Bist Du auch so ne Marusha-Vegetarierin?

Das wurde ich gestern bei meinem ersten Ironblogger-Treffen gefragt. Marusha hatte sich ja vor einiger Zeit in einem Interview mit der „Welt“ (vgl. http://saschalobo.com/2013/06/17/marusha-merkel-und-das-deutsche-problem/) mal dahingehend geäußert, sie ernähre sich halb vegetarisch, halb vegan, würde aber auch ab und an mal ein Stück Bio-Huhn essen. Nun ist das von ihr etwas unglücklich formuliert, aber tatsächlich ist die Gemengelage, die sie da zu beschreiben versucht, gar nicht ganz so weit von meiner Ernährungsweise entfernt. Da ich gerade zweieinhalb Stunden in einem WLAN-fähigen Zug sitze, auf dem Weg zu einem Wochenende mit zwei meiner ersten Vegetarierinnen im direkten Umfeld, mache ich mir jetzt also mal öffentlich Gedanken zu diesem Thema.


Alleine der Umstand, dass eine dieser beiden Freundinnen inzwischen ab und an Fleisch und Wurst ist und sich zwischenzeitlich bereits als „Puddingvegetarierin“ oder „Bratwurstvegetarierin“ bezeichnet, während die andere sich im Prinzip vegan ermähren könnte, wenn es einen kulinarisch gleichwertigen Ersatz für all die Käsespezialitäten dieser Welt gibt, zeigt: Es gibt nicht nur einen Vegetarismus. Ebenso ist es mit überzeugten Veganern in Lederschuhen… Alles hat seine Abstufungen, die V-Wörter sind erst einmal nur ein Label zur Vereinfachung und Schubladisierung. Dann gibt es ja noch Frutarier, Pescetarier, Ovo-Lacto-Vegetarier und die berühmt-berüchtigten Veganer Stufe 5 von den Simpsons („Ich esse nichts, was einen Schatten wirft.“). Ich fühle mich keiner dieser Schubladen zugehörig, obwohl ich für alle (bis auf Stufe 5) gewisse Sympathien hege und die betreffenden Menschen zum Beispiel bei einer Menü- oder Büffet-Planung in jedem Fall berücksichtigen würde.

Ab und zu einmal bezeichne ich mich selbst als Vegetarierin, einfach, weil es vieles leichter macht. Ich muss ja nicht jedes Mal einen Blogartikel herunterbeten, wenn es darum geht, was gegessen werden soll. Vor allem geschieht das: im ländlichen Umfeld, fernab von vegetarischen und/oder Bio-Restaurants, bei Familienfeiern und auf Grillparties. Überall dort also, wo ich davon ausgehen kann, dass das eventuell enthaltene Fleisch aus der Massentierhaltung kommt und ich ein Totschlag-Argument benötige, um nicht zuzugreifen und gleichzeitig keine Diskussionen vom Zaun zu brechen. Aber wie esse ich denn nun eigentlich wirklich?

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, es gab einen großen Garten, der Vater meiner Mutter war Vegetarier und so gab es in meinem Umfeld von Klein auf eine große Wertschätzung für Obst und Gemüse. Es gab auch regelmäßig Fleisch und Wurst, aber ich habe davon meistens viel weniger gegessen, als von den Beilagen. Die erste Vegetarierin in meinem Umfeld (mein Opa war schon lange tot) war meine Cousine. Ich litt immer ein wenig still mit, wenn meine Oma ihr vom Fleischer immer extra Gemüsesülze mitbrachte. Von ihr kamen erste Impulse, darüber nachzudenken, ob man Tiere essen sollte. (Die nächsten waren wohl Die Ärzte mit „Ich ess Blumen“ sowie die beiden oben genannten Freundinnen, dann so in der Pubertät.) 

