Wochenend-Tagebuch: Freunde, Filme, Feminismus

Dieses war ein sehr schönes Wochenende, mit vielen Freunden, guten Gesprächen und trotzdem genug Zeit, um mich von der Woche zu erholen, den Feedreader leer zu lesen und alle verpassten Serienfolgen aufzuholen. Wir hatten Besuch von einem guten Freund des Hasen (die beiden sind schon sehr niedlich, der Hase schickt dem Freund jeden Tag ein Foto von Streetart, die ihm über den Weg läuft, der Freund revanchiert sich jeweils mit einem Song). Den Sonnabend Abend verbrachten die beiden zusammen auf einem Konzert und ich besuchte zwei liebe Freundinnen, die ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen hatte, um Filme zu gucken. Der erste war der ziemlich tolle To Each, Her Own (dicke Empfehlung!), als zweites begannen wir noch Clue, den wir aber nicht mehr geschafft haben, da wir vor und nach dem ersten Film ja auch noch erzählen mussten, wie es uns seit dem heißen Sommer so ergangen ist. Den muss ich auf jeden Fall auch nochmal in Gänze und mit der nötigen Konzentration gucken, der wirkte sehr vielversprechend.

Am Sonntag waren wir wieder bei den Lieblingsnachbar*innen, heute gab es Blaubeer-Muffins, Apfelkuchen und selbstgemachte Panna cotta. Und natürlich wieder jede Menge gute Gespräche und so wie es aussieht, machen wir das jetzt zu einem regelmäßigen Sonntagsritual.

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Zwischen all dem habe ich dann auch noch interessant (und meiner Meinung nach auch recht gelassen und konstruktiv) auf Facebook über Feminismus diskutiert (vor allem über die Außenwirkung) und im Zuge dessen alle Kraft zusammengenommen und mir The Red Pill angesehen, das mir in den letzten Wochen zweimal genannt wurde, wenn ich meinte, dass ich keine Feminist*innen kennen würde, die Männer hassen bzw. sie unterdrücken wollen würden. Aus wissenschaftlichem Interesse und um mitreden zu können, musste ich mir das dann natürlich auch selbst mal aus der Nähe ansehen. (For those who don’t know, es handelt sich um einen Dokumentarfilm einer selbstbezeichneteten Feministin über Männerrechtler in den USA und am Ende des Films bezeichnet sie sich dann nicht mehr als Feministin.) Puh, keine dicke Empfehlung, aber trotzdem ganz interessant. Ich kopiere einfach mal meine Einschätzung (aus der Facebook-Diskussion auf Bitte von Slackwidow) ans Ende dieses Blogeintrags, falls es jemanden interessiert.

Abgesehen davon habe ich dann auch noch zwei weniger aufreibende, aber umso empfehlenswertere Dokus gesehen, nämlich Meschugge, oder was: Jude werden, Jude sein in Deutschland von Dmitrij Kapitelman und Min Herzing, die bekannte Fischfrau aus Warnemünde, eine DEFA-Produktion von 1974, die mein Onkel auf Facebook geteilt hatte. Zum Ausklang des Wochenendes werden der Hase und ich uns jetzt noch einen der Oscar-nominierten Filme ansehen, bevor er zu wieder anderen Freunden aufbricht, um den SuperBowl zu sehen.

 

Über The Red Pill:

So, ich habs mir angesehen und hoffe, dass ich jetzt auch nach 1 Uhr noch einen halbwegs reflektierten und ausgewogenen Bericht abgeben kann.

 

1. Als Beispiel für überzogenen Feminismus finde ich die Dokumentation nicht geeignet, da erstens nur sehr wenige Feminist*innen zu Wort kommen und von denen wiederum nur sehr wenige Meinungen äußern, die sich gegen Männer richten oder tatsächlich in irgendeiner Form radikal sind. Eigentlich geht es immer um das System, um Sexismus, um patriarchale Strukturen. Eine Vertreterin wirkt ein bisschen verbitterter, die ist allerdings auch schon ne Generation älter…

2. Es werden durchaus ein paar wichtige Punkte angesprochen, bei denen Männer “benachteiligt” sind. Die meisten davon lassen sich allerdings relativ eindeutig auf tradierte Geschlechterrollen zurückführen, die der Feminismus ja überwinden möchte, und nicht etwa auf Unterdrückung durch Frauen oder gar durch Feminismus geschaffene Veränderungen.

3. Viele andere Punkte und Probleme, die angesprochen werden, sind tendenziös/biased dargestellt, unsauber recherchiert und/oder es werden Korrelation und Kausalität vermischt (etwa die Boko-Haram-Geschichte, die Opferzahlen in Kriegen oder die ganze Thematik rund um untergeschobene Kinder).

Insgesamt definitiv keine ausgewogene, neutrale Berichterstattung und ziemlich stark mit Emotionen spielend (z.B. Nahaufnahme einer Beschneidung im Säuglingsalter). In sich geschlossen sind viele Argumentationen nachvollziehbar, aber wenn man ein wenig nachrecherchiert, fallen schnell die Ungereimtheiten, falsches Datenmaterial oder schiefen Grundannahmen auf (“Gender Studies are Women’s Studies”, „Women have always been responsible for reproduction and men for production“), ohne die die Argumentation dann nicht mehr funktioniert.

Wer sich mit der Thematik nicht viel auseinandersetzt, findet hier schnell “Beweise” für krude Thesen oder eben ein stimmiges Bild, dass er sich aneignen kann. Und es wird halt auch völlig ausgeblendet, wie stark MRAs (meine Pauschalisierung, in der Doku werden mindestens 3 Gruppierungen unterschieden: eine kritisiert das System der Geschlechterrollen, eine will das System gegen Frauen nutzen, eine dem System entfliehen) gegen Feminist*innen, Aktivist*innen und Frauen im Allgemeinen hetzen und mit welch konzertierten Aktionen sie diese online trollen, stalken, belästigen und damit indirekt zum Schweigen bringen, weil sie sich vor ihnen schützen wollen. Sind natürlich alle ganz harmlos und lieb, wie sie sich dort vor der Kamera präsentieren.

