#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 15: Assisi, Monte Cucco, Fabriano und la Famiglia

(Wir erwachten am Morgen in unseren Backpacker B&B und hatten trotz der ländlichen Ruhe das Gefühl, wir hätten in einem Party-Hostel geschlafen. Der Dorm-Room lag nämlich genau neben unserem Zimmer und im Gegensatz zu den dicken Wänden nach außen hin waren die drinnen dann doch sehr dünn und hellhörig, die Türen schwergängig und laut und die anderen Gäste lange wach und äußerst beredt. Möglicherweise sind wir inzwischen dann doch zu alt für das Hostel-Leben. Findet zumindest der Hase, der ja immerhin auch nochmal 2,5 Jahre älter ist als ich.

Ein gutes Frühstück und das Streicheln von allen in Reichweite befindlichen Vierbeinern (neben diesen Ziegen auch die Esel, der Hund hielt sich versteckt) verbesserten dann unsere Laune und wir unterhielten uns auch noch kurz mit der Volunteerin, die gerade dabei war, die Olivenernte zu sortieren, da heute dann gepresst werden sollte. Sie freute sich schon, zum Mittagessen dann vom neuen Olivenöl kosten zu dürfen.

Wir hingegen fuhren weiter nach Assisi, wo wir zunächst den Wochenmarkt besuchten und uns mit Pecorino, Trüffelkäse und zwei Sorten Salami für Zuhause eindeckten. Dann stärkten wir uns jeder nach seinem Geschmack – der Hase mit einer deftigen Porchetta-Semmel, ich mit einer sonnengereiften Kaki. Hier mal das Vorher-Nachher-Bild, damit Ihr einen Eindruck bekommt, wie sowas eigentlich auszusehen hat – nördlich der Alpen bekommt man ja selten reife Kakis zu sehen und essen.

Danach machten wir uns an die Erkundung der Dinge, für die Assisi eigentlich bekannt ist. Schlauerweise ließ ich mein Telefon dabei im Auto liegen und habe daher keine Fotos davon gemacht. Nur für zwei Bemerknisse ließ ich mir das Hasenhandy geben, das leider nicht ganz so tolle Bilder macht. Zunächst stiegen wir hinauf zur Festung Rocca Maggiore, von der man einen schönen Blick auf die Umgebung hat. Da es allerdings ein wenig diesig war, konnten wir nicht nach Perugia schauen. Unterwegs liefen uns ein paar Nonnen mit Smartphones über den Weg, die wie wild Fotos machten, aber wie gesagt, ich hatte meins ja nicht dabei. Dafür gibt es zur Illustration hier ein schönes Foto von alten Kaugummis. Ob das die Geburt einer neuen Sekte ist, muss ich noch herausfinden…

 

Als nächstes sahen wir uns ein paar Relikte aus römischer Zeit an, einmal das Forum Romanum und dann den Tempel der Minerva, den man seltsamerweise noch nicht mit einer christlichen Kirche überbaut hat, wie sonst fast überall.

Der Rest der Stadt ist dann aber Christentumskult pur. Franz und Klara bestimmen das Stadtbild, die Souvenirläden und die Menschenströme. Zum Glück waren wir eine Woche nach San Francesco in der Stadt, so dass die Busladungen an Touristen, Pilgern und Normalgläubigen zwar viele waren, man aber noch einigermaßen treten konnte. Die Basilica San Francesco ist tatsächlich sehr beeindruckend. Im oberen Teil hauen einen die Fresken ordentlich aus den Latschen, im Hof des unteren Teils schauten wir uns eine Ausstellung über Erdbeben an, die hier in dieser Gegend immer wieder vorkommen, wie fast überall in Italien. Wir haben uns dann aber nicht in die etwa 150 m lange Schlange eingereiht, um dem Sarkophag vom ollen Franz unsere Aufwartung zu machen. Stattdessen bummelten wir zum Auto zurück, ließen uns von einem barfüßigen Benedektinermönch bequatschen, ihm ein paar Cent für gute Zwecke zu geben und fuhren dann hinauf zu den Höhlen, in denen sich Franz und andere zu religiösen Betrachtungen zurückgezogen haben. Wir kletterten durch die Höhle, die Franzens Schlafstatt beinhaltete und spazierten dann auf verschiedenen Wegen durch den Wald. Dort stößt man in regelmäßigen Abständen auf Altare und auf Schilder, die einen daran erinnern, dass man nicht zum Spaß hier ist, nicht picknicken darf und Ruhe, Respekt und Würde bewahren soll.

 

Als wir genug vom andächtig sein hatten (schöner Wald, Geschmack hatte Franziskus), fuhren wir durch den Regionalpark Monte Cucco. Dort geht es hoch oben und teilweise auf unbefestigten Straßen durch Berge und Täler, über Wiesen und durch Wälder und an diversen Kuhherden vorbei. Sehr zu empfehlen und leider auch ohne Foto… In einem kleinen Dorf bei Fabriano – und damit wieder in Marche und nicht mehr in Umbrien – besuchten wir dann “meine italienische Cousine” und ihren Freund. Die italienische Cousine ist die ehemalige Austauschschülerin, dir vor 8 Jahren bei meiner Tante und meinem Onkel lebte und diese als ihre deutschen Eltern bezeichnet. Wir sahen uns seit 5 oder 6 Jahren zum ersten Mal wieder und würden die nächsten Tage miteinander verbringen. Zunächst bekamen wir einen Schokoladentee und sprachen über dieses und jenes, dann besichtigten wir gemeinsam das kleine Städtchen Fabriano, das vor allem für die Papierherstellung bekannt ist.