Über Jahre blieb ich eher Sympathisantin und aß mein Fleisch weiter. Doch die Zweifel wuchsen mit jedem Lebensmittelskandal und jedem Bericht über Massentierhaltung. In einem Urlaub mit einer der beiden Mädels regte ich an, um das Kochen zu vereinfachen, dass wir einfach alle zwei Wochen lang vegetarisch leben sollten. Das stellte keine große Herausforderung dar, bis wir nach den zwei Wochen bei McDonald’s „fastenbrachen“ und danach alle böses Bauchgrimmen hatten. Das nächste vegetarische Experiment folgte ein paar Jahre später, aus Bewunderung für einen vegetarisch lebenden Freund und um es mal für länger auszuprobieren. Nach sechs Wochen hatte ich das erste Mal Lust auf Fleisch und erklärte das Experiment für beendet. Seit diesem Mal habe ich aber dann wirklich sehr viel weniger und unregelmäßiger Fleisch gegessen, mal mehrere Tage hintereinander, mal über Wochen unbewusst gar nicht.

Zunehmend las ich über die ökologischen und ökonomischen Aspekte des Fleischkonsums und fand alles immer falscher und unsinniger. Dann las ein Teil meines Freundeskreises „Eating Animals“ von Jonathan Safran Foer und hörte von heute auf morgen auf, Fleisch zu essen. Sie warnten mich davor, das Buch zu lesen, aber ich dachte mir: „Gut, jetzt hast Du eine Wunderwaffe in der Hinterhand, wenn Du es wirklich durchziehen willst.“ Ich kaufte das Buch und dann lag es ersteinmal eine Weile herum, bis ich mich bereit dafür fühlte, mein Leben zu ändern. Ich kann Euch sagen: Das Buch wirkt. Danach hatte ich erstmal eine ganze Weile gar keine Lust mehr auf Fleisch.

Inzwischen ist es so, dass ich komplett vegetarisch einkaufe und koche. Sind Eier und Milchprodukte dabei, dann sind diese Bio (bis auf Käse manchmal, aber seit ich die Alnatura-Käsetheke entdeckt habe, gilt das jetzt auch nur noch für Büffelmozzarella und ein paar wenige Spezialitäten, die es wirklich nur ganz selten gibt… Morbier zum Beispiel). Wenn ich woanders esse, kommt es durchaus vor, dass ich mal Fleisch oder Wurst esse. Und zwar aus diesen Gründen:


1. Es handelt sich um Wild- oder Biofleisch und wurde mit viel Mühe von Freunden oder Verwandten zubereitet

Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen das Essen von Tieren, sondern vor allem gegen die industrielle „Fleischproduktion“. Ich versuche nach der Maxime zu essen: „Nichts aus dem KZ“. Da ich aber zum Beispiel Kaninchenfleisch nicht mag, Wild und Fisch nur in Ausnahmefällen lecker finde und von den üblichen „Nutztier“-Fleischsorten in zunehmendem Maße enttäuscht bin und nicht finde, dass sie diesen „Bruch“ Wert sind, spiele ich in solchen Fällen auch oft die Vegetarier-Karte oder koste einfach nur und gebe den Rest dann weiter.

2. Es handelt sich um Delikatessen, kulinarisch-kulturelle Errungenschaften der Menschheit, die meine Wertschätzung verdient haben

Ich konnte nicht nach Italien fahren, ohne dort Parmaschinken und Salami zu essen. Italien ist für mich immer hauptsächlich Genuss, ich bin eben ein Foodie. Weitere Beispiele waren die Gravy auf der Poutine während der Fährüberfahrt über den St.-Lorenz-Strom, die hausgemachte Wurst in einem Frühstückslokal letztes Wochenende in Toronto, die Thüringer Rostbratwurst bei Verwandten, der Känguruhburger (immerhin Wild!) oder das Steak in Australiens Rinderhauptstadt Rockhampton im Februar. Gemeinhin tritt Fall 2 hauptsächlich auf Reisen in Kraft.
3. Ich habe einfach mal Lust auf Fleisch
Das ist ein sehr seltener Fall. Passiert hauptsächlich mit Burgern, Bacon oder Steak. Ich gebe mir große Mühe, dann wenn möglich in Bioläden zu gehen. Meistens reicht mir auch ein Biss vom Essen des Mannes, bevor ich mich wieder meinem Tofu- oder Seitan-Gericht zuwende. Ein vegetarischer Chili-Cheese-Bacon-Burger oder die Currywurst im Yellow Sunshine sind für mich übrigens ein absolut adäquater Ersatz und müssen dann eben auch ab und zu herhalten, um die Lust zu überlisten.