Bin trotzdem froh, dass ich mir das jetzt mal angeschaut habe und verstehe ein bisschen besser, woher manche Argumente kommen, die ich von Leuten gehört habe, bei denen es mich wundert, wie sie dazu gekommen sind. Mein Leben und Denken verändert hat die Doku allerdings nicht 😉

Guy Patterson macht jetzt in Feminismus

Um dieser etwas merkwürdigen Aussage Sinn einzuhauchen, muss ich Euch mit zurücknehmen in meine Vergangenheit, zurück in die Pubertät…

Es ist 1996 und meine (nee, meine Freundin ist nicht weg und bräunt sich) Mama nimmt mich mit ins Kino, um mir einen Film zu zeigen, den sie neulich im Flugzeug schon gesehen hat und dessen Titeltrack in Australien, wo sie und Papa gerade Urlaub gemacht haben, ein Charthit wurde: That Thing You Do! Zack, hatte ich einen neuen Lieblingsfilm. Nun war das damals in Bautzen und dort kamen die guten Nicht-Mainstream-Filme immer genau einmal (wenn überhaupt), nämlich montags im “Kino extra”, also hatte ich keine Chance, den Film ein zweites Mal im Kino zu sehen. Ich wartete also ungeduldig auf den Video-Release.

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Sobald das Video in unserer örtlichen Videothek angekommen war, habe ich es ausgeliehen und zuhause direkt angesehen. Und als der Abspann abgelaufen war, zurückgespult und gleich nochmal von vorn angefangen. Und dann habe ich es an dem Wochenende noch zweimal gesehen. Dann schlug Mama mir eine illegale Raubkopie vor (ich denke, das ist verjährt, Mama ;)) und wir schlossen unsere beiden Videorekorder an den Fernseher an. Leider war ein Kopierschutz auf der Kassette und nur der Ton wurde sauber kopiert, vom Bild war nicht viel zu sehen. Trotzdem hatte ich zumindest die ersten 10 Minuten des Films als Tonspur und auch die habe ich mir ab und zu angehört (und regelmäßig den Film wieder ausgeliehen), bis dann endlich, endlich das Kaufvideo auf dem Markt war, das ich mir direkt am ersten Tag gekauft habe.

Der Film ist wirklich ziemlich großartig (die IMDB-Bewertung ist da nicht ausreichend ;)), hat ein sehr gutes und witziges Drehbuch, tolle Schauspieler, gute Stimmung, super Musik… Ein absoluter Gute-Laune-Film und dabei nicht ohne Tiefgang.

Und That Thing You Do! hat Guy Patterson. Er ist “der Drummer, der den den Takt hält, das Rückgrat”. Er kommt als eigentlicher Jazz-Fan zu einer aufstrebenden Rock’n’Roll-Band hinzu, macht einen okayen Song zu einem Riesenhit, sorgt für beatlesque Erfolge, bleibt dabei die ganze Zeit aber auf dem Boden der Tatsachen und verkraftet so das Ende der Band von allen am Besten. Und er spannt dem karrieregeilen Gitarristen die Frau aus(natürlich erst nachdem sie den verlassen hat natürlich, er ist ja Gentleman) und macht mit ihr zusammen eine Jazz-Schule auf. Guy ist die Hauptfigur in dem Film, auf eine unaufdringlich normale Art gut aussehend, unglaublich lieb, witzig und eben irgendwie “besonders”. Ihr merkt es schon, Klein-loosy war verliebt. (Und ich möchte betonen: In die Filmfigur, nicht den Schauspieler!) Ich glaube tatsächlich, dass mich Guy im Hinblick auf die Männer, die mich interessieren, entscheidend geprägt hat und entdecke in der Rückschau wahrscheinlich bei jedem irgendeine Parallele.

Jedenfalls, “That Thing You Do!” ist immer noch in meiner ewigen Top 5 meiner Lieblingsfilme drin. Ich habe mir natürlich auch die DVD gekauft, auf Englisch und inkl. des deutlich längeren Director’s Cuts. Der macht den Film im Nachhinein nochmal großartiger, aber ich bin ganz froh, dass ich ihn erst Jahre später gesehen habe. Einige der Szenen zeigen Guy in Situationen (Sex ‘n’ Drugs ‘n’ Rock ‘n’ Roll), die meinem 13-jährigen Ich so gar nicht gefallen haben. Mein ca. 23-jähriges Ich fand ihn dadurch nur noch ein bisschen toller und sympathischer. Anyway…

Den Schauspieler hinter Guy, Tom Everett Scott, fand ich schon auch ganz hübsch, aber leider hat er hinterher nie wieder Rollen und Filme gespielt, die mich interessiert hätten. Und dann saß ich vor zwei Jahren mit einer Freundin im Freiluftkino Friedrichshain und schaute La La Land. Wie es sich gehörte, war ich natürlich für die Dauer des Films total in Ryan Goslings Sebastian verknallt. Und dann taucht ganz am Ende plötzlich Tom Everett Scott als der neue Freund von Emma Stones Mia auf, bevor es an die Schlüsselszene des Films geht, in der Sebastian und Mia sich wiedersehen, ihre gemeinsame Zeit heraufbeschworen wird und sie trotz der aufwallenden Gefühle ihren Frieden miteinander machen. Diese Szene ist an sich schon unglaublich und wurde für mich durch “Guy Patterson” nochmal zum absoluten Mindfuck – da Sebastian und Mia, in meinem Kopf ich und Guy… 😉

Ich habe mich dann noch einmal in die Tiefen des Internets bewegt und u. a. herausgefunden, dass sowohl La-La-Land-Regisseur Damien Chazelle als auch Ryan Gosling und Emma Stone riesige That-Thing-You-Do!-Fans sind, dass Sebastian durchaus ein bisschen nach Guys Vorbild geschrieben wurde (das ganze Jazz-Ding!), dass sie in der Vorbereitung des Films sehr viel über That Thing You Do! gesprochen haben und deswegen dann Tom Everett Scott diese Cameo-Rolle angeboten wurde und sie alle hellauf begeistert waren, als er zusagte. In dem Zusammenhang habe ich dann auch gleich noch weiter rumgelesen, alte und neue Interviews mit den TTYD-Schauspieler*innen angesehen und bin einigen von ihnen auf Instagram gefolgt. Unter anderem natürlich auch Tom Everett Scott.

