Erfahrungsbericht: Alltagsrassismus in Bautzen

Im Zuge der ganzen Diskussionen über dieses ganze Bautzen-Ding haben sich auch einige Bekannte von mir kritisch über die rassistischen Strukturen in Deutschland und speziell in Bautzen geäußert. Speziell meine ich, weil es halt um Bautzen ging, nicht weil Bautzen zwingend rassistischer ist als andere Orte. Das glaube ich nämlich tatsächlich nicht.

In Bautzen kommt zu dem Grundrassismus, der in Deutschland und vielen anderen traditionell weißen Ländern vorherrscht, noch einiges anderes hinzu – hohe Arbeitslosigkeit, daraus resultierende Abwanderung junger Leute, Perspektivlosigkeit, ein seit Jahrhunderten eher konservatives Weltbild und manches mehr. Unter anderem auch eine verdrängte „Sorbenfrage“. Kurzer Exkurs: Ich fand zum Beispiel die These sehr spannend, dass gerade in einer Gegend, in der das sorbische Erbe über Jahrzehnte und Jahrhunderte immer wieder versteckt, marginalisiert und verdrängt wurde, eine unbewusste Überanpassung an die Identität der dominanten Mehrheitsbevölkerung zu verzeichnen ist. Beispiele dafür fanden sich auch aus anderen Ländern und ich glaube, dass sich das durchaus zu erforschen lohnt. Exkurs Ende.

Reichenturm

Diese Gemengelage in Bautzen und Umgebung machen sich die Nazis zunutze, um gezielt zu agitieren und sich breit und stark zu machen. Mir kommt es nicht darauf an, Bautzen als „rechtes Nest“ darzustellen und anzuprangern. Vielmehr finde ich es gut, dass die gesamte Problematik jetzt einmal hochkocht, dass ein Bewusstsein dafür entsteht und die Leute aufwachen und sich vielleicht tatsächlich mal langfristig etwas bewegt.

Es gibt bereits diverse Initiativen in Bautzen, Sachen, Ostdeutschland und Gesamtdeutschland, die engagiert gegen Rechtsextremismus vorgehen. Dieser Gedanke wurde vor kurzem auch im Zusammenhang mit meinem Blogpost und meinen Posts bei Twitter und Facebook an mich herangetragen. Natürlich sollen diese Initiativen nicht unsichtbar gemacht und ihre Mitarbeiter nicht desillusioniert werden. Ich denke aber, dass diesen engagierten Menschen mit einem gesteigerten Bewusstsein für ihr generelles Anliegen mehr und grundsätzlicher geholfen ist, als wenn man nur ihre Arbeit feiert.

Und deswegen folgt jetzt hier ein weiterer Text, der von Alltagsrassismus in Bautzen handelt. Nachdem nämlich meine Stadträtinnen-Cousine ein von Bautzenern viel kritisiertes Interview gegeben hat, wurde sie von einer gemeinsamen Freundin verteidigt, die ihre These bestätigt, dass man es mit einem ausländischen Äußeren in Bautzen schwer hat, und zwar nicht erst seit ein paar Jahren, sondern auch schon in den 80ern. Diese Freundin hat eine Mutter aus einem Dorf bei Bautzen und einen indischen Vater. Nach dem sie zunächst in Indien aufwuchs, kam sie in den 80er Jahren dann nach Bautzen und machte am Schiller-Gymnasium ihr Abitur. Nach dem Studium in Dresden verließ sie Deutschland Mitte der 90er, um an der London School of Economics zu studieren. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie nun als Politologin in Durham, England.

Ich habe sie gebeten, von ihren Erfahrungen in der Lausitz zu berichten und möchte Euch ihre Gedanken nicht vorenthalten:

Ich bin 1986 als Teenagerin in die DDR gekommen und habe Deutschland 1995 verlassen. In der damaligen DDR herrschte definitiv Ignoranz, was mit der Ghettoisierung von Ausländern zu tun hatte. Ich war z.B. erstaunt, dass „die Fijis“ nicht von den Fiji-Inseln kamen sondern F-ietnamesen waren. 🙂 In meiner Familie gab es natürlich viele Ausländer (mein Vater, mein Onkel aus Kammbodscha, US-Verwandtschaft, indische Verwandtschaft in Westdeutschland) und es gab auch „Sonderfälle“, wie bei Schippers (Geburtsname meiner Stadträtinnen-Cousine, Anmerkung d. Red.) und Opels und Kretschmars… Aber woanders sah es düster aus.

Ich wurde oft gefragt, ob wir in Indien nur Bananen aßen, ob wir Schuhe hatten, ob es Schulen gab. Ok – Unwissenheit. Aber eben auch viel Intoleranz und Herabschauen auf das, was nicht „deutsch“ war. „Bist du ein Indianer?“ habe ich oft gehört. Später, im Studium, kamen Kommentare wie „Du siehst zu türkisch aus.“ Das Problem mit Rassismus ist, dass es oft sehr subtil ist. Man fühlt es, ohne dass es ausgesprochen werden muss.

Was ich stark gemerkt habe – und weswegen ich lieber in England lebe – ist, dass nicht Integration erwartet wird (was beidseitig ist), sondern Assimilierung. Man soll eben zur Deutschen mutieren. Damit kann man Identitäten „verschlucken“. Dass Ausländer, die wie ich den Zwang zur Assimilierung gespürt haben, in Wut geraten, wundert mich nicht.

Noch ein Beispiel aus dem Ort: „Wieso dürfen Schwarze in der deutschen Fussballmannschaft mitspielen?? Das sind doch keine Deutschen…“ Es gibt also diese beiden Welten: Die waschechten Nazis, die von der 30ern träumen und von einem Deutschland, das nie war. Und die tagtägliche Intoleranz, die alles, was nicht zur „Einheitskultur“ passt, als Bedrohung ansieht. Man traut sich nicht mehr, „man selbst zu sein.

Es ist eine komplexe Geschichte. Deutschland konnte lange keine zivilgesellschaftliche Strukturen aufbauen. Es kamen die Repressionen der DDR hinzu, die Arroganz gegenüber dem so genannten Ostblock und eine Blindheit der Welt gegenüber. Nach dem zweiten Weltkrieg war Deutschland am Boden und der Marshall-Plan war der Kern der Rettung. Aber das ist vergessen und was blieb, ist das Gefühl der Obermacht.

Ich denke schon, dass die Intoleranz in Deutschland weit verbreitet ist und nicht nur ein Problem der Politik ist. Es ist ein Problem der Gesellschaft, die sich wenig mit sich selbst auseinandergesetzt hat. Ausländer und andersartige Menschen sind Zielscheiben und Projektionsflächen für eine Gesellschaft, die sich mit der eigenen Geschichte nicht so richtig auseinandergesetzt hat.

Egal warum, es tut Minderheiten weh. Als Teil einer Minderheit bin ich also lieber in einer Gesellschaft und nicht in einer Gemeinschaft. Lieber liberal 🙂 Und genau da bin ich früher angeeckt und würde es heute noch tun. Übrigens habe ich vor einigen Jahren fünf Monate in Frankfurt verbracht. Es war nicht viel besser! Aber der Osten hat schon ein ganz anderes Päckchen zu tragen. Nur, dass diese Last auf ausländische Schultern gelagert wird, geht nicht!

Dieses ganze Bautzen-Ding

Ich habe in den letzten Tagen sehr viel Zeit damit verbracht, mir Gedanken über Bautzen zu machen, in Erinnerungen zu kramen, Online-Kommentare zu lesen, mit Leuten auf Facebook, im Büro und auf dem Balkon zu diskutieren und was bleibt ist eine große Ratlosigkeit – weniger darüber, woher die Probleme rühren, als darüber, wie sich die Situation verbessern lässt.

Bautzen
In den ersten 19 Jahren meines Lebens habe ich am Rande einer Siedlung am Rand eines Dorfes kurz hinter (oder vor) Bautzen gelebt. Meine Familie führt seit 87 Jahren ein Geschäft in Bautzen, nur wenige Meter vom Kornmarkt entfernt. Meine Familie ist sehr groß und weit verstreut. Sie umfasst, so vermute ich, einige Vertreter der „besorgten Bürger“, sie umfasst Anwohner, die Angst vor der Gewalt vor Ort haben, sie umfasst eine Stadträtin, die sich für Flüchtlinge einsetzt, sie umfasst eine der diesjährigen Abiturient*innen des Sorbischen Gymnasiums, deren Schulkamerad*innen einerseits bei Parties von Rechten bedroht werden, andererseits aber auch Unterschriftenlisten gegen Flüchtlingsunterkünfte verteilen.

Vor zwei Jahren war ich auf einem Klassentreffen meiner alten Grundschulklasse. Da gingen gerade die Diskussionen über Flüchtlingsunterkünfte im Landkreis hoch her. Ein ehemaliger Klassenkamerad schlug vor, doch einfach mal an einer von denen vorbei zu fahren und bisschen Stunk zu machen und ich bin bis heute nicht sicher, ob das ein sarkastischer Scherz oder tatsächlich ernst gemeint war.

Ich denke dieser Tage oft zurück an meine Schulzeit in Bautzen und an meine damals beste Freundin, die gemeinsam mit ihren Geschwistern nach und nach immer mehr Freunde mit rechtem Gedankengut hatte. Obwohl sie selbst dieses Weltbild nicht teilte, führte diese Entwicklung mit dazu, dass wir uns nach und nach aus den Augen verloren. Ich war nicht mehr mit ihrem Freundeskreis kompatibel und ihr Freundeskreis nicht mit mir. Ich erinnere mich an einen letzten Versuch.

Ich war da, um sie und ihr Baby zu besuchen und wir hatten einen netten Nachmittag mit ihren Geschwistern, wie früher. Bis der Vater des Kindes auftauchte und anfing, mich mit rechten Parolen zu provozieren und mir Hitler-Reden von CD vorzuspielen, um mich zu ärgern. Ich war 18 und glaubte daran, mit Argumenten etwas ausrichten zu können. Recht schnell merkte ich, dass uns die Grundlage fehlte, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Diskutiert mal mit jemandem, der schon widerspricht, wenn man sagt, dass alle Menschen Menschen sind, die Würde und die gleichen Rechte haben. Ich weiß noch, dass mich der Nachmittag sehr aufgebracht hat, dass ich froh war, als meine Mutter mich abholen kam (nix mit vernünftigen Nahverkehr und für Fahrrad war es zu weit) und dass ich entsetzt war, wie meine Freundin und ihre Geschwister einfach gar nichts gesagt hatten oder sich sogar noch über die Situation und meine Hilflosigkeit darin amüsiert hatten.

14 Jahre später sind die Freundin und ich (wieder) befreundet. Sie ist vom Vater des damaligen Babys getrennt, der zwar angeblich kein Nazi mehr sei, auf Facebook aber immer noch rechte Parolen verbreitet. Sie hat noch zwei weitere, jüngere Kinder und mitunter Angst, mit denen in dieser Stadt spazieren zu gehen, in der es jederzeit zu Zusammenstößen zwischen Rechten und Asylbewerbern oder Rechten und Linken kommen kann.

Ihr 14-jähriger ältester Sohn ärgert sich ebenso wie meine 21-jährige Cousine, die wenige Meter vom Kornmarkt aufgewachsen ist, scheinbar vor allem über die Unruhe in der Stadt. Beide posteten in den letzten Tagen auf Facebook über Ihre Wut über die Situation in Bautzen. Beide positionierten sich dabei weder rechts noch links. Und das ist für mich irgendwie das Erschreckende. Genau wie schon vor 14 Jahren scheint man in Bautzen entweder offen rechts zu sein, oder sich herauszuhalten. Wer gegen die Rechten spricht, tut das nicht wegen deren Gesinnung und Menschenbild, sondern weil sie den Frieden in der Stadt stören.

Sicher gibt es auch Ausnahmen, gibt es linke, alternative Stimmen in der Stadt und politische Aktionen, die für ein offenes und buntes Bautzen arbeiten. Die überwiegende Mehrheit verschließt aber ihre Augen vor den rechten Strukturen, hält linke und rechte „Eventbetonte“ und das „örtliche Trinkerklientel“ (Zitate aus Polizeiberichten) für gleich schlimm und möchte am liebsten alle störenden Elemente aus ihrer Stadt verbannen. So bereiten sie den Nährboden für noch mehr Fremdenhass und Gewalt und geben den Rechten Macht über die Stadt. Die freuen sich natürlich über dieses gefundene Fressen und statuieren ein Exempel für weitere Städte.