4. Es gibt nichts Vegetarisches

Das trifft hauptsächlich bei Familienfeiern zu. Nicht bei meiner eigenen Familie, hier ist man gut gerüstet und in meiner Generationen sind die „Vegetarier“ in der Überzahl. Bei der erweiterten Familie des Mannes (ländlicher Raum) kann es dann aber doch mal vorkommen, dass außer Brot und grünem Salat nix zu holen ist. Da sehe ich dann manchmal über Speckwürfel im Kartoffelsalat oder Wurstscheiben im Nudelsalat hinweg, damit ich überhaupt satt werde.

5. Gummibärchen

’nuff said.


Alles in allem ist mein Fleischkonsums extrem überschaubar. Ich bin nicht konsequent im Nicht-Essen, aber werde in meinem Umfeld ohne Weiteres als Vegetarierin aufgenommen. Das heißt auch: Ich trage einen sehr geringen Teil zu dem ganzen Fleischkonsums-Problem bei. Verbessern lässt sich meine Bilanz noch dadurch, dass ich bei Essensbildern von Selbstgekochtem gerne den Hinweis „vegetarisch“/“vegan“ hinzusetze, um den „Normalfleischessern“ zu zeigen, wie lecker und vielseitig eine fleischarme Mahlzeit sein kann. Zudem dokumentiere ich meine Fleisch-Ausnahmen nur selten fotografisch im Netz. Eine Mischung aus Strategie und Selbstschutz…

Ich missioniere auch ganz gerne mal, werde aber niemandem das Fleisch Essen ganz ausreden. Wie meine Mutter nicht müde wird zu betonen: Die Inuit müssen jagen und Fleisch essen, um zu überleben, weil alles andere schwer zu beschaffen, für sie kaum erschwinglich und für das raue Klima nicht ausreichend ist. Da gehe ich mit. Im Umkehrschluss meine ich aber: Wer in unseren Breiten lebt, sich eine ausgewogene vegetarische Ernährung (die viel günstiger ist als man glaubt) leisten und organisieren kann und dessen Wohl und Wehe nicht davon abhängt, regelmäßig ein Stück totes Tier auf dem Teller liegen zu haben, die oder der hat keine Ausrede, seinen Fleischkonsum nicht einzuschränken, nicht auf Biofleisch umzusteigen, oder gar ganz mit dem Fleisch essen aufzuhören.

Mir fällt das Nicht-Fleisch-essen sehr leicht, ich kaufe inzwischen fast nur noch Bio-Lebensmittel und ich koche sehr gerne und interessiere mich für mein Essen so sehr, dass ich gerne meinen Beitrag dazu leiste, ein Gegengewicht zu den Leuten zu sein, die nicht so informiert/gut situiert/kochbeflissen/mildklimalebend oder Fleisch-underwhelmed wie ich sind.

Reisetagebuch Kanada 2013 – Teil 3

Eins vorab: Elche haben wir nicht mehr gesehen, ebensowenig wie Bären, obwohl Schilder uns vor beidem warnten. Dafür gab es unzählige Eichhörnchen (in Grau-Braun oder Schwarz), Stachelschweine sowie einige Stinktiere und Waschbären (Roadkill) und Chipmunks. Die wuseln genau so zu zweit herum, wie man es aus einschlägigen Trickfilmen kennt und ich hatte danach ewig das Chip & Chap-Lied als Ohrwurm.
Doch zurück zum Reiseverlauf. Vom Fjord aus ging es dann, entlang des klassischen Korridors um den St.-Lorenz-Strom Schlag auf Schlag: Innerhalb von drei Tagen besuchten wir Québec City, Montréal und Ottawa.

