Tagebuch-5 im März – Syrisches Festmahl-Edition

Es ist der 5. und Frau Brüllen fragt wie jeden Monat: WMDEDGT? Das gibt mir Gelegenheit zu einem sanften Wiedereinstieg in die zuletzt so sträflich vernachlässigte Bloggerei. Zumal ich heute sogar noch etwas Spannendes erlebt habe. Aber first things first…

Gegen 9 wachen der Hase und ich auf, aber das Bett ist wahnsinnig gemütlich, der Hunger noch nicht so groß und das Internet spannend, so dass wir tatsächlich erst gegen 11 den Weg in die Vertikale finden (abgesehen von einer kurzen Episode Katzenfütterei natürlich). Dann gibt es ein relativ unspektakuläres Frühstück mit Cappuccino, Brot, Käse, Marmelade und Obst, gefolgt von einer fleißigen Runde Haushaltszeugs. Der Hase saugt, bringt Müll weg und kauft Katzenfutter und Katzenstreu. Ich wasche jede Menge Geschirr (was so diese stressige Woche über anfiel, so schön, dass wir ab Montag wieder eine Spülmaschine haben…), wische Bad und Küche und räume ein wenig auf.

Dann schnappen wir uns ein paar aussortierte Klamotten, DVDs und CDs und machen uns auf den Weg in das Flüchtlingsheim, in dem der Hase in den letzten Monaten oft ausgeholfen hat. Er wird von allen Seiten freudig begrüßt, während es mein erster Besuch dort ist. Wir unterhalten uns mit verschiedenen Leuten im Aufenthaltsraum. Ein älterer Mann aus Syrien entschuldigt sich bei mir, weil er mir aufgrund seiner Religion nicht die Hand gibt und nicht möchte, dass ich das in den falschen Hals bekomme. Ein junger Bekannter von ihm zeigt uns Fotos aus seiner Heimatstadt Aleppo (sein Haus ist zwar bisher nicht zerstört, aber Aleppo existiert für ihn nicht mehr wirklich – alles ist kaputt und sieht aus wie Deutschland nach dem Krieg, sagt er) und berichtet von der drei Monate dauernden Flucht über die so genannte Balkanroute. Ein Pakistani bittet uns um Mithilfe bei der Suche nach einem Deutschkurs – er hat ein Arbeitsangebot, soll aber erst seine Sprachkenntnisse verbessern. Der ältere Mann bleibt übrigens der Einzige, der mir nicht die Hand gibt. 

Wir beobachten eine Horde Kinder beim wilden Spielen und Schokolade erbetteln in der Küche und warten auf unseren Freund M. aus Damaskus. Mit ihm und seiner Familie sind wir heute zum Essen verabredet. M. hat Glück. Er hat eine Aufenthaltsgenehmigung, besucht einen Integrationskurs und ist vor ein paar Wochen mit seinem Vater und seinem Bruder in eine eigene Wohnung gezogen. Seine Mutter und Schwester sind noch in Damaskus und bisher ist nicht klar, ob und wann sie nachkommen können.

M. hat letzte Nacht nicht geschlafen – er war in einem Club tanzen, wo sie Techno spielen und Geflüchtete verbilligt hineinkommen. Eine typische Freitagnacht in Berlin eigentlich, für einen Anfang-20-jährigen. Heute morgen ist er von dort direkt zur Probe eines Theaterstücks, an dem Deutsche und Refugees zusammen arbeiten und das zu Ostern Premiere haben wird, gegangen. Danach trifft er uns und gemeinsam fahren wir nun nach Neukölln, wo die – im Moment noch nur – dreiköpfige Familie in einer 2-Zimmer-Wohnung wohnt. M.s Vater G. hat uns zum Essen eingeladen, zum Dank für die Hilfe, die der Hase zusammen mit anderen beim Beziehen und Einrichten der Wohnung geleistet hat. Ich erkenne in der Wohnung einiges wieder – ein alter Couchtisch, ein Fernseher, ein DVBT-Receiver, ein Wäscheständer, Biergläser, eine Auflaufform… Lauter Zeug, das sinnlos bei uns rumstand und verstaubte. Hier hat es nun einen guten Platz gefunden. Auch sonst ist die Wohnung liebevoll eingerichtet – Blumen stehen in einer Vase, eine schöne Tischdecke liegt auf dem Esstisch, ein Heiligenbild hängt an der Wand – die Familie ist christlich und wenn man nach ihren Facebook-Profilen  geht auch sehr religiös.

