Die sorbische Reconquista

Seit drei Wochen lerne ich nun (wieder) Sorbisch und da ich sowohl auf Twitter als auch im echten Leben schon gefragt wurde, warum ich das tue, die Antwort aber nicht in 140 Zeichen oder einen Satz passt, habe ich mir gedacht, ich blogge einfach darüber.

Tatsächlich gibt es auf diese Frage drei sehr verschiedene Antworten – eine linguistische, eine persönliche und eine politische.

 

Die linguistische Antwort

Die oberflächlichste ist, dass ich gerne Sprachen lerne, relativ sprachbegabt bin und schon des Öfteren einmal „einfach so“ angefangen habe, Sprachen zu lernen. Zu Schulzeiten war das Niederländisch, während der Uni Schwedisch und jetzt im Arbeitsleben Spanisch. Englisch und Französisch gab es in der Schule gratis dazu und Italienisch ergab sich durch Urlaub, familiäre Beziehungen und schließlich die Liebe. Vielleicht war es, da in Liebesdingen nun seit über 3,5 Jahren wieder Deutsch gesprochen wird, einfach Zeit für eine neue Herausforderung für meine innere Linguistin?

Allerdings musste ich bisher feststellen, dass Erfolgserlebnisse anders als bei den germanischen und romanischen Sprachen beim Sorbisch lernen leider deutlich seltener gesät sind. Das Sorbische hat drei Geschlechter und sieben Fälle, in denen Substantive und Adjektive dekliniert werden müssen. Hinzu kommt neben dem Singular und dem Plural auch noch der Dual und für manche Wörter gibt es evangelische und katholische Übersetzungen sowie weitere regionale Varianten, etwa für (völlig überraschend) die Kartoffel, die bei evangelischen Sorben běrna, bei katholischen Sorben nepl und bei den Sorben rund um Schleife kulka heißt.

Zwischen all den Endungen und Konsonantenwechseln fallen die Konjugationen der Verben dann ja kaum noch ins Gewicht, aber all das will erstmal im Kopf ankommen und verarbeitet werden und sollte ich diesen Zustand irgendwann einmal erreicht haben, dann war das ja auch erst die Gegenwart. Ich gehe mal davon aus, dass mich später noch diverse Zeitformen und Modi ereilen werden. Heidewitzka, bzw. owowow und ajajaj! 🙂

Jedenfalls muss man sich diesen grammatikalischen Grundstock erst einmal zurechtzimmern, bevor man ganz entspannt Konversation betreiben oder Texte lesen kann und das ist, wie ich höre, wohl bei allen slawischen Sprachen so. Allerdings wurde mir heute auch gesagt, dass es beim Englischen z.B. ja so sei, dass es immer schwerer wird, je länger man es lernt (Kann ich bestätigen: Selbst wenn ich persönlich da inzwischen sämtliche grammatischen Hürden genommen habe und im Schlaf anwenden kann, lerne ich doch in der täglichen Arbeit immer noch komplizierte Redewendungen und x-silbige juristische Begriffe hinzu.) Beim Sorbischen hingegen (oder invece, wie der Italiener sagt), gäbe es erst einen steilen Berg (obersorbisch hora) zu erklimmen, bevor es dann angeblich leichter würde. Im Moment jedenfalls befinde ich mich noch ganz am Fuß dieses Berges und wenn ich nicht noch andere Motivationen als das linguistische Interesse hätte, würde ich meine Zeit vermutlich eher für die Vervollkommnung anderer angefangener Sprachen verwenden.

