Reisetagebuch 5. September 2019 – Baratti #loosinterrail #wmdedgt

Es ist der 5. und wie jeden Monat ruft Frau Brüllen zum Tagebuchbloggen auf. Die anderen Beiträge zu “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” findet Ihr hier.

Ich erwache, nachdem ich unglaublicherweise mehr als acht Stunden durchgeschlafen habe. Es ist wirklich so still draußen, wie erhofft. Abends noch ein paar Grillen, morgens ein paar Vögel, ansonsten absolute Ruhe. Der erste Zug fährt erst durch, als ich schon wach bin. Ich lese mich gemütlich durchs Internet und stehe dann gegen acht auf, ziehe mich an und gehe hinunter ins Café, um zu frühstücken. Zum Cappucino gibt es heute gleich zwei Cornetti – eins alla crema und eins mit Aprikosenmarmelade. Ich kann mich nämlich erstens nicht entscheiden und zweitens plane ich einen langen Tag am Strand, da kann man ruhig bisschen auf Vorrat essen. Nebenan hole ich mir dann noch ganz ehrgeizig la Repubblica, zwei Pfirsiche für den Tag (ich sag ja, ein pfirsichlastiger Urlaub) und einen Liter Aprikosensaft. Und dann geht es los Richtung Strand.

Der Weg dorthin dauert zu Fuß eine halbe Stunde und führt vorbei an Feldern, Olivenhainen, Pinienwäldern, Zypressenalleen und Bambusstauden. Ich treffe die drei Katzen vom Vortag wieder – alle auf einem Haufen und ansonsten leider vielen Autos. Der Weg ist nämlich eine gewöhnliche Landstraße, die wenig Raum für Fußgänger*innen lässt. Ich werde ziemlich merkwürdig angestarrt, weil ich dort einfach so langlaufe. Besonders unangenehm ist ein Kreisverkehr, der wirklich nicht vorsieht, dass man ihn zu Fuß bewältigt und dann eine einspurige Straße, auf der sich natürlich in beiden Richtungen Autos bewegen. Interessanterweise habe ich das Gefühl, die Autos mit deutschen Kennzeichen sind weniger überrascht und rücksichtsvoller als die mit den italienischen, die oft ziemlich nah an mir vorbeibrausen, während die deutschen oft langsamer werden oder sogar proaktiv ausweichen.

Ich bin jedenfalls ganz froh, als ich gegen halb zehn am Strand ankomme, der dann auch noch ziemlich leer ist, und mir ein schönes schattiges Plätzchen unter Pinien aussuchen kann. Dann geht es natürlich gleich erstmal ins Wasser und auf einmal bin ich wieder acht Jahre alt. Damals, vor 28 Jahren, habe ich nämlich an genau diesem Strand endlich richtig schwimmen gelernt. Der Untergrund ist sandig, bis auf ein paar größere Felsen, die man aber gut sehen kann. Es geht ganz sanft hinein und es gibt mehrere Sandbänke, so dass mein heutiges 1,80 m großes Ich eigentlich sogar überall bequem stehen kann. Damals musste ich mich schwimmend von Sandbank zu Sandbank bewegen, was aber ziemlich gut ging, da das Wasser hier ja anders als in der mir damals bekannten Ostsee so salzig ist, dass es einfach trägt, wenn man sich reinlegt und stillhält. Wobei die Ostsee das ja auch tut, das konnte ich nur damals noch nicht glauben – oder ich konnte einfach nicht stillhalten. Hier jedenfalls habe ich damals gelernt, dass ich nicht untergehe, egal was passiert und das gab mir dann den Mut, loszulassen und echte Schwimmzüge zu machen.

Auch sonst hatte der Strand damals viele neue Erfahrungen zu bieten, etwa Sand, der der heiß ist, dass man nicht barfuß auf ihm gehen möchte – das ist heute dank sanfter Brise sogar möglich, anders als neulich in Genua. Oder dass es ein Pinienwäldchen direkt am Strand gibt, wo man im Schatten liegen oder seine Hängematte aufspannen kann. Oder die fliegenden Händler, die ständig vorbeikommen und ihre Waren anpreisen. Die sind heute auch wieder in rauen Mengen vorhanden und im Wesentlichen haben sich die Waren in den 28 Jahren kaum verändert: Tücher, Strandspiele, Schmuck. Der Eismann hat neuerdings auch Kokosnüsse dabei und es gibt auch eine Händlerin, ansonsten ist alles wie damals.

Nur kann ich inzwischen etwas besser Italienisch und interessiere mich für Politik. Deswegen versuche ich mich an der Zeitung. Auf den ersten Seiten geht es natürlich um die Regierungsbildung und das neue Kabinett, da komme ich noch einigermaßen mit. Für den Rest fehlt es mir dann aber an Ehrgeiz und Hintergrundwissen. Außerdem bratzt die Sonne inzwischen ganz schön und ich gehe ein zweites Mal ins Wasser. Dann lese ich weiter – im Reiseführer und in Goethes “Italienischer Reise” – und bekomme irgendwann Besuch von einer Eidechse, die schon fast auf meinem Handtuch steht, als ich sie bemerke. Bis ich das Handy fotobereit habe ist sie allerdings schon fast wieder weg.

