Weldinggate?!

Ich habe neulich zwei Blogeinträge gelesen, die mich etwas verdutzt zurückließen. Wie schon einmal erwähnt, fand ich Noah Sows Buch Deutschland Schwarz Weiß. Der alltäglich Rassismus  sehr beeindruckend und voller wichtiger Denkanstöße. Was Noah Sow bei einer geplanten Veranstaltung passierte, kann man auf ihrem Blog nachlesen. Der nächste Eintrag in meinem Feedreader war die Reaktion von Lantzschi dazu.

Ich war einigermaßen verwirrt über die heftige Reaktion auf einen Vorfall, der vermutlich aus Unwissenheit, schlechter Vorbereitung und unglücklichen Umständen (man weiß, wie Sachen an Unis organisiert werden) zu einem unangenehmen Erlebnis für Noah Sow wurde und sie dazu veranlasste, ihre Lesung abzusagen.

Interessant fand ich, dass Malte Welding scheinbar ganz ähnliches im Sinn hatte, als er die beiden Blogeinträge las. Seine Aufarbeitung der Sache gerät Welding-typisch provokant und überspitzt und ich hätte mir an seiner Stelle die Inanspruchnahme von Audiomaterial von Lantzschi von vor mehreren Jahren gespart, um die Aufmerksamkeit nicht vom Wesentlichen abzulenken, aber im Großen und Ganzen stimme ich ihm zu.

Disclaimer: Rassismus ist scheiße und er ist vorhanden und es wird noch lange dauern und sehr viel Arbeit, Umdenken und sicher auch Provokation erfordern, daran etwas zu ändern.

Dass sich jetzt aber eine Flut von Kommentaren, Tweets und bestimmt auch Blog-Einträgen auf Malte einschießt und #weldinggate vielleicht demnächst noch  zum Trending Topic wird, finde ich dann schon extrem crazy. Ist mal wieder wie bei der politischen Linken weltweit, die sich auch lieber untereinander zofft, als trotz graduell unterschiedlicher Meinungen gemeinsam etwas gegen den Feind zu tun.

Leute, Malte ist doch einer von den Guten, den muss ganz sicher keiner mehr davon überzeugen, was alles schiefläuft – der ist manchmal ein Heißsporn, provokant und satirisch, aber der weiß doch, wo der Hase langläuft und steht auf Eurer (Entschuldigung, Unserer!) Seite.

Brian: Lasst uns gemeinsam ringen!
Die Anderen: Tun wir doch!
Brian: Nein, ringt doch nicht gegeneinander, lasst uns gemeinsam kämpfen gegen den gemeinsamen Feind!
Die Anderen: Die judäische Volksfront!!!!
Brian: Nein, die Römer!
Die Anderen: Achso, öhm, naja, ok… – Ungefähr so in Das Leben des Brian

Odd one out

Gestern hörte ich Gespräche darüber an, wie schlimm Männer sind. Dass Männer und Frauen einfach völlig unterschiedliche Wesen sind, die einander nicht verstehen können. Dass man zwar nix gegen Ausländer habe, aber diese lauten türkischen Jugendlichen doch echt schlimm sein. Dass man, wenn man nach dem Dipl. Ing. auch noch das Lehramtsstudium mit Bachelor/Master ersetzt, Deutschland doch auch gleich in England umbenennen könnte. Dass Berlin eine schreckliche Stadt sei (Beweisführung: besagte laute türkische Jugendliche). Gut, dass die furchtbare elektronische Musik so laut war, dass ich mich nicht die ganze Zeit an der Unterhaltung beteiligen konnte/musste.

