Reisetagebuch 11. September 2019 – Alberobello und Gallipoli #loosinterrail #eatalien

Die Nacht im Sechsbettzimmer, bei offenem Fenster direkt neben der Straße und den Bahngleisen, ist weniger schlimm als erwartet. Trotzdem wache ich ungefähr alle zwei Stunden auf. Gegen sieben ist die Nacht dann endgültig vorbei, weil der erste Wecker klingelt und die ersten Zimmernachbarinnen aufstehen, packen und gehen. Ich lasse mir noch etwas mehr Zeit und lese erstmal gemütlich das Internet leer und verblogge den gestrigen Tag. Dann stehe auch ich auf und setze mich in die Küche, um meine Vorräte zu frühstücken. Aus dem letzten AirBnB habe ich mir noch ein Cornetto mit Schokofüllung und ein paar Waffeln mitgenommen, außerdem habe ich noch Trauben von gestern Abend. In der Küche finde ich noch eine aufgeschnittene Wassermelone, die an der sich alle bedienen dürfen und eine brasilianische Mitgästin hat gerade Kaffee gekocht. Es wird also ein entspanntes und sogar relativ ausgewogenes Frühstück. Danach nehme ich meine getrockneten Sachen von der Leine, ziehe mich an, packe meinen Rucksack und mache mich auf Richtung Bahnhof. Heute geht die Zugfahrt allerdings nicht weit, denn ich muss nur zum Flughafen, um meinen Bruder abzuholen.

Der kommt auch ganz planmäßig an und wir gehen erstmal zur Bar, um Cappuccino und frisch gepressten Orangensaft zu trinken. Danach holen wir unseren Mietwagen ab und der Roadtrip beginnt. Für die nächsten acht Tage hat mein Interrail-Ticket Pause und wir übernachten in schönen Agriturismi, deswegen gesellt sich zum #loosinterrail jetzt auch der von meinem Bruder vorgeschlagene #eatalien. Unsere erste Station ist Alberobello, dessen Altstadtviertel mit diversen Trulli zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Leider wissen das außer uns auch jede Menge anderer Touristen und das ganze Viertel wirkt eher wie Disneyland. Überall kleine Lädchen, die Kitsch verkaufen und mit dubiosen Angeboten leichtgläubige Touris anlocken.

Wir verziehen uns recht schnell in die “normaleren” Viertel der Stadt, denn wir haben Lust auf Panzerotti, typisch apulisches Streetfood, die wir in einer Bar mit einer Tomaten-Mozzarella-Füllung bekommen.

Ein paar Meter weiter gibt es einen Belvedere, von dem man noch einmal einen schönen Blick von oben auf die Trulli bekommt.

Dann fahren wir weiter Richtung Salento, die Gegend, die den Absatz des italienischen Stiefels einnimmt. Auf den ersten Kilometern gibt es noch hier und da Trulli, die etwas authentischer wirken und sich organisch in die Landschaft einfügen. Dann geht es vor allem durch Obstwiesen und Olivenhaine. Unser Ziel ist heute Gallipoli, wo wir uns auf einem Agriturismo eingemietet haben, der von Reben und Olivenbäumen umgeben ist. Leider ist das hauseigene Restaurant derzeit geschlossen. Wir ruhen uns kurz aus und fahren dann nach Gallipoli, um der Empfehlung unseres Gastgebers entsprechend in einer Trattoria zu essen.

Wir teilen uns die Antipasti des Hauses, die aus gratinierten Miesmuscheln, Tintenfisch-Bällchen, mariniertem Schwertfisch, Auberginentarte, Gemüsepastete und den typischen Friselle besteht – eingeweichtem trockenem Brot mit Olivenöl und Kirschtomaten. Dazu gibt es einen schönen Negroamaro aus der Gegend.

Als Hauptgang wähle ich die Orecchiette mit Cime di Rapa und mein Bruder Ravioli mit einer Burrata-Füllung und Tomatensauce und eine Insalata Mista. Für einen Fisch- oder Fleischgang sind wir dann leider zu vollgefressen, ebenso wie für den Nachtisch. Wir entscheiden uns stattdessen für einen Spaziergang durch die Altstadt von Gallipoli, die auch hier der eigentlichen Stadt vorgelagert auf einer Insel liegt, die nur über eine Brücke zu erreichen ist. Obwohl ich eigentlich satt bin, passt eine Granità aus frischem Zitronensaft dann doch noch rein, bevor es “nach Hause” und ins Bett geht.

 

Reisetagebuch 10. September 2019 – Bari #loosinterrail

Nachdem ich ja gestern Abend blöderweise im Arbeitstunnel gelandet war und dann ewig nicht einschlafen konnte, wache ich nach unruhiger Nacht auch noch viel zu früh wieder auf. Im Halbschlaf schaue ich mir meinen Reiseplan für den heutigen Tag an und stelle fest, dass meine ausgesuchte Verbindung ja gar nicht mit dem Zug, sondern mit dem Bus stattfindet und außerdem ganz schön spät losgeht und ich noch jede Menge Zeit zu vertrödeln hätte. Also vergleiche ich nochmal mit Verbindungen mit Reservierungen und finde einen Zug, der zwei Stunden früher fährt und der den Vorteil hat, dass ich damit dann auch zwei Stunden früher in Bari bin. Da heute Waschtag ist und ich ja trotzdem noch etwas von der Stadt sehen möchte, ist das auf jeden Fall günstig. Ich buche also die Reservierung (gar nicht so einfach, die Usability der entsprechenden Webseite ist der Horror und über die App klappt es gleich noch viel weniger) und beschließe dann gegen halb sieben, dass die Nacht jetzt wirklich beendet ist und verblogge den gestrigen Tag.

Dann stehe ich tatsächlich auf. Mit Musik, einer Dusche und Kaffee komme ich gut in einen erträglichen Wachmodus. Ich frühstücke Cornetto mit Aprikosenmarmelade und weiteren Süßkram, den der Host bereitgestellt hat und trinke neben dem Kaffee noch sowohl Birnen- als auch Pfirsichsaft. Dann packe ich ganz entspannt meine sieben Sachen zusammen und komme langsam wieder zurück in das Urlaubsgefühl, das mich durch die Tunnelsache und die unruhige Nacht irgendwie verlassen hatte. Ich laufe zum Bahnhof und besteige zunächst den InterCity nach Taranto. Durch meine sehr späte Reservierung habe ich leider keinen Fensterplatz bekommen und da alle Rollos unten sind, sehe ich kaum etwas von der Landschaft des Cilento und von den Appeninen, durch die wir fahren (Kampanien, dann kurz Basilicata, dann Apulien). Stattdessen beschäftige ich mich mit Lesen und immer mal wieder Wegdösen. Irgendwann bekomme ich Hunger und halte es auch nicht mehr bis Taranto aus. Also futtere ich das Tütchen spanisches Studentenfutter mit Meersalz aus Ibiza auf, dass mir meine neue Chefin geschenkt hatte und dass ich mir schon für den ersten Zugtag als Reiseproviant eingesteckt hatte. Zum Glück, denn der Bahnhof in Taranto ist gastronomisch eher unterwältigend.

Dort steige ich dann aber wieder in einen Bummelzug um, der mich in knappen anderthalb Stunden nach Bari bringt. Vor dem Zugfenster ziehen Olivenhaine und Obstwiesen vorbei und es sieht alles schon wieder ganz schön schön aus, dieses Apulien. In Bari geht es dann zunächst einmal ins Hostel, das in einer klassischen italienischen Altbauwohnung in einem Palazzo eröffnet wurde. Es gibt drei Dorms mit jeweils sechs Betten, eine Küche, ein Bad mit Wanne, einen Aufenthaltsraum, ein Büro und vor jedem Zimmer einen Balkon. Der Mitarbeiter, der mich empfängt, ist Holländer und erzählt, dass er zur Crew eines Schiffes gehört, dass Geflüchtete im Mittelmeer rettet. Als er zuletzt nach Italien einreiste, wurde er am Flughafen erst einmal für fünf Tage in einer engen Zelle festgesetzt, bevor er dann doch hineingelassen wurde. Jetzt verbringt er eine Weile hier in Bari und ab Oktober geht es für die nächste Tour aufs Schiff. Außer ihm gibt es noch die italienische Inhaberin des Hostels mit ihren zwei kleinen Hunden, die mir und anderen Gästinnen erst einmal etwas von ihrer Hackfleischpastete abgibt und allen Kaffee serviert.

Wir müssen nämlich noch warten, das Buchungssystem erlaubt Check-ins erst ab 17 Uhr. Zeit, im Internet herumzuklicken, mit den anderen zu quatschen und Wäsche zu waschen. Die Waschmaschine steht, wie in Süditalien anscheinend häufiger, auf einem der Balkons. Ich ziehe mich schnell noch um und werfe dann alles, was ich in den letzten 10 Tagen anhatte hinein. Das Programm dauert nur eine halbe Stunde. Danach kann ich die Wäsche auf dem Balkon meines Dorms aufhängen und dann auch schon offiziell einchecken. Und dann geht es hinaus in die Stadt. Über den Corso Cavour (italienische Straßen heißen ja alle gleich – überall gibt es eine Via Roma und Straßen oder Plätze, die nach Garibaldi, Cavour, Mazzini oder Vittorio Emanuele benannt sind) laufe ich hinunter zum Wasser. Hallo Adria, da bin ich wieder!

Ich liebe ja Städte, in denen man einfach am Ufer entlang laufen kann, sei es nun an einem Fluss, am See oder am Meer. Bari ist nun eine derer, in denen die komplette Altstadt auf einer Art vorgelagerten Halbinsel liegt – ähnlich wie zum Beispiel Siracusa auf Sizilien oder Cádiz in Andalusien. Ich laufe also zunächst einmal schön am Wasser entlang und fast um die ganze Altstadt herum, bevor ich mich in das Gassengewirr weiter drinnen stürze, dass mich mit seinen hellen Steinen und dem labyrinthischen Gewirr irgendwie auch an Eivissa, den Hauptort auf Ibiza erinnert.

