein und werde gar nicht mehr richtig wach. Irgendwann kommt dann aber der Wecker des Hasen dazu und ich kann nicht mehr dagegen ankämpfen, dass die Nacht vorbei ist. Immerhin kann ich aber noch eine ganze Weile liegen bleiben. Der Hase steht auf und ich werfe erste verstohlene Blicke auf das Handy. Es ist kurz nach 7. Ich checke Mitteilungen, scrolle mich durch Timelines, lese Nachrichten und döse dabei immer mal wieder weg, bis dann um 7:30 auch mein Wecker klingelt.  Ein paar Minuten unter der Bettdecke gebe ich mir noch, während ich überschlage, was heute alles auf dem Programm steht und was ich dafür brauche. Der Hase kommt noch einmal kurz rein, um sich ins Büro zu verabschieden und dann öffne ich die Headspace-App und meditiere. Momentan habe ich das Focus-Package am Start, was auch dringend nötig ist. Immerhin schaffe ich es, mir die zehn Minuten täglich auch wirklich zu nehmen.

Kurz nach 8 stehe ich dann auf, gehe ins Bad, lasse mir von den Katzen bei den morgendlichen Verrichtungen zusehen und ziehe mich dann an. Zwischendurch bekommen die Miezen noch ein wenig extra Trockenfutter, weil sie momentan mit dem Nassfutter nur so semizufrieden sind und außerdem leichten Durchfall haben, der sich aber zum Glück schon deutlich gebessert hat. Dann dürfen sie noch einmal kurz auf den Balkon, während ich meine Sachen fürs Büro zusammenpacke, lüfte und das Bett mache. Dann werden die Katzen wieder reingeholt und noch einmal ausgiebig bekuschelt, bevor ich kurz nach halb 8 die Wohnungstür hinter mir zuziehe.

Ich laufe durchs kühle, leicht regnerische aber frühlingsgrüne Berlin voller blühender Blumen zur Tram. Dort erkämpfe ich mir relativ schnell einen Sitzplatz und kann dann in aller Ruhe im Ulysses weiterlesen. Am Alex wechsle ich in die U-Bahn, finde wieder direkt einen Sitzplatz (der Vorteil, wenn man nicht genau zu um 9 ins Büro fährt, sondern 1-2 Bahnen später dran ist) und lese weiter. Im Büro angekommen schnappe ich mir direkt am Empfang ein paar Haribo-Frösche als Wegzehrung bis zu meinem Platz in der fast hintersten Ecke des verwinkelten Gebäudes. Dort angekommen gibt es einen kurzen Plausch mit den Kollegen. Ich koche mir eine Kanne Earl Grey und bereite mir aus Haferflocken, Milch, Banane und Zimt in der Mikrowelle ein Porridge zu. Das esse ich dann am Platz, während ich E-Mails beantworte und ein paar über Nacht eingetroffene Aufgaben abarbeite.

Gegen 11 wechsle ich “nur mal kurz” hoch ins Betriebsratsbüro und bereite die Übergabe von einigen Tätigkeiten vor, die ich nächste Woche aufgrund meines Bildungsurlaubs re:publica-Besuchs nicht selbst wahrnehmen kann. Dazu bastele ich ein paar Vorlagen, überlege mir, wie ich meine Vertretung (die noch kaum Vorkenntnisse hat) am besten in die Thematik einarbeite und räume mein Archiv auf. Dabei fallen mir direkt noch ein paar Details auf, die uns in einem aktuellen Vorgang weiterhelfen können und stelle nochmal einige Fragen in der Personalabteilung. Aus “nur mal kurz” wird dann so doch schnell mal wieder eine Stunde, aber die war immerhin sehr produktiv. Zurück an meinem eigentlichen Arbeitsplatz (ich nenne es seit neuestem liebevoll meinen “day job“, gerade weil der andere in den letzten Wochen deutlich an Volumen zugenommen hat, widme ich wieder dem Tagesgeschäft.

