Mitten in der Nacht schallt ein Waches-Kleinkind-Ruf durch die Wohnung, da kann ich mich aber nochmal umdrehen. Das zweite Aufwachen beim zweiten Ruf ist dann ungefähr zur täglichen Weckerzeit und unumkehrbar, auch weil dann langsam Leben in die Bude einzieht. Ich kann aber noch liegen bleiben und ganz langsam das Land der Träume verlassen. Irgendwann steht dann das Kleinkind im Raum und guckt verwundert, wer da wohl auf der Couch liegt. Bald darauf trägt es mir vorsichtig einen Kaffee an die Schlafstätte und ab da wird alles gut.
Kurz nach 7 sitzen wir zu viert am Frühstückstisch. Es gibt selbst gebackenen Milchzopf, tschechische Aprikosenmarmelade und viel frisches Obst. Das Kleinkind frühstückt viel Gesundes und darf dann auch ein S-C-H-O-K-O-L-A-D-E-N-brot. Gegen halb 10 verlassen wir zu dritt die Wohnung, laufen bzw. laufradeln zum Park und vergnügen uns nacheinander an verschiedenen Spielplätzen. An einem kommen wir mit einem Papa ins Gespräch, während die Kinder abwechselnd rutschen, an einem anderen mit einem etwas älteren Mädchen, das Rutschenprofi ist. Dazwischen viel sporttreibendes Erwachsenenvolk.
Beim letzten Spielplatz dann gibt es Pommes, Brause und mehr Kaffee für mich. Danach ist das Kleinkind kaputtgespielt und wird zum Mittagsschlaf nach Hause gekarrt, was den Vorteil hat, dass auch die Erwachsenen sich nochmal hinlegen können. Ich penne komatös nochmal so richtig weg.

Danach erst Puzzlen, dann wieder Aufbruch im schicken Ausgeh-Outfit. Wir nehmen den Bus in die Innenstadt und setzen uns ins Kaffeehaus!


Es gibt Tee und Torte in verschiedenen Ausführungen. Kurz nach 16 Uhr verabschieden sich meine Gastgeber*innen und ich bleibe noch eine Weile sitzen, mache den stillen Teil des morgendlichen Reboots und trinke meine Kanne Tee aus.
Dann zieht es mich nach draußen. Auf dem Markt setze ich mich nochmal in die Sonne und lese. Links von mir videotelefoniert jemand in einer mir fremden Sprache mit der weit entfernten Familie. Rechts von mir sitzt ein südländisch aussehender Mann, schaut sich ein Deutschlernvideo auf YouTube an und spricht die Phrasen mit arabischem Akzent nach. Alles sehr idyllisch. Ich denke daran, dass wenige Kilometer von hier gerade die AfD an die Macht gewählt wird und mir wird ein bisschen schlecht.
Dann spricht mich der Lerner an und fragt, ob ich Französisch spreche. „Un peu.“ sage ich und wir kommen ins Gespräch. Das ganze Duolingo zeigt Wirkung, ich verstehe, dass er aus Tunesien kommt, seit drei Wochen in Leipzig ist, um Deutsch zu lernen und dann in der Stadtplanung arbeitet, nachdem er vorher einige Zeit in der Elfenbeinküste gelebt hat und dort ein U-Bahnnetz mit entworfen hat. Dann muss ich zum Zug. Wir tauschen Nummern aus und schreiben den Rest des Tages immer wieder hin und her, er auf Deutsch, ich auf Französisch. Die Autokorrektur sorgt dafür, dass sich Beides ziemlich professionell liest.
Am Bahnhof kaufe ich noch eine Leipziger Lerche fürs Frühstück morgen, dann warte ich am Gleis auf den pünktlich abfahrenden (!) Zug. Kurz bevor der einfährt, kommt die Prognose aus Magdeburg und ich bin ziemlich geschockt. Bis zum Schluss habe ich irgendwie damit gerechnet, dass die AfD am Ende doch unter 40 Prozent bleibt, Der Hase, der ja inzwischen wieder in Sachsen-Anhalt lebt, hatte eher 50 Prozent prognostiziert, was in seinem Wahlkreis auch nahezu stimmen wird, das hielt ich für zu pessimistisch. Immerhin haben SPD und Grüne von taktisch Wählenden halbwegs okaye Stimmanteile bekommen.
Mit Beklemmung steige ich in den Zug, finde einen Platz im Familienabteil, kann mein Handy aufladen und endlich Duolingo machen. Nebenbei bekomme ich mit, wie um mich herum die Erwachsenen fassungslos in ihre Handys starren und auf Nachfragen der Kinder erklären, was da gerade vor sich geht. Ein Kind fragt nach dem Ergebnis der SPD, ein anderes sagt, dürften Kinder wählen, hätten die Grünen gewonnen. Diejenigen, die nicht über das Wahlergebnis sprechen, reden Englisch und Italienisch miteinander – eine bilinguale Familie. Mein Abteil ist eine Bubble. Wir halten ereignislos in Bitterfeld und Wittenberg, aber ich bin doch ganz froh, Geld in ein ICE-Ticket investiert zu haben und nicht in Dessau oder Wittenberg umsteigen und ggf. stranden zu müssen, während drumherum evtl. blaue Horden siegestrunken feiern. Ich sehe aber zumindest an den Bahnsteigen keine.
Wir kommen sogar pünktlich in Berlin an. Danach wird es mit der Straßenbahn nochmal sportlich, aber kurz nach 20 Uhr bin ich zuhause, werfe ein paar Reste in den AirFryer, mache einen schnellen Tomatensalat dazu, telefoniere mit dem Liebsten und haue mich dann aufs Sofa und gucke Wahlberichterstattung, bis ich mich gegen 22 Uhr losreißen kann und in der Badewanne lande. Hier lese ich Yael van der Woudens The Safekeep zu Ende, in dem es um enteigneten jüdischen Besitz während des Holocausts geht – how topical!



















































