Idee: Weltbürgertum – Das Refugee-Theaterprojekt Letter to the World

Dies ist nun einer der seltenen Momente, in denen dieser*s Blog einen eindeutigen Spannungsbogen hat (Insider-Witz für Frau Brüllen). Aufmerksame Leser werden sich erinnern, dass ich hier schon einmal über das Theaterstück geschrieben habe, das von Deutschen und Geflüchteten gemeinsam entwickelt wurde. Gestern hatten wir nun endlich die Gelegenheit, Letter to the World zu sehen, nachdem die Premiere vorgestern restlos ausverkauft war. (Ausverkauft heißt in diesem Fall, dass alle Plätze reserviert waren – der Eintritt war kostenlos, eine Spendenbox wurde aber aufgestellt.)

Die beiden bisherigen Vorstellungen fanden im Mensch Meier statt, einem Club an der Storkower Straße, in unmittelbarer Nähe zu der Flüchtlingsunterkunft, in der der Hase ab und zu aushilft. Der Club ist eine beliebte Anlaufstelle vor allem der jüngeren Geflüchteten und hat sich ihnen von Anfang an aktiv geöffnet. Unser Freund M., über den ich im oben verlinkten Post bereits geschrieben habe, verbringt ganz Berlin-typisch seine Wochenenden größtenteils (und schlaflos) dort. Sowohl er selbst  als auch der Chef des Mensch Meier gehören zu den Protagonisten von Letter to the World.

 

In diesem Stück arbeiten junge Syrier und Iraker ihre Erfahrungen mit den Bürgerkriegen in ihren Ländern, mit der Flucht und dem Ankommen hier in Deutschland auf. Es richtet sich hauptsächlich an ein deutsches Publikum, aber unter den Zuschauern waren auch viele Bewohner der Unterkünfte in der Nähe. Auf der Bühne wird Deutsch, Englisch und Arabisch gesprochen und gesungen. Für Arabisch und Deutsch gibt es jeweils eine Simultan-Übersetzung mit Einblendungen, das Englische wird vorausgesetzt, ist aber nicht so kompliziert, dass es der durchschnittlich gebildete Deutsche nicht verstehen würde.

Bevor es losging, wurden einige Ansagen gemacht: Zum Einen wurde darum gebeten, während der Vorstellung weder Fotos noch Videos zu machen und auch die Handys komplett auszustellen. Da ich nichts zu Schreiben zur Hand hatte, muss ich mich also beim Aufschreiben meiner Eindrücke auf mein Gedächtnis verlassen. Die andere wichtige Ankündigung war der Hinweis auf die drei Notausgänge, die genutzt werden konnten, wenn einem das Ganze zu sehr zu Herzen ginge. Ein paar der (geflüchteten?) Zuschauer haben im Laufe des Stücks diese Möglichkeit genutzt, aber ich denke, dass Durchschnittsdeutsche ohne direkte Erfahrungen mit Krieg, Terror oder dem gewaltsamen Tod von nahestehenden Personen das Stück gut aushalten können. Die eine oder andere Träne wird sicherlich trotzdem verdrückt, aber es gibt auch immer wieder Momente zum Freuen und ein sehr optimistisches, lebensbejahendes Ende.

Das Szenenbild ist sehr spartanisch gehalten – eine weiße Wand, ein paar offene schwarze Kisten und eine Rolle leeres Papier schaffen den Hintergrund und werden mit Kreide und Farbe in die Handlung und Aussagen mit einbezogen. Die Kisten werden Szene für Szene neu angeordnet und mal als Sitzgelegenheit, mal als Mauer, Ruine, Boot, Rednerpult oder Sarg verwendet – und stehen sicherlich auch als Symbol für den stetigen Neuanfang und das sich immer wieder neu Sortieren oder gar neu Erfinden müssen.

 

Neben den eigenen (oder zusammen geschriebenen) Erfahrungen der Protagonisten werden auch Texte von Ghayath Almadhoun, Hannah Arendt, Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Dietrich Bonhoeffer, Hilde Domin, Erich Kästner, Klaus Mann, Selma Meerbaum-Eisinger, William Shakespeare und Kurt Tucholsky in die Handlung eingewoben. Dass das so nahtlos geht, macht deutlich, dass Krieg, Terror, Flucht und Vertreibung universelle Erfahrungen sind, die jedem Menschen „passieren“ können und dass wir hier in Deutschland im Moment einfach nur verdammtes Glück haben, dass wir diesmal nicht betroffen sind.

Warum es nun gerade Syrien (und den Irak) trifft, ist eine unbeantwortete Frage, die immer wieder aufgeworfen wird: Warum ausgerechnet unser Land, warum ausgerechnet wir? Warum müssen wir auf einmal Flüchtlinge sein? Warum lebt ein 14-jähriger allein in der Fremde, ohne seine Familie? Es ist ungerecht, wahllos, zufällig. Dass dieses Geschehen eine Zäsur ist, dass das alte Leben endet und ein neues beginnt, wird immer wieder betont. Der Körper ist auf der Flucht, während Herz, Gedanken und Seele in der Heimat bleiben. Eine Heimat, in die man so schnell wie möglich zurückkehren will, weil man sie nun einmal liebt und sie Teil von einem Selbst ist.

Die Unsinnigkeit der ganzen Situation wird zum Beispiel deutlich, als die Geschichte eines Anwalts erzählt wird, vor dessen Haus Männer in „afghanischer Kleidung“ und langen Bärten auftauchen, die ihn für einen Beamten gleichen Namens halten. Er zeigt ihnen Papiere, die beweisen, dass er nicht Beamter, sondern Anwalt ist. Allerdings können die Männer nicht lesen. Sie durchsuchen das ganze Haus nach Beweisen und nehmen ihn schließlich mit, während Frau und Kinder zurück bleiben. Eine Odyssee beginnt, weil diejenigen mit den Waffen in der Hand nicht lesen können.

Das Stück beleuchtet diverse Aspekte der Flüchtlingserfahrung und lässt die Zuschauer ganz nah teilhaben, etwa dabei, wie es ist, nachts im Dunkeln in einem Schlauchboot auf dem Meer zu sein und zu glauben, dass der eigene Tod nahe ist. Die Erleichterung, als die türkische Küstenwache auftaucht, wird hautnah miterlebt. Doch diese Rettung ist nur eine kurze Erleichterung, eine Etappe auf der „Todesreise“.

Was man über die Flüchtlinge liest, oder sich vorstellt, wird mit der Realität abgeglichen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich gemacht, dass man ihr Schicksal eben nicht nachempfinden kann: Auch die Protagonisten selbst haben einmal wie wir ungläubig die Schicksale anderer Geflüchteter verfolgt, in dem Glauben, ihnen selbst könne das nie passieren. Niemand weiß, wie das ist, bis man es nicht selbst erlebt hat.

Eigentlich traurig, denke ich, dass das Stück immer mal wieder den Zeigefinger heben und Missverständnisse aufklären muss. Wie so oft ist es Sache der Opfer, zusätzlich zum Ertragen ihrer misslichen Situation auch noch Aufklärungsarbeit leisten zu müssen und uns, die wir frei von ihren Sorgen sind, diese Aufgabe abzunehmen. Aber gerade weil das Stück genau diese Aufklärung schafft, und zwar ohne dabei allzu belehrend und anklagend zu werden, waren wir uns hinterher einig, dass noch viel mehr Leute die Gelegenheit bekommen sollten, es zu sehen. Wenn es nach mir ginge, sollte es Pflichtveranstaltung an Schulen werden und durch Aufführungen auf diversen Bühnen einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Einige weitere Vorstellungen sind wohl auch bereits in Planung.