Der Reiseführer und mein Appetit sagen, dass ich bei Maria einkehren und Sgagliozze essen soll – also in Sonnenblumenöl frittierte Polenta-Stückchen mit Salz. Aber als ich vor dem Laden ankomme – eigentlich ist es ein klassisches “Hole-in-the-wall”, sitzen Maria und ihre Kumpan*innen noch gemütlich davor auf einer Bank – aufgemacht wird hier erst um 18 Uhr. Also spaziere ich noch ein wenig weiter durch die Gassen und setze mich dann an die Basilica St. Nicola, um etwas über die Geschichte der Stadt zu lesen. Dabei erfahre ich, dass hier tatsächlich die Gebeine vom Nikolaus bestattet sind, irgendwie passend, dass er auf dem Stiefel liegt, oder?

Als die Glocken dann 18 Uhr läuten, laufe ich zurück zu Maria, wo inzwischen das Öl erhitzt wird und erste Sgagliozze darin baden. Bis die fertig sind, dauert es aber noch eine ganze Weile. Hinter mir bildet sich schnell eine Schlange, die dann zu einem Menschenauflauf wird und irgendwann taucht auch noch ein Fernsehteam von Rai 1 auf, dass scheinbar eine Doku über Bari dreht und Maria unbedingt dabei haben will. Evtl. kann man mich jetzt am 28. September gegen Mittag im italienischen Fernsehen sehen.

Ich bin dann jedenfalls die erste, die ihre sechs heißen, fetttriefenden und salzigen Sgagliozze für einen Euro in einer Papiertüte überreicht bekommt. Ich setze mich damit auf ein Mäuerchen an der Basilika, auf dem sich bald noch mehr von Marias Kund*innen zu mir gesellen.

Was soll ich sagen, die Dinger sehen gut aus – goldgelb und ein bisschen wie SpongeBob, wie ein Freund auf Facebook kommentiert. Da, wo sie richtig schön knusprig sind, schmecken sie lecker – halt knusprig, fettig und salzig. Wo es weniger knusprig ist, ist es halt herzhafter Grießbrei mit Sonnenblumenöl. Kann man machen, muss man aber nicht. Aber dafür bin ich jetzt für einen Euro schon wieder ziemlich satt. Ich beschließe, mir für den Abend kein Restaurant zu suchen, sondern einfach noch eine Rispe Kirschtomaten und zwei Handvoll Trauben zu kaufen (macht zusammen ebenfalls nochmal einen Euro) und mich damit ans Wasser zu setzen.

Auf dem Weg dorthin komme ich an einem weiteren, etwas improvisierteren und weniger berühmten Sgagliozze-Stand vorbei und sehe, wie die Polenta-Stückchen entstehen.

Dann setze ich mich auf die Hafenmauer, beobachte einen Angler, gucke aufs Wasser und wasche meine Tomaten, die ganz erdig sind, mit dem Wasser aus meiner Wasserflasche. Bis zum Sonnenuntergang habe ich mein Mahl beendet – die zweite Handvoll Trauben lasse ich mir fürs morgige Frühstück.

Da ich an der Ostküste bin, findet der Sonnenuntergang natürlich nicht über dem Meer statt, aber das habe ich auf dieser Reise hoffentlich noch ein- bis zweimal. So sieht zumindest der Himmel schön aus. Ich laufe zurück zum Hostel und setze mich dort mit dem Laptop nochmal eine Weile in den Gemeinschaftsraum. Aber irgendwie bin ich zu müde (kein Wunder, nach vier Stunden Schlaf) und lege mich schnell ins Bett. Meine Wäsche ist übrigens nach knappen drei Stunden an der Luft schon so gut wie trocken, aber da es nachts nicht regnen soll, beschließe ich, sie noch hängen zu lassen und erst morgen abzunehmen. Noch ein halber Film auf Netflix und dann wird geschlafen.

Reisetagebuch 9. September 2019 – Amalfi #loosinterrail

Als ich am Morgen erwache, ist es draußen noch grau und regnerisch. Es soll aber bald aufklaren und wieder sommerlich warm werden. Ich mache mir also einen sehr gemütlichen Morgen im Bett – Kapselkaffeemaschine und typisch italienisches Frühstück (Cornetti, Zwieback, Kekse, Marmelade, Saft) stehen direkt im Zimmer, leider alles einzeln verpackt und gar nicht Zero Waste, aber manchmal muss man eben Kompromisse machen. Ich benutze dann auch nur eine Kaffeekapsel und öffne ein Cornetto. Frühstückend plane ich die Reiseroute für die nächsten Tage bzw. Wochen durch Apulien, die Basilikata, Kalabrien und Sizilien und verblogge den gestrigen Tag. Dann ist es zehn Uhr und die Sonne scheint. Ich mache mich also schnell fertig und spaziere dann durch die Innenstadt und am Dom vorbei hinunter zum Hafen, wo ich das Traghetto nach Amalfi nehme.

Die Sonne scheint, es ist warm und gar nicht mal so windig, aber trotzdem stampft das Schiff ganz schön auf den Wellen und die Gischt spritzt uns immer wieder nass, so dass ich mich bei der Ankunft in Amalfi wie frisch geduscht fühle und den Rest des Tages eine Salzkruste auf der Haut trage.

In Amalfi war ich damals mit Il Professore bzw. seiner Familie zwei- oder dreimal. Allerdings fuhren wir damals von Salerno aus die Küstenstraße entlang: Steile Wand nach oben rechts, steile Wand nach unten links, Serpentinen und Reisebusse im Gegenverkehr. Ich erinnere mich noch, wie ich beim letzten Mal ein wenig Panik bekam und nicht mehr rausgucken konnte. Dass ich noch einmal nach Amalfi wollte, war mir seit vielen Jahren klar und daher kam es diesmal ganz selbstverständlich auf die Reiseroute. Aber vor der Anreise hatte ich Respekt. Zum Glück brachte mich mein Host auf die Idee, doch einfach das Schiff zu nehmen. Das ist günstiger als der Bus, geht schneller und ist weniger gefährlich für Leib und Seele. Dafür wird man halt ein bisschen nass, aber bei dem Wetter ist das ja nicht schlimm.

In Amalfi angekommen ist sofort dieses schöne euphorische Gefühl wieder da, wie damals. Alles ist hübsch, das Meer ist tiefblau bis türkis, die Sonne scheint, farbenfrohe Keramik hängt überall und überall leuchten gelb die Zitronen und Zitronensouvenirs. Überhaupt bin ich erst durch Amalfi darauf gekommen, was für eine tolle Frucht Zitronen sind und dass die weit mehr können, als ich immer angenommen hatte. Hier sind sie auch noch besonders groß, mit einer dicken und runzeligen Schale und einem sehr feinen Aroma. Aus den Schalen macht der Papa von Il Professore selbst Limoncello und auch sonst ist für mich seit damals mit Zitronen vieles besser.

Amalfi war früher mal eine bedeutende Republik und dann stürzte im 14. Jahrhundert ein großer Teil der Stadt bei einem Erdbeben einfach ins Meer. Seitdem ist es ein eher kleiner Ort, man könnte sagen ein größeres Dorf und beherrscht wird es von Touristen. Trotzdem ist es superschön da und wenn man schon Kirchen baut, dann doch vielleicht am besten so:

Aber eigentlich bin ich ja wegen der Zitronen hier und da es inzwischen Mittagszeit ist, laufe ich von einem Restaurant zum nächsten und begucke mir die Speisekarte, bis ich mir genau das Menü zusammenstellen kann, das ich möchte. Es gibt Cozze al limone, also Miesmuscheln mit Zitrone, dann Trenette al limone, also Pasta mit einer Zitronen-Käse-Sauce, Zitronenstückchen und Petersilie und dann Delizia al limone, ein Zitronentörtchen, bei dem der Biskuit mit Limoncello getränkt ist. Hauptgericht und Dessert hatte ich von früher noch in guter Erinnerung, die Miesmuscheln mochte ich damals noch nicht. Alle drei Gänge waren unglaublich gut und sorgten für viele wohlige Laute und geschlossene Augen, um besser schwelgen zu können.

Weil es mitten am Tag war, gab es ausnahmsweise keinen Wein zum Essen und dafür hinterher einen Espresso. Dann bummelte ich noch ein wenig durch die Gassen und kaufte mir ein T-Shirt, das mich schon auf dem Hinweg angelacht hatte und mir hoffentlich zukünftig ob seiner Farbe und der mit den Worten verknüpften Erinnerungen immer gute Laune machen wird. Wenn das klappt, sind das 15 sehr gut investierte Euro.

Was noch sehr zuverlässig für gute Laune sorgt, ist das Meer. Deswegen lief ich als nächstes wieder hinunter ans Wasser und setzte mich im Schatten der Mole an den Strand – nicht ohne vorher noch mit den Füßen in den Wellen zu plantschen. Leider hatte ich meinen Kindle in der Unterkunft vergessen und konnte so nicht in der “Italienischen Reise” weiterlesen. Stattdessen las ich die historischen Kapitel des Reiseführers sowie das Internet leer, starrte lange aufs Wasser und versuchte zwischendurch auch kurz, zu meditieren. An einem vollen Strand ist das allerdings etwas schwierig, musste ich feststellen. Kurz nach 17 Uhr brach ich wieder zum Fähranleger auf und dann trug uns das Traghetto über deutlich ruhigere See diesmal recht gemütlich zurück nach Salerno.

Ich verbrachte noch eine gute weitere Stunde dort im Hafen und am Strand, wo ich auch schon am Abend vorher gesessen hatte, und lief dann als es kühler wurde wieder Richtung AirBnB. Unterwegs holte ich mir an einer Friggitoria noch eine frittierte Mini-Calzone mit Mozzarella und eine Cedrata.