Um 13:15 gehe ich mit der besten Kolleginnenfreundin in die Pause. Wir holen uns einen Burrito bei Chupenga und erzählen uns die neuesten Entwicklungen aus unserem Freundeskreis. Es tut gut, zwischendurch mal über was ganz anderes reden zu können als immer nur über die Arbeit. Ich kann jedem und jeder nur empfehlen, sich Freunde an den Arbeitsplatz zu holen…

14:00 bin ich dann mit den anderen wieder im Betriebsratsbüro verabredet. Wir müssen lachen, weil drei von vier Leuten sich ihr Mittagessen (oder in meinem Fall die Reste davon) dazu mitgebracht haben. Über Arbeitspausen und unsere Vorbildwirkung bei der Einhaltung derer müssen wir wohl nochmal ein ernstes Wörtchen reden. Immerhin hat jemand Muffins und Brownies mitgebracht, so dass wir gut durch den Nachmittag kommen. Wir haben einiges zu besprechen und planen, dann halten wir offiziell die heutige Sitzung des Personalausschusses ab. Danach führe ich meine Vertretung in die Geheimnisse der Protokollführung bei Personalausschuss- und Betriebsratssitzungen ein. Drei Tage re:publica bedeuten auch, dass drei Protokolle ohne mich erstellt werden müssen. Am Ende ist es schon 16:45, als ich wieder an meinem Arbeitsplatz bin und nochmal eine Dreiviertelstunde an meinen täglichen Aufgaben sitze.

Zwischendurch schreibt der Hase und fragt, ob wir uns gleich kurz noch treffen können, mein Arbeitsplatz liegt genau auf seinem Weg von seinem neuen Büro zum Ort der heutigen Betriebsfeier und er möchte mir noch schnell Käse und Brot übergeben, die er heute morgen gekauft hat und nicht mit zur Party nehmen will. Um 17:45 verlasse ich das Büro und hole noch schnell Geld am Automaten und neues Duftöl zur Bekämpfung des Katzenklo-Dufts zuhause. Dann treffen wir uns am Alex kurz beim Umsteigen, erzählen uns von unserem Tag und packen Dinge von seinem Rucksack in meinen. Auf dem Heimweg in der Tram lese ich ein wenig im Internet herum.

Kurz vor 19:00 bin ich dann zuhause. Als erstes wollen die Katzen ihr Abendbrot haben, dann mache ich es mir mit Laptop und Katzen auf der Couch bequem. Eigentlich wollte ich jetzt mit einer guten Freundin telefonieren, von der ich schon eine ganze Weile nichts mehr gehört hatte, aber irgendwie bin ich schon completely talked out heute. Hunger habe ich nach Burrito und Teilchen auch keinen mehr. Also lasse ich mich einfach von meinen Serien berieseln und schaue die in den letzten Wochen verpassten Folgen von The Americans, Modern Family, Speechless, The Big Bang Theory und Scandal (Madam Secretary und Jane the Virgin hatte ich gestern schon “abgearbeitet”). Dann wechsle ich von der Couch in die Badewanne und die Serie zu Crazy Ex-Girlfriend. Als ich schrumplig bin (und das Wasser zu kalt), steige ich aus, putze mir die Zähne, mache das Katzenklo sauber und gehe ins Bett. Ich versuche es noch einmal kurz mit Lesen, muss aber schnell aufgaben und schlafe kurz nach Mitternacht tief und fest.

Keine Fotos heute.

Idee: Weltbürgertum – Das Refugee-Theaterprojekt Letter to the World

Dies ist nun einer der seltenen Momente, in denen dieser*s Blog einen eindeutigen Spannungsbogen hat (Insider-Witz für Frau Brüllen). Aufmerksame Leser werden sich erinnern, dass ich hier schon einmal über das Theaterstück geschrieben habe, das von Deutschen und Geflüchteten gemeinsam entwickelt wurde. Gestern hatten wir nun endlich die Gelegenheit, Letter to the World zu sehen, nachdem die Premiere vorgestern restlos ausverkauft war. (Ausverkauft heißt in diesem Fall, dass alle Plätze reserviert waren – der Eintritt war kostenlos, eine Spendenbox wurde aber aufgestellt.)