Irgendwann döse ich ein und schlafe nochmal fast ein Stündchen – ich habe wirklich eine Menge Schlaf nachzuholen. Danach geht es ein drittes Mal ins Wasser (und später noch ein viertes Mal). Ich verzehre über den Tag verteilt meine beiden Pfirsiche und trinke den Aprikosensaft aus. Nebenbei plane ich ein wenig an den nächsten Tagen herum und buche mir eine kostenpflichtige Reservierung, damit ich morgen schon etwas früher aufbrechen kann. Das Dorf ist wirklich sehr klein und wenn ich ausgecheckt habe, gibt es nicht mehr viel zu tun. Außerdem ist Goethe gerade in Rom unterwegs und da will ich ja morgen auch hin.

Kurz nach um fünf verlasse ich dann den Strand, als die Sonne nämlich so weit herumgekommen ist, dass ich ihr nicht weiter ausweichen kann. Meine Beine haben unterhalb der Knie schon Sonnenbrand. Also packe ich meine sieben Sachen und laufe den gleichen Weg wie heute morgen zurück zur Unterkunft. Duschen, Haare waschen, Handtuch, Pareo und Bikini zum Trocknen aufhängen… Und dann liege ich noch auf dem Bett herum und lese weiter, bis meine Haare wieder trocken sind.

Gegen sieben gehe ich runter zur Pizzeria und bestelle mir eine Pizza “Super Ago” mit Tomaten, Mozzarella, Kochschinken, frischem Gemüse (Paprika, Zucchini und Auberginen) und Oliven. Dazu gibt es eine Zitronenlimo. Authentisch wäre Bier gewesen, aber nach all der Sonne habe ich keine Lust auf Alkohol und immerhin gibt es eine Limonadensorte, die nicht zu Coca Cola gehört.

Die Pizza macht mich schon wieder sehr müde und gegen acht wird es nach Sonnenuntergang dann auch schon recht fröstelig draußen, so in T-Shirt und Rock. Ich mache mich auf den Heimweg und denke: Gut, dann fahre ich halt morgen weiter in den Süden. Ich mache mich direkt bettfertig und lege mich hin, verbringe dann aber noch zwei Stunden mit Lesen und Schreiben, bevor gegen zehn dann das Licht ausgeht.

 

Reisetagebuch 1. September 2019 – Von Berlin nach Genua #loosinterrail

Der Wecker klingelt morgens um 4 und reißt mich unverhofft aus meinen Träumen – dabei war ich doch zwischendurch schon dreimal wach, seit ich gegen 21 Uhr ins Bett gegangen bin. Sei’s drum, jetzt wird es ernst! Ich kuschele kurz mit Nimbin, der wie immer morgens neben mir liegt und sammle meine Gedanken. Dann stehe ich auf, mache mich fertig, verstaue letzte Utensilien im Rucksack und schmiere mir eine Stulle für den Weg. Dann noch Katzen füttern, Blumen gießen, Noosa verabschieden und schon geht es los – vollbepackt mit großem Reiserucksack auf dem Rücken, kleinem Tagesrucksack vor der Brust und schwerem Proviantbeutel – 3 l Getränk plus 0,5 l Grießbrei mit Rosinen, Käsestulle, Gurken, Tomaten, Studentenfutter – in der Hand. Der Sommer ist so langsam vorbei, es ist noch stockdunkel in Berlin. Allerdings bin ich nicht alleine auf den Straßen, denn in Berliner Zeitrechnung ist es natürlich noch Samstagnacht und nicht etwa Sonntagmorgen. Am S-Bahnhof und in der Ringbahn begegne ich Partymenschen auf dem Weg zur nächsten Location oder nach Hause ins Bett, während mein großes Abenteuer gerade beginnt.

Am Gesundbrunnen steige ich mit wenigen anderen Leuten in einen leeren ICE ein und suche mir ein gemütliches, nicht reserviertes Plätzchen. Eigentlich wollte ich ja noch eine Weile schlafen, aber der Zug hält erstmal noch am Hauptbahnhof und in Südkreuz, wo jeweils viele Menschen zusteigen und dann ist in der Dreiviertelstunde bis Wittenberg auch noch Fahrscheinkontrolle. Also wird es erst einmal nichts mit dem Schlafen. Stattdessen lese ich (Stefan Zweig – „Schachnovelle“) und denke an das Fräulein, dem ich vom Wittenberger Bahnhof aus hinüber zum Friedhof zuwinke. In Gedanken nehme ich es mit auf die Reise, denn bei unserem letzten Treffen im März hatten wir noch darüber gesprochen, ob wir nicht ein paar Stationen davon gemeinsam befahren wollen…

Ungefähr bei Leipzig hole ich dann mein Essen heraus, nach drei Stunden Wachsein kann man ruhig mal frühstücken. Erstaunlicherweise ist mir eher nach dem herzhaften Teil des Proviants, gibts den Grießbrei eben später. In den nächsten Wochen werde ich ja sowieso vorwiegend süß frühstücken. Kurz nach dem Essen ist die Novelle ausgelesen, stattdessen schnappe ich mir den Reiseführer und lese mich ein wenig zu Genua und Ligurien ein und überlege, wie es danach weitergehen soll auf meinem Interrail-Trip durch Italien. Als ich genug vom Lesen habe, schaue ich nach draußen und befinde mich ganz offensichtlich im „grünen Herzen Deutschlands“. Ein kurzer Blick auf die Karte verrät mir, dass wir Thüringen dabei sogar schon verlassen haben und uns bereits in Hessen befinden. Wie erwartet, überkommen mich dabei ein paar traurige Gedanken an jemand anderen, der mich eigentlich auf zumindest einen Teil dieser Reise begleiten wollte, bis dann doch alles anders kam. Bevor ich zu sehr ins Grübeln verfalle, schnappe ich mir meinen Laptop und schreibe diesen ersten Teil des Reisetagebuchs – nicht ohne dabei auch ein bisschen Licht und Liebe nach Wo-auch-immer-Du-gerade-bist zu senden.* Vielleicht liest Du ja hier noch ab und zu mit, das wäre schön!