Darüber habe ich dann mitbekommen, dass er jetzt in einer Serie mitspielt und mir die dann natürlich auch gleich angeschaut: In I’m Sorry geht es um eine Comedy-Autorin (Andrea Savage), ihren Mann (Tom Everett Scott), ihre kleine Tochter (Olive Petrucci) und ihre Mutter (Kathy Baker). Es geht um das Leben in Hollywood/LA in der heutigen Zeit, um Feminismus, Gender Equality, #metoo, LGBTQI-Rechte, Political Correctness, Sex Positivity, Erziehung usw. usw. Eine Art “Curb Your Enthusiasm” in jung, weiblich, feministisch und sympathisch. Ziemlich anders auf jeden Fall, als die “Mainstream”-Sitcoms, die so zu uns rüberschwappen und wirklich, wirklich lustig. Super ist außerdem wie selbstverständlich gleichberechtigt die beiden Paarsein und Elternschaft leben. Kann ich Euch allen nur ans Herz legen! (Und der großartige Jason Mantzoukas spielt auch mit.)

Und zum Schluss nochmal ein kleines bisschen That Thing You Do!, den Ihr natürlich ebenso dringend gucken solltet – wer diesen Film liebt, kann kein schlechter Mensch sein und wenn Ihr ihn genau so liebt, wie ich, habt Ihr (aufgrund positiver Erfahrungen) auf jeden Fall einen Stein im Brett bei mir. Für Viewing Parties (deutsch, englisch oder Director’s Cut) bin ich auch jederzeit bereit und zu haben! 🙂

 

Wie der Januar riecht

So, nachdem ich den laut maunzenden und über die Tastatur wetzenden Kater ruhig gestellt habe, kann ich jetzt aufschreiben, wie der Monat für mich gerochen hat. Andere olfaktorische Erinnerungen gibt es zum Beispiel bei Ijuno und bestimmt auch bald beim liebsten Fräulein der Welt, das sich diese Beitragsreihe ausgedacht hat. Für den nervigen Kater riecht der Januar am Ende übrigens nach Katzenminze auf einem Kuschelkissen…

Der Januar riecht zunächst einmal nach eingemummeltem Couchen, Katzenfell und Süßkram. Dann aber riecht er nach freien Ferientagen, Kleinkindköpfen und Erfrischungstüchern. Nach Sardellen, Knoblauch und Bacon duftet der Caesar Salad, mit dem wir beim Mobster Dinner das Jahr einläuten. Der Januar riecht nach den Büchern in den Regalen der Böse Buben Bar,

Nach großer Wiedersehensfreude riecht der Januar ebenso wie nach Unsicherheiten und vorsichtigem Herantasten. Ein Schritt vor, zwei zurück und dann vielleicht doch wieder einer vor? Nach Missverständnissen und unbedachten Worten ebenso wie nach sehr sorgfältig gewählten Worten, klärenden Gesprächen und großer Erleichterung.

Der Januar riecht oft nach Schweiß – in überhitzten Bahnen, Büros, Meetingräumen und Diskussionen ebenso wie beim Sport oder beim schweißgebadeten Aufwachen nach unruhigen Träumen.

Er riecht nach viel Papier und Druckerschwärze und Klebebandresten an den Fingern. Nach köstlichen Pancakes, Blinis, Crêpes und Quesadillas riecht er zum Glück auch. Außerdem nach Zitrusfrüchten, Tee und Thymianhänden. Nach jamaikanischer Küche und einer Brise jamaikanischer Lebensart in der Luft.

Der Januar duftet nach Heimlichkeiten, jeder Menge Organisation und Koordination und glücklich gemachten Menschen. Nach Indien, das sich in den Falten von T-Shirts und Tüchern versteckt gehalten hat. Nach Kuchen und Muffins, nach Schampus und Steak und gutem Wein. Nach regennassem Asphalt riecht der Januar, nach gestohlenen Sonnenstrahlen und ab und zu sogar nach Schnee. Er duftet nach Hochzeitsblumen und Vogelhochzeitssüßigkeiten und den Ledersitzen in einem “was schattigen Auto”.

Nach Angekommensein und Nähe riecht der Januar ebenso wie immer wieder auch nach Fallen und Angst und Ungewissheit. Am Ende riecht er sehr chaotisch, nach Granatapfel-Cupcake und Smoothies, nach Eis und Yogamatten, nach Torte und Bier.

Der Januar ist ein langer Monat und prall gefüllt mit Leben, vieles vom guten und so manches vom schlechten ist darunter. Und ganz am Schluss, da riecht der Januar nach Zuversicht und Lachen und Vorfreude auf alles, was noch kommen mag.

 

PS: 30 Plakate abgeknibbelt, 30 Plakate aufgehängt. For those who count.

Guter Chor ist gut: Die Happy Disharmonists in der Bar jeder Vernunft

Die Demo gestern hat mich aus Gründen ein wenig aus meinem eigentlichen Blogrhythmus hinausgeworfen. Eigentlich soll das ja hier so ein bisschen ein Tagebuch sein und da kommt vor dem Sonnabend natürlich noch der Freitagabend. Den verbrachte ich in netter Begleitung in der Bar jeder Vernunft, beim Konzert der Happy Disharmonists. Gleich vorab: Meine beste Kolleginnenfreundin* singt in diesem Chor mit und hat uns für den Abend Steuerkarten besorgt, diese haben wir aber selbst bezahlt und somit ist auch dieser Text wieder keine Werbung 😉

Insgesamt war das mein drittes Mal Happy Disharmonists, diesmal jedoch lag das letzte Mal bereits so lange zurück, dass das Programm für mich fast komplett neu war. Jedes Mal wieder stelle ich fest, dass ich zu den jüngsten Menschen im Publikum gehöre. Das liegt vermutlich daran, dass ich nur wenig älter bin, als der Chor selbst, in dem auch immer noch einige Mitglieder der Originalbesetzung singen, die ihn damals zu Schulzeiten gegründet haben. Das bedeutet einerseits, dass es natürlich auch Fans gibt, die schon genau so lange dabei sind und andererseits, dass Freund*innen und Familienangehörige der Chormitglieder oftmals auch keine 12 mehr sind (also außer den Chorkindern vielleicht).

