Reisetagebuch 12. September 2019 – Gallipoli #loosinterrail #eatalien

Nach gut durchgeschlafener Nacht morgens vom Hahn geweckt zu werden, ist schon ganz in Ordnung. Ebenso das reich gedeckte Frühstücksbuffet des Agriturismo, auf dem u. a. verschiedene selbst gebackene Kuchen, hausgemachte eingelegte Gemüse und selbstgemachte Marmeladen stehen. Wir lassen es uns zum Frühstück so richtig gut gehen und auch der Kaffee fließt in Strömen.

Nach dem Essen nehmen wir erst einmal auf der Terrasse Platz. Mein Bruder, der Wissenschaftler, muss nämlich noch ein bisschen arbeiten, bevor sein Urlaub so richtig anfangen kann. Ich nutze die Zeit erst zum Bloggen und dann für einen Spaziergang über den Agriturismo, auf dem neben Wein und Oliven unter anderem auch Granatäpfel, Feigen, Kaktusfeigen, Kakis, Quitten und verschiedene Zitrusfrüchte wachsen.

Als die Arbeit beendet ist, fahren wir an einen nahegelegenen Strand, an dem wir, ganz deutsche Urlauber zur schönsten Mittagshitze ankommen. Immerhin haben wir einen Schattenplatz ergattert. Bis ungefähr 15 Uhr liegen wir am Strand, lesen, sonnen uns, baden und beobachten später, als der Wind auffrischt, unzählige Kitesurfer beim Üben ihrer Kunststücke.

Dann geht es zurück zum Agriturismo: duschen, umziehen und kurz etwas ausruhen, bevor wir nach Gallipoli hineinfahren, um die Stadt noch einmal bei Tageslicht zu sehen. Erster Halt ist eine Bar, in der es Kaffee und Codine mit Schoko- bzw. Cremefüllung gibt.

Danach bummeln wir in die Altstadt und suchen uns ein schönes Plätzchen für einen Aperitivo bei Sonnenuntergang und finden es genau an der Westspitze der Insel, auf der die Altstadt liegt. Es gibt Aperol Spritz bzw. Martini Spritz und dazu Friselle mit Kirschtomaten, Tramezzini mit Käse und Thunfisch, Oliven, Erdnüsse, Taralli und Chips.

Irgendwann haben wir ausgetrunken und suchen uns dann noch eine Trattoria fürs Abendbrot – so ein Urlaubstag ist echt anstrengend!

Es gibt dann aber nur ein relativ leichtes Abendbrot mit Burrata, Coppa, Caciocavallo und eingelegten Gemüsen, bevor wir zurück zum Agriturismo fahren und ins Bett fallen – morgen wird ein langer Auto-Tag, denn es geht vom Absatz des Stiefels bis zur Spitze!

Reisetagebuch 11. September 2019 – Alberobello und Gallipoli #loosinterrail #eatalien

Die Nacht im Sechsbettzimmer, bei offenem Fenster direkt neben der Straße und den Bahngleisen, ist weniger schlimm als erwartet. Trotzdem wache ich ungefähr alle zwei Stunden auf. Gegen sieben ist die Nacht dann endgültig vorbei, weil der erste Wecker klingelt und die ersten Zimmernachbarinnen aufstehen, packen und gehen. Ich lasse mir noch etwas mehr Zeit und lese erstmal gemütlich das Internet leer und verblogge den gestrigen Tag. Dann stehe auch ich auf und setze mich in die Küche, um meine Vorräte zu frühstücken. Aus dem letzten AirBnB habe ich mir noch ein Cornetto mit Schokofüllung und ein paar Waffeln mitgenommen, außerdem habe ich noch Trauben von gestern Abend. In der Küche finde ich noch eine aufgeschnittene Wassermelone, die an der sich alle bedienen dürfen und eine brasilianische Mitgästin hat gerade Kaffee gekocht. Es wird also ein entspanntes und sogar relativ ausgewogenes Frühstück. Danach nehme ich meine getrockneten Sachen von der Leine, ziehe mich an, packe meinen Rucksack und mache mich auf Richtung Bahnhof. Heute geht die Zugfahrt allerdings nicht weit, denn ich muss nur zum Flughafen, um meinen Bruder abzuholen.

Der kommt auch ganz planmäßig an und wir gehen erstmal zur Bar, um Cappuccino und frisch gepressten Orangensaft zu trinken. Danach holen wir unseren Mietwagen ab und der Roadtrip beginnt. Für die nächsten acht Tage hat mein Interrail-Ticket Pause und wir übernachten in schönen Agriturismi, deswegen gesellt sich zum #loosinterrail jetzt auch der von meinem Bruder vorgeschlagene #eatalien. Unsere erste Station ist Alberobello, dessen Altstadtviertel mit diversen Trulli zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Leider wissen das außer uns auch jede Menge anderer Touristen und das ganze Viertel wirkt eher wie Disneyland. Überall kleine Lädchen, die Kitsch verkaufen und mit dubiosen Angeboten leichtgläubige Touris anlocken.

Wir verziehen uns recht schnell in die “normaleren” Viertel der Stadt, denn wir haben Lust auf Panzerotti, typisch apulisches Streetfood, die wir in einer Bar mit einer Tomaten-Mozzarella-Füllung bekommen.

Ein paar Meter weiter gibt es einen Belvedere, von dem man noch einmal einen schönen Blick von oben auf die Trulli bekommt.

Dann fahren wir weiter Richtung Salento, die Gegend, die den Absatz des italienischen Stiefels einnimmt. Auf den ersten Kilometern gibt es noch hier und da Trulli, die etwas authentischer wirken und sich organisch in die Landschaft einfügen. Dann geht es vor allem durch Obstwiesen und Olivenhaine. Unser Ziel ist heute Gallipoli, wo wir uns auf einem Agriturismo eingemietet haben, der von Reben und Olivenbäumen umgeben ist. Leider ist das hauseigene Restaurant derzeit geschlossen. Wir ruhen uns kurz aus und fahren dann nach Gallipoli, um der Empfehlung unseres Gastgebers entsprechend in einer Trattoria zu essen.

Wir teilen uns die Antipasti des Hauses, die aus gratinierten Miesmuscheln, Tintenfisch-Bällchen, mariniertem Schwertfisch, Auberginentarte, Gemüsepastete und den typischen Friselle besteht – eingeweichtem trockenem Brot mit Olivenöl und Kirschtomaten. Dazu gibt es einen schönen Negroamaro aus der Gegend.