Meine Einwürfe, dass Männer und Frauen nicht so unterschiedlich seien und dass ich eine Menge Männer kenne, die ohne weiteres emotional und intellektuell in der Lage sind, mit Frauen sozial zu interagieren; dass auch deutsche Jugendliche laute Musik hören, dass das aber kein Grund sei, auszuflippen; dass bestimmt irgendwer darüber nachgedacht hat, ob es sinnvoll ist, die Studienordnung umzustellen und überhaupt man nicht immer alles so negativ sehen sollte, da das Leben wunderschön und viel zu kurz dafür sei; wurden mit merkwürdigen Blicken und abfälligem Schweigen bestraft. Ich war noch nie so froh, aus einem Restaurant rauszusein. Dabei war das Essen wirklich gut. Trotzdem brauchte ich danach einen langen Spaziergang durch die Herbstnacht nach Hause…

Zehn Jahre

Da gerade alles über 9/11 spricht, erhält dieser Schnappschuss von heute Nachmittag irgendwie nochmal eine Meta-Ebene. Zwei “Türme” (in Wirklichkeit stinknormale Ostberliner “Neubauten”), zwei Flugzeuge, die am Himmel ein Kreuz hinterlassen haben, das die beiden Türme mit der Kirche (der Religion) verbindet. So sah der 11. September 2011 in Berlin aus. Auf dem Alex demonstrierten Nazis, wofür der gesamte Platz abgesperrt wurde, ein paar Gehminuten davon entfernt hat man davon gar nichts mehr mitbekommen. Gleichzeitigkeit, Vielfalt, Perspektivenwechsel.

Vor zehn Jahren saß ich übrigens am Fernseher, im Schlafanzug, krank. Ich schaute eine unsägliche Quiz-Sendung mit Sonja Zietlow, die für die Breaking News unterbrochen wurde. Der Rest des Tages war Fernsehen, Internet (damals vor allem die CNN-Webseite und verschiedene IRC-Chats, man stelle sich vor, es hätte bereits Twitter und Facebook gegeben) und abends eine lange Telefonkonferenz mit meinem damaligen Freund und seinem besten Freund. Ich weiß noch, dass ich Angst hatte, dass der Dritte Weltkrieg vor der Tür steht, während die Jungs (damals wirklich noch Jungs) sich in Verschwörungstheorien ergingen. Die Wahrheit war dann wohl doch wieder – wie immer – irgendwo in der Mitte.

Es bewegt sich was

Gerade wird mal wieder alles neu. Ob die Reise nach vorn oder zurück geht, wird sich zeigen. Auf jeden Fall geht es erst einmal überhaupt, nachdem es viel zu lange stillstand. Ich bin sehr gespannt, was dabei am Ende herauskommt, nehme mir aber vor, den Kopf auf jeden Fall über Wasser zu lassen und offenen Auges, vielleicht ersteinmal vorsichtig, drauflos zu paddeln.

Egal, wie es endet, es wird auf jeden Fall gut. Insofern freue ich mich auf die Herausforderungen, die Erlebnisse, den Spaß, die Konzentration auf das Wesentliche, die Zeit zu denken, zu reflektieren und neuzudefinieren. Vermutlich find ich irgendwo da draußen sogar mich.

Parallel zur inneren, mentalen Reise steht in einer Woche auch eine tatsächliche, physische an. Macht sich ja immer gut, um alles mal von außen zu betrachten, aus einer anderen Perspektive, mit anderen Vorzeichen und Prioritäten. Noch fünfmal arbeiten, noch siebenmal schlafen…

Aus den Fugen

Gestern Abend sagte ein kluger Mensch im Fernsehen, es sei schon erstaunlich. Alles hätte doch so gut angefangen. Es gab ein paar Frühlingstage, in Nordafrika wuchsen neue Demokratien, ein großer Schummler wurde des Amtes verwiesen, die Herrschaft des Volkes rückte immer näher… Dann spielt plötzlich Gaddafi verrückt und seit letztem Freitag ist das alles sowieso irgendwie hinüber. Da zeigt uns die Natur wieder einmal, dass wir eben doch nicht über diesen Planeten herrschen und selbst wenn wir unser bestmöglichstes Benehmen an den Tag legen, manches einfach immernoch unglaublich schiefgehen kann. Wir sind dann jetzt also doch nicht Gott. Gut, dass uns das mal einer sagt.