Die beiden bisherigen Vorstellungen fanden im Mensch Meier statt, einem Club an der Storkower Straße, in unmittelbarer Nähe zu der Flüchtlingsunterkunft, in der der Hase ab und zu aushilft. Der Club ist eine beliebte Anlaufstelle vor allem der jüngeren Geflüchteten und hat sich ihnen von Anfang an aktiv geöffnet. Unser Freund M., über den ich im oben verlinkten Post bereits geschrieben habe, verbringt ganz Berlin-typisch seine Wochenenden größtenteils (und schlaflos) dort. Sowohl er selbst  als auch der Chef des Mensch Meier gehören zu den Protagonisten von Letter to the World.

 

In diesem Stück arbeiten junge Syrier und Iraker ihre Erfahrungen mit den Bürgerkriegen in ihren Ländern, mit der Flucht und dem Ankommen hier in Deutschland auf. Es richtet sich hauptsächlich an ein deutsches Publikum, aber unter den Zuschauern waren auch viele Bewohner der Unterkünfte in der Nähe. Auf der Bühne wird Deutsch, Englisch und Arabisch gesprochen und gesungen. Für Arabisch und Deutsch gibt es jeweils eine Simultan-Übersetzung mit Einblendungen, das Englische wird vorausgesetzt, ist aber nicht so kompliziert, dass es der durchschnittlich gebildete Deutsche nicht verstehen würde.

Bevor es losging, wurden einige Ansagen gemacht: Zum Einen wurde darum gebeten, während der Vorstellung weder Fotos noch Videos zu machen und auch die Handys komplett auszustellen. Da ich nichts zu Schreiben zur Hand hatte, muss ich mich also beim Aufschreiben meiner Eindrücke auf mein Gedächtnis verlassen. Die andere wichtige Ankündigung war der Hinweis auf die drei Notausgänge, die genutzt werden konnten, wenn einem das Ganze zu sehr zu Herzen ginge. Ein paar der (geflüchteten?) Zuschauer haben im Laufe des Stücks diese Möglichkeit genutzt, aber ich denke, dass Durchschnittsdeutsche ohne direkte Erfahrungen mit Krieg, Terror oder dem gewaltsamen Tod von nahestehenden Personen das Stück gut aushalten können. Die eine oder andere Träne wird sicherlich trotzdem verdrückt, aber es gibt auch immer wieder Momente zum Freuen und ein sehr optimistisches, lebensbejahendes Ende.

Das Szenenbild ist sehr spartanisch gehalten – eine weiße Wand, ein paar offene schwarze Kisten und eine Rolle leeres Papier schaffen den Hintergrund und werden mit Kreide und Farbe in die Handlung und Aussagen mit einbezogen. Die Kisten werden Szene für Szene neu angeordnet und mal als Sitzgelegenheit, mal als Mauer, Ruine, Boot, Rednerpult oder Sarg verwendet – und stehen sicherlich auch als Symbol für den stetigen Neuanfang und das sich immer wieder neu Sortieren oder gar neu Erfinden müssen.

 

Neben den eigenen (oder zusammen geschriebenen) Erfahrungen der Protagonisten werden auch Texte von Ghayath Almadhoun, Hannah Arendt, Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Dietrich Bonhoeffer, Hilde Domin, Erich Kästner, Klaus Mann, Selma Meerbaum-Eisinger, William Shakespeare und Kurt Tucholsky in die Handlung eingewoben. Dass das so nahtlos geht, macht deutlich, dass Krieg, Terror, Flucht und Vertreibung universelle Erfahrungen sind, die jedem Menschen “passieren” können und dass wir hier in Deutschland im Moment einfach nur verdammtes Glück haben, dass wir diesmal nicht betroffen sind.

Warum es nun gerade Syrien (und den Irak) trifft, ist eine unbeantwortete Frage, die immer wieder aufgeworfen wird: Warum ausgerechnet unser Land, warum ausgerechnet wir? Warum müssen wir auf einmal Flüchtlinge sein? Warum lebt ein 14-jähriger allein in der Fremde, ohne seine Familie? Es ist ungerecht, wahllos, zufällig. Dass dieses Geschehen eine Zäsur ist, dass das alte Leben endet und ein neues beginnt, wird immer wieder betont. Der Körper ist auf der Flucht, während Herz, Gedanken und Seele in der Heimat bleiben. Eine Heimat, in die man so schnell wie möglich zurückkehren will, weil man sie nun einmal liebt und sie Teil von einem Selbst ist.

