#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 8: Piadine in Bertinoro, Regen in San Benedetto, Lasagne im Bett

Trotz oder gerade wegen der bis in die frühen Morgenstunden andauernden Feierei auf den Straßen Bolognas schliefen wir ziemlich lange und standen erst nach 10 Uhr auf. Unsere Gastgeberin bereitete uns Eier und Toast zum Frühstück zu, dann verabschiedeten wir uns von ihr und ihrer Tochter. Auf ihren Rat hin holten wir uns noch zwei Stücken Lasagne für später in einem Imbiss in ihrer Straße und verließen Bologna dann in Richtung Bertinoro.

Ich begab mich sozusagen auf meine eigenen Spuren von vor 8 Jahren. Damals war ich nämlich schon zweimal in Bologna und Umgebung. Mit meinem damaligen Freund (langjährige Blogleser*innen werden sich erinnern) besuchte ich seine ehemaligen Kommiliton*innen erst zu einer Silvesterfeier und später im Jahr zu einer Hochzeit. Beim ersten Mal machten wir damals einen Abstecher zu einem legendären Piadina-Imbiss und genau das wollte ich diesmal auch tun, um dem Hasen die echte Küche der Romagna näherzubringen. Ich fragte also den lieben Herrn Ex nochmal nach der genauen Location und dann fuhren wir da einfach hin.

In den acht Jahren hat sich nicht besonders viel verändert, aber zum Glück gab es inzwischen überdachte Sitzplätze – es regnete nämlich gar sehr. Auch wie damals bestellten wir eigentlich zu viel. Die niedrigen Preise und die große Auswahl verleiten dazu und genau wie vor acht Jahren war ich dann von der Größe der Piadine total überrumpelt. Wir hatten eine mit Speck und Käse, eine mit Pecorino, Tomaten und Rucola und eine mit Squaquerone und “siruppierten” Feigen. Danach waren wir pappsatt aber glücklich.

Unser Weg führte uns dann hinauf in die Berge, in den Nationalpark Foreste Casentinesi. Ab da ging einiges schief. Ursprünglich wollte ich dorthin, weil ich etwas tolles über einen Wasserfall gelesen hatte, der sehr beeindruckend sein soll. Leider hatte ich nicht gelesen, dass die Wanderung dorthin viereinhalb Stunden dauert. Da wir erst gegen 16 Uhr am Ausgangspunkt ankamen, es gegen 19 Uhr dunkel wird und es außerdem weiterhin in Strömen regnete, zogen wir es vor, im Auto sitzen zu bleiben, ein Hörspiel zu hören und als der Regen etwas nachließ, nur ein wenig spazieren zu gehen – soweit das auf nassen Steinen unter feuchtem, glitschigen Laub eben möglich war. Zwischendurch schaute ich nach, wann wir in unserem AirBnB einchecken könnten und musste feststellen, dass ich dieses erst für morgen gebucht hatte.

Sofort hatte ich ungemütliche Szenarien im Kopf, wie oben in den Bergen im kalten Auto übernachten zu müssen oder für teures Geld eine zusätzliche Unterkunft buchen zu müssen. Der Hase beruhigte mich aber und schlug vor, erst einmal nachzufragen, ob wir nicht einfach einen Tag früher kommen könnten. Ich telefonierte also mit unserer Gastgeberin, die allerdings gerade auf Klassenfahrt in England weilte und erst einmal mit ihrem Mann Rücksprache halten musste. Nach einer sehr langen halben Stunde rief sie mich zurück und ich sagte, es sei kein Problem. Mit einem Stein weniger auf dem Herzen trödelten wir dann also noch ein wenig im Auto herum und machten uns dann in dem einsamen Bergdörfchen San Benedetto in Alpe auf die Suche nach unserer Unterkunft. Navi und Google Maps waren sich uneins, wo sie sich befinden sollte, aber wiedermal hatte Google Maps Recht.

