20.05.2026 – Optimismus! – re:publica 2026 Tag 3 #rp26

Heute Nacht sind Noosas Pfoten und Krallen wieder sehr anhänglich, der Schlaf wird ziemlich oft unterbrochen und die Nacht ist dann sehr früh vorbei. Ich mache mir einen weißen Tee und lege mich für den morgendlichen Reboot wieder hin. Ausführliches Internetleerlesen und Bloggen, Französisch, Italienisch, Rätsel. Dann stehe ich auf, ziehe mich an, telefoniere mit dem Liebsten und frühstücke Rosinenstuten mit Erdnussbutter und Marmeladen und Mispeln auf dem Balkon.

Heute schaffe ich es pünktlich um 10 zur ersten Session, es geht um die Young-Adult-Serie „A Good Girl‘s Guide to Murder“, die eine Koproduktion von BBC, Netflix und dem ZDF ist, und ihren Weg vom erfolgreichen Buch über BookTok ins Fernsehen und Streaming nahm. Vier Frauen vom ZDF erklären, wie es dazu kam und dann auch, wie die Vermarktung über soziale Medien stattfand und dem ZDF eine eher ungewöhnliche neue Zielgruppe erschlossen wurde. Neben mir sitzt Yasmina Benz, mit der ich mich hinterher noch ausführlicher über dies und das unterhalte. Fortsetzung folgt hoffentlich bald.

Es folgt eine Session mit Marcus Beckedahl und Henning Besser von Deichkind, der Einblicke in die Entstehung der Werke und Shows des Projekts (nicht: der Band) gibt. Sehr interessant, aber ich muss nebenbei den Laptop rausholen und ein paar Arbeitsdinge klären, deswegen kriege ich nicht alles mit.

Danach nutze ich die Gunst der Stunde, das eine Session supervoll ist, und gehe raus auf den Hof und hole mir eine frühe Pizza. Die mediterrane ist alle, also gibt’s eine Margherita mit witzigem Dialog: „Mit Oregano? Mit Chili-Öl? Nimm Dir gerne Basilikum dazu!“ „Mit alles und scharf!“ „So Schaf ist das nicht, eher Ziege.“ Beim Essen lese ich dann auf dem Instagram-Kanal einer meiner beiden Lieblingspizzerien in Procida (nicht die, in der Stanley Tucci gerade gedreht hat, sondern in der mit dem besten Dessert der Welt), das ihnen eine Tochter geboren wurde. Sie heißt – Trommelwirbel – Margherita. Und absolut niemand macht in den Kommentaren einen Witz darüber. Italiener*innen sind anders. Oder der Name ist dort normaler als hier.

Während ich esse fängt es außerdem an, zu regnen, so dass ich mich nach Drinnen retten muss. Ich hole mir einen weiteren Iced Matcha Latte (das Erdbeerpüree ist alle) und dazu ein Himbeercroissant gegen das Pizzakoma. Das in der Hand treffe ich am Affenfelsen auf die Kaltmamsell und setze mich einfach zu ihr. Wir unterhalten uns gut, während ich esse und wir auf unsere jeweilige nächste Session warten. Vielen Dank dafür!

Dann schaue ich mir an, wie Katharina Dröge und Karl Lauterbach darüber streiten, ob man auf X bleiben darf. 98 % der Menschen im Publikum sind schon weg und unterstützen Katharina Dröge lautstark mit Applaus, aber Karl Lauterbach bleibt bei seiner Haltung und seinen Argumenten, in Verkennung der technischen Tatsachen. Man fragt sich aber auch, warum Katharina Dröge (und der Rest der lautstark wechselnden Spitzenpolitiker*innen von SPD, Grünen und Linken) auf der Suche nach einem besseren Algorithmus nicht direkt bis zu Mastodon wandern, wo es schlicht keinen gibt.