In Frankfurt wird es ein bisschen spannend: Wir fahren mit fünf Minuten Verspätung los, die sich bis Mannheim noch auf acht Minuten ausdehnen. Dabei habe ich doch in Mannheim planmäßig nur neun Minuten Umsteigezeit! Die Schaffnerin meint, das würde wahrscheinlich klappen, da der Zug nach Basel direkt vom Nachbargleis fahre und auch „der halbe Zug“ den nehmen möchte. Na gut. Kurz vor Mannheim dann Alarm: Auf dem Display im Zug steht, der Anschlusszug warte nicht. Ich wundere mich nicht, fährt er doch in die Schweiz und wir wissen ja alle, wie wenig die Schweizer*innen Verspätungen schätzen. Das Gute: Der nächste Zug nach Basel fährt nur zehn Minuten später und mit dem erreiche ich immer noch meinen Anschlusszug, auch wenn sich dafür dann die Umsteigezeit in Basel auf sportliche acht Minuten reduziert. Doch es kommt alles anders – der Anschlusszug steht noch da, als wir in Mannheim einfahren und da sofort alle rüber sprinten, kann man wohl nicht anders, als sie an Bord zu nehmen. Am Ende fährt der Zug mit knapp zehn Minuten in Mannheim los, holt diese aber bis Basel fast vollständig auf.

Auf dem Weg fahren wir übrigens durch Offenburg, wo ich in Gedanken an eine tolle Hochzeit schwelge und den beiden Bräuten, die inzwischen ja auch in Berlin leben, Grüße sende. In Basel begrüßt mich dann zunächst eine SMS, dass ich für jeden Tag, an dem ich mein Telefon nutze, automatisch 5,99 € Roaming-Gebühren zahle. Ach richtig, da war ja was. Hallo Schweiz, hallo Nicht-EU-Ausland! Ich bleibe nur vier Stunden, aber da ich ansonsten heute recht sparsam lebe, zahle ich die Gebühren gerne und bleibe weiterhin mit den lieben Menschen nah und fern verbunden. Auch hier steht mein Anschlusszug bereits wieder auf dem Nachbargleis, dabei hätte ich diesmal eine Viertelstunde Umsteigezeit gehabt. Ich dachte ja, dass das alles ganz schön knapp ist, aber scheinbar ist die App, die zum Interrail-Ticket gehört ganz schön clever und stellt mir keine Verbindungen zusammen, die man nicht schaffen kann. Im nächsten Abschnitt geht es im gemütlichen Vierersitz, den ich ganz für mich allein habe (sehr angenehm, nachdem ich mir im letzten Zug das Abteil mit drei Erfurter Wandervögeln teilte), mit Panoramablick einmal quer durch die Schweiz – bis nach Lugano. Schnell stelle ich fest, dass schräg gegenüber dafür jetzt vier Aachener Wanderfreundinnen sitzen, die sich in schönem Dialekt über Diät-Tipps austauschen. Ich löffele stumm meinen halben Liter Grießbrei mit Rosinen und schaue aus dem Fenster in die Schweizer Landschaft.

Die wird irgendwann nach Luzern dann richtig alpin. Schroffe Felswände, wolkenverhangene Gipfel, riesige Gletscherseen. Irgendwo am Vierwaldstädtersee (kurzer Gedanke ans Exil der Familie Mann und mit den Manns auch wieder ans Fräulein – ach…) ist mein 2-l-Tetrapak Eistee alle, es ist gerade einmal kurz nach 15 Uhr und ich habe bereits 2/3 meines Getränkevorrats geleert. Zusätzlich zu dem halben Liter Wasser, den ich morgens nach dem Aufstehen getrunken habe. Ein wichtiges Learning für die Rückfahrt, bei der ich allerdings ingesamt 27 Stunden unterwegs sein werde – keine Ahnung, wie ich das dann löse, aber darüber kann sich Zukunftsloosy Gedanken machen. Gegenwartsloosy hat noch einen Liter Wasser in ihrer Trinkflasche und teilt sich den jetzt am besten gut ein, dann muss sie auch nicht so oft auf Zugtoiletten. Mit der Alpiniizität kommen neben schönen Bergen und Seen leider auch viele Tunnel, so dass das Hinausschauen zwischendurch immer wieder wenig ergiebig wird. Gelegenheit, hier weiter zu schreiben und außerdem auch weiter zu lesen. Ich bleibe erstmal bei Stefan Zweig, jetzt sind die „Sternstunden der Menschheit“ dran. Merke: Wer alleine reist, kann viel lesen. Und wer wenig schleppen will, der kann sich für den E-Reader diverse Klassiker der Weltliteratur für umsonst oder einen schmalen Taler besorgen.

