Reisetagebuch 2. September 2019 – Genua #loosinterrail

27.879 Schritte, sagt die App (ich muss aber gleich nochmal ins Bad), das sind 18,8 km und 23 Stockwerke bin ich auch hoch- oder runtergelaufen. Dazu habe ich noch lokal begrenzten Sonnenbrand am Dekolleté, an Oberarmen und Oberschenkeln. Das mit dem Eincremen üben wir dann also morgen noch einmal. Reicht eigentlich als Zusammenfassung des Tages, oder?

Na gut. Ähnlich wie zuletzt in Berlin auch fast immer, wache ich viel zu früh auf, nämlich um halb 6. Dabei ist es weder im Hostel noch draußen auf der Straße laut. Ich bin halt einfach wach. Versuche zunächst mit einem Podcast und später mit Lesen wieder einzuschlafen, aber das ist mal wieder nicht von Erfolg gekrönt. Zumal ich ja auch in einer mir neuen Stadt bin, die entdeckt werden will! Zunächst gönne ich aber meinem müden Körper noch etwas Ruhe und schreibe meinen Blogeintrag fertig, lese mich durchs Internet, schreibe mit ein paar Freund*innen… Gegen halb 9 stehe ich auf, dusche und mache mich fertig für den Tag. Kurz nach 9 verlasse ich dann das Hostel und laufe zunächst einmal schnurstracks ans Meer, in diesem Fall an den Hafen, der nur wenige Fußminuten entfernt liegt. Leider ist der schöne Naturhafen zugebaut mit Hafenzeugs und der so genannte antike Hafen steht voller moderner Gebäude und Amüsement-Zubehör. Vom Wasser sieht man so gut wie nix. Aber ich wollte ja eh eine ganze Weile laufen und den Corso Italia entlang zum Vor- und Badeort Boccadasse promenieren.

Nur muss ich den Corso erstmal finden. Direkt am Wasser gibt es nur eine hässliche und viel befahrene Hochstraße, also muss ich erstmal quer durch die Stadt. Blöderweise geht quer in Genua nicht gut, zumal besagtes Stadtviertel irgendwie auf einem Berg liegt. Es geht also viel nach links und rechts und vor allem sehr viel hoch und runter und ich mache hunderte Umwege. Hoch über dem Meer auf einem Aussichtspunkt nehme ich an einer Bar erstmal das obligatorische Frühstück – Cappuccino und süßes Teilchen – ein.

Dann suche ich mir wieder einen Weg nach unten und nach vielem Herumgeirre bin ich dann tatsächlich irgendwann auf dem Corso Italia, der wirklich sehr schön ist und direkt am Meer entlangführt. Es handelt sich dabei vor allem um eine breite Promenade, ohne viel Schatten oder Kioske oder Eisstände oder… Aber halt mit Aussicht auf blaugrünes, glitzerndes tyrrhenisches Meerwasser. Immer geradeaus geht es nach Boccadasse, an dessen Eingang mich die Kirche des Heiligen Antonio von Boccadasse mit einer geöffneten Seitentür und dem Blick auf ein maritim-blaues Kirchenfenster, durch das die Sonne gerade hindurchscheint, empfängt. Fasziniert trete ich ein – normalerweise bin ich ja keine Kirchenguckerin – und mache Fotos vom Kirchenfenster. Dann verlasse ich die Kirche auf der gegenüberliegenden Seite und sehe, dass ich nur ein paar Schritte nach unten gehen muss und schon am Wasser stehe.

Die Piazza Nettuno ist ein Kuriosum. Eine winzig kleine Piazza, umgeben von Wohnhäusern, einer Bar und einer Gelateria, und in der Mitte statt Piazza eben ein Kieselstrand, der voller (vermutlich einheimischer) Leute ist, die dort liegen, sich sonnen und im Wasser baden. Ich habe Lust, ein bisschen da zu bleiben und vor allem, etwas Kaltes zu trinken. In der Bar bestelle ich mit Blick auf die herumliegenden Zitronen eine Limonade, bekomme aber nur ein Fertiggetränk angeboten. Ich ändere also zu frisch gepresster Zitrone mit Wasser und werde ungläubig angeschaut. Dann presst man mir 1,5 (!) Zitronen in ein Whiskyglas (!), schmeißt Eiswürfel dazu und einen Schluck Wasser und das Ganze kostet dann 3,50 €. Zum Glück habe ich ja meine Wasserflasche dabei und kann nach dem Abtrinken der ersten sauren Schlucke immer nachfüllen, solange, bis am Ende ein wirklich wohlschmeckendes Getränk dabei herauskommt. Mit dieser improvisierten Limonade setze ich mich auf einen Stuhl am Kieselstrand und schaue auf Wasser und Menschen. Nach einer Weile habe ich genug, gebe mein Glas wieder ab, fülle meine Wasserflasche am Brunnen auf und laufe weiter.