Jedes Mal beim Ankommen denke ich also: Hui, wo bin ich denn hier hingeraten, die sind ja hier alle viel älter und gesetzter als ich und dann ist das ja auch noch ein Chor-Konzert und Chor-Konzerte sind ja im Allgemeinen auch eher was für die ein bisschen spießigeres Publikum als ich mich gerne wähne… Und dann singen die los und alle Befürchtungen sind vergessen: Erstens ist das hier ein Pop-Chor und zweitens hat er auch sehr viel Selbstironie. Gleich zu Beginn wird der Pop-Chor-Hype aufs Korn genommen und gezeigt, dass sie von klassischem Chorgesang über A Capella bis hin zu musikalisch höchst anspruchsvollen Covern und Remixen verschiedenster Genres alles drauf haben.

Natürlich gab es auch das eine oder andere Lied, das mich weniger umhaute und den einen oder anderen “Stur lächeln und winken”-Moment, aber die meiste Zeit über konnte ich nur staunen. Besonders über die bereits angesprochenen Cover und Remixe. Da hauen die mal eben ein Mash-up von David Bowies “Major Tom” mit Peter Schillings “Major Tom (Völlig Losgelöst)” hin, verbandeln kleine und große Momente der Pop-Geschichte mit Einsprengseln von “Rule Britannia” und top-aktueller Brexit-Problematik, schummeln ihrem gesetzten älteren Publikum Ärzte-Songs unter, bei denen es Lachanfälle bekommt, untermalen das Märchen vom Froschkönig mit kulturellen Anspielungen und musikalischen Zitaten von “Bohemian Rhapsody” bis “1000 und 1 Nacht”, hauen das eine oder andere politische Statement raus, dass sich gewaschen hat oder treiben meiner Begleitung mit einem Pink-Floyd-Cover unerwartet Tränen in die Augen…

Ein Konzert der Happy Disharmonists sei hiermit jedem anempfohlen, der Spaß an gut und clever gemachter Musik hat. Aber Vorsicht: Sie sind immer sehr schnell ausverkauft – das Drama, bis wir die benötigte Anzahl Karten noch ergattern konnte, wäre einen eigenen Blogbeitrag wert gewesen…

*Es fühlt sich komplett falsch an, hier das Wort Kollegin überhaupt mit einzubringen. Wir sind seit mehr als 16 Jahren sehr enge Freundinnen, haben zusammen studiert und tatsächlich auch mal zusammen in einem Chor gesungen und zusammen arbeiten tun wir erst seit etwas mehr als 8 Jahren 😉 Der Begriff “beste Kolleginnenfreundin” ist hauptsächlich der Unterscheidung zu anderen guten Freundinnen und der offiziellen besten Freundin geschuldet, die ja hier im Blog alle irgendwie ein Pseudoym benötigen.

Vogelhochzeit. Oder: Einmal mit Profis essen

Ich tue ja für gutes Essen bekanntlich eine ganze Menge. Heute bin ich sogar an einem Dienstag nach der Arbeit nach Zehlendorf gefahren (aufgrund eines Polizeieinsatzes sogar mit U-Bahn und insgesamt drei S-Bahnen statt nur einer). Das liegt daran, dass ich – wenn ich nicht gerade Rostockerin oder Berlinerin bin – Lausitzerin bin. Und in der Lausitz ist am Freitag Vogelhochzeit.

Wer dieses Blog schon länger liest, weiß das längst: Wer den ganzen Winter über fleißig die Vögel gefüttert hat, wird von Ihnen dafür am 25. Januar mit leckeren Backwaren beschenkt. In der Lausitz sind diese um diese Jahreszeit überall präsent, in Berlin hingegen ist man auf Care-Pakete aus der Heimat angewiesen. Denn die Vogelhochzeit ist ein sorbischer Brauch und ihre Backtradition reicht nicht über das verbliebene Kernsiedlungsgebiet hinaus.

Zum Glück findet die Grüne Woche jedes Jahr ungefähr zur Vogelhochzeit statt und somit finden Vögel und Nester (aus Keks, Creme, Schokolade, Hefeteig und/oder Baiser) regelmäßige Transporter in die Hauptstadt. Letztes Jahr war meine Cousine zu diesem Ereignis als Gästin in der Stadt und brachte eine breite Auswahl von drei verschiedenen Bautzener Bäckereien. Dieses Jahr stammt meine Lieferung vom Erzeuger selbst, der als Aussteller auf der Grünen Woche ist.

Und so begab es sich also, dass ich nach Zehlendorf fuhr und neben der Vogel- und Nesterübergabe auch noch mit professionellen Nahrungsmittelerzeugern (Handwerksbäckerei, biologische Landwirtschaft samt Hofladen, Schaubrennerei) essen gehen durfte – selbst bezahlt natürlich, es handelt sich auch bei diesem Blogpost nicht um bezahlte Werbung.

Bei Primitivo, Thunfisch-Carpaccio und Pappardelle drehten sich die Tischgespräche um die Feinheiten des Bäckerhandwerks (inkl. Befindlichkeiten ländlicher Kundschaft im Bezug auf z. B. die durch künstliche Zusätze geschaffene Fluffigkeit von Brötchen oder das Geschlecht des Verkaufspersonals), die einzig sinnvolle Art der Haferzubereitung, die Besonderheiten sizilianischen Hartweizens, die Qualitätsunterschiede zwischen verschiedenen italienischen Restaurants in Bautzen und Trinkfreudigkeit des Grüne-Woche-Publikums.

Ein schöner Abend war das! Und Vogelhochzeit können der Hase und ich dann jetzt auch wieder angemessen feiern.