Québec ist hundertprozentig die europäischste Stadt in Nordamerika und dazu die einzige mit einer erhaltenen historischen Stadtmauern. Die meisten späteren Gründungen wurden ohnehin direkt ohne geplant.
In Montréal waren wir in China Town essen und ich konnte mit Freuden feststellen, dass der Bubble Tea (ebenso wie in Toronto) hier immernoch und wie schon seit Jahren ein ungestörtes Leben führen kann. Schön, dass es solche Reservate gibt, in Berlin zweifelt man ja immer mal.
In Ottawa hat es leider geregnet, aber wir wollten ja sowieso ins Museum of Civilization, hier im Bildmitte dem Parlamentsgebäude im Hintergrund. Am nächsten Tag trafen wir uns dann mit lieben Freunden im Tyendinaga Mohawk Territory am Ufer des Lake Ontario und bekamen eine persönliche historisch-soziale Führung durch eines der größten Reservate Nordamerikas.
Danach war es wieder Zeit für Wildnis – zwei Stunden nördlich von Tyendinaga beginnt der Algonquin-Nationalpark und hier hatte der Indian Summer tatsächlich voll eingesetzt. Die Blätter waren so knallebunt, dass es fast wehtat beim Hinsehen. Wenn man das nicht gewöhnt ist, weiß man tatsächlich kaum, wo man all die Emotionen hinstecken soll, die allein durch das Sehen der Farben aufwallen. Nach jeder Straßenbiegung kam ein neues „Nee, oder?! Noch mehr?“ Man staunt fassungslos. Und nebenbei fühlt man sich wie in einem CGI-animierten Märchenfilm. Ist aber alles echt, glaube ich. (Fun Fact: Indian Summer bezeichnet tatsächlich nur das Phänomen von warmen Temperaturen tagsüber und Temperaturen um den Gefrierpunkt in der Nacht. Dass sich gerade zu dieser Zeit die Blätter färben spielt für die Kanadier sprachlich keine Rolle, heißt einfach nur „The leafs are turning“…)
Der nächste Tag führte uns auf die Niagara Peninsula. Das heißt natürlich, zumindest beim für den Mann ersten Mal: Ab zu den Fällen.
Sind ja auch echt beeindruckend. Drumherum nieselt es übrigens die ganze Zeit, weil der nach oben steigende Wasserdampf abkühlt und wieder nach unten fällt. Bei Sonne macht das supi Regenbögen. Also: Niagarafälle bitte gerne, aber man sollte sich nicht umdrehen, alles, was dahinterliegt, möchte man nicht wissen. But you can’t unsee it 😦
Den Rest der Zeit, immerhin 3,5 Tage verbrachten wir im großartigen Toronto, das fast so toll wie Berlin ist, aber dabei ganz anders.
Ein Besuch bei den Beaches lässt einen dann auch vergessen, dass das Meer mehrere 1000 Kilometer entfernt ist – größer und welliger als der Lake Ontario ist die Ostsee auch nicht wirklich. Und so endete unser Urlaub wo er begann: Am Wasser…

Back home und im Jet Lag

Eine bleierne Müdigkeit aufgrund einer komplett ausgefallenen Nacht, zwingt mich dazu, den letzten Teil des Reisetagebuchs zu verschieben. Kommt aber noch. Ein Vorgeschmack:

Reisetagebuch Kanada 2013 – Teil 2

Der zweite Teil der Reise  führte mich, den Mann und seine inoffizielle Adoptivschwester auf einen Roadtrip von Nova Scotia zur Bay of Fundy, nach Moncton, einmal rund um die Gaspésie, mit der Fähre 2,5 Stunden über den St. Lorenz-Strom, die Straße der Wale und den südlichsten Fjord der Nordhalbkugel entlang und nach siebzig Kilometern im Dunkeln auf einer einsamen Landstraße durch den Wald zu einem süßen kleinen Haus in einem verschlafenen Dorf am Fjord.

