Klassentreffen nach 15 Jahren

Beim Lesen meines Feedreaders stelle ich fest, dass die Kaltmamsell recht hat, ”’tis the season“, die Zeit der Abitur-Jubiläen und damit verbundenen Klassentreffen. Frau Nessy war gerade sehr lesenswert beim Zwanzigjährigen, bei mir sind es immerhin 15 Jahre gewesen. Wie wahrscheinlich so gut wie alle Menschen blicke auch ich mit gemischten Gefühlen auf die Schulzeit zurück und ergo auch auf anstehende Klassentreffen. Da es aber vor drei Jahren beim zwanzigjährigen Grundschulabschlusstreffen gar nicht mal so wehgetan hatte, war ich nun einigermaßen entspannt und bereit, mich dem Aufeinandertreffen zu stellen. 

Bautzen
Ich machte mir im Gegensatz zu diversen ehemaligen Mitschüler*innen nicht einmal groß Gedanken darüber, was ich anziehen sollte. Meine Meinung dazu war, dass ich sehen wollte, wer meine ehemaligen Klassenkamerad*innen heute sind, nicht als wär sie gerne rüberkommen wollten. Insofern regte ich an, sich doch bitte nicht in Schale zu werfen, sondern einfach das anzuziehen, was man auch sonst im Alltag trägt. Dass sich alle daran gehalten haben, hat mich positiv überrascht. Die Einzige, die sich extra neue Schuhe zugelegt hatte, ist auch im Alltag sehr auf stimmige Outfits bedacht, so dass das auf jeden Fall klar ging. Ansonsten gab es von kurzen Hosen und Sonnenhut bis barfuß im schwarzen Kleid geballte Individualität und Unverstelltheit, danke dafür!

Um über alle etwas zu lernen und trotzdem dem Klischee “Mein Haus, mein Auto, meine Yacht” zu entgehen, wurden drei Fragen vorgegeben. “Wo wohnst Du mit wem?”, “Womit verdienst Du Deine Brötchen” und das unsägliche “Mit welchem Auto fährst Du gerne wohin?”, das dann doch das Thema leicht verfehlte. Dankenswerterweise gab es einige, die noch das gleiche Auto aus der Abizeit fuhren oder wie ich mit Bus und Bahn unterwegs sind, aber trotzdem habe ich während der Vorstellungsrunde mehr über Autos gehört, als sonst in Monaten. (Zum Ende des Statussymbols Auto erschien heute ein erhellender Text von Modeste.) Applaus erhielt dafür die erste in der Runde, die nach ca. 20 Versionen von “mit Ehegatt*in und 1-3 Kindern” sagte, dass sie weder verheiratet sei, noch Kinder habe. Von den rund 30 Teilnehmern gab es maximal 4 ohne Kinder, die meisten Nicht-Singles waren verheiratet und ein Großteil der Gattinnen hatte den Namen des Mannes angenommen. Das mag allerdings auch daran liegen, dass ein Großteil der Teilnehmenden noch im selben Landkreis oder nur wenig entfernt davon wohnte. Möglicherweise ist die Quote bei den weiter entfernt Lebenden geringer.

Interessant war, dass ich tatsächlich alle auf den spätestens zweiten Blick direkt mit Vor- und Nachnamen zuordnen konnte und dass die Cliquen von damals auch die Cliquen von heute sind, auch wenn die Animositäten sich mittlerweile weitgehend in Luft aufgelöst haben. Wer dem Treffen aufgrund solcherlei Bedenken ferngeblieben ist oder zumindest mit dem Gedanken spielte, kann unbesorgt und beim nächsten Mal dabei sein.

Traurig war, vom Tode zweier Lehrerinnen und einer Mitschülerin zu erfahren – so früh geht es also los.

Sehr schön waren das allgemeine Wohlwollen und die Erfahrung, von Leuten, mit denen man schon in der Schule wenig zu tun hatte auf Details von früher angesprochen zu werden. Das doppelte Abiballkleid (zum Glück in einer anderen Farbe) ist ein Beispiel. Oder als mir ein damaliger Chaot und heutiger Unternehmensberater sagte, ich sähe genau wie damals aus, nur ohne Brille. Oder als ich scherzhaft auf einige frühere Situationen anspielte, in denen ich von den anderen “gedisst” wurde und sich einer der schon immer sympathischsten männlichen Mitschüler beeilte, mir zu versichern, dass er da nie mitgemacht hätte. 

