Zwei Welten

Am Wochenende war ich in Rostock. Vor drei Jahren zog ich weg aus der Stadt, in der ich – mehr oder weniger – erwachsen geworden bin. Sechs Jahre lang habe ich dort gelebt – und wie. Es gibt unendlich viele Geschichten, Menschen, Erfahrungen und Erlebnisse aus dieser Zeit, die ich wahrscheinlich auch noch mit 80 erzählen werde.

Das Verrückte ist, dass ich, sobald ich dort bin, zuhause bin. Als wäre ich nie weg gewesen. Ich treffe die Leute von damals und bin wieder genau in dieser Zeit. Es fühlt sich total natürlich und normal an und ist gleichzeitig so weit weg von meinem Alltag. Es ist als würde man in zwei verschiedenen Welten leben. Innerhalb von zweieinhalb Stunden war ich von meinem aktuellen Leben, dem Büro, den Kollegen, dem Arbeitsstress und dem Rumgealber in meine Vergangenheit versetzt. Und beides war völlig normal, beides war ich. Und obwohl es einige Berührungspunkte zwischen den beiden Welten gibt, könnte man sie absolut nicht miteinander vereinbaren.

So bleibt nur, sich zu wünschen, dass Berlin eines schönen Morgens plötzlich doch an der Ostsee liegen möge. Denn Meer muss sein, jeder braucht ein Meer an Lebensqualität, das einzige, was diese Stadt noch verbessern könnte, wäre MEER DAVON:

Weiß

Gestern Abend die Geburtstagsparty eines lieben Freundes. Da er uns glaubhaft versprach, dass er nur einmal 33 werden würde, taten wir ihm den Gefallen, uns komplett in Weiß zu gewanden. Das bedeutete für mich den Einkauf von Hose, Schuhen und Shirt, aber was tut man nicht alles für einen gelungenen Abend.

Und das war er wirklich: Ein Partyraum mit Terrasse über den Dächern Friedrichshains, liebevoll mit Klopapier dekoriert; ein Büffet mit Weißwurst, Weißkraut, Weißbrot, weißen Baisers, Marshmallows und einem Kuchen mit weißem Frosting; und eine Menge Menschen, die sich fast alle dem Weißzwang unterwarfen – auf höchst unterschiedliche Weise. Zitat des Gastgebers: „Wir sehen aus wie in der Raffaelo-Werbung.“

Schön war, dass der Abend nicht zur reinen Mottoparty degenerierte. Ein filmisches Werk des Geburtstagskindes an der Wand – mit Darstellern, von denen einige unter den Gästen waren – und eine wilde Musikmischung – immer wieder unterbrochen vom Ende des Liedes und „Was soll ich jetzt spielen“? – boten die perfekte Untermalung für die schönsten, sexiesten, verrücktesten und grazilsten Tanz-Eskapaden. Hach, Berlin…

HexenTanzindenMaiDemoKrawall

Verrücktes Jahr, gerade war noch Ostern und wurde aus Arbeits- und Familienfeiergründen bis auf ein relativ spontan gebratenes Lamm so gar nicht begangen und schon ist der 30. April da und ich stehe gefühlsmäßig wieder vor einem Dilemma, dass meiner Biographie entspringt.

18 Jahre lang bedeutete der 30. April Hexenbrennen. Es galt, aus all dem in den Wochen zuvor beiseite geschafftem Holz einen großen Haufen zu errichten, mitunter sogar mit selbstgebastelter Hexe und so hoch, dass man ihn mit einer Leiter erklimmen muss. Beim Bauen des Haufens gab es erhellende Gespräche mit der vergleichsweise jungen Tante und den vergleichsweise alten Cousins und Cousinen und der Blick aufs Wetter spielte eine tragende Rolle. Gartenmöbel, Schläuche, Sandeimer, Saftkisten, Waldmeisterbowle, alkoholfreie Bowle für die Kinder, Zwiebelkuchen und mehr wurden zum Hexenplatz gekarrt und wenn es dämmerte, brannte das Feuer. Je älter ich wurde, desto länger durfte ich dabeibleiben. Der erste Mai begann dann mit dem Rösten von Kartoffeln in der noch heißen Asche, die nur mit Salz und Pfeffer ein perfektes Frühstück draußen wurden. Denke ich an Hexenbrennen und den ersten Mai, habe ich automatisch den Geschmack einer sehr heißen Kartoffel mit feinen Röstaromen, Ascheresten und Salz im Mund und den Sonnenschein im Gesicht – auch wenn es bestimmt auch oft regnete.