Als Hauptgang wähle ich die Orecchiette mit Cime di Rapa und mein Bruder Ravioli mit einer Burrata-Füllung und Tomatensauce und eine Insalata Mista. Für einen Fisch- oder Fleischgang sind wir dann leider zu vollgefressen, ebenso wie für den Nachtisch. Wir entscheiden uns stattdessen für einen Spaziergang durch die Altstadt von Gallipoli, die auch hier der eigentlichen Stadt vorgelagert auf einer Insel liegt, die nur über eine Brücke zu erreichen ist. Obwohl ich eigentlich satt bin, passt eine Granità aus frischem Zitronensaft dann doch noch rein, bevor es “nach Hause” und ins Bett geht.

 

Reisetagebuch 10. September 2019 – Bari #loosinterrail

Nachdem ich ja gestern Abend blöderweise im Arbeitstunnel gelandet war und dann ewig nicht einschlafen konnte, wache ich nach unruhiger Nacht auch noch viel zu früh wieder auf. Im Halbschlaf schaue ich mir meinen Reiseplan für den heutigen Tag an und stelle fest, dass meine ausgesuchte Verbindung ja gar nicht mit dem Zug, sondern mit dem Bus stattfindet und außerdem ganz schön spät losgeht und ich noch jede Menge Zeit zu vertrödeln hätte. Also vergleiche ich nochmal mit Verbindungen mit Reservierungen und finde einen Zug, der zwei Stunden früher fährt und der den Vorteil hat, dass ich damit dann auch zwei Stunden früher in Bari bin. Da heute Waschtag ist und ich ja trotzdem noch etwas von der Stadt sehen möchte, ist das auf jeden Fall günstig. Ich buche also die Reservierung (gar nicht so einfach, die Usability der entsprechenden Webseite ist der Horror und über die App klappt es gleich noch viel weniger) und beschließe dann gegen halb sieben, dass die Nacht jetzt wirklich beendet ist und verblogge den gestrigen Tag.

Dann stehe ich tatsächlich auf. Mit Musik, einer Dusche und Kaffee komme ich gut in einen erträglichen Wachmodus. Ich frühstücke Cornetto mit Aprikosenmarmelade und weiteren Süßkram, den der Host bereitgestellt hat und trinke neben dem Kaffee noch sowohl Birnen- als auch Pfirsichsaft. Dann packe ich ganz entspannt meine sieben Sachen zusammen und komme langsam wieder zurück in das Urlaubsgefühl, das mich durch die Tunnelsache und die unruhige Nacht irgendwie verlassen hatte. Ich laufe zum Bahnhof und besteige zunächst den InterCity nach Taranto. Durch meine sehr späte Reservierung habe ich leider keinen Fensterplatz bekommen und da alle Rollos unten sind, sehe ich kaum etwas von der Landschaft des Cilento und von den Appeninen, durch die wir fahren (Kampanien, dann kurz Basilicata, dann Apulien). Stattdessen beschäftige ich mich mit Lesen und immer mal wieder Wegdösen. Irgendwann bekomme ich Hunger und halte es auch nicht mehr bis Taranto aus. Also futtere ich das Tütchen spanisches Studentenfutter mit Meersalz aus Ibiza auf, dass mir meine neue Chefin geschenkt hatte und dass ich mir schon für den ersten Zugtag als Reiseproviant eingesteckt hatte. Zum Glück, denn der Bahnhof in Taranto ist gastronomisch eher unterwältigend.

Dort steige ich dann aber wieder in einen Bummelzug um, der mich in knappen anderthalb Stunden nach Bari bringt. Vor dem Zugfenster ziehen Olivenhaine und Obstwiesen vorbei und es sieht alles schon wieder ganz schön schön aus, dieses Apulien. In Bari geht es dann zunächst einmal ins Hostel, das in einer klassischen italienischen Altbauwohnung in einem Palazzo eröffnet wurde. Es gibt drei Dorms mit jeweils sechs Betten, eine Küche, ein Bad mit Wanne, einen Aufenthaltsraum, ein Büro und vor jedem Zimmer einen Balkon. Der Mitarbeiter, der mich empfängt, ist Holländer und erzählt, dass er zur Crew eines Schiffes gehört, dass Geflüchtete im Mittelmeer rettet. Als er zuletzt nach Italien einreiste, wurde er am Flughafen erst einmal für fünf Tage in einer engen Zelle festgesetzt, bevor er dann doch hineingelassen wurde. Jetzt verbringt er eine Weile hier in Bari und ab Oktober geht es für die nächste Tour aufs Schiff. Außer ihm gibt es noch die italienische Inhaberin des Hostels mit ihren zwei kleinen Hunden, die mir und anderen Gästinnen erst einmal etwas von ihrer Hackfleischpastete abgibt und allen Kaffee serviert.

Wir müssen nämlich noch warten, das Buchungssystem erlaubt Check-ins erst ab 17 Uhr. Zeit, im Internet herumzuklicken, mit den anderen zu quatschen und Wäsche zu waschen. Die Waschmaschine steht, wie in Süditalien anscheinend häufiger, auf einem der Balkons. Ich ziehe mich schnell noch um und werfe dann alles, was ich in den letzten 10 Tagen anhatte hinein. Das Programm dauert nur eine halbe Stunde. Danach kann ich die Wäsche auf dem Balkon meines Dorms aufhängen und dann auch schon offiziell einchecken. Und dann geht es hinaus in die Stadt. Über den Corso Cavour (italienische Straßen heißen ja alle gleich – überall gibt es eine Via Roma und Straßen oder Plätze, die nach Garibaldi, Cavour, Mazzini oder Vittorio Emanuele benannt sind) laufe ich hinunter zum Wasser. Hallo Adria, da bin ich wieder!

Ich liebe ja Städte, in denen man einfach am Ufer entlang laufen kann, sei es nun an einem Fluss, am See oder am Meer. Bari ist nun eine derer, in denen die komplette Altstadt auf einer Art vorgelagerten Halbinsel liegt – ähnlich wie zum Beispiel Siracusa auf Sizilien oder Cádiz in Andalusien. Ich laufe also zunächst einmal schön am Wasser entlang und fast um die ganze Altstadt herum, bevor ich mich in das Gassengewirr weiter drinnen stürze, dass mich mit seinen hellen Steinen und dem labyrinthischen Gewirr irgendwie auch an Eivissa, den Hauptort auf Ibiza erinnert.