Während G. die letzten Handgriffe in der Küche tut, M. unter der Dusche verschwindet und der Hase zusammen mit T. versucht, die auf eBay ersteigerte PlayStation zum Laufen zu kriegen, schaue ich mich noch weiter in der Wohnung um, mache Fotos von interessanten Zetteln an der Wand und stelle mir vor, wie es ist, in einem Land gestrandet zu sein, dessen Sprache man nicht spricht.

Dann gibt es Essen und was G. auftafelt ist wirklich fantastisch. Ich glaube, gerade weil wir alle Gerichte auch aus hiesigen Restaurants und Imbissen kennen, fällt uns auf, wie großartig sie selbst- und nach authentischen Rezepten gemacht schmecken. Es gibt Tabouleh, Hummus, Pide, Kibbeh und Weinblätter, die mit Reis und Hackfleisch gefüllt sind und warm serviert werden. G. hat auch einige vegetarische Weinblätter gemacht – für mich und ihn, die wir beide nicht so oft Fleisch essen. Er selbst verzichtet im Moment wegen der Fastenzeit völlig. Auch der von uns mitgebrachte Wein bleibt für heute unangerührt.


  

G. ist ein wundervoller Gastgeber, der ständig in die Küche eilt und Nachschub holt und uns auffordert, immer mehr und noch mehr zu essen, während seine Söhne lachend mit den Augen rollen. Aber sie stopfen sich genau wie wir den Wanst voll und geben mit den Kochkünsten ihres Vaters an – “Das Beste vom Besten für die Besten.”. Ich finde interessant, dass die nicht nur den Hummus auf das Brot streichen, sondern auch alle Komponenten in Brot einrollen oder das Brot wie beim Äthiopier als Besteck benutzen. Zwischendurch wird auch eine Gabel benutzt, es scheint da keine genauen Regeln zu geben oder zumindest bleiben sie mir verborgen. 

Obwohl ich sehr neugierig bin, stelle ich keine Fragen, denn wir haben leider nur sehr wenig Zeit – die Jungs und der Hase sind zum Wrestling gucken im Huxley’s verabredet. Als wir uns anziehen, fällt M. mein Hoodie auf, auf dem “Revolution” und “The Beatles” steht. Ich bekomme ein Kompliment dafür, aber auch die Frage, was das ist. Die Beatles kennt er nicht. G. hingegen freut sich über die zwei mitgebrachten Beatles-CDs, die wir zuhause doppelt hatten und fühlt sich an seine Jugend erinnert. Wir laden alle drei für demnächst zu einem Essen bei uns ein und machen uns auf den Weg.

Am Hermannplatz ist ordentlich Trubel und M. beschwert sich über die “vielen Araber” hier. Vor dem Huxley’s treffen wir den Rest der Wrestling-Meute und unterhalten uns noch, bis der Einlass beginnt. Dann nehme ich die U-Bahn zum Alex und von dort die Tram nach Hause. In der Tram treffe ich zufällig auf eine Freundin, mit der ich über M., T. und G., einen Sushi-Geheimtipp bei uns im Kiez und ihren Sunday-Dinner-Club plaudere.

Zuhause angekommen füttere ich die Katzen und beziehe, da meine Abendverabredung wegen Migräne abgesagt hat, Stellung auf der Couch. Die aktuellen Folgen von Girls, Call The Midwife, New Girl und Modern Family wollen geguckt werden. Die gesättigten Katzen nehmen dabei auf und neben mir Platz und laden ihre Gekuschelt-werden-Akkus auf, die in der letzten Woche gefährlich leer geworden sind. Ich tippe diesen Blog-Eintrag mit einer Mieze auf meinem Unterarm, die zwischendurch auch selber tippt und auch schon mal den Bildschirm um 90° dreht. Zeit, den Blogpost abzuschließen, den Brot-Teig für morgen anzusetzen und noch einen Film bei Netflix auszusuchen…

 

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