Die Unsinnigkeit der ganzen Situation wird zum Beispiel deutlich, als die Geschichte eines Anwalts erzählt wird, vor dessen Haus Männer in “afghanischer Kleidung” und langen Bärten auftauchen, die ihn für einen Beamten gleichen Namens halten. Er zeigt ihnen Papiere, die beweisen, dass er nicht Beamter, sondern Anwalt ist. Allerdings können die Männer nicht lesen. Sie durchsuchen das ganze Haus nach Beweisen und nehmen ihn schließlich mit, während Frau und Kinder zurück bleiben. Eine Odyssee beginnt, weil diejenigen mit den Waffen in der Hand nicht lesen können.

Das Stück beleuchtet diverse Aspekte der Flüchtlingserfahrung und lässt die Zuschauer ganz nah teilhaben, etwa dabei, wie es ist, nachts im Dunkeln in einem Schlauchboot auf dem Meer zu sein und zu glauben, dass der eigene Tod nahe ist. Die Erleichterung, als die türkische Küstenwache auftaucht, wird hautnah miterlebt. Doch diese Rettung ist nur eine kurze Erleichterung, eine Etappe auf der “Todesreise”.

Was man über die Flüchtlinge liest, oder sich vorstellt, wird mit der Realität abgeglichen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich gemacht, dass man ihr Schicksal eben nicht nachempfinden kann: Auch die Protagonisten selbst haben einmal wie wir ungläubig die Schicksale anderer Geflüchteter verfolgt, in dem Glauben, ihnen selbst könne das nie passieren. Niemand weiß, wie das ist, bis man es nicht selbst erlebt hat.

Eigentlich traurig, denke ich, dass das Stück immer mal wieder den Zeigefinger heben und Missverständnisse aufklären muss. Wie so oft ist es Sache der Opfer, zusätzlich zum Ertragen ihrer misslichen Situation auch noch Aufklärungsarbeit leisten zu müssen und uns, die wir frei von ihren Sorgen sind, diese Aufgabe abzunehmen. Aber gerade weil das Stück genau diese Aufklärung schafft, und zwar ohne dabei allzu belehrend und anklagend zu werden, waren wir uns hinterher einig, dass noch viel mehr Leute die Gelegenheit bekommen sollten, es zu sehen. Wenn es nach mir ginge, sollte es Pflichtveranstaltung an Schulen werden und durch Aufführungen auf diversen Bühnen einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Einige weitere Vorstellungen sind wohl auch bereits in Planung.

Am Ende von Letter to the World hat man jeden der Protagonisten etwas besser kennengelernt, versteht die Vielzahl der Schicksale und eben auch, wie ähnlich wir uns eigentlich sind. Ganz zum Schluss erlebt das Publikum dann, wie aus der tiefsten Verzweiflung und Trauer Hoffnung und gar Euphorie werden kann, wenn wir uns alle als Menschen begreifen, die zusammen in einem Boot sitzen. Die letzten Tränen sind Freudentränen.

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Tagebuch-5 im März – Syrisches Festmahl-Edition

Es ist der 5. und Frau Brüllen fragt wie jeden Monat: WMDEDGT? Das gibt mir Gelegenheit zu einem sanften Wiedereinstieg in die zuletzt so sträflich vernachlässigte Bloggerei. Zumal ich heute sogar noch etwas Spannendes erlebt habe. Aber first things first…

Gegen 9 wachen der Hase und ich auf, aber das Bett ist wahnsinnig gemütlich, der Hunger noch nicht so groß und das Internet spannend, so dass wir tatsächlich erst gegen 11 den Weg in die Vertikale finden (abgesehen von einer kurzen Episode Katzenfütterei natürlich). Dann gibt es ein relativ unspektakuläres Frühstück mit Cappuccino, Brot, Käse, Marmelade und Obst, gefolgt von einer fleißigen Runde Haushaltszeugs. Der Hase saugt, bringt Müll weg und kauft Katzenfutter und Katzenstreu. Ich wasche jede Menge Geschirr (was so diese stressige Woche über anfiel, so schön, dass wir ab Montag wieder eine Spülmaschine haben…), wische Bad und Küche und räume ein wenig auf.