 

Die persönliche Antwort

Zum Glück gibt es ja aber noch andere Motivationen. Ich bin in der (Ober-)Lausitz aufgewachsen und mütterlicherseits zu einem Sechzehntel Sorbin. Meine Oma hat in ihrem Elternhaus noch Sorbisch gesprochen, meine Mutter und ihre Geschwister haben es nur noch in der Schule gelernt. Bei meinem Bruder und mir blieb dann nur noch etwas Grundschulsorbisch übrig, auch weil es später auf dem Gymnasium nicht angeboten wurde (wobei es in Bautzen auch ein Sorbisches Gymnasium gibt, auf das jetzt zumindest meine Cousine geht). Nun kann man sich vorstellen, dass Sorbisch-Unterricht in der 4. Klasse nicht besonders effektiv ist. In der ersten Klasse war ich mit der Lehrerin allein, weil niemand sonst in meiner Klasse Sorbisch lernen wollte. Die anderen hatten also nach der 4. Stunde Schluss, während ich noch mit der Lehrerin im Lehrerzimmer hockte. Ein paar Vokabeln habe ich da durchaus mitbekommen, aber noch nicht wirklich etwas von Grammatik, darauf war das Lehrbuch bei Erstklässlern gar nicht ausgelegt.

In der zweiten bis vierten Klasse gab es dann jahrgangsübergreifenden Sorbischunterricht, so dass wir irgendwann, meine ich, zu viert und später sogar zu fünft oder sechst waren – aber eben auf völlig unterschiedlichen Lernniveaus und mit den neuen Erstklässlern waren auch immer Kinder dabei, die noch nicht lesen konnten. Dafür haben wir relativ viel über die sorbische Kultur gelernt, durften Sprachspiele in der sorbischen Kinderzeitschrift Płomjo machen und Ausflüge zu sorbischen Veranstaltungen machen. Ich erinnere mich, in der 4. Klasse auf einem Kulturfestival (?) in Radibor ein Gedicht vorgetragen zu haben, dessen Inhalt mir kaum bekannt war. Aber ich konnte es auswendig und bestimmt war meine Aussprache total super.

Auch wenn sprachlich also nicht allzu viel bei rumkam, wurde ich so doch zumindest ein wenig für die sorbische Kultur und Geschichte sensibilisiert und war stolz auf die Zweisprachigkeit meiner Region. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, über Sorben zu lästern oder ihnen zu unterstellen, sie sprächen nur Sorbisch, um nicht verstanden zu werden – solche Vorurteile hörte ich mitunter durchaus von Deutschen. Meine Eltern waren außerdem mit zwei sorbischen Familien (bzw. einer sorbischen und einer sorbisch-kirgisischen) befreundet, so dass ich auch ab und an mal Alltagssorbisch hören konnte, was in der Lausitz trotz offizieller Zweisprachigkeit nicht so oft vorkommt, es sei denn man hält sich in den entsprechenden sorbischen Dörfern oder im Umfeld von sorbischen Schulen auf. In Bautzen auf der Straße hörte ich eigentlich fast immer Deutsch.

Ich fand es immer ein wenig schade, dass dieser Aspekt meiner Familiengeschichte ein wenig untergegangen war. Besonders bewusst wurde mir das, als letztes Jahr meine Oma starb, nachdem sie in den letzten Jahren immer dementer geworden war. Im Alter werden ja die Kindheitserinnerungen wieder präsenter und gerade demente Menschen wechseln ja in ihrem Bewusstsein relativ unverhofft zwischen ihren verschiedenen Lebensphasen hin und her. Meine Oma begann jedenfalls in ihren letzten Tagen, immer öfter Dinge auf Sorbisch zu sagen und niemand verstand sie. Meine Tante hat dann das „Gedicht“, dass meine Oma deklamierte mit dem Handy aufgenommen und dem (sorbischen) Pfarrer der Kirchengemeinde vorgespielt. Der identifizierte es sofort als das Vater Unser und kurz danach stellte er fest, dass meine Oma einen sorbischen Dialekt sprach, den er schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte – in unserem Dorf und der Umgebung ist das Sorbische nämlich wirklich so gut wie ausgestorben. Auch ich habe meine Oma nie Sorbisch reden hören.

Auf ihrer Beerdigung wurde das Vater Unser dann jedenfalls auf Sorbisch gebetet. Ich selbst bin Atheistin und lese normalerweise nur still mit. Den deutschen (und englischen) Text kenne ich trotzdem auswendig. Vom Sorbischen erkannte ich genau ein Wort: Amen. OK, nach näherem Nachdenken kam mir auch noch naš (unser) bekannt vor und der Hase, der in der Schule Russisch hatte, erkannte chlěb (Brot).