Der Reiseführer und mein Appetit sagen, dass ich bei Maria einkehren und Sgagliozze essen soll – also in Sonnenblumenöl frittierte Polenta-Stückchen mit Salz. Aber als ich vor dem Laden ankomme – eigentlich ist es ein klassisches “Hole-in-the-wall”, sitzen Maria und ihre Kumpan*innen noch gemütlich davor auf einer Bank – aufgemacht wird hier erst um 18 Uhr. Also spaziere ich noch ein wenig weiter durch die Gassen und setze mich dann an die Basilica St. Nicola, um etwas über die Geschichte der Stadt zu lesen. Dabei erfahre ich, dass hier tatsächlich die Gebeine vom Nikolaus bestattet sind, irgendwie passend, dass er auf dem Stiefel liegt, oder?

Als die Glocken dann 18 Uhr läuten, laufe ich zurück zu Maria, wo inzwischen das Öl erhitzt wird und erste Sgagliozze darin baden. Bis die fertig sind, dauert es aber noch eine ganze Weile. Hinter mir bildet sich schnell eine Schlange, die dann zu einem Menschenauflauf wird und irgendwann taucht auch noch ein Fernsehteam von Rai 1 auf, dass scheinbar eine Doku über Bari dreht und Maria unbedingt dabei haben will. Evtl. kann man mich jetzt am 28. September gegen Mittag im italienischen Fernsehen sehen.

Ich bin dann jedenfalls die erste, die ihre sechs heißen, fetttriefenden und salzigen Sgagliozze für einen Euro in einer Papiertüte überreicht bekommt. Ich setze mich damit auf ein Mäuerchen an der Basilika, auf dem sich bald noch mehr von Marias Kund*innen zu mir gesellen.

Was soll ich sagen, die Dinger sehen gut aus – goldgelb und ein bisschen wie SpongeBob, wie ein Freund auf Facebook kommentiert. Da, wo sie richtig schön knusprig sind, schmecken sie lecker – halt knusprig, fettig und salzig. Wo es weniger knusprig ist, ist es halt herzhafter Grießbrei mit Sonnenblumenöl. Kann man machen, muss man aber nicht. Aber dafür bin ich jetzt für einen Euro schon wieder ziemlich satt. Ich beschließe, mir für den Abend kein Restaurant zu suchen, sondern einfach noch eine Rispe Kirschtomaten und zwei Handvoll Trauben zu kaufen (macht zusammen ebenfalls nochmal einen Euro) und mich damit ans Wasser zu setzen.

Auf dem Weg dorthin komme ich an einem weiteren, etwas improvisierteren und weniger berühmten Sgagliozze-Stand vorbei und sehe, wie die Polenta-Stückchen entstehen.

Dann setze ich mich auf die Hafenmauer, beobachte einen Angler, gucke aufs Wasser und wasche meine Tomaten, die ganz erdig sind, mit dem Wasser aus meiner Wasserflasche. Bis zum Sonnenuntergang habe ich mein Mahl beendet – die zweite Handvoll Trauben lasse ich mir fürs morgige Frühstück.

Da ich an der Ostküste bin, findet der Sonnenuntergang natürlich nicht über dem Meer statt, aber das habe ich auf dieser Reise hoffentlich noch ein- bis zweimal. So sieht zumindest der Himmel schön aus. Ich laufe zurück zum Hostel und setze mich dort mit dem Laptop nochmal eine Weile in den Gemeinschaftsraum. Aber irgendwie bin ich zu müde (kein Wunder, nach vier Stunden Schlaf) und lege mich schnell ins Bett. Meine Wäsche ist übrigens nach knappen drei Stunden an der Luft schon so gut wie trocken, aber da es nachts nicht regnen soll, beschließe ich, sie noch hängen zu lassen und erst morgen abzunehmen. Noch ein halber Film auf Netflix und dann wird geschlafen.

Reisetagebuch 9. September 2019 – Amalfi #loosinterrail

Als ich am Morgen erwache, ist es draußen noch grau und regnerisch. Es soll aber bald aufklaren und wieder sommerlich warm werden. Ich mache mir also einen sehr gemütlichen Morgen im Bett – Kapselkaffeemaschine und typisch italienisches Frühstück (Cornetti, Zwieback, Kekse, Marmelade, Saft) stehen direkt im Zimmer, leider alles einzeln verpackt und gar nicht Zero Waste, aber manchmal muss man eben Kompromisse machen. Ich benutze dann auch nur eine Kaffeekapsel und öffne ein Cornetto. Frühstückend plane ich die Reiseroute für die nächsten Tage bzw. Wochen durch Apulien, die Basilikata, Kalabrien und Sizilien und verblogge den gestrigen Tag. Dann ist es zehn Uhr und die Sonne scheint. Ich mache mich also schnell fertig und spaziere dann durch die Innenstadt und am Dom vorbei hinunter zum Hafen, wo ich das Traghetto nach Amalfi nehme.

Die Sonne scheint, es ist warm und gar nicht mal so windig, aber trotzdem stampft das Schiff ganz schön auf den Wellen und die Gischt spritzt uns immer wieder nass, so dass ich mich bei der Ankunft in Amalfi wie frisch geduscht fühle und den Rest des Tages eine Salzkruste auf der Haut trage.

In Amalfi war ich damals mit Il Professore bzw. seiner Familie zwei- oder dreimal. Allerdings fuhren wir damals von Salerno aus die Küstenstraße entlang: Steile Wand nach oben rechts, steile Wand nach unten links, Serpentinen und Reisebusse im Gegenverkehr. Ich erinnere mich noch, wie ich beim letzten Mal ein wenig Panik bekam und nicht mehr rausgucken konnte. Dass ich noch einmal nach Amalfi wollte, war mir seit vielen Jahren klar und daher kam es diesmal ganz selbstverständlich auf die Reiseroute. Aber vor der Anreise hatte ich Respekt. Zum Glück brachte mich mein Host auf die Idee, doch einfach das Schiff zu nehmen. Das ist günstiger als der Bus, geht schneller und ist weniger gefährlich für Leib und Seele. Dafür wird man halt ein bisschen nass, aber bei dem Wetter ist das ja nicht schlimm.