Nach einem besonders langen Tunnel, der fast für eine komplette Sternstunde reicht, sind alle Beschriftungen vor dem Zugfenster auf einmal auf Italienisch – wir haben das Tessin erreicht! Ab jetzt fühlt sich diese Reise wirklich nach Urlaub an. Nur noch einmal umsteigen vor Italien, und zwar in Lugano. Auch jetzt sind es wieder nur neun Minuten Zeit, aber diesmal mache ich mir keine Sorgen, denn noch sind wir in der Schweiz und bei der SBB CFF FFS gibt es keine Verspätungen! In Lugano war ich übrigens schonmal – irgendwann in den 90ern auf der Durchreise nach Frankreich, meine ich, wirklich erinnern kann ich mich nicht mehr – nur an einen großen See, das kann aber auch der Lago Maggiore gewesen sein, denn übernachtet haben wir damals in Locarno. Lugano ist auf jeden Fall bereits südlich der Alpen, das merke ich beim Aussteigen sofort – die Sonne hat eine ganz andere Kraft, die Luft fühlt sich anders an und der Himmel ist irgendwie viel blauer. Zeit, die Sonnenbrille rauszuholen! Nach den angepeilten neun Minuten geht es gemütlich mit dem Bummelzug (17 Stationen in 75 Minuten) über die Grenze und nach Mailand.

Genau am Grenzbahnhof in Chiasso höre ich das erste charakteristische „Allora…“ von einer Mitreisenden und merke, wie ich mich instantan entspanne. Italien, da bin ich wieder! Für einen Moment fallen alle Lasten der letzten Wochen von mir ab und ich fühle mich ausgeglichen und angekommen. Gleich fange ich an, meine nächsten Mahlzeiten zu planen und der Gedanke, dass ich in den nächsten drei Wochen täglich nur drei Dinge klären muss (Wo schlafe ich? Was esse ich? Wann sehe ich das Meer?), malt mir ein dickes Grinsen ins Gesicht. Ich fange an, um mit Eat Pray Love (siehe *) zu sprechen, mit meiner Leber zu lächeln und das scheinen mir beste Voraussetzungen für diesen Urlaub zu sein.

Eigentlich wollte ich ja in Mailand die 35 Minuten Aufenthalt nutzen, um gemütlich einen Aperitivo zu trinken und die Wahlprognosen aus Sachsen und Brandenburg zu verarbeiten. Allerdings bin ich ja jetzt in Italien und damit sind die Züge wieder nicht so pünktlich. Außerdem muss ich bis zum allerletzten Gleis laufen, um meinen kleinen regionalen Bummelzug zu finden und dann wird es mir doch zu hektisch. Ich sitze also im Zug, als ich die Wahlprognosen lese, ohne Alkohol. Im ersten Moment freue ich mich, dass die AfD in keinem der beiden Länder stärkste Kraft geworden ist. Im zweiten wird mir klar, wie viele Menschen sie gewählt haben und was das für die Landtage, die Parteienfinanzierung und das allgemeine Lebensgefühl in Sachsen und Brandenburg bedeutet. Heidewitzka. Kleiner Lichtblick: Die wahrscheinlichste Koalition bedeutet in beiden Ländern, dass die Grünen demnächst mitregieren. In noch zwei Ländern. Im Osten. Und Brandenburg wird das nächste R2G-Land. Perspektivisch eigentlich eine ganz schöne Aussicht… Wenn dann bei der nächsten Wahl die Protestwählenden wieder umschwenken (sollten), dann sind die AfD-Ergebnisse bestimmt immer noch viel zu hoch, aber vielleicht dreht sich der Trend dann trotzdem deutlich. Immer optimistisch bleiben!

Apropos optimistisch, bei der Ausfahrt aus Mailand habe ich keine Sorge mehr, heute Abend nicht mehr ausreichend Essen in mich hineinschaufeln zu können. Reisen macht hungrig. Oder in Italien sein. Jetzt muss ich nur noch ein nettes Lokal in Hostelnähe finden, das am Sonntagabend geöffnet hat. In Genua angekommen ist es bereits dunkel. Google Maps bringt mich zuverlässig zu meinem Hostel, das abseits der Via di Prè liegt, einer langen, sich windenden Gasse, in der auch am Sonntagabend das Leben tobt. Ein kleines Lädchen liegt hier neben dem anderen, dazwischen Imbisse, Restaurants und Cafés. Vor allem Schwarze Menschen in traditionellen afrikanischen Gewändern prägen das Straßenbild und scheinen dabei perfekt italienisiert: Stehen vor den Geschäften und unterhalten sich mit Passant*innen und Nachbarinnen, während ihre Kinder noch im Dunkeln draußen auf der Gasse spielen. Mal gucken, ob der Rest von Genua auch so multikulturell ist! Unterwegs werde ich von einer weiteren Backpackerin angesprochen, die ebenfalls mein Hostel sucht, aber kein Datenpaket für ihr Handy hat. Da kann ich helfen – danke EU! Im Hostel geht dann alles italienisch langsam, der Typ an der Rezension hat alle Zeit der Welt, als er mich eincheckt, nebenbei telefoniert, meinen Personalausweis abschreibt, Bezahlung, Kurtaxe und Schlüsselpfand verlangt, Bettwäsche heraussucht, meinen Schlüssel heraussucht, die Hostel-Regeln erklärt und mir dann mein Zimmer zeigt. Währenddessen drückt der Rucksack immer mehr auf meine Schultern und mein Magen hängt in den Kniekehlen.