Edit: Jetzt mit der korrekten evangelischen Fassung, die ursprüngliche aus der Wikipedia kopierte war katholisch und kann hier nachgelesen werden (wo die evangelische Fassung inzwischen auch ergänzt wurde).

Wótče naš, kiž sy w njebjesach.
Swjećene budź twoje mjeno.
Přińdź k nam twoje kralestwo.
Twoja wola so stań
kaž na njebju, tak tež na zemi.
Naš wšědny chlěb daj nam dźensa.

A wodaj nam naše winy,
jako my wodawamy našim winikam.
A njewjedź nas do spytowanja,
ale wumóž nas wot złeho.
Přetož twoje je kralestwo a móc
a česć hač do wěčnosće.
Hamjeń.

Irgendwie machte es mich traurig, dass meine Oma die Sprache ihrer Kindheit scheinbar verlernt hatte, oder sie zumindest nicht an ihre Kinder und Enkel weitergeben wollte. In den Wochen und Monaten vor und nach ihrem Tod habe ich versucht, möglichst viel von ihr in meinem Alltag wieder präsent zu machen. Ich habe die Schafwollsocken herausgeholt, die sie uns immer gestrickt hat und trage sie nun jede Nacht. Und ich habe gekocht – Quarkkeulchen und Pflaumenknödel. Aber das ist die Oma meiner Kindheit, die die Deutsch sprach. Ans Sorbische ihrer Kindheit habe ich mich erstmal noch nicht wieder herangewagt.

 

3. Die politische Antwort

Das kam erst, als ein Bekannter über Twitter einen privaten Sorbischkurs hier in Berlin initiierte und ich mich spontan anschloss. Da kamen neben dem linguistischen und persönlichen Interesse sowie der einfach guten, unkomplizierten Gelegenheit noch eine politische Motivation hinzu. Die Lausitz hat sich ja in den letzten Wochen nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Bisher kam ich im gesamtdeutschen Zusammenhang ja immer noch ganz gut damit weg, dass ich eben aus der Lausitz komme und nicht aus Sachsen (ein Gefühl, dass ich seit frühester Kindheit habe, während viele meiner Bautz’ner Freunde sich als Sachsen sehen – evtl. ist das auch das sorbische Erbe in mir?). Als dann aber ausgerechnet in Bautzen ein zukünftiges Asylbewerberheim angezündet und auf lange Zeit unbrauchbar gemacht wurde, während der braune Mob das bejubelte und teilweise sogar die Polizei bei den Löscharbeiten behinderte, da war es aus mit der schönen Herausrederei. Was hilft es, sich auf die schöne, zweisprachige Heimat zu berufen, wenn man die zweite Sprache nicht spricht? Völlig abgesehen, dass auch zwischen Sorben und Deutschen bei weitem nicht alles so in Ordnung ist, wie es mein Sorbischbuch aus DDR-Zeiten suggerierte und die Touristenbroschüren verbreiten.

Je brauner die Heimat wurde, desto schwieriger fiel es mir in den letzten Jahren, mich mit mir zu identifizieren (zumal ich ja auch noch einige andere Heimat-Anwärter in meiner Biographie mir mir herumtrage, in einem davon wohne ich sogar). Und um so trötzer (um mal Olaf Schubert zu zitieren) wollte ich die Zweisprachigkeit, die Bikulturalität dieser Heimat betonen. Dem braunen Mob nicht das Feld überlassen. (Was nicht heißen soll, dass nicht auch Sorben etwas gegen Geflüchtete haben können…)

Also nun: Sorbisch lernen gegen deutschen Einheitsbrei, für Rückbesinnung auf die eigene Geschichte und auf das relative Zusammenleben verschiedener Kulturen. Die Motivation meiner Mitlernenden und des so idealistisch und ehrenamtlich Lehrenden ist ähnlich, politisch und humoristisch liegen wir auf einer Wellenlänge. So entstehen zum Üben so schöne Sätze wie „Ich gebe der Katze mit der Hand Suppe.“ oder „Ich spreche wegen der grünen Flasche mit dem Frosch.“ oder „Der Pfarrer schlägt die beiden sorbischen Frauen mit der Rute.“ Nunja…