Die nächsten sechs Jahre bedeutete der 30. April den Tanz in den Mai – Parties, Maibowle und hintendran einen freien Tag zum Ausschlafen und/oder Demonstrieren zu verschiedenen Themen.

Und jetzt bin ich hier in Berlin und der 30. April bedeutet irgendwie gar nichts, während am 1. Mai regelmäßig die Steine fliegen, es diverse politische Veranstaltungen gibt und in der Karl-Marx-Allee die Erinnerungen an frühere Maidemos wachwerden.

Teilnehmen werde ich keiner einzigen Veranstaltung, weil ich krank zuhause auf der Couch liege, frei ist morgen weil Sonntag ist (und ich krank bin) und jetzt fehlt mir da was.

Ich würde jetzt gerne draußen in der Sonne mit Holz hantieren, mit meiner Oma (die inzwischen in einem Pflegeheim wohnt und sich wahrscheinlich nicht mehr daran erinnert, wie das alles geht) den Kuchen backen und Waldmeisterbowle ansetzen, am Feuer sitzen, danach in den Rostocker Clubs in den Mai tanzen, morgen früh Kartoffeln in der Asche rösten und dann am Strand sitzen und auf die Ostsee schauen. Irgendwie sowas… Geht das?

Wie im Film

In letzter Zeit passiert es mir immer öfter, dass ich Zeuge von Gesprächen werde, oder gar selbst in Konversationen verwickelt bin, in denen ich mir vorkomme wie im Film – im falschen noch dazu. Diese Pseudo-Gespräche, in denen die Leute, nur um etwas zu sagen, die selben schon tausendmal durchgenudelten Phrasen rauf- und runterleiern. Sätze wie das unsägliche „Man trifft ja in Berlin nie Leute, die tatsächlich von hier kommen, das sind ja alles Zugezogene.“ Mal ehrlich, ich gehöre zwar selbst irgendwie zu den Zugezogenen, aber echte Berliner kenne ich zuhauf! Und selbst, wenn es nicht so wäre, müsste ich das nicht mit jedem neuen Bekannten noch einmal durchgehen.

Oder Gespräche mit den Mitgliedern einer irgendwie gearteten „Minderheit“ (allein das Wort schon!) – seien es nun Menschen mit Migrationshintergrund, sexuell nicht mainstreamig orientierte oder in irgendeiner Form physisch nicht der Norm entsprechende Mitmenschen – natürlich wird es ein Thema sein, dass manche Leute damit ja ein Problem haben. Und das man selber ja so gar nicht verstehen kann, warum es ein Problem ist. Da wird aus vorauseilendem Gehorsam und Gefallsucht dann mal eben rausgehauen, dass man es ja üüüüüberhaupt nicht nachvollziehen kann, warum es in Deutschland immernoch Leute gibt, die sich wundern, wenn eine Schwarze perfekt deutsch spricht. Absolut gaaaaar nicht.

Diese Gespräche in denen ich dann gequält grinse, mit den Gedanken abschweife und mich frage, warum man nicht einfach mal gar nichts sagen kann, wenn einem wirklich nicht mehr einfällt. Ich hab auch echt nichts gegen belanglosen Smalltalk oder banale Geschichten. Aber bitte nicht jedes Mal dieselben und in genau denselben Worten! Mit mir kann man sich über die Vielseitigigkeit von Gummibärchenvariationen unterhalten, über den Sinn und Unsinn von Blogs und Twitterei, über Work-Life-Balance, Krankheiten, das Wetter – ja sogar über Steuererklärungen, Reality Soaps oder die CSU. Ich toleriere sogar Vorträge über Adorno, Kontingenz und die Entwicklungsgeschichte von Scooter, wenn es wirklich nicht anders geht. Aber bitte bitte, formuliert doch bitte ab und zu mal eine neue These zur Demographie der Berliner; gebt zu, dass es in den meisten deutschen Kuhdörfern keine schwarze Bevölkerungsgruppen gibt und hört auf, vor mir darüber zu diskutieren, welche Tatorte die besten/lustigsten/langweiligsten sind, ok? Dankeschön!

Denn für dieses Leben….

Ein schönes YouTube-Fundstück. Bertolt Brecht singt sein „Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“ und kreative Menschen machten dazu einen voll modernen Videoclip. 🙂

Programm für ein sinnstiftendes Wochenende

Leider etwas verspätet (Ursachen: zwei Stunden Arbeit und eine benutzerunfreundliche Vodafone-Webseite) beginnt jetzt das Wochenende. Und es soll ein großartiges werden. Amongst other things:

  • Kochen mit Freunden
  • Tanzen und/oder Filme gucken
  • Frühstücken oder Brunchen gehen
  • Flohmarkt
  • Grillen
  •  

    Auf jeden Fall viel Konversation, viel raus aus der Wohnung, viel Leben. Auf gehts.