Mein Zimmer ist dann überraschend nett, ich habe ein Doppelbett mit fester Matratze und eine Klimaanlage mit akustisch angenehmem Schlafmodus. Das Bad ist gleich um die Ecke und ich teile es mir nur mit den Bewohner*innen des 4er-Zimmers nebenan. Kann man machen! Nach kurzem Frischmachen laufe ich dann mit leichtem Gepäck hinaus in die Genueser Nacht – es wird Zeit für das Einstandsdinner! Bereits im Vorfeld habe ich mir eine gut bewertete Trattoria mit ligurischer Küche in der Nähe ausgesucht. Interessant und auch schon woanders in Italien so gesehen: Von der Straße aus blickt man erst einmal in einen sehr kleinen, familiären Gastraum, in dem gefühlt nur die Familie der Betreiber*innen sitzt und freut sich, dass man so ein authentisches Lokal gefunden hat. Kommt man aber dann hinein, wird man durch einen Bogen in den weitaus größeren Gastraum geleitet, an dem dann deutlich mehr Menschen sitzen und es gastronomisch professionell zugeht. War aber trotzdem immer noch sehr nett da und neben Tourist*innen waren auch viele Italiener*innen am Start.

Ich beginne meinen „Eatalien“-Urlaub mit Antipasti vom Meer und einem Viertel vom weißen Hauswein, die beide gleich beim ersten Mundkontakt überzeugten. Im Ernst, wie kann etwas ganz einfaches gleich so viel besser schmecken als zuhause? Nun gut, das Meeresgetier ist sicher fangfrisch, die Tomaten italiensonnengereift und das Olivenöl von guter Qualität. Beim Wein spielt vielleicht auch das Urlaubsgefühl eine Rolle. Das muss ich in den nächsten Tagen mal beobachten. Als Hauptgang gönne ich mir dann noch die Trofie al pesto genovese, denn wenn ich schon in Genua bin, muss ich auch echtes Pesto essen! Und wow, ja, jetzt weiß ich, wie das eigentlich gedacht ist! Herrlich aromatischer Basilikum-Geschmack, eine sehr sämige Konsistenz, die aus der Verbindung mit viel stärkehaltigem Pastakochwasser kommen muss und interessanterweise gab es darin noch ein paar grüne Bohnen und Kartoffelstücke, die traditionell wohl eher nicht hineingehören, aber sehr köstlich waren und das Ganze noch aufwerteten.

Ich spare mir Nachtisch, Espresso und Digestif und gehe schnellen Schrittes und ganz ohne digitale Navigationshilfe zurück ins Hostel und direkt ins Bett. Nach 20 Stunden Wachsein schlafe ich recht unproblematisch zum weißen Rauschen der Klimaanlage ein.

 

*Gestern ganz klischeemäßig noch „Ich bin dann mal weg“ und „Eat Play Love“ auf Netflix gesehen. In letzterem gelernt: Es ist OK, jemanden zu vermissen. Dann einfach Licht und Liebe dorthin senden und weitermachen.

Hallo?

Ist hier noch wer? Ich war so lange nicht mehr auf meinem Blog, dass ich nicht einmal bemerkt habe, wie sich vor mehreren Wochen ein alter angefangener Entwurf als veröffentlichter Beitrag hier hereingeschlichen hat – wohl ein Synchronisationsproblem zwischen App und Web… Auch sonst werde ich gerade immer wieder gefragt, ob es mir gut geht und warum ich so still bin. Stimmt auch irgendwie, ich bin grad ganz schön still, aber vielleicht kann ich das ja jetzt auch mal wieder ändern, dachte ich mir.

Gründe fürs Stillsein gibt es eine ganze Menge. Zum Beispiel bin ich mit vielen Dingen beschäftigt, die sich nicht als Inhalt für ein öffentliches Blog unter Klarnamen eignen. Und da ich seit August einen neuen Job habe und jetzt hauptberuflich den ganzen Tag kommuniziere, sind meine Kommunikationsakkus abends dann auch so ausgebrannt, dass mir Energie, Inspiration und Muße fehlen, um die blogbaren Momente des Alltags in schöne Worte zu kleiden. Zudem haben mich die Ereignisse um den Tod einer Freundin, die in den Medien weite Kreise zogen, auch ein wenig verstummen lassen. Ich war ein wenig abgeschreckt, ein wenig verunsichert über Sinn und Unsinn der Bloggerei… Und mir fehlt jetzt auch einfach eine der Säulen, die stets für neue Inspiration sorgten.

Ich hoffe, dass ich trotz des neuen Jobs jetzt aber wieder öfter dazu komme, etwas hier hinein zu schreiben – vielleicht nicht jeden Tag, wie Anfang des Jahres großspurig angefangen und auch sehr lange Zeit komplett durchgezogen, aber doch möglichst ein wenig häufiger als zuletzt.

Was mir dabei durchaus helfen könnte, ist der Urlaub, den ich heute in zwei Wochen antreten werde. Dann geht es mit dem Interrail-Ticket drei Wochen lang auf große Fahrt und es gibt wahrscheinlich auch vieles zu berichten und erzählen. Einen genau fixierten Plan habe ich noch nicht im Kopf, anders als bisher will ich versuchen, mich ein wenig mehr treiben zu lassen. Daher verrate ich hier erstmal nur die erste Station, die einzige auch, für die ich tatsächlich schon eine Unterkunft gebucht habe: Die ersten beiden Septembernächte werde ich in Genua verbringen.