 

Besonders schön ist neben dem Lernen dann auch das ganze Geplänkel drumherum. Die sorbische Community ist klein, im Grunde kennt jeder jeden und so höre ich vieles über die Hintergründe des sorbischen Medien- und Kulturbetriebs. Zudem gibt es ganz nebenbei Lektionen in sorbischer Geschichte und Literatur (wir befinden uns mit unserem privaten Sorbischzirkel in sehr guter Tradition), zur Sprachpolitik, zu Germanismen im Sorbischen (z.B. farar, der Pfarrer) und Bezüge zu anderen slawischen und/oder Minderheitensprachen. Und dazu die Lausitzer Sprachfärbung, die jeden dieser Abende zu einem kleinen Heimaturlaub macht (und mit Sächsisch zum Glück nicht allzu viel zu tun hat).

Heute haben wir das Ganze dann noch mit sorbischer Osterdekoration und dem sorbischen „Nationalgericht“ (Quark mit Leinöl und Pellkartoffeln) auf die Spitze getrieben. Dabei wurden zwei Bio-Leinöle verkostet – eins aus dem Spreewald und eins aus einer Kreuzberger Ölmühle. Unser Lehrer erzählte dann noch vom hohen Leinölverbrauch bei ihm zuhause, was mich wieder einmal ermunterte, noch viel mehr Rezepte mit Leinöl auszuprobieren – ein passendes Kochbuch dafür habe ich schon.

Und wenn dann alle, die es verlernt haben, wieder Sorbisch können und die deutschen Lausitzer in der Zwischenzeit alle ausgewandert oder weggestorben sind, dann, ja dann holen wir uns die Łužica zurück und teilen sie gerne mit Geflüchteten aus aller Welt – Platz genug ist ja.

Ein Mutmacher

In diesen Tagen kann man schon einmal ein wenig an der Welt verzweifeln: Es häufen sich die schlechten Nachrichten aus aller Welt, das Leid findet nicht mehr nur in Entwicklungsländern, auf hoher See im Mittelmeer und an den EU-Außengrenzen statt, es ist auch hier in Berlin überall präsent, zum Glück auch endlich in den Medien. Viele engagieren sich, sammeln spenden, helfen. Aber leider liest man immernoch viel zu viele abfällige, fremdenfeindliche, rassistische, zu Gewalt aufrufende Kommentare. Das ganze Internet ist voll davon. Hinzu kommen Debatten über „gute“ und „schlechte“ Flüchtlinge, angebliche „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „Asylmissbrauch“. Ermüdend, entmutigend und vor allem enttäuschend.

Zum Glück gibt es eine wachsende Zahl von Leuten, die den Mund aufmachen, die Fluchtgeschichten erzählen und vielleicht irgendwann wieder einen Funken Menschlichkeit in die verstopften Hirne mancher zurückbringen können. Wer die zu Tränen rührende Geschichten lesen möchte, findet sie z.B. bei Andrea Harmonika, Tollabea oder Liisa.

Eine tolle Aufmunterung war für mich gestern Abend der Film Pride im Freiluftkino Friedrichshain. Eigentlich eine historische Komödie, in der es um den Bergarbeiterstreik in Großbritannien und die LGBT-Rechte-Bewegung geht. Gleichzeitig aber auch ein Beweis dafür, was man alles erreichen kann, wenn man zusammenhält, -arbeitet und -kämpft. Solidarität war das Zauberwort. Am Ende verließen wir und auch die anderen Zuschauer den Film mit lächelnden Gesichtern und vermutlich war ich nicht die Einzige, die wieder ein Stück Glauben an die Menschheit und Inspiration für zukünftige Aktionen gewonnen hat. Schaut Euch den Film an, aber vor allem: Helft!

Wie man in Berlin konkret helfen kann, erfährt man unter anderem bei Mit VergnügenBerlin hilft LaGeSo, Lichtenberg hilft oder unter dem Hashtag #einfachmenschsein auf Facebook. (Zu der Aktion gab es gestern ein Porträt bei rbb zibb. An der Aktion sind Freunde von mir beteiligt und der Hase und ich werden auch mitmachen.)