Am Ende von Letter to the World hat man jeden der Protagonisten etwas besser kennengelernt, versteht die Vielzahl der Schicksale und eben auch, wie ähnlich wir uns eigentlich sind. Ganz zum Schluss erlebt das Publikum dann, wie aus der tiefsten Verzweiflung und Trauer Hoffnung und gar Euphorie werden kann, wenn wir uns alle als Menschen begreifen, die zusammen in einem Boot sitzen. Die letzten Tränen sind Freudentränen.

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Die sorbische Reconquista

Seit drei Wochen lerne ich nun (wieder) Sorbisch und da ich sowohl auf Twitter als auch im echten Leben schon gefragt wurde, warum ich das tue, die Antwort aber nicht in 140 Zeichen oder einen Satz passt, habe ich mir gedacht, ich blogge einfach darüber.

Tatsächlich gibt es auf diese Frage drei sehr verschiedene Antworten – eine linguistische, eine persönliche und eine politische.

 

Die linguistische Antwort

Die oberflächlichste ist, dass ich gerne Sprachen lerne, relativ sprachbegabt bin und schon des Öfteren einmal „einfach so“ angefangen habe, Sprachen zu lernen. Zu Schulzeiten war das Niederländisch, während der Uni Schwedisch und jetzt im Arbeitsleben Spanisch. Englisch und Französisch gab es in der Schule gratis dazu und Italienisch ergab sich durch Urlaub, familiäre Beziehungen und schließlich die Liebe. Vielleicht war es, da in Liebesdingen nun seit über 3,5 Jahren wieder Deutsch gesprochen wird, einfach Zeit für eine neue Herausforderung für meine innere Linguistin?

Allerdings musste ich bisher feststellen, dass Erfolgserlebnisse anders als bei den germanischen und romanischen Sprachen beim Sorbisch lernen leider deutlich seltener gesät sind. Das Sorbische hat drei Geschlechter und sieben Fälle, in denen Substantive und Adjektive dekliniert werden müssen. Hinzu kommt neben dem Singular und dem Plural auch noch der Dual und für manche Wörter gibt es evangelische und katholische Übersetzungen sowie weitere regionale Varianten, etwa für (völlig überraschend) die Kartoffel, die bei evangelischen Sorben běrna, bei katholischen Sorben nepl und bei den Sorben rund um Schleife kulka heißt.

Zwischen all den Endungen und Konsonantenwechseln fallen die Konjugationen der Verben dann ja kaum noch ins Gewicht, aber all das will erstmal im Kopf ankommen und verarbeitet werden und sollte ich diesen Zustand irgendwann einmal erreicht haben, dann war das ja auch erst die Gegenwart. Ich gehe mal davon aus, dass mich später noch diverse Zeitformen und Modi ereilen werden. Heidewitzka, bzw. owowow und ajajaj! 🙂

Jedenfalls muss man sich diesen grammatikalischen Grundstock erst einmal zurechtzimmern, bevor man ganz entspannt Konversation betreiben oder Texte lesen kann und das ist, wie ich höre, wohl bei allen slawischen Sprachen so. Allerdings wurde mir heute auch gesagt, dass es beim Englischen z.B. ja so sei, dass es immer schwerer wird, je länger man es lernt (Kann ich bestätigen: Selbst wenn ich persönlich da inzwischen sämtliche grammatischen Hürden genommen habe und im Schlaf anwenden kann, lerne ich doch in der täglichen Arbeit immer noch komplizierte Redewendungen und x-silbige juristische Begriffe hinzu.) Beim Sorbischen hingegen (oder invece, wie der Italiener sagt), gäbe es erst einen steilen Berg (obersorbisch hora) zu erklimmen, bevor es dann angeblich leichter würde. Im Moment jedenfalls befinde ich mich noch ganz am Fuß dieses Berges und wenn ich nicht noch andere Motivationen als das linguistische Interesse hätte, würde ich meine Zeit vermutlich eher für die Vervollkommnung anderer angefangener Sprachen verwenden.

 

Die persönliche Antwort

Zum Glück gibt es ja aber noch andere Motivationen. Ich bin in der (Ober-)Lausitz aufgewachsen und mütterlicherseits zu einem Sechzehntel Sorbin. Meine Oma hat in ihrem Elternhaus noch Sorbisch gesprochen, meine Mutter und ihre Geschwister haben es nur noch in der Schule gelernt. Bei meinem Bruder und mir blieb dann nur noch etwas Grundschulsorbisch übrig, auch weil es später auf dem Gymnasium nicht angeboten wurde (wobei es in Bautzen auch ein Sorbisches Gymnasium gibt, auf das jetzt zumindest meine Cousine geht). Nun kann man sich vorstellen, dass Sorbisch-Unterricht in der 4. Klasse nicht besonders effektiv ist. In der ersten Klasse war ich mit der Lehrerin allein, weil niemand sonst in meiner Klasse Sorbisch lernen wollte. Die anderen hatten also nach der 4. Stunde Schluss, während ich noch mit der Lehrerin im Lehrerzimmer hockte. Ein paar Vokabeln habe ich da durchaus mitbekommen, aber noch nicht wirklich etwas von Grammatik, darauf war das Lehrbuch bei Erstklässlern gar nicht ausgelegt.

In der zweiten bis vierten Klasse gab es dann jahrgangsübergreifenden Sorbischunterricht, so dass wir irgendwann, meine ich, zu viert und später sogar zu fünft oder sechst waren – aber eben auf völlig unterschiedlichen Lernniveaus und mit den neuen Erstklässlern waren auch immer Kinder dabei, die noch nicht lesen konnten. Dafür haben wir relativ viel über die sorbische Kultur gelernt, durften Sprachspiele in der sorbischen Kinderzeitschrift Płomjo machen und Ausflüge zu sorbischen Veranstaltungen machen. Ich erinnere mich, in der 4. Klasse auf einem Kulturfestival (?) in Radibor ein Gedicht vorgetragen zu haben, dessen Inhalt mir kaum bekannt war. Aber ich konnte es auswendig und bestimmt war meine Aussprache total super.

Auch wenn sprachlich also nicht allzu viel bei rumkam, wurde ich so doch zumindest ein wenig für die sorbische Kultur und Geschichte sensibilisiert und war stolz auf die Zweisprachigkeit meiner Region. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, über Sorben zu lästern oder ihnen zu unterstellen, sie sprächen nur Sorbisch, um nicht verstanden zu werden – solche Vorurteile hörte ich mitunter durchaus von Deutschen. Meine Eltern waren außerdem mit zwei sorbischen Familien (bzw. einer sorbischen und einer sorbisch-kirgisischen) befreundet, so dass ich auch ab und an mal Alltagssorbisch hören konnte, was in der Lausitz trotz offizieller Zweisprachigkeit nicht so oft vorkommt, es sei denn man hält sich in den entsprechenden sorbischen Dörfern oder im Umfeld von sorbischen Schulen auf. In Bautzen auf der Straße hörte ich eigentlich fast immer Deutsch.

Ich fand es immer ein wenig schade, dass dieser Aspekt meiner Familiengeschichte ein wenig untergegangen war. Besonders bewusst wurde mir das, als letztes Jahr meine Oma starb, nachdem sie in den letzten Jahren immer dementer geworden war. Im Alter werden ja die Kindheitserinnerungen wieder präsenter und gerade demente Menschen wechseln ja in ihrem Bewusstsein relativ unverhofft zwischen ihren verschiedenen Lebensphasen hin und her. Meine Oma begann jedenfalls in ihren letzten Tagen, immer öfter Dinge auf Sorbisch zu sagen und niemand verstand sie. Meine Tante hat dann das „Gedicht“, dass meine Oma deklamierte mit dem Handy aufgenommen und dem (sorbischen) Pfarrer der Kirchengemeinde vorgespielt. Der identifizierte es sofort als das Vater Unser und kurz danach stellte er fest, dass meine Oma einen sorbischen Dialekt sprach, den er schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte – in unserem Dorf und der Umgebung ist das Sorbische nämlich wirklich so gut wie ausgestorben. Auch ich habe meine Oma nie Sorbisch reden hören.