    Review: Gernsehclub im Grünen Salon – This Is Spinal Tap

    Komme gerade zurück aus dem Grünen Salon der Volksbühne. Heute war Gernsehclub und Olli Schulz, Joro Gogow und Toni Krahl (beide City) präsentierten This Is Spinal Tap.

    Einer dieser Filme, von denen man immer wieder liest und hört, den ich aber noch nie gesehen hatte. Besonderer Zusatzanreiz waren die präsentierenden Herren (plus Nilz Bokelberg, der aber leider kurzfristig absagen musste). Gründe hinzugehen gab es also genug. Eins der schönen Dinge an Berlin ist ,ja, dass es so viele Überschneidungen gibt. An diesem Abend trafen sich für mich Filmgeschichte, Blogosphäre, meine Indie-Phase und familiäre Prägung, allesamt in der Volksbühne, die ungefähr gleichweit von Büro und Wohnung entfernt. hätte perfekt werden können.

    Auf der Haben-Seite hat dieser Abend eindeutig den Film sowie das Ambiente und die Idee des Gernsehclubs. Gemütliches Rumlümmeln, riesige Bildschirme, die man von überall sehen kann, kostenloses Hot Dog- und Snackbüffet (Chips, Nüsse und Süßigkeiten soviel man will – ich fühlte mich wie früher als Kind, wenn ich hektisch eine Plastiktüte mit den verschiedenen Errungenschaften der Gummibonbon-Industrie füllte, die dann aber immer zu hart und außerdem schweineteuer waren.

    Auf der Soll-Seite? Olli Schulz, Toni Krahl und Joro Gogow sind Musiker. Das können die auch. Ich möchte sagen, Toni Krahl und Joro Gogow können sogar verdammt gut singen respektive geigen/bassen. Sie spielen eine nicht unwesentliche Rolle in meinem Leben und singen sogar ein Lied über mich:

    Und Olli Schulz schreibt zumindest ab und zu gute Lieder. Von ihm ist dieser wundervolle Vers:

    Ich lernte Paul McCartney kenn‘ / und durft‘ zuhause bei Ihm penn‘ / wo er früher mit John Lenn‘ / die tollsten Songs geschrieben hat

    Tja. Musiker halt. Was sie nicht so gut können ist moderieren. Olli Schulz spult seine üblichen Phrasen ab, merkt nicht, dass die Leute nicht wegen ihm da sind und weiß relativ wenig über die beiden, die er da interviewen soll („Wie spricht man Deinen Namen nochmal aus?“ „Jaja, so hat man damals die Stasi-Leute verarscht“) und verabschiedete uns beim Rausgehen mit: „Machts gut und baut keinen Scheiß“. Äußerst schwerfällig. Toni und Joro etwas cooler, aber eben auch – Musiker.

    Naja, was solls, hab ich endlich mal Spinal Tap gesehen 🙂 In zwei Wochen gibts Kalkofe vs. Menzel und da werd ich wohl einen lustigen Abend mit meinem Bruder verbringen und mein zweites Ticket einsetzen.

    Passend zur Endzeitstimmung…

    …ist dann jetzt auch noch Knut tot. Reicht dann jetzt aber bald mal, ok? Morgen möchte ich in meinem Feed lesen, dass irgendwas Tolles passiert ist, ok? Bitte?

    Aus den Fugen

    Gestern Abend sagte ein kluger Mensch im Fernsehen, es sei schon erstaunlich. Alles hätte doch so gut angefangen. Es gab ein paar Frühlingstage, in Nordafrika wuchsen neue Demokratien, ein großer Schummler wurde des Amtes verwiesen, die Herrschaft des Volkes rückte immer näher… Dann spielt plötzlich Gaddafi verrückt und seit letztem Freitag ist das alles sowieso irgendwie hinüber. Da zeigt uns die Natur wieder einmal, dass wir eben doch nicht über diesen Planeten herrschen und selbst wenn wir unser bestmöglichstes Benehmen an den Tag legen, manches einfach immernoch unglaublich schiefgehen kann. Wir sind dann jetzt also doch nicht Gott. Gut, dass uns das mal einer sagt.