Diese dummen, dummen Menschen

So lange diese WM noch nicht ganz vorbei ist, kann ich ja nochmal so richtig vom Leder lassen über alles, was mich in den letzten Wochen aufgeregt hat. Die Überschrift ist übrigens ein Zitat von einer lieben Kollegin, das im Arbeitsalltag immer mal wieder Anwendung findet, etwa, wenn Vertreter anderer Abteilungen auch beim drölfzigsten Mal noch die selben Fehler machen und man sie dann wieder darauf hinweisen muss. Aber so ist es nunmal: Wir leben alle in unseren Blasen und auf unseren Tellern und kennen uns da super aus, haben aber wenig Einsicht darüber, welche Wellen unsere Taten über dem Tellerrand so schlagen. Also, vollstes Verständnis für diese typischen Arbeitssituationen!

Kein Verständnis hingegen für die Welle des dummdreisten Nationalismus, der seit Wochen überall herrscht. Ich habe ja überhaupt nix dagegen, dass man sich freut, wenn die deutsche Elf guten Fußball spielt und damit auch noch erfolgreich ist. Aber muss man deswegen so eine militaristische Rhetorik, gewaltverherrlichende Bilder und Symboliken aus den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte wieder hervorholen? Nein, muss man nicht, das war eine rhetorische Frage.

Ebenso unverständlich finde ich es, wenn diese angeblichen „Fußballfans“ ganz schnell die schweren Geschütze auffahren, sobald man mal eine andere Mannschaft als die deutsche gut findet. Das war wirklich auffällig: Als ich am Tag des Halbfinales zwischen den Niederlanden und Argentinien im Oranje-Trikot unterwegs war, erlebte ich alles von abschätzigen Blicken, eingefrorenem Lächeln, interessiertem oder kritischen Nachfragen bis hin zu indirekten Drohungen. Da wurde mein Freund gefragt, warum er mich so aus dem Haus gehen lässt (Das öffnet ja auch nochmal ne ganz andere Schublade an *istischer Kackscheisse). Es wurde vorgeschlagen, das Trikot zu verbrennen, falls die Niederländer Weltmeister würden. Es wurde über mich gesagt, ich würde Hochverrat begehen. Ich meine, gehts noch? Es ist Fußball. Ein Spiel. Und angeblich geht es Euch doch um den Sport und nicht um Nationalismus? Die ganzen Fahnen schwenkt Ihr doch nur aus purem Fandom und nicht etwa, weil ihr so endlich mal wieder Herrenmenschen spielen könnt, oder?

Interessant zu beobachten war übrigens, dass einige Kollegen, die ich auch im Nicht-WM-Alltag als Fußballkenner erlebe, den ganzen Blödsinn nicht mitmachen. Da wird vielleicht mal im Spaß ein Spruch gemacht, dann aber auch gleich relativiert und über die Stärken und Schwächen der verschiedenen Mannschaften geredet. Als echter Fußballfan ist man schon auch mal für Argentinien oder die Niederlande, evtl. sogar Italien, wenn einem die deutsche Mannschaft nicht stark genug ist (oder der Trainer immer die Falschen aufstellt). Diese Leute sind wahrscheinlich auch ganz froh, wenn der ganze WM-Trubel vorbei ist und der „echte“, der Vereinsfußball, wieder das Geschehen bestimmt.

In dieser Welt ist man über plumpen Nationalismus dann auch einfach schon weit hinaus. So wie viele in meinem Umfeld von einer Welt ohne Nationalstaaten träumen, so dass so eine WM irgendwie auch ein Anachronismus ist – auch wenn es Spaß macht zuzusehen, aber für mich könnten dort eben auch einfach die Lilanen gegen die Gelben spielen, der Effekt wäre der Gleiche und die fantasievolle Kostümierung der Fans wahrscheinlich ebenso spannend.