In der nächsten Session sprechen Julius Geiler und Robert Ide über die fehlenden Nachrichtenmedien in und über Ostdeutschland, stellen ein paar Positivbeispiele vor (auch Podcasts, Newsletter, Blogs etc.) und blicken am Ende hoffnungsvoll in die Zukunft: Das Problem ist erkannt, immer mehr Medien nehmen sich der Sache an und dann kann man auch eine Ostdeutsche Allgemeine dazwischen aushalten.

Ich ziehe weiter zur Spezial-Podcastfolge von Battle of the Nerds, mit dem Pool Artists gerade den Deutschen Podcastpreis für Innovation erhalten haben (eine liebe Kollegin von mir saß in der Regie). Als ich ankomme, endet gerade die TINCON und ich sehe erstmals auf dieser re:publica Tanja und Johnny Haeusler auf dem Gelände, was sehr schön ist. Dann Nerdwissen testen – ich bin so im Mittelfeld, was aber an der Auswahl an Nerddoms liegt, die abgefragt werden.

Dann „Die Entkrempelung der Welt“ mit Gabriel Yoran, von dem ich schon vieles auf den sozialen Medien mitbekommen habe. Live und ausführlicher auch sehr erkenntnisreich und unterhaltsam. Mitgenommen: Wir sollten Produktdesign von Frauen machen lassen, die haben weniger Zeit für unnütze Spielerei. Und: Wir opfern unsere Zeit und Nerven unnützen oder schlecht gemachten Produkten, steigern damit die Umsätze der Unternehmen, in die wir mit unseren ETFs investieren und sichern durch den ganzen Schlamassel unsere Altersvorsorge. Es ist eine Abwägung…

Dann wird es kurz nochmal ernst, vier weiße blonde Frauen diskutieren über die Auswirkungen des autoritären Backlashes auf die DEI-Bemühungen von Unternehmen und Institutionen. Vor ein paar Jahren war die Welt noch eine bessere, inzwischen wird viel gekürzt und verwässert oder zumindest hinter neuen Labels versteckt. Gutes Tun wird schwieriger in diesen Zeiten.

Dann aber Closing Ceremony, bei der das Publikum (und Marcus Beckedahl?) ordentlich gerickrolled werden. Außerdem wieder ermutigende Zahlen (deutlich mehr als die Hälfte der Besucher*innen und Speaker*innen sind weiblich), ein ordentlicher Abschied für Johnny und Tanja (der bei der Opening Ceremony schlicht gefehlt hatte) und schöne, hoffnungsvolle Worte zu den Beiden. Darüber, wie es die Welt besser macht, wenn man Räume so gestaltet, dass sich Frauen dort wohl fühlen, weil sie dann für alle ein besserer Ort sind. Darüber, dass sich bei der re:publica alle auf einen Mindestkonsens (Menschenrechte, Demokratie und sowas) einigen können. „Wir haben alle unterschiedliche politische Ansichten, da hinten sitzt vielleicht jemand, der wählt FDP, aber alle anderen eben nicht.“ Und natürlich keine AfD auf den Bühnen. Johnny zitiert Joe Strummer und Woody Guthrie und sagt, dass wieder bessere Zeiten kommen werden und wir uns auf die vorbereiten müssen. Dann singen Hunderte Menschen zusammen Bohemian Rhapsody und ich denke, so lange all das möglich ist, werden die Faschisten wirklich nicht gewinnen. (Fingers crossed.)

Dann aber schnell um Nieselregen nach Hause. Ich kaufe noch schnell was im Asiamarkt ein und bin dann kurz vor 9 zuhause. Noosa will kuscheln und spielen, ich koche mir eine Misosuppe mit Algen, Seidentofu und Ramen und trinke dazu Mangostane-Saft.

Ich schaue Colbert-Highlights von gestern (vorletzte Sendung!), telefoniere mit dem Liebsten und schaue dann noch die Session von Arne Semsrott nach, deren Applaus mich in der DEI-Session immer abgelenkt hat und die inhaltlich perfekt in die optimistische Stimmung passt. Dann aber ab ins Bett, morgen geht’s wieder ins Büro!

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