Schließlich fuhren wir alle gemeinsam weiter zur Familie der italienischen Cousine, die in einem Vorort von Ancona lebt. Dort gab es dann typisch italienische Gastfreundschaft und ein tolles Abendessen mit Antipasti (eingelegte Artischocken, Caprese, diverse Käsesorten und Taralli), Couscous, geschmortem Gemüse, Omelette, Obst, Gebäck mit Gianduia-Creme und leckeren Likören. Zum Essen gab es erst den Rotwein, den wir mitgebracht hatten (den eigentlich geplanten Rotwein, Lacrima di Morro d’Alba, bekamen wir dann gemeinsam mit den Resten der Käsesorten, die dem Hasen so geschmeckt haben, als Geschenk übergeben) und dann einen Verdicchio Castelli di Jesi, beides Weine direkt aus der Gegend.

Wir erzählten viel – auf Deutsch, Englisch und Italienisch – und saßen noch bis weit nach Mitternacht zusammen. Schön, wenn man in der Fremde Familie hat!

#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 11: Bergfest mit Thermal-Wasserfall, Tuffstein-Hohlwegen und Vulkansee

Heute war tatsächlich schon Bergfest: Es lagen genau so viele Urlaubstage vor uns wie hinter uns und passenderweise erreichten wir im Laufe des Tages auch den südlichsten Punkt unserer Reise. Das habe ich übrigens so nicht geplant, aber manchmal ist es schön, solche Zufälle zu erkennen und wertzuschätzen.

Wir begannen den Tag mit einem ausgiebigen und sehr leckeren Frühstück mit Crostata und verschiedenen anderen Kuchen, Wurst, Käse und hartgekochten Eiern. Die deutsche Familie vom Abend zuvor war schon aufgebrochen, alle anderen saßen wieder mit am Esstisch. Ausgerechnet die beiden aus Alaska frühstückten am wenigsten – auch mit ihren fortschrittlichen und liberalen Ansichten und ihrer Neugier auf die Welt außerhalb der Staaten hatten sie schon nicht unseren Vorurteilen entsprochen. Nach dem Essen checkten wir aus und machten noch einen Spaziergang über den Weinberg der Familie, auf dem sie Sangiovese-Trauben anbaut, die zu verschiedensten Weinsorten vom Rosé bis zum berühmten Brunello di Montalcino verarbeitet werden.

Dann brachen wir auf und fuhren zuerst zur Abtei vom Sant’Antimo, die den Hasen besonders wegen der im Reiseführer beschriebenen Architektur mit Fabelwesenfiguren interessierte. Sie liegt ebenso wie der Agriturismo an der Via Francigena, der Frankenstraße, einem alten Pilgerweg nach Rom. Wir schauten uns die Fassade an, sparten uns den Eintritt fürs Innere und verbringen dann die meiste Zeit im Garten, der nach dem Vorbild und zu Ehren von Hildegard von Bingen angelegt ist. Außerdem gab es eine Katze zu streicheln und das ist natürlich immer ein Highlight. Überhaupt sind uns seit dem Agriturismo dann doch endlich viele viele Katzen begegnet, die es weiter im Norden irgendwie nicht so gab. Auch generell fühlen wir uns hier in Mittelitalien irgendwie wohler als oben im Norden (außer natürlich bei der Nonna und ihrer Familie, das war großartig!) – Landschaft, Mentalität und Katzendichte liegen uns hier mehr.

Nächster Tagesordnungspunkt ist der natürliche Wellnessbereich Fosso Bianco in Bagni San Filippo. Dort gibt es nämlich heiße Quellen und für ordentlich Geld kann man im Thermalbad einen Wellness-Tag oder -Urlaub einschieben. Oder man geht einfach nebenan in den Wald und badet im warmen Bach, der mit Wasserfall-Duschen und natürlich Whirlpools in verschiedensten Größen aufwartet und kostenlos ist. Das wussten außer uns natürlich noch viele andere Leute, aber das Gebiet ist so weitläufig und über verschiedene Ebenen verteilt, das wir ein ruhiges Fleckchen gefunden haben. Wir hielten allerdings nur die Füße ins Wasser, liefen ein wenig darin herum und ließen uns von der schwefelhaltigen Luft Atemwege und Poren frei machen. Leider ist der Farbton des Wassers auf den Bildern nicht so gut zu erkennen, aber wer schon einmal heiße Quellen gesehen hat, kann es sich vermutlich vorstellen. Dazu noch ein paar faule Eier pellen und ihr habt einen guten Gesamteindruck. (Interessanterweise störte mich der Geruch weniger als den Hasen, all die Besuche in Island scheinen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben).

 

Dann wollte der Hase unbedingt die Höhlenweg bei Pitigliano sehen. Auch die hat übrigens Frau Nessy bereits besucht und ausführlich beschrieben, diesmal war die Parallelität allerdings reiner Zufall und fiel uns erst hinterher auf. Wir haben die erste von ihr bewanderte Route gewählt. An der Stelle, wo sie waten musste, konnten wir jetzt im Herbst allerdings relativ locker unelegant über die Steine hüpfen stolpern – siehe neues Headerbild. Es ist übrigens sehr faszinierend, wie kalt es auf so einem Weg zwischen riesigen Steinwänden sein kann, selbst wenn es über 25 Grad sind und man selbst im schattigen Wald drumherum nicht fröstelt.