Auch den Abend und den nächsten Tag mit meiner damals besten Freundin zu verbringen und trotz zwischenzeitlich jahrelanger Funkstille über so viele gemeinsame, auch und vor allem außerschulische Erinnerungen zu reminiszieren war toll, ebenso mit einer durchgehend sehr guten Freundin zwischendurch mal hinauszugehen und aktuelle Lebensereignisse auszutauschen und sich gegenseitig beim Verarbeiten des Abends zu unterstützen (alte Fehden, frühere Schwärmereien, abgekühlte Freundschaften und aufgefrischte Attraktivitätsempfindungen waren unter anderem Thema).

Am Ende bleibt bei allen Teilnehmenden (zumindest nach meinem Empfinden und den Äußerungen in der korrespondierenden WhatsApp-Gruppe) ein sehr positives Gefühl und einiger Enthusiasmus für weitere Treffen. Mal gucken, was wird.

PS: Im Gegensatz zum Grundschultreffen diesmal kein einziger als fremdenfeindlich zu interpretierender Kommentar. Mutmaßungen über den Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Rassismusanfälligkeit drängen sich leider auf…

PPS: Und Kuchen können sie in der Lausitz wirklich hundertmal besser als in Berlin, geschweige denn Rostock, muss neidlos anerkannt werden.

Doppeldecker-Waffeln mit Brombeer-Quark-Füllung

Waffeln

Letztes Wochenende waren wir in Leipzig und besuchten das Hasenpatenkind samt Familie. Eines der Highlights des Besuchs war das gemeinsame Waffelnbacken und -essen auf der Terrasse. Nun ist es so, dass ich mich ja an sich über jedes Waffelessen freue, dann aber doch oft enttäuscht bin. Gut schmecken sie ja meistens, aber eben nicht so, wie ich das aus meiner Kindheit kenne. Und weil ich also letztes Wochenende ein wenig herumwimmerte, dass die Waffeln zu knusprig und trocken sein, habe ich dann dieses Wochenende “richtige” Waffeln gebacken. So wie Waffeln zu sein haben. 😉

Das Teig stammt aus dem klassischen “Das Backbuch” des Verlags für die Frau, das meine Mama im Küchenregal stehen hatte und in dem ich oft fasziniert blätterte. Zwei Seitenzahlen konnte ich damals auswendig (Heute nicht mehr so ganz, aber man könnte mal auf 208 und 11 nachgucken. Oder 108 und 211? Irgendwie so…), nämlich die für unseren Plätzchenteig (“Zauberkekse”) und die für den Waffelteig (“Festtagswaffeln”). Diese beiden Rezepte habe ich mir dann auch zu meinem Auszug nach dem Abitur in so ein kleines Heftchen abgeschrieben, aus dem nach und nach mein eigenes Rezeptbuch werden sollte.

Die Zutaten konnte ich schon in recht jungen Jahren zusammenrühren und durfte dann auch ganz schnell alleine auf dem alten gelben Kontaktgrill die Waffeln backen. Da dieser keine spezielle Form hatte, sah jede Waffel individuell aus und die Größen variierten beachtlich. Für unsere Variante der Waffeln, die es so wahrscheinlich in keinem Backbuch gibt, wurden größere Waffeln halbiert und kleinere einfach so aufeinander gestapelt. Dazwischen kam jeweils eine Schicht Quarkspeise (mit Milch glattgerührter Quark vermischt mit Marmelade, typischerweise selbstgemachte Brombeer-, Johannisbeer- oder Erdbeermarmelade aus dem Garten). Diese Doppeldeckerwaffeln konnte man dann wie eine Klappstulle ganz einfach aus der Hand essen (und sich dabei herrlich mit Quarkspeise einsauen).

Die Herstellung dieser Waffeln hat etwas meditatives – erst kommt ein Klecks Teig auf den Grill, der sich dann beim Zuklappen zurechtquetscht. Dann kommt ein Klecks Quarkspeise auf die untere Waffel, der sich dann wiederum beim Zuklappen zurechtquetscht. Am Ende hatte man lauter Unikate, an deren Rand gerne mal Quarkspeise hervorquoll. Wie eine Klappstulle konnte man diese dann noch schön heiß essen und sie schmeckten wirklich sehr anders, als was ich später im Leben als “Waffeln” vorgesetzt bekam.*

Der alte Kontaktgrill hat nun schon eine ganze Weile das Zeitliche gesegnet und ich buk dann heute mit unserem standardisierten Waffeleisen in Herzchenform. Ging aber erstaunlicherweise ganz genauso gut. Glücklicherweise war der Hase dann auch ebenso glücklich über die Waffeln wie ich, obwohl er letztes Wochenende noch sagte, dass er ja vor allem knusprig gebackene Waffeln mag und diese innen drin eher weich sind. Darf und werde ich also wieder backen!