Dann wollte ich mir einen gemütlichen Netflix-Abend machen, aber bekam prompt beim Aufklappen des Rechners erstmal eine Mail, dass mein Account gehackt worden wäre. Ich musste also erstmal in Deutschland mit der Netflix-Hotline telefonieren und das klären. Als der Account safe und mein Passwort geändert war, informierte ich meine Mitbewohnerin über die neuen Gegebenheiten und bekam prompt ein süßes Katzenfoto zurückgeschickt. Und weil ich dann in den Gedanken schon so weit in Berlin war, wollte ich noch kurz etwas anderes erledigen: Direkt in meiner ersten Arbeitswoche steht eine Dienstreise an und eine zweite in der Woche danach. Da ich für die erste Reise noch keine genauen Termine hatte und für die zweite noch rechtzeitig Flüge buchen muss, um innerhalb der Reiserichtlinie zu bleiben (es ist leider zu weit, um mit dem Zug zu fahren), loggte ich mich in meinen Arbeits-E-Mail-Account ein.

Und natürlich habe ich es dann nicht geschafft, nur nach den relevanten Informationen zu gucken, sondern mir sprangen direkt noch diverse weitere E-Mails Chat-Verläufe ins Auge. Keine größeren Katastrophen und viele unwichtige Sachen habe ich direkt gelöscht, damit der Einstieg in den Arbeitsalltag in zwei Wochen weniger stressig wird, aber natürlich war ich dann mit dem Kopf gleich wieder in diversen Arbeitsthemen drin, priorisierte bereits im Geiste die Aufgaben für nach dem Urlaub usw. usw. Es dauerte bestimmt eine Stunde, bis ich alles gebucht, überflogen und wegsortiert hatte und mich wieder aus dem Tunnel befreien und einen Film anschalten konnte. Nur leider war mein schöner Urlaubsmodus zumindest für diesen Abend dahin und auch die Nacht verbrachte ich mit viel Grübelei und Planerei statt mit erholsamem Schlaf. Das muss ab morgen ganz dringend wieder anders werden!

Reisetagebuch 8. September 2019 – Neapel und Salerno #loosinterrail

Nach Wein, Aperitivo und noch mehr Wein gestern habe ich eine etwas unruhige Nacht hinter mir, aber zum Glück ist ja Urlaub. Mein Host kehrt am Morgen in die Wohnung zurück, macht uns erstmal Kaffee und wir teilen uns ein schönes Stück Gebäck mit weißer Schokoladencreme drinnen. Dazu reden wir über alles mögliche, vom Lehrerberuf in Italien über Salvini und die neue Regierung bis hin zum Reisen um zu essen. Er ist beeindruckt davon, dass eine Deutsche sich so gut mit den verschiedenen regionalen Spezialitäten auskennt und gibt mir gute Tipps für Neapel, Salerno und Bari, meine nächsten Stationen. Dann mache ich mich mit Sack und Pack auf zum Bahnhof, nur um festzustellen, dass meine Verbindung zum Hauptbahnhof (Termini) heute ausfällt. Ich kann aber die U-Bahn (Metro) nehmen und weil ich so aussehe, als sei ich gerade erst mit dem Zug angekommen, darf ich sogar kostenlos mitfahren. In Termini steige ich dann in den Bummelzug nach Neapel und teile mir einen Vierersitz mit drei jungen Italienerinnen. Eine von ihnen schläft fast die ganze Zeit, die anderen beiden unterhalten sich lautstark und spielen sich gegenseitig Videos vor – ohne Kopfhörer natürlich. Ich verbringe viel Zeit damit, zu bloggen und angestrengt aus dem Fenster zu sehen. Nach etwa drei Stunden sind wir in Neapel (Vom Rom nach Neapel ist ungefähr so wie von Berlin nach Rostock – mit dem Schnellzug zwei Stunden, mit dem langsamen drei, der einzige Unterschied: Es gibt fast auf der ganzen Strecke, außer im Tunnel, guten Internet-Empfang.)

In Neapel habe ich eine halbe Stunde Aufenthalt und große Pläne: Es gilt, in einer Pasticceria Sfogliatelle und Babà zu kaufen und außerdem noch Pizza auf die Hand als Mittagessen (und Katerbewältigung) zu kaufen. Zum Glück gibt es in Bahnhofsnähe reichlich Gelegenheit, all das zu erledigen. Zwar ist die Schlange an der avisierten besten Pasticceria jetzt um die Mittagszeit zu lang, aber in einer anderen bekomme ich, was ich möchte – sogar in meine mitgebrachte Dose verpackt. Die Pizza hole ich mir dann direkt am Bahnhof und ich bin sogar noch ein paar Minuten vor der Zeit am Bahnsteig und kann sie essen, bevor ich in den Zug steige. Der Zug ist dann die Zirkumvesuvia, also die Linie, die um den Vesuv herumführt. Den ersten Teil der Fahrt habe ich ständig das Meer vor dem Fenster und bin sehr froh, es nach einem ganzen Tag ohne in Rom endlich wieder zu sehen.

In Agrigento angekommen laufe ich vom Bahnhof zu meiner Unterkunft und treffe unterwegs bereits auf meinen Host, der mir entgegengelaufen kam. Er hilft mir mit meinem Gepäck und wir unterhalten uns so gut wie möglich auf Italienisch. Als ich zwischendurch nicht weiter weiß und ins Englische wechsle, meint er: “Oh nein, mein Bruder ist der, der Englisch spricht.” – Willkommen in Süditalien! Ich beziehe mein Zimmer, das schon fast ein luxuriöses Apartment mit allem Komfort ist, und mache mich zunächst einmal über die neapolitanischen Leckereien her. Außer Sfogliatelle und Babà hatte mich auch noch eine Codina mit Zitronencreme angelacht.

Kurz nach 17 Uhr wird es draußen etwas weniger heiß und ich bin einigermaßen von der Hetzerei mit schwerem Gepäck erholt und spaziere hinunter ans Wasser. Für heute habe ich keine großen Pläne mehr, außer die Seeluft zu genießen und irgendwann später Mozzarella zu essen. Die Gegend hier ist nämlich berühmt für ihren Büffelmozzarella. Beim Flanieren auf der Promenade erinnere ich mich daran, wie ich vor Jahren mit Il Professore und seinen Eltern hier langspaziert bin. Salerno ist nur eine halbe Stunde von ihrem Zuhause entfernt und die erste Adresse, wenn man ans Meer möchte. Hätte ich mir damals auch nicht träumen lassen, Jahre später nochmal alleine hierher zu kommen. Ich erinnere mich an all die leckeren Dinge, die ich damals hier in Kampanien gegessen habe und die vielen Kilos, die ich bei den Aufenthalten immer zugenommen habe. Der Tag begann morgens mit selbstgebackenem Kuchen, mittags und abends gab es Menüs mit mindestens verschiedenen Antipasti, Pasta, Salat und Dessert – abends meist noch einen Secondo aus Fleisch oder Fisch dazu. Und dazwischen gehörte eine ordentliche Passegiata mit Eis oder Aperitivo in der Bar… Das waren Zeiten, die mich sehr geprägt haben.

Am Ende der Promenade gibt es einen kleinen Strand, an dem ich kurz die Hand ins Wasser halte und mich dann zu diversen anderen Menschen auf die Holzstufen setze. Scheinbar ist das hier der Treffpunkt für die jüngeren Generationen. Aus einem Kiosk ertönt entspannte Musik und man spricht und trinkt und raucht und schaut aufs Meer. Ich schaue nur aufs Meer und zwischendurch ab und zu in mein Telefon.

Zwischendurch bekomme ich grunzenden Besuch, sieht aus wie Stitch, hört aber auf den Namen Theo.

Ich warte den Sonnenuntergang ab, der hier leider von den Bergen verdeckt wird und schaue dann noch ein wenig aufs dunkle Wasser, bevor ich wieder so etwas wie ein Hüngerchen verspüre und zurück in die Stadt laufe.

Vor einem Bistro setze ich mich an einen Tisch und bestelle ein leichtes Abendessen – einen Involtino di Melanzane mit Kochschinken, Mozzarella und Béchamel sowie eine klassische Caprese. Dazu gibt es geröstetes Brot mit Olivenöl und Oregano und ein Glas Fiano di Avellino, mein Lieblingsweißwein.

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Danach geht es ab ins Bett und da ich nach Tagen endlich mal wieder WLAN habe, kann ich noch ein bisschen netflixen, bevor ich zufrieden einschlafe.

Reisetagebuch 7. September 2019 – Testaccio #loosinterrail

Eine erstaunlich ruhige Freitagnacht in Rom, so dass ich morgens ausgeruht erwache und die restlichen Trauben und Pflaumen von gestern frühstücke, während ich das Internet leerlese und weitere Reiseplanung betreibe. Gegen zehn geht es dann durch dieses schöne Treppenhaus und den grünen Innenhof nach draußen, wo Testaccio auf mich wartet.

Rachel beschreibt das Viertel gerne als ein großes, dreieckiges Käsestück. An der Spitze befindet sich die Pyramide, die Seiten werden von zwei großen Straßen gebildet, die geschwungene Rinde vom Tiber. Dazwischen befinden sich sehr rechteckig angeordnete kleinere Straßen mit Mietskasernen, eine große Piazza, auf der man zusammenkommt, der überdachte Markt und der ehemalige riesige Schlachthof, für dessen Arbeiter das Viertel einst gebaut wurde. Ich spaziere ein bisschen umher und schaue mich um, entdecke einige der Läden und Restaurants, über die ich schon bei Rachel gelesen habe, und mache mich dann auf den Weg zum Markt, wo ich mit ihr auf einen Kaffee verabredet bin.

Nach immerhin vier Jahren gibt es eine sehr herzliche Begrüßung und wir sind schnell wieder mitten im Gespräch. Kein Wunder: Eine knappe Woche Schreib-Workshop und gutes Essen schaffen eine starke Verbindung. Wir waren damals ja eine recht kleine Gruppe – sechs Teilnehmerinnen, zwei “Anleiterinnen” und zwei Gastgeberinnen – und haben viele Stunden miteinander verbracht und sowohl über Schwach- als auch Tiefsinniges geredet. Trotzdem freue ich mich sehr, dass sich Rachel auch noch an meinen Erdbeeren-Text erinnert, den sie damals gemeinsam mit mir lektoriert hatte. Gemeinsam mit ihrem Sohn Luca* schlendern wir nach dem Kaffee über den Markt. Rachel kauft für Rezepte ein, die sie für ihr neues Buch ausprobiert. Aus Gamberi und Zucchini wird später diese Pasta, für den nächsten Tag sind Hähnchen und Schafsricotta bestimmt, woraus kleine frittierte Fleischbällchen werden sollen.