Nach der Mini-Wanderung fuhren wir dann noch zum Lago di Bolsena und damit nach Lazio – also quasi schon fast Rom! Es handelt sich um einen Vulkansee, was man unter anderem am schwarzen Sand am Seeufer erkennt. Dort warf der Hase zum ersten Mal in diesem Urlaub seine Angel ins Wasser und ich legte mich gemütlich an den Strand und las die Tausend Tage in Orvieto fertig, rechtzeitig, bevor wir nach Orvieto kamen. Sehr gut!

Das dauerte dann auch bis die Sonne schon ziemlich tief stand und es merklich kühler wurde. Zeit, aufzubrechen und unseren heutigen Agriturismo anzufahren, etwas außerhalb von besagtem Orvieto in Umbrien.

Wir bezogen unser Zimmer und kamen dann in den Genuss der typischen Agriturismo-Erfahrung: Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, die Familie isst auch direkt mit (wenn auch an einem anderen Tisch) und nebenbei läuft der Fernseher mit einer Spielshow à la “Heiteres Berufe raten”. Es gab Käse, Wurst, Knoblauchbrot, gefüllte Paprika und Bruschetta mit Leberpastete, Umbrichelli mit Pilzen und Salsiccia, Pollo cacciatore mit Oliven und Spinat und zum Nachtisch Torta al limone. Dazu reichte man einen ziemlich spritzigen Rotwein und Wasser. Wir verzichteten auf Kaffee und Grappa und gingen früh ins Bett. Dank schlechtem WLAN-Empfang mit Buch statt Handy. Auch mal schön.

#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 10: Gubbio, Pienza, Montepulciano und Montalcino

Heute morgen wachte ich vom lauten Rauschen der Dusche auf und wollte schon zum Hasen bemerken, dass die Wände hier aber sehr hellhörig seien, wenn man die Nachbarn so laut duschen hören könnte. Dann drehte ich mich aber doch nochmal um und döste weiter, bis irgendwann unsere Badtür aufging und der Hase halbnackt neben dem Bett stand. Ich glaube das war das erste Mal in diesem Urlaub, dass er vor mir wach war.

Wir aßen ein leckeres Frühstück mit lauter süßem Gebäck und Mirabellen- sowie Feigenmarmelade, alles hausgemacht im Agriturismo. Dann setzten wir uns ins Auto und fuhren los. Auf dem Plan standen heute vier bildhübsche Städtchen auf Hügeln, eins in Umbrien und drei in der Toscana, eins mit Renaissance-Architektur und drei noch mittelalterlich. Zunächst ging es nach Gubbio in Umbrien. Dafür fuhren wir erst einmal sehr viel durch Berge und Tunnel. Angekommen, besuchten wir erst einmal eine Bar, tranken Kaffee bzw. Zitronenlimo und verschafften uns einen Überblick über den mittelalterlichen Ortskern. Dann spazierten wir munter drauf los durch die Gassen, an gefühlten Milliarden Antiquitätengeschäften vorbei und hoch zur Kathedrale.

Nach Gubbio ging es dann noch einmal fast zwei Stunden über Berge und durch Tunnel, bis wir die Toskana erreicht hatten und alles wieder voller sanfter Hügellandschaften, Weinberge, Olivenhaine, Pinien und Zypressen war. Zunächst hielten wir in Pienza und dort direkt wieder in einer Bar (Kaffee und Aloe-Vera-Saft). (Man stelle sich dazu vor, dass wir jeden Bar-Besuch nutzen, um auf Toilette zu gehen, aber das schreibt sich halt so unvornehm). Die gesamte Innenstadt von Pienza ist Weltkulturerbe. Hier kam nämlich Papst Pius der II. her und der wollte unbedingt, dass seine Geburtsstadt eine Prachtexemplar der Renaissance-Baukunst wird. Innerhalb von drei Jahren ließ er den Dom und verschiedene weitere Gebäude hochziehen und legte dann per päpstlicher Bulle fest, dass zumindest der Dom nie verändert werden dürfe. Deswegen ist auch heute noch alles komplett erhalten.

Als nächstes fuhren wir “einen Hügel weiter” nach Montepulciano. Laut Reiseführer kann man hier besonders gut die Oberschenkelmuskeln trainieren und da ist etwas dran. Um in die Altstadt zu kommen, muss man von den ausgewiesenen Parkplätzen noch ziemlich viele steile Gassen oder gar Treppen bezwingen. Oben gibt es dann jede Menge Enotecas (besonders bekannt ist das Städtchen für seinen Vino Nobile) und Spezialitätengeschäfte sowie mittelalterliche Bauten und tolle Ausblicke weit über die Täler Val d’Orica und Val di Chiana.

Zuletzt statteten wir noch Montalcino einen Besuch ab, der Heimat des berühmten Weins Brunello del Montalcino. Auch dies wieder ein mittelalterliches Städtchen auf einem Berg voller Enotecas und toller Aussichten. Genau wie Pienza und Montepulciano hatten wir es bei unserem Toskana-Trip vor 3 Jahren verpasst, das wurde jetzt nachgeholt.

Langsam begann dann allerdings der Magen wieder zu knurren – immerhin hatten wir wohlweislich seit dem Frühstück nichts gegessen – und wir machten uns auf den Weg zu unserem heutigen Agriturismo, der etwas außerhalb des Ortes liegt und vor allem Wein – eben jenen Brunello, aber auch andere – produziert.

Zum Essen saßen alle Gäste gemeinsam an einer langen Tafel – außer uns noch eine deutsche Familie, ein Pärchen aus Alaska und eines aus dem Val d’Aosta. Es gab hervorragende toskanische Küche und eigenen Brunello, der eigentlich erst ab Februar verkauft werden darf, um sich Brunello nennen zu dürfen (dafür ist eine bestimmte Reifezeit vorgeschrieben). Deswegen ist er auch noch nicht in Flaschen abgefüllt und wir bekamen ihn direkt aus dem Fass.