Date Night im “To Beef Or Not To Beef”

Der gestrige Abend endete völlig anders, als wir es am Morgen noch gedacht hätten. Eigentlich waren wir nämlich wie fast jeden Freitag zu Freunden zum Mobster Dinner eingeladen. Leider musste dieses aus Gründen verschoben werden und so hatten wir plötzlich die Aussicht auf einen gänzlich unverplanten Abend, an dem wir aber trotzdem etwas tolles machen wollten. Möglicherweise spielten dabei ein unnötiger unglücklicher Zusammenstoß am Morgen oder die Tatsache, dass wir in dieser Woche unser 6,5-jähriges hatten eine Rolle. Jedenfalls schlug der Hase vor, dass wir seinen Geburtstagsgutschein von seinem Team einlösen und im “To Beef Or Not To Beef” essen gehen. (Wie bereits gesagt: Wir lösten einen Gutschein ein – und bezahlten den Rest der Rechnung aus eigener Tasche, es handelt sich hier also um keine bezahlte Werbung oder einen gesponsorten Post!)

Da er mit seinem Team an diesem Abend außerdem noch einen gelungenen Projektabschluss zu feiern hatte, fuhr ich nach Feierabend zunächst einmal aus meinem Büro zu seinem und half beim Anstoßen. Das war auch eine schöne Gelegenheit, noch ein paar mehr seiner Kolleg*innen kennenzulernen (und sie beim Tischtennis alle gnadenlos abzuziehen (Möglicherweise spielte dabei eine Rolle, dass ich nur _ein_ Glas Champagner und _eine_ Flasche Radler getrunken hatte.)).

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Gegen halb 9 trafen wir dann jedenfalls im Restaurant ein und ergatterten auch ohne Reservierung noch einen kleinen Tisch am Tresen, mit für den Hasen perfektem Blick in die Küche.

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Zunächst einmal studierten wir ausgiebig die Karte – hier im wunderschönen Buch-Look – und ließen uns zu den verschiedenen verfügbaren Fleischstücken beraten. Die Spezialität des Hauses ist nämlich – wie der Name schon sagt – Rindfleisch, das vom italienischen “Starmetzger” Dario Cecchini entsprechend der “Nose-to-Tail”-Philosophie zugeschnitten wird. Es ist also ganz besonderes Fleisch, das natürlich auch einen entsprechenden Preis hat.*

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Und weil der Hase gestern die Spendierhosen anhatte, durfte ich mir dann dazu auch noch einen Wein meiner Wahl aussuchen. Normalerweise hätten wir uns wohl für 1 bis 2 einzelne Gläser entschieden, aber im To Beef Or Not To Beef haben sie tatsächlich einige Tasca-d’Almerita-Weine auf der Karte, allerdings nur in Flaschen. Aufmerksame Leser*innen erinnern sich an dieser Stelle, dass ich zu Tasca d’Almerita eine ganz besondere Beziehung habe:

Vor fast vier Jahren verbrachte ich einige der schönsten Wochen meines Lebens bei einem Foodwriting-Workshop in der Kochschule Anna Tasca Lanza auf der Tenuta Regaleali in Sizilien, dem Stammweingut der Familie Tasca. Dort gab es zu jeder Mahlzeit diese tollen Weine und natürlich machten wir auch eine Führung durch den Weinkeller und bekamen eine professionelle Weinprobe. Mit Fabrizia, der Leiterin der Kochschule bin ich seitdem befreundet und vor zwei Jahren haben der Hase und ich ein tolles Wochenende mit ihr hier in Berlin verbracht. Vor wenigen Wochen sahen wir sie ein weiteres Mal hier in Berlin und auch da gab es wieder Tasca-d’Almerita-Weine. Das ist relativ ungewöhnlich, da es diese in Deutschland nur sehr selten in Läden zu kaufen gibt und eigentlich nur einige wenige Restaurants direkt beliefert werden.

Auf der Karte gestern fanden wir jedenfalls den Leone (meinen Lieblingsweißen von Tasca d’Almerita, der als Weißwein allerdings meines Erachtens nicht so gut zu den von uns ausgewählten Speisen gepasst hätte) und den Rosso del Conte, den Signature Wine oder auch den “Mercedes” unter den Tasca-d’Almerita-Weinen. Diesen Wein aus 62% Nero d’Avola und 38% nur in Sizilien wachsendem Perricone hat Fabrizias Onkel, Conte Guiseppe Tasca 1970 komponiert. Seitdem gewinnt er regelmäßig diverse Preise. Wir bekamen gestern eine Flasche des 2013er Jahrgangs serviert, die ich wirklich umwerfend fand und aus der ich die in der Speisekarte aufgeführten Noten von Vanille, Tabak und Kirschen definitiv herausgeschmeckt habe. Der Hase tut sich ja immer noch ein bisschen schwer mit sehr trockenen Roten, aber nachdem der Wein ein wenig geatmet hatte und in Kombination mit dem Essen fand er ihn dann auch ziemlich gut…

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Als Gruß aus der Küche bekamen wir hauchdünn geschnittene Mortadella aus Bologna serviert, mit gutem italienischen Weißbrot und einem sehr leckeren, grasigen Olivenöl mit nur einer ganz leichten Schärfe im Abgang (auch das etwas, womit der Hase nicht so gut umgehen kann, während ich in dem Öl hätte baden können).

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Als Vorspeise hatte sich der Hase die Arancini ausgesucht, die noch ganz heiß auf den Tisch kamen – zwei mit Käse gefüllt und zwei mit Ragù, dazu gab es eine Käse-Béchamel-Sauce und Tomaten-Chili-Ragout. Natürlich haben wir alles geteilt und waren beide sehr begeistert.

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Für mich gab es dann noch den Tartar, mit flüssigem Wachtelei, gehackten Kapern, grobem Salz und sardischem Carasau-Brot – sehr, sehr lecker! Der Hase hat auch gekostet (zum dritten Mal nach Modena und Urbino im Oktober) und fragt sich jetzt endgültig, welches Problem Mr. Bean eigentlich mit Tartar hatte… Wobei der bei uns schon immer appetitlicher aussieht. So unglaublich lecker, das Zeug!