Unser Gastgeber begrüßte uns sehr herzlich auf Italienisch und zeigte uns unsere Wohnung in einem der ältesten Häuser des Dorfes. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, sollten wir hinunterkommen und die Formalitäten klären. Unten empfing er uns dann mit ein paar Formularen für die Kommune (“Es gibt hier oben nunmal leider kein Internet, wir müssen das alles auf Papier ausfüllen und dann runter nach Forlì bringen.”), einer unetikettierten 1-l-Korbflasche Sangiovese, einem flachen, runden, jungen Ziegenkäse und einem Brot – “un piccolo spuntino”! Zunächst gab es also den halben Käse, die halbe Flasche Wein und ordentlich Brot dazu und ein paar Geschichten rund um unsere Ferienwohnung im ältesten Haus des Dorfes.

Dabei saßen wir im ehemaligen Alimentari seiner Großmutter. An der Decke waren noch die leeren Haken für Salami und Schinken zu sehen, die Kasse, eine Schneidemaschine für Aufschnitt und Brot, leere Olivenölfässer und Schubladen für Pasta, Mehl und Co. waren ebenfalls zu sehen – alles “original unverpackt”, damals. Unser Gastgeber war als kleiner Junge drei Jahre lang mit seinen Eltern in der Schweiz gewesen, dann war es Zeit für die Schule. Seine Mutter kehrte also mit ihm zurück ins Dorf ihrer Kindheit und zur Nonna. Der Vater hingegen pendelte noch viele Jahre zwischen San Benedetto und dem Aargau hin und her. Deutsch konnte unser Gastgeber trotzdem nicht, Englisch ebenso wenig, dafür aber Französisch. “Das haben wir damals alle in der Schule lernen müssen – ich bin ja schon älter – und heute nutzt es uns so gut wie nichts.”

Schließlich schickte er uns mit der halbvollen Weinflasche wieder nach oben, wo ja noch die Lasagne auf uns wartete. Eigentlich waren wir schon total satt, deswegen legten wir uns erstmal ein wenig aufs Bett und lasen – Internet gab es ja nicht. Irgendwann stand der Hase dann nochmal heldenmutig auf, holte Weingläser, wärmte die Lasagne auf und brachte alles ans Bett. So aßen wir das Abendbrot diesmal ganz gemütlich im Bett und konnten danach sofort schlafen.

#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 5: Bergamo, Grumello und das Bett von Garibaldi

Das Schöne am Urlaub sind ja die ganz unverhofften Dinge – und von denen hatte Tag 4 einige zu bieten! Begonnen hat er allerdings wie erwartet mit einem sehr leckeren Frühstücksbuffet im Agriturismo. Neben den italienischen Frühstücksklassikern und Zugeständnissen an ausländische Gäste, etwa Müsli, Käse und Schinken, gab es auch köstliche Frittata, Apfelstrudel, Bruschetta, Tramezzino mit Ricotta, Schinken und Tomate und Schokokügelchen, allesamt eben so hausgemacht wie die Kirschmarmelade.

Wir langten ordentlich zu, dann checkten wir aus und fuhren nach Bardolino selbst hinein, trotz der Vorurteile des Hasen gegenüber dem Gardasee. Die wurden zwar zunächst alle bestätigt – deutsche Touristen in den besten Jahren allüberall – aber als wir dann direkt am Wasser waren und darin diverse Fische und darüber Möwen und Enten und die Aussicht auf die Berge bewunderten, da fanden wir den Gardasee dann doch ganz in Ordnung. So für ne halbe Stunde. Dann wurde es Zeit, gen Westen aufzubrechen.

Während der Hase uns chauffierte, schrieb ich mit seiner Kollegin F., deren Familie in der Nähe von Bergamo lebt und dort unter anderem selbst Spumante keltert und eine Enoteca betreibt. Ein Besuch im Weinkeller und in der Enoteca waren angedacht, daraus wurde dann eine ganze Menge mehr, was sich schon jetzt dadurch abzeichnete, dass ihre Nonna ausrichten ließ, sie würde sich schon auf unseren “qualifizierten” Besuch freuen und wir könnten gerne bei ihr übernachten. Bäm! Eigentlich war ja geplant, dass wir im Hotel übernachten würden.