Ich glaube auch vielen Bautzenern nicht, die sich jetzt über die Aufmerksamkeit für ihre Stadt aufregen und betonen, dass dort eben nicht nur Rechte ihre „Meinung“ äußern, sondern auch viele „normale Bürger“ dies tun. Gestern geriet ich auf dem Facebook-Profil des Teenager-Sohns meiner Freundin in eine Diskussion mit jemandem, der mir auf meine Argumente bezüglich der Nazis und Rassisten in der Stadt unterstellte, ich würde wohl die BILD-Zeitung lesen (Ich! die BILD!). Wir tauschten sehr zivilisiert Argumente aus und ich hatte tatsächlich Spaß an der Unterhaltung. Und dann lief es wie damals vor 14 Jahren aus dem Ruder:

Er sagte, die Asylbewerber würden sich nicht integrieren. Ich wies ihn darauf hin, dass Integration ein Prozess ist, an dem beide Seiten arbeiten müssten und holte die Duden-Definition des Begriffs hervor. Integration ist die „Einbeziehung und Eingliederung in ein größeres Ganzes“, die „Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit“. Man kann sich nicht allein integrieren, man wird integriert, muss aber dazu natürlich auch bereit sein. Seine Antwort war (sinngemäß): „Nein, Integration heißt Anpassung. Das ist Fakt.“ Wieder einmal fehlte die gemeinsame Basis, um überhaupt diskutieren zu wollen. Es ist, als würde man sagen: „2+2 ist 4, deswegen ist…“ und der andere sagt: „Nein, 2+2 ist 3, das ist Fakt.“

Er sagte auch: „Die wollen sich ja leider nicht integrieren.“ Ich erzählte dann davon, wie der Hase und ich hier in Berlin guten Kontakt mit einer syrischen Familie haben, gemeinsam kochen und essen, mit den Jungs zum Fußball oder ins Museum gehen und trotz differierender Meinungen in manchen Punkten die Gemeinsamkeiten und das gegenseitige Wohlwollen dominiert. Dass dieses Einbinden die Basis für Integration sei. Mein Vorschlag an ihn war, doch mal ein paar der Asylbewerber auf einen Kaffee einzuladen, oder mit ihnen Fußball oder Computer zu spielen. Die Antwort: „Das ist das Letzte, was ich tun würde, ich bin doch nicht lebensmüde!“

Und da saß ich dann fassungslos vorm Bildschirm, genau so sprachlos wie vor 14 Jahren. Ich verstehe Veselin, der seinen Blog aufgibt, weil er an den Strukturen in Bautzen und Sachsen verzweifelt und nicht als linksalternatives Feigenblatt dienen möchte – wenige Tage nachdem er in einer Serie Neu-Bautzener vorgestellt hatte, die begeistert von ihrem Leben in der Stadt berichteten. Ich verstehe Robert, der gerade wieder zurück in die alte Heimat gezogen ist und jetzt nicht mehr bereit ist, Bautzen gegen Kritik zu verteidigen.

Ich hoffe, dass meine Stadträtinnen-Cousine die Kraft haben wird, weiter zu kämpfen. Ich hoffe, dass Wege gefunden werden, die Situation zu verbessern, damit weder meine Freundin und ihre Kinder, noch meine Cousine Angst haben müssen, durch die Stadt zu gehen. Ich hoffe vor allem, dass wir nicht bald mit noch schlimmeren Nachrichten aus Bautzen leben müssen und dass niemand, der in Deutschland Schutz vor Terror und Vertreibung sucht, in Bautzen genau das wieder erleben muss.

Und ich hoffe, dass es endlich ein Umdenken in der Politik gibt. Dass jede einzelne Beleidigung und Straftat geahndet wird. Dass die Verbreitung menschenverachtender Parolen und die organisierte Provokation nicht länger geduldet oder gar akzeptiert wird. Dass der Staat durchgreift und seine Macht ausübt und dass die angeblich so „normalen“ Bürger endlich aufstehen und Gesicht zeigen.

Und wer bitte erlaubt es diesen Nazis, ein Bautzen nur für die Deutschen zu fordern, wenn die Stadt die Hauptstadt der Sorben ist? (An dieser Stelle stellt Euch einen Gernot-Hassknecht-mäßigen Rant vor, der am Ende aufgrund der Anzahl der Kraftausdrücke ausgeblendet wird…)

Tagebuch-5 im September 2016

Es ist der 5. und wie in jedem Monat fragt Frau Brüllen wieder: WMDEDGT?

Ich wache eine knappe halbe Stunde vor dem Weckerklingeln auf und habe direkt Kopf und Rückenschmerzen. Das zieht sich schon ein paar Tage und will mir wahrscheinlich sagen, dass es mal wieder Zeit für Sport ist, immerhin sitze ich seit zwei Wochen wieder im Büro herum. Zum Glück ist der Hase auch schon wach, obwohl er eigentlich ausschlafen könnte, und so komme ich in den Genuss einer morgendlichen Massage, nach der es mir schon deutlich besser geht. Obendrein mixt er mir dann auch noch einen Smoothie zum Frühstück – so könnte eigentlich jeder Tag anfangen! Fürs zweite Frühstück im Büro nehme ich mir selbstgemachte durchs nicht-Öffnen und Liegenlassen einer Flasche Milch entstandene Dickmilch mit Brombeermarmelade mit, in die ich vor Ort noch ein paar Haferflocken streuen werde.

Draußen herbstelt es gewaltig, was angesichts des Datums klar geht, aber gleichzeitig auch irgendwie unpassend erscheint, denn für die nächsten Tage ist wieder schönstes Hochsommerwetter mit bis zu 32 Grad angesagt. Wahrscheinlich möchte der Wettergott den Berlinern den ersten Montag nach den Ferien nicht zu schön machen, damit keiner bedauert, nicht mehr frei zu haben. Apropos Ferienende: Auf einen Schlag sind die Bahnen morgens wieder knackevoll – in der Tram bekam ich in den letzten Wochen immer einen Sitzplatz, heute ist nicht daran zu denken. Die erste U-Bahn lasse ich dann auch völlig überfüllt wegfahren, bevor ich in der zweiten einen Stehplatz ergattere. Und so geht das jetzt wieder monatelang…

Im Büro erst einmal große Freude, denn die beste Kolleginnenfreundin ist aus dem Urlaub zurück und es gibt gleich erstmal viel zu erzählen und eine Verabredung zum Mittagessen. Leider ist ein Kollege weiterhin krank, so dass ich auch diese Woche wieder mehrere Personen und Aufgabenbereiche vertreten werde. So komme ich in den Genuss eines wichtigen Meetings und zweier kürzerer Arbeitsaufgaben, die ich neben dem Tagesgeschäft angehen muss. Abgesehen davon geht der Tag einigermaßen entspannt voran.

Mittags schnippeln die Freundin und ich uns Salat und essen den gemeinsam, während wir uns über unsere jeweiligen Urlaubserlebnisse austauschen. Danach bleiben nur noch 2,5 Stunden Arbeit übrig, denn durch das wichtige Meeting essen wir erst ziemlich spät. Pünktlich um 17:30 verlasse ich das Büro und fahre zum Sport. Dabei muss ich am Alex umsteigen und freue mich wieder einmal, wie bunt und lebendig er doch in den letzten Monaten geworden ist – viele Leute aus allerlei Kulturen und Szenen sitzen herum und unterhalten sich, Straßenmusiker und -künstler zeigen ihr Können und obwohl es Montag ist, gibt es heute keine Demo von besorgten Bürgern und ein Volksfest ist auch gerade nicht. Toll!

Beim Sport mache ich nach nun mehr als 4 Wochen Pause eine unerwartet gute Figur, so dass ich danach sehr zufrieden mit mir nach Hause gehen kann. Dort füttere ich die Katzen, ruhe mich kurz vor dem Internet aus, tippe diesen Blogpost und mache dann gleich noch eine Mangold-Tortilla zum Abendbrot. Der Mangold kam gestern gemeinsam mit Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, Äpfeln, Roter Bete, Kohlrabi, Zucchini, Bohnen, Eiern, Kuchen und (gekauftem) Schafs- und Ziegenkäse gemeinsam mit den Haseneltern hier bei uns an, die uns einen Sonntagsbesuch abstatteten. Die nächsten Wochen müssen wir also kaum Lebensmittel kaufen und können viel leckeres und selbstgezogenes verbrauchen. Juhu!

Beim Kochen schaue ich weiter Gilmore Girls und warte auf den Hasen, der gerade noch mit einem Freund zusammen an einem Projekt arbeitet, dass ich wohl nachher auch noch einmal begutachten und lektorieren werde. Dann endet der Abend wie üblich mit den Katzen auf der Couch. Ein guter Montag!

 

#englandwalesroadtrip – Letzter Halt: Liverpool

Im Normalfall sind Urlaube ja immer viel zu kurz und spätestens ab dem Bergfest kann man nur noch daran denken, dass es ja bald vorbei ist. Zu diesem Umstand kommt für mich bei Roadtrips noch dazu, dass ich sie chronologisch plane. Die ersten Tage sind daher meistens komplett bis in alle Einzelheiten durchgeplant und ich habe die entsprechenden Seiten der Reiseführer ausführlichst studiert. Irgendwann verlässt mich dann aber die Planungslust und so kommt es, dass die letzten Tage oft eher improvisiert ist, was mal mehr und mal weniger gut klappt. Dieses Mal hatte ich allerdings Glück und konnte das Urlaubsenddilemma und die Trauer über das Verlassen von Wales geschickt mit einem wahren Highlight überspielen, auf das ich mich schon seit Monaten gefreut habe – einen Besuch bei einem meiner Lieblingsmenschen verbunden mit einem Beatles-Wochenende in Liverpool. Nix mit Urlaubsendstimmung – das war ein würdiger Abschluss!

19. August, nachmittags

Wir fahren von Llandudno aus Richtung Osten und lassen Wales mit einem lachenden und einem weinenden Auge hinter uns. Je näher wir England kommen, desto voller wird es auf den Straßen, dazu kommen Baustellen und Freitagabendstaus auf der Autobahn. Der Hase ist dann doch sehr froh, als wir Liverpool endlich erreicht haben und er das Autofahren Autofahren sein lassen kann. Wir stehen vor der Wohnung meines guten Freundes Igor (Wer erinnert sich noch?) und seiner Freundin und Bandkollegin Ibone. Ich habe Igor vor 4,5 Jahren in Sevilla kennengelernt, ein halbes Jahr später habe ich ihn in London besucht. Jetzt hat es dank glücklicher Fügung endlich mit einem Wiedersehen geklappt – vor ein paar Monaten sind die beiden gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin, die wie sie aus dem Baskenland stammt, nach Liverpool gezogen und damit praktischerweise auf unserer Reiseroute gelandet. Die Wiedersehensfreude ist groß!

Wie immer, wenn wir uns sehen, geht es sehr viel um Musik und die Beatles sind auch immer dabei. In Sevilla tranken wir Tee aus Beatles-Tassen, in London kauften wir ein Beatles-Poster für sein Wohnheimzimmer, besuchten die Abbey Road Studios sowie das Haus in der Savile Row, auf dem das Konzert auf dem Dach stattfand (beides von außen) und aßen im Ravi Shankar 😉 Hier in Liverpool drehen wir die Beatlemanie natürlich bis auf 11 hoch. Gleich auf dem Whiteboard in der Küche emfangen uns Paul und John, die Ibone dort hingemalt hat. Sie arbeitet übrigens (natürlich!) im Café des Beatles-Museums „The Beatles Story“ und bietet uns sofort kostenlose Tickets an. Yes, please!

 

Da die Wohnung direkt in Chinatown liegt, ist die Abendessenplanung recht einfach. Wir gehen zur Big Bowl Noodle Bar und essen leckere große Nudelsuppen. Dazu gibt es für mich einen schönen heißen Bubble Tea, hier Milky Pearl Tea genannt. Was muss, das muss. Wir haben uns viel zu erzählen und sind auf dem Heimweg mitten ins Gespräch vertieft, als mich plötzlich etwas heftig an der Schulter trifft. Erst denke ich, der Hase hätte mich ruckartig nach hinten gezogen, damit ich nicht irgendwo dagegen laufe (es wäre nicht das erste Mal), dann fängt es an, wehzutun. Mir gehen die wildesten Gedanken durch den Kopf, doch dann entdecken wir unten auf dem Boden ein kaputtes Ei. Jemand muss es aus einem fahrenden Auto nach mir geschmissen haben. Liverpool kann sehr merkwürdig sein an einem Freitag Abend! Auf den Schreck geht der todmüde Hase zuhause gleich erstmal ins Bett, ich sitze mit den beiden noch ein paar Stunden zusammen, bevor auch mir langsam die Augen zu fallen.

 

20. August

Am nächsten Morgen gibt es ein gemütliches Frühstück mit spanischen Anteilen (Kekse und Instant-Kaffee) und englischen Komponenten (Tee mit Milch, Lemon Curd, Marmelade und Käse auf Brot – die Reste unserer Roadtrip-Verpflegung). Da unsere Gastgeber keinen Toaster besitzen, röste ich die Brotscheiben in der Pfanne an, was prompt den Rauchmelder auslöst. Zum Glück läuft Ibone derzeit auf Krücken, so dass wir den Alarm relativ unproblematisch von unten aus ausschalten können. Nach dem Essen ziehen der Hase, Igor und ich los und machen ein wenig Sightseeing, bis der Bus zur Magical Mystery Tour losfährt.

Wir laufen durch Chinatown bis zur Liverpool Cathedral, der fünftgrößten Kathedrale der Welt, die uns alle schwer beeindruckt. Igor und mich vor allem durch ihre schiere Größe und den Fakt, dass sie erst in den 70ern fertiggestellt wurde. Igor findet außerdem, dass man mit all dem Geld viel sinnvollere Dinge hätte tun können. Der Hase ist eher von ihrer (subjektiv von ihm so empfundenen) Hässlichkeit beeindruckt, immer wieder vergleicht er sie mit einem großen Kackehaufen. Auch dass es drinnen ein Café und einen gut gehenden Souvenirladen gibt, ist irgendwie merkwürdig. Da das Wetter eher trübe ist und wir Geld sparen wollen, sparen wir uns die Besteigung des Turms. Vor sechs Jahren war ich schon einmal da oben, bei gutem Wetter lohnt sich das durchaus. Nach der Kathedrale laufen wir durch die Duke Street, die für ihre alternativen Läden bekannt ist – hier gibt es alles, was man in einem gut sortierten Hipsterviertel erwarten würde. Weiter geht es hinunter zum Hafen. Es fängt an zu regnen und verbunden mit dem Wind hat der Mersey River einen ganz schönen Wellengang. Auf die Minute rechtzeitig erreichen wir die Haltestelle der Magical Mystery Tour am Albert Dock.