    Auch gut, dass uns mal einer sagt, dass Atomkraft gar nicht sicher ist, hätte unsere Regierung sonst gar nicht mitbekommen. Komisch, wie eine studierte Physikerin diesen Fakt mal eben jahrzehntelang ausblenden kann, wenn es die Seilschaften nötig machen. Es gruselt einen ganz gewaltig. Noch gruseliger ist natürlich, was direkt vor Ort in Japan passiert. Seit letztem Freitag schlafen wir wohl alle nur noch gerade soviel wie unbedingt nötig ist. Der letzte Blick am Abend und der erste am Morgen gelten den Live-Tickern. Man wünscht sich geradezu einen kombinierten Japan-Libyen-Ticker, damit man ja nichts verpasst und in komprimierter Form alle Entwicklungen zu sich nehmen kann, während hier in Deutschland die Welt einfach weitergeht und Tag für Tag bezwungen werden will.

    Geht nur mit Galgenhumor, denn wie will man denn hochkonzentriert arbeiten, unter Stress, in einem Raum voller lauter Leute, wenn die Gedanken  ständig ängstlich den Ticker rekapitulieren. Wenn die Bilder im Kopf geprägt sind von dem Buch, dass man als Kind gelesen hat und das jetzt wieder die Bestenlisten hinaufklettert? Wie soll man denn einen klaren Kopf behalten, wenn man nicht über die ganze Scheiße lacht? Ich habe noch nie so viele politisch unkorrekte Witze gemacht, wie in dieser letzten Woche.

    Und es ist ja nicht nur Japan. Momentan läuft irgendwie alles schief. Die Arbeit wird immer mehr, die Technik spielt uns Streiche, die Gesundheit von vielen macht einfach nicht mehr mit. Hiobsbotschaften wohin man auch sieht. Da gehen die positiven Entwicklungen leicht unter.

    Trotzdem hier die Top 7 der Dinge, die diese Woche wider Erwarten doch lebenswert gemacht haben:

    • Die Freundin einer Freundin ist meine neue Kollegin und bringt das Büro zum Strahlen (schon wieder einer dieser Witze…)
    • Das Beobachten einer gerade beginnenden Liebe(lei?) und die glücklichen Gesichter der beiden Probanden, denen man das bisschen Glück von Herzen wünscht
    • Das Foto vom gerade geborenen Kollegen-Sohn, dass heute im E-Mail-Postfach lag
    • Dass der Liebste gerade eine wundervolle Zeit mit seiner Familie in Italien hat, von der guten Laune schwappt einiges herüber ins kalte, graue Berlin
    • Seit gestern bin ich stolze Besitzerin eines Tickets für das diesjährige Immergut-Festival, auf das ich mir schon jetzt ein Loch in den Bauch freue
    • Dank der sturmfreien Wohnung gibt es morgen einen wundervollen Mädelsabend mit Schokofondue und lieben Freundinnen
    • Die Lektüre des soeben erworbenen Männer und Frauen passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte. Warum die Liebe trotzdem glücklich macht von Malte Welding – voller Wahrheiten und Lehren und Lachern

    Irgendwie ist halt doch nicht alles vorbei und selbst an den schlimmsten Tagen beginnt immer auch etwas Gutes. Mein unverbesserlicher Optimismus lässt sich einfach nicht unterkriegen!

    PS: Am Nervenaufreibensten ist wohl, dass sich all die Katastrophen alle so lange und unbestimmt hinziehen. Man will doch Ergebnisse sehen und wissen, ob man jetzt Angst haben muss, erleichtert sein soll, oder einfach alles scheiße ist, aber zum Glück nur für die Anderen. Being in limbo is exhausting…

    "Bugger bugger buggedybuggedybuggedybug fuck fuck fuck arse shit tits"

    • Colin hat gewonnen, voll verdient, endlich, glamourös und umwerfend. Auch in seiner Dankesrede stylisch, großartig, witzig – die nächsten Tage werden sehr Firth-lastig in unserem DVD-Player!

    • The Social Network hätte noch beste Regie und besten Film gewinnen müssen.
    • Trotzdem waren meine Vorraussagen ziemlich gut. Bei unserem Home Ballot hatte ich in 8 von 19 Kategorien Recht und belegte gemeinsam mit einer Mit-Oscar-Zirklerin Platz 2. Der Erstplatzierte schaffte 9 Übereinstimmungen. Nicht schlecht für meine erste Teilnahme.
    • Die Oscars nicht alleine zu gucken ist eine hervorragende Idee, die Zeit vergeht schneller, ich bin nicht eingeschlafen, es gab nette Gespräche am Rand und gutes Essen.
    • Egal zu wievielt man ist, es ist immer immer immer zu viel Werbung, gefühlt ungefähr 2:1 gegenüber dem tatsächlichen Geschehen.
    • Montag morgens um 6 ist in der U-Bahn mehr los als Sonntag abends halb 11. Verwirrend 😉
    • Gut, dass ich heut frei habe.