In Amalfi angekommen ist sofort dieses schöne euphorische Gefühl wieder da, wie damals. Alles ist hübsch, das Meer ist tiefblau bis türkis, die Sonne scheint, farbenfrohe Keramik hängt überall und überall leuchten gelb die Zitronen und Zitronensouvenirs. Überhaupt bin ich erst durch Amalfi darauf gekommen, was für eine tolle Frucht Zitronen sind und dass die weit mehr können, als ich immer angenommen hatte. Hier sind sie auch noch besonders groß, mit einer dicken und runzeligen Schale und einem sehr feinen Aroma. Aus den Schalen macht der Papa von Il Professore selbst Limoncello und auch sonst ist für mich seit damals mit Zitronen vieles besser.

Amalfi war früher mal eine bedeutende Republik und dann stürzte im 14. Jahrhundert ein großer Teil der Stadt bei einem Erdbeben einfach ins Meer. Seitdem ist es ein eher kleiner Ort, man könnte sagen ein größeres Dorf und beherrscht wird es von Touristen. Trotzdem ist es superschön da und wenn man schon Kirchen baut, dann doch vielleicht am besten so:

Aber eigentlich bin ich ja wegen der Zitronen hier und da es inzwischen Mittagszeit ist, laufe ich von einem Restaurant zum nächsten und begucke mir die Speisekarte, bis ich mir genau das Menü zusammenstellen kann, das ich möchte. Es gibt Cozze al limone, also Miesmuscheln mit Zitrone, dann Trenette al limone, also Pasta mit einer Zitronen-Käse-Sauce, Zitronenstückchen und Petersilie und dann Delizia al limone, ein Zitronentörtchen, bei dem der Biskuit mit Limoncello getränkt ist. Hauptgericht und Dessert hatte ich von früher noch in guter Erinnerung, die Miesmuscheln mochte ich damals noch nicht. Alle drei Gänge waren unglaublich gut und sorgten für viele wohlige Laute und geschlossene Augen, um besser schwelgen zu können.

Weil es mitten am Tag war, gab es ausnahmsweise keinen Wein zum Essen und dafür hinterher einen Espresso. Dann bummelte ich noch ein wenig durch die Gassen und kaufte mir ein T-Shirt, das mich schon auf dem Hinweg angelacht hatte und mir hoffentlich zukünftig ob seiner Farbe und der mit den Worten verknüpften Erinnerungen immer gute Laune machen wird. Wenn das klappt, sind das 15 sehr gut investierte Euro.

Was noch sehr zuverlässig für gute Laune sorgt, ist das Meer. Deswegen lief ich als nächstes wieder hinunter ans Wasser und setzte mich im Schatten der Mole an den Strand – nicht ohne vorher noch mit den Füßen in den Wellen zu plantschen. Leider hatte ich meinen Kindle in der Unterkunft vergessen und konnte so nicht in der “Italienischen Reise” weiterlesen. Stattdessen las ich die historischen Kapitel des Reiseführers sowie das Internet leer, starrte lange aufs Wasser und versuchte zwischendurch auch kurz, zu meditieren. An einem vollen Strand ist das allerdings etwas schwierig, musste ich feststellen. Kurz nach 17 Uhr brach ich wieder zum Fähranleger auf und dann trug uns das Traghetto über deutlich ruhigere See diesmal recht gemütlich zurück nach Salerno.

Ich verbrachte noch eine gute weitere Stunde dort im Hafen und am Strand, wo ich auch schon am Abend vorher gesessen hatte, und lief dann als es kühler wurde wieder Richtung AirBnB. Unterwegs holte ich mir an einer Friggitoria noch eine frittierte Mini-Calzone mit Mozzarella und eine Cedrata.

Dann wollte ich mir einen gemütlichen Netflix-Abend machen, aber bekam prompt beim Aufklappen des Rechners erstmal eine Mail, dass mein Account gehackt worden wäre. Ich musste also erstmal in Deutschland mit der Netflix-Hotline telefonieren und das klären. Als der Account safe und mein Passwort geändert war, informierte ich meine Mitbewohnerin über die neuen Gegebenheiten und bekam prompt ein süßes Katzenfoto zurückgeschickt. Und weil ich dann in den Gedanken schon so weit in Berlin war, wollte ich noch kurz etwas anderes erledigen: Direkt in meiner ersten Arbeitswoche steht eine Dienstreise an und eine zweite in der Woche danach. Da ich für die erste Reise noch keine genauen Termine hatte und für die zweite noch rechtzeitig Flüge buchen muss, um innerhalb der Reiserichtlinie zu bleiben (es ist leider zu weit, um mit dem Zug zu fahren), loggte ich mich in meinen Arbeits-E-Mail-Account ein.

Und natürlich habe ich es dann nicht geschafft, nur nach den relevanten Informationen zu gucken, sondern mir sprangen direkt noch diverse weitere E-Mails Chat-Verläufe ins Auge. Keine größeren Katastrophen und viele unwichtige Sachen habe ich direkt gelöscht, damit der Einstieg in den Arbeitsalltag in zwei Wochen weniger stressig wird, aber natürlich war ich dann mit dem Kopf gleich wieder in diversen Arbeitsthemen drin, priorisierte bereits im Geiste die Aufgaben für nach dem Urlaub usw. usw. Es dauerte bestimmt eine Stunde, bis ich alles gebucht, überflogen und wegsortiert hatte und mich wieder aus dem Tunnel befreien und einen Film anschalten konnte. Nur leider war mein schöner Urlaubsmodus zumindest für diesen Abend dahin und auch die Nacht verbrachte ich mit viel Grübelei und Planerei statt mit erholsamem Schlaf. Das muss ab morgen ganz dringend wieder anders werden!

Reisetagebuch 8. September 2019 – Neapel und Salerno #loosinterrail

Nach Wein, Aperitivo und noch mehr Wein gestern habe ich eine etwas unruhige Nacht hinter mir, aber zum Glück ist ja Urlaub. Mein Host kehrt am Morgen in die Wohnung zurück, macht uns erstmal Kaffee und wir teilen uns ein schönes Stück Gebäck mit weißer Schokoladencreme drinnen. Dazu reden wir über alles mögliche, vom Lehrerberuf in Italien über Salvini und die neue Regierung bis hin zum Reisen um zu essen. Er ist beeindruckt davon, dass eine Deutsche sich so gut mit den verschiedenen regionalen Spezialitäten auskennt und gibt mir gute Tipps für Neapel, Salerno und Bari, meine nächsten Stationen. Dann mache ich mich mit Sack und Pack auf zum Bahnhof, nur um festzustellen, dass meine Verbindung zum Hauptbahnhof (Termini) heute ausfällt. Ich kann aber die U-Bahn (Metro) nehmen und weil ich so aussehe, als sei ich gerade erst mit dem Zug angekommen, darf ich sogar kostenlos mitfahren. In Termini steige ich dann in den Bummelzug nach Neapel und teile mir einen Vierersitz mit drei jungen Italienerinnen. Eine von ihnen schläft fast die ganze Zeit, die anderen beiden unterhalten sich lautstark und spielen sich gegenseitig Videos vor – ohne Kopfhörer natürlich. Ich verbringe viel Zeit damit, zu bloggen und angestrengt aus dem Fenster zu sehen. Nach etwa drei Stunden sind wir in Neapel (Vom Rom nach Neapel ist ungefähr so wie von Berlin nach Rostock – mit dem Schnellzug zwei Stunden, mit dem langsamen drei, der einzige Unterschied: Es gibt fast auf der ganzen Strecke, außer im Tunnel, guten Internet-Empfang.)