Auf ihrer Beerdigung wurde das Vater Unser dann jedenfalls auf Sorbisch gebetet. Ich selbst bin Atheistin und lese normalerweise nur still mit. Den deutschen (und englischen) Text kenne ich trotzdem auswendig. Vom Sorbischen erkannte ich genau ein Wort: Amen. OK, nach näherem Nachdenken kam mir auch noch naš (unser) bekannt vor und der Hase, der in der Schule Russisch hatte, erkannte chlěb (Brot).

Edit: Jetzt mit der korrekten evangelischen Fassung, die ursprüngliche aus der Wikipedia kopierte war katholisch und kann hier nachgelesen werden (wo die evangelische Fassung inzwischen auch ergänzt wurde).

Wótče naš, kiž sy w njebjesach.
Swjećene budź twoje mjeno.
Přińdź k nam twoje kralestwo.
Twoja wola so stań
kaž na njebju, tak tež na zemi.
Naš wšědny chlěb daj nam dźensa.

A wodaj nam naše winy,
jako my wodawamy našim winikam.
A njewjedź nas do spytowanja,
ale wumóž nas wot złeho.
Přetož twoje je kralestwo a móc
a česć hač do wěčnosće.
Hamjeń.

Irgendwie machte es mich traurig, dass meine Oma die Sprache ihrer Kindheit scheinbar verlernt hatte, oder sie zumindest nicht an ihre Kinder und Enkel weitergeben wollte. In den Wochen und Monaten vor und nach ihrem Tod habe ich versucht, möglichst viel von ihr in meinem Alltag wieder präsent zu machen. Ich habe die Schafwollsocken herausgeholt, die sie uns immer gestrickt hat und trage sie nun jede Nacht. Und ich habe gekocht – Quarkkeulchen und Pflaumenknödel. Aber das ist die Oma meiner Kindheit, die die Deutsch sprach. Ans Sorbische ihrer Kindheit habe ich mich erstmal noch nicht wieder herangewagt.

 

3. Die politische Antwort

Das kam erst, als ein Bekannter über Twitter einen privaten Sorbischkurs hier in Berlin initiierte und ich mich spontan anschloss. Da kamen neben dem linguistischen und persönlichen Interesse sowie der einfach guten, unkomplizierten Gelegenheit noch eine politische Motivation hinzu. Die Lausitz hat sich ja in den letzten Wochen nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Bisher kam ich im gesamtdeutschen Zusammenhang ja immer noch ganz gut damit weg, dass ich eben aus der Lausitz komme und nicht aus Sachsen (ein Gefühl, dass ich seit frühester Kindheit habe, während viele meiner Bautz’ner Freunde sich als Sachsen sehen – evtl. ist das auch das sorbische Erbe in mir?). Als dann aber ausgerechnet in Bautzen ein zukünftiges Asylbewerberheim angezündet und auf lange Zeit unbrauchbar gemacht wurde, während der braune Mob das bejubelte und teilweise sogar die Polizei bei den Löscharbeiten behinderte, da war es aus mit der schönen Herausrederei. Was hilft es, sich auf die schöne, zweisprachige Heimat zu berufen, wenn man die zweite Sprache nicht spricht? Völlig abgesehen, dass auch zwischen Sorben und Deutschen bei weitem nicht alles so in Ordnung ist, wie es mein Sorbischbuch aus DDR-Zeiten suggerierte und die Touristenbroschüren verbreiten.

Je brauner die Heimat wurde, desto schwieriger fiel es mir in den letzten Jahren, mich mit mir zu identifizieren (zumal ich ja auch noch einige andere Heimat-Anwärter in meiner Biographie mir mir herumtrage, in einem davon wohne ich sogar). Und um so trötzer (um mal Olaf Schubert zu zitieren) wollte ich die Zweisprachigkeit, die Bikulturalität dieser Heimat betonen. Dem braunen Mob nicht das Feld überlassen. (Was nicht heißen soll, dass nicht auch Sorben etwas gegen Geflüchtete haben können…)

Also nun: Sorbisch lernen gegen deutschen Einheitsbrei, für Rückbesinnung auf die eigene Geschichte und auf das relative Zusammenleben verschiedener Kulturen. Die Motivation meiner Mitlernenden und des so idealistisch und ehrenamtlich Lehrenden ist ähnlich, politisch und humoristisch liegen wir auf einer Wellenlänge. So entstehen zum Üben so schöne Sätze wie „Ich gebe der Katze mit der Hand Suppe.“ oder „Ich spreche wegen der grünen Flasche mit dem Frosch.“ oder „Der Pfarrer schlägt die beiden sorbischen Frauen mit der Rute.“ Nunja…

 

Besonders schön ist neben dem Lernen dann auch das ganze Geplänkel drumherum. Die sorbische Community ist klein, im Grunde kennt jeder jeden und so höre ich vieles über die Hintergründe des sorbischen Medien- und Kulturbetriebs. Zudem gibt es ganz nebenbei Lektionen in sorbischer Geschichte und Literatur (wir befinden uns mit unserem privaten Sorbischzirkel in sehr guter Tradition), zur Sprachpolitik, zu Germanismen im Sorbischen (z.B. farar, der Pfarrer) und Bezüge zu anderen slawischen und/oder Minderheitensprachen. Und dazu die Lausitzer Sprachfärbung, die jeden dieser Abende zu einem kleinen Heimaturlaub macht (und mit Sächsisch zum Glück nicht allzu viel zu tun hat).

Heute haben wir das Ganze dann noch mit sorbischer Osterdekoration und dem sorbischen „Nationalgericht“ (Quark mit Leinöl und Pellkartoffeln) auf die Spitze getrieben. Dabei wurden zwei Bio-Leinöle verkostet – eins aus dem Spreewald und eins aus einer Kreuzberger Ölmühle. Unser Lehrer erzählte dann noch vom hohen Leinölverbrauch bei ihm zuhause, was mich wieder einmal ermunterte, noch viel mehr Rezepte mit Leinöl auszuprobieren – ein passendes Kochbuch dafür habe ich schon.

Und wenn dann alle, die es verlernt haben, wieder Sorbisch können und die deutschen Lausitzer in der Zwischenzeit alle ausgewandert oder weggestorben sind, dann, ja dann holen wir uns die Łužica zurück und teilen sie gerne mit Geflüchteten aus aller Welt – Platz genug ist ja.

#12von12 im März 2016

12 Bilder vom 12., diesmal sämtlich aus den eigenen vier Wänden. Den Rest gibt es wie immer hier.

 

Ich wache früher auf als der Hase und bin in seiner Umarmung auch etwas bewegungseingeschränkt. Aber es reicht, um zum Handy zu greifen, das Internet leer zu lesen und dieses Foto zu machen.

  
Ich habe mal wieder Lust auf diesen Schwarztee mit Mango. Den haben mir meine Eltern ursprünglich mal aus Malaysia mitgebracht – inzwischen habe ich ihn natürlich schon mehrfach nachbestellt.

 

Auf dem Tisch sammeln sich Blumen – rechts der Frauentagsstrauß, den der Hase mir geschenkt hat, links die Lilien, die er für sich selbst gekauft hat.