Zum zweiten Mal in meinem Leben mache ich diese Tour, zum zweiten Mal regnet es dabei. Für die Jungs ist die Tour durch das Liverpool der Beatles eine Premiere. Wie auch beim letzten Mal habe ich etwas zwiespältige Gefühle während der Tour. Zum Einen ist es ganz schön toll, die Orte zu sehen, an denen Musikgeschichte geschrieben wurde und sich ein Bild machen zu können, wie das damals wirklich war, in den 50ern und 60ern, als die Beatles zusammenkamen. Man sieht Teile der Stadt, die definitiv ohne die Beatles auf keinem Touristenprogramm wären, man bekommt neue Bilder zu den Songs, die man seit Jahrzehnten kennt. Zweimal kommt der Bus zum Beispiel an dem „shelter in the middle of a roundabout“ vorbei, der in Penny Lane besungen wird. Der ebenfalls besungene Friseurladen existiert immer noch, auch wenn er inzwischen den Besitzer gewechselt hat. Man hält an Strawberry Field an und kann sich vorstellen, wie John Lennon dort im Baum saß und nach den Mädchen Ausschau hielt. Man sieht die Häuser, in denen die Beatles als Kinder und Jugendliche und am Anfang ihrer Karriere gewohnt haben. Man steht vor den Fenstern, hinter denen Welthits geschrieben worden. Man lernt einiges interessantes über die Geschichte von Liverpool und vor allem: man ist in einem Bus mit lauter anderen Leuten, die das alles mindestens genauso spannend und aufregend finden und die bei den gleichen Anspielungen lachen, die jemand, der sich mit den Beatles weniger gut auskennt, nicht verstehen würde. Schön, Teil von so etwas zu sein.

Aber andererseits: Man sitzt in einem Bus und bestaunt relativ profane und banale Dinge aus dem Leben von weitgehend ganz normalen Menschen, die eben zufällig erfolgreich und berühmt geworden sind. Der Bus hält an einem Straßenschild an, damit sich jeder, der es möchte auf der „Penny Lane“ fotografieren kann, auch wenn der Begriff und der Song sich eben gar nicht auf die Straße allein, sondern auf einen ganzen Stadtteil bezieht. Man glotzt auf Häuser, in denen ganz normale Menschen wohnen. Die Häuser von John und Paul sind Museen des National Trust, die anderen sind einfach Wohnhäuser, an denen täglich mehrere 100 Leute vorbeikommen, um zu staunen und Fotos zu machen. Täglich! Nachdem ich die Tour zweimal gemacht habe, weiß ich jetzt, in welchem Park sich die Eltern von John Lennon kennengelernt haben, wo das Standesamt war, in dem John und Cynthia geheiratet haben und in welchem Haus der Klavierlehrer von Paul McCartney lebte. Das ist doch irgendwie auch ganz schön krank. Und dann sitzt neben mir ein Musiker, der vielleicht auch irgendwann mal mehr Erfolg als heute haben wird und wir fragen uns, wie er sich fühlen würde, wenn später (später, aber auch: zu seinen Lebzeiten!) einmal Busse durch seine Heimatstadt fahren und Touristen vor seiner Musikschule stehen, um Fotos zu machen. Es ist verrückt, aber es ist eben auch wie der berühmte Autounfall – man kann nicht weggucken.

Die Tour endet nach zwei Stunden am Cavern Club in der Mathew Street, die inzwischen schon inoffiziell in Beatle Street umbenannt ist und wo sich jede Menge Beatles-Wahnsinn konzentriert. Die Cafés und Restaurants heißen nach Beatles-Songs, es gibt Statuen und Bilder der Beatles, wohin man auch blickt und aus offenen Türen schallen laute Beatles-Songs. An der Ecke befinden sich das A Hard Day’s Night Hotel und ein zweistöckiger Beatles-Souvenir-Shop. Eigentlich ist das alles viel zu viel, andererseits ist es auch toll und aufregend, zumindest für mich. Den Souvenirshop heben wir uns dann aber für den nächsten Tag auf, denn Ibone wartet bereits mit unseren Freikarten am Albert Dock auf uns.

Wir verbringen zwei weitere Stunden im The Beatles Story, das die Geschichte der Beatles von den Anfängen bis zum Ende thematisiert. Es gibt jede Menge Themenräume, die einen zum Beispiel in die Casbah, in den Hamburger Star Club, in den Cavern Club oder in die Swinging Sixties entführen. Der Audioguide erzählt einem mehr, als man aufnehmen kann und wer wirklich alles lesen und erleben will, verbringt hier sicherlich mehr als zwei Stunden. Allerdings gibt es für Leute wie mich, die sich bereits ausführlich mit der Geschichte der Beatles beschäftigt haben, keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse mehr. Zudem gibt es ein paar unnötige Lücken und Zeitsprünge, die man durchaus detaillierter hätte darstellen können. Aber ein paar Kleinigkeiten habe ich dann doch noch gelernt, zum Beispiel, dass man damals im Cavern Club keinen Alkohol trinken durfte und die Bands deswegen zwischen den Auftritten im Pub gegenüber saßen. Im Ticket enthalten sind auch noch eine „4D-Experience“ und wechselnde Ausstellungen, aber auch die müssen bis zum nächsten Tag warten, denn erstens sind wir inzwischen ganz schön platt und zweitens sind wir in England und alles Interessante macht um 17 Uhr zu. Wir entscheiden uns also, zuerst einmal heimzugehen und zu essen.

Der Hase und ich stellen uns an den Herd und improvisieren aus den vorhandenen Zutaten Nudeln mit typischer DDR-Tomatensauce für unsere Gastgeber, die ganz begeistert sind. Danach trinken wir noch einen Tee und hören Musik zusammen, unter anderem die eigene von Evil Pink Machine, denen auch der Hase noch eine große Karriere voraussagt. Gegen halb 11 raffen wir uns dann doch noch zu einem kleinen Pub Crawl auf. Auf dem Programm stehen der Philharmonic Pub, der vor allem wegen seiner Inneneinrichtung spektakulär ist – man schaue sich nur das Bild der Urinale an, das durchaus repräsentativ ist. Ansonsten ist zum Philharmonic noch zu sagen, dass John Lennon in einem Interview einmal gesagt hat, das Nervigste am Berühmtsein sei, nicht mehr einfach im Philharmonic trinken zu können.
Philharmonic

Wenn ich jetzt schreibe, dass auch der zweite Pub des Abends, das Ye Cracke ein Stammlokal von John Lennon war, ist jetzt keiner mehr überrascht, oder? Gut so. In guter alter englischer Pub-Tradition werden wir dort gegen Mitternacht hinauskomplimentiert und gehen dann auch bald ins Bett. Igor muss nämlich am nächsten Tag früh aufstehen und arbeiten – das Leben als angehender Rockstar ohne Plattenvertrag ist ganz schön hart.
Ye Cracke

 

21. August

Wir hingegen schlafen ziemlich lange aus. Dann packen wir unsere Rucksäcke, um sie später nur noch abholen zu müssen und geben unser Mietauto ab. Von dort aus laufen wir ins Zentrum, um bei Maggie Mays Scouse zu essen, DAS Liverpooler Gericht, von dem auch die Liverpudlians selbst und ihr Dialekt ihren Namen haben. Scouse ist mit Labskaus verwandt und hat auch ähnliche Ursprünge, aber anders als der in Deutschland übliche Labskaus wird Scouse als Eintopf serviert und enthält keinen Fisch. Stattdessen gibt es Kartoffeln, Möhren, Rüben und Fleisch – normalerweise Lamm, Hammel oder, wie in unserem Fall, Rind. Besonders spannend gewürzt war es nicht, aber dazu gab es Brot mit gesalzener Butter und sauerscharf eingelegten Rotkohl bzw. süßsauer eingelegte Rote Bete. Gemeinsam verzehrt ergibt das genug Geschmack, um nicht unbedingt nachwürzen zu müssen. Ich fand das Essen an sich nicht aufregend, aber doch angenehm. Spannend fand ich, dass ich mich über das Essen irgendwie mit der Vergangenheit der Stadt, speziell dem Leben der Hafenarbeiter und vor allem Seeleute verbunden fühlte. Klingt pathetisch, stimmt aber trotzdem. Essen als Zeitreise – fetzt.

Als Gegengewicht zum Arme-Leute-Essen gabs dann zum Nachtisch für mich noch eine Lemon Meringue Pie, die sah einfach so verdammt gut aus in der Vitrine.

 

Den regnerischen Nachmittag verbrachten wir zum größten Teil im World Museum, in dem man auf 5 Etagen alles mögliche lernen kann, von den Fischen im Mersey River über heimische exotische Tierarten bis hin zu chinesisch-britischem Kulturaustausch, indigenen Völkern in Ozeanien, den verschiedenen kulturellen Gruppen Afrikas und Weltraumtechnologie. Ein beeindruckender Rundumschlag, der wie die meisten Liverpooler Museen keinen Eintritt kostet. Als wir wieder das Tageslicht erreichen, hat es aufgeklart und wir können die restlichen Beatles-Stationen nachholen. Zunächst geht es in den riesigen Souvenir-Shop, in dem ich mir gerne wieder etwas zum Anziehen und außerdem ein Geburtstagsgeschenk für die Teenie-Cousine gekauft hätte. Aber leider flasht mich nichts so richtig, alles ist mir zu knallig und vordergründig, wobei der modische Aspekt leider auf der Strecke bleibt. Muss ich mir wohl doch noch ein anderes Geschenk überlegen…

Dann laufen wir weiter zum Pier Head, wo ich mithilfe des gestrigen Tickets noch in den Genuss weiterer Ausstellungen komme. Eine beschäftigt sich mit der so genannten British Invasion, also den verschiedenen Wellen britischer Bands, die in den 60ern und 70ern großen Erfolg in Amerika hatten und die dortige Musikwelt gehörig aufmischten. Die andere aktuelle zeigt Fotos von Pattie Boyd, Ex-Frau von sowohl George Harrison als auch Eric Clapton, Model, Schauspielerin und die Layla aus Claptons gleichnamigem Lied. Die Fotos zeigen Momente aus ihrem Leben mit den beiden Gitarrengöttern und deren illustren Umfeld. War auch sehr spannend und nicht zu voyeuristisch und zeigte einmal mehr, dass auch Götter normale Menschen sind. Die Beatles 4D-Experience kann man sich hingegen schenken, es sei denn, man steht auf 3- und 4D-Effekte – mit den Beatles hat das kurze Filmchen nichts weiter zu tun, bis auf ein paar Songs und Figuren aus Beatles-Songs, die darin auftauchen.

Albert Dock

Es ist inzwischen später Nachmittag. In wenigen Stunden müssen wir zum Bahnhof aufbrechen, um zurück nach Birmingham, zu Bruder und Schwägerin zu fahren. Von dort werden wir am nächsten Tag zurück nach Berlin fliegen. Aber bevor wir unsere Rucksäcke holen wollen wir noch etwas essen. Eine Freundin hat mir ein paar Tipps für Cafés im Baltic Triangle gegeben, gleich um die Ecke von Chinatown, aber leider haben drei davon tatsächlich schon wieder zu – das fiese 17-Uhr-Ding. Aber die Betreiberin des einen Cafés gibt uns einen entscheidenden Tipp und so landen wir völlig unverhofft zwischen alten Lagerhallen in einem bunt dekorierten Innenhof, der eine Gin-Bar beherbergt. Dort hat für den Sommer ein kubanischer Streetfood-Stand seine Zelte aufgeschlagen und so kommen wir mehr als ein Jahr, nachdem uns bei Chef das Wasser im Mund zusammenlief endlich in den Genuss eines echten Cubanos – ein getoastetes Sandwich mit langsam gegartem Pulled Pork, mit Agavensirup glasiertem Schinken, süßem Senf, Käse und süßsaurem Gürkchen. Traumhaft gut. Auch die Süßkartoffel-Pommes, die wir dazu bestellen, sind ein Gedicht und ausnahmsweise einmal nicht matschig, sondern schön knusprig und mit einer Limetten-Knoblauch-Mayonaise und herrlichen süß-scharfen Chilis dekoriert. Ein traumhaftes Ende für einen traumhaften Roadtrip!

Und damit dieser Liverpool-Post nicht mit kubanischen Sandwiches endet, hier noch mein liebstes Beatles-Foto: Ein riesiges Porträt der Fab Four aus 15.000 Jelly Beans. Süße Träume wünsche ich Euch!