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Zum Hauptgang bekam ich das “kleinstmögliche” Stück des Panzanese, einer “sehr mageren und geschmacksintensivem” Scheibe aus dem Schenkelinneren, 28 Tage gereift und in meinem Fall medium rare. Das kleinstmögliche Stück sind übrigens 250 g, die ich mit einigen Mühen aber dennoch gut geschafft habe. Dazu bestellte ich mir typisch toskanische Cannelini-Bohnen mit Kräutern.

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Für den Hasen gab es etwas ganz edles, nämlich Côte de Boeuf, 30 Tage gereift, in der 750-g-Variante (allerdings wird der Knochen mitgewogen, tatsächlich war es also nicht dreimal so viel wie meine Version, trotzdem aber immer noch sehr viel). Bei diesem Stück sind mageres und fettes Fleisch miteinander vermischt und wie man sieht, bestellte der Hase es medium und nicht medium rare. (Beim letzten Besuch hatte er das Bistecca fiorentina in medium rare und das war ihm ein wenig zu roh.) Für uns beide gab es dazu dann noch ein mit Kräutern aromatisiertes Salz, das wir aber sehr vorsichtig dosieren sollten, um das Fleischaroma nicht zu überlagern. Das Côte de Boeuf wurde mit Wildkräutersalat, Kartoffel-Senf-Püree und Sauce Bearnaise serviert.

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Wir schlemmten und erzählten und tranken und hatten eine wundervolle Mahlzeit. Gegen Ende probierte der Hase noch vom italienischen Craft Beer und einen “milden, romantischen Grappa”, während ich mir eine sehr köstliche, fluffige Crème brûlée schmecken ließ.

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Dann liefen wir satt, zufrieden und einigermaßen angetrunken zur S-Bahn, fuhren mit der Ringbahn nach Hause, gaben den Katzen ihr Abendbrot und setzten uns dann immer noch erzählend auf die Couch. Nach zwei Stunden fielen mir langsam die Augen zu, sonst hätten wir wahrscheinlich noch bis heute morgen weiter geredet. So ein tolles Date war das nämlich!

 

*Wir haben am Ende des Abends etwas über den doppelten Wert des Geschenkgutscheins ausgegeben, ungefähr viermal so viel, wie uns normalerweise ein gemeinsames 3-Gänge-Menü in einem typischen Berliner Durchschnittsrestaurant gekostet hätte. Für diesen Abend, diesen Wein und dieses Fleisch war es das auf jeden Fall wert. Generell finden wir es eine gute Idee, wenn Fleisch hochwertig produziert und dementsprechend teuer ist. Die nächsten Wochen werden jetzt dementsprechend auch sehr fleischarm werden – einerseits, weil nur wenig an dieses Essen heranreichen könnte, andererseits, weil wir keine Lust haben, mit billig produziertem, minderwertigem Fleisch Massentierhaltung und alles was damit zusammen hängt zu unterstützen. Lieber selten und gut, als oft und billig – das ist für alle Beteiligten am besten!

Tagebuch-5 im November – Unter der Käseglocke #wmdedgt

Es ist der 5. und wie jeden Monat fragt Frau Brüllen wieder: WMDEDGT? Die anderen Beiträge gibt es wie immer hier, mein Tag sah so aus:

Den Wecker des Hasen verschlafe ich einfach, denn ich bin von meinem Rostock-Trip immer noch wahnsinnig müde. Als meiner halb 8 dran ist, werde ich zumindest wach(er), brauche dann aber noch eine gute halbe Stunde, bis ich mich aus dem Bett schäle. Katzen auf den Balkon lassen, duschen, Zähne putzen, Rostock-Gepäck aus- und verräumen, Sportsachen einpacken, Besuch verabschieden und dann geht es ins Büro. Die Tram ist nach den Ferien wieder voll, dafür gibt es erstaunlicherweise in der U-Bahn einen Sitzplatz.

Viertel 10 bin ich im Büro. Zum Frühstück gibt es zwei Orangen und einen Milchkaffee. Ich bin den ganzen Tag über schrecklich müde und fühle mich wie unter einer Käseglocke. Zum Glück stehen keine besonderen Termine an und ich kann einfach in Ruhe Dinge abarbeiten. Dazu gibt es das neue Hanson-Album auf die Ohren, das dieser Tage erscheinen wird. Um 12 ergattere ich eines der Early Bird Tickets für die re:publica im nächsten Jahr. Mittags gehe ich mit Kolleg*innen an die Salattheke des nächsten Supermarkts und stelle mir mein Mittagessen zusammen.

Dann esse ich mit der besten Kolleginnenfreundin zu Mittag und berichte ihr von meinen Rostock-Erlebnissen und den Treffen mit gemeinsamen Freunden.

Den immer noch müden Nachmittag überstehe ich mit viel Tee und einer Unterbrechung durch eine Videokonferenz. Nebenbei verschiebe ich die Sportverabredung auf morgen: Heute muss ich wirklich früh ins Bett. Außerdem wird mit dem Hasen das Abendbrot besprochen und ein Treffen mit einer Freundin für nächste Woche ausgemacht.

Viertel 7 mache ich Feierabend und fahre auf direktem Weg nach Hause. Kurz vor 7 komme ich an. Erst einmal bekommen die Katzen ihr Futter und ich ziehe mich diskret aufs Sofa zurück, damit sie in Ruhe essen können. Dann mache ich mich an die Zubereitung des Abendbrots. Es gibt Nudeln mit Mangold (aus dem Garten der Haseneltern), Stracchino (aus dem italienischen Supermarkt) und Walnüssen (aus dem Innenhof).

Pünktlich um 8 steht das Essen auf dem Tisch. Dazu gibt es einen Lacrima di Morro d’Alba, den wir aus Marche mitgebracht haben (ein Geschenk der Eltern der italienischen Cousine). Während des Essens erzählen wir uns gegenseitig die letzten Tage und dann wird es für mich auch schon Zeit fürs Bett. Um 9 liege ich drin.