Mit Rachel in Testaccio unterwegs zu sein ist so, wie man es sich beim Lesen ihrer Texte vorstellt: Die Verkäufer auf dem Markt kennen sie alle und beraten Sie zu ihren Produkten und der besten Zubereitungsart. Ständig trifft sie Bekannte aus dem Viertel und wechselt ein paar Worte mit ihnen. Und als wir gerade darüber sprechen, ob sie mit dem neuen Buch vielleicht auf Lesereise nach Berlin kommt, wird sie von englischen Touristinnen erkannt und angesprochen, die ihre Kolumne im Guardian kennen und deswegen nach Testaccio gekommen sind.

Wir bekommen eine Probierportion Amatriciana angeboten, was mir erlaubt, eine weitere der typischen römischen Pasta-Spazialitäten zu kosten. Dann muss Rachel zurück an den Schreibtisch – die Deadline droht! Wir verabreden uns für den Abend auf einen Aperitivo und ich befasse mich jetzt mal ernsthaft mit meinem Mittagessen. Es wird ein mit Artischocke alla romana und Pecorino belegtes Panino von einer Streetfood-Bude auf dem Markt mit einem Glas Weißwein dazu.

Danach laufe ich zum Mattatoio, dem Alten Schlachthof, der heute vor allem Kunst- und Kulturzentrum ist. Selbst Eric Clapton ist hier schon aufgetreten. Heute hingegen ist es eher leer und ruhig hier und ich verziehe mich schnell in eine ruhige Ecke, um mich ein wenig auszuruhen, zu lesen und den Alkohol im Wein abzubauen. Auf Google Maps sehe ich, dass es in der Nähe einen Orangengarten gibt und spaziere durch ein eher grünes Villenviertel dorthin. Er befindet sich oben auf einem Hügel, von wo aus man einen schönen Ausblick auf Rom hat. Die Nachmittagshitze ist jetzt so richtig da, deswegen suche ich mir ein schattiges Plätzchen und lese weiter im Goethe, der inzwischen in Neapel weilt, wo ich ja morgen auch durchkomme.

Nach einer Weile schaue ich auf und merke, wie zwei weiß gekleidete Frauen mit einem riesigen Ballen Tüll beginnen, einen Bereich abzutrennen und zu dekorieren. Das sieht nach Hochzeit aus. Eigentlich habe ich ja gerade überhaupt keine Lust auf romantischen Kitsch, aber erstens ist es hier sonst sehr schön und zweitens bauen zeitgleich zwei Musiker auf und stimmen ihre Instrumente (Kontrabass und E-Gitarre) und das verspricht dann doch, spannend zu werden. Nach und nach versammeln sich immer mehr weiß Gekleidete, von denen sich einer als der Bräutigam herausstellt. Dann ertönt aus einem Lautsprecher eine Art Dudelsack-Marsch (nicht “Join This Parade”, aber etwas ähnliches) und die Braut erscheint. Als alle versammelt sind, gibt es noch “Amazing Grace” vom Dudelsack-Band und dann beginnt die Zeremonie, die etwa anderthalb Minuten dauert.

Die Familien stellen sich in einer Reihe hinter dem jeweiligen Teil des Brautpaares auf, jeweils mit der rechten Hand auf der Schulter der Vorderperson. Die Familie des Bräutigams sieht irisch-schottisch aus, die der Braut südostasiatisch. Ein Schal wird um die Hände des Paars gewickelt, ein paar Worte werden gesprochen, dann darf die Braut geküsst werden und es wird applaudiert. Fertig. Jetzt noch Schampus und Fotos und dann wird der Tüll wieder eingerollt. Ich und die anderen Umstehenden sind ein wenig irritiert, wie schnell das jetzt alles ging. Aber dafür fangen endlich die Musiker an zu spielen und bringen feinsten Big-Easy-Südstaaten-Sound zu Gehör, inkl. zweistimmigem Gesang. Ich kann anhand der Lyrics drei der vier Songs identifizieren, sie sind von Tom Waits, Hugh Laurie und Grateful Dead. Ich kann mir nicht helfen, die Musik ist eindeutig das Highlight dieser Hochzeit! (Oder, dass ich im Gehen entdecke, dass neben dem Brautpaar Plüschtiere von Simba und Nala auf dem Boden lagen…?)

Dann wird es Zeit, zur Piazza zurückzukehren, wo inzwischen Rachel, ihr Partner Vincenzo und halb Testaccio beim Aperitivo und Abendschwätzchen versammelt sind, während die Kinder sich nochmal austoben. Ich erzähle Rachel von der Hochzeit und sie erklärt mir, dass das wahrscheinlich eine Flashmob-Hochzeit war. Viele Menschen wollen gerne in Rom heiraten, aber die Kirche oder zumindest die Stadt wollen mit daran verdienen und es ist alles schrecklich kompliziert, deswegen finden vor allem nichtchristlicher Hochzeiten vermehrt spontan auf der grünen Wiese statt, so wie die, die ich eben gesehen habe.

Apropos auf der grünen Wiese: Die Stadt vergibt auch teure Lizenzen dafür, dass Gastronomiebetriebe Stühle nach Draußen stellen dürfen. Die Bar, bei der wir uns treffen hat seit Jahren versucht, so eine Lizenz zu bekommen, ist aber gescheitert. Daher machen sie jetzt die gesamte Piazza zu ihrem Außenbereich und servieren auch an Bänken, Springbrunnen oder überall dort, wo Leute stehen und reden. Der klassische Aperitivo hier hat eine Campari-Basis und so genehmige ich mir einen Campari Spritz. Dazu gibt es frei Haus zwei Sorten kalte Pizza – eine mit Tomate und Käse, eine mit dünn gehobelten Kartoffelscheiben – und Chips. Wir plaudern weiter über Dieses und Jenes, bis es nach einer guten Stunde Zeit ist, dass Luca ins Bett kommt. Rachel bringt mich aber noch zu einer ihrer liebsten Trattorien, organisiert mir einen Tisch und stellt mich dem Besitzer als eine ihrer Freundinnen vor, bevor wir uns verabschieden.

Ich nehme dankbar Platz und werde sehr liebevoll umsorgt, sogar die halbe Speisekarte wird mir übersetzt, wobei es nur für einige Dialektbegriffe nötig gewesen wäre. Es gibt Weißbrot und Focaccia mit Rosmarin und dann Fritto Misto (je zwei panierte und frittierte Bällchen aus Ricotta, Hackfleisch bzw. Oliven) und dann Spaghetti mit Calamaretti und Zucchiniblättern. Dazu gönne ich mir noch einen Viertelliter Frascati und bin danach so angetrunken müde, dass ich ohne Nachtisch und Zähneputzen direkt ins Bett muss…

*Ich verwende hier Klarnamen, weil Rachel das in ihren Texten ebenso tut.

Reisetagebuch 5. September 2019 – Baratti #loosinterrail #wmdedgt

Es ist der 5. und wie jeden Monat ruft Frau Brüllen zum Tagebuchbloggen auf. Die anderen Beiträge zu “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” findet Ihr hier.

Ich erwache, nachdem ich unglaublicherweise mehr als acht Stunden durchgeschlafen habe. Es ist wirklich so still draußen, wie erhofft. Abends noch ein paar Grillen, morgens ein paar Vögel, ansonsten absolute Ruhe. Der erste Zug fährt erst durch, als ich schon wach bin. Ich lese mich gemütlich durchs Internet und stehe dann gegen acht auf, ziehe mich an und gehe hinunter ins Café, um zu frühstücken. Zum Cappucino gibt es heute gleich zwei Cornetti – eins alla crema und eins mit Aprikosenmarmelade. Ich kann mich nämlich erstens nicht entscheiden und zweitens plane ich einen langen Tag am Strand, da kann man ruhig bisschen auf Vorrat essen. Nebenan hole ich mir dann noch ganz ehrgeizig la Repubblica, zwei Pfirsiche für den Tag (ich sag ja, ein pfirsichlastiger Urlaub) und einen Liter Aprikosensaft. Und dann geht es los Richtung Strand.

Der Weg dorthin dauert zu Fuß eine halbe Stunde und führt vorbei an Feldern, Olivenhainen, Pinienwäldern, Zypressenalleen und Bambusstauden. Ich treffe die drei Katzen vom Vortag wieder – alle auf einem Haufen und ansonsten leider vielen Autos. Der Weg ist nämlich eine gewöhnliche Landstraße, die wenig Raum für Fußgänger*innen lässt. Ich werde ziemlich merkwürdig angestarrt, weil ich dort einfach so langlaufe. Besonders unangenehm ist ein Kreisverkehr, der wirklich nicht vorsieht, dass man ihn zu Fuß bewältigt und dann eine einspurige Straße, auf der sich natürlich in beiden Richtungen Autos bewegen. Interessanterweise habe ich das Gefühl, die Autos mit deutschen Kennzeichen sind weniger überrascht und rücksichtsvoller als die mit den italienischen, die oft ziemlich nah an mir vorbeibrausen, während die deutschen oft langsamer werden oder sogar proaktiv ausweichen.

Ich bin jedenfalls ganz froh, als ich gegen halb zehn am Strand ankomme, der dann auch noch ziemlich leer ist, und mir ein schönes schattiges Plätzchen unter Pinien aussuchen kann. Dann geht es natürlich gleich erstmal ins Wasser und auf einmal bin ich wieder acht Jahre alt. Damals, vor 28 Jahren, habe ich nämlich an genau diesem Strand endlich richtig schwimmen gelernt. Der Untergrund ist sandig, bis auf ein paar größere Felsen, die man aber gut sehen kann. Es geht ganz sanft hinein und es gibt mehrere Sandbänke, so dass mein heutiges 1,80 m großes Ich eigentlich sogar überall bequem stehen kann. Damals musste ich mich schwimmend von Sandbank zu Sandbank bewegen, was aber ziemlich gut ging, da das Wasser hier ja anders als in der mir damals bekannten Ostsee so salzig ist, dass es einfach trägt, wenn man sich reinlegt und stillhält. Wobei die Ostsee das ja auch tut, das konnte ich nur damals noch nicht glauben – oder ich konnte einfach nicht stillhalten. Hier jedenfalls habe ich damals gelernt, dass ich nicht untergehe, egal was passiert und das gab mir dann den Mut, loszulassen und echte Schwimmzüge zu machen.