 Frühstück für Zwei…
  
…oder Drei?

  
Später dann ausgiebiges Couchen – eigentlich wollte ich ganz viel schaffen, aber dann sagte mein Körper „Nein!“ und ich entschied mich, auf ihn zu hören.

  
Nachmittags bringt der Hase Kuchen mit – deutsche Spritzringe und italienische Patisserie aus dem Café um die Ecke.

  
So gestärkt klappten die Sorbisch-Hausaufgaben gleich nochmal so gut – nur mit dem Instrumental habe ich noch Probleme, also schreibt am besten nicht ab!

  
Ich nutze die Gelegenheit, endlich die zweite Staffel Transparent zu gucken.

  
Die Mieze findet Ihre Schattenspiele spannender.

 

Zum Late-Night-Snack gönne ich mir eine übrig gebliebene Kartoffel und einige Scamorzette.

 Und dann geht es früh ins Bett.

Tagebuch-5 im März – Syrisches Festmahl-Edition

Es ist der 5. und Frau Brüllen fragt wie jeden Monat: WMDEDGT? Das gibt mir Gelegenheit zu einem sanften Wiedereinstieg in die zuletzt so sträflich vernachlässigte Bloggerei. Zumal ich heute sogar noch etwas Spannendes erlebt habe. Aber first things first…

Gegen 9 wachen der Hase und ich auf, aber das Bett ist wahnsinnig gemütlich, der Hunger noch nicht so groß und das Internet spannend, so dass wir tatsächlich erst gegen 11 den Weg in die Vertikale finden (abgesehen von einer kurzen Episode Katzenfütterei natürlich). Dann gibt es ein relativ unspektakuläres Frühstück mit Cappuccino, Brot, Käse, Marmelade und Obst, gefolgt von einer fleißigen Runde Haushaltszeugs. Der Hase saugt, bringt Müll weg und kauft Katzenfutter und Katzenstreu. Ich wasche jede Menge Geschirr (was so diese stressige Woche über anfiel, so schön, dass wir ab Montag wieder eine Spülmaschine haben…), wische Bad und Küche und räume ein wenig auf.

Dann schnappen wir uns ein paar aussortierte Klamotten, DVDs und CDs und machen uns auf den Weg in das Flüchtlingsheim, in dem der Hase in den letzten Monaten oft ausgeholfen hat. Er wird von allen Seiten freudig begrüßt, während es mein erster Besuch dort ist. Wir unterhalten uns mit verschiedenen Leuten im Aufenthaltsraum. Ein älterer Mann aus Syrien entschuldigt sich bei mir, weil er mir aufgrund seiner Religion nicht die Hand gibt und nicht möchte, dass ich das in den falschen Hals bekomme. Ein junger Bekannter von ihm zeigt uns Fotos aus seiner Heimatstadt Aleppo (sein Haus ist zwar bisher nicht zerstört, aber Aleppo existiert für ihn nicht mehr wirklich – alles ist kaputt und sieht aus wie Deutschland nach dem Krieg, sagt er) und berichtet von der drei Monate dauernden Flucht über die so genannte Balkanroute. Ein Pakistani bittet uns um Mithilfe bei der Suche nach einem Deutschkurs – er hat ein Arbeitsangebot, soll aber erst seine Sprachkenntnisse verbessern. Der ältere Mann bleibt übrigens der Einzige, der mir nicht die Hand gibt. 

Wir beobachten eine Horde Kinder beim wilden Spielen und Schokolade erbetteln in der Küche und warten auf unseren Freund M. aus Damaskus. Mit ihm und seiner Familie sind wir heute zum Essen verabredet. M. hat Glück. Er hat eine Aufenthaltsgenehmigung, besucht einen Integrationskurs und ist vor ein paar Wochen mit seinem Vater und seinem Bruder in eine eigene Wohnung gezogen. Seine Mutter und Schwester sind noch in Damaskus und bisher ist nicht klar, ob und wann sie nachkommen können.

M. hat letzte Nacht nicht geschlafen – er war in einem Club tanzen, wo sie Techno spielen und Geflüchtete verbilligt hineinkommen. Eine typische Freitagnacht in Berlin eigentlich, für einen Anfang-20-jährigen. Heute morgen ist er von dort direkt zur Probe eines Theaterstücks, an dem Deutsche und Refugees zusammen arbeiten und das zu Ostern Premiere haben wird, gegangen. Danach trifft er uns und gemeinsam fahren wir nun nach Neukölln, wo die – im Moment noch nur – dreiköpfige Familie in einer 2-Zimmer-Wohnung wohnt. M.s Vater G. hat uns zum Essen eingeladen, zum Dank für die Hilfe, die der Hase zusammen mit anderen beim Beziehen und Einrichten der Wohnung geleistet hat. Ich erkenne in der Wohnung einiges wieder – ein alter Couchtisch, ein Fernseher, ein DVBT-Receiver, ein Wäscheständer, Biergläser, eine Auflaufform… Lauter Zeug, das sinnlos bei uns rumstand und verstaubte. Hier hat es nun einen guten Platz gefunden. Auch sonst ist die Wohnung liebevoll eingerichtet – Blumen stehen in einer Vase, eine schöne Tischdecke liegt auf dem Esstisch, ein Heiligenbild hängt an der Wand – die Familie ist christlich und wenn man nach ihren Facebook-Profilen  geht auch sehr religiös.

Während G. die letzten Handgriffe in der Küche tut, M. unter der Dusche verschwindet und der Hase zusammen mit T. versucht, die auf eBay ersteigerte PlayStation zum Laufen zu kriegen, schaue ich mich noch weiter in der Wohnung um, mache Fotos von interessanten Zetteln an der Wand und stelle mir vor, wie es ist, in einem Land gestrandet zu sein, dessen Sprache man nicht spricht.

Dann gibt es Essen und was G. auftafelt ist wirklich fantastisch. Ich glaube, gerade weil wir alle Gerichte auch aus hiesigen Restaurants und Imbissen kennen, fällt uns auf, wie großartig sie selbst- und nach authentischen Rezepten gemacht schmecken. Es gibt Tabouleh, Hummus, Pide, Kibbeh und Weinblätter, die mit Reis und Hackfleisch gefüllt sind und warm serviert werden. G. hat auch einige vegetarische Weinblätter gemacht – für mich und ihn, die wir beide nicht so oft Fleisch essen. Er selbst verzichtet im Moment wegen der Fastenzeit völlig. Auch der von uns mitgebrachte Wein bleibt für heute unangerührt.


  

G. ist ein wundervoller Gastgeber, der ständig in die Küche eilt und Nachschub holt und uns auffordert, immer mehr und noch mehr zu essen, während seine Söhne lachend mit den Augen rollen. Aber sie stopfen sich genau wie wir den Wanst voll und geben mit den Kochkünsten ihres Vaters an – „Das Beste vom Besten für die Besten.“. Ich finde interessant, dass die nicht nur den Hummus auf das Brot streichen, sondern auch alle Komponenten in Brot einrollen oder das Brot wie beim Äthiopier als Besteck benutzen. Zwischendurch wird auch eine Gabel benutzt, es scheint da keine genauen Regeln zu geben oder zumindest bleiben sie mir verborgen. 

Obwohl ich sehr neugierig bin, stelle ich keine Fragen, denn wir haben leider nur sehr wenig Zeit – die Jungs und der Hase sind zum Wrestling gucken im Huxley’s verabredet. Als wir uns anziehen, fällt M. mein Hoodie auf, auf dem „Revolution“ und „The Beatles“ steht. Ich bekomme ein Kompliment dafür, aber auch die Frage, was das ist. Die Beatles kennt er nicht. G. hingegen freut sich über die zwei mitgebrachten Beatles-CDs, die wir zuhause doppelt hatten und fühlt sich an seine Jugend erinnert. Wir laden alle drei für demnächst zu einem Essen bei uns ein und machen uns auf den Weg.