Rezept: Doppeldecker-Waffeln mit Brombeer-Quark-Füllung

Zutaten Waffelteig

  • 150 g Margarine (es ist ein DDR-Kochbuch 😉 Ich habe Butter genommen)
  • 125 g Zucker, 1 Päckchen Vanillezucker (ich habe unseren selbstgemachten Vanillezucker verwendet und direkt 150 g davon genommen)
  • 3 Eier
  • 1 Prise Salz
  • 3 geriebene Bittermandeln (Die sind nichtmal zur Stollenzeit leicht zu bekommen und Bittermandelaroma hatte ich nicht im Haus, aber ohne schmecken die Waffeln auch super!)
  • 125 g Mehl
  • 75 g Stärkemehl
  • 1/2 TL Backpulver
  • 4 EL saure Sahne

 

Zutaten Füllung

  • 500 g Quark (Es bleibt etwas übrig, aber Quarkspeise kann man ja auch super später noch essen oder weiterverarbeiten)
  • ca. 100 ml Milch zum Glattrühren
  • 3 EL Brombeermarmelade (selbstgemachte von der Tante)

 

*Die zweitbesten Waffeln meines Lebens gab es übrigens im Urlaub an der schwedisch-norwegischen Grenze, mit oberfruchtiger Erdbeermarmelade drauf!

Erfahrungsbericht: Alltagsrassismus in Bautzen

Im Zuge der ganzen Diskussionen über dieses ganze Bautzen-Ding haben sich auch einige Bekannte von mir kritisch über die rassistischen Strukturen in Deutschland und speziell in Bautzen geäußert. Speziell meine ich, weil es halt um Bautzen ging, nicht weil Bautzen zwingend rassistischer ist als andere Orte. Das glaube ich nämlich tatsächlich nicht.

In Bautzen kommt zu dem Grundrassismus, der in Deutschland und vielen anderen traditionell weißen Ländern vorherrscht, noch einiges anderes hinzu – hohe Arbeitslosigkeit, daraus resultierende Abwanderung junger Leute, Perspektivlosigkeit, ein seit Jahrhunderten eher konservatives Weltbild und manches mehr. Unter anderem auch eine verdrängte “Sorbenfrage”. Kurzer Exkurs: Ich fand zum Beispiel die These sehr spannend, dass gerade in einer Gegend, in der das sorbische Erbe über Jahrzehnte und Jahrhunderte immer wieder versteckt, marginalisiert und verdrängt wurde, eine unbewusste Überanpassung an die Identität der dominanten Mehrheitsbevölkerung zu verzeichnen ist. Beispiele dafür fanden sich auch aus anderen Ländern und ich glaube, dass sich das durchaus zu erforschen lohnt. Exkurs Ende.

Reichenturm

Diese Gemengelage in Bautzen und Umgebung machen sich die Nazis zunutze, um gezielt zu agitieren und sich breit und stark zu machen. Mir kommt es nicht darauf an, Bautzen als “rechtes Nest” darzustellen und anzuprangern. Vielmehr finde ich es gut, dass die gesamte Problematik jetzt einmal hochkocht, dass ein Bewusstsein dafür entsteht und die Leute aufwachen und sich vielleicht tatsächlich mal langfristig etwas bewegt.

Es gibt bereits diverse Initiativen in Bautzen, Sachen, Ostdeutschland und Gesamtdeutschland, die engagiert gegen Rechtsextremismus vorgehen. Dieser Gedanke wurde vor kurzem auch im Zusammenhang mit meinem Blogpost und meinen Posts bei Twitter und Facebook an mich herangetragen. Natürlich sollen diese Initiativen nicht unsichtbar gemacht und ihre Mitarbeiter nicht desillusioniert werden. Ich denke aber, dass diesen engagierten Menschen mit einem gesteigerten Bewusstsein für ihr generelles Anliegen mehr und grundsätzlicher geholfen ist, als wenn man nur ihre Arbeit feiert.