Dazu teilten wir uns als Vorspeise eine mit Schafskäse überbackene Stulle, die mit Lardo (also dem Fett vom Schinken) belegt war. Dann gab es als Primo hausgemachte Picci – eine Art dicke Spaghetti, die allerdings mit den Händen geformt werden. Man zupft eine Menge vom Teig mit den Fingern ab und rollt diesen dann zu einer langen Wurst aus. Der Hase nahm die Pici mit einer Tomaten-Knoblauchsauce, für mich gab es sie mit Zucchini und Salsiccia. Als Secondo wählte der Hase geschmortes Wildschwein in einer würzig-aromatischen Sauce auf Tomatenbasis und ich hatte gegrilltes Rindfleisch. Beim Nachtisch wollte der Hase noch einmal überprüfen, ob die Panna cotta auch woanders so göttlich sein kann, wie gestern Abend (Spoiler: nein), und ich beschied mich mit den typisch toskanischen Cantuccini und Vinsanto. Hinterher gab es noch einen Grappa – für den Hasen pur, für mich aus dem Eichenfass.

Während des Essens unterhielten wir uns angeregt mit den anderen Gästen und den Betreibern des Agriturismo – und mit einer der fünf Katzen des Anwesens, mit der der Hase zwischendurch Bekanntschaft gemacht hatte. Die begleitete uns am Ende noch bis in unser Zimmer, ließ sich dort einmal hindurchführen, begutachtete unser Bett und wurde dann nach diversen Streicheleinheiten höflich wieder nach draußen komplimentiert.

#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 9: San Marino, Urbino und zwei Menüs

Heute trat dann tatsächlich der Ernstfall ein: Mittags und abends wurden jeweils drei Gänge gegessen. Dafür haben wir das Frühstück ausfallen lassen und zwischendurch “nur noch” ein Eis gegessen. Ich fürchte, nach unserer Rückkehr leben wir ein paar Wochen erstmal nur von Wasser und Brot, sowohl aus biologischen, als auch aus pekuniären Gründen…

Heute morgen sah San Benedetto ohne den Regen schon deutlich einladender und idyllischer aus als gestern und ich war fast traurig, dass wir keine Zeit hatten, die Wanderung zum Wasserfall eben heute anzutreten. Das kommt davon, wenn man die Übernachtungen im Voraus bucht: Einerseits verzettelt man sich unangenehm, andererseits ist man eben ein wenig unflexibel, wenn das Wetter nicht mitspielt. Egal. Wir fuhren ohne Frühstück und auf verschlungenen Pfaden (das Navi ist manchmal etwas kreativ in der Auslegung von “Straßen” erst die Berge hinunter und dann wieder hinauf – nach San Marino nämlich, die älteste Republik der Welt und unser “neues Land” für dieses Jahr. Auch diesen Grenzübergang bemerkte man kaum, nur hatten auf einmal die Autos andere Kennzeichen und die Damen und Herren von der Polizei hießen anders und trugen andere Uniformen.

Hoch oben in San Marino Città gab es für uns nicht nur wundervolle Ausblicke – immerhin Unesco Weltkulturerbe – sondern auch großartiges Essen. An der Piazza della Libertà hat Sternekoch Luigi Sartini sein Restaurant im ersten Stock – und dankenswerterweise auch eine preiswertere Osteria mit lokalen Spezialitäten für den schmalen Geldbeutel im Erdgeschoss. In dieser nahmen wir Platz und ließen uns – laut Lonely Planet – sanmarinesische Küche schmecken. Als Antipasto teilten wir uns verschiedene Cassoncini, frittierte Teigtaschen mit Käse, Feldkräutern, Squaquerone und Anchovi, Zwiebel und Salsiccia bzw. sautiertem Mangold. Beim Hauptgang entschied sich der Hase für die Passatelli mit Thymian und Pilzen und ich mich für den schwarzen Reis mit Kichererbsen, Pilzen, gratiniertem Gemüse und noch mehr Mangold. Beim Nachtisch streikte der Hase dann, ich hingegen genehmigte mir Vanilleeis mit Pfirsichen in Rotwein und Pistazien-Waffel. Den Kaffee nahmen wir hingegen beide dankend an, es hatte ja schließlich kein Frühstück und damit auch keinen Kaffee gegeben.

Nach dem Essen spazierten wir noch ein wenig durch San Marino und amüsierten uns über die Vorliebe der Einheimischen für Frauenstatuen mit nackten Brüsten. Dann stiegen wir wieder ins Auto und fuhren den Berg hinab – und später wieder hinauf – nach Urbino. Damit haben wir nun die Region Marche erreicht, auch für mich zum ersten Mal. Morgen verlassen wir sie zwar schon wieder, aber wir kommen im Laufe der Reise nochmal ausführlich zurück. Urbino ist vor allem als die Stadt der Renaissance bekannt. Im 15. Jahrhundert holte der damalige Herzog Federico da Montefeltro Künstler und Wissenschaftler in die Stadt und umgab sich so mit herausragender Kunst und Kultur und einer bedeutenden Universität. Außerdem ist Raffaello hier geboren, also weder die Praline noch der Turtle, sondern der Maler, nachdem beide heißen. Mir war Urbino vor allem als der Ort bekannt, an dem Luisa die Sommer ihrer Kindheit verbrachte und von dem ich von ihr schon viel gehört und gelesen habe. Ich weiß nicht mehr, ob sie die Gelateria empfohlen hatte, oder ob sie über den Reiseführer auf meiner To-Do-List gelandet war, aber jedenfalls holten wir uns bei unserer Passegiata durch Urbino ein köstlich-cremiges Eis.