Auch sonst hatte der Strand damals viele neue Erfahrungen zu bieten, etwa Sand, der der heiß ist, dass man nicht barfuß auf ihm gehen möchte – das ist heute dank sanfter Brise sogar möglich, anders als neulich in Genua. Oder dass es ein Pinienwäldchen direkt am Strand gibt, wo man im Schatten liegen oder seine Hängematte aufspannen kann. Oder die fliegenden Händler, die ständig vorbeikommen und ihre Waren anpreisen. Die sind heute auch wieder in rauen Mengen vorhanden und im Wesentlichen haben sich die Waren in den 28 Jahren kaum verändert: Tücher, Strandspiele, Schmuck. Der Eismann hat neuerdings auch Kokosnüsse dabei und es gibt auch eine Händlerin, ansonsten ist alles wie damals.

Nur kann ich inzwischen etwas besser Italienisch und interessiere mich für Politik. Deswegen versuche ich mich an der Zeitung. Auf den ersten Seiten geht es natürlich um die Regierungsbildung und das neue Kabinett, da komme ich noch einigermaßen mit. Für den Rest fehlt es mir dann aber an Ehrgeiz und Hintergrundwissen. Außerdem bratzt die Sonne inzwischen ganz schön und ich gehe ein zweites Mal ins Wasser. Dann lese ich weiter – im Reiseführer und in Goethes “Italienischer Reise” – und bekomme irgendwann Besuch von einer Eidechse, die schon fast auf meinem Handtuch steht, als ich sie bemerke. Bis ich das Handy fotobereit habe ist sie allerdings schon fast wieder weg.

Irgendwann döse ich ein und schlafe nochmal fast ein Stündchen – ich habe wirklich eine Menge Schlaf nachzuholen. Danach geht es ein drittes Mal ins Wasser (und später noch ein viertes Mal). Ich verzehre über den Tag verteilt meine beiden Pfirsiche und trinke den Aprikosensaft aus. Nebenbei plane ich ein wenig an den nächsten Tagen herum und buche mir eine kostenpflichtige Reservierung, damit ich morgen schon etwas früher aufbrechen kann. Das Dorf ist wirklich sehr klein und wenn ich ausgecheckt habe, gibt es nicht mehr viel zu tun. Außerdem ist Goethe gerade in Rom unterwegs und da will ich ja morgen auch hin.

Kurz nach um fünf verlasse ich dann den Strand, als die Sonne nämlich so weit herumgekommen ist, dass ich ihr nicht weiter ausweichen kann. Meine Beine haben unterhalb der Knie schon Sonnenbrand. Also packe ich meine sieben Sachen und laufe den gleichen Weg wie heute morgen zurück zur Unterkunft. Duschen, Haare waschen, Handtuch, Pareo und Bikini zum Trocknen aufhängen… Und dann liege ich noch auf dem Bett herum und lese weiter, bis meine Haare wieder trocken sind.

Gegen sieben gehe ich runter zur Pizzeria und bestelle mir eine Pizza “Super Ago” mit Tomaten, Mozzarella, Kochschinken, frischem Gemüse (Paprika, Zucchini und Auberginen) und Oliven. Dazu gibt es eine Zitronenlimo. Authentisch wäre Bier gewesen, aber nach all der Sonne habe ich keine Lust auf Alkohol und immerhin gibt es eine Limonadensorte, die nicht zu Coca Cola gehört.

Die Pizza macht mich schon wieder sehr müde und gegen acht wird es nach Sonnenuntergang dann auch schon recht fröstelig draußen, so in T-Shirt und Rock. Ich mache mich auf den Heimweg und denke: Gut, dann fahre ich halt morgen weiter in den Süden. Ich mache mich direkt bettfertig und lege mich hin, verbringe dann aber noch zwei Stunden mit Lesen und Schreiben, bevor gegen zehn dann das Licht ausgeht.

 

Reisetagebuch 4. September 2019 – Livorno-Populonia #interrail

Nach einer eher mühsamen Nacht empfängt mich mein Gastgeber um neun zum Frühstück. Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, gibt es ein einzeln verpacktes süßes Cornetto, ein Trinkpäckchen (Pfirsich) und jede Menge Kaffee. Dazu läuft der Fernseher mit den Nachrichten und wir unterhalten uns kurz über die neue Regierung, das Wetter (präsentiert von einem Militär in Uniform) und meine Reisepläne. Dann laufe ich los, die Stadt zu erkunden. An einem Obststand lachen mich die Pfirsiche sehr an (es ist eine sehr pfirsichlastige Reise, merke ich) und ich suche mir einen schönen aus. Als ich ihn bezahlen will, winkt der Standbetreiber ab: “Den schenke ich Dir.” Das Kilo kostet 99 Cent, der einzelne Pfirsich also vermutlich nicht mehr als 10 Cent, das kann ich annehmen. Ich freue mich, überlege, ob ich demnächst vielleicht öfter immer genau dann, wenn ich Appetit auf etwas habe, das in der genau richtigen Menge kaufen sollte und damit möglicherweise umsonst an Essen komme, und genieße meinen reifen, aromatischen Pfirsich, während ich weiter Richtung Zentrum gehe.

Dort gibt es unter anderem zwei alte Festungen (man ist schließlich schon seit Jahrhunderten Hafenstadt), von denen eine von einem Festungsgraben umgeben ist und diverse kleine Kanäle. Besagter Stadtteil heißt dann auch Venezia Nuova, was allerdings schon ein bisschen übertrieben ist. Aber irgendwas muss man den ganzen Touristen ja bieten, die von hier nach Sardinien und Korsika übersetzen. Und die Kanäle sind zumindest historisch und nicht neu angelegt.

Gut und besser gelöst als in den Teilen von Genua und La Spezia, die ich gesehen habe, finde ich in Livorno, dass es deutlich mehr Grün gibt. Es stehen mehr Bäume herum, es gibt Parkanlagen… Zusammen mit der leichten Brise, die vom Meer weht, lässt sich damit die Wärme hier deutlich besser ertragen und selbst in der größten Mittagshitze habe ich noch nicht das Gefühl, mich komplett im Schatten verkriechen zu müssen. Natürlich hat Livorno auch einen neuen, modernen Teil mit den üblichen Geschäften und monumentalen Gebäuden faschistischer Architektur. Aus dieser Zeit stammt auch die Mascagni-Terrasse etwas außerhalb der Innenstadt, auf der man promenieren und aufs Meer schauen kann. Also, wenn man nicht vom Fußboden abgelenkt ist, was durchaus passieren kann.

Als ich ein Mittagshüngerchen bekomme, stehe ich zufällig genau vor der Gelateria, die der Reiseführer als die beste der Stadt bezeichnet. Ich gönne mir also eine große Waffel mit vier Sorten: Ricotta e fichi, Fondente, Pistacchio und Limone. Damit setze ich mich in einer Grünanlage auf eine Bank, bis ich die Schattenseiten des Schattens bemerke: Hier gibt es fiese mückenartige Tierchen, die mich aussaugen wollen. Dann also doch lieber weiterspazieren, es ist ja dank Wind gar nicht ganz so heiß. In der großen Markthalle werden die Waren gerade schon wieder weggeräumt. Das ist schade, denn ich hätte zwar nichts kaufen gewollt, aber über so einen Lebensmittelmarkt zu spazieren gehört auf jeden Fall zu den schönsten Zeitvertreiben im Süden. Stattdessen setze ich mich dann doch noch in den Schatten in einem anderen Park ohne Mückengetier, studiere den Reiseführer, plane meine nächsten Tage und lese weiter in der “Italienischen Reise”.

Dann laufe ich zurück zum AirBnB, hole mein Gepäck, verabschiede mich von meinem Gastgeber und breche zum Bahnhof auf. Mit dem Bummelzug geht es heute nur knapp anderthalb Stunden weiter, nach Populonia am Golf von Baratti. Der Ort hat knappe 250 Einwohner, ein Café, eine Mini-Pizzeria, 2-3 Läden für den täglichen Bedarf und nebendran eine große Ferienanlage. Ich schlafe allerdings nicht dort, sondern habe ein eher spartanisches AirBnB-Zimmer gebucht. Das beziehe ich, dann mache ich einen kleinen Spaziergang durch den Ort und beschließe, keines der Restaurants der Ferienanlage (es gibt da einen Pool und jede Menge deutsche Touristen) auszuprobieren. Stattdessen hole ich mir für einen kleinen Snack ein paar Tomaten im Supermarkt und ziehe mich nochmal auf mein Zimmer zurück. Auf dem Weg von der Ferienanlage zum Supermarkt komme ich übrigens an der Kirche vorbei:

Das Internet verrät mir, dass das Café ein Aperitivo-Buffet anbietet, also gehe ich als es Abend wird noch einmal hinaus, genehmige mir einen Aperol Spritz, kalte Pizza, Brot, Chips und Nüsschen zum Abendessen – die Pizzeria ist dann morgen Abend dran!