Ich bin sehr gespannt, was es mit mir macht, drei Wochen lang auf eigene Faust und ganz alleine unterwegs zu sein. Meine letzten Alleinreisen beschränkten sich immer auf wenige Tage und meist besuchte ich dabei Leute. Das längste waren mal zehn Tage, vor sieben Jahren in Spanien. Diese Reise endete allerdings damit, dass ich effektiv nur zwei oder drei Tage wirklich alleine war, weil ich jeweils zwei bis drei Tage mit Freundinnen verbrachte und in der Zeit, die dazwischen lag, auch noch neue Freund*innen kennenlernte und dann halt viel mit denen herumhing. Möglicherweise passiert mir das ja diesmal auch so, man wird sehen.

Wenn nicht, freue ich mich tatsächlich darauf, Zeit mit mir alleine zu verbringen und dabei nicht auf der Couch zu hängen oder in Berlin herumzulaufen, sondern tatsächlich unterwegs zu sein. Es gibt eine Menge zu sortieren in meinem Kopf und ich stelle mir das als eine gute Gelegenheit vor…

1000 Fragen zum Wochenstart

Nachdem ich heute in der Mittagspause zwischen Burrito und dem Reden über vergangene Zeiten darauf angesprochen wurde, dass ich ja täglich bloggen würde, muss ich das jetzt auch wieder ein bisschen durchziehen. Da heute aber außer besagter Mittagspause gar nichts Spannendes passiert ist, gibt es erstmal einfach die nächsten der 1000 Fragen.

Der Jawl fasst die Erklärung bei sich immer schön zusammen:

Die Fragen stammen übrigens übrigens ursprünglich mal aus dem Flow-Magazin, Johanna von pink-e-pank.de hat daraus eine persönliche Blog-Challenge gemacht und Beyhan von my-herzblut.com hat das PDF gemacht.

 

471. Würdest du bei deinem Partner bleiben, wenn deine Umgebung ihn ablehnen würde?

Das kommt sicherlich auf den Grund der Ablehnung an. Wenn der dafür sorgt, dass ich ihn auch ablehne, dann natürlich nicht. Wenn ich den Grund der Ablehnung nicht nachvollziehen oder nachempfinden kann, dann kann mir die Meinung meiner Umgebung natürlich herzlich egal sein.

 

472. Wann hast du zuletzt etwas gebacken?

Ich habe gerade Blätterteigtaschen mit Crème fraiche und Zucchini im Ofen.

 

473. Für welche Gelegenheit warst du zuletzt schick angezogen?

Das kommt darauf an, wie man schick interpretiert. Besondere Gedanken über das, was ich anziehe, habe ich mir zuletzt letzten Freitag gemacht, als mein neuer Job vor der ganzen Firma verkündet wurde. Aber das war nichts besonders Schickes. Ich glaube das letzte Mal bewusst schick gemacht habe ich mich für die letzte Weihnachtsfeier. Ansonsten schaue ich schon, dass meine Klamotten halbwegs zusammen, zu meiner Stimmung und zu mir passen.

 

474. Welche Redensart magst du am liebsten?

Spontan fällt mir als erstes ein: “Der frühe Vogel fängt den Wurm, aber die zweite Maus kriegt den Käse.”

 

475. Was ist auf dem Foto zu sehen, das du als Letztes aufgenommen hast?

Der Burrito von heute Mittag, auch das heutige Beitragsbild.

 

476. Findest du es wichtig, an besonderen Jahrestagen innezuhalten?

Zu einigen historisch bedeutenden Ereignissen, ja. Bei persönlich bedeutsamen Jahrestagen fände ich es meistens gar nicht so wichtig, aber das geschieht dann automatisch.

 

477. Was würdest du in einen Guckkasten kleben?

Bilder vom Meer.

 

478. Welche Cremes verwendest du?

An den meisten Tagen eine Tagescreme (meist die günstigste Bio-Hausmarke der umliegenden Drogerien), ganz selten wenn ich dran denke auch eine Nachtcreme (dito).

 

479. Wärst du gern körperlich stärker?

Manchmal schon, aber oft merke ich auch, dass ich körperlich stärker bin, als ich denke.

 

480. Findest du, dass jeder Tag zählt?

Im großen Ganzen und philosophisch betrachtet schon. Die Zeit geht so schnell vorbei, dass es sich gut anfühlt, aus jedem Tag etwas zu machen. Kleinteiliger betrachtet sind manche Tage aber auch einfach gar nicht so wichtig und wenn mal einer nicht so gut läuft, kommt halt zum Glück in den allermeisten Fällen irgendwann der nächste.

Ein neues Kapitel

Verrückt, mein letzter Blogpost hier war am 1. Juli und beinhaltete meine Pläne und Voraussagen für den Juli. Dafür, dass ich eigentlich schon seit Anfang des Jahres jeden Tag gebloggt habe, habe ich es in den letzten Wochen wirklich erstaunlich schlimm schleifen lassen. Es ist aber auch wahnsinnig viel passiert und vieles davon war und ist nicht blogbar. Jedenfalls hatte ich ganz selten mal sowohl die Muße, was aufzuschreiben und dann auch noch Inhalte, mit denen das Sinn machte. Vielleicht schaffe ich das jetzt ja wieder besser – es würde mich freuen.