In Urbino war dieses Wochenende ein großes Fest zu Ehren des Bio-Lebensstils und von ganzheitlicher Wellness. Ist also auch in Italien ein Trend. Wir freuten uns dabei besonders über den kleinen Markt, über den wir schlenderten, aber auf dem wir weder kosteten noch kauften. Außerdem interessant: Ein Laden für Cannabis-light-Produkte. Die sind in Italien gerade voll der Renner. Dank einer Lücke im Gesetz ist der Verkauf von Cannabis bis 0,2% THC erlaubt. Der Konsum hingegen nicht. Trotzdem boomt das Geschäft und auch Urbino hat einen Laden mit einer großen Auswahl direkt im Schaufenster.

Kurz nach Ablauf unserer Parkuhr, aber bevor dies jemand bemerkte, verließen wir dann Urbino in Richtung unseres heutigen Agriturismo, der weitab der Straße und inmitten von Natur liegt. Auf dem Weg dorthin sahen wir, wie Polizisten ein Auto angehalten hatten. Dessen Fahrer entpuppte sich später als Mitarbeiter des Agriturismo und unser Kellner für den heutigen Abend. Außer uns und einer weiteren Gästegruppe ist heute vor allem eine große Familienfeier hier vor Ort, die das komplette Restaurant einnahm. Wir und die anderen Gäste bekamen daher Tische direkt im Treppenhaus, ruhig aber rustikal. Dafür war die Speisekarte dann aber so überzeugend, dass wir entgegen unseres Vorsatzes, nur etwas leichtes zu essen, doch wieder schwach wurden und ein zweites Mal heute zum Menü griffen.

Als Vorspeise hatte ich einen hervorragenden Rindertartar mit Granatapfelsauce, gerösteten Haselnüssen und wildem Fenchel, während sich der Hase durch verschiedene Aufschnitt- und Käsesorten probierte. Dann gab es für ihn ein Perlhuhn nach Jägerart – das bedeutet hier: mit Pilzen, Rotweinsauce und Oliven – und diesmal für mich die Passatelli, mit Kichererbsen und Speck. Zum Nachtisch entschied ich mich für ein raffiniertes Tiramisù mit Pistaziencreme und der Hase schlemmte eine göttliche gekühlte Panna Cotta mit heißer Brombeersauce. Wir hätten trotz voller Mägen definitiv nochmal die doppelte Menge des Desserts essen können, so großartig war das. Und das ist dann eben wieder der Vorteil von langfristiger Planung: Man hat Zeit, zu vergleichen und sich das absolut Beste vom Besten auszusuchen…

#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 7: Bologna, “la grassa” (auch: #WMDEDGT)

Heute ist nicht nur Tag 7 unseres Urlaubs, sondern auch der 5., an dem Frau Brüllen fragt: “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” Das hier:

Unser AirBnB liegt im Zentrum von Bologna, so ist es nicht schwer, aufzuwachen. Direkt vor dem Fenster steht ein Glascontainer, indem die Restaurants und Bars der Umgebung morgens ihr Altglas loswerden. Auch unsere Gastgeberin wird früh wach und macht Musik an. Trotzdem ist es schon gegen 10, als wir aufstehen und das von ihr zubereitete Frühstück genießen. Es gibt Spiegelei, Speck, Würstchen, Toast mit Ricotta, Marmelade, und Kaffee, dazu einen Schluck Mangoldsaft zum “Detoxen” und Kokoswasser. Die irisch-jamaikanisch-italienische Sozialisierung schlägt also voll durch.

Dann duschen wir, ziehen uns an und brechen mit unserer Gastgeberin auf in die Stadt. Unterwegs fühle ich mich, als wäre ich mit Lorelai Gilmore in Stars Hollow unterwegs. Es ist ein einziger “Walk & Talk”, sie erzählt uns alles über alles und jeden und ständig halten wir irgendwo an, weil sie Bekannte getroffen hat oder in ihren Stammläden ihre Freunde begrüßen möchte. In einer kleinen Gasse angekommen, kauft sie in einem Laden Brot, in einem anderen Parmaschinken und Gorgonzola und in einem dritten Polpette in Tomatensauce mit Erbsen. Das alles nehmen wir dann mit in einen vierten Laden, der sich als die Osteria del Sole entpuppt, die bereits seit 1465 existiert.

Dort bestellt sie eine Flasche Weißwein und damit setzten wir uns dann an einen Tisch und essen und trinken. Nach einer Weile kommt ihre Tochter dazu, die gerade aus der Schule kommt. Die beiden brechen zu einem Termin auf und wir beide laufen alleine weiter durch Bologna, durch Straßen voller Marktstände, Lebensmittelläden, Bars und Restaurants. Essen ist wirklich überall in La Grassa, der Fetten. Wir sind dann aber doch schon rechtschaffen müde, vollgefressen und tipsy, so dass wir außerhalb der Stadttore einen Park aufsuchen und es uns dort eine Weile auf der Wiese gemütlich machen. Das ganze Essen muss ja verdaut werden, denn für den Abend war uns eine Kostprobe diverser Bologneser Spezialitäten versprochen worden. Der Hase nickt ein wenig weg und ich lese das Internet leer.

Als uns kalt wird, brechen wir auf und verlassen den Park. Am Ufer eines Sees treffen wir dabei auf mehrere Schildkröten. Wir laufen wir gemütlich auf verschlungenen Wegen zurück zum AirBnB. Dort läuft bereits der Fernseher und es wird eifrig zwischen Netflix und YouTube hin- und hergesprungen, bevorzugt zwischen verschiedenen Dokus über die Rolling Stones.