Im November werde ich…

Auch dies ist ein monatliches Ritual, ich glaube ursprünglich von Frische Brise, aber auch übernommen von z. B. Frau Brüllen. Im November werde ich…

  • Weiter sehr viel selber kochen und backen, dabei Vorräte aufbrauchen, viel improvisieren und spannende Rezepte ausprobieren
  • Rostock, Warnemünde und die Ostsee sehen
  • Tanzen, bis das Licht angeht
  • Freunde treffen
  • Ins Kino gehen
  • Törtchen essen
  • Endlich wieder zum Sport gehen
  • Eine lang verschollene Freundin wiedersehen
  • Die Hasenfamilie besuchen und Gans essen
  • Mit spannenden Menschen dinieren
  • Einen Schaukelstuhl bekommen und dafür die Bibliothek umräumen
  • Die Lausitz und dort lebende Freunde und Familie wiedersehen, im Wald, unter der Brücke und vielleicht am Berg?
  • Das Brüderchen treffen
  • Ehrenamtlich agieren
  • Die Katzen ständig rein und raus lassen, bis es ihnen draußen zu kalt wird
  • Die Wahlen in den USA verfolgen
  • Die Ärzte endlich auf Spotify hören
  • Pfannkuchen essen, am 11. nämlich
  • Auf der Arbeit ganz neue Aufgaben erlernen
  • Vielleicht weiter mehr bloggen?

Wie der Oktober riecht

Regelmäßig schreibt das beste Fräulein von Allen, die Godmother der Tastatur, auf, wie ihr Monat roch und lädt ein, selbst olfaktorische Erinnerungen zu notieren. Und wie immer, wenn das Fräulein etwas anpackt, finden sich schnell Gleichgesinnte, diesen Monat u. a. in Indien und Hamburg, in Chile und in Brandenburg. Ich will mich nun auch einmal daran versuchen, denn beim Lesen und kurzen Überlegen sind mir erstaunlich viele Gerüche des Oktobers wieder eingefallen…

Der Oktober riecht zuerst einmal nach salziger Lagunenluft, nach Feuchte, Schimmel, Algen und jeder Menge Regen. Nach viel zu vielen enggedrängten nassen Menschen im Vaporetto und nach gutem Kaffee zu touristischen Preisen. Nach süßem Gebäck und überreifen Feigen, nach geschmolzenem Glas und Torta della Nonna. Er riecht nach Meeresgetier auf dem Teller und nach dunkler Schokolade.

Der Oktober riecht nach alten Gemäuern und jahrhundertealter Weisheit, duftet nach tropischen Blüten und schwerer, feuchter Luft ebenso wie nach verbranntem Gummi und Benzin. Der Duft von Schafskäse zieht sich durch den kompletten Monat, den von Trüffeln hingegen lassen wir nach einigen Tagen hinter uns. Trauben frisch von der Rebe gepflückt riechen im Oktober manchmal schon leicht vergoren und künden von dem Wein, zu dem sie werden.

Der Oktober riecht nach Oma, nach Zuhause, nach Kindheitserinnerungen und Kaminfeuer zwischen dicken Steinwänden, nach Jahrzehnten voller Bücher und Gemälden ebenso wie nach einem Hühnerstall und gleichzeitig nach den Zitronen, die C. für uns pflückt. Der Oktober riecht immer noch nach Tomaten.

Nach Wein riecht er wochenlang, in den verschiedensten Herstellungsstufen, Mischungen und Aromen. Nach Prosecco, Spumante und Lambrusco, nach Soave und Bardolino, Sangiovese, Brunello und Verdicchio, Pinot Grigio und Vinsanto.

Er riecht nach Eichenfässern, Kellerstaub und Trester. Nach frischem Brot und rohem Fleisch. Nach Pasta und Brühe und Pfeffer und noch mehr Käse. Nach Schinken, Salami, Salsiccia und Bacon. Nach zu flüssigen Frühstückseiern und aufgewärmter Lasagne. Er umschmeichelt die Nase mit Squaquerone und karamellisierten Feigen und fordert sie mit Schwefelquellen und gechlortem Wasser heraus.

In den Bergen riecht der Oktober schon nach tiefstem Herbst, nach Holzfeuer und Gebirgsbächen und nach Abendbrot im Bett. Er riecht nach Aprikosenmarmelade und cremigem Gelato, nach Frittiertem und jeder Menge Caffè, nach angekohltem Hefeteig und Schokoladenfabrik. Und nach Gianduia riecht er auch.

Der Oktober riecht nach Knoblauch und Kakis, nach Eseln und Ziegen, nach frisch gepflügter Erde und verbrannten Weinstöcken. Er riecht nach nassem Hund und schlammigen Pfoten auf neuen Hosen.

Nach blauem Meer und blauem Himmel, sanfter Brise und weißen Kieseln riecht der Oktober. Nach Meerfenchel und salziger Seife, nach Honig und nach Rosenblättern. Nach Neuem und Altem und der schwierigen Zeit dazwischen. Nach Puderzucker und Maroni, geschmolzenem Käse, Kürbis und Mandeln.

Er riecht nach Ledersitzen im Zug und Zugtoiletten. Nach uiguirischem, irischem und irgendwie modernem Essen. Nach Selbstgekochtem und endlich wieder deutschem Kuchen. Nach Aufbruch und Neuanfang und einer Ahnung vom Schweren.

Nach bunten Blättern und abgemähten Hagebuttenhecken, nach Asphalt und Alltag, Bürofußbodenbelag und erstem Glühwein, nach Katzenschnurren und jeder Menge Tee – und immer noch nach Rattenkot. So riecht der Oktober.