Und deswegen folgt jetzt hier ein weiterer Text, der von Alltagsrassismus in Bautzen handelt. Nachdem nämlich meine Stadträtinnen-Cousine ein von Bautzenern viel kritisiertes Interview gegeben hat, wurde sie von einer gemeinsamen Freundin verteidigt, die ihre These bestätigt, dass man es mit einem ausländischen Äußeren in Bautzen schwer hat, und zwar nicht erst seit ein paar Jahren, sondern auch schon in den 80ern. Diese Freundin hat eine Mutter aus einem Dorf bei Bautzen und einen indischen Vater. Nach dem sie zunächst in Indien aufwuchs, kam sie in den 80er Jahren dann nach Bautzen und machte am Schiller-Gymnasium ihr Abitur. Nach dem Studium in Dresden verließ sie Deutschland Mitte der 90er, um an der London School of Economics zu studieren. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie nun als Politologin in Durham, England.

Ich habe sie gebeten, von ihren Erfahrungen in der Lausitz zu berichten und möchte Euch ihre Gedanken nicht vorenthalten:

Ich bin 1986 als Teenagerin in die DDR gekommen und habe Deutschland 1995 verlassen. In der damaligen DDR herrschte definitiv Ignoranz, was mit der Ghettoisierung von Ausländern zu tun hatte. Ich war z.B. erstaunt, dass “die Fijis” nicht von den Fiji-Inseln kamen sondern F-ietnamesen waren. 🙂 In meiner Familie gab es natürlich viele Ausländer (mein Vater, mein Onkel aus Kammbodscha, US-Verwandtschaft, indische Verwandtschaft in Westdeutschland) und es gab auch “Sonderfälle”, wie bei Schippers (Geburtsname meiner Stadträtinnen-Cousine, Anmerkung d. Red.) und Opels und Kretschmars… Aber woanders sah es düster aus.

Ich wurde oft gefragt, ob wir in Indien nur Bananen aßen, ob wir Schuhe hatten, ob es Schulen gab. Ok – Unwissenheit. Aber eben auch viel Intoleranz und Herabschauen auf das, was nicht “deutsch” war. “Bist du ein Indianer?” habe ich oft gehört. Später, im Studium, kamen Kommentare wie “Du siehst zu türkisch aus.” Das Problem mit Rassismus ist, dass es oft sehr subtil ist. Man fühlt es, ohne dass es ausgesprochen werden muss.

Was ich stark gemerkt habe – und weswegen ich lieber in England lebe – ist, dass nicht Integration erwartet wird (was beidseitig ist), sondern Assimilierung. Man soll eben zur Deutschen mutieren. Damit kann man Identitäten “verschlucken”. Dass Ausländer, die wie ich den Zwang zur Assimilierung gespürt haben, in Wut geraten, wundert mich nicht.

Noch ein Beispiel aus dem Ort: “Wieso dürfen Schwarze in der deutschen Fussballmannschaft mitspielen?? Das sind doch keine Deutschen…” Es gibt also diese beiden Welten: Die waschechten Nazis, die von der 30ern träumen und von einem Deutschland, das nie war. Und die tagtägliche Intoleranz, die alles, was nicht zur “Einheitskultur” passt, als Bedrohung ansieht. Man traut sich nicht mehr, “man selbst zu sein.

Es ist eine komplexe Geschichte. Deutschland konnte lange keine zivilgesellschaftliche Strukturen aufbauen. Es kamen die Repressionen der DDR hinzu, die Arroganz gegenüber dem so genannten Ostblock und eine Blindheit der Welt gegenüber. Nach dem zweiten Weltkrieg war Deutschland am Boden und der Marshall-Plan war der Kern der Rettung. Aber das ist vergessen und was blieb, ist das Gefühl der Obermacht.

Ich denke schon, dass die Intoleranz in Deutschland weit verbreitet ist und nicht nur ein Problem der Politik ist. Es ist ein Problem der Gesellschaft, die sich wenig mit sich selbst auseinandergesetzt hat. Ausländer und andersartige Menschen sind Zielscheiben und Projektionsflächen für eine Gesellschaft, die sich mit der eigenen Geschichte nicht so richtig auseinandergesetzt hat.

Egal warum, es tut Minderheiten weh. Als Teil einer Minderheit bin ich also lieber in einer Gesellschaft und nicht in einer Gemeinschaft. Lieber liberal 🙂 Und genau da bin ich früher angeeckt und würde es heute noch tun. Übrigens habe ich vor einigen Jahren fünf Monate in Frankfurt verbracht. Es war nicht viel besser! Aber der Osten hat schon ein ganz anderes Päckchen zu tragen. Nur, dass diese Last auf ausländische Schultern gelagert wird, geht nicht!