Reisetagebuch 3. September 2019 – Genua-La Spezia-Livorno #loosinterrail

Nach dem gestrigen Gewaltmarsch wache ich eine Stunde später auf: halb 7. Yeah. Ich lese im Internet herum, schreibe mit Menschen, die auch schon wach sind, und stehe dann so auf, dass ich kurz nach 8 fertig zum Losgehen bin, denn um 8 macht die Rezeption des Hostels auf und ich kann auschecken. Der ursprüngliche Plan ist, noch bevor es so richtig heiß wird, mein Gepäck zum Bahnhof zu bringen (ein anderer, als der, den ich angekommen bin und der liegt über eine halbe Stunde Fußmarsch vom Hostel entfernt), es dort einzuschließen und auf leichten Sohlen noch ein wenig die Genueser Innenstadt zu erkunden, bevor es nachmittags weiter geht. Nun ja, ich sag’s wie es ist: Über eine halbe Stunde mit dem großen und dem kleinen Rucksack zum Bahnhof zu laufen ist auch morgens zwischen 8 und 9 kein großer Spaß. Und die Vorstellung, dann wieder eben so lange zurückzulaufen, nur um ein bisschen italienische Großstadtstraßen entlang zu bummeln und dann wieder zurück zu tigern gefällt mir irgendwie nicht mehr ganz so. Stattdessen beschließe ich, gleich einen früheren Zug zu nehmen und das mit der Gepäckaufbewahrung und dem Bummeln stattdessen in La Spezia zu machen, wo ich sowieso umsteigen muss.

Also frühstücke ich direkt am Bahnhof Cappuccino, Cornetto mit Pistaziencreme und frisch gepressten Orangensaft und setze mich dann in den Bummelzug, der direkt an der Küste entlang und durch den Cinque Terre Nationalpark nach La Spezia führt. Urprünglich hatte ich ja vor gehabt, mir zumindest ein oder zwei der Cinque Terre auch ganz aus der Nähe anzusehen, aber erstens gibt es nur in einem von ihnen ein Hostel, das nur telefonisch buchbar ist und nur über 6-Bett-Zimmer verfügt, zweitens bin ich nicht sicher, ob ich an den kleinen Bahnhöfen mein Gepäck einschließen kann und habe außerdem wenig Lust, selbst mit kleinem Gepäck, viel hoch und runter zu laufen, drittens habe ich mir sagen lassen, dass es dort inzwischen wie bei allen schönen Ecken alles sehr touristisch ist (merkt man auch an den Übernachtungspreisen abseits des Hostels) und viertens sind die Cinque Terre jetzt in meinem Kopf leider auch “vorbelastet” – ich würde wahrscheinlich die ganze Zeit über unterbewusst nach der Stelle suchen, an der dieses eine Foto gemacht wurde, das der Anfang von allem war.

Aus psychohygienischen Gründen bleibe ich also vorsätzlich im Zug sitzen und genieße lieber die schönen Ausblicke aufs Meer, erhasche den einen oder anderen Blick auf den Nationalpark und steige dann erst in La Spezia selbst aus. Dort gebe ich mein Gepäck ab – statt Schließfächern gibt es hier eine von Menschen betriebene Gepäckaufbewahrung und dementsprechend kann man auch nur zu bestimmten Zeiten Gepäck abgeben und -holen und es kostet etwas mehr, als ein zeitunabhängiges Schließfach. Aber was solls, meiner Reisekasse geht es ja noch ziemlich gut. Nur mit dem kleinen Rucksack laufe ich dann durch La Spezia und habe etwa vier Stunden zu vertrödeln. Leider bietet die Stadt nicht allzu viel Sehenswertes (ich weigere mich, zum Schloss hinaufzusteigen und dort ggf. noch Eintritt zu zahlen), aber immerhin gibt es schöne Orangenbaum-Alleen, die voller Früchte hängen, eine Marina mit einer Promenade, auf der man unter Palmen entlanggeht und ein paar Fußgängerzonen.

An der Marina hole ich mir zum Mittag ein Lemonsoda und eine Art Spinatpastete und setze mich unter Palmen hin, um mit Blick aufs Wasser Mittag zu essen (es ist inzwischen halb 1) und ein wenig zu lesen – inzwischen bin ich bei Goethes “Italienischer Reise”. Auf die Idee hatte mich mein Bruder gebracht und tatsächlich liest sich das gar nicht so übel. Mir fallen sofort die Stellen auf, die ich aus “Go Trabi Go” kenne, aber auch drumherum gibt es einiges Vernügliches zu entdecken. Dann bummele ich weiter durch die Innenstadt und bin schnell auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen, wo ich weitere Lesezeit verbringen kann, denn es wird wieder sehr heiß und viel zu sehen gibt es wie gesagt sowieso nicht. Vor einer Gelateria stehen Bänke unter einem Sonnensegel, das sieht gemütlich aus. Also gehe ich zunächst einmal hinein und frage nach der Toilette. Eine italienische Nonna schnappt sich den Schlüssel und führt mich auf verschlungenen Wegen hin – wieder raus aus der Gelateria, dann zum Eingang des Nachbarhauses, dort in den Innenhof (groooooße Stufe!) und dort gibt es ein kleines, abgeschlossenes Kabuff, in dem sich dann aber zum Glück ein normales WC und kein Plumpsklo befindet.

Wieder zurück in der Gelateria bestelle ich mir zum Dank eine Granità, die hier mit frisch gepresstem Orangensaft zubereitet wird, und setze mich dann raus auf die Bänke, um genüsslich zu schlürfen, auf einen vulvischen Springbrunnen zu starren, und weiter zu lesen. Irgendwann setzt sich mir gegenüber ein Straßenkünstler hin, der sich ein Brathähnchen gekauft hat, Mittagspause macht und ungefähr die Hälfte seines Hähnchens an die Tauben verfüttert. Irgendwann ist es Zeit aufzubrechen und langsam, ganz langsam, durch die Hitze zum Bahnhof zu laufen. Ich nehme meinen großen Rucksack wieder in Empfang und fahre mit einmal Umsteigen in Pisa weiter nach Livorno. “Wieso nicht Pisa?” hatte mich eine Freundin am Morgen gefragt. Die Antwort ist relativ einfach: In Pisa war ich schon mindestens 3 oder 4 mal, in Livorno noch nie. Außerdem ist Livorno am Meer und Pisa nicht.

Als ich auf meinen Zug warte schreibt mir übrigens meine Chefin, die meine Reise auf Instagram sehnsüchtig verfolgt, mit guten Nachrichten und während der Zugfahrt dann nimmt eine lang geplante Verabredung Gestalt an – ich fahre also dann am Wochenende nach Rom!

Livorno beginnt mich mit einem grüßen Bahnhofsvorplatz mit Gras und Bäumen und den ersten zirpenden Grillen dieses Urlaubs. Fühlt sich gleich viel entspannter und gemütlicher an als Genua und La Spezia! Ich habe einen 20-minütigen Weg bis zu meinem AirBnB vor mir, aber wenn ich langsam gehe, ist das durchaus zu schaffen. Anders als in Genua gibt es nämlich auch keine unliebsamen Steigungen und außerdem ist es inzwischen nach 18 Uhr. Mein AirBnB-Gastgeber ist Pole, lebte schon in England und Deutschland und jetzt eben in Italien, und kommt mir schon entgegen. Seine Wohnung liegt in einem typisch italienischen Miethaus mit Fahrstuhl (yay!) und mein Zimmer leider direkt zur vielbefahrenen Straße hinaus (nay!). Ich schließe als erstes direkt mal die Fenster, aber die sind nicht besonders dicht und jeder Ton schallt herein.

Aber erstmal ist das egal, ich komme in Ruhe an und skype erstmal ausführlich mit dem Bruder in Berlin, der mich wahrscheinlich demnächst für ein paar Tage auf meiner Reise besuchen wird, und den Eltern in Kanada, die heute zu ihrer großen Tour in die Arktis aufbrechen werden. Dann suche ich mir eine Osteria für den Abend und habe Glück – sie liegt nur ein paar Minuten vom AirBnB entfernt und hat tolle Bewertungen! Es handelt sich um eine kleine, traditionelle Osteria mit begrüntem Innenhof. Der Wein kommt in unbeschrifteten offenen Flaschen und wird einfach auf den Tisch bestellt, die Karte ist überschaubar und sehr text- und fischlastig. Selbst mit meinen eher rudimentären Italienischkenntnissen verstehe ich einen Großteil des Textes und muss viel grinsen.

Dann bestelle ich mir Kichererbsen mit Hering (ein sehr reichhaltiges Antipasto) und Linguine alla marinara, die heute mit Polpo bianco serviert werden. Der Wein dazu schmeckt, Wasser gibt es auch, und ich bin sehr zufrieden mit allem. Für die angebotenen Nachtische reicht meine Magenkapazität dann aber nicht mehr aus und müde bin ich auch, also zahle ich meine Rechnung und laufe nach Hause. Trotz Straßenlärm kann ich erstmal relativ gut und schnell einschlafen, nachdem ich erst einmal die Fenster noch kurz weit geöffnet und den Ventilator angeschmissen habe, damit er mir etwas kühlere Luft hinquirlt. Aber nach dem ersten Aufwachen gegen zwei – mein Körper hat noch die üblichen Katzenweckzeiten in seinem Rhythmus drin – bin ich erstmal hellwach. Ich höre einen Podcast, versuche es mit einer Schlafmeditation und gebe irgendwann genervt auf. Oropax müssen her, denn zusätzlich zu den Autos, die auch um diese Zeit noch erstaunlich oft vorbeifahren, ist auch noch ein Wind aufgekommen, der die Jalousien laut klappern lässt.

Mit Oropax und lesen schaffe ich es dann irgendwann zwischen vier und und fünf wieder zurück in den Schlaf – immerhin bis gegen 7 diesmal… Die nächsten zwei Tage verbringe ich in einem winzigen Ort, vielleicht schlafe ich dann ja sogar mal bis 8?

Reisetagebuch 2. September 2019 – Genua #loosinterrail

27.879 Schritte, sagt die App (ich muss aber gleich nochmal ins Bad), das sind 18,8 km und 23 Stockwerke bin ich auch hoch- oder runtergelaufen. Dazu habe ich noch lokal begrenzten Sonnenbrand am Dekolleté, an Oberarmen und Oberschenkeln. Das mit dem Eincremen üben wir dann also morgen noch einmal. Reicht eigentlich als Zusammenfassung des Tages, oder?