Das Gefährt mit dem wir diesen Wahnsinnsritt von über 2000 Kilometern in 3,5 Tagen hinter uns brachten ist ein schnuckelig-kleiner weißer Fiat Cinquecento, über dessen horizentale, vertikale und diagonale Unzulänglichkeit wir immer noch herzlich lachen können. Hierzu muss man wissen, dass drei alle um die 1,80 m groß sind und Gepäck für drei Wochen dabei haben. Da die beiden anderen die Fahrer sind und ich die um wenige Millimeter Kleinste von uns, mache ich es mir nun also seit Tagen auf dem Rücksitz bequem und entwickle eine zunehmend enge Beziehung zu V.s Koffer. Ich habe ihn Rowdy genannt, in Anlehnung an den ausgestopften Hund bei Scrubs, der auch irgendwie immer im Weg ist und trotzdem zur Familie gehört. Der Cinquecento – wir nannten ihn Timbit, eingefleischte Kanadophile wissen wieso – ist uns ebenfalls sehr ans Herz gewachsen. Er fiept laut, wenn man nicht sofort angeschnallt ist, sobald der Zündschlüssel steckt, er pupst laut, wenn man die Zentralverriegelung bedient und er gerät mit seiner schweren Ladung auf den vielen steilen Steigungen im wilden Québec ganz schön ins Schnaufen, trotz Sport-Knopf. Man muss ihn einfach lieb haben.
Lieb haben muss man auch die Landschaft. Wälder, Felsen, Flüsse, Seen, das Meer… ständig gibt’s was zu gucken, anzuhalten und zu fotografieren. Dazu kommen diverse Stachelschweine, Waschbären, Kojoten und Stinktiere sowie die Laubfärbung. Einige Gegenden sind noch komplett und im Sommermodus, andere leuchten in diversen Gelb- bis Rotschattierungen. Da wir so weite Strecken zurücklegen und die Höhenunterschiede gewaltig sind (vom Meer hinauf bis auf rund 1000 m Höhe) kommen wir also durch verschiedene Klima- und Jahreszeitenzonen. Und immer ist da die Hoffnung, dass jetzt doch endlich mal irgendein Elch seine Nase aus dem Wald steckt. Gäbe es so viele Elchbegegnungen wie Baustellen, dann hätten wir schon ein ganzes Fußballfeld mit der Losung düngen können. Vielleicht klappt es ja noch – es ist ja zum Glück noch eine ganze Ecke Urlaub übrig.

Reisetagebuch Kanada 2013 – Teil 1

Man kann sowieso nie genug reisen. Die Welt ist viel zu groß und hat viel zu viel zu bieten, als dass man irgendwann einfach fertig sein könnte. Vor allem, wenn einem die eigene Familie in den Rücken fällt und einfach einen zweiten Familiensitz in einer so schönen Gegend aufmacht, dass man einfach immer wieder hinfahren muss. Keine Ahnung, was sie sich dabei gedacht haben und wann ich den ganzen riesigen Rest Welt angucken soll, aber jetzt jedenfalls sitze ich wieder im Paradies in der Wildnis, mit Blick auf eine stille Atlantikbucht und höre auf die Grillen. Der Mann muss ja schließlich mein Zuhause kennen und dieses Stück östlichstes Kanada mit Meer, Wald, Holzgeruch und WLAN gehört nun mal dazu.

Er hat das auch gleich eingesehen und ist seit unserer Ankunft – solange er nicht gerade kocht, isst, schläft oder liest, damit beschäftigt, zu gucken. Mit dem Fernglas auf Vögel zum Beispiel. Oder ohne Fernglas, vom Kanu aus auf die Robben draußen auf den Felsen. Oder auf die Buckelwale beim Whale Watching in der Bay of Fundy. Und er kann nach Herzenslust angeln. Neun Makrelen brachte er beim ersten Versuch, mit einem Nachbar vom Wharf im Hafen aus geangelt, heim. Mission 1 ist also erfüllt: Er liebt es hier und versteht, dass man immer wieder kommen muss.