Der Soundtrack für den Abend ist also schonmal sehr gut, das Essen wird es erst recht werden. Unsere Gastgeberin verdient ihr Geld damit, für Leute zu kochen und heute bekommen wir einige der typischen Spezialitäten aus Bologna vorgesetzt. Es beginnt mit handgemachten Tortellini in Brühe, darauf folgen Gnocchi mit vier verschiedenen Käsesorten. Dazu gehört ein Sangiovese aus der Region. Dann folgen die Tagliatelle al ragù, die mit “Spaghetti Bolognese” wirklich gar nichts zu tun haben mit einem sehr leckeren Pinot Grigio. Zum Nachtisch serviert sie uns frische Ananas mit Sojasahne und Schokokekskrümeln.

Danach machen wir es uns faul auf dem Sofa bequem, ich blogge und der Hase und die Gastgeberin teilen sich das Couchkommando (die Fernbedienung). Der Abend endet mit dem Vorspielen von Lieblingssongs und -serien und wir fühlen uns ganz wie zuhause. Nur die Katzen fehlen.

#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 6: Von Weinen, Sterneköchen und der fetten Stadt

Über Garibaldis Bett kann ich nichts Schlechtes sagen, ich habe ausnehmend gut geschlafen, obwohl dann viel zu früh der Wecker klingelte. Die Nonna hatte nämlich gesagt, dass wir nicht zu früh frühstücken würden, sondern erst so gegen 8… Aber was tut man nicht alles, für so eine tolle Gastgeberin! Es gab leckere Frühstückseier, Kaffee, Tee, Zwieback, Butter und Johannisbeermarmelade.

“Ist Euch das genug?”

“Ja, das ist super!”

“Ich habe nichts anderes.”

Nach dem Essen saßen wir noch eine ganze Weile beisammen und sprachen über dieses und jenes. Zum Beispiel über die Unterschiede zwischen französischer und italienischer Küche.

“Wir Italiener respektieren die Zutaten, die Franzosen ertränken alles in Sahne.”

Und über die Familie im Trentino, die bei jedem ihrer Besuche danach verlangt, dass sie ihre Spezialsuppe kocht. Sie hat kaum das Haus betreten, da erinnern sie sie schon daran. Selbstverständlich habe ich mir das Rezept geben lassen. Nachdem ich die Zutaten von 18 Personen auf ein normales Maß herunter gerechnet habe, werde ich sie mal kochen und dann auch bestimmt darüber bloggen.

Dann verabschiedeten wir uns (nicht ohne zu versprechen, wieder zu kommen) und stiegen mit dem Nonnasohn hinunter in den Weinkeller. Er erklärte uns, wie dort in einem dreijährigen Prozess aus Trauben Schaumwein wird. Dann fuhren wir gemeinsam hinunter in den Ort und zum Weinkeller des Schlosses. Dort entstehen verschiedene Rotweinsorten aus lokalen Rebsorten sowie Merlot und Cabernet-Sauvignon. Wir bekamen die verschiedenen Stufen der Herstellung gezeigt und durften zwei Reifestufen verkosten – einmal ganz am Anfang, wenn der Wein noch sehr sprudelig ist, und einmal aus dem Barrique-Fass, wenn er schon ordentlich gereift, samtig und vollmundig ist.

Wir nahmen uns noch eine Flasche des Riservas mit und brachen dann Richtung Modena auf, da wir unsere Tischreservierung im Franceschetta58 nicht verpassen wollten, dem Bistro von 3-Sterne-Koch Massimo Bottura, der mit der großen Schwester des Bistros, der Osteria Francescana, die italienische Küche revolutioniert hat. Die Osteria können wir uns nicht wirklich leisten, da kostet das Menü schon ohne Wein bis zu 250 € pro Person. Im Bistro hingegen gibt es ein Mittagsmenü à la carte schon für 25 € pro Person, das war im Urlaubsbudget gerade noch so drin.

Die Sterneküche light war dann auch ziemlich lecker, aber wenn wir ehrlich sind, auch nicht besser, als was wir am Abend vorher gegessen hatten. Es gab vier verschiedene Sorten Brot, die tatsächlich außergewöhnlich gut waren – eine Art Polenta-Chip, ein Ciabatta, ein Sodabread mit Zwiebeln und Rosmarin und ein Milchbrötchen mit Fenchelsamen. Der Hase hatte dann einen Emilia-Burger (wir sind ja schließlich in der Emilia-Romagna) und lackierte Schweinerippchen mit Kartoffelcreme und ich hatte Tartar vom Bassano-Rind mit Schnittlauch, Senf, Joghurt, grünem Apfel und eingelegter Gurke und Maccheroni mit Kapern, Parmesan und einer Sauce aus Tomatensauce, Mandelmilch und geräuchertem Ricotta. Zum Nachtisch gab es für alle ein köstliches Tiramisù mit Kaffee-Sauce, die frisch angegossen wurde.

Nach dem Essen machten wir einen Verdauungsspaziergang durch Modena, bevor wir weiter nach Bologna fuhren. Dort erwartete uns unsere nächste AirBnB-Gastgeberin, die das komplette Gegenteil der Nonna war. Eine knapp 50-jährige Londonerin, halb Irin, halb Jamaikanerin und Single Mum, die seit Jahrzehnten in Bologna lebt und perfekt Italienisch spricht und kocht. Sie empfing uns mit lauter Musik und jeder Menge Tipps und Informationen über die Stadt, die Nachbarschaft und anstehende Veranstaltungen. Zur Begrüßung machte sie uns eine Piadina mit Schinken und Mozzarella und servierte uns dazu sardisches Bier.

