28.05.2026 – Immergut Tag 1

Die Nacht unter Schlafsgesichtspunkten nach den ersten drei Stunden wieder vernachlässigbar. Noosa zeigt ihre Liebe durch Anstupsen und das Anstupsen beinhaltet Krallen und die Krallen tun weh und davon werde ich wach. Hier nochmal ein bisschen dösen, da nochmal kurz wegnicken, aber irgendwann ist die Nacht dann endgültig vorbei und der morgendliche Reboot beginnt so früh, dass ich mit allem (außer dem Liebstentelefonat) fertig bin, als um 8 der Wecker klingelt. Dann telefonieren wir und danach gibt es Frühstück auf dem Balkon.

Es folgt eine Phase relativ hektischer Betriebsamkeit mit Sachen packen, Pflanzen gießen, Katzenklo sauber machen, Müll wegbringen, Noosa bespielen… Kurz noch 10 ein Abschiedstelefonat bis Sonntag, bevor ich wieder dahin reise, wo es wenig Empfang gibt und Akku gespart werden muss. Dann laufe ich schwer bepackt (Rucksack, Proviantbeutel, Shoulder Bag, Zelt, Schlafsack, Isomatte) zur S-Bahn und fahre mit umsteigen nach Oranienburg (die Bausituation verdoppelt die Reisezeit nach Neustrelitz fast). In der Bahn mit mir eine amerikanische Touristenfamilie auf dem Weg zu einer Veranstaltung in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Ich beobachte und höre zu und schließe aus optischen und akustischen Hinweisen darauf, wer da wie familiär zusammenhängt und wo geboren ist und denke mir im Kopf bereits einen halben Familienroman aus.

Dann sind wir aber schon da und ich treffe auf zwei Personen der Festivalbezugsgruppe, im RegionalExpress sind zwei weitere. Der Zug kam verspätet an und fährt verspätet los, die Reisezeit inzwischen fast die dreifache der normalen (wenn die denn planmäßig ginge). Im Zug wird so bereits eine Flasche Prosecco geleert, außerdem eine Flasche Weißwein, zur Schorle verdünnt. In Neustrelitz steigen wir in den Pendelzug um, plaudern mit der Zugbegleiterin und plötzlich haben wir alle einen Schnaps in der Hand. Zum Glück in der Flasche, den hebe ich mir für später auf.

Dann Ankommen, Bändchen holen, Rest der Bezugsgruppe finden, Zelt aufbauen, sitzen. Es gibt Geburtstagskarottenkuchen und die erste Flasche Crémant wird aufgesäbelt. Ich esse schnell noch Brot, Wurst und Ei hinterher und traue mir dann noch den Schnaps zu. Dann reicht es aber für heute bereits mit Alkohol (für mich) und weil der Liebste ja gesagt hat, ich solle mich auf dem Festival schön ausschlafen, lege ich mich erstmal für einen Power Nap hin und ratze 20 Minuten weg, das klappt erstaunlich gut.

Danach wieder sitzen, erzählen, Musik hören. Zwischendurch kommen die Platzwächterinnen vorbei und wir müssen zwei Zelte, darunter meines, noch einmal versetzen. Gut, dass der Nap schon hinter mir liegt! Ich trinke Wasser gegen die Histamine und lausche Gesprächen und Musik, bis es mir zu laut und anstrengend wird und ich mich aufs noch ruhige Festivalgelände zurück ziehe. Hier gibt es ein Maracuja-Eis (Vitamin C!) und zirpende Grillen. Ab 18:20 dann Musik und Menschen.

Erst spielen Snuggle aus Kopenhagen zu zweit verträumten Gitarrenpop mit schönem Gesang am Birkenhain, dann eröffnet Ellis-D aus Brighton die große Bühne – richtige rotzige Rockband mit fünf Leuten auf der Bühne! Hinterher hole ich mir eine Dosa mit Kartoffelcurry, Koriander und Chutneys, unbedingt zu empfehlende Bereicherung des Immergut-Speiseplans, bevor ich weiter zu Gelée laufe, einem poppigen Duo aus Rostock, dessen Sängerin eine Wahnsinnsstimme hat und die Menschen zum Tanzen bringt. Dann die erste große Neuentdeckung des Abends: Heidi Curtis aus Nordengland auf der Waldbühne.

Sie sagt, sie hat noch nie ein Open Air mitten im Wald gespielt und findet, wir sehen alle toll aus. Außerdem erscheint um Mitternacht ihre erste EP und wenn wir noch nichts vorhaben, sollen wir die dann doch hören. Und sie rockt richtig los und auch sie hat eine Wahnsinnsstimme, Typ folkige Rockröhre. Das passt dann auch gut zum ersten Coversong des Festivals: Because the Night in der Patti-Smith-Version. Spätestens da hat sie das Publikum, ich war schon ein paar Songs früher überzeugt und bin versucht, dem Liebsten eine Empfehlung zu schicken – kein Netz.

Als Nächstes spielen Waving the Guns aus Rostock stabil antifaschistischen Hip Hop, holen dazu auch die zwei Gelée-Menschen mit auf die Bühne, wodurch auch dieser Auftritt Frauenanteil hat, und zeigen auch so, dass es in MV jede Menge gute Leute gibt, die es wichtig ist, zu unterstützen, z. B. in dem das Immergut, das in diesem Jahr zum letzten Mal in der angestammten Art stattfindet, in irgendeiner Form erhalten bleibt und den Menschen Kraft geben kann, für das was kommt.

Inzwischen ist es sehr kalt geworden, zum Glück steht das Publikum sehr eng und tanzt, so dass ich noch bis zum Headliner des Abends, Die Höchste Eisenbahn, aushalte – die einzige der heutigen Bands, die ich vorher wirklich kenne (peinlich, dass WTG unter meinem Radar gelaufen ist) und die einzige ohne weibliche Menschen auf der Bühne – sind halt schon etwas älter, die Herren. Macht trotzdem sehr viel Spaß und spätestens bei den großen Hits wird nochmal ausgiebig getanzt, bevor ich mich dann sehr schnell ins Zelt verziehe, gegen halb 1 die Augen zu mache und dann erstaunlich gut schlafe, während draußen noch Karaoke und Disco laufen.