Dieses ganze Bautzen-Ding

Ich habe in den letzten Tagen sehr viel Zeit damit verbracht, mir Gedanken über Bautzen zu machen, in Erinnerungen zu kramen, Online-Kommentare zu lesen, mit Leuten auf Facebook, im Büro und auf dem Balkon zu diskutieren und was bleibt ist eine große Ratlosigkeit – weniger darüber, woher die Probleme rühren, als darüber, wie sich die Situation verbessern lässt.

Bautzen
In den ersten 19 Jahren meines Lebens habe ich am Rande einer Siedlung am Rand eines Dorfes kurz hinter (oder vor) Bautzen gelebt. Meine Familie führt seit 87 Jahren ein Geschäft in Bautzen, nur wenige Meter vom Kornmarkt entfernt. Meine Familie ist sehr groß und weit verstreut. Sie umfasst, so vermute ich, einige Vertreter der “besorgten Bürger”, sie umfasst Anwohner, die Angst vor der Gewalt vor Ort haben, sie umfasst eine Stadträtin, die sich für Flüchtlinge einsetzt, sie umfasst eine der diesjährigen Abiturient*innen des Sorbischen Gymnasiums, deren Schulkamerad*innen einerseits bei Parties von Rechten bedroht werden, andererseits aber auch Unterschriftenlisten gegen Flüchtlingsunterkünfte verteilen.

Vor zwei Jahren war ich auf einem Klassentreffen meiner alten Grundschulklasse. Da gingen gerade die Diskussionen über Flüchtlingsunterkünfte im Landkreis hoch her. Ein ehemaliger Klassenkamerad schlug vor, doch einfach mal an einer von denen vorbei zu fahren und bisschen Stunk zu machen und ich bin bis heute nicht sicher, ob das ein sarkastischer Scherz oder tatsächlich ernst gemeint war.

Ich denke dieser Tage oft zurück an meine Schulzeit in Bautzen und an meine damals beste Freundin, die gemeinsam mit ihren Geschwistern nach und nach immer mehr Freunde mit rechtem Gedankengut hatte. Obwohl sie selbst dieses Weltbild nicht teilte, führte diese Entwicklung mit dazu, dass wir uns nach und nach aus den Augen verloren. Ich war nicht mehr mit ihrem Freundeskreis kompatibel und ihr Freundeskreis nicht mit mir. Ich erinnere mich an einen letzten Versuch.

Ich war da, um sie und ihr Baby zu besuchen und wir hatten einen netten Nachmittag mit ihren Geschwistern, wie früher. Bis der Vater des Kindes auftauchte und anfing, mich mit rechten Parolen zu provozieren und mir Hitler-Reden von CD vorzuspielen, um mich zu ärgern. Ich war 18 und glaubte daran, mit Argumenten etwas ausrichten zu können. Recht schnell merkte ich, dass uns die Grundlage fehlte, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Diskutiert mal mit jemandem, der schon widerspricht, wenn man sagt, dass alle Menschen Menschen sind, die Würde und die gleichen Rechte haben. Ich weiß noch, dass mich der Nachmittag sehr aufgebracht hat, dass ich froh war, als meine Mutter mich abholen kam (nix mit vernünftigen Nahverkehr und für Fahrrad war es zu weit) und dass ich entsetzt war, wie meine Freundin und ihre Geschwister einfach gar nichts gesagt hatten oder sich sogar noch über die Situation und meine Hilflosigkeit darin amüsiert hatten.

14 Jahre später sind die Freundin und ich (wieder) befreundet. Sie ist vom Vater des damaligen Babys getrennt, der zwar angeblich kein Nazi mehr sei, auf Facebook aber immer noch rechte Parolen verbreitet. Sie hat noch zwei weitere, jüngere Kinder und mitunter Angst, mit denen in dieser Stadt spazieren zu gehen, in der es jederzeit zu Zusammenstößen zwischen Rechten und Asylbewerbern oder Rechten und Linken kommen kann.