Na gut. Ähnlich wie zuletzt in Berlin auch fast immer, wache ich viel zu früh auf, nämlich um halb 6. Dabei ist es weder im Hostel noch draußen auf der Straße laut. Ich bin halt einfach wach. Versuche zunächst mit einem Podcast und später mit Lesen wieder einzuschlafen, aber das ist mal wieder nicht von Erfolg gekrönt. Zumal ich ja auch in einer mir neuen Stadt bin, die entdeckt werden will! Zunächst gönne ich aber meinem müden Körper noch etwas Ruhe und schreibe meinen Blogeintrag fertig, lese mich durchs Internet, schreibe mit ein paar Freund*innen… Gegen halb 9 stehe ich auf, dusche und mache mich fertig für den Tag. Kurz nach 9 verlasse ich dann das Hostel und laufe zunächst einmal schnurstracks ans Meer, in diesem Fall an den Hafen, der nur wenige Fußminuten entfernt liegt. Leider ist der schöne Naturhafen zugebaut mit Hafenzeugs und der so genannte antike Hafen steht voller moderner Gebäude und Amüsement-Zubehör. Vom Wasser sieht man so gut wie nix. Aber ich wollte ja eh eine ganze Weile laufen und den Corso Italia entlang zum Vor- und Badeort Boccadasse promenieren.

Nur muss ich den Corso erstmal finden. Direkt am Wasser gibt es nur eine hässliche und viel befahrene Hochstraße, also muss ich erstmal quer durch die Stadt. Blöderweise geht quer in Genua nicht gut, zumal besagtes Stadtviertel irgendwie auf einem Berg liegt. Es geht also viel nach links und rechts und vor allem sehr viel hoch und runter und ich mache hunderte Umwege. Hoch über dem Meer auf einem Aussichtspunkt nehme ich an einer Bar erstmal das obligatorische Frühstück – Cappuccino und süßes Teilchen – ein.

Dann suche ich mir wieder einen Weg nach unten und nach vielem Herumgeirre bin ich dann tatsächlich irgendwann auf dem Corso Italia, der wirklich sehr schön ist und direkt am Meer entlangführt. Es handelt sich dabei vor allem um eine breite Promenade, ohne viel Schatten oder Kioske oder Eisstände oder… Aber halt mit Aussicht auf blaugrünes, glitzerndes tyrrhenisches Meerwasser. Immer geradeaus geht es nach Boccadasse, an dessen Eingang mich die Kirche des Heiligen Antonio von Boccadasse mit einer geöffneten Seitentür und dem Blick auf ein maritim-blaues Kirchenfenster, durch das die Sonne gerade hindurchscheint, empfängt. Fasziniert trete ich ein – normalerweise bin ich ja keine Kirchenguckerin – und mache Fotos vom Kirchenfenster. Dann verlasse ich die Kirche auf der gegenüberliegenden Seite und sehe, dass ich nur ein paar Schritte nach unten gehen muss und schon am Wasser stehe.

Die Piazza Nettuno ist ein Kuriosum. Eine winzig kleine Piazza, umgeben von Wohnhäusern, einer Bar und einer Gelateria, und in der Mitte statt Piazza eben ein Kieselstrand, der voller (vermutlich einheimischer) Leute ist, die dort liegen, sich sonnen und im Wasser baden. Ich habe Lust, ein bisschen da zu bleiben und vor allem, etwas Kaltes zu trinken. In der Bar bestelle ich mit Blick auf die herumliegenden Zitronen eine Limonade, bekomme aber nur ein Fertiggetränk angeboten. Ich ändere also zu frisch gepresster Zitrone mit Wasser und werde ungläubig angeschaut. Dann presst man mir 1,5 (!) Zitronen in ein Whiskyglas (!), schmeißt Eiswürfel dazu und einen Schluck Wasser und das Ganze kostet dann 3,50 €. Zum Glück habe ich ja meine Wasserflasche dabei und kann nach dem Abtrinken der ersten sauren Schlucke immer nachfüllen, solange, bis am Ende ein wirklich wohlschmeckendes Getränk dabei herauskommt. Mit dieser improvisierten Limonade setze ich mich auf einen Stuhl am Kieselstrand und schaue auf Wasser und Menschen. Nach einer Weile habe ich genug, gebe mein Glas wieder ab, fülle meine Wasserflasche am Brunnen auf und laufe weiter.

Es gibt hier nämlich noch deutlich mehr Strand. Also, irgendwo, in der nächsten Bucht. Und dazwischen wieder ein enges Straßen- und Gassengewirr mit viel rechts und links, hoch und runter. Kein Wunder, dass ich auf so viele Kilometer komme! Der richtige Strand ist dann sogar noch einen Ort weiter, in Sturla. Inzwischen bratzt die Sonne ordentlich vom Himmel, es ist kurz nach 12. Ich möchte mich in den Schatten legen, aber der Strand hat keinen, außer man bringt ihn sich mit oder mietet ihn sich. Also gebe ich 5 € aus, um den bewirtschafteten Strand zu betreten und noch einmal 5 € für eine Liege mit Sonnendach, die ich mir dann nah ans Wasser rücke. Mein Kopf ist im Schatten (wichtige weitere Körperteile nicht so, siehe oben), das Meer rauscht und ich liege gemütlich rum, genieße das Leben und plane meine nächsten Tage.

Kurz nach 2 wird es mir zu heiß und trotz mehrfachen Eincremens merke ich, dass der Sonnenbrand naht. Außerdem verspüre ich ein Hüngerchen. Ich setze mich also auf einen unbequemen Plastikstuhl unter das Sonnendach der Strandbar, schlürfe eine Granità mit Minzgeschmack, snacke eine kleine Tüte Kartoffelchips und lese weiter in den “Sternstunden der Menschheit”. Das Meer rauscht weiterhin fröhlich vor sich hin und je später der Tag, desto mehr Wind und damit auch Wellen kommen auf. Gegen 15:30 kommen die ersten Italiener*innen zurück an den Strand, scheinbar ist die größte Mittagshitze offiziell vorbei. Da ich aber weder Flip Flops noch Badesachen dabei habe und also weder ans noch ins Wasser komme, breche ich auf und laufe auf ähnlichen, aber nicht ganz den gleichen Wegen, zurück ins Zentrum. Immerhin kann ich jetzt ab und zu die Schattenseite der Straße nutzen und ein leichtes Lüftchen weht auch, zumindest, wenn ich schnell genug laufe. Die Wellen schwappen schäumend über die Steine am Ufer und alles fühlt sich schön meerig-maritim an auf dem Corso Italia. Meer macht allerdings auch Gedanken, solche, wegen derer ich wieder viel Licht und Liebe nach Irgendwo schicken muss und dann den Schritt noch etwas beschleunigen, damit sie sich nicht festsetzen können.

Am Ende des Corso angekommen, wähle ich diesmal eine andere Route und hoffe so, allzu viel Auf und Ab vermeiden zu können. Das klappt auch einigermaßen. Ich laufe stattdessen breite Prachtstraßen unter schönen Platanen entlang, schnurgerade und auch weitestgehend flach. Am Triumpfbogen vorbei geht es unter einem Berg hindurch durch einen Tunnel. Puh. Ich bin ja eigentlich nicht ängstlich, aber so ein sehr langer, glatter Tunnel ist schon etwas beklemmend. Laut, stinkend und eben laaaaaaang. Aber da auch andere Fußgänger*innen dort hindurchliefen, soll das wohl so und irgendwann war auch der Tunnel zu Ende und ich wieder einigermaßen im Zentrum. Dort lief ich vorbei am angeblichen Geburtshaus von Columbus, dem ollen Verbrecher, hinein (und hinauf, leider) in die Altstadt.

Wieder enge Gassen und niedliche Lädchen und dann große, offene Plätze. Auf der Piazza di Ferrari setze ich mich zunächst an einen riesigen rauschenden Springbrunnen. Doch mit dem sich drehenden Wind bläst der Brunnen plötzlich lauter Wassertröpfchen auf mein Telefon-Display und das ist mir dann doch etwas zu anstrengend. Also setze ich mich dem Brunnen gegenüber auf die Stufen vor dem Palazzo Ducale. Drinnen gibt es kostenlose Kunstausstellungen, gerade unter anderem von De Chirico. Mein Ex-Ex-Freund hätte seine helle Freude daran gehabt, aber da er nicht mit ist, fühle ich mich nicht verpflichtet, hineinzugehen. Stattdessen sitze ich gemütlich auf den Stufen und lese die “Sternstunden der Menschheit” zu Ende.

Dann flaniere ich, immer müder werdend, noch ein wenig durch die Straßen auf der Suche nach einem abendlichen Imbiss. Obwohl ich heute wenig gegessen habe und viel gelaufen bin, habe ich keinen richtigen Hunger. Eigentlich hätte ich gerne eine Farinata (Kichererbsenpfannkuchen) mit ordentlich Gemüse, aber sowas finde ich irgendwie nicht auf die Schnelle. Irgendwann habe ich genug vom Herumgelaufe und hole mir schnell entschlossen ein großes Stück Focaccia mit Tomaten für 2 € und in einem Laden um die Ecke vom Hostel noch ein halbes Kilo Tomaten, ein halbes Pfund Trauben und einen Liter Pfirsichsaft, für zusammen 2,80 €. Supergünstiges Abendbrot ist schließlich auch gut fürs Urlaubsbudget. Die Tomaten veredle ich dann in der Hostel-Küche noch mit Meersalz und Olivenöl. Ich esse, während andere Hostel-Bewohner Brownies backen. Einen Rest Trauben und den Rest Saft nehme ich mit hoch auf mein Zimmer – zum Snacken beim Bloggen. Bevor es ans Bloggen geht, wird allerdings erstmal der Sonnenbrand mit Aloe Vera versorgt. Zum Glück habe ich da noch ein angebrochenes Fläschchen dabei…

Reisetagebuch 1. September 2019 – Von Berlin nach Genua #loosinterrail

Der Wecker klingelt morgens um 4 und reißt mich unverhofft aus meinen Träumen – dabei war ich doch zwischendurch schon dreimal wach, seit ich gegen 21 Uhr ins Bett gegangen bin. Sei’s drum, jetzt wird es ernst! Ich kuschele kurz mit Nimbin, der wie immer morgens neben mir liegt und sammle meine Gedanken. Dann stehe ich auf, mache mich fertig, verstaue letzte Utensilien im Rucksack und schmiere mir eine Stulle für den Weg. Dann noch Katzen füttern, Blumen gießen, Noosa verabschieden und schon geht es los – vollbepackt mit großem Reiserucksack auf dem Rücken, kleinem Tagesrucksack vor der Brust und schwerem Proviantbeutel – 3 l Getränk plus 0,5 l Grießbrei mit Rosinen, Käsestulle, Gurken, Tomaten, Studentenfutter – in der Hand. Der Sommer ist so langsam vorbei, es ist noch stockdunkel in Berlin. Allerdings bin ich nicht alleine auf den Straßen, denn in Berliner Zeitrechnung ist es natürlich noch Samstagnacht und nicht etwa Sonntagmorgen. Am S-Bahnhof und in der Ringbahn begegne ich Partymenschen auf dem Weg zur nächsten Location oder nach Hause ins Bett, während mein großes Abenteuer gerade beginnt.