Dann schnappen wir uns ein paar aussortierte Klamotten, DVDs und CDs und machen uns auf den Weg in das Flüchtlingsheim, in dem der Hase in den letzten Monaten oft ausgeholfen hat. Er wird von allen Seiten freudig begrüßt, während es mein erster Besuch dort ist. Wir unterhalten uns mit verschiedenen Leuten im Aufenthaltsraum. Ein älterer Mann aus Syrien entschuldigt sich bei mir, weil er mir aufgrund seiner Religion nicht die Hand gibt und nicht möchte, dass ich das in den falschen Hals bekomme. Ein junger Bekannter von ihm zeigt uns Fotos aus seiner Heimatstadt Aleppo (sein Haus ist zwar bisher nicht zerstört, aber Aleppo existiert für ihn nicht mehr wirklich – alles ist kaputt und sieht aus wie Deutschland nach dem Krieg, sagt er) und berichtet von der drei Monate dauernden Flucht über die so genannte Balkanroute. Ein Pakistani bittet uns um Mithilfe bei der Suche nach einem Deutschkurs – er hat ein Arbeitsangebot, soll aber erst seine Sprachkenntnisse verbessern. Der ältere Mann bleibt übrigens der Einzige, der mir nicht die Hand gibt. 

Wir beobachten eine Horde Kinder beim wilden Spielen und Schokolade erbetteln in der Küche und warten auf unseren Freund M. aus Damaskus. Mit ihm und seiner Familie sind wir heute zum Essen verabredet. M. hat Glück. Er hat eine Aufenthaltsgenehmigung, besucht einen Integrationskurs und ist vor ein paar Wochen mit seinem Vater und seinem Bruder in eine eigene Wohnung gezogen. Seine Mutter und Schwester sind noch in Damaskus und bisher ist nicht klar, ob und wann sie nachkommen können.

M. hat letzte Nacht nicht geschlafen – er war in einem Club tanzen, wo sie Techno spielen und Geflüchtete verbilligt hineinkommen. Eine typische Freitagnacht in Berlin eigentlich, für einen Anfang-20-jährigen. Heute morgen ist er von dort direkt zur Probe eines Theaterstücks, an dem Deutsche und Refugees zusammen arbeiten und das zu Ostern Premiere haben wird, gegangen. Danach trifft er uns und gemeinsam fahren wir nun nach Neukölln, wo die – im Moment noch nur – dreiköpfige Familie in einer 2-Zimmer-Wohnung wohnt. M.s Vater G. hat uns zum Essen eingeladen, zum Dank für die Hilfe, die der Hase zusammen mit anderen beim Beziehen und Einrichten der Wohnung geleistet hat. Ich erkenne in der Wohnung einiges wieder – ein alter Couchtisch, ein Fernseher, ein DVBT-Receiver, ein Wäscheständer, Biergläser, eine Auflaufform… Lauter Zeug, das sinnlos bei uns rumstand und verstaubte. Hier hat es nun einen guten Platz gefunden. Auch sonst ist die Wohnung liebevoll eingerichtet – Blumen stehen in einer Vase, eine schöne Tischdecke liegt auf dem Esstisch, ein Heiligenbild hängt an der Wand – die Familie ist christlich und wenn man nach ihren Facebook-Profilen  geht auch sehr religiös.

Während G. die letzten Handgriffe in der Küche tut, M. unter der Dusche verschwindet und der Hase zusammen mit T. versucht, die auf eBay ersteigerte PlayStation zum Laufen zu kriegen, schaue ich mich noch weiter in der Wohnung um, mache Fotos von interessanten Zetteln an der Wand und stelle mir vor, wie es ist, in einem Land gestrandet zu sein, dessen Sprache man nicht spricht.