Die gleichen Leute übrigens, die sich brachialer und martialischer Rhetorik bedienen und für die heute Abend die Welt unterginge, wenn Argentinien gewinnt, die zeigen diese Einstellung noch auf eine ganz andere hässliche Weise. Als ich diese Woche die Meldung über den von Asylbewerbern besetzten Fernsehturm auf Facebook postete, erbrachen sie ihre Meinung zu dieser relativ harmlosen, aber effektive Form des Zivilen Ungehorsams in meine Timeline. Was sich diese Leute erlauben würden und sie sollten doch bitte vom Turm springen, damit die armen armen Menschen, die wegen ihnen nicht raufkönnten, Genugtuung bekämen. Überhaupt sollten sie einfach mal die Fresse halten und abwarten und nicht aufmucken, wenn sie schon in diesem Land sein wollen. Und sie würden doch für nachfolgende Bewerber, die es „ehrlich meinen“ (HÄ?) alles nur schwerer machen. Da kotzte ich dann beinahe auch.

Nicht erst seit diesem Tag frage ich mich, ob man ehemalige Klassenkameraden, entfernte Verwandte und aktuelle Kollegen einfach entfreunden sollte. Oder ist das dann wieder irgendwie intolerant, die Augen vor der Realität verschließend oder feige, weil man eben nicht versucht, diese dummen, dummen Menschen zu überzeugen?

Sind Blogs jetzt doch tot?

Habe ich das Bloggen gerade in dem Moment wieder intensiviert, wo es irgendwie doch zu Ende geht? Dass das Leistungsschutzrecht trotz mangelndem Sinn, uneindeutiger Rechtslage und dem Zurückrudern ehemaliger Befürworter verabschiedet wurde – obwohl auf Twitter und diversen „einschlägigen“ Blogs gewarnt, gewettert,informiert und protestiert wurde, macht nachdenklich. Unter anderem Sascha Lobo und mspr0 scheinen reichlich desillusioniert, über die Möglichkeiten, die Reichweite und die Relevanz von Blogs. Ein wenig aufmunternd schreibt hingegen und Stijlroyal, aber eher was die Zukunft des Internets angeht, nicht unbedingt die der Blogs.

Wo die Blogs allerdings immernoch stark sind, das ist wohl die Gegend des deutschsprachigen Internets, die als Kleinbloggersdorf bekannt ist – private Blogs, Tagebuchblogs, Mamablogs, Nähblogs, Kochblogs und Co. Da floriert es, das Bloggeschäft, aber da sind Blogs eben auch unpolitisch. Und beschaulich, wie der Name klingt, ist es auch in Kleinbloggersdorf nicht, siehe Frau… äh… Mutti. Da ist es wie überall im Internet, egal ob Blogs, Facebook oder – ganz schlimm – Spiegel Online: Kommentare lesen auf eigene Gefahr, im Idealfall lässt man es ganz (oder hat gar keine, so wie ich).

Einordnen möchte ich mich selbst am liebsten gar nicht, hier ein Prise Kochblog, da ein wenig Tagebuch und zwischendurch gerne auch mal wieder etwas zur Gesamtsituation (z.B. dass man mich neuerdings als „zu extrem feministisch“ betitelt – dazu irgendwann mehr). Ich versuche also den Spagat, ob er mir so gut gelingt, wie Anke Gröner oder Maximilian Buddenboom, möchte ich bezweifeln. So gut schreiben können, werde ich definitiv nie.

PS: Überhaupt, Herr Buddenbohm erzählt uns heut was von der Integration – unbedingt lesen, freuen und nachmachen!

Weldinggate?!

Ich habe neulich zwei Blogeinträge gelesen, die mich etwas verdutzt zurückließen. Wie schon einmal erwähnt, fand ich Noah Sows Buch Deutschland Schwarz Weiß. Der alltäglich Rassismus  sehr beeindruckend und voller wichtiger Denkanstöße. Was Noah Sow bei einer geplanten Veranstaltung passierte, kann man auf ihrem Blog nachlesen. Der nächste Eintrag in meinem Feedreader war die Reaktion von Lantzschi dazu.