#englandwalesroadtrip – Anglesey, Conwy und Llandudno

Puh, jetzt sind wir schon fast eine Woche wieder zuhause und noch immer habe ich es nicht geschafft, die Reiseberichterstattung fortzusetzen. Die Arbeit hat mich wieder, außerdem fraßen Steuererklärung, Treffen mit Freunden und Familie sowie der plötzlich wieder störungsfreie Zugang zum Internet gehörige Brocken Zeit… Aber jetzt ist es soweit und der vorletzte Teil der Reise ist da…

18. August

Wir versuchen, etwas früher aufzustehen, um mehr vom Tag zu haben und schaffen heute das Aufstehen, Frühstücken und Auto packen schon bis halb 12 😉 Dann fahren wir los gen Westen, denn heute wollen wir auf Anglesey, die größte Insel von Wales und die größte Insel rund um Großbritannien, die nicht zu Schottland gehört oder Irland heißt. Die Route führt über eine Schnellstraße, denn viele Menschen nutzen den Hafen Holyhead auf Holy Island, einer weiteren Insel, die Anglesey vorgelagert ist, um von dort aus die Fähre nach Irland zu nehmen. So sind wir ratzfatz drüben am anderen Ufer und machen unseren ersten Halt in Llanfair­pwllgwyngyll­gogery­chwyrn­drobwll­llan­tysilio­gogo­goch, dem Ort mit dem längsten Ortsnamen der Welt – 58 Buchstaben, ich habe sie alle gezählt. Natürlich fahren wir hier hauptsächlich hin, um die Ortsschilder als Beweise zu fotografieren, besonders aber auch, weil es bereits Fotos von mir und meinem Bruder aus dem Ort mit dem kürzesten Namen der Welt gibt, aus Å (wie ich der Wikipedia entnehme gibt es diesen Ortsnamen allerdings noch ein paar mal öfter, was man von Llanfair­pwllgwyngyll­gogery­chwyrn­drobwll­llan­tysilio­gogo­goch nun nicht behaupten kann.

Llanffairdingsda

Llanffairdingsda

Wie zu erwarten war, ist der Ort und besonders der Bahnhofsvorplatz voller Touristen, teils im eigenen Auto, teils als Rucksacktouristen unterwegs, teils in Reisebussen… Wir halten uns also nicht lange auf, machen ein paar Fotos und fahren direkt weiter, weg von den Menschenmassen und hin zu einem steinzeitlichen Rundgrab namens Bryn Celli Ddu, bei dem sich außer uns nur noch drei andere Leute (und natürlich ein Hund) aufhalten. Liegt vielleicht daran, dass man vom Parkplatz aus noch ein Weilchen an einer Weide voller Stiere entlanglaufen muss, die sehr neugierig am Elektrozaun stehen, sich aber dann doch nicht streicheln lassen wollen.

Stiere

Badestiere

Auf der anderen Wegseite gibt es dafür wieder unzählige superreife Brombeeren zu naschen. Das Grab selbst ist übrigens schon alleine deswegen besonders, weil es nicht komplett ausgegraben wurde, sondern immer noch mit Gras bewachsen ist und somit äußerlich immer noch so aussieht wie damals. Drinnen haben Touristen die eine oder andere Opfergabe in Form von Muscheln, Blumen, Münzen oder kleinen Flachmännern da gelassen.

Steinzeitgrab

Unser nächster Stopp ist der Strand von Rhosneigr, der vor allem bei Surfern sehr beliebt ist. Als erstes gibt es für unsere Junkies die nächste Kaffee-Dosis, dann gehen wir an den Strand. Es ist heute etwas kühler und windiger, so dass niemand Lust auf Baden hat und wir uns einfach an den Strand legen und aufs Wasser schauen oder lesen.

Rhosneigr

Danach essen wir Mittag in einem Surfer-Café. Der Hase und die Schwägerin vertreiben sich die Wartezeit mit weiterem Lesen, während der Bruder und ich das WLAN nutzen. Die Schwägerin nimmt eine Suppe mit Linsen, Kastanien und Minze, die superlecker ist und unbedingt nachgekocht werden muss.

Die Lesenden

Nach dem Essen fahren wir weiter auf Holy Island, um in Holyhead die längste Mole von Wales zu erlaufen – sie ragt zwei Kilometer weit in die Irische See hinein und dient als Wellenbrecher für die Marina. Zwei Kilometer ziehen sich ganz schön hin, aber am Ende können wir immerhin sagen, dass wir auf der längsten Mole waren und die Schrittzähler-App ist auch zufrieden mit uns. Bei gutem Wetter soll man vom Leuchtturm aus übrigens bis zum Snowdon gucken können. Heute ist es allerdings zu diesig dafür. Schön sieht es aber trotzdem aus.

Holyhead Breakwater

Holyhead

Ganz in der Nähe der Mole sind wir auf dem Hinweg bereits an einer Schweineherde vorbeigekommen. Auf dem Rückweg nehmen wir uns die Zeit, halten an, streicheln und machen Fotos.

Schweinebande

Zum Übernachten fahren wir nochmal ein Stück in den Nationalpark hinein, nach Capel Curig. Im Plas Curig Hostel haben wir die tollsten Hostel-Betten des gesamten Urlaubs. Nichts quietscht und knarrt, es ist sehr bequem und man kann seine Schlafkoje mit einem Vorhang abtrennen und hat so etwas mehr Privatsphäre und stört gleichzeitig die anderen nicht, wenn man mitten in der Nacht lesen will. Echt ein tolles Konzept, auch wenn es hinter dem Vorhang bei sommerlichen Temperaturen ganz schön heiß und stickig wird. Wir beschließen den Abend im Inn ein paar Häuser weiter und gönnen uns noch einmal moderne walisische Küche mit u.a. Black Beef Burger und Holunderblüten-Prosecco-Jelly mit Erdbeeren.

Traumbetten

 

19. August

Unser letzter Tag in Wales beginnt mit einem letzten Hostel-Frühstück, einem letzten Mal Autopacken und der Fahrt nach Conwy. Das mittelalterliche Städtchen an der Mündung des gleichnamigen Flusses ist vor allem für sein Schloss (UNESCO-Weltkulturerbe) und seine fast vollständig erhaltene Stadtmauer bekannt. In einem Coffee-Shop gibt es Kaffee und WLAN, dann laufen wir zum Schloss, das wirklich beeindruckend aussieht. Den Hasen zieht es aber zunächst zum Wasser – ein schöner Naturhafen, überspannt von mehreren Brücken und voller kleiner Segelboote.

Conwy Harbour

Am Kai angeln jede Menge Kinder mit an Schnüren baumelnden Fleischresten nach Krebsen, die sie in Eimern sammeln und zählen, bevor sie sie zurück ins Wasser schütten. Das scheint hier eine beliebte Beschäftigung zu sein, mehrere Läden verkaufen Eimer, Schnüre und Köder. Witzig finden wir, dass die Kids zwar völlig enthusiastisch bei der Sache sind, aber auch laut aufkreischen und sich verstecken, als sich ein Krebs befreit und einfach so durch die Gegend läuft.

Krebse angeln

Wir laufen weiter zum Schloss, haben aber keine Lust, den Eintritt zu bezahlen. Stattdessen entern wir die Stadtmauer, laufen eine Weile darauf entlang und fühlen uns wie in einem Mittelalter-Film.

Conwy Castle

Stadtmauer in Conwy

Da wir nur einen Parkplatz für eine Stunde haben, brechen wir dann schnell wieder auf und fahren weiter ins nahe gelegene Llandudno, das größte Seebad von Wales, das mich sehr an Brighton, Eastbourne und andere Seebäder erinnert. Viel monumentaler als das niedliche Aberystwyth, mit breiter Promenade, einer Seafront voller mehr oder weniger runtergekommenen Hotels und einem Pier mit allen Arten von unnützen Vergnügungen. Alles ist voller Rentner, Kinder und Möwen und überall sitzen Leute und essen Fish und Chips aus Pappkartons. Genau so stellt man sich ein englisches Seebad vor, nur dass dieses eben in Wales liegt. Auf unserer Suche nach einem Parkplatz sehen wir, wie gerade ein Bestatter eine(n) Tote(n) auf einer Bahre aus einem Hotel schafft – das Klischee ist perfekt. Wir lassen den fußlahmen Hasen an der Promenade sitzen und schauen uns den Pier an.

Llandudno Pier

Hier gibt es alles von Glücksspielen über „Wildwasserkanufahrten“ und Airhockey bis hin zu Krabbenständen, Snowcones und frisch gemachten Donuts. Sollte man mal gesehen haben, aber im Prinzip ist es egal, welchen Pier in welchem Seebad man dafür aussucht. Typischer für Llandudno sind die von Lewis Carroll inspirierten Statuen, die Alice, das weiße Kaninchen und den verrückten Hutmacher zeigen. Die echte Alice, die ihn zu den Büchern inspiriert hat, hat nämlich mit ihrer Familie immer hier in Llandudno Urlaub gemacht.

Mad Hatter

Alice

White Rabbit

Wir essen in einem alteingesessenen Lokal zu Mittag und ich bin sehr begeistert von meinem Panino mit Ziegenkäse und Mango-Limetten-Chutney.

Panino

Dann bringen wir unsere beiden Mitreisenden, die bereits heute zurück nach Birmingham fahren, zum Bahnhof, bevor wir zu zweit noch hoch auf den Great Orme fahren, einen hohen Gipfel über der Stadt, der ein beliebtes Ausflugsziel ist. Man kann hoch wandern, die Seilbahn nehmen oder mit einer Schmalspurbahn fahren. Wir nehmen trotzdem das Auto. Oben gibt es eine mittelalterliche Kirche, ein steinzeitliches Grab und eine Kupfermine aus der Bronzezeit. Wir suchen vor allem noch einmal ein Stückchen Natur und Ruhe mit Blick auf das Meer.Eigentlich gibt es hier oben auch wilde Ziegen, aber von denen sehen wir leider nur die getrockneten Kötel überall. Für eine gute halbe Stunde sitzen wir relativ ungestört dort oben und gucken aufs Meer gen Liverpool. Dann verabschieden wir uns vom wunderschönen Wales und fahren auf viel befahrenen Straßen voller Staus und Baustellen genau dort hin – aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden 😉

Schmalspurbahn

Great Orme

#englandwalesroadtrip – Aberystwyth und Snowdonia Nationalpark

Ich liege zwar schon wieder mit den Katzen zuhause auf der Couch, im Blog ist es aber gerade erst letzten Sonntag. Zum Glück hatte ich vorhin im Flugzeug ein wenig Zeit und konnte unsere nächste Etappe verbloggen…

15. August

Wir starten früh in unsere zweite Urlaubswoche, denn kurz nach 11 Uhr wollen wir meinen Bruder und seine Freundin (eigentlich sollte ich wohl Verlobte sagen, aber nach fast 18 Jahren fällt die Umstellung schwer ;)) im zwei Stunden entfernten Aberystwyth abholen. Die nächsten vier Tage werden wir gemeinsam im Snowdonia Nationalpark, auf Anglesey und an der walisischen Nordküste unterwegs sein.

Wir stellen uns also einen Wecker, frühstücken kurz, verabschieden uns von unseren neuen Freunden und nehmen dann die wunderschöne Küstenstraße nach Norden. Die Sonne scheint und wir fahren auf gewundenen Wegen durch verträumte Fischerdörfer und kleine Städtchen auf und ab die steile Küste entlang – die wahlweise an das Mittelmeer, Nova Scotia oder die Gaspésie erinnert. 

Irische See

Pinie

Die Kiefern erinnern an Pinien und in den Städtchen steht auch die eine oder andere Palme herum. Wir kommen überpünktlich in Aberystwyth an, einem Badeort mit nur 13.000 Einwohnern, aber auch einer Universität, die gemeinsam mit den Touristen für ein gewisses Großstadtflair sorgt.

Als die beiden ankommen, freuen sie sich über die unerwartete Wärme – ihr Zug war auf bibberige 17 Grad heruntergekühlt gewesen – und ziehen sich erst einmal kurze Hosen an. Dann spazieren wir gemeinsam zur Promenade und besorgen uns Kaffee (die beiden), Pommes (der Hase) und ein Tomaten-Mozzarella-Baguette (ich), bevor wir uns ein gemütliches Plätzchen am Strand suchen. Für die nächsten Tage sollte sich die regelmäßige Kaffeebeschaffung als fester Programmpunkt auf unseren Fahrten erweisen – hat jemand Junkies gesagt? 😉 Der Strand in Aberystwyth bietet vor allem schöne Ausblicke auf die Steilküste, das Meer und das verfallene Schloss, aber zum Baden ist er nicht besonders schön. Der Sand ist eher grau und kieselig. 

Aberystwyth

Deswegen beschließen wir, noch kurz zum Schloss zu laufen und dann weiterzufahren – zu einem laut Reiseführer schöneren Strand in Fairbourne.

Die Badenden

Dort gibt es außer dem kilometerlangen Strand so gut wie nichts, aber mehr brauchen wir ja auch nicht. Die ersten Meter müssen wir über große Kiesel klettern, danach folgt dank Ebbe ein breiter Streifen feiner Sandstrand. Da meine Erkältung mich immer noch quält, passe ich auf unsere Sachen auf, während sich die anderen drei sich stolz in die Fluten der Irischen See stürzen. Ich kümmere mich derweil um unsere weitere Tagesplanung und entdecke einen Wanderweg, der halbwegs auf unserem Weg zum nächsten Hostel mitten im Snowdonia Nationalpark liegt. Dreieinhalb Meilen sollten auch für mich zu schaffen sein, immerhin ist das nur halb so lang wie der mit den Wasserfällen in den Brecon Beacons.