Mission 2 ist Erholung und davon gibt es momentan nicht zu knapp. Die Arbeit ist ganz weit weg und bis auf das Planen der nächsten Reiseabschnitte beschränken sich unsere Tätigkeiten auf das Schöngeistige, Ruhige: essen, lesen, paddeln, die Küste entlangfahren, Tischtennis spielen, Musik hören, erzählen, Filme sehen. 

Heute Abend wird es dann etwas lauter – Konzertnacht in der Community Hall. Wer Gilmore Girls kennt, stellt sich einfach einen Raum in der Größe von Miss Patty’s vor, ein paar Snacks, Getränke, eine Bühne und ein bunt gemischtes Publikum. Ein Künstler reist aus der Provinzhauptstadt an, eine lokale Singer-/Songwriterin ist an Bord und eine deutsch-amerikanisch-kanadische Coverband aus (Teilzeit-)Locals gibt Ihr Können zum Besten. Der Höhepunkt der Saison sozusagen, wird bestimmt großartig.

Den heutigen Regentag verbringen wir mit den Vorbereitungen auf den Roadtrip, auf den wir uns am Montag begeben: Wäsche waschen, Übernachtungen buchen bzw. verabreden (größtenteils besuchen wir unterwegs Freunde) und einigen Besorgungen. Morgen sind wir dann in der Stadt beim Sightseeing und holen den Rest der Bände vom Flughafen ab. Dieses Wochenende wird es voll im Paradies.

Tagebuch-5 im September

Der Wecker klingelt diese Woche zum ersten Mal zu seiner Standardzeit um 8:30. Endlich ein Tag ohne Spätschicht oder frühmorgendliche Termine. Ich kann also ganz entspannt auf dem iPhone meine E-Mails, Facebook, Twitter, Instagram und Feedly checken. Wenn man das so fleißig und regelmäßig tut wie ich, reicht.die halbe Stunde, die ich brauche um voll funktionsfähig zu sein, dafür genau aus.

Da wir übermorgen in den Urlaub fliegen, packe ich heute die Kuchenreste vom 60. des Papas des Mannes als Frühstück fürs Büro ein und füllle eine Schüssel mit den übrig gebliebenen Äpfeln und Pflaumen vom letzten Beutezug auf dem Land, um sie den Kollegen überzuhelfen. Auf dem Weg ins Büro dann ein Anruf meiner Ärztin, die mich schnellstens in ihre Praxis beordert, um mir ein Antibiotikum in die Hand zu drücken. Der Blasen-„Dauerbrenner“ (pun intended) mal wieder…
Liegt zum Glück auf dem Weg ins Büro, so dass ich nur 20 Minuten zu spät und ein wenig abgehetzt ins Büro komme. Was bleibt, ist die Frage, ob ich bei der regelmäßigen Einnahme ein bisschen schummeln darf. Heißt dann dank Zeitverschiebung ab Sonntag nämlich 5 Uhr morgens Tablette einwerfen. Aber vielleicht klappt das ja mit dem Jetlag dann sowieso…
Zum Mittagessen traf ich mich zum ersten Mal mit meiner Mentorin. Bei uns in der Firma gibt es ein Mentoring-Programm von Frauen in Führungspositionen für Frauen in Nicht-Führungspositionen. Wir kannten uns bereits vom Sehen und unterhalten uns bei Pasta und Wareniki über unseren bisherigen Lebensweg, unsere Arbeit und darüber, was uns im Programm die nächsten sechs Monate lang erwartet. Am Ende bekam ich die Hausaufgabe gestellt, mir darüber Gedanken zu machen, wo ich mich in zehn Jahren sehe. Neben regelmäßigen Seminaren treffen wir uns jetzt alle zwei Wochen zum Mittagessen – natürlich erst wieder nach meinem Urlaub.
Einen großen Teil des Nachmittags verbrachte ich damit mein Postfach aufzuräumen und Mails zu löschen. Während ich weg bin, ziehen nämlich unsere Mails um, das muss ich also bis morgen Abend noch fertig bekommen.
Nach der Arbeit schaute ich kurz in der Wohnung meiner Eltern vorbei, um noch etwas abzuholen, dass ich ihnen nach Kanada mitbringen soll und einen Plausch mit meiner Cousine zu halten, die dort derzeit logiert.
Zuhause kochten wir uns dann ein Mangold-Graupen-Risotto mit getrockneten Tomaten vom Chefkoch und planten weiter freudig den Urlaub.
C’ést tous!