Ihr 14-jähriger ältester Sohn ärgert sich ebenso wie meine 21-jährige Cousine, die wenige Meter vom Kornmarkt aufgewachsen ist, scheinbar vor allem über die Unruhe in der Stadt. Beide posteten in den letzten Tagen auf Facebook über Ihre Wut über die Situation in Bautzen. Beide positionierten sich dabei weder rechts noch links. Und das ist für mich irgendwie das Erschreckende. Genau wie schon vor 14 Jahren scheint man in Bautzen entweder offen rechts zu sein, oder sich herauszuhalten. Wer gegen die Rechten spricht, tut das nicht wegen deren Gesinnung und Menschenbild, sondern weil sie den Frieden in der Stadt stören.

Sicher gibt es auch Ausnahmen, gibt es linke, alternative Stimmen in der Stadt und politische Aktionen, die für ein offenes und buntes Bautzen arbeiten. Die überwiegende Mehrheit verschließt aber ihre Augen vor den rechten Strukturen, hält linke und rechte “Eventbetonte” und das “örtliche Trinkerklientel” (Zitate aus Polizeiberichten) für gleich schlimm und möchte am liebsten alle störenden Elemente aus ihrer Stadt verbannen. So bereiten sie den Nährboden für noch mehr Fremdenhass und Gewalt und geben den Rechten Macht über die Stadt. Die freuen sich natürlich über dieses gefundene Fressen und statuieren ein Exempel für weitere Städte.

Ich glaube auch vielen Bautzenern nicht, die sich jetzt über die Aufmerksamkeit für ihre Stadt aufregen und betonen, dass dort eben nicht nur Rechte ihre “Meinung” äußern, sondern auch viele “normale Bürger” dies tun. Gestern geriet ich auf dem Facebook-Profil des Teenager-Sohns meiner Freundin in eine Diskussion mit jemandem, der mir auf meine Argumente bezüglich der Nazis und Rassisten in der Stadt unterstellte, ich würde wohl die BILD-Zeitung lesen (Ich! die BILD!). Wir tauschten sehr zivilisiert Argumente aus und ich hatte tatsächlich Spaß an der Unterhaltung. Und dann lief es wie damals vor 14 Jahren aus dem Ruder:

Er sagte, die Asylbewerber würden sich nicht integrieren. Ich wies ihn darauf hin, dass Integration ein Prozess ist, an dem beide Seiten arbeiten müssten und holte die Duden-Definition des Begriffs hervor. Integration ist die “Einbeziehung und Eingliederung in ein größeres Ganzes”, die “Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit”. Man kann sich nicht allein integrieren, man wird integriert, muss aber dazu natürlich auch bereit sein. Seine Antwort war (sinngemäß): “Nein, Integration heißt Anpassung. Das ist Fakt.” Wieder einmal fehlte die gemeinsame Basis, um überhaupt diskutieren zu wollen. Es ist, als würde man sagen: “2+2 ist 4, deswegen ist…” und der andere sagt: “Nein, 2+2 ist 3, das ist Fakt.”

Er sagte auch: “Die wollen sich ja leider nicht integrieren.” Ich erzählte dann davon, wie der Hase und ich hier in Berlin guten Kontakt mit einer syrischen Familie haben, gemeinsam kochen und essen, mit den Jungs zum Fußball oder ins Museum gehen und trotz differierender Meinungen in manchen Punkten die Gemeinsamkeiten und das gegenseitige Wohlwollen dominiert. Dass dieses Einbinden die Basis für Integration sei. Mein Vorschlag an ihn war, doch mal ein paar der Asylbewerber auf einen Kaffee einzuladen, oder mit ihnen Fußball oder Computer zu spielen. Die Antwort: “Das ist das Letzte, was ich tun würde, ich bin doch nicht lebensmüde!”

Und da saß ich dann fassungslos vorm Bildschirm, genau so sprachlos wie vor 14 Jahren. Ich verstehe Veselin, der seinen Blog aufgibt, weil er an den Strukturen in Bautzen und Sachsen verzweifelt und nicht als linksalternatives Feigenblatt dienen möchte – wenige Tage nachdem er in einer Serie Neu-Bautzener vorgestellt hatte, die begeistert von ihrem Leben in der Stadt berichteten. Ich verstehe Robert, der gerade wieder zurück in die alte Heimat gezogen ist und jetzt nicht mehr bereit ist, Bautzen gegen Kritik zu verteidigen.

Ich hoffe, dass meine Stadträtinnen-Cousine die Kraft haben wird, weiter zu kämpfen. Ich hoffe, dass Wege gefunden werden, die Situation zu verbessern, damit weder meine Freundin und ihre Kinder, noch meine Cousine Angst haben müssen, durch die Stadt zu gehen. Ich hoffe vor allem, dass wir nicht bald mit noch schlimmeren Nachrichten aus Bautzen leben müssen und dass niemand, der in Deutschland Schutz vor Terror und Vertreibung sucht, in Bautzen genau das wieder erleben muss.