#WMDEDGT – Tagebuch-5 im Mai 2018

In den letzten Wochen habe ich so oft gedacht, dass man das ja bloggen könnte und dann habe ich es doch immer nicht getan. Vielleicht gibt mir die re:publica ja jetzt den nötigen Schwung, wieder in einen regelmäßigen Rhythmus hineinzufinden. Praktisch ist auf jeden Fall, dass ich gerade in der Sonne auf dem Balkon sitze und Kaffee trinke, dass gestern der 5. war und Frau Brüllen deswegen mal wieder fragte: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Die anderen Antworten gibt es dort, meine hier:

Der 5. Mai 2018 ist ein Sonnabend und ich verbringe ihn in Berlin. Er beginnt genau genommen in der Bahn nach Hause von der re:publica Abschluss-Party, aber wir wollen mal nicht pingelig sein. Morgens wache ich etwas unwillig schon gegen 8 auf, während der Hase neben mir noch schläft. Zum Glück zwingt mich ja niemand zum Aufstehen und ich kann erstmal in aller Ruhe das Internet leer lesen (E-Mails, Facebook, Instagram, Twitter, Feedly, Pocket und nochmal von vorn). Kurz vor 10 wird dann auch der Hase wach und wir tauschen uns erst einmal über die letzten Tage aus, an denen wir uns re:pulica-bedingt eigentlich so gut wie nie (wach) gesehen haben. Als nächstes planen wir den heutigen Tag, beziehungsweise das Wochenende. Als wichtigste Aufgaben kristallisieren sich einkaufen, Wäsche waschen, Muffins backen, aufräumen und Bad putzen heraus. (Bleibt dran und schaut, wie viel wir davon geschafft haben…)  Außerdem sind wir zum Mittagessen verabredet, der Hase möchte Nachtangeln gehen und Sonntagabend erwarten wir Besuch.

Da das Mittagsdate schon gefährlich nahegerückt ist, mache ich uns dann Tee und Obstsalat zum Frühstück, während der Hase zum Bäcker radelt (der macht sonnabends um 1 zu) und noch Brot von gestern kauft. Und weil der Hase der Hase ist und ich ich bin, bringt er auch noch zwei Stück Kuchen mit (Pflaume-Streusel und Apfel mit Decke). Die teilen wir uns dann noch zusätzlich zum Obstsalat. Dann mache auch ich mich ausgehfein, hole den Handgepäck-Trolley hervor, den wir unseren Freunden für ihren Urlaub leihen und wir laufen gemeinsam los zum Lecker Song in der Schliemannstraße. Ausgesucht habe ich das aus meiner Foursquare-Liste Berlin nach den Filtern “In meiner Nähe”, “Noch nicht besucht” und “Sitzplätze draußen” und meinem persönlichen Filter “Darauf hab ich jetzt Lust”. Es gibt leckeren Tee mit Sesam, Chrysanthemen, Litschis und anderem Zeug drin aus zauberhaften Teeschalen mit Fischen als Relief im Boden.

Teetasse

(Ich musste gerade nach Drinnen wechseln, weil es in der prallen Mai-Sonne draußen einfach zu heiß wurde.)

Wir teilen uns dann vier Vorspeisen (Edamame, Gurkensalat mit Chili, Bohnensalat mit Senfkraut und Ingwer sowie eine Wan-Tan-Suppe) und fünf verschiedene Dumpling-Sorten (Allesamt vegetarisch, aber schon beim Essen können wir nicht mehr alles auseinanderhalten. Kürbis-Curry ist dabei, Wildgemüse-Morcheln, Tofu-Shitake und noch zwei andere.)

Gurkensalat

Dumplings

Alles ist extrem lecker und wir unterhalten uns nebenbei über jede Menge Themen von schlecht gelaunten Menschen über Hip Hop über Antisemitismus über Berlin bis hin zu Waldorfschulen und zurück. Dann entscheiden wir uns gegen noch mehr süße Dumplings zum Dessert und für einen kurzen Verdauungsspaziergang um die Ecke zu Hokey Pokey. Dort gibt es für einen kein Eis, für eine zwei Kugeln und für den Hasen und mich je drei. Meine sind Kokos-Mango, Weiße Schokolade mit gesalzenen Pistazien und Karamell und Blaubeer-Baiser).

Wir schlecken unser Eis im Laufen und bringen die beiden zurück zum S-Bahnhof. Dann geht es ans Einkaufen. In zwei Supermärkten ist der Rhabarber, den ich für die Muffins brauche bereits ausverkauft, im dritten werde ich fündig. Vorher überschlage ich kurz die Alternativen im Kopf und bin dann aber beruhigt: Im Umkreis unserer Wohnung gibt es 13 Supermärkte, die ich innerhalb von 10 Minuten zu Fuß erreichen kann. Drei davon sind Bio-Supermärkte (Hallo, Prenzlauer Berg!). Nichtsdestotrotz leben wir in einer grünen, ruhigen Oase und ich höre zum Beispiel gerade nicht als Vögelgezwitscher und Stühlerücken bei den Nachbarn über uns.

Grün

Wieder zuhause verlangt dann das ganze Essen seinen Tribut und ich werde unglaublich, unglaublich müde. Ich schaffe es gerade noch, eine Waschmaschine anzusetzen, dann muss ich mich zur Siesta hinlegen. Als ich nach über zwei Stunden wieder erwache, ist der Hase bereits zum Angeln aufgebrochen. Ich bin noch nicht wieder so ganz wach und stelle fest, dass da heute bei mir wohl auch nicht mehr viel passieren wird. Also lege ich nur Wäsche zusammen, hänge die frisch gewaschene Wäsche auf, setze eine zweite Maschine an und verziehe mich dann mit Laptop und Miezen auf die Couch. Es müssen ja schließlich noch einige Serienfolgen weggeguckt werden.

Zwischendurch esse ich die Tafel Vollmich-Kardamom-Schokolade zu Ende, die ich auf der re:publica angebrochen habe und mache mir noch eine Stulle mit Fenchelsalami und Tomaten. Außerdem bekommen die Katzen Abendbrot und ein sauberes Klo und die zweite Ladung Wäsche wird aufgehängt. Als ich bei allen Serien wieder auf dem neusten Stand bin (teilweise hinkte ich mehrere Folgen hinterher), ist es schon weit nach Mitternacht. Ich erkundige mich beim Hasen nach seinem Temperaturempfinden. Er ist noch nicht erfroren, sitzt immer noch am Kanal in Baumschulenweg, fängt Fische wie nix Gutes und die Nachtigallen führen einen Gesangswettstreit. Dann kann ich ja beruhigt schlafen gehen. Morgen ist auch noch ein Tag.