Dann drehten wir noch eine Runde durch das Viertel, das auch an einem Donnerstagabend voller Leben war. Ganz Bologna feiert gerade seinen Stadtheiligen und war auf den Straßen unterwegs. Überall gab es Musik, Essen und Alkohol. Wir liefen durch die Gassen, sogen die Atmosphäre in uns auf und aßen dann zum Abendbrot doch nur noch jeder drei Kugeln Eis. Dann ging es verdientermaßen früh ins Bett, wo ich immerhin noch einen ausgefallenen Blogtext nachschob.

#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 5: Bergamo, Grumello und das Bett von Garibaldi

Das Schöne am Urlaub sind ja die ganz unverhofften Dinge – und von denen hatte Tag 4 einige zu bieten! Begonnen hat er allerdings wie erwartet mit einem sehr leckeren Frühstücksbuffet im Agriturismo. Neben den italienischen Frühstücksklassikern und Zugeständnissen an ausländische Gäste, etwa Müsli, Käse und Schinken, gab es auch köstliche Frittata, Apfelstrudel, Bruschetta, Tramezzino mit Ricotta, Schinken und Tomate und Schokokügelchen, allesamt eben so hausgemacht wie die Kirschmarmelade.

Wir langten ordentlich zu, dann checkten wir aus und fuhren nach Bardolino selbst hinein, trotz der Vorurteile des Hasen gegenüber dem Gardasee. Die wurden zwar zunächst alle bestätigt – deutsche Touristen in den besten Jahren allüberall – aber als wir dann direkt am Wasser waren und darin diverse Fische und darüber Möwen und Enten und die Aussicht auf die Berge bewunderten, da fanden wir den Gardasee dann doch ganz in Ordnung. So für ne halbe Stunde. Dann wurde es Zeit, gen Westen aufzubrechen.

Während der Hase uns chauffierte, schrieb ich mit seiner Kollegin F., deren Familie in der Nähe von Bergamo lebt und dort unter anderem selbst Spumante keltert und eine Enoteca betreibt. Ein Besuch im Weinkeller und in der Enoteca waren angedacht, daraus wurde dann eine ganze Menge mehr, was sich schon jetzt dadurch abzeichnete, dass ihre Nonna ausrichten ließ, sie würde sich schon auf unseren “qualifizierten” Besuch freuen und wir könnten gerne bei ihr übernachten. Bäm! Eigentlich war ja geplant, dass wir im Hotel übernachten würden.

Doch zuerst zog es uns noch nach Bergamo, das Frau Nessy im Frühling so wunderschön beschrieben hatte. Wir fuhren mit dem Funicolare hoch in die Città alta und spazierten dort durch Gassen, bewunderten die kulinarischen Schaufensterauslagen und naschten ein Eis in der von Nessy empfohlenen Gelateria. Alles wirklich sehr schön dort und der Hase hat schon auf dem Plan, irgendwann nochmal für länger hinzufahren.

Nach unserer kurzen Stippvisite machten wir uns dann auf den Weg nach Grumello del Monte, wo wie wir wussten die Nonna bereits wartete. Auf Empfehlung der Hasenkollegin parkten wir unseren Bao Bao am Schloss und “spazierten” dann den Berg hinauf, durch Weinberge und Olivenhaine, bis zum Bauernhaus der Familie. Und wie hinauf das ging – besonders das erste Stück war so steil, dass ich kaum vorankam, arge Probleme mit dem Atmen hatte und mehrfach versucht war, umzukehren. Oben angekommen wurden wir auch von mehreren Familienmitgliedern gefragt, warum bloß wir denn nicht mit dem Auto hochgefahren wären. Als ich über den steilen Hang klagte, witzelte der Hasenkolleginnenvater dann allerdings, das sei eben nicht Berlin und der Ort hieße nun mal nicht umsonst Grumello del Monte. Wo er Recht hat…

Doch zuerst wurden wir nur von der Nonna empfangen, einer unglaublichen Dame von ca. 80 Jahren, die leider nicht mehr gut zu Fuß, ansonsten aber topfit war. Als wir im Wohnzimmer Platz nahmen, fielen mir zuerst Handy und Laptop auf dem Schreibtisch auf, ein WLAN-Router war auch am Start. Die Nonna stammt ursprünglich aus dem Trentino, einer der Regionen Italiens, die früher zu Österreich gehörte und bis heute zweisprachig ist. Deswegen sprach sie auch ein nahezu perfektes Deutsch, obwohl sie die Sprache nur in der Schule gelernt hatte und in der Familie Italienisch, bzw. den örtlichen Dialekt, der in Richtung Laddino geht, gesprochen hatte und außerdem vor ca. 60 Jahren in die Gegend von Bergamo gezogen war. Immer wieder entschuldigte sie sich bei uns, wenn sie nach Wörtern suchen musste oder die Zeitformen und Artikel durcheinander brachte, während sie komplizierte Relativsätze über mehrere Zeitebenen und gefüllt mit Fachbegriffen aus Landwirtschaft, Geschichte, Geographie und Kulinarik sprach. Französisch und Englisch könne sie übrigens leider nur sehr wenig und besser lesen als sprechen… Bäm Bäm!