In Neapel habe ich eine halbe Stunde Aufenthalt und große Pläne: Es gilt, in einer Pasticceria Sfogliatelle und Babà zu kaufen und außerdem noch Pizza auf die Hand als Mittagessen (und Katerbewältigung) zu kaufen. Zum Glück gibt es in Bahnhofsnähe reichlich Gelegenheit, all das zu erledigen. Zwar ist die Schlange an der avisierten besten Pasticceria jetzt um die Mittagszeit zu lang, aber in einer anderen bekomme ich, was ich möchte – sogar in meine mitgebrachte Dose verpackt. Die Pizza hole ich mir dann direkt am Bahnhof und ich bin sogar noch ein paar Minuten vor der Zeit am Bahnsteig und kann sie essen, bevor ich in den Zug steige. Der Zug ist dann die Zirkumvesuvia, also die Linie, die um den Vesuv herumführt. Den ersten Teil der Fahrt habe ich ständig das Meer vor dem Fenster und bin sehr froh, es nach einem ganzen Tag ohne in Rom endlich wieder zu sehen.

In Agrigento angekommen laufe ich vom Bahnhof zu meiner Unterkunft und treffe unterwegs bereits auf meinen Host, der mir entgegengelaufen kam. Er hilft mir mit meinem Gepäck und wir unterhalten uns so gut wie möglich auf Italienisch. Als ich zwischendurch nicht weiter weiß und ins Englische wechsle, meint er: “Oh nein, mein Bruder ist der, der Englisch spricht.” – Willkommen in Süditalien! Ich beziehe mein Zimmer, das schon fast ein luxuriöses Apartment mit allem Komfort ist, und mache mich zunächst einmal über die neapolitanischen Leckereien her. Außer Sfogliatelle und Babà hatte mich auch noch eine Codina mit Zitronencreme angelacht.

Kurz nach 17 Uhr wird es draußen etwas weniger heiß und ich bin einigermaßen von der Hetzerei mit schwerem Gepäck erholt und spaziere hinunter ans Wasser. Für heute habe ich keine großen Pläne mehr, außer die Seeluft zu genießen und irgendwann später Mozzarella zu essen. Die Gegend hier ist nämlich berühmt für ihren Büffelmozzarella. Beim Flanieren auf der Promenade erinnere ich mich daran, wie ich vor Jahren mit Il Professore und seinen Eltern hier langspaziert bin. Salerno ist nur eine halbe Stunde von ihrem Zuhause entfernt und die erste Adresse, wenn man ans Meer möchte. Hätte ich mir damals auch nicht träumen lassen, Jahre später nochmal alleine hierher zu kommen. Ich erinnere mich an all die leckeren Dinge, die ich damals hier in Kampanien gegessen habe und die vielen Kilos, die ich bei den Aufenthalten immer zugenommen habe. Der Tag begann morgens mit selbstgebackenem Kuchen, mittags und abends gab es Menüs mit mindestens verschiedenen Antipasti, Pasta, Salat und Dessert – abends meist noch einen Secondo aus Fleisch oder Fisch dazu. Und dazwischen gehörte eine ordentliche Passegiata mit Eis oder Aperitivo in der Bar… Das waren Zeiten, die mich sehr geprägt haben.

Am Ende der Promenade gibt es einen kleinen Strand, an dem ich kurz die Hand ins Wasser halte und mich dann zu diversen anderen Menschen auf die Holzstufen setze. Scheinbar ist das hier der Treffpunkt für die jüngeren Generationen. Aus einem Kiosk ertönt entspannte Musik und man spricht und trinkt und raucht und schaut aufs Meer. Ich schaue nur aufs Meer und zwischendurch ab und zu in mein Telefon.

Zwischendurch bekomme ich grunzenden Besuch, sieht aus wie Stitch, hört aber auf den Namen Theo.

Ich warte den Sonnenuntergang ab, der hier leider von den Bergen verdeckt wird und schaue dann noch ein wenig aufs dunkle Wasser, bevor ich wieder so etwas wie ein Hüngerchen verspüre und zurück in die Stadt laufe.

Vor einem Bistro setze ich mich an einen Tisch und bestelle ein leichtes Abendessen – einen Involtino di Melanzane mit Kochschinken, Mozzarella und Béchamel sowie eine klassische Caprese. Dazu gibt es geröstetes Brot mit Olivenöl und Oregano und ein Glas Fiano di Avellino, mein Lieblingsweißwein.

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Danach geht es ab ins Bett und da ich nach Tagen endlich mal wieder WLAN habe, kann ich noch ein bisschen netflixen, bevor ich zufrieden einschlafe.

Reisetagebuch 7. September 2019 – Testaccio #loosinterrail

Eine erstaunlich ruhige Freitagnacht in Rom, so dass ich morgens ausgeruht erwache und die restlichen Trauben und Pflaumen von gestern frühstücke, während ich das Internet leerlese und weitere Reiseplanung betreibe. Gegen zehn geht es dann durch dieses schöne Treppenhaus und den grünen Innenhof nach draußen, wo Testaccio auf mich wartet.

Rachel beschreibt das Viertel gerne als ein großes, dreieckiges Käsestück. An der Spitze befindet sich die Pyramide, die Seiten werden von zwei großen Straßen gebildet, die geschwungene Rinde vom Tiber. Dazwischen befinden sich sehr rechteckig angeordnete kleinere Straßen mit Mietskasernen, eine große Piazza, auf der man zusammenkommt, der überdachte Markt und der ehemalige riesige Schlachthof, für dessen Arbeiter das Viertel einst gebaut wurde. Ich spaziere ein bisschen umher und schaue mich um, entdecke einige der Läden und Restaurants, über die ich schon bei Rachel gelesen habe, und mache mich dann auf den Weg zum Markt, wo ich mit ihr auf einen Kaffee verabredet bin.

