Tagebuch-5 im Juni

Es ist wirklich schon Juni, verdammte Axt. Wieder einmal rast die Zeit nur so vor sich hin, aber zum Glück ist der Juni ja der beste Monat des Jahres, da macht das gar nichts. Einfach jeden Tag von morgens bis abends erleben und auskosten. So wie heute, am 5., wenn Frau Brüllen fragt: WMDEDGT?

Der heutige Morgen ist anders als andere, denn vor der Arbeit muss ich noch Sachen packen, weil ich direkt aus dem Büro nach Hamburg zur nebenan aufbreche. Auf packen reimt sich backen, dachte sich der Hase, stand sogar noch vor mir auf und buk einen Stapel Waffeln. Die hatten wir schon seit dem letzten Wochenende nicht mehr aus dem Kopf gekriegt und heute hat es endlich geklappt. Dazu gibt es Ahornsirup, Balkonerdbeeren und/oder heiße Himbeeren. 
Es sollen heute sowohl in Berlin als auch in Hamburg 29 Grad werden, daher trage ich Rock und nackte Füße in Ballerinas. Auf dem Weg zur Arbeit kaufe ich am Alex weitere Erdbeeren. Der Beelitzer-Spargel-Stand ist nämlich gestern endlich der Erdbeerhütte von Karl’s gewichen. Und die Strategie ist es ja, so viele Erdbeeren in sich hineinzustopfen, dass man am Ende der Saison keine Lust mehr drauf hat. Die Plausibilität von Erdbeerüberdruss hat mein Bruder gestern Abend allerdings angezweifelt und ich fürchte, dass er Recht behalten wird.
Im Büro angekommen ist das ganze Team erst einmal genervt von der Langsamkeit unserer Rechner, was zu einem Anruf bei Helpdesk führt. Der herbeieilende IT-Kollege wird dann für einen sehr langen Zeitraum in Geiselhaft genommen und kümmert sich liebevoll nacheinander und teilweise parallel um all  unsere Wehwehchen. All hail to the SysAdmins of the world!
Danach plätschert der Arbeistag relativ unspektakulär vor sich hin. Gegen Mittag findet ein kurzes Abteilungsmeeting statt, bei dem ein paar wildwüchsige Layoutvarianten wieder auf Linie getrimmt werden. Kurz danach gehe ich raus auf den Markt, kaufe mir einen Burger und Pommes und setze mich im Park in den Schatten. Während ich schlemme, beobachte ich eine Gruppe von Menschen beim gemeinsamen Sporteln und grunze wohlig.
Auf dem Weg zurück ins Büro kaufe ich mir noch eine große Flasche Blutorangen-Orangina, die mir gemeinsam mit dem Rest Erdbeeren den Nachmittag versüßt. Dann werden noch zwei Termine nächste Woche verschoben, was mich deutlich entstresst. Ich kann also ganz entspannt ins Wochenende starten.
Unterwegs zum ZOB überlege ich mir, was es zum Abendbrot geben soll und träume von etwas außergewöhnlichen, einem Bánh Mì etwa. Und wäre es nicht toll, wenn ich irgendwo noch den letzten Berliner Bubble Tea auftreiben könnte? (Nicht wirklich den letzten, denn es gibt ja  in der Rosenthaler das tolle Come Buy, aber Ihr wisst, was ich meine.) 
Am Gleisdreieck steige ich um und bekomme nostalgische re:publica-Gefühle. Zum Glück bin ich ja gerade auf dem Weg zu einer Internetkonferenz, bei der ich die oder den eine_n oder andere_n re:publicaner_in treffen werde, so werde ich nicht allzu melancholisch, sondern eher vorfreudig. Ich beschließe, am Wittenbergplatz einen Zwischenstopp einzulegen und Abendbrot zu jagen. Dort ist das dolores, dann gibt’s da bestimmt noch anderes gutes Essen. (Ich kenn mich ja im Westen nicht so aus ;)) 
