Trotz oder wegen einiger Noosa-förmiger Unterbrechungen bis kurz vorm extra spät gestellten Wecker geschlafen. Da das Verbloggen eines re:publica-Tages länger dauert, zieht sich der morgendliche Reboot ziemlich lange hin, was ich nur dadurch kompensieren kann (und will), dass ich zwei mögliche erste Sessions um 10 sausen lasse (beide online nachguckbar) und noch ein kurzes Balkonfrühstück mit Müsli und Mate einlege.
Dann aber geht es zurück zur Station und trotz wieder längerer Taschenkontrollschlange bin ich pünktlich da, um mich halb 11 dann von Dirk Meyer-Claassen aus der Senatskanzlei über den Stand der Verwaltungsreform in Berlin informieren zu lassen. Zum Glück hat am Ende jemand nachgefragt, was das denn nun für die Bürger*innen bedeutet, denn der Vortrag selbst strotzte vor Fachsprache und Verwaltungsbegriffen und da muss man glaube ich schon ein ziemlicher Nerd sein, um dem mit Interesse und Erkenntnisgewinn folgen zu können. Ich habe nebenbei die Rätsel gemacht, die ich morgens nicht geschafft hatte.
Als Nächstes dann Kontrastprogramm mit einem Talk von Tim Stark und Leonie Heims zu rechtsradikaler Netzkultur und dem Phänomen „Agartha“, das von lächerlichen Memes über sehr viel menschenverachtende Codes bis zu realen Amokläufen reicht. Fühlte mich an die Debatten über den Charlie-Kirk-Attentäter erinnert, auf den wird aber nicht explizit referiert, vielleicht gehört er in eine andere irre Ecke des Netzes.
Nach diesen Schauergeschichten in einem viel zu warmen, dunklen und eng bestuhlten Raum brauche ich Luft. Draußen ist es inzwischen auch sehr warm, aber die Menschenmengen verlaufen sich ein wenig. Ich setze mich kurz mit dem Laptop hin und beantworte Arbeitsmails, dann nutze ich die antizyklische Gunst der Stunde und hole mir ein vegetarisches Pulled Beef Sandwich mit Coleslaw, BBQ-Sauce, Röstzwiebeln, Käse und Chips zum Mittagessen.

Das verspeise ich im sehr interessanten Gespräch mit Horax und weiteren Menschen. Es geht um Ost-West-Geschichte, Currywürste und Craftbeer mit korrekter sorbischer Aussprache. Den Rest des Sandwiches verspeise ich dann schon auf dem Boden sitzend in bester Festivalmanier vor einer Open-Air-Bühne bei einem Talk von Lilith Boettcher über das Für und Wider von Nostalgie.
Danach kommt der jahrelang obligate und dieses Jahr endlich wieder angekündigte Talk von Felix Schwenzel, darüber, warum es OK ist, dass alles scheiße ist und wir deswegen ja was tun können. Und darüber, wie man damit umgehen könnte, was alles scheiße ist. Gleichmut, not giving a fuck und all das. Lohnt sich, da immer wieder mal dran zu denken. Zum Glück hat Felix das Ganze direkt online gestellt, so können nicht nur die vorbeilaufenden Passanten die klugen Gedanken mitbekommen, sondern auch ihr alle, die ihr nicht dabei wart.

Nach einer Stunde in der prallen Sonne brauche ich dann dringend Abkühlung und mache mich auf die Suche nach dem Iced Strawberry Matcha Latte, über den sich Sven Dietrich gestern etwas echauffiert hatte und werde zum Glück schließlich fündig.