20 Jahre

Nächstes Jahr ist es 20 Jahre her, dass ich von der Grundschule aufs Gymnasium gewechselt bin. In Worten: zwanzig. Eine unvorstellbar hohe Zahl an Jahren. Wer damals geboren wurde, arbeitet heute (evtl.), hat eine Facebook-Seite (oder schon nicht mehr, weil uncool) und darf wählen, Auto fahren und Schnaps kaufen.

Das ist außer mir auch anderen aufgefallen und so bekam ich eine Mail von meiner Mutter, in der sie gefragt wurde, ob sie meine Mutter sei und sie den Kontakt herstellen könnte. (Wundert mich ein wenig, denn man kann mich ja relativ einfach googlen, findet mich dann auch direkt und kann mich, so man denn bei den einschlägigen Social Networks Mitglied ist, auch anschreiben – vorausgesetzt man schreibt meinen Namen richtig…)

Nunja, ich kontaktierte also und verbrachte auch einige Zeit damit, meine ehemaligen Klassenkameraden zu googlen. Relativ viele sind mir eingefallen, aber irgendwie scheint mir die Zahl so klein zu sein – waren wir wirklich nur so wenige? Dorfschule eben, einzügig.

Einige haben Namen, mit denen man bei Google keine Chance hat, einige andere habe ich gefunden. Viele von denen, die bei Facebook sind, haben geschützte Profile oder keine Profilfotos, so dass man sich nicht ganz sicher sein kann, die richtigen erwischt zu haben. Wenn man sie denn auf den Fotos erkennt, was teilweise gar nicht so einfach ist.

Und dann noch die Sache mit den geänderten Nachnamen. Diejenige, die meiner Mutter anschrob, heißt heute anders als damals und da wir zwei mit ihrem Vornamen in der Klasse hatten, wusste ich erst nach einer Google Bildersuche, um welche von beiden es sich handelte. Sie habe ich relativ leicht erkannt, aber wow, sieht sie anders aus. Tun sie alle, mehr oder weniger.

Die einzigen, mit denen ich nach 1994 noch Kontakt hatte, waren die, die ebenfalls aufs Gymnasium in die Stadt gingen – und auch da war seit dem Abi dann nichts mehr. Sollte es also nächstes Jahr zu dem Treffen kommen, dann wird es ein Abend voller Überraschungen…

It ain’t over ‚til it’s over!

Es ist nicht vorbei, bevor es nicht vorbei ist, möchte ich all den Menschen zurufen, die – beeinflusst von Gehirnwäsche einer Verschwörung, wie ich vermute – von einem Stimmungswechsel auf dem Jahreszeitenbarometer faseln. 

Der Sommer ist die wichtigste und schönste Jahreszeit von allen. Mein Kalender sagt, er fängt an meinem Geburtstag an und er hört am 22. September auf. Bis zur Bundestagswahl überhöre ich also sämtliche Unkenrufe, genieße die Sonne, die Sommerfrüchte, das Eis und das Draußenherumlungern. Außerdem fahre ich in einer Woche für drei Wochen in den Sommerurlaub und werde dort im Atlantik baden, an Lagerfeuern sitzen und so richtig einen auf große Ferien machen.
Wenn dann einen Tag nach der Wahl die Stimmung im Land eh am Boden ist, weil immernoch die falschen regieren (die Richtigen werden es wohl erst in einer rot-rot-grün-orangenen Koalition, vielleicht), dann könnt Ihr meinetwegen Herbst machen. Ich fang frühestens nach dem Urlaub damit an.
Frei nach den Wise Guys:
Jetzt ist Sommer/
Egal, ob man schwitzt oder friert/
Sommer ist, was in Deinem Kopf passiert!