Nach immerhin vier Jahren gibt es eine sehr herzliche Begrüßung und wir sind schnell wieder mitten im Gespräch. Kein Wunder: Eine knappe Woche Schreib-Workshop und gutes Essen schaffen eine starke Verbindung. Wir waren damals ja eine recht kleine Gruppe – sechs Teilnehmerinnen, zwei “Anleiterinnen” und zwei Gastgeberinnen – und haben viele Stunden miteinander verbracht und sowohl über Schwach- als auch Tiefsinniges geredet. Trotzdem freue ich mich sehr, dass sich Rachel auch noch an meinen Erdbeeren-Text erinnert, den sie damals gemeinsam mit mir lektoriert hatte. Gemeinsam mit ihrem Sohn Luca* schlendern wir nach dem Kaffee über den Markt. Rachel kauft für Rezepte ein, die sie für ihr neues Buch ausprobiert. Aus Gamberi und Zucchini wird später diese Pasta, für den nächsten Tag sind Hähnchen und Schafsricotta bestimmt, woraus kleine frittierte Fleischbällchen werden sollen.

Mit Rachel in Testaccio unterwegs zu sein ist so, wie man es sich beim Lesen ihrer Texte vorstellt: Die Verkäufer auf dem Markt kennen sie alle und beraten Sie zu ihren Produkten und der besten Zubereitungsart. Ständig trifft sie Bekannte aus dem Viertel und wechselt ein paar Worte mit ihnen. Und als wir gerade darüber sprechen, ob sie mit dem neuen Buch vielleicht auf Lesereise nach Berlin kommt, wird sie von englischen Touristinnen erkannt und angesprochen, die ihre Kolumne im Guardian kennen und deswegen nach Testaccio gekommen sind.

Wir bekommen eine Probierportion Amatriciana angeboten, was mir erlaubt, eine weitere der typischen römischen Pasta-Spazialitäten zu kosten. Dann muss Rachel zurück an den Schreibtisch – die Deadline droht! Wir verabreden uns für den Abend auf einen Aperitivo und ich befasse mich jetzt mal ernsthaft mit meinem Mittagessen. Es wird ein mit Artischocke alla romana und Pecorino belegtes Panino von einer Streetfood-Bude auf dem Markt mit einem Glas Weißwein dazu.

Danach laufe ich zum Mattatoio, dem Alten Schlachthof, der heute vor allem Kunst- und Kulturzentrum ist. Selbst Eric Clapton ist hier schon aufgetreten. Heute hingegen ist es eher leer und ruhig hier und ich verziehe mich schnell in eine ruhige Ecke, um mich ein wenig auszuruhen, zu lesen und den Alkohol im Wein abzubauen. Auf Google Maps sehe ich, dass es in der Nähe einen Orangengarten gibt und spaziere durch ein eher grünes Villenviertel dorthin. Er befindet sich oben auf einem Hügel, von wo aus man einen schönen Ausblick auf Rom hat. Die Nachmittagshitze ist jetzt so richtig da, deswegen suche ich mir ein schattiges Plätzchen und lese weiter im Goethe, der inzwischen in Neapel weilt, wo ich ja morgen auch durchkomme.

Nach einer Weile schaue ich auf und merke, wie zwei weiß gekleidete Frauen mit einem riesigen Ballen Tüll beginnen, einen Bereich abzutrennen und zu dekorieren. Das sieht nach Hochzeit aus. Eigentlich habe ich ja gerade überhaupt keine Lust auf romantischen Kitsch, aber erstens ist es hier sonst sehr schön und zweitens bauen zeitgleich zwei Musiker auf und stimmen ihre Instrumente (Kontrabass und E-Gitarre) und das verspricht dann doch, spannend zu werden. Nach und nach versammeln sich immer mehr weiß Gekleidete, von denen sich einer als der Bräutigam herausstellt. Dann ertönt aus einem Lautsprecher eine Art Dudelsack-Marsch (nicht “Join This Parade”, aber etwas ähnliches) und die Braut erscheint. Als alle versammelt sind, gibt es noch “Amazing Grace” vom Dudelsack-Band und dann beginnt die Zeremonie, die etwa anderthalb Minuten dauert.

Die Familien stellen sich in einer Reihe hinter dem jeweiligen Teil des Brautpaares auf, jeweils mit der rechten Hand auf der Schulter der Vorderperson. Die Familie des Bräutigams sieht irisch-schottisch aus, die der Braut südostasiatisch. Ein Schal wird um die Hände des Paars gewickelt, ein paar Worte werden gesprochen, dann darf die Braut geküsst werden und es wird applaudiert. Fertig. Jetzt noch Schampus und Fotos und dann wird der Tüll wieder eingerollt. Ich und die anderen Umstehenden sind ein wenig irritiert, wie schnell das jetzt alles ging. Aber dafür fangen endlich die Musiker an zu spielen und bringen feinsten Big-Easy-Südstaaten-Sound zu Gehör, inkl. zweistimmigem Gesang. Ich kann anhand der Lyrics drei der vier Songs identifizieren, sie sind von Tom Waits, Hugh Laurie und Grateful Dead. Ich kann mir nicht helfen, die Musik ist eindeutig das Highlight dieser Hochzeit! (Oder, dass ich im Gehen entdecke, dass neben dem Brautpaar Plüschtiere von Simba und Nala auf dem Boden lagen…?)

Dann wird es Zeit, zur Piazza zurückzukehren, wo inzwischen Rachel, ihr Partner Vincenzo und halb Testaccio beim Aperitivo und Abendschwätzchen versammelt sind, während die Kinder sich nochmal austoben. Ich erzähle Rachel von der Hochzeit und sie erklärt mir, dass das wahrscheinlich eine Flashmob-Hochzeit war. Viele Menschen wollen gerne in Rom heiraten, aber die Kirche oder zumindest die Stadt wollen mit daran verdienen und es ist alles schrecklich kompliziert, deswegen finden vor allem nichtchristlicher Hochzeiten vermehrt spontan auf der grünen Wiese statt, so wie die, die ich eben gesehen habe.

