Reisetagebuch 7. September 2019 – Testaccio #loosinterrail

Eine erstaunlich ruhige Freitagnacht in Rom, so dass ich morgens ausgeruht erwache und die restlichen Trauben und Pflaumen von gestern frühstücke, während ich das Internet leerlese und weitere Reiseplanung betreibe. Gegen zehn geht es dann durch dieses schöne Treppenhaus und den grünen Innenhof nach draußen, wo Testaccio auf mich wartet.

Rachel beschreibt das Viertel gerne als ein großes, dreieckiges Käsestück. An der Spitze befindet sich die Pyramide, die Seiten werden von zwei großen Straßen gebildet, die geschwungene Rinde vom Tiber. Dazwischen befinden sich sehr rechteckig angeordnete kleinere Straßen mit Mietskasernen, eine große Piazza, auf der man zusammenkommt, der überdachte Markt und der ehemalige riesige Schlachthof, für dessen Arbeiter das Viertel einst gebaut wurde. Ich spaziere ein bisschen umher und schaue mich um, entdecke einige der Läden und Restaurants, über die ich schon bei Rachel gelesen habe, und mache mich dann auf den Weg zum Markt, wo ich mit ihr auf einen Kaffee verabredet bin.

Nach immerhin vier Jahren gibt es eine sehr herzliche Begrüßung und wir sind schnell wieder mitten im Gespräch. Kein Wunder: Eine knappe Woche Schreib-Workshop und gutes Essen schaffen eine starke Verbindung. Wir waren damals ja eine recht kleine Gruppe – sechs Teilnehmerinnen, zwei “Anleiterinnen” und zwei Gastgeberinnen – und haben viele Stunden miteinander verbracht und sowohl über Schwach- als auch Tiefsinniges geredet. Trotzdem freue ich mich sehr, dass sich Rachel auch noch an meinen Erdbeeren-Text erinnert, den sie damals gemeinsam mit mir lektoriert hatte. Gemeinsam mit ihrem Sohn Luca* schlendern wir nach dem Kaffee über den Markt. Rachel kauft für Rezepte ein, die sie für ihr neues Buch ausprobiert. Aus Gamberi und Zucchini wird später diese Pasta, für den nächsten Tag sind Hähnchen und Schafsricotta bestimmt, woraus kleine frittierte Fleischbällchen werden sollen.

Mit Rachel in Testaccio unterwegs zu sein ist so, wie man es sich beim Lesen ihrer Texte vorstellt: Die Verkäufer auf dem Markt kennen sie alle und beraten Sie zu ihren Produkten und der besten Zubereitungsart. Ständig trifft sie Bekannte aus dem Viertel und wechselt ein paar Worte mit ihnen. Und als wir gerade darüber sprechen, ob sie mit dem neuen Buch vielleicht auf Lesereise nach Berlin kommt, wird sie von englischen Touristinnen erkannt und angesprochen, die ihre Kolumne im Guardian kennen und deswegen nach Testaccio gekommen sind.

Wir bekommen eine Probierportion Amatriciana angeboten, was mir erlaubt, eine weitere der typischen römischen Pasta-Spazialitäten zu kosten. Dann muss Rachel zurück an den Schreibtisch – die Deadline droht! Wir verabreden uns für den Abend auf einen Aperitivo und ich befasse mich jetzt mal ernsthaft mit meinem Mittagessen. Es wird ein mit Artischocke alla romana und Pecorino belegtes Panino von einer Streetfood-Bude auf dem Markt mit einem Glas Weißwein dazu.

Danach laufe ich zum Mattatoio, dem Alten Schlachthof, der heute vor allem Kunst- und Kulturzentrum ist. Selbst Eric Clapton ist hier schon aufgetreten. Heute hingegen ist es eher leer und ruhig hier und ich verziehe mich schnell in eine ruhige Ecke, um mich ein wenig auszuruhen, zu lesen und den Alkohol im Wein abzubauen. Auf Google Maps sehe ich, dass es in der Nähe einen Orangengarten gibt und spaziere durch ein eher grünes Villenviertel dorthin. Er befindet sich oben auf einem Hügel, von wo aus man einen schönen Ausblick auf Rom hat. Die Nachmittagshitze ist jetzt so richtig da, deswegen suche ich mir ein schattiges Plätzchen und lese weiter im Goethe, der inzwischen in Neapel weilt, wo ich ja morgen auch durchkomme.

Nach einer Weile schaue ich auf und merke, wie zwei weiß gekleidete Frauen mit einem riesigen Ballen Tüll beginnen, einen Bereich abzutrennen und zu dekorieren. Das sieht nach Hochzeit aus. Eigentlich habe ich ja gerade überhaupt keine Lust auf romantischen Kitsch, aber erstens ist es hier sonst sehr schön und zweitens bauen zeitgleich zwei Musiker auf und stimmen ihre Instrumente (Kontrabass und E-Gitarre) und das verspricht dann doch, spannend zu werden. Nach und nach versammeln sich immer mehr weiß Gekleidete, von denen sich einer als der Bräutigam herausstellt. Dann ertönt aus einem Lautsprecher eine Art Dudelsack-Marsch (nicht “Join This Parade”, aber etwas ähnliches) und die Braut erscheint. Als alle versammelt sind, gibt es noch “Amazing Grace” vom Dudelsack-Band und dann beginnt die Zeremonie, die etwa anderthalb Minuten dauert.