Zu viele Zahlen

Im Moment ist es hier sehr ruhig, was unter anderem, nicht nur, aber auch, daran liegt, dass in meinem Kopf gerade so viel verschiedenes herumschwirrt und um Aufmerksamkeit heischt.

Auf Platz 1 steht selbstverständlich die Arbeit. Unsere Abteilung wird gerade prozesstechnisch gehörig durcheinander gewirbelt, in der Urlaubszeit und bei unglücklicherweise recht hohem Krankenstand. Da die beiden Instanzen über mir aus ebensolchen Gründen nicht da sind, übernehme ich teilweise deren Aufgaben mit und habe nebenbei ein Auge auf Vieles.
Auf Platz 2 steht die Wohnungssuche, die uns ordentlich in Beschlag nahm. Zum Glück ist die jetzt erfolgreich abgeschlossen, aber natürlich tauchen sofort neue Themen auf: Schlüssel, Ausmessen, Raumplanung, Farbgebung, was kommt mit, was kommt weg und wann kümmern wir uns darum sowie die Logistik von Wohnungskündigung, solidarischer Wohnungsweitervermittlung (es sucht ja wirklich jeder gerade), Malern, Laminat verlegen und schlussendlich umziehen und die Altwohnungen übergabefertig machen.
Drittens haben wir uns die letzten Wochen auch damit beschäftigt, sechs kleine Katzenkinder möglichst gut zu vermitteln, die auf dem Hof des Mannesbruders auftauchten, aber ihm nicht gehörten. Vier haben wir geschafft, die letzten zwei Rabauken nehmen wir jetzt höchstwahrscheinlich selbst, aber eben erst nach dem Umzug. Da der aber erst in 3 Monaten ist, besteht die Überlegung, die Biester schonmal nach Berlin zu holen und bei zweien ihrer Ziehgeschwister (und deren Dosenöffnern) einzuquartieren, damit sie sich schonmal an das Wohnungs- und Balkonleben gewöhnen und der Schock dann nicht erst mit 6 Monaten auf sie wartet. Oder sollte man ihnen so lange wie möglich die freie Streunerei auf dem Land gönnen? Expertenmeinungen gerne in die Kommentare…
Nummer Vier ist das Quiz, das heute stattfindet und für das es wir jeden Monat galt, ein möglichst starkes und zuverlässiges Team zu finden. Hat ganz gut geklappt, aber wie immer muss man mit kurzfristigen Absagen, Krankheitsfällen etc. jonglieren.
Die 5 ist das dieswochenendliche Familientreffen, bei dem viele Dinge verschiedenen Leuten mitzubringen sind.
Sechstens musste ich dem Finanzamt mitteilen, dass ich die Steuererklärung noch nicht machen kann und dem Wahlamt, dass ich briefwählen werde.
Weil wir nämlich (6.) in zwei Wochen für drei Wochen in den Urlaub fahren. Dafür müssen noch einige Übernachtungen und Treffen mit Freunden organisiert werden. 
Immerhin habe ich dann aber mal 21 Tage lang Ruhe vor den Punkten 1-5 und vielleicht mal Zeit, mich um Punkt 7 zu kümmern: den Städtetrip mit vier Freundinnen aus der Schulzeit, den ich zum Geburtstag bekommen habe und der am Wochenende nach unserer Rückkehr stattfindet.
Irgendwann danach ist dann vielleicht auch mal wieder Zeit für so lapidare Dinge wie einkaufen, Wäsche waschen, saubermachen und Co…

Unglücklich platzierte Werbung

Bei der Mädchenmannschaft, in einem Artikel über die Schwangerschaft des Trans*Manns Thomas Beatie…

Ansonsten natürlich ein sehr interessanter Artikel.