Apropos auf der grünen Wiese: Die Stadt vergibt auch teure Lizenzen dafür, dass Gastronomiebetriebe Stühle nach Draußen stellen dürfen. Die Bar, bei der wir uns treffen hat seit Jahren versucht, so eine Lizenz zu bekommen, ist aber gescheitert. Daher machen sie jetzt die gesamte Piazza zu ihrem Außenbereich und servieren auch an Bänken, Springbrunnen oder überall dort, wo Leute stehen und reden. Der klassische Aperitivo hier hat eine Campari-Basis und so genehmige ich mir einen Campari Spritz. Dazu gibt es frei Haus zwei Sorten kalte Pizza – eine mit Tomate und Käse, eine mit dünn gehobelten Kartoffelscheiben – und Chips. Wir plaudern weiter über Dieses und Jenes, bis es nach einer guten Stunde Zeit ist, dass Luca ins Bett kommt. Rachel bringt mich aber noch zu einer ihrer liebsten Trattorien, organisiert mir einen Tisch und stellt mich dem Besitzer als eine ihrer Freundinnen vor, bevor wir uns verabschieden.

Ich nehme dankbar Platz und werde sehr liebevoll umsorgt, sogar die halbe Speisekarte wird mir übersetzt, wobei es nur für einige Dialektbegriffe nötig gewesen wäre. Es gibt Weißbrot und Focaccia mit Rosmarin und dann Fritto Misto (je zwei panierte und frittierte Bällchen aus Ricotta, Hackfleisch bzw. Oliven) und dann Spaghetti mit Calamaretti und Zucchiniblättern. Dazu gönne ich mir noch einen Viertelliter Frascati und bin danach so angetrunken müde, dass ich ohne Nachtisch und Zähneputzen direkt ins Bett muss…

*Ich verwende hier Klarnamen, weil Rachel das in ihren Texten ebenso tut.

Reisetagebuch 6. September 2019 – Rom #loosinterrail

Nach einer weiteren sehr erholsamen Nacht im kleinen Dorf erwache ich, um mir heute das krasse Gegenteil zu geben: Rom! Eigentlich widerspricht dieser Abstecher ja meinen Vorsatz, mich drei Wochen lang am Meer oder zumindest in unmittelbarer Umgebung des Meeres aufzuhalten. Aber wie das so ist: Alle Wege führen nach Rom, zumindest in Italien. Es gibt tatsächlich keine vernünftige Zugverbindung vom Nordwesten in den Südwesten, ohne dass man über Rom fährt. Und da kann ich doch auch gleich die Gelegenheit nutzen, mich ein wenig dem römischen Essen zu widmen. Seit ich 2015 den Language of Food-Workshop bei ihr gemacht habe, lese ich in ihren Kochbüchern, Artikeln im Guardian, Instagram-Posts und in Rachel Roddys Blog regelmäßig über das Leben und Essen in Rom und besonders in Testaccio, dem Viertel, in dem sie lebt. Also dachte ich mir, ich schau mir das ganze mal aus der Nähe an, und habe mir ein AirBnB gleich dort in der Nähe ausgesucht.

Denn in Rom selbst war ich schon zweimal – erst 2009 mit Il Professore, als ich ihn auf einem Forschungsaufenthalt begleitet habe und dann 2013 nochmal mit dem Hasen, als wir Il Professore über Pfingsten dort besucht haben, der für mehrere Monate in der Stadt weilte. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten – Kolosseum, Petersdom, Vatikanische Museen, Forum, Capitol, Pantheon usw., habe ich also alle schon einmal oder gar zweimal gesehen. Das gibt mir die Freiheit, sie dieses Mal links liegen zu lassen und mich auf die mir wichtigen Dinge zu konzentrieren.

Gegen Mittag komme ich an und stelle als erstes fest, dass der Bahnhof Ostiense, in der Nähe meines AirBnBs und von Testaccio, keine Gepäckaufbewahrung besitzt. Da noch nicht klar ist, ab wann ich einchecken kann – der Host hat meine Buchung zwar schon vor Tagen angenommen, aber sich bisher noch nicht persönlich bei mir gemeldet oder auf Nachrichten reagiert, fahre ich also weiter zum Hauptbahnhof Termini, um dort mein Gepäck abzugeben. Ähnlich wie in La Spezia aber anders als in Palermo gibt es auch hier keine Schließfächer, sondern drei Schalter, an denen man Gepäck abgeben und wieder abholen kann – nicht ohne vorher eine Nummer zu ziehen und gemeinsam mit diversen anderen Reisenden ewig in der Schlange zu stehen. Zwanzig Minuten dauert es, dann bin ich mein Gepäck los und trete aus dem Bahnhof. In diesem Moment meldet sich dann mein Gastgeber und ich will mich schon ärgern, dass ich jetzt umsonst angestanden und Geld bezahlt habe. Aber nein, er ist ans Meer gefahren und wird erst heute Abend zurück sein. Also doch alles richtig gemacht. Übrigens findet die Konversation per WhatsApp und auf Italienisch statt – ich bin ein bisschen stolz, dass ich das kann.

Jetzt liegen also ein paar freie Stunden in Roms Zentrum vor mir, außerdem ist es langsam Zeit etwas zu essen. Logischerweise mache ich mich also zunächst auf zu Giolitti, in die beste Eisdiele der Stadt. Ein schönes Gefühl, an den Menschenmengen vorbeizulaufen, die in Scharen zur Fontana di Trevi oder zur Piazza Navona laufen. Been there, done that, thanks. Bei Giolitti bin ich auch zum dritten Mal, aber dieses Vergnügen ist ja dank der vielen Sorten jedes Mal ein anderes. Ich habe Glück und nur wenige Menschen vor mir in der Schlange. Für meine coppa grande wähle ich die vier Sorten Granatapel, Brombeere, Wildkirsche und Birne-Walnuss-Karamell, dazu gibt es natürlich noch eine Portion Sahne. Das muss bei Giolitti sein, denn erstens ist sie im Preis inbegriffen und zweitens schmeckt sie leicht angefroren vom Eis wirklich vorzüglich. Der Eismensch fragt mich übrigens auf Englisch nach meinen Wünschen, ich antworte auf Italienisch und bekomme das Eis dann mit deutschen Worten überreicht. Einen Akzent habe ich also ganz eindeutig, auch wenn mir nicht klar ist, an welchen Lauten er festzumachen ist, habe ich doch mein Italienisch hauptsächlich aus kampanischen Mündern, also quasi mit süditalienischem Dialekt gelernt.