Und ich hoffe, dass es endlich ein Umdenken in der Politik gibt. Dass jede einzelne Beleidigung und Straftat geahndet wird. Dass die Verbreitung menschenverachtender Parolen und die organisierte Provokation nicht länger geduldet oder gar akzeptiert wird. Dass der Staat durchgreift und seine Macht ausübt und dass die angeblich so “normalen” Bürger endlich aufstehen und Gesicht zeigen.

Und wer bitte erlaubt es diesen Nazis, ein Bautzen nur für die Deutschen zu fordern, wenn die Stadt die Hauptstadt der Sorben ist? (An dieser Stelle stellt Euch einen Gernot-Hassknecht-mäßigen Rant vor, der am Ende aufgrund der Anzahl der Kraftausdrücke ausgeblendet wird…)

Einfach mal Nix planen

Gestern Abend postete meine Cousine (ich habe davon jede Menge, was Leute immer verwirrt, wenn ich dann nicht konkretisiere, deswegen sage ich jetzt mal “meine Stadträtin-Cousine” und bitte darum, ihr das weder negativ auszulegen noch sich ein spießiges Bild von ihr zu machen) ein Album voller Fotos von Omas Zuhause, in dem sie früher ihre Sommerferien verbrachte und neben und in dem ich aufgewachsen bin. 


Sie schrieb von ihren Erinnerungen mit ihren Brüdern, dem Cousin, den Cousinen, den Freunden von damals und dem Schwimmbecken und irgendwie ergab sich sehr schnell die Idee, diese Erinnerungen noch einmal aufleben zu lassen – und zwar möglichst alle gemeinsam. Dann ging es um die Terminsuche und bei einem Blick in meinen Kalender musste ich feststellen, dass meine Wochenenden bis Oktober bereits komplett ausgebucht sind. Im Oktober habe ich dann zwar ein paar Tage Urlaub, aber für das Schwimmbecken wird es dann zu kalt sein.

So müssen wir diese Idee nun leider verschieben und darauf hoffen, dass es im nächsten Sommer dann noch eine Gelegenheit dazu gibt und sich alle rechtzeitig darauf einstellen können. So weit so “gut”. Was mich aber wirklich etwas aus der Bahn warf, war dass mein Sommer wirklich schon voll und damit schon wieder so gut wie vorbei ist. Denn das war doch immer das Schöne am Sommer: diese langen Wochen ohne Stress und Termine, in denen man einfach in den Tag hineinlebt und schaut, wohin er einen treibt. Pustekuchen!

Einen viel zu großen Teil dieses Sommers habe ich bereits krank im Bett verbracht und jetzt geht es mit Terminen Schlag auf Schlag weiter: Nächstes Wochenende der schon zwei mal verschobene Trip nach Rostock, das Wochenende drauf fahre ich zu einer Hochzeit quer durchs Land, ab dem Wochenende darauf sind wir zwei Wochen (drei Wochenenden!) im Urlaub – ja, das ist toll und erholsam aber eben auch: Sommerzeit, die mir hier fehlt). 

Nach dem Urlaub steht wieder ein Geburtstag an, danach folgen noch ein Wochenende mit den anderen Cousins und Cousinen, ein Besuch beim Hasenpatenkind und der 40. Hochzeitstag der Haseneltern. Und dann ist schon Oktober, also zumindest gefühlt.

Wir haben uns dann gestern hingesetzt, ein paar Termine hin und hergeschoben und zusammengelegt und haben jetzt bis Ende September zwei Wochenenden freigeschaufelt, an denen “Nix” im Kalender steht. Das werden also die beiden Sommerwochenenden zum Ausruhen und spontan sein. Und während der Woche gibt es auch noch gewisse Flexibilitäten, zum Glück. Also hoffen wir mal auf sonnige Wochen, so dass ich abends mal baden fahren kann und die eine oder andere Kubb-Session auch mit abfällt.

Wie Birk Borkasson sagt: “Wir haben einen verregneten Sommer, aber es wird besser!”

Ein Wochenende in Budyšin / Bautzen

Ich war dieses Wochenende in der Łužica, der Lausitz, um dem Abiball des Sorbischen Gymnasiums Bautzen beizuwohnen. Da ich gerade zu kaputt bin, gibt es nur schnell ein paar Fotos für die Ironblogger – wer mehr wissen will, lese meine Twitter- und Instagram-Ergüsse der letzten Tage. Ich hoffe ich komme demnächst nochmal dazu, mehr zu erzählen!