Doch zuerst zog es uns noch nach Bergamo, das Frau Nessy im Frühling so wunderschön beschrieben hatte. Wir fuhren mit dem Funicolare hoch in die Città alta und spazierten dort durch Gassen, bewunderten die kulinarischen Schaufensterauslagen und naschten ein Eis in der von Nessy empfohlenen Gelateria. Alles wirklich sehr schön dort und der Hase hat schon auf dem Plan, irgendwann nochmal für länger hinzufahren.

Nach unserer kurzen Stippvisite machten wir uns dann auf den Weg nach Grumello del Monte, wo wie wir wussten die Nonna bereits wartete. Auf Empfehlung der Hasenkollegin parkten wir unseren Bao Bao am Schloss und “spazierten” dann den Berg hinauf, durch Weinberge und Olivenhaine, bis zum Bauernhaus der Familie. Und wie hinauf das ging – besonders das erste Stück war so steil, dass ich kaum vorankam, arge Probleme mit dem Atmen hatte und mehrfach versucht war, umzukehren. Oben angekommen wurden wir auch von mehreren Familienmitgliedern gefragt, warum bloß wir denn nicht mit dem Auto hochgefahren wären. Als ich über den steilen Hang klagte, witzelte der Hasenkolleginnenvater dann allerdings, das sei eben nicht Berlin und der Ort hieße nun mal nicht umsonst Grumello del Monte. Wo er Recht hat…

Doch zuerst wurden wir nur von der Nonna empfangen, einer unglaublichen Dame von ca. 80 Jahren, die leider nicht mehr gut zu Fuß, ansonsten aber topfit war. Als wir im Wohnzimmer Platz nahmen, fielen mir zuerst Handy und Laptop auf dem Schreibtisch auf, ein WLAN-Router war auch am Start. Die Nonna stammt ursprünglich aus dem Trentino, einer der Regionen Italiens, die früher zu Österreich gehörte und bis heute zweisprachig ist. Deswegen sprach sie auch ein nahezu perfektes Deutsch, obwohl sie die Sprache nur in der Schule gelernt hatte und in der Familie Italienisch, bzw. den örtlichen Dialekt, der in Richtung Laddino geht, gesprochen hatte und außerdem vor ca. 60 Jahren in die Gegend von Bergamo gezogen war. Immer wieder entschuldigte sie sich bei uns, wenn sie nach Wörtern suchen musste oder die Zeitformen und Artikel durcheinander brachte, während sie komplizierte Relativsätze über mehrere Zeitebenen und gefüllt mit Fachbegriffen aus Landwirtschaft, Geschichte, Geographie und Kulinarik sprach. Französisch und Englisch könne sie übrigens leider nur sehr wenig und besser lesen als sprechen… Bäm Bäm!

Die Nonna erzählte uns, wie sie damals mit ihrem Mann hierher kam, auf dem Grundstück vier alte Olivenbäume entdeckte und daraufhin anfing, Olivenbäume im großen Stil anzupflanzen. In guten Olivenjahren stellen sie bis zu 300 l Öl her, in den letzten beiden, die schlechte Jahre waren, waren es zusammen gerade einmal 80 l. Das Hauptgeschäft ist allerdings der Sekt/Schaumwein/Spumante, den sie aus Trauben aus dem Trentino im eigenen Weinkeller keltern. Den vertreiben sie bereits seit Jahrzehnten weit über die Grenzen Bergamos hinaus. So kam es auch, dass sie und ihr Mann diverse Reisen unternahmen. Sie fragte uns über unsere Reiseroute aus, lobte uns für die tolle Auswahl an Städten und gab uns Tipps, was wir uns anschauen und wo wir was essen sollten.

Als die Sonne unterging, standen plötzlich die Hühner vor der Tür. Sie würden jeden Abend Bescheid sagen, dass sie jetzt langsam ins Bett müssten und vorher bittegerne noch Abendbrot hätten. Wir gingen also zusammen hinaus, fütterten die Hühner, schlossen den Stall, sammelten noch ein paar draußen versteckte Eier ein (“für Euch morgen zum Frühstück!”) und dann pflückte die Nonna uns noch drei Zitronen als Geschenk. Dann war es Zeit, unsere Betten zu beziehen, damit alles fertig wäre, wenn wir vom Abendbrot in der Enoteca zurückkehrten. Und da kam dann ganz nebenbei heraus, dass in dem Bett, in dem ich schlafen würde, eine Zeit lang Garibaldi geschlafen hatte… Bäm Bäm Bäm!