Obwohl es jedenfalls gerade einmal Mitte Juli ist (Andererseits: Wo ist bitte die Zeit schon wieder hin? Der Sommer fliegt nur so vorbei!), hänge ich gedanklich schon mit mindestens einem Bein im August, denn der bringt Veränderungen mit sich, von denen ich mir noch vor wenigen Wochen nicht habe träumen lassen. Oder eigentlich seit Jahren nicht. Nachdem es jetzt seit Freitag endlich offiziell ist (Von der allerersten Idee über diverse Vorgespräche, die Entscheidungsfindung die offizielle Bewerbung, ein mehrstufiges Bewerbungsverfahren und dann noch das Aushandeln der Details bis hin zur Unterschrift des Vertrags und dem Verkünden der Neuigkeit im Unternehmen vergingen fast anderthalb Monate.), kann ich es ja jetzt auch hier im Blog verkünden: Ich fange im August einen neuen Job an. Ja, immer noch in der gleichen Firma – die wird mich so schnell nicht los -, aber nach nunmehr neun Jahren in einem mehr oder weniger kontinuierlichen Team und Aufgabenfeld kommt jetzt etwas völlig Neues auf mich zu.

Neues Team, neue Aufgaben, neue Verantwortung, neue Inhalte, neue Herausforderungen, neue Begleitumstände, neue Dienstreisenziele und neuer Gehaltszettel. Das ist super aufregend und schön, aber auch ein kleines bisschen einschüchternd, muss ich zugeben. Emotional nimmt mich dabei allerdings am meisten mit, nicht mehr offiziell Teil des besten Teams der Welt zu sein. Aber mir wurde eindrücklich versichert, dass ich das inoffiziell trotzdem bleiben werde und da mein neuer Schreibtisch nur wenige Meter von meinem alten entfernt steht, ist das gar nicht soooo unrealistisch. Zum Glück!

Vor dem Rest der Veränderungen stehe ich ziemlich ehrfürchtig. Gerade die ersten Wochen und Monate werden bestimmt ganz schön anstrengend. Deswegen versuche ich gerade, vorher noch möglichst viele Dinge zu erledigen, damit ich mich dann voll und ganz auf Arbeit und entsprechende Regenerationsmaßnahmen konzentrieren kann. Soeben habe ich meine Steuererklärung fürs letzte Jahr fertig gemacht und wenn das alles so korrekt ist, ist mein Urlaubsbudget dann auch gesichert. Im September habe ich nämlich gleich erstmal drei Wochen frei und kann nach dem ersten Monat in der neuen Position ein wenig durchatmen. Was ich dann genau mache, steht noch ein wenig in den Sternen, aber es wird auf jeden Fall wieder ziemlich viele Schienenkilometer, Zeit am Meer und gutes Essen beinhalten und ich werde bestimmt hier darüber berichten.

Außerdem habe ich noch einen Zahnarzttermin für vor August ausgemacht, in der Hoffnung, dass der keine wochenlangen Folgetermine nach sich zieht, und dann habe ich die lästigen Pflichten des Jahres eigentlich alle hinter mich gebracht, glaube ich.

Aufregende Zeiten werden das!

Im Juli werde ich…

Traditionell kommen hier ja am Monatsanfang immer die Pläne, Vorsätze und Vorhersagen für den Monat. Heute habe ich allerdings den Kalender umgeblättert und dann gleich noch durchgeblättert und festgestellt, dass ich so gut wie keine Pläne habe. Zum ersten Mal seit gefühlt immer stehen da keine Termine und ich werde mich da wohl irgendwie von Woche zu Woche durch hangeln und den Sommer genießen. Ist ja vielleicht auch mal ganz schön. Also, im Juli werde ich…

  • wenn es nicht zu heiß ist wieder regelmäßiger zum Sport gehen – morgen zum Beispiel
  • mit einer Freundin essen gehen
  • den Geburtstag vom Lieblingsnachbarn feiern (also wenn er den denn feiert und dazu einlädt – you know who you are!)
  • mit dem Betriebsrat in den Biergarten gehen
  • mit einer ehemaligen Mitschülerin die Mittagspause verbringen

 

Das war es an mehr oder weniger festen Terminen. Alles andere lasse ich auf mich zukommen. Schön wäre zum Beispiel:

  • Wochenenden außerhalb der Stadt zu verbringen – in Rostock, am Meer, am See…?
  • Ins Freiluftkino gehen
  • Einen Abend mit der besten Freundin verbringen
  • Freund*innen wieder treffen, die ich schon viel zu lange nicht gesehen habe, obwohl wir in der gleichen Stadt leben
  • Irgendwas mit Musik – Party oder Konzert? Diesen Monat steht bisher noch nichts an, das ist angesichts der letzten Monate mehr als unbefriedigend…
  • Vielleicht mal wieder beim Mobster Dinner vorbeischauen

 

Gucken wir mal, was der Monat bringt, wa? Ich hoffe ja auf sowas:

 

Eddie Vedder und Glen Hansard in der Max-Schmeling-Halle

Wow! Das war mal ein würdiger Abschluss der Geburtstagsfeierlichkeiten. Nachdem ich ja vor einer Woche, direkt an meinem Geburtstag, bereits ein absolut großartiges Bloc-Party-Konzert erleben durfte, gab es gestern dann noch einmal eine Steigerung mit dem Geschenk, das mir meine Eltern zum Geburtstag machten (Danke! <3): Ein Solokonzert von Eddie Vedder mit Support von Glen Hansard. Dass Letzterer dabei sein würde, erfuhr ich erst, nachdem die Karten schon lange gekauft waren und es steigerte meine Vorfreude auf den Abend immens. Ich mag zwar Pearl Jam echt gerne und auch die Solosachen von Eddie Vedder selbst – seine Coverversion von Masters of War und Without You vom Ukulelenalbum gehören zu meinen absoluten Lieblingssongs – aber ein richtiger Fan bin ich nun auch nicht. Dass dann also auch noch Glen Hansard dabei war – mir seit den frühen Neunzigern bekannt als Gitarrist der Commitments und natürlich später auch noch aus Once, von The Swell Season und als Solokünstler – verlieh dem Abend nochmal eine zweite, tiefere Ebene für mich. Leider durften keine Fotos und Videos gemacht werden, überhaupt sollten die Telefone das ganze Konzert über in der Tasche bleiben und andere Geräte waren gar nicht erst in der Halle erlaubt. Deswegen gibts auch kein Foto vom Konzert, sondern nur eins von davor:*