Dann gibt es Essen und was G. auftafelt ist wirklich fantastisch. Ich glaube, gerade weil wir alle Gerichte auch aus hiesigen Restaurants und Imbissen kennen, fällt uns auf, wie großartig sie selbst- und nach authentischen Rezepten gemacht schmecken. Es gibt Tabouleh, Hummus, Pide, Kibbeh und Weinblätter, die mit Reis und Hackfleisch gefüllt sind und warm serviert werden. G. hat auch einige vegetarische Weinblätter gemacht – für mich und ihn, die wir beide nicht so oft Fleisch essen. Er selbst verzichtet im Moment wegen der Fastenzeit völlig. Auch der von uns mitgebrachte Wein bleibt für heute unangerührt.


  

G. ist ein wundervoller Gastgeber, der ständig in die Küche eilt und Nachschub holt und uns auffordert, immer mehr und noch mehr zu essen, während seine Söhne lachend mit den Augen rollen. Aber sie stopfen sich genau wie wir den Wanst voll und geben mit den Kochkünsten ihres Vaters an – “Das Beste vom Besten für die Besten.”. Ich finde interessant, dass die nicht nur den Hummus auf das Brot streichen, sondern auch alle Komponenten in Brot einrollen oder das Brot wie beim Äthiopier als Besteck benutzen. Zwischendurch wird auch eine Gabel benutzt, es scheint da keine genauen Regeln zu geben oder zumindest bleiben sie mir verborgen. 

Obwohl ich sehr neugierig bin, stelle ich keine Fragen, denn wir haben leider nur sehr wenig Zeit – die Jungs und der Hase sind zum Wrestling gucken im Huxley’s verabredet. Als wir uns anziehen, fällt M. mein Hoodie auf, auf dem “Revolution” und “The Beatles” steht. Ich bekomme ein Kompliment dafür, aber auch die Frage, was das ist. Die Beatles kennt er nicht. G. hingegen freut sich über die zwei mitgebrachten Beatles-CDs, die wir zuhause doppelt hatten und fühlt sich an seine Jugend erinnert. Wir laden alle drei für demnächst zu einem Essen bei uns ein und machen uns auf den Weg.

Am Hermannplatz ist ordentlich Trubel und M. beschwert sich über die “vielen Araber” hier. Vor dem Huxley’s treffen wir den Rest der Wrestling-Meute und unterhalten uns noch, bis der Einlass beginnt. Dann nehme ich die U-Bahn zum Alex und von dort die Tram nach Hause. In der Tram treffe ich zufällig auf eine Freundin, mit der ich über M., T. und G., einen Sushi-Geheimtipp bei uns im Kiez und ihren Sunday-Dinner-Club plaudere.

Zuhause angekommen füttere ich die Katzen und beziehe, da meine Abendverabredung wegen Migräne abgesagt hat, Stellung auf der Couch. Die aktuellen Folgen von Girls, Call The Midwife, New Girl und Modern Family wollen geguckt werden. Die gesättigten Katzen nehmen dabei auf und neben mir Platz und laden ihre Gekuschelt-werden-Akkus auf, die in der letzten Woche gefährlich leer geworden sind. Ich tippe diesen Blog-Eintrag mit einer Mieze auf meinem Unterarm, die zwischendurch auch selber tippt und auch schon mal den Bildschirm um 90° dreht. Zeit, den Blogpost abzuschließen, den Brot-Teig für morgen anzusetzen und noch einen Film bei Netflix auszusuchen…

 

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#12von12 im Januar 2016

Nachdem es hier die letzten Tage über sehr schläfrig zuging (sowohl im Blog als auch im wahren Leben), nutze ich Caros Aufruf, zwölf Bilder von meinem 12. zu machen, um wieder ein bisschen Schwung in die Bude zu kriegen (also in den Blog, im Real Life wechsle ich gleich von der Couch in die Wanne und dann ins Bett – Winterschlafzeit, nehme ich an).