Die Familienlegende besagt, dass der Onkel vom Onkel vom Nonno einst Priester (oder wahrscheinlich ein noch höherer kirchlicher Würdenträger, das korrekte Wort fehlte gerade) in Trentino gewesen wäre. Als Garibaldi mit seinen Truppen Trentino eroberte, kam der Priester ins Gefängnis und Garibaldi bezog dessen Haus und Bett. Später entschied der König, dass Trentino nicht interessant genug wäre und ruhig bei Österreich bleiben dürfte. Daraufhin kehrte Garibaldi nach Italien zurück, der Priester wurde freigelassen und erhielt Haus und Besitz wieder. Das Bett aber kam irgendwann zum Nonno und mit ihm nach Grumello, wo ich es nun benutzen durfte. Aufregend!

Langsam wurden wir hungrig, deswegen verabschiedeten wir uns und liefen wieder hinunter in den Ort, um in der Enoteca der Familie zu Abend zu essen. Unser Kellner war der Hasenkolleginnencousin, während ihr Vater der Inhaber der Enoteca ist und gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, einer Köchin und bei Bedarf mehr Servicepersonal den Laden schmeißt. Weil wir uns nicht so ganz entscheiden konnten, bekamen wir eine Mischung verschiedener Vorspeisen als Antipasti serviert: verschiedene Käse- und Aufschnittsorten, natürlich mit Brot und Olivenöl, sowie eine Art Quiche und gegrilltes bzw. gedämpftes Gemüse, das ungewürzt war und den puren, intensiven Gemüsegeschmack behalten hatte. Eine Offenbarung!

Als Primo bestellte der Hase sich Strozzapreti mit einer Sauce aus gelber Paprika, Saffran und Salsiccia und ich mir ein Risotto mit Champagner und Trüffeln. Zu all dem wünschte sich der Hase einen etwas Primitivo-artiges. Der Hasenkolleginnencousin brachte uns zwei Flaschen Primitivo aus Apulien, die eine eher klassisch, die andere biodynamisch und innovativ. Wir kosteten zunächst diese und besonders der Hase war sofort begeistert.

Als Secondo teilten wir uns dann gebackenen Oktopus auf Maiscreme mit rohen Gemüsewürfeln. Dazu müssten wir auf jeden Fall einen anderen Wein trinken, befand der Hasenkolleginnencousin und brachte uns einen Rotwein vom Ätna, der sehr leicht, spritzig und mineralisch war und perfekt zum Meeresgetier passte. Amüsiert berichtete er uns von einer Politikerin, die sich geweigert hatte, zu Fisch Rotwein zu trinken, bis sie diesen Wein gekostet hatte. Evtl. sei es Angela Merkel gewesen, das wisse er nicht mehr genau.

Nach Antipasti, Primi, Secondo, einer Flasche Primitivo und je einem Glas von dem anderen Wein waren wir pappsatt, leicht angetüdert und unglaublich müde. So verzichteten wir auf Nachtisch (obwohl es ein “Torinomisù”, also Tiramisù mit Gianduja, gegeben hätte), Kaffee und Schnaps. Stattdessen zogen wir uns an und wankten zur Kasse, wo wir unsere Rechnung bezahlen wollten. Der Hasenkolleginnenvater kam auf uns zu, sah uns fest in die Augen, winkte dann ab und meinte nur “Ciao! Und ruft mich morgen früh, wenn Ihr wach seid, damit ich Euch den Weinkeller zeigen kann!” Bäm Bäm Bäm Bäm!