Die Nonna erzählte uns, wie sie damals mit ihrem Mann hierher kam, auf dem Grundstück vier alte Olivenbäume entdeckte und daraufhin anfing, Olivenbäume im großen Stil anzupflanzen. In guten Olivenjahren stellen sie bis zu 300 l Öl her, in den letzten beiden, die schlechte Jahre waren, waren es zusammen gerade einmal 80 l. Das Hauptgeschäft ist allerdings der Sekt/Schaumwein/Spumante, den sie aus Trauben aus dem Trentino im eigenen Weinkeller keltern. Den vertreiben sie bereits seit Jahrzehnten weit über die Grenzen Bergamos hinaus. So kam es auch, dass sie und ihr Mann diverse Reisen unternahmen. Sie fragte uns über unsere Reiseroute aus, lobte uns für die tolle Auswahl an Städten und gab uns Tipps, was wir uns anschauen und wo wir was essen sollten.

Als die Sonne unterging, standen plötzlich die Hühner vor der Tür. Sie würden jeden Abend Bescheid sagen, dass sie jetzt langsam ins Bett müssten und vorher bittegerne noch Abendbrot hätten. Wir gingen also zusammen hinaus, fütterten die Hühner, schlossen den Stall, sammelten noch ein paar draußen versteckte Eier ein (“für Euch morgen zum Frühstück!”) und dann pflückte die Nonna uns noch drei Zitronen als Geschenk. Dann war es Zeit, unsere Betten zu beziehen, damit alles fertig wäre, wenn wir vom Abendbrot in der Enoteca zurückkehrten. Und da kam dann ganz nebenbei heraus, dass in dem Bett, in dem ich schlafen würde, eine Zeit lang Garibaldi geschlafen hatte… Bäm Bäm Bäm!

Die Familienlegende besagt, dass der Onkel vom Onkel vom Nonno einst Priester (oder wahrscheinlich ein noch höherer kirchlicher Würdenträger, das korrekte Wort fehlte gerade) in Trentino gewesen wäre. Als Garibaldi mit seinen Truppen Trentino eroberte, kam der Priester ins Gefängnis und Garibaldi bezog dessen Haus und Bett. Später entschied der König, dass Trentino nicht interessant genug wäre und ruhig bei Österreich bleiben dürfte. Daraufhin kehrte Garibaldi nach Italien zurück, der Priester wurde freigelassen und erhielt Haus und Besitz wieder. Das Bett aber kam irgendwann zum Nonno und mit ihm nach Grumello, wo ich es nun benutzen durfte. Aufregend!

Langsam wurden wir hungrig, deswegen verabschiedeten wir uns und liefen wieder hinunter in den Ort, um in der Enoteca der Familie zu Abend zu essen. Unser Kellner war der Hasenkolleginnencousin, während ihr Vater der Inhaber der Enoteca ist und gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, einer Köchin und bei Bedarf mehr Servicepersonal den Laden schmeißt. Weil wir uns nicht so ganz entscheiden konnten, bekamen wir eine Mischung verschiedener Vorspeisen als Antipasti serviert: verschiedene Käse- und Aufschnittsorten, natürlich mit Brot und Olivenöl, sowie eine Art Quiche und gegrilltes bzw. gedämpftes Gemüse, das ungewürzt war und den puren, intensiven Gemüsegeschmack behalten hatte. Eine Offenbarung!

Als Primo bestellte der Hase sich Strozzapreti mit einer Sauce aus gelber Paprika, Saffran und Salsiccia und ich mir ein Risotto mit Champagner und Trüffeln. Zu all dem wünschte sich der Hase einen etwas Primitivo-artiges. Der Hasenkolleginnencousin brachte uns zwei Flaschen Primitivo aus Apulien, die eine eher klassisch, die andere biodynamisch und innovativ. Wir kosteten zunächst diese und besonders der Hase war sofort begeistert.

Als Secondo teilten wir uns dann gebackenen Oktopus auf Maiscreme mit rohen Gemüsewürfeln. Dazu müssten wir auf jeden Fall einen anderen Wein trinken, befand der Hasenkolleginnencousin und brachte uns einen Rotwein vom Ätna, der sehr leicht, spritzig und mineralisch war und perfekt zum Meeresgetier passte. Amüsiert berichtete er uns von einer Politikerin, die sich geweigert hatte, zu Fisch Rotwein zu trinken, bis sie diesen Wein gekostet hatte. Evtl. sei es Angela Merkel gewesen, das wisse er nicht mehr genau.

Nach Antipasti, Primi, Secondo, einer Flasche Primitivo und je einem Glas von dem anderen Wein waren wir pappsatt, leicht angetüdert und unglaublich müde. So verzichteten wir auf Nachtisch (obwohl es ein “Torinomisù”, also Tiramisù mit Gianduja, gegeben hätte), Kaffee und Schnaps. Stattdessen zogen wir uns an und wankten zur Kasse, wo wir unsere Rechnung bezahlen wollten. Der Hasenkolleginnenvater kam auf uns zu, sah uns fest in die Augen, winkte dann ab und meinte nur “Ciao! Und ruft mich morgen früh, wenn Ihr wach seid, damit ich Euch den Weinkeller zeigen kann!” Bäm Bäm Bäm Bäm!

Wir fuhren völlig geplättet mit dem Auto zurück auf den Berg und vermuteten die Nonna im Bett. Stattdessen hatte sie den Ofen angeheizt und saß vor dem Fernseher, immerhin lief Champions League und Neapel dominierte das Spiel gegen Liverpool! So sahen wir vor dem Schlafengehen noch gemeinsam die zweite Halbzeit, jubelten über den neapolitanischen Sieg und Hase und Nonna fachsimpelten über Maradona, Ronaldo und die Unsäglichkeiten der Verhältnisse im Profifußball. Bäm Bäm Bäm Bäm Bäm!