Ich war einigermaßen verwirrt über die heftige Reaktion auf einen Vorfall, der vermutlich aus Unwissenheit, schlechter Vorbereitung und unglücklichen Umständen (man weiß, wie Sachen an Unis organisiert werden) zu einem unangenehmen Erlebnis für Noah Sow wurde und sie dazu veranlasste, ihre Lesung abzusagen.

Interessant fand ich, dass Malte Welding scheinbar ganz ähnliches im Sinn hatte, als er die beiden Blogeinträge las. Seine Aufarbeitung der Sache gerät Welding-typisch provokant und überspitzt und ich hätte mir an seiner Stelle die Inanspruchnahme von Audiomaterial von Lantzschi von vor mehreren Jahren gespart, um die Aufmerksamkeit nicht vom Wesentlichen abzulenken, aber im Großen und Ganzen stimme ich ihm zu.

Disclaimer: Rassismus ist scheiße und er ist vorhanden und es wird noch lange dauern und sehr viel Arbeit, Umdenken und sicher auch Provokation erfordern, daran etwas zu ändern.

Dass sich jetzt aber eine Flut von Kommentaren, Tweets und bestimmt auch Blog-Einträgen auf Malte einschießt und #weldinggate vielleicht demnächst noch  zum Trending Topic wird, finde ich dann schon extrem crazy. Ist mal wieder wie bei der politischen Linken weltweit, die sich auch lieber untereinander zofft, als trotz graduell unterschiedlicher Meinungen gemeinsam etwas gegen den Feind zu tun.

Leute, Malte ist doch einer von den Guten, den muss ganz sicher keiner mehr davon überzeugen, was alles schiefläuft – der ist manchmal ein Heißsporn, provokant und satirisch, aber der weiß doch, wo der Hase langläuft und steht auf Eurer (Entschuldigung, Unserer!) Seite.

Brian: Lasst uns gemeinsam ringen!
Die Anderen: Tun wir doch!
Brian: Nein, ringt doch nicht gegeneinander, lasst uns gemeinsam kämpfen gegen den gemeinsamen Feind!
Die Anderen: Die judäische Volksfront!!!!
Brian: Nein, die Römer!
Die Anderen: Achso, öhm, naja, ok… – Ungefähr so in Das Leben des Brian

Enthusiasmus wie einst 1998

Aus den Fugen

Gestern Abend sagte ein kluger Mensch im Fernsehen, es sei schon erstaunlich. Alles hätte doch so gut angefangen. Es gab ein paar Frühlingstage, in Nordafrika wuchsen neue Demokratien, ein großer Schummler wurde des Amtes verwiesen, die Herrschaft des Volkes rückte immer näher… Dann spielt plötzlich Gaddafi verrückt und seit letztem Freitag ist das alles sowieso irgendwie hinüber. Da zeigt uns die Natur wieder einmal, dass wir eben doch nicht über diesen Planeten herrschen und selbst wenn wir unser bestmöglichstes Benehmen an den Tag legen, manches einfach immernoch unglaublich schiefgehen kann. Wir sind dann jetzt also doch nicht Gott. Gut, dass uns das mal einer sagt.

Auch gut, dass uns mal einer sagt, dass Atomkraft gar nicht sicher ist, hätte unsere Regierung sonst gar nicht mitbekommen. Komisch, wie eine studierte Physikerin diesen Fakt mal eben jahrzehntelang ausblenden kann, wenn es die Seilschaften nötig machen. Es gruselt einen ganz gewaltig. Noch gruseliger ist natürlich, was direkt vor Ort in Japan passiert. Seit letztem Freitag schlafen wir wohl alle nur noch gerade soviel wie unbedingt nötig ist. Der letzte Blick am Abend und der erste am Morgen gelten den Live-Tickern. Man wünscht sich geradezu einen kombinierten Japan-Libyen-Ticker, damit man ja nichts verpasst und in komprimierter Form alle Entwicklungen zu sich nehmen kann, während hier in Deutschland die Welt einfach weitergeht und Tag für Tag bezwungen werden will.