Am Hermannplatz ist ordentlich Trubel und M. beschwert sich über die „vielen Araber“ hier. Vor dem Huxley’s treffen wir den Rest der Wrestling-Meute und unterhalten uns noch, bis der Einlass beginnt. Dann nehme ich die U-Bahn zum Alex und von dort die Tram nach Hause. In der Tram treffe ich zufällig auf eine Freundin, mit der ich über M., T. und G., einen Sushi-Geheimtipp bei uns im Kiez und ihren Sunday-Dinner-Club plaudere.

Zuhause angekommen füttere ich die Katzen und beziehe, da meine Abendverabredung wegen Migräne abgesagt hat, Stellung auf der Couch. Die aktuellen Folgen von Girls, Call The Midwife, New Girl und Modern Family wollen geguckt werden. Die gesättigten Katzen nehmen dabei auf und neben mir Platz und laden ihre Gekuschelt-werden-Akkus auf, die in der letzten Woche gefährlich leer geworden sind. Ich tippe diesen Blog-Eintrag mit einer Mieze auf meinem Unterarm, die zwischendurch auch selber tippt und auch schon mal den Bildschirm um 90° dreht. Zeit, den Blogpost abzuschließen, den Brot-Teig für morgen anzusetzen und noch einen Film bei Netflix auszusuchen…

 

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Ein mexikanisches Namensmenü zum Geburtstag der besten Freundin

Heute hat meine beste Freundin Geburtstag – an dieser Stelle nochmal die allerherzlichsten Glückwünsche von Kiez zu Kiez! Nun halte ich ja eigentlich gar nicht so viel vom Konzept „beste Freundin“ und sicherlich versteht auch jede(r) etwas anderes darunter. Ich habe mich aber irgendwann einmal der Einfachheit halber dazu durchgerungen, sie als meine beste Freundin zu bezeichnen. Ich habe zwar noch einige andere wirklich gute Freunde und Freundinnen, aber sie ist nun mal „am längsten dabei“ und älteste Freundin klingt irgendwie quatschig, zumal sie sogar jünger ist als ich. Theoretisch sind wir seit ihrer Geburt befreundet, denn unsere Eltern kannten sich bereits lange vor meiner. Praktisch müssen wir schon etwas älter gewesen sein, denn obwohl niemand mehr genau weiß. wann wir uns das erste Mal begegnet sind (damals wohnten wir nicht in der selben Stadt), erzählt meine Ma jedes Mal, wenn das Gespräch darauf kommt, wie wir uns sofort angestrahlt haben und dann für Ewigkeiten im Kinderzimmer verschwanden und gespielt haben – völlig ohne jegliches Fremdeln.

 

Von da an waren wir immer unzertrennlich, wenn wir uns sahen, was leider nicht so besonders oft war – die Entfernung. Ich erinnere mich aber noch an die stundenlangen Spiele, mit und ohne Verkleidung und unsere völlig zugemöhlten Kinderzimmer. Später kamen die Computerspiele hinzu (Monkey Island 3 bis tief in die Nacht!) und die Musik – erst die Beatles, dann die Kellys, sehr viel später dann Indie Rock. Mit 15 bzw. 16 fuhren wir gemeinsam auf Sprachreise nach England und erlebten drei Wochen lang eine typische Teenie-Alltagsfreundschaft (sie kam mit einem Bauchnabelpiercing zurück ;)). Danach verloren sich unsere Wege ein wenig – Auslandsjahr für sie, Studium in verschiedenen Städten… Aber das konnte unserer Freundschaft nichts anhaben. Seit etwas über zwei Jahren wohnen wir nun endlich, endlich gleichzeitig in Berlin und können uns dadurch deutlich öfter sehen als früher – inzwischen oft auch mit den dazugehörigen Männern und ihrem kleinen Sohn.

 

Genau so ein Treffen gab es letztes Wochenende, als ich endlich mein Geschenkversprechen zu ihrem Geburtstag von vor zwei Jahren einlöste – ein mexikanisches Namensmenü. Sie hat ein paar Monate in Mexiko gelebt und ich wollte schon immer mal eine Mole kochen. Der besondere Kick beim Namensmenü: Die Anfangsbuchstaben der verschiedenen Komponenten ergeben zusammen den Namen der besten Freundin – eine kleine Spielerei, die ich vor Jahren im Chefkoch-Forum aufgeschnappt, bis jetzt aber erst zweimal zur Anwendung gebracht habe.

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Mexikanisches Namensmenü für die beste Freundin

Wir begannen stilecht mit Nachos, die wir der Einfachheit halber gekauft haben. Irgendwann möchte ich mal Tortillas selbst backen und daraus dann unter anderem Nachos machen, das hat aber dieses Mal aus Zeitgründen nicht geklappt. Zum Dippen gab es ganz klassisch Guacamole und Tomaten-Salsa (letztere ein Beitrag des Liebsten der besten Freundin).

 

Als nächstes folgte ein Orangensalat aus filetierten Blutorangen, Zwiebeln, Minze, Salz, Cayenne-Pfeffer und Olivenöl. Dieser Salat war mit ein Grund dafür, warum die Einlösung des Geschenks so lange gedauert hat – wir haben es zweimal einfach nicht während der Orangensaison geschafft!

 

Als „Sättigungsbeilage“ gab es eine Reispfanne mit Kidneybohnen, Mais und Paprika.

 

Mein Highlight des Abends war die Mole mit Hähnchen. Dafür wurde Hähnchenbrust geschnetzelt und scharf angebraten und beiseite gestellt. Dann wanderten Zwiebeln, Knoblauch und Scotch Bonnet-Chili in die heiße Pfanne und wurden nach dem Anschwitzen mit Gemüsebrühe abgelöscht. Als nächstes ließ ich eine Tafel Zartbitterschokolade Stück für Stück in der Brühe zergehen. Diese Mischung kam in einen hohen Becher, gemeinsam mit gemörsertem Sesam, Koriandersamen, Cumin und Nelken, gemahlenen Mandeln, zwei Esslöffeln Erdnussbutter und zwei klein gerissenen Mais-Tortillas (ebenfalls gekauft). Diese Mischung wurde dann fein püriert und zurück in die Pfanne gegossen, wo inzwischen die Hähnchenschnetzel wieder Platz genommen hatten. Sie durften noch ein wenig durchgaren, und die Mole aufkochen, dann wurde mit Salz und Cayenne-Pfeffer abgeschmeckt und serviert.

 

Wir schlugen uns zu viert (Der Kleine war nach einem kalten Abendbrot schon lange im Bett verschwunden, es hätte ihm aber auch wirklich nichts von all dem geschmeckt…) die Bäuche voll und hielten uns an keinerlei Menüregeln. Authentisch mexikanisch wurde einfach drauflos gemischt und hier und da gekostet und auf Nachos und Tortillas alles immer wieder neu kombiniert. Erst als wir die Segel streckten (und auch alles bis auf den Reis aufgegessen hatten), servierte ich den herrlich leichten, fruchtigen Nachtisch, das Ananas-Carpaccio mit einem Mandel-Minz-Pesto

 

Wir waren wirklich alle sehr angetan von diesem Festmahl und ich habe mich besonders darüber gefreut, wie gut die Mole gelungen ist. Auch alle anderen Komponenten, die ich im Gegensatz zur Mole sehr stark improvisiert hatte, gelangen sehr gut und passten wunderbar zusammen. Und so ein bisschen sonnig-tropische Küche kann in einem grauen Berliner Winter sowieso nur gut tun und wird hiermit ausdrücklich zur Nachahmung empfohlen!