Die anderen sind einverstanden und so fahren wir endlich so richtig hinein in Wales’ größten, spektakulärsten und leider auch vollsten Nationalpark. Zum Glück haben wir am ersten Tag noch nicht so viel mit den Menschenmassen zu tun, da wir uns vornehmlich im südlichen Teil und noch nicht so nah am Snowden selbst aufhalten. Passenderweise entdeckt der Hase mal wieder ein Schild am Straßenrand und hält an einem Holztisch mit abgepackten Beutelchen voller Pflaumen und einer Kasse des Vertrauens an. Für 1 Pfund nehmen wir einen Beutel mit.

Schaf an See

Der „Precipice Walk“ beginnt dann recht gemütlich entlang von Bäumen, Himbeersträuchern und einem lang gestreckten hübschen See, bevor dann ein jäher Anstieg über Schafweiden nach oben führt. Schnell erreichen wir eine Höhe, auf der es keine Bäume mehr gibt und folgen einem schmalen Pfad durch Heidekraut und diverse ungefähr knie- bis hüfthohe Gewächse um einen Berg herum. 

Mauerhase

Rechts geht es steil bergauf, links steil bergab und dazwischen laufen wir über mehr oder weniger unwegsames Gelände. Ich bin froh über meine langen Hosen, denn mitunter piksen die Pflanzen sogar durch diese durch und ich glaube unsere beiden Kurzhosigen haben ganz schön unter ihnen gelitten. Dafür waren aber die Ausblicke und das Wetter wunderschön, wir hatten spaßige Unterhaltungen mit Schafen und je weiter nach oben wir kamen, desto mehr reife Blaubeeren konnten wir pflücken und naschen. Alles in allem war das ein guter Einstieg für unsere Neuankömmlinge, würde ich sagen.

Blaubeeren

Südfranzösisches Wales

Als wir nach überraschend langer Zeit (wandern dauert halt irgendwie doch immer länger als erwartet), wieder am Auto landen, ist es schon relativ spät, so dass wir beschließen, direkt weiter ins Hostel zu fahren. Nur an einem Supermarkt halten wir zwischendurch noch an und besorgen Zutaten für das heutige Abendessen, neues Brot und Käse fürs Frühstück, Kaffee, Milch und Bier (Dinge, die der Hase und ich alleine nicht gebraucht hatten ;)). 


Meer und Berge

Unser Hostel liegt einige Autominuten von Blaenau Ffestiniog entfernt ziemlich einsam in den Bergen. Gäbe es nicht noch ein weiteres Gästepaar, wären wir so weit das Auge reicht nur von Schafen umgeben. Selbst der Betreiber des Hostels kommt auf unseren Anruf hin erst mit dem Auto angefahren, um uns den Schlüssel für unser Vierbettzimmer zu übergeben und uns in die örtlichen Gegebenheiten einzuweisen. Ich kümmere mich ums Essen, während die anderen auspacken, den Kühlschrank einräumen und auf dem Fernseher die Olympiaberichterstattung finden. Es gibt Spaghetti mit einer Spinat-Estragon-Feta-Caerphilly-Sauce und danach Olympia und Bier.

Pasta und Bier

 Während die anderen fernsehen, versuche ich, zu bloggen. Leider komme ich nur mit dem Telefon, aber nicht mit dem Laptop online und da ich darauf nicht vorbereitet war, habe ich auch keine Möglichkeit, meine vorgeschriebenen Texte der letzten Tage aufs Handy zu schieben, um sie von dort in die Welt hinauszuposaunen. So endet der Abend für mich relativ früh mit Buch und Bett.

16. August

Am nächsten Morgen erwachen wir gegen 9 Uhr bei strahlendem Sonnenschein. Die anderen Hostelgäste sind bereits ausgeflogen und so haben wir Haus und Picknicktische draußen für uns allein und können ganz schamlos ein ausführliches Frühstück im Schlafanzug draußen zu uns nehmen. Bis wir alle fertig sind, der zweite Kaffee getrunken, der Tisch abgeräumt, das Geschirr abgewaschen und alle abfahrbereit sind, ist es 12 Uhr mittags. Upsi!

Für heute haben wir uns eine im Lonely Planet vorgeschlagene Driving Tour rund um den Snowdon vorgenommen, inklusive Wanderung und See. Unser Anfangsort auf der Route ist das quirlige Beddgelert, wo wir unseren ersten Eindruck von der schieren Menge der Touristen bekommen, unsere ersten geschriebenen Postkarten einwerfen und einen Eisladen entdecken, den mein Bruder schlauerweise aus Belohnung für die erfolgreich zurückgelegte Wanderung, die ganz in der Nähe auf uns wartet, auslobt.

Wanderweg

Es ist nicht ganz einfach, den richtigen Startpunkt für den Wanderweg zu finden, so dass wir erst einmal zwanzig Minuten lang umsonst durch die Gegend laufen und dann selbst als wir auf dem richtigen Weg sind immer noch unsicher sind, ob wir hier richtig sind. Wir einigen uns darauf, dass entweder die Karte schlecht gemacht oder die Markierungen schlecht gemalt sind – oder eben beides, was ich vermute. Als wir den Weg erstmal haben, ist er dann aber sehr schön, wenn auch sehr anstrengend. Wieder geht es erst einmal über Schafweiden in die Höhe. Dann folgt ein kleiner Wasserfall. Bruder und ich sind uns einig, dass uns die isländischen Wasserfälle versaut haben und es jetzt relativ schwer für uns ist, von so einem Minifutziwasserfall beeindruckt zu sein. Allerdings können wir unsere Trinkflaschen auffüllen, schon dafür hat sich der bisherige Weg gelohnt.

Wasserfall
Tor

Ein wenig später geht es durch einen lichten Laubwald und dann hinauf auf den Gipfel des Dinas Enrys, unter dem damals der rote keltische Drache und der weiße sächsische Drache so lange miteinander gekämpft haben und dabei so viel Unruhe und Lärm verursachten, dass Merlin sie freiließ. Seitdem kämpfen Kelten und Angelsachen überirdisch über die Vorherrschaft auf den britischen Inseln.

Oben auf dem Gipfel machen wir wohlverdiente Rast. Dann geht es wieder zurück zum Auto und mit dem Auto zurück nach Beddgelert und zum Eisladen, der mit spannenden Sorten wie Himbeer-Pavlova, Quadruple-Chocolate oder Mango-Erdbeere-Cointreau aufwartet. Das Eis ist dann auch ganz lecker, aber 2 Pfund pro Scoop ist dann doch irgendwie übertrieben – leider kostet gutes Eis hier drüben überall ganz schön viel, so dass einem das eigentlich sauteure (aber wundervolle) Hokey Pokey im Prenzlauer Berg gerade zu preiswert vorkommt. Dann fahren wir durchs Gebirge bis zu einem Aussichtspunkt, von dem man einen guten Blick auf den Snowdon hat – wenn man denn sicher sein kann, welcher Gipfel welcher ist. Außer dem Snowdon gibt es hier nämlich noch einige andere Berge, die fast genau so hoch sind und Schnee lag im August auch nicht mehr drauf. Wir glauben aber, ihn korrekt identifiziert zu haben.

Snowdon

Den nächsten Halt machen wir im Städtchen Llanderis, es wird Zeit, die Koffeinspeicher aufzufüllen. Für den Hasen und mich gibt es stattdessen eisgekühlte Limonaden in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Limo

Wir beschließen, nicht nach Caernarfon hinein und zum dortigen Schloss zu fahren, sondern naturnah zu bleiben. Meine Schwägerin-in-spe möchte nämlich gerne noch in einen See hüpfen. Das gibt unsere Route auch her. Wir landen am wunderschön gelegenen Bergsee Llyn Cwellyn und parken auf einem toll gelegenen Zeltplatz mit Badestelle, der in mir sofort schöne Erinnerungen an frühere Zelturlaube in Skandinavien und Patagonien weckt. 

Llyn Cwellyn

Das Wasser des Sees ist eisig kalt und gleichzeitig recht flach, so dass aus der geplanten Schwimmung eher eine kurze Planschung wird. Bei einem Erkundungsgang in ein nahegelegenes Gebüsch entdeckt der Hase einen im Baum hängenden frischen Lachs, der dort wahrscheinlich geparkt wurde, während seine Bezwinger wandern sind. Das weckt natürlich seinen Angelehrgeiz und so werden Bruder und Baldschwägerin auch einmal Zeugin eines Angelversuchs. Wir können zwar jede Menge kleine Fische sehen, die kurz unter und auch über der Wasseroberfläche herumtollen, aber an die Angel gehen weder sie noch irgendwelche Lachse.

Lachs

So bleiben wir bei unserem ursprünglichen Plan, nach Harlech in ein vom Lonely Planet empfohlenes jamaikanisches Restaurant zu fahren. Wir erreichen das Städtchen kurz vor Sonnenuntergang und sind schwer von der über allem thronenden Schlossruine begeistert. Leider können wir sie nicht in Ruhe besichtigen, da im Schlosshof eine Theateraufführung stattfindet. 

Harlech Castle

Also machen wir uns auf die Suche nach dem Restaurant, das leider inzwischen an eine andere Adresse umgezogen und außerdem heute geschlossen ist. Wir haben einfach kein Glück mit den jamaikanischen Restaurants im Moment und wie schon neulich in Birmingham holen wir uns stattdessen Pizza, diesmal in Blaenau Ffestiniog, das vom Schieferbergbau lebt und im von brotlos geliehenen DuMont-Kunstreiseführer in verschiedensten Grautönen beschrieben wird. Mit Pizza bewaffnet geht es zurück ins Hostel, wo der Abend wieder vor dem Fernseher endet. Ein neues zweites Gästepärchen gibt es auch, die gucken aber genauso begeistert Olympia wie meine Mitreisenden, so dass es zu keinem Streit um die Macht auf der Couch kommt.

Sonnenuntergang

 

#englandwalesroadtrip – Pembrokeshire Coast

13. August

Der nächste Tag begann mit einem Klopfen an der Tür – unsere superliebe Gastgeberin brachte uns Kaffee ans Bett und stellte frischen Toast zu den anderen Frühstückszutaten auf der Kommode am Fußende des Betts. Dann verabschiedete sie sich und wir frühstückten in aller Ruhe im Bett. Was für ein Luxus! Wir ließen uns jede Menge Zeit und verließen die Unterkunft erst so gegen 11 Uhr. Dann nahmen wir Kurs auf die Pembrokeshire Coast, unseren zweiten der Waliser Nationalparks. Erste Station waren die Lily Ponds in Bosherston, künstliche Seerosenteiche auf den Ländereien eines ehemaligen Herrenhauses, in denen man angeblich Otter beobachten kann. 

Bosherston Lilyponds

Die Otter haben wir leider nicht gesehen, aber andere große Tiere gibt es dort durchaus, wie sich später noch zeigen sollte. Zunächst einmal liefen wir jedoch einfach im schönsten Sonnenschein an den idyllischen Teichen entlang, an deren Ende ein goldener Strand mit unglaublich feinem Sand auf uns wartete. Diesmal wagten wir uns bis zu den Knien ins Wasser, für mehr hätten wir Badeklamotten gebraucht, denn ganz leer war der Strand natürlich nicht. Schön war es aber trotzdem und spätestens jetzt fühlte sich unser Roadtrip wie ein vollwertiger Sommerurlaub an.

Broadhaven Beach

Das Gefühl wurde noch verstärkt, als wir später an einem Stand am Straßenrand Erdbeeren kaufen konnten – mit einer kleinen Dose Schokoladendip dazu. Unser nächstes Ziel führte uns über relativ einsame Landstraßen, gesäumt von den typischen Hecken, bis an die Steilküste bei Marloes. Unterwegs trafen wir am helllichten Tag auf einen Babyfuchs, der wahrscheinlich die Hecke auf der falschen Straße verlassen hatte und nun etwas ziellos die Straße entlang lief. Hoffentlich hat er seinen Ausflug unbeschadet überstanden!

Babyfuchs

Wir parkten unser Auto ein paar Kilometer weiter und liefen dann einen Pfad über Wiesen und an Feldern entlang bis zur Steilküste hin. Unterwegs gab es wieder Brombeeren zu naschen. Wir liefen die Steilküste entlang bis zu einem Vorsprung, von dem aus wir in beide Richtungen sehr sehr weit die Küste entlang schauen konnten und vor uns eine vorgelagerte Insel sahen, auf der sich Spuren alter keltischer Besiedlung ausmachen ließen. Hier setzten wir uns hin, aßen die schokolierten Erdbeeren und genossen Ausblick und Einsamkeit. Wohin man sehen konnte gab es niemanden außer uns – und zwei älteren Damen, die ein paar hundert Meter entfernt aquarellierten.

Dann fuhren wir weiter Küstenstraßen entlang, bis der Hase an einem Farmshop hielt: Auf dem Hof einer Farm stand ein kleiner, offener Schuppen, an dessen Wänden sich Obst, Gemüse und Eier stapelten – jeweils mit Preisen versehen. Wir sahen uns um, überlegten, was wir alles kaufen sollten und warteten auf Bedienung. Nach einer Weile kam eine Frau samt Hund an und fragte, ob wir zurecht kämen. Wir bejahten dies, fragten aber, bei wem wir denn bezahlen sollten. Sie wies auf ein Einweckglas, in dem ein wenig Geld lag und meinte: „Rechnet einfach zusammen, was Ihr schuldet und packt das Geld dort hinein!“ Dann ging sie wieder. 

