Erstaunlich, dass Lautstärke den Nachtschlaf weniger stört, als Katzenkrallen im Gesicht. Wenn ich nicht die ganze Zeit gefroren hätte, mit kurz vor 8 immer noch kalten Füßen, hätte ich locker sieben Stunden Schlaf zusammen gehabt, als es gegen 8 plötzlich knalleheiß im Zelt wird und ich endgültig wach werde. Ein kurzer Gang zum Kompostklo, dann mache ich es mir auf dem Schlafsack gemütlich und versuche, den morgendlichen Reboot zu bestreiten, soweit das hier in der Empfangwüste möglich ist. Zum Glück bin ich vom langen Wochenende in der Heide bereits trainiert. Dazu gibt es ein erstes Frühstück mit Müsli und Hafermilch aus dem Becher und einem Apfel.

Als alles erledigt ist, was ich erledigen kann, ziehe ich mich an, gehe Zähne putzen und setze mich dann auf einen Kaffee zur Bezugsgruppe, die auch nach und nach wach wird. Zu 11:30 geht es dann hinüber zur offiziellen Frühstücksrunde mit Uli Brase und Sam Vance-Law, die wieder extrem lustig ist und ein Gespräch mit Moritz Krämer von Die Höchste Eisenbahn und eins mit Future Franz enthält, außerdem einen Tischtennis-Dribbelwettbewerb, die Verkostung von alkoholfreien Cocktails, ein Horoskop und natürlich das Wetter, dass nach scheißekalter Nacht einen schweineheißen Tag verspricht (wörtliches Zitat). Außerdem gibt es hier WLAN, so dass ich hinterher gleich sitzen bleibe und den Reboot finalisiere.

Es folgt eine Gesprächsrunde zur anstehenden Wahl in MV mit einer SPD-Ministerin, Vertreter*innen von Grünen, Linken und Zivilgesellschaft. Der CDU-Mann hat leider abgesagt, die FDP läuft in MV unterm Radar und die andere Partei wurde nicht eingeladen und würde wohl auch nicht kommen. Es moderiert der Chefredakteur von Katapult. Inhaltlich läuft das Gespräch wie die meisten dieser Art, gleiche angedachte Strategien, ein bisschen Hoffnung, ein bisschen Angst vorm Wahlergebnis, echte Lösungen nicht in Sicht.

Ich gehe hinterher zurück zum Zelt und esse ein zweites Frühstück mit Käsebrot, Ei, Würstchen und Radieschen, dann geht es zur Diskussionsrunde um den Wert von Kultur angesichts von Förderungskürzungen, Streamingdiensten, KI und Plattformlogiken. Hier sprechen eine Vertreterin von Audiolith, die Sängerin Mine und mein ehemaliger Minigolf-Buddy Hendrik Menzl vom Kulturland MV (Ex-Supershirt) miteinander. Auch hier ist die Stimmung wenig optimistisch, am Ende muss man auf mündige Konsument*innen, alternative Bezahlmodelle und gesetzliche Regelungen auf EU-Ebene hoffen.

Nochmal kurz zum Zelt, Wasserflasche ablegen, Programmheft holen und dann ist es auch schon Zeit fürs Festivalgelände. Ich hole mir für weiteren Vitaminkick eine alkoholfreie Erdbeerbowle und setze mich zur unterhaltsame Lesung von Magda Wystub, die über „Queere Tiere“ informiert. Klingt nach einer guten Geschenkidee für Menschen, die schon alles haben. Danach spielt Future Franz aus Hamburg und das bemerkenswerteste daran ist der Arc de Triomphe, den er das Publikum nachstellen lässt. Ein bisschen cringe, wie viele da mitmachen, aber es ist ja noch sehr früh am Tag, später am Abend hätte ich das vielleicht anders wahrgenommen.
Danach wieder Lesung – Sveamaus liest aus „Image“ und eigentlich wollte ich dabei gemütlich wegdösen (hatte ja keinen Mittagsschlaf heute), aber sie liest so mitreißend und der Text ist so witzig, dass ich hellwach bleibe und mich wieder aufsetzen muss. Das Buch wandert stantepede auf meinen Wunschzettel.


Als Nächstes eröffnen Rip Magic aus London die Zeltbühne, es ist mir aber zu „noisig“ und generell noch zu dunkel da drinnen. Ich hole mir Pasta mit Pistazienpesto und sitze lieber weiter draußen und belausche den Soundcheck von Kapa Tult aus Leipzig. Die machen dann auch genauso viel Spaß, wie der Indiejunge mir seit Jahren versichert, erstes musikalisches Highlight des Tages. Ich bin aber immer noch sehr müde und hole mir dann einen Espresso Tonic, mit dem ich mich vor die Waldbühne stelle und die große musikalische Neuentdeckung des Tages anhöre.

The Tullamarines aus Adelaide, Australien, spielen Indie Rock als wären die letzten 20 Jahre nie passiert. The Hives meets The Wombats meets Arctic Monkeys meets… Ihr wisst schon. Ganz groß und wir tanzen uns trotz einsetzendem, nicht angekündigtem, Regen die Seele aus dem Leib. Überhaupt ist dieses Immergut wieder wohltuend rockig und es gibt wieder viel mehr „echte“ Bands mit mindestens drei Mitgliedern, viele davon Frauen. Und viel internationaler ist es auch wieder geworden, so schön!
Danach geht es direkt mit Ebbb aus London im Zelt weiter, auch gut tanzbar, aber etwas weniger fröhlich und wieder ganz schön laut, zumindest da vorne an der Bühne. Ich streiche nach der Halbzeit die Segel und laufe nochmal bisschen draußen rum.

Dann der Programmpunkt „Kenne ich vom Immergut und ist jetzt Mit-Headliner“: Die großartige Fuffifuffzich aus Berlin, die seit dem letzten Jahr ihre Show nochmal mehr professionalisiert hat und mit noch mehr Attitüde auftritt, aber eben auch das ganze Publikum hinter sich hat. Sie liefert auch den täglichen Festival-Coversong, heute ist es „Alkohol“ von Grönemeyer, der aber kaum wiederzuerkennen ist, so viel Fuffi-Sound steckt drin.
Danach Programm-Geshuffle: Mine hat nach der Gesprächsrunde vorhin festgestellt, dass ihre Kehlkopfentzündung noch nicht auskuriert ist und musste ihren Auftritt absagen, stattdessen wird erstmal der Auftritt von Kabeaushé aus Kenia vorgezogen, der mir ein bisschen too much ist. Leider regnet es inzwischen richtig ergiebig. Mir fehlt die Geduld, auf Chloe Slater (aus Manchester) zu warten und ich weiß zu wenig über die neu eingesprungenen GiGi Girls, dafür finde ich die Vorstellung von mehr Schlaf diese Nacht sehr verlockend und ich laufe durch den Regen schnell zurück zum Zelt. In Schlafanzug und Schlafsack stelle ich schnell noch fest, dass die GiGi Girls eine Italo-Pop-Band aus Köln sind, die ich bestimmt gerne gesehen hätte, aber da ist es schon zu spät und außerdem regnet es immer noch. Dann also Augen zu gegen 23 Uhr!