Nimbin wartet, dass ich endlich meine Meditation beende und ihm sein Frühstück gebe
Zum Frühstück mische ich mir Haferflocken, Sonnenblumenkerne, Lein- und Chiasamen, Sesam, Ahornsirupflocken und frisch gemahlene(n) Vanille und Zimt. Im Büro kommen später noch Milch und Banane hinzu.
Regen auf Hagebutten vor Schneematsch auf dem Weg zur Tram
Im Büro ist der Fahrstuhl kaputt und ich muss die Treppe in den 5. Stock nehmen
Der Kollege wird Zwillingspapa und schmeißt deswegen ne Runde Donuts
Beim Mittagsdate mit dem Hasen treffen wir zufällig den Sauerteig-Meister @leitmedium und fachsimpeln ein wenig. Hier ist er schon wieder weg.
Für mich gibt es gedünstetes Gemüse mit Mangosauce und Reis
Feierabend, es ist dunkel und regnerisch – ich nehme die U-Bahn
Ich steige am Alex von der U-Bahn in die Tram und winke dem Fernsehturm zu
Zuhause angekommen hänge ich erstmal die Wäsche auf, bzw. baue eine Burg für Noosa.
Zum Abendbrot gibt es Reste: Einen Schluck Rote-Bete-Suppe mit gerösteten Semmelbröseln und Pizza von gestern mit Rucola

Französische Hochzeit: Check

So kurz vor Weihnachten mal eben durch das ganze Land gurken, um dann im Nachbarland an einer Hochzeit teilzunehmen und gleich am nächsten Tag wieder zurückhechten, weil ich keine Urlaubstage mehr übrig habe? Das kam mir sehr sportlich vor, als ich die Einladung zur Hochzeit einer meiner besten Freundinnen erhielt. Aber natürlich schlage ich so eine Einladung auch nicht einfach aus! Jetzt im Nachhinein kann ich sagen: Es hat sich gelohnt, sehr sogar. Nicht nur kann ich jetzt das Beiwohnen einer französischen Hochzeitszeremonie von meiner Bucket List streichen (eine italienische habe ich bereits 2010, am Tag des Spiels um Platz 3, erlebt), ich habe auch sehr viel Glück gesehen, nach sechs Jahren nun endlich auch einmal die Familie meiner Freundin kennengelernt, meiner Reiselust gefröhnt, witzige Zugbekanntschaften gemacht, ein neues Kleid gekauft und ausgeführt, zum ersten Mal ein Land im Notstand erlebt (ohne eine einzige Ausweiskontrolle oder sonstige Anzeichen zu sehen), ein unverhofft sonniges Wochenende erlebt, heute seit langem mal wieder ausgeschlafen – und das in einem Hotelbett! – und natürlich: sehr gut gegessen und ein paar Inspirationen für zukünftige Kochereien eingesammelt.

Heute konnte ich dann noch in Ruhe etwas Zeit mit den Jungvermählten verbringen, bekam eine köstliche Tarte und Matcha vorgesetzt, sah eineinsiebtel Filme mit ihnen und fasste den Entschluss, dass mein Französisch mal wieder aufpoliert werden muss – ständig wollte ich etwas sagen, aber mein Gehirn konnte nur italienische Sätze bauen. Wie ist nochmal der Trick, ähnliche Sprachen gleichzeitig zu lernen? Bei Schwedisch und Niederländisch habe ich das Problem auch. Nur Englisch gelingt mir unfallfrei, dafür schwappt es mir aber zunehmend in mein Deutsch hinein – I blame the Internet!

Ein paar mehr Eindrücke des Wochenendes könnt ihr bei Twitter und Instagram unter dem Hashtag #alienne finden.

Félicitations, mes chères!!

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Wie Maid Marian, sagt der Hase…

Riesige Rote Bete: Suppe und Kuchen

Am Freitagabend hatte ich nach einer anstrengenden Arbeitswoche ein wenig Zeit und Muße und stellte mich der Aufgabe, unsere Rote Bete-Vorräte zu dezimieren. Von unserem letzten Besuch bei der Hasenfamilie hatten wir vier riesige Beten (?) mitgebracht. Die erste landete in einer Ladung Ofengemüse, die zweite wollte ich mir nun vorknöpfen. Fürs Wochenende hatte sich Besuch angesagt, daher wollte ich auf jeden Fall diesen Rote Bete-Kuchen backen, da gehören immerhin 250 g hinein. Ich suchte mir also die kleinste der Monster-Beten heraus:

Schnell stellte sich heraus, dass sie deutlich mehr als 250 g wog, ich beschloss also, aus dem Rest eine Suppe zu kochen. Nach dem Schälen wog das Monster immernoch 700 g.