Farm Shop

Wir packten begeistert alles mögliche zusammen: sechs Eier, ein Kilo Kartoffeln, ein paar Tomaten, eine Gurke, zwei Äpfel, ein Romanesco, einen Beutel Baby-Zucchini, einen Beutel Champignons, Knoblauch und eine Zwiebel. Dann benutzten wir einen Block und einen Stift, schrieben alles auf, was wir genommen hatten und rechneten zusammen. Heraus kam ein lächerlich geringer Betrag, den wir auf fünf Pfund aufrundeten, die wir in das Glas steckten. Dann verstauten wir unsere Beute im Auto und fuhren weiter nach St. David’s, die kleinste City des Vereinigten Königreiches.

St. David's Cathedral

„City“ ist man hier nämlich, wenn man eine Kathedrale hat. Und die hat der Geburtsort des Waliser Schutzpatrons mit seinen gerade mal 1870 Einwohnern. Und was für eine beeindruckende! Man kann verstehen, warum St. David’s Pilgerort ist. Früher galten zwei Pilgerfahrten hierhin genauso viel wie eine nach Rom. Machte man den Trip dreimal, konnte man sich das Pilgern nach Jerusalem sparen. Wir haben auch ein spirituelles Erlebnis in St. David’s, nämlich bei Gianni’s Ice Cream. Gianni hat das Eismachen in einer Außenstelle der Gelato University gelernt und benutzt für seine Kreationen Biomilch von einer Farm ganz in der Nähe. Ich beschränke mich auf zwei Sorten (Eton Mess und Passionfruit Sorbet), der Hase nimmt drei. Als wir damit durch die Stadt laufen wird er ganz schön (bewundernd?) angestarrt, denn die Scoops hier auf der Insel sind tatsächlich relativ groß. Wir sind aber gute, trainierte Eisesser und schaffen die Portionen ohne Schwierigkeiten.

Im Reiseführer steht noch ein weiterer schöner Aussichtspunkt an der Küste, St. David’s Head. Auch von diesem soll man einen tollen Blick auf Spuren aus der Vergangenheit haben. Wir fahren also hin und kommen an einem Strand an, der voller Surfer ist. Der Weg auf den St. David’s Head sieht dann allerdings sehr steil aus – zu viel für mich und meine Erkältung. Also laufen wir nur bis ans Ende des Strandes und klettern dort über ein paar Felsen und bis auf die Spitze einer Landzunge hinaus, von der man einen schönen Blick auf den Strand und die Umgebung hat. Dann kehren wir zum Auto zurück und fahren zu unserem nächsten Hostel, das mitten im Nirgendwo, ganz oben über der Steilküste liegt. 

Pwll Deri

Vom Dining Room, den Dorms und der Terrasse aus blickt man aufs Meer, und zwar ziemlich direkt nach Westen, genau richtig für den Sonnenuntergang, der heute allerdings leider hinter Wolken stattfindet. Aber wir haben ja am nächsten Tag noch einmal die Chance. Was wir nicht haben, ist WLAN oder einfach nur profaner Handy-Empfang. Von der Außenwelt abgeschnitten beschäftigen wir uns mit dem Abendbrot und kochen uns Spaghetti mit Tomaten, Zucchini und Champignons. Dann geht es früh ins Bett – diesmal in getrennt Schlafsäle, denn die Doppelzimmer waren hier schon seit Wochen im Voraus ausgebucht und in britischen Jugendherbergen gilt strikte Geschlechtertrennung!


14. August

Da wir zwei Nächte lang in diesem Hostel bleiben und schon recht viel von der Prembrokeshire Coast gesehen haben, beschließen wir, dass ich heute einfach mal „zuhause“ bleibe und versuche, meine Erkältung auszukurieren. Der Hase fährt indes den ganzen Tag angeln. Im Internet haben wir einen Anbieter gefunden – Yet-Y-Gors Fishery – wo er sich Tipps für die besten Angelplätze holt. Die Fishery gehört einem Angelfanatiker mit eigenem Teich und Campingplatz, der sich für den Hasen „quasi ein Bein ausgerissen hat“ und ihm den idealen Platz für seinen Angeltrip herausgesucht hat – witzigerweise eben jene Seerosenteiche, die wir tags zuvor besucht hatten.

Ich verbringe den Vormittag mit dem Lesen des allgegenwärtigen New York Times Magazine über die Entwicklungen in der Arabischen Welt. Dann halte ich einen kurzen Mittagsschlaf, zeitgleich mit einem Mutter-Tochter-Gespann aus Luxemburg, die mich hinterher auf einen Teller voll Tomatensuppe einladen. Wir kommen ins Gespräch und setzen uns nach dem Essen gemeinsam nach draußen auf die Terrasse. Die beiden lesen und ich schreibe ein wenig Reisetagebuch – immer mit dem Blick auf die irische See.

Offlinebloggen

Erst ziemlich spät kommt der Hase wieder – mit einem 63 cm langen Hecht, seinem persönlichen Angelrekord. Wir laden die Luxemburgerinnen und eine weitere Hostelgästin, mit der wir schon Freundschaft geschlossen haben spontan zum Abendessen ein. Es gibt gebackenen Hecht, den wir mit Zitronenscheiben gefüllt haben auf einem Bett aus Zwiebeln, Knoblauch und Möhren und dazu Salzkartoffeln und Romanesco.

Hecht

Wir werden zu fünft sehr gut satt und haben einen tollen Abend draußen auf der Terrasse und schauen uns den Sonnenuntergang über dem Meer an. Die anderen sitzen noch ziemlich lange zusammen, aber ich habe gegen 10 genug und verziehe mich ins Bett.

Sonnenuntergang

#englandwalesroadtrip – Die Brecon Beacons, Teil 2, und die Gower Peninsula

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben und nicht vollmundig häufigere Blogeinträge machen, wenn man noch nicht hundertprozentig weiß, wie die Internetsituation in den nächsten Tagen sein wird. Tatsächlich haben wir nach dem letzten Post erst einmal zwei Nächte in einem Hostel ohne WLAN und Telefonempfang verbracht, danach zwei Nächte in einem, in dem ich zwar auf dem Telefon WLAN hatte, nicht aber auf dem MacBook, auf dem ich die Texte schon vorgeschrieben hatte – und somit auch keine Möglichkeit, die Texte vom Laptop auf das Handy zu bekommen. Danach folgte eine weitere Nacht in einem Hostel mit so schlechtem WLAN, dass man sich zwar damit verbinden, jedoch keine einzige Internetseite öffnen konnte. Und jetzt sind wir in Liverpool und auf einmal habe ich sowohl guten Empfang auf dem Handy als auch funktionierendes WLAN für alle Geräte. Dafür habe ich aber auch wenig Zeit zum Schreiben, aber ich hau jetzt einfach mal raus, was ich bereits geschrieben habe…

11. August

Wir schlafen aus und frühstücken in aller Ruhe. Da wir zwei Nächte im Bunkhouse bleiben, treibt uns nichts zur Eile. Für heute haben wir uns vorgenommen, uns ein wenig im westlichen Teil der Brecon Beacons herumzutreiben. Der Reiseführer und unser Pro-Brexit-Gastgeber aus Newport sind sich einig, dass wir eine Wanderung mit vier Wasserfällen unternehmen sollten und wir finden diese Idee auch gut. So fahren wir also in die Waterfall Region und finden nach einigen Anlaufschwierigkeiten den Parkplatz, der der Ausgangspunkt für unseren Walk sein soll. Laut Ausschilderung stehen uns 6 Meilen, also etwa 9 Kilometer bevor, die geschätzte 4,5 Stunden dauern sollen. Die Strecke traue ich mir trotz Erkältung zu, nur habe ich irgendwie unterschätzt, dass es ganz schön viel bergauf und bergab gehen und es auch einige schwierige, steile, rutschige oder enge Stellen geben würde. Aber gut, mitgehangen, mitgefangen und einmal unterwegs gibt es sowieso kein sinnvolles Zurück mehr. Zur Motivation nasche ich ein paar Himbeeren vom Wegesrand und es werden Verschnaufpausen eingelegt, wann immer ich sie nötig habe.

Himbeeren

Der Beginn der Tour ähnelt optisch noch den Nadelbaumbewachsenen Hängen des Czorneboh, nach und nach wird es dann aber doch typischer für die britischen Inseln. Regelmäßig kommen uns auf dem Weg zum Beispiel Familien mit Hunden entgegen. (Nachdem wir in Italien überall Katzen gesehen haben, ist dieser Urlaub definitiv der der Hunde!) Zu den einzelnen Wasserfällen muss man dann immer vom Hauptweg herab ins Tal steigen, was in beide Richtungen relativ anstrengend, auf dem Rückweg aber mehrmals geradezu zermürbend ist. Weil wir übersehen haben, dass einer der Abstiege gleich zu zwei Wasserfällen führen soll, das aber erst bemerken, als wir schon wieder oben sind haben wir dann auch nur drei der vier Fälle überhaupt gesehen. Das finde ich dann doch recht frustrierend, aber nicht so sehr, dass ich mich ein zweites Mal hinabgequält hätte. Die Fälle, die wir sehen, sind wirklich sehr schön und beeindruckend – nicht so wahnsinnig hoch oder wasserreich, aber einfach schön und pittoresk in die Landschaft eingebettet. Beim Mittleren kann man auf Steinen zwischen den verschiedenen Wasserläufen sitzen, beim Letzten sogar hinter dem Wasserfall entlanggehen. Da das aber zusätzliche Ab- und Aufstiege bedeutet, macht der Hase das alleine und ich fotografiere ihn dabei.

Wasserfall

Ein letztes Ärgernis ist dann, dass die zweite Hälfte des Rundwegs, die nach den Wasserfällen beginnt und laut Karte weniger anstrengend und auch kürzer sein soll, gesperrt ist und wir so den langen, strapazenreichen Weg zurückgehen müssen. Auch das merken wir natürlich erst, als wir vor der Absperrung stehen. Nichtsdestotrotz meistern wir auch das und am Ende sind wir sogar in etwas mehr als drei Stunden zurück und damit deutlich schneller, als die angegebenen viereinhalb Stunden – trotz Erkältung! Allerdings bin ich danach so platt, dass ich auch Tage später keine Lust mehr aufs Wandern verspüre – etwas ungünstig, wenn man sich in Gegenden herumtreibt, die besonders wegen ihrer Wandermöglichkeiten bekannt und beliebt sind.

Unser nächster Halt ist dann die Penderyn Distillery, die einzige Whisky-Destille in ganz Wales. Auf eine Führung haben wir keine Lust, aber die Tradition will es, dass wir die lokale Whisky-Wirtschaft unterstützen und so kaufen wir ein paar Probierfläschchen für Zuhause. Dann nehmen wir einen anderen Weg zurück nach Hause, vorbei an einem großen See. Dort halten wir für ein Stündchen an und während der Hase seine Angel auswirft, bringe ich meinen Sitz in eine waagerechte Position und schlafe eine Runde. Dann fahren wir zurück ins Bunkhouse, checken unsere E-Mails und entledigen uns der schlammigen Wanderklamotten.

Abends fahren wir ins nahegelegene Crickhowell um in der Nantyffin Cider Mill zu essen, einem Pub, das schon seit dem 16. Jahrhundert betrieben wird und in dem früher auch eigener Cider hergestellt wurde. Heute gibt es leider nur noch eine Fremdcider, aber der Rosie’s Pig (?), den ich mir aussuche, ist auch sehr lecker. Zur Vorspeise nehme ich erkältungsbedingt eine Gemüsesuppe, der Hase wählt den frittierten Whitebait – einen ganzen Berg Köderfische – mit einer scharfen Mayonnaise als Dip. Für das Hauptgericht entscheide ich mich für den slow-cooked Schweinebauch, und zwar vor allem wegen der Beilagen: Kartoffelbrei mit Senfkörnern, Wider Gravy, knusprige Bacon Rinds und saisonalem Gemüse. Der Hase nimmt ein Wildpilzrisotto und hilft mir danach mit dem restlichen Schweinebauch, denn mein kranker Körper hat einfach nicht genug Kapazität für große Mengen. Deswegen fällt auch der Nachtisch aus und es geht schnell wieder zurück ins Bett.


12. August

Die Erkältung lässt nicht locker, deswegen schlafen wir wieder aus und nehmen unser Frühstück dann schon unter den ungeduldigen Blicken der Putz-Crew ein. Dann packen wir das Auto und fahren ein letztes Mal durch die Brecon Beacons hindurch, die wir nach Westen hin verlassen. Der erste Zwischenstopp für heute sollen die Aberglasney Gardens sein. Der Hase ist ja ein großer Garten-Fan und ich kann ihn nur mit Mühe davon abbringen, auch noch den Nationalen Botanischen Garten von Wales ansehen zu wollen. Aberglasney klingt aber im Reiseführer gut, vor allem, weil man sich dort angeblich wie in einem Jane-Austen-Roman fühlen soll. Tatsächlich erinnert er mich eher an den Geheimen Garten von Frances Hodgson Burnett, aber das finde ich ehrlich gesagt sogar noch besser.