 

Es passiert ja glaube ich fast nie, dass schon der Support Act von den ersten Takten an frenetisch bejubelt wird, bei Glen Hansard war es allerdings so. Er stand ganz alleine auf der Bühne, meist mit einer Gitarre bewaffnet, bei einem Song an den Tasten und bei einem Song (Grace Beyond The Pines, Greta Thunberg gewidmet) sang er sogar A-capella. Trotzdem nahm er den ganzen Raum in seinen Bann. Sein Spiel, seine Stimme und seine Leidenschaft sind einfach atemberaubend. Leider gab es keine Zugabe, sondern dann eine langwierige Umbaupause, bis der zweite Wahnsinnssänger und -spieler des Abends die Bühne betrat. Auch bei Eddie Vedder selbst war die Stimmung natürlich von Anfang an am Kochen, allerdings begann das Konzert mit einem Instrumentalsolo des mitgebrachten Streichquartetts aus Amsterdam, das mit “Even Flow” die Show einleitete. Dann kam Eddie selbst und sobald seine Stimme den Raum erfüllte konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, was für eine Ehre und was für ein besonderer Augenblick es ist, mit zwei solch einmaligen Stimmen im selben Raum sein zu dürfen.

Mal mit Streichern, mal alleine mit Gitarre, E-Gitarre, Ukulele, E-Ukulele oder Tasteninstrument spielte sich Eddie Vedder durch Solo- und Pearl-Jam-Songs sowie diverse tolle Covers. Zwischendurch erzählte er immer wieder Geschichten, gab politische Statements ab (bei Glen Hansard ging es da vor allem um den Klimawandel und gegen G8, Eddie Vedder äußerte sich auch sehr explizit gegen Trump, für Geflüchtete und gegen die unerträgliche Situation an der mexikanischen Grenze, wo Kinder von ihren Eltern getrennt festgehalten werden, many fucks were given…). Ich bin wie gesagt keine Pearl-Jam-Expertin, aber einige Lieder habe ich natürlich trotzdem zweifelsfrei identifizieren können, wie etwa Wishlist und Better Man. Alive gab es auch – allerdings wieder vom Streichquartett gespielt und vom Publikum gesungen. Überhaupt wurde sehr viel mitgesungen und gefeiert, was Eddie Vedder sich auch explizit gewünscht hatte – einen Abend voller Freude und Zusammengehörigkeitsgefühl im Lichte all der schlimmen Dinge, die draußen vor sich gehen. Zwischendurch war er sogar zu Tränen gehört, als das Publikum nach einem Song gar nicht mehr aufhören wollte mit dem Wiederholen der Hookline – wäre ich eine bessere Pearl-Jam-Kennerin könnte ich auch sagen, wie er hieß, gekannt habe ich ihn auf jeden Fall…**

Großartig war dann, als Glen Hansard immer wieder zurück auf die Bühne kehrte und mit Eddie gemeinsam performte – teils sangen sie im Duett (z. B. ihren gemeinsamen Ukulele Song Sleepless Nights), teils übernahm Glen die Gitarre und ließ Eddie singen und im Publikum baden. Weil die Stimmung so großartig war, sangen sie dann auch noch gemeinsam Falling Slowly, was meine Glen-Hansard-Bucket-List von vorher noch abhakte und mich sehr glücklich machte. Auch sonst waren die “Cover”-Versionen ein Highlight. Gemeinsam performten sie den R.E.M.-Song It Happened Today, den sie gemeinsam mit Eddie in den Hansastudios aufgenommen haben und bei dem er immer an Berlin denken muss. Weitere Covers waren Wildflowers von Tom Petty, Should I Stay Or Should I Go von The Clash (auf der E-Ukulele), Here Comes The Sun von den Beatles und Isn’t It A Pity von George Harrison. Vor Here Comes The Sun erzählte Eddie von seiner engen Freundschaft mit Olivia Harrison, die angeblich auch da war. Was für ein Moment. Am Ende gab es dann noch Rockin’ In The Free World, das die Halle zum Kochen brachte (obwohl es wie alle anderen Songs auch ohne Schlagzeug und Bass performt wurde) und für meine Eltern der bestmögliche Abschluss war, da sie nächste Woche als nächstes gleich noch Neil Young live sehen werden.

Vorher habe ich von mehreren Seiten Bedenken gehört, ob sich Eddie Vedder solo – und dann auch noch bestuhlt – lohnt, hinterher kann ich sagen: Absolut! Gerne immer wieder!

*Natürlich konnte ich es mir doch nicht nehmen lassen, heimlich ein paar Songs aufzunehmen – allerdings rein akustisch und damit relativ blogungeeignet…

**Es war Black.