Ich wog also ein 250 g-Stück ab und garte es laut Rezept vor, den Rest schnitt ich für die Suppe klein.

Rote Bete-Suppe mit Ingwer, Wasabi und Koriander 

Ca. 4 Portionen, ca. 30 Minuten

  • 1 Knoblauchzehe
  • 1 daumengroßes Stück Ingwer
  • Olivenöl
  • Ca. 450 g Rote Bete 😉
  • 3 mittelgroße Kartoffeln
  • Salz und Pfeffer
  • Wasabi-Paste (profaner weißer Meerrettich geht auch, macht aber optisch weniger her)
  • Koriandergrün

Rote Bete und Kartoffeln schälen und würfeln. Knoblauch und Ingwer schälen, zerkleinern und in einem Topf in Olivenöl anschwitzen. Kartoffel- und Bete-Würfel hinzugeben und anbraten. Mit warmem Wasser ablöschen (so dass das Gemüse knapp bedeckt ist) und zum Kochen bringen. Ordentlich salzen und pfeffern und köcheln lassen, bis das Gemüse weich ist. Vom Feuer nehmen und fein pürieren, dann nochmal aufkochen lassen. Je zwei Kellen Suppe in einen tiefen Teller geben, mit Wasabipaste abschmecken und mit frischem Koriandergrün dekorieren.

Während das Gemüse garkocht, kann man super den Rest gegarte Rote Bete reiben, den Kuchenteig anrühren und den Kuchen in den Ofen  schieben. Ich musste die Backzeit deutlich verlängern, aber nach 55 Minuten war er dann fertig.

Wochenende im Wald

Gerade sind wir wieder zuhause in Berlin angekommen, so dass ich schnell noch ein paar Highlights dieses Wochenendes verbloggen kann, bevor die unbarmherzige Iron Blogger-Uhr Mitternacht schlägt. Wieder 5 € gespart… 😉 Wir verbrachten dieses wunderschöne Wochenende mal wieder im Haus am Wald, sozusagen dem Familiensitz, unten in der Oberlausitz, im eigentlichen Failed State Sachsen. Dort trafen wir natürlich jede Menge Familie, vertieften uns in die jahreszeittypischen Traditionen (Kaminfeuer, Waldspaziergang, Stollenbacken, Friedhofsbesuch, Adventskranz winden und Laub rechen…), aßen regionale Köstlichkeiten (Pellkartoffeln mit buntem Quark, Stollenkuchen und Pflaumenknödel) und superleckeren Apfelstrudel, den die Teeniecousine gebacken hatte, streichelten diverse Katzen und genossen die Ruhe abseits des Berliner Großstadtlärms. Speziell über das Stollen- und Stollenkuchen backen wird demnächst noch einmal ausführlicher zu reden sein, jetzt ist nur Zeit für ein paar Eindrücke drum herum…

Der Kamin im Haus vertreibt jede Winterdepression  – an beiden Abenden saßen wir hier gemütlich beisammen und erzählten alte und neue Familiengeschichten.

 

Die Teeniecousine und ihre Freundin hatten das Feuer auch beim Adventskranzwinden an (im Vordergrund übrigens noch ein Rest Vanillesauce vom köstlichen Apfelstrudel.

 

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Diese zwei riesigen Steinpilze wurden am Freitag gefunden.

 

Gestern Abend gab es Pellkartoffeln mit buntem Quark, in den unter anderem Eier, saure Gurken, Äpfel, Tomaten, Zwiebeln und Paprika hingehören.

 

Das Brüderchen bei der Steinpilzzubereitung

 

Und weil sich dieser Blogpost um Wochenende, Familie und Bilder dreht, reihe ich mich direkt noch in Susannes Liste der Wochenenden in Bildern ein 😉