Aberglasney Gardens

Wir laufen durch die verschiedenen Bereiche des Gartens, bestaunen Blumen, Seerosenteich und ein kleines Wäldchen, verbringen viel Zeit im eingemauerten Garten, der Gemüse-, Kräuter-, Obst- und Blumengarten miteinander vereint (es gibt hier sogar Feigen und Artischocken!), steigen hinauf zum asiatischen Garten und beenden unsere Tour im Gewächshaus, das in einem verfallenen Teil des Hauses angelegt wurde, den man einfach mit Glasplatten überdacht hat, und auch einige subtropische und tropische Pflanzen enthält.

Pferde

Dann geht es weiter auf die Gower-Halbinsel südlich von Swansea, denn ich möchte nun endlich, endlich das Meer sehen. Zwischen Heidekraut und Wildpferden steht kurz vor dem Örtchen Reynoldston ein Grabmahl, genannt Arthur’s Stone. Wie immer, wenn wir an solchen Orten sind, sind vor uns Familien mit Kindern da, die erst einmal ausgiebig auf den Steinen herumklettern und dann einzeln und in Gruppen darauf für Fotos pausieren müssen. So dauert es also wieder einmal eine ganze Weile, bis auch ich meine obligatorischen Fotos geschossen habe, denn da sollen natürlich keine Menschen drauf sein.

Steinzeitgrab


Und dann fahren wir endlich direkt ans Meer, nach Rhossili. Erst müssen wir einen ziemlich langen Weg die Steilküste hinunter und dann noch über einen sehr sehr breiten Strand laufen, aber dann stehe ich endlich mit den Füßen in der Irischen See. Ist aber ganz schön kalt! Wir sammeln etwas Sand für unsere Katzensitterin ein (ein Ritual, dass wir seit unserem ersten gemeinsamen Urlaub vor Jahren einhalten) und schauen nach interessanten Muscheln.

Rhosilli Beach

Eigentlich hätte noch eine kleine Wanderung an der Küste entlang auf dem Plan gestanden, aber meine Erkältung sagt: Nein! So begnügen wir uns damit, an der Küste entlang den Rest der Halbinsel zu umrunden und zu unserer Unterkunft nach Llanelli zu fahren. Dort landen wir mit Hilfe des Navis vor einem unscheinbaren Reihenhaus, ohne jeglichem Schild. Da es aber so aussieht, wie auf dem Foto im Internet, klingeln wir einfach mal. Nichts passiert und ein Klingelton ist auch nicht zu hören. Wir sehen aber durchs Fenster, dass durchaus jemand drinnen ist. So betätigen wir dann den beeindruckenden Türklopfer – das wollte ich ja eh schon immer mal tun. Doch auf mein zaghaftes Klopfen hin passiert immer noch nichts. Erst nach mehrmaligem lauten und irgendwann ungeduldigen Klopfen reagiert der ältere Herr, den wir durchs Fenster sehen können und ruft nach jemandem.

Kurz darauf wird die Tür von einer Frau mit osteuropäischem Akzent geöffnet, die sich für die Wartezeit entschuldigt und uns ohne Umschweife oder nach dem Namen zu fragen in ein Zimmer im Erdgeschoss führt. Es gibt ein Doppelbett, einen Fernseher, eine Kommode mit Tee, Kaffee, Cereals, Milch, Marmelade, Welsh Cakes, Geschirr und Besteck und einem Zettel mit dem WLAN-Passwort. Viel mehr brauchen wir auch nicht. Nebenan ist das Bad, das wir uns mit der Familie teilen werden. Dann fällt Ihr noch ein, uns das Erste-Hilfe-Set und den Feuerlöscher zu zeigen, die im Flur aufgehängt sind, weist uns an, im Falle eines Feuers auf direktem Weg zur Haustür hinaus zu treten und händigt und Schlüssel und Anwohnerparkschein aus („Bitte unbedingt morgen hier lassen, der ist lebensnotwendig!“). Dann atmet sie tief durch und fragt, ob wir noch etwas bräuchten, gibt uns einen Tipp für eine Location zum Abendessen, kündigt an, uns morgens noch Kaffee und warmen Toast zu bringen und fragt, wo wir denn so herkämen. Sie selbst kommen aus Lithauen. Alles klar, hier wurde also vermutlich für „Remain“ gestimmt, sofern sie denn überhaupt mitwählen duften.

Wir machen es uns erst einmal in unserem Luxuszimmer gemütlich und recherchieren nach Restaurants in der Umgebung. Das von unserer Gastgeberin empfohlene hat heute ein Livemusik-Event, das ist uns zu hektisch. Zum Glück gibts es nur wenige Schritte entfernt eine Brasserie, deren Speisekarte sich sehen lassen kann – die Preise auch, aber wir sind ja die nächsten Tage dann wieder in Hostels und werden selber kochen. Wir gehen also hin, bestellen uns ein lokales Ale und ein Cider und studieren die Karte. Schweinebauch und Wildpilzrisotto hätten wir wieder nehmen können, die scheinen momentan Trendgerichte zu sein und stehen wirklich auf jeder Karte. Stattdessen entscheide ich mich für Frühlingsrollen, die mit „Cockles“ und „Laverbread“ gefüllt sind, also mit Herzmuscheln und frittierten Algen. Laverbread ist eine der Waliser Spezialitäten schlechthin und wird hier gerne auch mal zum Frühstück serviert, das muss ich probieren! Zum Hauptgang bleibe ich im Thema und bestelle Lachs in Zitronen-Shrimps-Sauce mit gedünstetem Blattgemüse. Der Hase lässt sich frittierte Pilze mit Knoblauch und in Rotwein geschmorte Lammhaxe schmecken. Als Dessert wähle ich etwas leichtes – einen Rhabarber-Zitronen-Trifle und der Hase, der eigentlich behauptet hatte, pappsatt zu sein und keinen Nachtisch mehr zu wollen, genehmigte sich eine Käseplatte.

Dann rollten wir nach Hause, es war ja zum Glück nicht weit, und bevor ich ins Bett fiel genehmigte ich mir noch schnell ein heißes Bad, natürlich ausschließlich wegen der Erkältung! 😉

#englandwalesroadtrip – Die Brecon Beacons, Teil 1

Ich bin ein wenig hinterher in meiner Berichterstattung, hoffe aber, in den nächsten Tagen aufholen zu können…

10. August

Heute geht es in den ersten der drei Waliser Nationalparks, die Brecon Beacons. Diesen Namen kenne ich schon seit dem Englischunterricht der 5. oder 6. Klasse, glaube ich, deswegen war es klar, dass er auf die Reiseroute gehört, selbst wenn er laut Reiseführer etwas weniger beeindruckend ist, als die beiden anderen, die natürlich auch noch folgen. Nach dem Frühstück im Hostel mit Tee, Cornflakes, selbst gepflückten Brombeeren und jeder Menge Marmeladentoast fahren wir also los.

Frühstück

Unterwegs halten wir aber noch in Caerphilly an, einem kleinen Städtchen, das vor allem für sein verfallenes Schloss aus dem 13. Jahrhundert und seinen Käse bekannt ist. Wir laufen einmal um Schloss und Schlossgraben herum und erfreuen uns neben der Ruine vor allem der vielen Vögel, die sich hier herumtreiben: Möwen, Kanadagänse, Enten, Gänse… Alle sehr zahm und unerschrocken.

Gänse

Dann gehe ich erst einmal in eine Apotheke und hole mir Lutschtabletten und etwas Schleimlösendes für meine Nebenhöhlen. Weiter gehts durch die Straßen der Stadt auf der Suche nach Käse – leider erfolglos. Später erfahren wir, dass wir dafür in die Touristeninformation hätten gehen müssen, wohin denn auch sonst? Leider ist es da schon zu spät und wir haben uns bereits im Supermarkt mit dem Nötigsten für die nächsten Tage eingedeckt – Continental Bread, Peanut Butter, Lemon Curd, Erdbeermarmelade, zwei Sorten Käse (Caerphilly pur und Caerphilly mit Schnittlauch und Knoblauch), Orangensaft, Tee, Honig, Spaghetti, Baked Beans, ein paar Weintrauben und jede Menge Taschentücher.
So ausgerüstet begeben wir uns auf den Weg auf einer Route durch den östlichen Teil des Nationalparks, die Black Mountains. Wir nehmen dafür eine Tour, die der Lonely Planet vorschlägt, allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Unser erster Stopp ist eine kleine Kirche, die Patrishow Church, für die wir von der Hauptstraße abbiegen müssen und gefühlt ewig lang eine schmale Straße zwischen Hecken viele Berge rauf und runter fahren und dabei immer wieder mit entgegenkommenden Autos darüber verhandeln müssen, wer jetzt ein Stück zurück zur letzten Ausweichmöglichkeit fährt. Der Hase ist irgendwann schon richtig genervt und glaubt, wir seien zu weit gefahren. Also schalte ich das Navi an und siehe da: noch um zwei Kurven und dann sind wir da. An einem grünen Hang steht das alte Kirchlein, umgeben von einem Friedhof mit krumm und schief stehenden Grabsteinen. Drinnen gibt es mittelalterlicher Wandmalereien und tolle filigrane Schnitzereien in Eichenholz zu bestaunen. Das hat sich dann doch gelohnt!

Partrishow Church

Zudem hat uns die Fahrt schon mal auf die Straßenverhältnisse für die nächsten Tage vorbereitet: Meistens sind die Straßen einspurig, oft links und rechts mit Hecken begrenzt, ab und zu fährt man über Viehgitter und gar nicht selten stehen plötzlich Schafe auf der Straße oder Pferde am Wegesrand. Drumherum ist es sehr grün, es gibt Felder, Wiesen, Laubwälder und angelegte Nadelwälder, Bäche, Flüsse und dazu immer wieder kleine Dörfer, Kirchen oder Ruinen. So eine ist unser nächster Halt, die Ruine der Llanthony Priory. Hier lebten früher Priester ähnlich wie in einem Kloster zusammen, nur dass sie eben keine Mönche waren, sondern auszogen um in den umliegenden Gemeinden zu predigen. Als die Anglikanische Kirche sich immer mehr ausbreitete, wurde das Gebäude verlassen und verfiel zusehends. Seit dem 19. Jahrhundert wird der jetzige Zustand erhalten und ähnlich wie die Tintern Abbey ist die Priory seit Jahrhunderten Ziel von Wanderern, Malern, Dichtern und sonstigen Romantikern.

Von Llanthony aus geht es hoch in die Berge und über den Gospel Pass, eine Gegend, wo kein Baum mehr steht und hauptsächlich Heidekraut und ähnliche Pflanzen wachsen. Außer Schafen, Pferden, Felsen und dem einen oder anderen Paraglider gibt es hier oben gar nichts. Schön!

Gospel Pass

Dann fahren wir wieder hinab und landen im legendären Hay-on-Wye, das Literaturfreunden aufgrund seines Festivals und seiner unzähligen Antiquariate und Second-Hand-Buchläden ein Begriff ist. Leider haben wir nur noch zwei Pfund in Münzen dabei, was unsere Hay-Zeit auf zwei Stunden beschränkt. Wir durchstöbern einige Buchläden auf der Suche nach Second-Hand-Ausgaben einiger Bücher von meinem Wunschzettel, haben aber kein Glück. Da wir disziplinierte Reisende sind, kaufen wir auch nichts anderes, obwohl das sehr schwer fällt.

Hay-on-Wye
Stattdessen gönnen wir uns aber in Shepherds Ice Cream Parlour köstliches Eis aus Schafsmilch. Für mich gibts Stachelbeere-Custard und Mango-Sorbet, der Hase nimmt Honeycomb-Taffy und Peanutbutter-Choc.
Eis
Dann wollen wir noch ein bisschen mehr Essen und vor allem Tee trinken (meine Erkältung nervt zusehends). Dafür gehen wir in die Granary und nehmen – der Erfahrung wegen – unseren ersten Cream Tea zu uns. Es gibt also Scones mit Clotted Cream und Marmelade, dazu Earl Grey für mich und Erdbeer-Früchtetee für den Hasen. Sehr lecker, auch wenn ich gerne noch ein paar Finger Sandwiches dazu gehabt hätte, war doch alles sehr süß so.

Cream Tea
Dann müssen wir zurück zum Auto und fahren wieder gen Süden, fast bis an den Ausgangspunkt der Tour zurück, wo sich unser Bunkhouse für die nächsten zwei Nächte befindet. Der Besitzer hatte mir eine ausführliche Anfahrtsbeschreibung geschickt, für die wir sehr dankbar waren, denn das Wern Watkin Bunkhouse liegt wirklich sehr abgelegen in den Bergen. Begrüßt werden wir zunächst von Pferden und Hunden. Als wir aus dem Auto steigen, sehen wir das Betreiberpaar, das uns zuruft, wir müssten noch ein paar Minuten warten, sie müssten zwei Schafe wieder einfangen. Wir bieten unsere Hilfe an, die dankbar angenommen wird. Zu viert laufen wir nun über die Wiesen des Gehöfts und versuchen, die beiden Schafe zurück zu treiben. So richtig gelingt es uns nicht, aber es war wohl vor allem wichtig, sie vom Haus und Garten wegzubekommen, sie gehörten nämlich den Nachbarn und hatten hier nichts verloren. Zum Dank für unsere Hilfe bekamen wir dann auch direkt ein Upgrade unserer Buchung und somit ein Zimmer ganz für uns alleine. Dafür war besonders ich dankbar, denn inzwischen war ich so kaputt, dass ich nur noch ins Bett und schlafen wollte. Das Abendessen fiel an diesem Tag aus.