Mit Kaltgetränk geht es dann zu einem Talk über KI-Suchmaschinen und ihre Auswirkungen auf die Meinungsvielfalt. Wissenschaftliche Einordnung von Prof. Dr. Dirk Lewandowski, Erläuterungen von Eva-Maria Sommer von der Landesmedienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein. Gut, dass ich mich vorher an Gleichmut erinnert habe.
Weiter geht’s dann mit dem aktuellen Stand zum Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte zur Verfassungsfeindlichkeit des Bundesverbands der AfD. Bijan Moini und Valentina Chiofalo erklären, wie dabei vorgegangen wird und warum das alles juristisch viel komplexer ist, als man es sich mit Laienverstand ausmalt. Die Veröffentlichung des Gutachtens ist in den nächsten Wochen geplant, was am Ende dabei herauskommt, ist aber noch ungewiss.
Und weil wir grad so schön im Rechtsruckthema stecken, bleibe ich dann noch bei Siri Hummel sitzen, die erklärt, wie stark die Zivilgesellschaft weltweit unter Druck ist und auch für Deutschland erschreckende Zahlen parat hat. Richtig gut geht’s der Zivilgesellschaft aktuell aber auch nur in Kanada, Skandinavien und einigen anderen ausgewählten Ländern. Deutschland ist auf der Skala aktuell nur noch im Mittelfeld, was mit den Reaktionen auf Fridays for Future, Die Letzte Generation, Gaza-Proteste und der Infragestellung oder Aberkennung der Gemeinnützigkeit von NGOs zu tun hat. Siri Hummel zeigt auf, wie krass AfD und in ihrem Gefolge auch CDU und FDP gegen NGOs hetzen und erinnert daran, dass auch Sportvereine, Kulturvereine und Fördervereine NGOs sind, keineswegs alle linksprogressiv.
Danach bekomme ich Gelegenheit, meinen Matcha-Pfandbecher abzugeben, denn ich will zur Bühne nebenan, wo Frau Mierau nach 12 Jahren ein Update zu Eltern, Kindern und dem Internet gibt. Ich erinnere mich noch gut an den Vortrag von damals, der heute hat naturgemäß einige neue Aspekte wie Momfluencer oder gefährliche Informationen von selbst erklärten Expert*innen zur Folge, die sogar zu Todesfällen bei Geburten oder im Wochenbett führen können.
Hinterher stolpere ich fast aus Versehen in ein Blogger*innen-Meet-up, das nach dem Stand der Hoffnung unter Bloggenden fragt und sich haltungsmäßig sehr ins gestrige Blogpanel einreiht: Die Anwesenden schreiben halt einfach gerne ins Internet, für die meisten ist das nur ein Hobby und Vernetzung und Reichweitenstärkung sind nicht so wichtig. Liegt aber vermutlich in beiden Fällen an der Zusammensetzung der Anwesenden – Blogs zu Fachthemen oder mit Monetarisierungsziel sind etwas ganz anderes als so ein kleines Tagebuchblog wie das hier. (Wobei ich schon schlucken musste, als einer der bekannteren Blogger von „damals“ etwas von organischen vierstelligen Besucherzahlen am Tag erzählt.)
Naja, dafür kriege ich viel Feedback im realen Leben zu dem, was ich hier schreibe. Auch heute auf der re:publica wieder, als ich mich mit einem Bekannten aus der Blog-und-Twitter-Bubble von damals unterhalte, den ich schon lange nicht mehr in echt gesehen habe, der aber regelmäßig hier mitliest und also gut Bescheid weiß über mein Leben. Hui sind seine Kinder groß geworden, das eine war doch neulich noch ein Baby, das mittlere ein Kleinkind und mit dem großen habe ich damals schwimmen geübt. Jetzt stehen da zwei ausgewachsene Teenies und ein ganz schön großes Grundschulkind vor mir. Eieiei.
Ich laufe dann ein bisschen übers Gelände, komme an Ständen in Gespräche und lasse mir einen Beerensmoothie schenken, der mir hilft, die Zeit bis zum Abendbrot zu überbrücken.

Dann ist es Zeit für das Treffen mit den Flippies, die eben ihre Session beendet haben. Munterer Austausch mit Teilnehmerinnen der Session, den Veranstalterinnen selbst und anderen Alumnas – über die re:publica, über Arbeit im Allgemeinen und über weirde Bewerbungsprozesse im Besonderen. Und ein Gruppenfoto mit Sonnenbrillen gibt es auch noch.
Die Runde löst sich rechtzeitig auf, so dass ich noch zu meiner letzten Session des Tages komme, in der es um Heated Rivalry, Fanfiction, Boys Love, BookTok und so weiter geht. Achan Malonda begrüßt uns grinsend mit „Willkommen im Cottage“ und gibt dann eine kulturhistorische Einordnung des Phänomens und der verschiedenen Genres von Japan in den 70ern über China, Thailand, 50 Shades of Grey, BTS, Bridgerton und jetzt Heated Rivalry. Super spannend in dieser Tiefe und mit der Mut machenden Schlussfolgerung, dass diese Fandoms politische Macht entwickeln können (siehe Geldspenden der BTS Army an Black Lives Matter oder die Sichtbarmachung diverser marginalisierter Gruppen im popkulturellen Mainstream) und wir vielleicht genau das gut gebrauchen angesichts des weltweiten autoritären Backlashs.
So verlasse ich die re:publica an Tag 2 beschwingt, höre auf dem Heimweg noch einen Podcast über einen sorbischen Chor und lasse mir zuhause von Noosa erstmal erzählen, dass ich ja ganz schön lange weg gewesen wäre. Ich setze also schnell Kartoffeln auf, dann wird erstmal ausgiebig gespielt. Zu den Kartoffeln gibt es einen Quark mit Balkonkräutern und ordentlich Meerrettich (der Podcast wirkt nach) und natürlich Leinöl.

Ich schaue noch ein bisschen Colbert und Stewart von gestern nach, telefoniere mit dem Liebsten und dann liegen Noosa und ich nach einer weiteren Spielrunde gegen 23 Uhr im Bett und eine von uns hofft auf viel Schlaf.