Wir fuhren völlig geplättet mit dem Auto zurück auf den Berg und vermuteten die Nonna im Bett. Stattdessen hatte sie den Ofen angeheizt und saß vor dem Fernseher, immerhin lief Champions League und Neapel dominierte das Spiel gegen Liverpool! So sahen wir vor dem Schlafengehen noch gemeinsam die zweite Halbzeit, jubelten über den neapolitanischen Sieg und Hase und Nonna fachsimpelten über Maradona, Ronaldo und die Unsäglichkeiten der Verhältnisse im Profifußball. Bäm Bäm Bäm Bäm Bäm!

Gastbeitrag vom #hasenkoch: Beerenzapfen mit fleischiger Haut und Fugu-Marmelade

Ich bin nicht die einzige in dieser Wohnung, die einen leichten Hang zu gutem Essen hat. Neben dem recht dickbäuchigen Kater (die Katze ist rank und schlank wie eine Elfe) ist es vor allem auch der Hase, der äußerst experimentierfreudig ist. In diesem Gastbeitrag lässt er Euch an seinem aktuellen, Halloween-esk gefährlichen, Versuch teilhaben…

Letztes Jahr um diese Zeit hatte ich jede Menge Zeit und so langsam drohte die Langeweile. Zum Glück ergeben sich im Herbst einige Möglichkeiten, seine Zeit sinnvoll zu verbringen, z.B. mit Birnen-Quittenwein keltern, Früchte einwecken oder Apfelmus und diverse Marmeladen einkochen. Zum Beispiel Hagebutten-Marmelade. Von Eltern, Großeltern und diversen anderen “Hippies” wurde mir mehrfach ans Herz gelegt, letzteres auszuprobieren, jedoch immer mit der Warnung: “Das macht aber eine Heidenarbeit”. Nun gut, ich hatte Zeit und war motiviert. So fuhr ich bei leichtem Nieselregen durch die Nachbarschaft und erntete zwei Fünf-Liter-Eimer voller Hagebutten. Zuhause begann ich dann, die Früchte von den störenden Samen und den daran haftenden Härchen (aus denen man ein super Juckpulver machen kann) zu befreien. Acht Stunden später hatte ich den ersten Eimer bearbeitet und war um die Gewissheit reicher, dass dies das letzte Mal sein würde, dass ich mich mit so einer Fummelei beschäftige. Aus dem zweiten Eimer entstand daher kurzerhand Hagebutten-Wein, für den die Früchte komplett genutzt werden können. Die Gewissheit aber hielt nur genau bis letzten Montag…

Wieder ist es Herbst und wieder bin ich arbeitssuchend und sehr flexibel in meiner Zeitplanung. Da setzte mir mein Vater den Floh ins Ohr, dass er einmal Eiben-Marmelade probieren wolle. Die Eibe ist ein Nadelbaum, der giftig ist. Nur die roten Fruchtmäntel sind essbar. Quasi der Kugelfisch unter den Nadelbäumen.

Umso vorsichtiger ging ich beim Entkernen der Früchte vor. Der kleinste Rückstand eines giftigen Teils macht aus einer Leckerei eine Todesfalle. Das halbe Internet ist voller Gruselgeschichten über Herzstillstände nach Eiben-Verzehr. Zusätzlich machte die schleimige Konsistenz der Früchte bereits im leicht angedrückten Zustand das Entkernen ein wenig schwierig. Aber darauf war ich nach den Recherchen bereits gestoßen und demzufolge schon vorgewarnt. “Das Pflücken ist hierbei bei weitem die geringste Arbeit…” lautete die Einleitung des einzigen “Rezepts“, das ich im Internet fand. Daher pflückte ich “nur” solange, bis ich ein Drittel eines Fünf-Liter-Eimers voll hatte. Immer noch zu viel, denn das Entkernen allein dauerte elf Stunden. Aber meine Laune war deutlich besser als im letzten Jahr, freute ich mich doch einzig und allein auf das Ergebnis, das ich sogar mit meinem Vater teilen konnte. Ich ließ die entkernten Früchte über Nacht im Kühlschrank, um sie am nächsten Tag nochmals auf Giftreste zu untersuchen.