Die Familien stellen sich in einer Reihe hinter dem jeweiligen Teil des Brautpaares auf, jeweils mit der rechten Hand auf der Schulter der Vorderperson. Die Familie des Bräutigams sieht irisch-schottisch aus, die der Braut südostasiatisch. Ein Schal wird um die Hände des Paars gewickelt, ein paar Worte werden gesprochen, dann darf die Braut geküsst werden und es wird applaudiert. Fertig. Jetzt noch Schampus und Fotos und dann wird der Tüll wieder eingerollt. Ich und die anderen Umstehenden sind ein wenig irritiert, wie schnell das jetzt alles ging. Aber dafür fangen endlich die Musiker an zu spielen und bringen feinsten Big-Easy-Südstaaten-Sound zu Gehör, inkl. zweistimmigem Gesang. Ich kann anhand der Lyrics drei der vier Songs identifizieren, sie sind von Tom Waits, Hugh Laurie und Grateful Dead. Ich kann mir nicht helfen, die Musik ist eindeutig das Highlight dieser Hochzeit! (Oder, dass ich im Gehen entdecke, dass neben dem Brautpaar Plüschtiere von Simba und Nala auf dem Boden lagen…?)

Dann wird es Zeit, zur Piazza zurückzukehren, wo inzwischen Rachel, ihr Partner Vincenzo und halb Testaccio beim Aperitivo und Abendschwätzchen versammelt sind, während die Kinder sich nochmal austoben. Ich erzähle Rachel von der Hochzeit und sie erklärt mir, dass das wahrscheinlich eine Flashmob-Hochzeit war. Viele Menschen wollen gerne in Rom heiraten, aber die Kirche oder zumindest die Stadt wollen mit daran verdienen und es ist alles schrecklich kompliziert, deswegen finden vor allem nichtchristlicher Hochzeiten vermehrt spontan auf der grünen Wiese statt, so wie die, die ich eben gesehen habe.

Apropos auf der grünen Wiese: Die Stadt vergibt auch teure Lizenzen dafür, dass Gastronomiebetriebe Stühle nach Draußen stellen dürfen. Die Bar, bei der wir uns treffen hat seit Jahren versucht, so eine Lizenz zu bekommen, ist aber gescheitert. Daher machen sie jetzt die gesamte Piazza zu ihrem Außenbereich und servieren auch an Bänken, Springbrunnen oder überall dort, wo Leute stehen und reden. Der klassische Aperitivo hier hat eine Campari-Basis und so genehmige ich mir einen Campari Spritz. Dazu gibt es frei Haus zwei Sorten kalte Pizza – eine mit Tomate und Käse, eine mit dünn gehobelten Kartoffelscheiben – und Chips. Wir plaudern weiter über Dieses und Jenes, bis es nach einer guten Stunde Zeit ist, dass Luca ins Bett kommt. Rachel bringt mich aber noch zu einer ihrer liebsten Trattorien, organisiert mir einen Tisch und stellt mich dem Besitzer als eine ihrer Freundinnen vor, bevor wir uns verabschieden.

Ich nehme dankbar Platz und werde sehr liebevoll umsorgt, sogar die halbe Speisekarte wird mir übersetzt, wobei es nur für einige Dialektbegriffe nötig gewesen wäre. Es gibt Weißbrot und Focaccia mit Rosmarin und dann Fritto Misto (je zwei panierte und frittierte Bällchen aus Ricotta, Hackfleisch bzw. Oliven) und dann Spaghetti mit Calamaretti und Zucchiniblättern. Dazu gönne ich mir noch einen Viertelliter Frascati und bin danach so angetrunken müde, dass ich ohne Nachtisch und Zähneputzen direkt ins Bett muss…

*Ich verwende hier Klarnamen, weil Rachel das in ihren Texten ebenso tut.

17 thoughts on “Reisetagebuch 7. September 2019 – Testaccio #loosinterrail

  1. Das klingt toll, da habe ich auch gleich wieder Lust auf Rom. Sehr praktisch, dass du dort jemanden kennst. Das mit der Hochzeit finde ich witzig, das hätte mir auch gefallen, da zu zu sehen.

  2. Ich liebe Rachel Roddys Guardian-Kolumne. Die meisten ihrer Rezepte sind auch nicht mit 100erlei exotischen Zutaten versehen, die man nur in teuren Spezialitätengeschäften bekommt, sondern eigentlich ganz normal erhältliche Sachen. Und von denen braucht man auch nicht nur “hier eine Messerspitze und da einen Spritzer” – etwas wofür Yotam Ottolenghi ja berüchtigt ist – so dass man nicht nach dem Essen dreißig teure Zutaten im Kühlschrank/Gewürzregal hat, die man nie wieder braucht. Nein, ihres ist eine alltagstaugliche Küche.

    Dass du sie bei einem Schreibworkshop getroffen hast, finde ich spannend.

      1. Oh, ich bin selber nicht auf Englisch schreibend unterwegs. Ich kommentiere im Guardian, BTL, ich schreibe auch mal eine Anmerkung in einem englischsprachigen Blog – aber Ambitionen darauf ein Foodwriter zu werden, habe ich nicht mal auf Deutsch. Meine Kulinarischen Abenteuer müssen mit meinem Deutsch vorlieb nehmen … und sind auch nur für die treue Bloggemeinde bestimmt. Das gekonnte Schreiben für Magazine, Journale, Zeitungen und Zeitschriften überlasse ich lieber anderen.

        Du machst das ziemlich gut.

      2. Dankeschön 🙂 Ich mach das ja aber eigentlich auch „nur“ hier. Der Workshop war eher zur geistigen Erbauung als zum Broterwerb. Und gutes Essen gabs auch 😉

      3. Ich weiß gar nicht, ob es die damals schon gab. Das war vor der Veröffentlichung ihres ersten Buchs, da hat sie noch hauptamtlich gebloggt…

      4. Ich bin damals durch Luisa Weiss drauf gekommen, mit der sie den Workshop gehalten hat. The Wednesday Chef heißt ihr Blog und sie schreibt auch grad an ihrem dritten Buch.

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