#12von12 im Januar 2016

Nachdem es hier die letzten Tage über sehr schläfrig zuging (sowohl im Blog als auch im wahren Leben), nutze ich Caros Aufruf, zwölf Bilder von meinem 12. zu machen, um wieder ein bisschen Schwung in die Bude zu kriegen (also in den Blog, im Real Life wechsle ich gleich von der Couch in die Wanne und dann ins Bett – Winterschlafzeit, nehme ich an).

Nimbin wartet, dass ich endlich meine Meditation beende und ihm sein Frühstück gebe
Zum Frühstück mische ich mir Haferflocken, Sonnenblumenkerne, Lein- und Chiasamen, Sesam, Ahornsirupflocken und frisch gemahlene(n) Vanille und Zimt. Im Büro kommen später noch Milch und Banane hinzu.
Regen auf Hagebutten vor Schneematsch auf dem Weg zur Tram
Im Büro ist der Fahrstuhl kaputt und ich muss die Treppe in den 5. Stock nehmen
Der Kollege wird Zwillingspapa und schmeißt deswegen ne Runde Donuts
Beim Mittagsdate mit dem Hasen treffen wir zufällig den Sauerteig-Meister @leitmedium und fachsimpeln ein wenig. Hier ist er schon wieder weg.
Für mich gibt es gedünstetes Gemüse mit Mangosauce und Reis
Feierabend, es ist dunkel und regnerisch – ich nehme die U-Bahn
Ich steige am Alex von der U-Bahn in die Tram und winke dem Fernsehturm zu
Zuhause angekommen hänge ich erstmal die Wäsche auf, bzw. baue eine Burg für Noosa.
Zum Abendbrot gibt es Reste: Einen Schluck Rote-Bete-Suppe mit gerösteten Semmelbröseln und Pizza von gestern mit Rucola

Blutorangenrisotto

Auf dem Heimweg aus dem Büro fragte ich den Hasen per WhatsApp, ob ich noch irgendwas einkaufen soll. Seine Antwort: „Vielleicht. Du darfst Dir aussuchen, was wir kochen. Ich helf Dir auch und mecker nicht.“ Was für eine vollends perfekte Antwort, oder? Ohne Rücksichtnahme etwas aussuchen können, worauf ich gerade Lust habe, die Zusage von zusätzlicher Arbeitskraft und der vorherige vertraglich (Ich hab das schriftlich!) zugesicherte Verzicht auf Genöle. Das einzige Problem: Ich hatte keine Ahnung, was ich kochen sollte und irgendwie keinen Appetit.

Das änderte sich allerdings schlagartig, als ich den riesigen Berg Moro-Blutorangen im Supermarkt sah. Ich liebe Blutorangen über alles, vor allem seit meinen regelmäßigen Italienaufenthalten, bei denen es für mich zu jedem Bar-Frühstück frisch gepresste spremuta für n Appel und n Ei gab. 

Mir fiel dann auch direkt das richtige Rezept ein, dass ich vor Jahren mal von einem Netz Orangen italienischer Herkunft abgeschnitten und schon einmal unter Aufbietung all meiner Italienischkenntnisse zubereitet hatte. In den Korb wanderten dann also noch Risotto-Reis (Vollkorn-Arborio) und ein schönes Stück Parmesan.

Zuhause angekommen begann ich das Kochen mit etwas Aromatherapie: Drei kleine Blutorangen wurden mit dem Zestenreißer bearbeitet, was die ganze Küche und meine Hände nachhaltig olfaktorisch verzauberte. Ich war direkt zurück in Sizilien, im Giardino della Kolymbetra und sprang jauchzend von Baum zu Baum. Dann presste ich die nackigen Orangen aus und erfreute mich an dem satten Rotton des Saftes.

  
Der Hase kümmerte sich in der Zwischenzeit ums Zwiebeln schneiden, Parmesan reiben und Gemüsebrühe anrühren und dann konnte es direkt losgehen – mit jeder Menge Olivenöl und wie Papa Dan Kelly zu sagen pflegte: „Viel Geduldigkeit.“ Am Ende stand ein hocharomatisches, schlonzig-cremiges Risotto mit einem Extra-Vitaminkick – genau das richtige für kalte Winterabende wie diesen!

Rezept: (Blut-)Orangenrisotto

  • 3 unbehandelte Saftorangen (oder 1-2 große Orangen)
  • 200 g Risotto-Reis
  • 1 Zwiebel
  • 200 ml Weißwein
  • Ca. 1 Liter Brühe
  • Ca. 50 g Parmesan
  • Viel gutes Olivenöl

Die Orangenschale abreiben und danach den Saft auspressen. Die Zwiebel fein würfeln und den Parmesan reiben.

Die Zwiebeln in einem Topf in reichlich Olivenöl anschwitzen (bei mir stand das Öl gut einen halben Zentimeter hoch im Topf). Dann den Reis dazugeben und kurz anbraten. Mit dem Wein ablöschen  – das Rezept spricht davon, den Reis im Wein zu baden und wir wollen diesem malerischen Ausdruck nicht widersprechen.

Den Wein unter gelegentlichem Rühen verkochen lassen, dann zwei Kellen Brühe dazugeben. Wenn diese verkocht sind, die Orangenschale und eine weitere Kelle Brühe hinzugeben.

So geht es weiter: Rühren und verkochen lassen, wieder eine Kelle zugeben und dann von vorn – so lange, bis der Reis weich und das Risotto cremig ist. Das kann schon so 40-50 Minuten dauern. In Piemonteser Restaurants gibt es für Risotto immer eine angegebene Wartezeit und man muss mindestens zu zweit bestellen. Dort nähme man auch Butter statt Olivenöl, aber ich finde, zu Blutorangen passt eine südliche Zubereitung besser.

Ist die gewünschte Schlonzigkeit erreicht, den Topf vom Herd nehmen und den Parmesan einrühren. Ganz zum Schluss den Saft hinzugeben, ebenfalls unterrühren und dann direkt servieren.

  

Das ess ich n…euerdings doch!

Ich weiß nicht, ob es etwas mit dem zunehmendem Alter (*hüstel*), dem sich angeblich alle sieben Jahre verändertem Geschmack (das hab ich mal in einem Vampir-Hörspiel gelernt, das ist also ein Fakt) oder einfach der ständigen Beschäftigung mit gutem Essen liegt, aber ich habe in den letzten Wochen gleich drei Lebensmittel-Abneigungen abgelegt, die ich vorher über Jahrzehnte kultiviert hatte.

Ich mochte zum Beispiel keinen Rucola, nie. Manchmal konnte ich ihn mitessen, wenn sich ein paar Blätter irgendwo hineingemogelt hatten, aber meistens musste ich meine Teller großflächig von Rucola säubern, bevor ich genussvoll essen konnte – besonders schwierig, wo doch gerade in den letzten Jahren wirklich auf jedes Essen beim Italiener mehrere Hände Rucola verteilt werden! Neulich dann hatte ich mal wieder so eine Rucola-„verseuchte“ Pizza vor mir, aber irgendetwas sagte mir, ich solle doch diesmal in den sauren Apfel das bittere Kraut beißen und siehe da – es hat geschmeckt! Ich war verwundert und erfreut, testete es in den nächsten Wochen noch ein paar Mal und kann jetzt bestätigen: Ja, ich esse Rucola.