Als ich die Eisdiele verlasse stehen draußen schon wieder Menschenmassen in der Schlange, mein Timing war also wirklich perfekt. Ich suche mir eine ruhige Ecke zum Hinsetzen und löffle genüsslich mein Eis. Hier muss ich die Zero-Waste-Sache leider mal aufgeben, denn vier Kugeln schmelzen schnell und ich esse Eis eher langsam, eine Waffel wäre also sicherlich durchgeweicht und außerdem mit der Sahne dazu dann doch etwas viel gewesen. Nach dem Aufessen sehe ich auf Google Maps, dass ich mich schon fast am Tiber-Ufer befinde und spaziere also dort hin und dann im Schatten der Platanen am Fluss entlang – beginnend an der Engelsburg und endend am Ponte Sisto.

Von dort geht es durch enge Gassen mit eher alternativen Läden und Streetart zum Campo dei Fiori, wo gerade der Markt abgebaut wird. Ich nicke Giordano Bruno einen Gruß zu – pflichtbewusst, denn nichts anderes hätte Il Professore von mir verlangt, wäre er dabei – und spaziere weiter zum Largo di Torre Argentina, wo in einer archäologischen Ausgrabungsstätte viele, viele Katzen leben. Auch sie wollen jedes Mal besucht werden, wenn ich in Rom bin. Inzwischen gibt es dort auch einen Verein, der die Katzen füttert, impft und sterilisiert. Man kann gegen Spenden Souvenirs erwerben, eine Katze aus der Ferne adoptieren oder einfach so Spenden da lassen.

Dann bewege ich mich langsam und gemächlich wieder in die grobe Richtung Termini und komme dabei fast zufällig am Capitol und der Trajan-Säule vorbei. Als ich in der Ferne das Kolosseum entdecke, schreibt mir mein Host, seine ungefähre Ankunftszeit, die bedeutet, dass ich mich so langsam auf den Weg machen kann. Bis Termini habe ich noch ein wenig zu laufen,

Ich stelle mich wieder in die Schlange an der Gepäckaufbewahrung, habe meinen Rucksack diesmal aber schon nach etwa zehn Minuten wieder. Dann schaue ich in meiner Interrail-App nach dem nächsten Zug nach Ostiense – es fährt von hier aus zwar auch eine U-Bahn, die nur fünf Minuten braucht, aber für die müsste ich ein Ticket kaufen und mich erstmal in das U-Bahn-System einfuchsen. Der Regionalzug hingegen ist schon bezahlt und da er einen großen Bogen ums Zentrum fährt und 15 Minuten braucht, sehe ich auch noch etwas von der Stadt, zum Beispiel den riesigen Parco Regionale Appia Antica, der mich kurz überlegen lässt, ob ich wirklich noch in Rom bin oder aus Versehen den falschen Zug erwischt habe. Aber nein, es hat alles seine Richtigkeit.

In Ostiense steige ich aus und laufe vorbei an der Pyramide, die den Eingang zu Testaccio markiert, zu dem alten Palazzo, in dem mein Host lebt. Er empfängt mich an der Straße, dann steigen wir erst eine Treppe hinauf, um in den sehr grünen Innenhof zu gelangen, von dem die verschiedenen Aufgänge zu den Wohnungen führen. Sie sind alphabetisch benannt und wir müssen zum Aufgang O. Oben erwartet mich ein kleines Studio-Apartment mit Wohnküche, Bad und Schlafzimmer. Mein Host selbst wird das Wochenende über nicht da sein, so dass ich die komplette Wohnung für mich haben werde. Aber erst putzt er noch schnell das Bad fertig und gibt mir Tipps, wo ich in der Nähe gut und authentisch römisch essen gehen kann.

Ich ruhe mich ein wenig aus und mache mich frisch, dann laufe ich gegen 20 Uhr hinaus ins römische Nachtleben. Ich freue mich über die hiesige Streetart mit einem Portrait von Antonio Gramsci – eine weitere Erinnerung an Il Professore. Dann erreiche ich die von meinem Host empfohlene Pizzeria, die “günstig, aber sehr gut” ist und außer Pizza auch Bruschetta, Fritti, Pasta (4 traditionelle römische Sorten und Gnocchi, aber die nur donnerstags), Fleisch, Fisch und Desserts serviert. Sie ist sehr groß, laut und hektisch, aber so stelle ich mir das in Rom auch vor. Ich bekomme einen Tisch gleich am Eingang und in der Nähe des Pizzaofens und kann den Pizzaioli bei der Arbeit zusehen. Beim Bestellen erinnere ich mich wieder an alles, was ich je bei Rachel gelesen habe und entscheide mich für Supplì, Fiore di Zucca, Cacio e pepe und weil das alles ziemlich teig- und fettlastig ist noch eine Insalata Mista. Sie kommt als eine große Schüssel voll verschiedener Blattsalate und Tomatenstücke auf den Tisch, dazu gibt es Olivenöl, Balsamico und Salz. Achja und ein Viertel vom roten Hauswein habe ich natürlich auch bestellt – der erste Rotwein auf dieser Reise.

Es ist alles wahnsinnig lecker und unglaublich schnell auf dem Tisch. Die beiden Fritti esse ich natürlich stilecht mit den Fingern, die dabei schön ölig werden. Der Mozzarella zieht eine lange Schnur zwischen Supplì und meinem Mund, bei der Fiore di Zucca werden Erinnerungen an meine erste – damals bei der Hochzeitsfeier auf dem Rasen einer Villa bei Bologna – wieder wach (und an meinen eigenen bisher einzigen Versuch, das nachzukochen) und bei der ersten Gabel Cacio e pepe überlege ich kurz, ob man Nudeln heiraten kann. Auch der Salat ist lecker und knackig-frisch und die perfekte Ergänzung. Der Wein ist einfach aber stimmig und so bin ich schnell sehr zufrieden und sehr satt. Ein Dessert schaffe ich nicht mehr, also bezahle ich schnell – mit Trinkgeld 20 € für dieses Festmahl – und gehe wieder zurück auf die Straße, wo inzwischen an die 40 Leute auf einen Tisch oder ihre Pizza zum Mitnehmen warten. Wieder perfektes Timing! Ich laufe zurück in meine Unterkunft und kehre noch kurz bei einem Obst- und Gemüseladen ein, den ich auf dem Hinweg bereits gesehen hatte. Als leichten Nachtisch und Snack für morgen früh hole ich mir ein paar Pflaumen und Trauben. Und dann geht es auch schon sehr schnell ins Bett.