Ich steige die Treppe nach oben und sehe noch im Bahnhofsgebäude einen Asia-Imbiss, der Bubble Tea (!!) und Bánh Mì (!!) verkauft. Ein quasi religiöses Ereignis, dass mich kurzfristig an der Nichtexistenz einer göttlichen Instanz zweifeln lässt. Ich werde jedoch schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als nach mir zwei Schwaben im breitesten Dialekt ihr Essen bestellen. Die vermutlich vietnamesischen Damen hatten schon mit mir Verständigungsprobleme, wieso können diese Leute sich dann nicht wenigstens bemühen, Hochdeutsch zu sprechen, statt einfach immer lauter zu fragen, ob ihre Sch***-Flasche Pfand drauf hat?! (Außerdem starrt mir der eine mehrfach auf die Brüste statt in die Augen.)
Eine echte Berlinerin versöhnt mich dann mit der Welt, als sie zu ihren Frühlingsrollen einen Glühwein bestellt – wir erinnern uns, es sind 29 Grad, ich Trage Rock, ärmelloses Top und Ballerinas. 
Dann ist mein Bánh Mì fertig (mit mariniertem Tofu) und der Bubble Tea versiegelt (Grüner Tee mit Maracuja-Sirup und Litschi-Bobas) und ich fahre weiter zum ZOB. Ich habe noch ein paar Minuten, die ich mit FlixBus-WLAN, Bánh Mì und Bubble Tea in der Sonne sitzend verbringe. Dann kommt auch schon der Bus. Es ist ein Ersatzbus, deswegen hat er kein WLAN, nur zwei Steckdosen und der Fahrer kein Smartphone zum QR-Code checken. Er lässt also alle rein, die auf Gadget oder Papier die richtige Abfahrtszeit und einen Code vorzeigen können, ohne zu überprüfen, ob das Ticket gültig oder doppelt und gefälscht ist.
Im Bus habe ich zwei Plätze für mich alleine, lehne ich mich zurück und beobachte die Menschen in den Autos auf der Nebenspur. Dann krame ich den Roman einer Kollegin heraus, den ich mir heute von einer anderen Kollegin geliehen habe (im Austausch für den Roman einer Ex-Kollegin – ich arbeite in einem sehr publikationsstarken Umfeld, scheint mir) und beginne zu lesen.
Als im Bus-Radio zwischen Santana und Metallica die aktuelle Single von Paddy (Entschuldigung, Michael Patrick) Kelly läuft und niemand den Kopf schüttelt oder abfällige Bemerkungen macht, stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn er diesmal nicht nur kommerziell erfolgreich wäre, sondern auch von neutralen Hörern gut gefunden würde und ob dann all die versprengten Fans von früher, die meist inkognito leben, aber bei den Konzerten der verschiedenen Kellys beharrlich jedes Venue füllen, wieder den Kopf aus der Erde stecken und uns allen nachträglich Absolution erteilt wird. Einige Kritiken zum Album lassen solche Fantasien durchaus plausibel erscheinen. (Überhaupt waren die Kellys in den 90ern ja ziemlich Punk – und Indie sowieso. Mit dem Folk-Revival der letzten Jahre und der aktuellen Langhaarmode lägen sie ja heute total im akzeptierten Mainstream-Trend. Und dass sie musikalisch was drauf haben – außer vielleicht beim Komponieren – kann ja auch keiner bestreiten, der die mal live gesehen hat. Aber ich schweife ab…)
Als der Bus ankommt, habe ich genau 100 Seiten gelesen, gar kein schlechter Schnitt, Frau Kollegin! Ich mache mich durchs nächtliche Hamburg auf den Weg zu meiner Freundin @fluegge_blog, bei der ich das Wochenende über wohnen werde. Es ist das erste Mal, dass ich mich komplett alleine durch diese Stadt bewege, bisher waren immer Ortskundige oder wenigstens ein Navi dabei. Aber ich bin ja großstadterprobt und finde schnell die richtige Bahnverbindung und ein Ticket. Aber die S-Bahn in Hamburg is ja schon ein ganz anderer Schnack als in Berlin, was?

Auf dem Weg vom Bahnhof Altona zu @fluegge_blog amüsiere ich mich über einen Dönerladen Koz Urfa und dann bin ich auch schon da. Ich bekomme ein WLAN-Passwort und ein Glas Sekt, schreibe diesen Blog-Eintrag und dann ist der Tag auch schon vorbei.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s