Mit Fenchel hatte ich ein nicht ganz so großes Problem und wenn sich ein paar Stücken davon in mein Essen verirrt hatten, habe ich die halt mitgegessen, wenn auch nicht mit großer Begierde. Ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, welchen zu kaufen, zuzubereiten oder im Restaurant zu bestellen. Fenchel und Fenchel-Tee waren als „schmeckt mir nicht“ abgespeichert. Fenchelsamen gingen, merkte dann ich irgendwann in Italien, als ich feststellte, dass sie es waren, die meinen geliebten Taralli diesen tollen Geschmack verliehen. Aber noch im Juni auf Sizilien habe ich großspurig erzählt, dass ich weder Fenchel noch Anis mag. Dann kam Rachels Rezept für den Fenchel-Orangen-Salat und mein Gaumen sagte mir, dass das was sein müsse. Ich probierte es aus und: Bingo! Zumindest in dieser Kombination wahnsinnig lecker. Ich habe jetzt noch eine große Knolle im Kühlschrank liegen, die ich demnächst nochmal in anderer Kombination ausprobieren werde. Die Fenchel-Abneigung ist jedenfalls weg. (Ähnlich erging es mir mit Grünkohl, wenn der richtig zubereitet, aka nicht sauer, ist, schmeckt mir der jetzt auch.)

  

Durch den tollen Tee-Adventskalender, den der Hase mir geschenkt hatte, konnte ich dann auch gleich noch ein anderes Problem aufdecken: Fenchel im Tee ist durchaus OK und Anis auch (man höre und staune!). Was Tee für mich hingegen wirklich eklig macht, immernoch, ist Süßholz. Pfui, Geier! wie Opa immer zu sagen pflegte, wenn er seine Tropfen nahm. Wenn Süßholz in einer Teemischung ist, muss ich nach spätestens einer (sehr langsam getrunkenen) Tasse aufgeben, sonst bekomme ich einen Würgreiz. Fenchel und Anis hingegen: Kein Problem mehr. Letzteres wird meinen Bruder freuen, jetzt kann ich mit ihm Sambuca trinken.

Der Hase scheint übrigens von mir angesteckt worden zu sein: Vor wenigen Wochen beschloss er, jetzt doch Pilze zu essen. Den Geschmack mochte er sowieso und  jetzt hat er ein paar Mal Exemplare in einer für ihn okayen Konsistenz probiert und dann einfach eine Entscheidung getroffen. Darüber freue ich mich sehr und hoffe, dass der Rhabarber vielleicht bald auch „gerettet“ wird. Nur den Spargel, den darf er weiterhin hassen, da sind wir uns sehr einig.

Mir bleiben trotzdem noch einige Abneigungen übrig: Lauch, Rosenkohl (wobei es auch da wohl gute Rezepte gibt, mit denen ich mir den schmackhaft machen kann, das ist ja dann vielleicht ein Projekt für 2016…), Zwiebeln in großen Mengen (kleine Mengen sind OK und manchmal einfach notwendig), Garnelen, Kaninchen, Zunge, Leber und andere Innereien und eben Süßholz und alles, was daraus hergestellt wird. Überschaubar, oder? Meine Eltern mussten mit mir früher ganz anderes durchmachen.

Drauf gekommen bin ich heute übrigens über einen sehr lesenswerten und inspirierenden Guardian-Artikel zum erlernten Geschmack und anderen (gesunden) Essgewohnheiten: No diet, no detox: how to relearn the art of eating, in dem ich mich oft wiedergefunden habe – hauptsächlich als einer dieser Sonderlinge, die eine Tüte Chips oder Tafel Schokolade weglegen können, bevor sie alle ist – auch das übrigens eine Fähigkeit, die ich als Kind und Teenie noch nicht hatte…

Tagebuch-5 im Januar 2016

Wie an jedem 5. fragt Frau Brüllen (ich wollte erst Brau Früllen schreiben und frage mich jetzt, ob Freud mit damit etwas sagen möchte) wieder: WMDEDGT? Das hier:

Der Wecker klingelt um 7:30 und obwohl es heute immer noch so kalt ist wie gestern schaffe ich den Sprung aus dem Bett schon nach wenigen Minuten. Ich verschwinde kurz im Bad, bemühe mich, beim Lesen meiner Facebook-Benachrichtigungen nicht in eine Diskussion über die Gewalt in Köln am Silvesterabend zu gelangen und stelle das Futter für das Katzenfrühstück ins heiße Wasserbad. Dann mummele ich mich für die heutige Meditation ein – die letzte 15-minütige, ab morgen geht es mit 20 Minuten weiter. So richtig will es mit dem Gedanken loslassen heute nicht klappen, ständig überlege ich, was ich als nächstes mache, was ich nicht vergessen darf und wie ich das Ganze heute beim Tagebuch-5 verbloggen werde. Währenddessen liegt Nimbin neben mir und meditiert mit, während Noosa aufgeregt herumspringt und die Vögel auf dem Hausdach gegenüber anknurrt. Ein schmerzender Rücken, Halsschmerzen und eine leicht verstopfte Nase tun ein Übriges, um meine Meditation zu sabotieren. Trotzdem fühle ich mich nach den 15 Minuten ziemlich ausgeglichen und weniger gestresst als vorher.

Es ist kurz nach 8 und draußen ist es inzwischen hell, so dass ich die leichte Schneeschicht sehen kann, die sich draußen gebildet ist – nur so leichter Puderzucker bisher. Die Katzen bekommen jetzt ihr Frühstück und ich flitze zurück ins Bad, putze mir die Zähne und kämme mir die Haare. Dann ziehe ich mich leise an, um den Hasen nicht zu wecken und nehme mir voller guter Vorsätze den Rucksack mit den Sportsachen hervor. Hinein wandern Portemonnaie, Taschentücher, Ersatzakku und Ladekabel sowie eine Dose mit Haferflocken, Leinsamen, Sonnenblumenkerne, Chiasamen, Sesam, Zimt und Vanille, die später im Büro mit Hilfe von Milch, Honig und Mikrowelle zum Frühstücksbrei werden. Während das Teewasser heiß wird, stecke ich noch schnell Bürokratiekram in einen Umschlag und pappe Briefmarken drauf – zweimal 62 Cent, denn seit 5 Tagen kostet so ein Brief 65 Cent. Da wir pro Jahr etwa 5 Briefe verschicken, haben wir noch einige alte Marken übrig und ich bin zu faul, erst noch einen Briefmarkenautomaten aufzusuchen, das würde Umwege bedeuten, auf die ich bei den Temperaturen verzichten kann.

Stiefel, Schal, Mütze, Handschuhe und Wintermantel an, Tee in den Becher, Schlüssel nicht vergessen und raus aus der Tür. Auf dem Weg zur Tram werfe ich den Brief ein und dann stehe ich erstmal fast zehn Minuten an der Haltestelle, weil eine Bahn ausgefallen ist – muss wohl am Schneechaos liegen 😉 Ich verliere den Humor nicht, wohl aber ist mir kalt – ebenso wie den anderen, weniger gut gelaunten Passagieren um mich herum. Die Tram ist dann auch brechend voll, dafür ergattere ich in der U-Bahn ohne Probleme einen Sitzplatz – bin ja auch später dran als sonst. Im Büro angekommen mache ich mir mein Frühstück warm und sitze dann mit dem Spotify Mix der Woche auf den Ohren vor meinem Rechner, bevor es um 11 zu einem Meeting geht.