Auch gut, dass uns mal einer sagt, dass Atomkraft gar nicht sicher ist, hätte unsere Regierung sonst gar nicht mitbekommen. Komisch, wie eine studierte Physikerin diesen Fakt mal eben jahrzehntelang ausblenden kann, wenn es die Seilschaften nötig machen. Es gruselt einen ganz gewaltig. Noch gruseliger ist natürlich, was direkt vor Ort in Japan passiert. Seit letztem Freitag schlafen wir wohl alle nur noch gerade soviel wie unbedingt nötig ist. Der letzte Blick am Abend und der erste am Morgen gelten den Live-Tickern. Man wünscht sich geradezu einen kombinierten Japan-Libyen-Ticker, damit man ja nichts verpasst und in komprimierter Form alle Entwicklungen zu sich nehmen kann, während hier in Deutschland die Welt einfach weitergeht und Tag für Tag bezwungen werden will.

Geht nur mit Galgenhumor, denn wie will man denn hochkonzentriert arbeiten, unter Stress, in einem Raum voller lauter Leute, wenn die Gedanken  ständig ängstlich den Ticker rekapitulieren. Wenn die Bilder im Kopf geprägt sind von dem Buch, dass man als Kind gelesen hat und das jetzt wieder die Bestenlisten hinaufklettert? Wie soll man denn einen klaren Kopf behalten, wenn man nicht über die ganze Scheiße lacht? Ich habe noch nie so viele politisch unkorrekte Witze gemacht, wie in dieser letzten Woche.

Und es ist ja nicht nur Japan. Momentan läuft irgendwie alles schief. Die Arbeit wird immer mehr, die Technik spielt uns Streiche, die Gesundheit von vielen macht einfach nicht mehr mit. Hiobsbotschaften wohin man auch sieht. Da gehen die positiven Entwicklungen leicht unter.

Trotzdem hier die Top 7 der Dinge, die diese Woche wider Erwarten doch lebenswert gemacht haben:

  • Die Freundin einer Freundin ist meine neue Kollegin und bringt das Büro zum Strahlen (schon wieder einer dieser Witze…)
  • Das Beobachten einer gerade beginnenden Liebe(lei?) und die glücklichen Gesichter der beiden Probanden, denen man das bisschen Glück von Herzen wünscht
  • Das Foto vom gerade geborenen Kollegen-Sohn, dass heute im E-Mail-Postfach lag
  • Dass der Liebste gerade eine wundervolle Zeit mit seiner Familie in Italien hat, von der guten Laune schwappt einiges herüber ins kalte, graue Berlin
  • Seit gestern bin ich stolze Besitzerin eines Tickets für das diesjährige Immergut-Festival, auf das ich mir schon jetzt ein Loch in den Bauch freue
  • Dank der sturmfreien Wohnung gibt es morgen einen wundervollen Mädelsabend mit Schokofondue und lieben Freundinnen
  • Die Lektüre des soeben erworbenen Männer und Frauen passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte. Warum die Liebe trotzdem glücklich macht von Malte Welding – voller Wahrheiten und Lehren und Lachern

Irgendwie ist halt doch nicht alles vorbei und selbst an den schlimmsten Tagen beginnt immer auch etwas Gutes. Mein unverbesserlicher Optimismus lässt sich einfach nicht unterkriegen!

PS: Am Nervenaufreibensten ist wohl, dass sich all die Katastrophen alle so lange und unbestimmt hinziehen. Man will doch Ergebnisse sehen und wissen, ob man jetzt Angst haben muss, erleichtert sein soll, oder einfach alles scheiße ist, aber zum Glück nur für die Anderen. Being in limbo is exhausting…