Immerhin hatte ich letztendlich 775 g Eiben-Fruchtfleisch zusammen, die ich mit zwei kleinen Äpfel aus unserem Hinterhof auf kleinster Stufe über mehrere Stunden und unter gelegentlichem Umrühren aufkochte. Das Ganze schickte ich durch die Passiermühle mit kleinstem Sieb, nur um ein letzten Mal sicher zu gehen, ob ich wirklich alle Samen aus der Fruchtmasse herausgefischt hatte. Spätestens hier kann man meine Paranoia erkennen. Nachdem ich das Fruchtfleisch wieder in den Topf gegeben hatte, versetzte ich die Masse mit Gelierzucker, wie auf der Packung beschrieben einen Teil Zucker auf zwei Teile Frucht. Obwohl ich mich anfangs bei der bereits schleimigen Konsistenz fragte, ob das Ganze überhaupt geliert werden musste, verkochte sich der Schleim im Laufe der Zubereitung. Heraus kam eine sehr süße Marmelade, die mich ein wenig an Preiselbeere, wenn auch nicht ganz so aromatisch, erinnerte. Wer an einem Herbsttag so gar nichts mit sich anzufangen weiß und trotzdem Hummeln im Hintern hat, dem möchte ich dieses Projekt ans Herz legen. Ein super Geschenk für todesmutige Freunde, aber am allerleckersten, wenn man sie selbst vernascht.

Auf der Suche nach Eiben-Sträuchern verschlug es mich an den Weißen See. Dort wollte ich nach den zwei Esskastanien-Bäumen schauen. Leider waren die Funde dort nicht verwertbar. Entweder war ich zu spät oder die Kastanien reifen dort nicht zur Gänze aus. Doch ein anderer Baum brachte mich zum Jubeln. In der Nähe der Sonnenuhr bauten sich mehrere imposante Wacholderbüsche auf. Und die waren brechend voll mit blauen “Beeren”. Später las ich im Netz, dass die Früchte zwei Jahre zur Reife brauchten. Während sie im ersten Jahr noch grün an den Ästen hingen, seien sie im zweiten Jahr dunkelblau und zur Ernte bereit. Sie sind auch gar keine Beeren, sondern “Beerenzapfen mit fleischiger Haut” und in einer Wacholderbeere wohnen laut einem alten Sprichwort neun Ärzte. Man muss sie auch nicht zwangsläufig nur für Saucen nutzen, sondern kann sie auch getrocknet mit Nüssen und Rosinen zusammen essen.

Ich streifte also eine große Hand voll Wacholder-Beeren (wann braucht man die schon mal) vom Baum und wusch und trocknete sie zuhause erst einmal, um den weißen Film herunterzubekommen. Auf einem Teller breitete ich ein Blatt Küchenkrepp aus und lagerte die Beeren zum Trocknen aus. Dort warten sie nun auf den richtigen Trocknungsgrad, um sie in einem Glas zu verstauen. So verpackt sollen sie mehrere Jahre haltbar sein.

Omas Quarkkeulchen

Eines der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Language of Food-Workshop auf Sizilien war, dass vom Essen zu schreiben bedeutet, über das Leben zu schreiben. Jeder, der sich mal mit verschiedenen Lernmethoden beschäftigt hat, weiß, dass man sich Dinge am besten einprägt, wenn man möglichst viele Sinneseindrücke damit verknüpft – sie also etwa mit der  Hand aufschreibt, sich laut vorsagt oder sich beim Lernen bewegt. Beim Essen werden natürlich sämtliche Sinne angesprochen – wir sehen, riechen und schmecken, wir tasten und hören, was wir uns einverleiben. Und so werden auch unsere Emotionen und Erinnerungen aus diesen Momenten gespeichert und verbinden sich mit bestimmten Gerichten.

Luisa erzählt zum Beispiel in ihrem Buch davon, wie sie sich beim Kochen den Menschen nahe fühlt, die sie mit den Gerichten verbindet, selbst, wenn ein Ozean zwischen Ihnen liegt. Ich selbst habe diese Erfahrung auch schon oft gemacht, deswegen gibt es im Herbst meist ein Thanksgiving-inspiriertes Essen und an manchen Tagen brauche ich dringend Kartoffelsalat nach dem Rezept meiner Oma väterlicherseits.