Wern Watkin

#englandwalesroadtrip – Von Birmingham nach Cardiff

Wie es scheint, bleibt die Internet-Situation auch weiterhin angespannt – ziemlich oft gibt es keinen oder nur sehr schlechten Empfang auf dem iPhone und auch in den Unterkünften ist das WLAN bisher nur in den Gemeinschaftsräumen einigermaßen stark. Deswegen zeige ich hier im Blog weiterhin nur wenige Bilder – mehr könnt Ihr auf Instagram unter #englandwalesroadtrip sehen, denselben Hashtag verwende ich auch auf Twitter.

7. August

Den Sonntag verbringen wir weiterhin bei Bruder und Schwägerin, allerdings lassen wir es heute ein klein wenig ruhiger angehen. Nach einem ausgiebigen Frühstück und ein wenig Olympia im Fernsehen nehmen wir gegen Mittag den Bus in die Innenstadt. Der Hase braucht eine neue Hose (eine, die er eigentlich mitnehmen wollte, hängt zuhause vergessen auf dem Wäschetrockner) und ich möchte mir nun endlich Harry Potter and the Cursed Child kaufen. Da wir in England sind, ist das auch an einem Sonntag kein Problem – alle Läden haben offen. Bei Waterstones werde ich schnell fündig, ein paar ramponierte Exemplare von Cursed Child liegen auf dem Half-Price-Tisch direkt am Eingang. Für 10 Pfund (etwa 11,80 €) schlage ich zu und bin in unter zwei Minuten wieder aus dem Laden raus. Dann geht es weiter zu Urban Outfitters, eine Premiere für mich. Hui ist das ein krasser Hipsterladen, aber doch mit einigen Annehmlichkeiten. Es läuft gute Musik (viel zu laut), zwischen den Klamotten liegen Vinyl-LPs, die man kaufen kann, es gibt auch Haushaltsgegenstände, Accessoires und Bücher (hauptsächlich zu Themen wie Achtsamkeit ;)) und eine Produktlinie, bei der alte Kleidung recycelt und zu neuen Teilen geschneidert wird. Da der Hase sehr konkrete Vorstellungen hat (eine Jeans in Nicht-Blau), verschwindet er schnell mit den beiden einzigen Modellen in seiner Größe in der Umkleidekabine. Ich schaue mich weiter im Laden um, Bruder und Schwägerin kaufen nebenan ein paar Laufschuhe, die die Schwägerin schon seit Wochen im Auge hatte. Der Hase kommt mit zwei passenden Hosen wieder aus der Umkleide, eine von beiden ist nicht ausgepreist, kommt aber vom Rabatt-Tisch. Die nächsten zehn Minuten verbringen die Jungs an der Kasse vergeblich damit, einen Preis dafür zu ermitteln. Dann bieten sie sie ihm für 10 Pfund an („Ist aber ohne Umtauschrecht!“) und wir verlassen mit zwei neuen Hasenhosen den Laden.

Dann ist erst einmal Stärkung geboten und wir holen uns Kaffee (Bruder und Schwägerin), Frozen Yoghurt (Bruder, Schwägerin und Hase) sowie Bubble Tea (ich) und verschnaufen ein wenig. Als nächstes wollen wir zum „Secret Garden“ auf der Bibliothek, aber ausgerechnet die hat am Sonntag natürlich zu. Macht nichts, der kommt auf die Liste für unseren nächsten Birmingham-Besuch, genau wie das Museum of the Jewellery Quarter und die Backs-to-Backs-Tour, das irische Viertel Digbeth und die ehemalige Custard Factory, in der heute Bars, Gallerien und kleine Läden sind).

Botanischer Garten


Wir fahren mit dem Bus zum Botanischen Garten und verbringen dort ein paar tolle Stunden zwischen Tropenhaus, Bambus-Labyrinth und Kräutergarten. Eine Weile liegen wir auch einfach mit diversen anderen Sonnenhungrigen auf der Wiese und erfreuen uns des Sommers. Dann kehren wir zurück nach Hause, trinken Tee und beschäftigen uns mit Olympia bzw. Cursed Child, bis der Hunger anfängt zu nagen. Als ich das Buch zu etwa zwei Dritteln bezwungen habe, gehen wir wieder raus. Wir wollen zu einem jamaikanischen Restaurant um die Ecke. Leider hat auch das heute zu und muss also auf die Liste. Stattdessen holen wir uns leckere Deep Pan Pizza und essen sie zuhause mit einem Salat.

Der Tag endet mit Buch und Olympia, das letzte Drittel schaffe ich natürlich auch noch.

8. August

Heute beginnt unser Roadtrip so richtig. Nach einem frühen Frühstück packen wir unsere Rucksäcke und laufen eine knappe halbe Stunde zur Autovermietung in der Innenstadt. Mein Bruder lässt sich als zweiter Fahrer mit eintragen, denn in einer Woche treffen wir die beiden an der Westküste von Wales wieder. Dann verabschieden wir uns und der Hase und ich wagen uns in den Linksverkehr von Großbritanniens zweitgrößter Stadt. Nach einer knappen Viertelstunde hat das Navi dann auch erkannt, wo es ist und wir können relativ zügig die Autobahn gen Süden nehmen.

Kurz vor Wales halten wir an einer Tankstelle an, da das schlaue Auto uns auf einen unzureichenden Reifendruck im rechten Vorderreifen hinweist. Für 20p überprüft der Hase den Druck, pumpt den Reifen auf und wir bestätigen dem Auto, dass jetzt alle Reifen in Ordnung sind. In der Zwischenzeit lockt mich das Schild mit „Homemade Snacks“ und ich kaufe uns ein Cornish Pasty, eine Pork Pie und ein Scotch Egg. Letzteres wollte ich schon einige Zeit lang probieren, der Hase war wegen eines Fotos im Reiseführer scharf auf das Pasty und Pie geht ja sowieso immer. Wir fahren noch ein kleines Stück weiter und suchen uns dann einen Picknickplatz im Grünen.

Dann halten wir, schon in Wales, kurz in Monmouth und spazieren durchs Stadtzentrum, bevor wir durchs wunderschöne Wye-Tal zur Tintern Abbey fahren. Dort halten wir länger und ich mache diverse Fotos und erzähle dem Hasen von der Bedeutung dieser Ruine für die englische Romantik, Malerei und Tourismus-Industrie. Mein Professor für englische Literatur wäre stolz auf mich gewesen, auch wenn ich damals für das Referat zu einem hier entstandenen Wordsworth-Gedicht nur eine 3 bekommen habe…

Tintern Abbey


Weiter geht es nach Chepstow, an die Mündung des Severn, wo wir von weitem einen beeindruckenden Blick auf eine der beiden Brücken haben, die England und Wales hier „unten“ miteinander verbinden. Dann fahren wir weiter zu unserem heutigen Domizil, einem Guesthouse in Newport. Wir haben „Glück“: aufgrund einer Umleitung wird der gesamte Durchgangsverkehr an unserer Unterkunft vorbeigeleitet, deswegen brauchen wir zunächst einmal deutlich länger, um überhaupt hinzukommen und haben dann eben jenen Durchgangsverkehr direkt vor unserem Fenster. Abgesehen davon ist es im Guesthouse sehr schön – viktorianische Einrichtung, gemütliches Zimmer, Guest Lounge mit WLAN und Sofas und ein putziger Betreiber. Leider stellt sich dieser schnell als Leave-Befürworter heraus. Im Fenster hängt ein Aufruf, für den Brexit zu stimmen, an der Rezeption liegen Flugblätter mit einem unsäglich schlechten Schmähgedicht auf die EU und an der Pinnwand ein diffamierender Zeitungsartikel über den „betrunkenen Rüpel“ Jean-Claude Juncker.

Obwohl unsere Sympathien für den Betreiber sofort zurückgehen – wir können halt auch nicht aus unserer Haut – folgen wir seinem Tipp fürs Abendessen und gehen ins „The Pen and Wig“, ein Pub, das echtes englisches Ale serviert („und nicht diesen kohlensäurehaltigen Mist!“). Wir essen Fish and Chips und Cottage Pie und hinterher einen Apple Crumble mit Custard und trinken Bass Ale, Strongbow Dark Fruits Cider und ein zweites Ale mit Hopfenaromen von tropischen Früchten. Zurück im Guesthouse buche ich noch schnell zwei Hostels für die letzte Phase des Riadtrips und dann geht es, unterstützt von den gratis verteilten Ohropax, in die Heia.


9. August

Trotz Autos vor dem Fenster schlafen wir beide erstaunlich gut und auch das Full English Breakfast am Morgen sorgt für einen guten Start in den Tag. Ich nehme die vegetarische Version mit Tomate, Bohnen, Pilzen und Potatoe Cake zum pochierten Ei, der Hase wählt Rührei, Bacon und Würstchen mit Tomate und Bohnen, lässt aber die Blutwurst aus. Dazu gibt es Toast mit Marmelade, Orangensaft und für ihn Tee und für mich heiße Schokolade (immerhin Fairtrade!).

Wir packen unsere Sachen, verabschieden uns und fahren nach einem kurzen Blick auf die Newporter Transporter Bridge weiter nach Caerleon. Hier gibt es die Überreste einer alten römischen Stadt zu besichtigen, mit Amphitheater, Barracken und Bad. Gerade im Bad wird die Geschichte sehr schön und medial aufbereitet. Es gibt Projektionen von Wasser und Schwimmenden, Spuren von Hunden und Katzen in den Steinen, kurze Filme und Computerspiele zum Lernen und es riecht sogar ein wenig nach Sauna, finde ich.

Caerleon Roman Baths


Von Caerleon geht es dann direkt weiter nach Cardiff. Wir beziehen unser Hostel und laufen dann in die Innenstadt, wo wir einer Route unseres Lonely-Planet-Reiseführers folgen, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten komprimiert zu sehen. Es beginnt mit Gerichtshof, Rathaus und den Gorsedd Gardens. Dann geht es weiter zur Universität, durch deren Hauptgebäude wir auch laufen. Danach folgen die Alexandra Gardens, die Hochschule für Musik und Theater, der Bute Park samt Kanal, Steinkreis, Ruinen und gerade vorbereitetem Festival und das Schloss mit seiner Animal Wall. Auf der sitzen Steinfiguren von Bären, Robben, Löwen, Adlern, Ottern, Bibern und mehr, die angeblich nachts zum Leben erwachen. Lebendig genug sehen sie in jedem Fall aus. Durch eine Straße mit Clubs und Kneipen und vorbei am Millennium Rugby-Stadion geht es weiter zur Fußgängerzone. Dort müssen wir uns schwer zusammenreißen, nicht ins jamaikanische Restaurant zu gehen und betreten stattdessen die Hallen des Cardiff Markets. Hier kaufen wir fürs Abendessen Auberginen, Tomaten und Knoblauch sowie Brot und Pfirsiche ein, bewundern den Fischstand und snacken ein paar köstliche Welsh Cakes.

Dann laufen wir durch das alte, heruntergekommene, Hafenarbeiterviertel Bute Town zur Cardiff Bay, dem aufgemotzten ehemaligen Kohlehafen. Es gibt köstliches Eis (Honeycomb-Mango und Double Choc-Nut) mit Blick auf das Wasser, ein Riesenrad, eine norwegische Kirche, in der Roald Dahl getauft wurde und die heute vor allem als Galerie und Kulturzentrum dient und eine Doctor-Who-Experience. Da wir (noch) keine Fans des Doctors sind, laufen wir an der und den dazugehörigen Studios von BBC Wales relativ unbeeindruckt vorbei. Spannender finde ich das Gebäude des Waliser Parlaments, das mit geschwungenem, maritimen Holzdach und dunklen Steinen ebenso wie zwei Statuen von Minerva und Neptun, die wir in der Innenstadt gesehen haben, die zwei Säulen der (vergangenen) Waliser Wirtschaftsmacht – die Kohle und die Seefahrt – repräsentiert.

Cardiff Bay

Auf der Suche nach einer schöneren Route zurück zum Hostel laufen wir am Atlantic Wharf vorbei, einer riesigen Wasserfläche mitten in der Stadt voll mit Möwen, Enten und Kormoranen. Am Ufer wachsen Brombeerhecken (wie überhaupt überall, wo wir bisher waren) und wir essen die eine oder andere, während wir unsere klugerweise mitgeführte Tupperdose füllen.

Zurück im Hostel ist die Küche bereits relativ voll. Zum Glück hat noch niemand den Ofen in Beschlag genommen, so dass wir unsere Auberginen einfach in einer Auflaufform hineinschieben können. Die nächste gute halbe Stunde beschäftigen wir uns mit dem (langsamen) Internet. Dann backe ich das Brot auf, schneide die Tomaten und den Knoblauch klein, mache einen Tomatensalat, schäle und zerkleinere die Auberginen und mische sie mit Knoblauch sowie Öl und einer italienischen Würzmischung aus Hostel-Beständen und einem Spritzer Zitrone von einem Mitbewohner, der damit gerade sein Steak Tatar würzt.

Immer mehr macht sich (schon wieder!) eine Erkältung bei mir bemerkbar. Schon den ganzen Tag habe ich Halsschmerzen und die Nase läuft. Deswegen geht es nach dem Essen für mich direkt und warm eingepackt ins Bett – immerhin nach über 17 Kilometern zu Fuß heute!