Es gibt hier nämlich noch deutlich mehr Strand. Also, irgendwo, in der nächsten Bucht. Und dazwischen wieder ein enges Straßen- und Gassengewirr mit viel rechts und links, hoch und runter. Kein Wunder, dass ich auf so viele Kilometer komme! Der richtige Strand ist dann sogar noch einen Ort weiter, in Sturla. Inzwischen bratzt die Sonne ordentlich vom Himmel, es ist kurz nach 12. Ich möchte mich in den Schatten legen, aber der Strand hat keinen, außer man bringt ihn sich mit oder mietet ihn sich. Also gebe ich 5 € aus, um den bewirtschafteten Strand zu betreten und noch einmal 5 € für eine Liege mit Sonnendach, die ich mir dann nah ans Wasser rücke. Mein Kopf ist im Schatten (wichtige weitere Körperteile nicht so, siehe oben), das Meer rauscht und ich liege gemütlich rum, genieße das Leben und plane meine nächsten Tage.

Kurz nach 2 wird es mir zu heiß und trotz mehrfachen Eincremens merke ich, dass der Sonnenbrand naht. Außerdem verspüre ich ein Hüngerchen. Ich setze mich also auf einen unbequemen Plastikstuhl unter das Sonnendach der Strandbar, schlürfe eine Granità mit Minzgeschmack, snacke eine kleine Tüte Kartoffelchips und lese weiter in den “Sternstunden der Menschheit”. Das Meer rauscht weiterhin fröhlich vor sich hin und je später der Tag, desto mehr Wind und damit auch Wellen kommen auf. Gegen 15:30 kommen die ersten Italiener*innen zurück an den Strand, scheinbar ist die größte Mittagshitze offiziell vorbei. Da ich aber weder Flip Flops noch Badesachen dabei habe und also weder ans noch ins Wasser komme, breche ich auf und laufe auf ähnlichen, aber nicht ganz den gleichen Wegen, zurück ins Zentrum. Immerhin kann ich jetzt ab und zu die Schattenseite der Straße nutzen und ein leichtes Lüftchen weht auch, zumindest, wenn ich schnell genug laufe. Die Wellen schwappen schäumend über die Steine am Ufer und alles fühlt sich schön meerig-maritim an auf dem Corso Italia. Meer macht allerdings auch Gedanken, solche, wegen derer ich wieder viel Licht und Liebe nach Irgendwo schicken muss und dann den Schritt noch etwas beschleunigen, damit sie sich nicht festsetzen können.

Am Ende des Corso angekommen, wähle ich diesmal eine andere Route und hoffe so, allzu viel Auf und Ab vermeiden zu können. Das klappt auch einigermaßen. Ich laufe stattdessen breite Prachtstraßen unter schönen Platanen entlang, schnurgerade und auch weitestgehend flach. Am Triumpfbogen vorbei geht es unter einem Berg hindurch durch einen Tunnel. Puh. Ich bin ja eigentlich nicht ängstlich, aber so ein sehr langer, glatter Tunnel ist schon etwas beklemmend. Laut, stinkend und eben laaaaaaang. Aber da auch andere Fußgänger*innen dort hindurchliefen, soll das wohl so und irgendwann war auch der Tunnel zu Ende und ich wieder einigermaßen im Zentrum. Dort lief ich vorbei am angeblichen Geburtshaus von Columbus, dem ollen Verbrecher, hinein (und hinauf, leider) in die Altstadt.

Wieder enge Gassen und niedliche Lädchen und dann große, offene Plätze. Auf der Piazza di Ferrari setze ich mich zunächst an einen riesigen rauschenden Springbrunnen. Doch mit dem sich drehenden Wind bläst der Brunnen plötzlich lauter Wassertröpfchen auf mein Telefon-Display und das ist mir dann doch etwas zu anstrengend. Also setze ich mich dem Brunnen gegenüber auf die Stufen vor dem Palazzo Ducale. Drinnen gibt es kostenlose Kunstausstellungen, gerade unter anderem von De Chirico. Mein Ex-Ex-Freund hätte seine helle Freude daran gehabt, aber da er nicht mit ist, fühle ich mich nicht verpflichtet, hineinzugehen. Stattdessen sitze ich gemütlich auf den Stufen und lese die “Sternstunden der Menschheit” zu Ende.

Dann flaniere ich, immer müder werdend, noch ein wenig durch die Straßen auf der Suche nach einem abendlichen Imbiss. Obwohl ich heute wenig gegessen habe und viel gelaufen bin, habe ich keinen richtigen Hunger. Eigentlich hätte ich gerne eine Farinata (Kichererbsenpfannkuchen) mit ordentlich Gemüse, aber sowas finde ich irgendwie nicht auf die Schnelle. Irgendwann habe ich genug vom Herumgelaufe und hole mir schnell entschlossen ein großes Stück Focaccia mit Tomaten für 2 € und in einem Laden um die Ecke vom Hostel noch ein halbes Kilo Tomaten, ein halbes Pfund Trauben und einen Liter Pfirsichsaft, für zusammen 2,80 €. Supergünstiges Abendbrot ist schließlich auch gut fürs Urlaubsbudget. Die Tomaten veredle ich dann in der Hostel-Küche noch mit Meersalz und Olivenöl. Ich esse, während andere Hostel-Bewohner Brownies backen. Einen Rest Trauben und den Rest Saft nehme ich mit hoch auf mein Zimmer – zum Snacken beim Bloggen. Bevor es ans Bloggen geht, wird allerdings erstmal der Sonnenbrand mit Aloe Vera versorgt. Zum Glück habe ich da noch ein angebrochenes Fläschchen dabei…

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