Gestern habe ich ein Rezept meiner Oma mütterlicherseits zubereitet. Mit dieser Oma verbinden mich sehr viele kulinarischen Erinnerungen, vom gemeinsamen Erbsenpulen übers Kuchen- und Tortenbacken bis hin zur Waldmeisterbowle zu Hexenbrennen. Am allermeisten jedoch denke ich an ihre Quarkkeulchen, die es jahrelang an jedem Donnerstag gab.

Quarkkeulchen mit Apfelmus
Wenn ich mittags zuhause war, bekam ich sie gleich frisch aus der Pfanne. Hatte ich länger Schule oder war nachmittags verabredet, ging ich abends zu ihr und bekam sie aufgewärmt. Dazu gab es immer Apfelmus, je nach Jahreszeit frisch gekocht oder aus dem unerschöpflichen Vorrat an eingewecktem. Am besten schmeckte er aus roten Äpfeln.

Gestern also habe ich das Rezept herausgeholt, das sie mir diktiert hat, als ich zuhause ausgezogen bin, und für mich und den Hasen Quarkkeulchen gemacht. Virtuelle Portionen gingen auch nach Kanada, Kalifornien, Ibiza, Bremen, Leipzig und Bautzen – zu meinen Eltern, meinem Bruder und einigen meiner vielen Cousins und Cousinen. Für einen Moment saßen wir alle wieder gemeinsam an Omas Tisch – mit dem Ozean als Tischdecke. Auf dem Sofa schlief die schwarze Katze, draußen bellte ein Dackel und dann schlug die große Standuhr zur vollen Stunde und das Rommé-Spiel wurde herausgeholt…


Omas Quarkkeulchen (Süßes Hauptgericht für 2-3 Personen)

  • 300-400 g gekochte Kartoffeln vom Vortag*
  • 150 g Quark*
  • 1 Ei*
  • 20 g Zucker*
  • 70 g Mehl*
  • Rosinen nach Belieben
  • Vanillezucker (am besten selbst gemacht)
  • Öl für die Pfanne

Je ein Esslöffel Teig, plattgedrückt, wird ein Quarkkeulchen
Die Kartoffeln fein reiben und mit Quark, Ei und Mehl zu einem dicken Teig verarbeiten, wer möchte, kann noch Zitronenschale hinzugeben.

Rosinen unterrühren, bei uns so viele, dass man bei jedem Bissen eine dabei hat.

Öl in einer Pfanne erhitzen (in meinem Rezept steht, bis blauer Dampf aufsteigt, das habe ich dann nicht eingehalten ;)). Mit einem Esslöffel kleine Portionen des Teigs formen und in die Pfanne geben und dann platt drücken (Die Keulchen sollen ca. einen halben Zentimeter dick sein.)

Von beiden Seiten goldbraun backen, dann in Vanillezucker wälzen und bis zum Servieren warm stellen. Dazu gibt es Apfelmus.

Teig (links), Vanillezuckerteller (unten), fertige Quarkkeulchen (rechts)

*Die Mengenangaben sind ungefähre Richtwerte, je nachdem, wie viele Kartoffeln übrig sind oder Gäste mitessen. 

Strawberries

Neben dem ganzen Kochen und Essen war ja der Hauptfokus meiner letzten Woche das Schreiben. Deswegen dachte ich, ich zeige Euch den Text, den ich am letzten Kurstag geschrieben habe. Er ist auf Englisch, aber da müsst Ihr jetzt durch. Die Aufgabe war, eine Erinnerung an eine besondere Mahlzeit aufzuschreiben.