Geht nur mit Galgenhumor, denn wie will man denn hochkonzentriert arbeiten, unter Stress, in einem Raum voller lauter Leute, wenn die Gedanken  ständig ängstlich den Ticker rekapitulieren. Wenn die Bilder im Kopf geprägt sind von dem Buch, dass man als Kind gelesen hat und das jetzt wieder die Bestenlisten hinaufklettert? Wie soll man denn einen klaren Kopf behalten, wenn man nicht über die ganze Scheiße lacht? Ich habe noch nie so viele politisch unkorrekte Witze gemacht, wie in dieser letzten Woche.

Und es ist ja nicht nur Japan. Momentan läuft irgendwie alles schief. Die Arbeit wird immer mehr, die Technik spielt uns Streiche, die Gesundheit von vielen macht einfach nicht mehr mit. Hiobsbotschaften wohin man auch sieht. Da gehen die positiven Entwicklungen leicht unter.

Trotzdem hier die Top 7 der Dinge, die diese Woche wider Erwarten doch lebenswert gemacht haben:

  • Die Freundin einer Freundin ist meine neue Kollegin und bringt das Büro zum Strahlen (schon wieder einer dieser Witze…)
  • Das Beobachten einer gerade beginnenden Liebe(lei?) und die glücklichen Gesichter der beiden Probanden, denen man das bisschen Glück von Herzen wünscht
  • Das Foto vom gerade geborenen Kollegen-Sohn, dass heute im E-Mail-Postfach lag
  • Dass der Liebste gerade eine wundervolle Zeit mit seiner Familie in Italien hat, von der guten Laune schwappt einiges herüber ins kalte, graue Berlin
  • Seit gestern bin ich stolze Besitzerin eines Tickets für das diesjährige Immergut-Festival, auf das ich mir schon jetzt ein Loch in den Bauch freue
  • Dank der sturmfreien Wohnung gibt es morgen einen wundervollen Mädelsabend mit Schokofondue und lieben Freundinnen
  • Die Lektüre des soeben erworbenen Männer und Frauen passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte. Warum die Liebe trotzdem glücklich macht von Malte Welding – voller Wahrheiten und Lehren und Lachern

Irgendwie ist halt doch nicht alles vorbei und selbst an den schlimmsten Tagen beginnt immer auch etwas Gutes. Mein unverbesserlicher Optimismus lässt sich einfach nicht unterkriegen!

PS: Am Nervenaufreibensten ist wohl, dass sich all die Katastrophen alle so lange und unbestimmt hinziehen. Man will doch Ergebnisse sehen und wissen, ob man jetzt Angst haben muss, erleichtert sein soll, oder einfach alles scheiße ist, aber zum Glück nur für die Anderen. Being in limbo is exhausting…

Kommentar zur Weltlage

Um es mit einem Filmzitat zu sagen:

Die Kacke dampfet gar sehr.

Wer den Film weiß, darf sich einen „Atomkraft Nein Danke“-Badge auf sein Facebook-Profilfoto kleben.

Zwei Neue in der Blogroll

Nachdem ich Noah Sows Deutschland Schwarzweiß verschlungen habe – dank an die Pixelamazone für den Hinweis – möchte ich sowohl das Buch als auch den Blog der Autorin allen ans Herz legen, die nein, allen. Das Blog gibts hier.

Und ein tolles neues Comic-Blog habe ich über Facebook gefunden – könnt Ihr sofort in Euren Reader übernehmen. 🙂 A Byoo-ti-ful Day.

Und wo ich gerade am Empfehlen bin – seit einer guten Woche gibt es in Mitte ein neues Café, das Café International – nur ein paar Schritte vom gleichnamigen Kino entfernt in einem typischen DDR-Baracken-Bau, riesige Fenster, gemütliches Interieur, selbstgebackene Leckereien, interessante Zeitschriftenauswahl, superfreundliches Personal. Alle mal hin da! (Muss mal eruieren, ob sie da auch WLAN haben…)

Update zu den Super Bowl-Ads

Wer sich immer noch fragt, was dahintersteckt und warum Groupon so „zynisch“ ist, der sollte die folgenden beiden Blogposts lesen:

Andrew im Groupblogpon

Greenpeace-Blog

Edit: Und noch mehr Statements von den beteiligten NGOs:


Rain Forest Action Network

buildOn