Ansonsten tröpfelt der Arbeitstag so vor sich hin. Gegen 14 Uhr bekomme ich langsam Hunger – nach und nach kristallisiert sich heraus, dass es heute Nudeln geben soll. Auf Twitter befrage ich meine Follower, ob ich Asiatisch oder Italienisch essen soll. Kaum habe ich den Tweet abgeschickt, hat sich mein Gaumen schon für Italienisch entschieden – ich habe Appetit auf Olivenöl und brauche nur zwei Minuten, statt mindestens zehn für die asiatische Variante. Die Umfrage, die zu diesem Zeitpunkt für Asiatisch votiert, läuft ja noch bis morgen Mittag und das Ergebnis mir nicht weg.

Ich entscheide mich für eine Pasta Caprese und einen Obstsalat, da im Büro-Obstkorb heute morgen bereits wieder Ebbe war. Die Wartezeit vertreibe ich mir mit Bloggen und dem Beobachten eines Babys am Nebentisch. Es krakeelt fröhlich vor sich hin und hält zum Glück die Finger nicht in Papas dampfend heiße Lasagne. Dann kommt mein Essen: Frische, mit Tomate und Mozzarella gefüllte Ravioli in Tomaten-Butter-Salbei-Sauce. Mit dem Foto checke ich ein und stoße meinen Chef-Chef vom Mayor-Thron. Ha!

Am Nachmittag höre ich von der Freundin, die über Silvester bei uns zu Besuch war und jetzt wieder zurück in Toulouse ist. Sie hatte am Sonntag ihren Rückflug verpasst, ist dann mit ihren zufälligen Zugbekanntschaften weitergereist und hat spontan noch einen Zwischenstopp in Prag eingelegt und dann gestern von dort zurückgeflogen. Ja, es hat uns beide an Before Sunrise erinnert und ich bin auch ein bisschen neidisch geworden – die Reiselust wächst wieder! Außerdem schreibt mir die Teeniecousine, ich soll mal wieder was für sie bestellen – es geht um ein Faschingskostüm.

Ansonsten ist der Arbeitsnachmittag recht unauffällig, außer dass eine Kollegin vorbeischneit, weil sie das neue Hipsterzöpfchen des Kollegen hinter mir begutachten möchte, von dem ich leider heute kein Foto für Euch habe. Nach der Arbeit stelle ich fest, dass es auch draußen geschneit hat. Sofort ist allgemeine Laune merklich besser und alles wirkt gemütlicher, gedämpfter, pittoresker und sogar wärmer.

Ich fahre ich zum ersten Mal seit wirklich langer Zeit endlich mal wieder zum Sport (was für ein Glück, dass ausgerechnet heute der 5. ist, das sorgt für extra Motivation). Studio-Angestellte und Geräte erkennen mich wieder und das Training selbst geht besser als erwartet. Mein Rücken wird es mir danken (also sobald er sich erholt hat).

Ich stapfe freudig durch die frisch gefallene Schneeschicht nach Hause und fange die eine oder andere Flocke mit dem Mund auf. Ein bisschen bin ich wieder Kind, vor allem als ich dann zuhause die vor zwei Monaten im Sportrucksack vergessene Brotdose auspacke, ihr kennt das.

Der Hase erwartet mich mit heißer Rote Bete-Suppe, die ich mit Wasabi, eingelegtem Ingwer und Koriandergrün verfeinere, während der Kater auf dem Balkon schlittern übt. Zum Essen gib es frisch aufgetauten Ananassaft.

Danach bezwinge ich den seit dem Silvester-Dinner schon mehrfach in Angriff genommenen Abwaschberg endlich komplett (ohne Sauerstoffgerät!). Dann ist es 21:00 und der Hase und ich ziehen uns mit Katzen und Film (der mit den Lichtschwertern) aufs Sofa zurück.

Minus 17 (gefühlt)

Als ich heute morgen noch gemütlich im warmen Bett lag und verschlafen durch meine verschiedenen Timelines scrollte, geschah etwas Unerwartetes: Trotz dicker Decke, dem Wärme ausstrahlenden Hasen neben mir und doppelter Fenster kroch eine fiese Kälte in mich hinein und breitete sich vom Zehen bis zu den Schultern in meinem Körper aus. Ob das nun allein an der tatsächlichen Temperatur im Schlafzimmer lag, oder durch die zahlreichen tiefgefrorenen Tweets noch verstärkt wurde, kann ich nicht sagen. Fakt ist: Es ist kalt in Berlin, gefühlte 17 Grad zeigte meine Wetter-App an.

Das hatte ich zwar gestern auch schon mitbekommen, als wir die nicht hochprozentigen Getränke vom Balkon retteten, aber da musste ich wenigstens nicht noch weiter nach Draußen. Heute jedoch hieß es, wieder den Weg ins Büro zurückzulegen. Nichts mehr mit gemütlichem Homeoffice, eingewickelt in eine Decke und mit Katze(n) auf dem Schoß – heute ging es hinaus in das wirklich wahre, harte (Über-)leben. Ich musste Vorkehrungen treffen.

Normalerweise meditiere ich morgens noch im Schlafanzug, in letzter Zeit mit einer Decke zugedeckt – heute habe ich mich vorher angezogen, denn mich 15 Minuten lang halbnackt nicht zu bewegen erschien mir nicht als gute Idee. Eine weitere Änderung im Tagesablauf war das Anwärmen der kühlschrankkalten Katzenfutterdose im heißen Wasserbad, was von den Katzen freudig begrüßt wurde – in den letzten Tagen hatten sie das Futter eher erstmal verschmäht. Dann goss ich mir noch schnell einen heißen Tee in den Thermobecher, bedeckte meinen Körper mit diversen zusätzlichen Lagen Klamotten, wickelte mir einen Schal um, zog Smartphone-Handschuhe an und setzte mir meine irische Bommel-Wollmütze von den Arran Islands auf.

So angetan verließ ich das Haus und stellte fest: Verdammte Scheiße ist das kalt. Trotz allem. Aber immerhin: Ich war gut vorbereitet, hatte mein möglichstes getan und musste mir zumindest keine Vorwürfe machen. Stattdessen ließ ich den Gedanken an die Kälte los (hach, Meditation hilft!) und beobachtete lieber die Menschen um mich herum. Den Typen, der mit bloßen Händen telefonierte zum Beispiel. Dem war bestimmt noch viel kälter als mir und er war sogar selbst Schuld! Alle, wirklich ausnahmslos alle Menschen sahen aus, als würden sie um ihr Überleben kämpfen – mit zur Faust geballten, grimmigen Gesichtern und zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen bahnten sie sich den Weg durch diesen (Montag-, auch das noch! Und auch noch der erste Arbeitstag seit Langem für die meisten!)Morgen.

Eine ganze Stadt voller miesmutiger Menschen an einem Montagmorgen, normalerweise ein Garant für Ärger, Missgunst und Reibereien. Doch da zeigte dann die Kälte ihre wohltuende Wirkung: Wenn alle Energien auf die Lebenserhaltung ausgerichtet sind, bleibt einfach keine Kraft mehr für blödes Rumgepöbel. Ist ja auch mal was. Wer mehr tun möchte, als nicht zu pöbeln, der kann übrigens den Kältebus anrufen, wenn er Menschen sieht, die bei diesen und anderen unerträglich kalten Temperaturen draußen schlafen müssen – für Berlin ist die Nummer 0178 / 523 58 38, für andere Städte hilft die Suchmaschine Eures Vertrauens (der Hase empfiehlt ausdrücklich Ecosia, wo man beim Suchen noch Bäume pflanzen hilft.)

Im Büro war es dann übrigens überraschenderweise so richtig schön muckelig warm, die Fenster liefen nicht an und keiner schimpfte über zu hohe Heizkosten. Hat sich der Weg also doch gelohnt.