Strawberries
When I was a kid, we used to eat those defrosted strawberries – still very cold, sometimes even a bit frozen on the inside, limp on the outside, swiming in a mixture of icewater and juice, topped with whipped cream sweetened with vanilla sugar – out of flat glass bowls for dessert each Boxing Day. They were meant to enhance the festiveness of a meal of only leftovers from Christmas Day. To most people, half-frozen mushy strawberries might not seem like a special treat at all. For me, this dessert was the climax of all the Christmas delicacies, my favourite Christmas food.
I am a summer child through and through. I was born on June 21st, the longest day of the year and the official beginning of summer. I thrive on sunny days and colourful, fragrant gardens. This is my time of the year and I feel betrayed and somewhat bereft of a part of myself once summer is over and the cold, the grey skies and the drizzle set in that will eventually lead into the darkness of winter – a darkness I tend to feel both inside and out. Except for when Christmas came around with its routines and rituals that shed light on those long winter nights even for our non-religious family.
***
The strawberries we had for Christmas were those that were left over each summer, after we had dived into our collective strawberry craziness and had indulged in the red, juice sweetness of the berries for weeks. Our garden included a large field of strawberries which provided for our every need: strawberries to accompany our muesli in the morning, strawberries to be blended into milkshakes and put on cakes for our afternoon snack and strawberries picked right before dinner each night to eat soaked in cold milk with a spoonful of sugar as an evening treat.
We ate as much as we could possibly stuff into our bellies. We also made jam out of several kilos of them. And amongst all this strawberry craze, my mom had the good sense of putting a few handfulls aside and hide them in the freezer for Christmas.
Come Christmas time, I’d usually have forgotten about the treasure in our freezer until the moment my mom took it out and left it on the counter to thaw. As soon as I noticed the strawberries, I became happy and excited and could not wait. I always grabbed at least one and put it in my mouth when it was still completely frozen. To me, they tasted of summers past, of running barefoot over the grass and being tingled by a thistle here and there. Of sun-soaked skin, of plunging into grandma’s pool, of staying up late without anyone sending us to bed and – of course – of my birthday parties in the garden. I tasted both a remembrance of our happy past and a promise for our future: Yes, winter would eventually end and yes, my time of the year would come again. Today, conjuring up the taste in my mind is also a celebration of us as a family and of our life together in this remote house on the edge of the forest.
Strawberries have a special place in my heart, probably because their season coincides with the time of my birth. When my mom was pregnant with me, her gynacologist told her to stay away from strawberries as they could potentially be full of parasites. My mom did not listen. Both she and I craved strawberries. It was the season, after all, and her genetic memory told her (and me inside her womb) to devour as many as she could. 
Once I was out of the womb, strawberries became associated with birthday gifts and celebrations. They were on every birthday cake I ever had and I distinctly remember being dressed in a blue-and-white striped dress for my birthday and taking a strawberry cake with me to kindergarten to share with my friends. As I got home, the dress was full of red spots and essentially ruined. But that did not matter, I did not like dresses anyway.
***
A lot has changed since then. I now like wearing dresses and strawberries can be bought fresh or frozen all year round. The house and garden where I grew up are both gone from my life. Strangers live there now and what I call home nowadays only exists in my memory. And although we still get together at Christmas and although my parents still have those flat glass bowls, we will never be able to have these strawberries again. It could never taste the same, so we don’t even try.

Am Fluss

Wir saßen auf der Wiese am Fluss und redeten über dieses und jenes. Rissen Grashalme aus und warfen sie aufs Wasser. Sangen uns gegenseitig unsere Ohrwürmer vor und erzählten vom Leben im allgemeinen und im besonderen. Auf einmal hieltest Du mir Deine Hand in, auf der ein seltsames, großes gelbliches Insekt saß. Wir hatten so etwas beide noch nie gesehen und waren irritiert. Du machtest Anstalten, es wegzuschnipsen und ich dachte: “Mach, dass er es nicht tötet. Ich möchte nicht, dass er so jemand ist.” Du setztest das Tier vorsichtig ins Gras neben uns. Ich lächelte von außen und innen und bemerkte eine winzige Spinne auf meiner Hand. “Schau, was ich hier habe!” Du zucktest angeekelt zusammen und schütteltest Dich, während ich das Tierchen unauffällig und schnell außer Sichtweite schaffte. Dann beschlossen wir, weiterzulaufen, da Deine Pollenallergie sich bemerkbar machte. Man kann halt einfach nicht alles haben…