San Galgano, Siena, Asciano und Sommertrüffel 

Wir nutzen den auf absehbare Zeit letzten relativ sonnensicheren Tag für unseren Ausflug nach Siena und verbinden diesen direkt noch mit der Besichtigung der Abteiruine San Galgano und einem Besuch bei einer lieben entfernten Verwandten (Familie geht auch ohne gemeinsame Gene) in der Pecorino-Hauptstadt Asciano.

Die Abtei San Galgano hat infolge eines Blitzeinschlags mit dazugehörigem Feuer seit Jahrhunderten kein Dach und keine Fenster mehr und wurde bereits 1789 (?) entweiht. Seitdem steht sie romantisch in der Gegend herum und inspiriert Künstler und Literaten. Und auch wir sind bereits zum mindestens dritten Mal hier (bis auf den Hasen, der hat heute seine San Galgano-Premiere, aber er war eben auch noch nie in der Toskana).

 

Nach einer ausführlichen Begehung und unzähligen Fotos fahren wir weiter nach Siena und erinnern uns an die letzten Male hier, bei denen wir noch meine Großeltern dabei hatten. Für sie war der Aufstieg in die Stadt besonders anstrengend, auch für uns ist er kein leichtes. Da kommt es uns natürlich unwahrscheinlich entgegen, dass in den letzten 20 Jahren auch ein entspannterer Weg nach oben – über diverse Rolltreppen – eingerichtet wurde. So kommen wir beinahe im Vollbesitz unserer Kräfte an. Zuerst zieht es uns natürlich zur berühmten Piazza Il Campo.

 

Draufklicken zum Größermachen – Panorama-Spielerei 😉

 

Wir nehmen einen leichten Mittagssnack zu uns (Caprese mit Büffelmozzarella, Bresaola-Carpaccio bzw. Parmigiana di Melanzane) und gönnen uns danach das obligatorische Eis bei Nannini, der Familie der gleichnamigen Sängerin Gianna Nanini. Dann spazieren wir durch die Gassen hinüber zum beeindrucken, für meine Begriffe äußerlich ganz schön überladenen, Dom. Ausnahmsweise kaufen wir uns auch Tickets und sehen uns das Ganze auch von Innen an. Für Kunsthistoriker_innen gibt es hier bestimmt eine Menge zu entdecken, da ich aber Kopfschmerzen habe, laufe ich nur einmal kurz überall entlang und setze mich dann und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Dankenswerterweise wurde heute kein Weihrauch angezündet – der hat mir in meinem ersten Toskana-Urlaub vor 25 Jahren sämtliche Kirchen durch Kopfschmerzen vermiest.

 

 

Am späten Nachmittag fahren wir durch weite Weizenfelder weiter nach Asciano. Die Stadt liegt an einem Fluss, an dem früher diverse Mühlen standen, die die Gegend mit Mehl versorgten. Neben dem Getreide ist Asciano heute vor allem als Hauptstadt des Pecorino bekannt. Den Markt haben wir laut unserer Gastgeberin leider um zwei Tage verpasst. Trotzdem können wir auf unserem Stadtbummel noch einen halben frischen Pecorino für die nächsten Tage und einen kompletten, reiferen für Zuhause erstehen. Den Rest des Abends verbringen wir mit Essen, Weintrinken und Erzählen. Immerhin haben wir uns seit über 20 Jahren nicht gesehen. Es gibt ein tolles frühlingshaftes Menü, guten Wein aus der Gegend und so wird es beinahe Mitternacht, bis wir uns auf den zweistündigen Heimweg machen…

Hier noch unser Frühlingsmenü in Bildern:

 

Zum Aperitivo gibt es rohe Artischocke, in Olivenöl und Essig gedippt, und dazu Salami, Schinken und Knabberkram

Zur Vorspeise gibt es frischen, weichen Pecorino mit Fave und zum Kosten einen weiteren Käse mit Rotweinadern und dazu ein Aprikosensößchen

Den Hauptgang bilden Taglietelline mit einem Hieb Butter, einem Schluck Olivenöl und frisch gehobelten Sommertrüffeln

Zum Nachtisch gibt es Erdbeeren, die mit Weißwein, Zucker, Minze und Pfeffer mariniert sind