Am Gesundbrunnen steige ich mit wenigen anderen Leuten in einen leeren ICE ein und suche mir ein gemütliches, nicht reserviertes Plätzchen. Eigentlich wollte ich ja noch eine Weile schlafen, aber der Zug hält erstmal noch am Hauptbahnhof und in Südkreuz, wo jeweils viele Menschen zusteigen und dann ist in der Dreiviertelstunde bis Wittenberg auch noch Fahrscheinkontrolle. Also wird es erst einmal nichts mit dem Schlafen. Stattdessen lese ich (Stefan Zweig – „Schachnovelle“) und denke an das Fräulein, dem ich vom Wittenberger Bahnhof aus hinüber zum Friedhof zuwinke. In Gedanken nehme ich es mit auf die Reise, denn bei unserem letzten Treffen im März hatten wir noch darüber gesprochen, ob wir nicht ein paar Stationen davon gemeinsam befahren wollen…

Ungefähr bei Leipzig hole ich dann mein Essen heraus, nach drei Stunden Wachsein kann man ruhig mal frühstücken. Erstaunlicherweise ist mir eher nach dem herzhaften Teil des Proviants, gibts den Grießbrei eben später. In den nächsten Wochen werde ich ja sowieso vorwiegend süß frühstücken. Kurz nach dem Essen ist die Novelle ausgelesen, stattdessen schnappe ich mir den Reiseführer und lese mich ein wenig zu Genua und Ligurien ein und überlege, wie es danach weitergehen soll auf meinem Interrail-Trip durch Italien. Als ich genug vom Lesen habe, schaue ich nach draußen und befinde mich ganz offensichtlich im „grünen Herzen Deutschlands“. Ein kurzer Blick auf die Karte verrät mir, dass wir Thüringen dabei sogar schon verlassen haben und uns bereits in Hessen befinden. Wie erwartet, überkommen mich dabei ein paar traurige Gedanken an jemand anderen, der mich eigentlich auf zumindest einen Teil dieser Reise begleiten wollte, bis dann doch alles anders kam. Bevor ich zu sehr ins Grübeln verfalle, schnappe ich mir meinen Laptop und schreibe diesen ersten Teil des Reisetagebuchs – nicht ohne dabei auch ein bisschen Licht und Liebe nach Wo-auch-immer-Du-gerade-bist zu senden.* Vielleicht liest Du ja hier noch ab und zu mit, das wäre schön!

In Frankfurt wird es ein bisschen spannend: Wir fahren mit fünf Minuten Verspätung los, die sich bis Mannheim noch auf acht Minuten ausdehnen. Dabei habe ich doch in Mannheim planmäßig nur neun Minuten Umsteigezeit! Die Schaffnerin meint, das würde wahrscheinlich klappen, da der Zug nach Basel direkt vom Nachbargleis fahre und auch „der halbe Zug“ den nehmen möchte. Na gut. Kurz vor Mannheim dann Alarm: Auf dem Display im Zug steht, der Anschlusszug warte nicht. Ich wundere mich nicht, fährt er doch in die Schweiz und wir wissen ja alle, wie wenig die Schweizer*innen Verspätungen schätzen. Das Gute: Der nächste Zug nach Basel fährt nur zehn Minuten später und mit dem erreiche ich immer noch meinen Anschlusszug, auch wenn sich dafür dann die Umsteigezeit in Basel auf sportliche acht Minuten reduziert. Doch es kommt alles anders – der Anschlusszug steht noch da, als wir in Mannheim einfahren und da sofort alle rüber sprinten, kann man wohl nicht anders, als sie an Bord zu nehmen. Am Ende fährt der Zug mit knapp zehn Minuten in Mannheim los, holt diese aber bis Basel fast vollständig auf.

Auf dem Weg fahren wir übrigens durch Offenburg, wo ich in Gedanken an eine tolle Hochzeit schwelge und den beiden Bräuten, die inzwischen ja auch in Berlin leben, Grüße sende. In Basel begrüßt mich dann zunächst eine SMS, dass ich für jeden Tag, an dem ich mein Telefon nutze, automatisch 5,99 € Roaming-Gebühren zahle. Ach richtig, da war ja was. Hallo Schweiz, hallo Nicht-EU-Ausland! Ich bleibe nur vier Stunden, aber da ich ansonsten heute recht sparsam lebe, zahle ich die Gebühren gerne und bleibe weiterhin mit den lieben Menschen nah und fern verbunden. Auch hier steht mein Anschlusszug bereits wieder auf dem Nachbargleis, dabei hätte ich diesmal eine Viertelstunde Umsteigezeit gehabt. Ich dachte ja, dass das alles ganz schön knapp ist, aber scheinbar ist die App, die zum Interrail-Ticket gehört ganz schön clever und stellt mir keine Verbindungen zusammen, die man nicht schaffen kann. Im nächsten Abschnitt geht es im gemütlichen Vierersitz, den ich ganz für mich allein habe (sehr angenehm, nachdem ich mir im letzten Zug das Abteil mit drei Erfurter Wandervögeln teilte), mit Panoramablick einmal quer durch die Schweiz – bis nach Lugano. Schnell stelle ich fest, dass schräg gegenüber dafür jetzt vier Aachener Wanderfreundinnen sitzen, die sich in schönem Dialekt über Diät-Tipps austauschen. Ich löffele stumm meinen halben Liter Grießbrei mit Rosinen und schaue aus dem Fenster in die Schweizer Landschaft.

Die wird irgendwann nach Luzern dann richtig alpin. Schroffe Felswände, wolkenverhangene Gipfel, riesige Gletscherseen. Irgendwo am Vierwaldstädtersee (kurzer Gedanke ans Exil der Familie Mann und mit den Manns auch wieder ans Fräulein – ach…) ist mein 2-l-Tetrapak Eistee alle, es ist gerade einmal kurz nach 15 Uhr und ich habe bereits 2/3 meines Getränkevorrats geleert. Zusätzlich zu dem halben Liter Wasser, den ich morgens nach dem Aufstehen getrunken habe. Ein wichtiges Learning für die Rückfahrt, bei der ich allerdings ingesamt 27 Stunden unterwegs sein werde – keine Ahnung, wie ich das dann löse, aber darüber kann sich Zukunftsloosy Gedanken machen. Gegenwartsloosy hat noch einen Liter Wasser in ihrer Trinkflasche und teilt sich den jetzt am besten gut ein, dann muss sie auch nicht so oft auf Zugtoiletten. Mit der Alpiniizität kommen neben schönen Bergen und Seen leider auch viele Tunnel, so dass das Hinausschauen zwischendurch immer wieder wenig ergiebig wird. Gelegenheit, hier weiter zu schreiben und außerdem auch weiter zu lesen. Ich bleibe erstmal bei Stefan Zweig, jetzt sind die „Sternstunden der Menschheit“ dran. Merke: Wer alleine reist, kann viel lesen. Und wer wenig schleppen will, der kann sich für den E-Reader diverse Klassiker der Weltliteratur für umsonst oder einen schmalen Taler besorgen.

Nach einem besonders langen Tunnel, der fast für eine komplette Sternstunde reicht, sind alle Beschriftungen vor dem Zugfenster auf einmal auf Italienisch – wir haben das Tessin erreicht! Ab jetzt fühlt sich diese Reise wirklich nach Urlaub an. Nur noch einmal umsteigen vor Italien, und zwar in Lugano. Auch jetzt sind es wieder nur neun Minuten Zeit, aber diesmal mache ich mir keine Sorgen, denn noch sind wir in der Schweiz und bei der SBB CFF FFS gibt es keine Verspätungen! In Lugano war ich übrigens schonmal – irgendwann in den 90ern auf der Durchreise nach Frankreich, meine ich, wirklich erinnern kann ich mich nicht mehr – nur an einen großen See, das kann aber auch der Lago Maggiore gewesen sein, denn übernachtet haben wir damals in Locarno. Lugano ist auf jeden Fall bereits südlich der Alpen, das merke ich beim Aussteigen sofort – die Sonne hat eine ganz andere Kraft, die Luft fühlt sich anders an und der Himmel ist irgendwie viel blauer. Zeit, die Sonnenbrille rauszuholen! Nach den angepeilten neun Minuten geht es gemütlich mit dem Bummelzug (17 Stationen in 75 Minuten) über die Grenze und nach Mailand.

Genau am Grenzbahnhof in Chiasso höre ich das erste charakteristische „Allora…“ von einer Mitreisenden und merke, wie ich mich instantan entspanne. Italien, da bin ich wieder! Für einen Moment fallen alle Lasten der letzten Wochen von mir ab und ich fühle mich ausgeglichen und angekommen. Gleich fange ich an, meine nächsten Mahlzeiten zu planen und der Gedanke, dass ich in den nächsten drei Wochen täglich nur drei Dinge klären muss (Wo schlafe ich? Was esse ich? Wann sehe ich das Meer?), malt mir ein dickes Grinsen ins Gesicht. Ich fange an, um mit Eat Pray Love (siehe *) zu sprechen, mit meiner Leber zu lächeln und das scheinen mir beste Voraussetzungen für diesen Urlaub zu sein.

Eigentlich wollte ich ja in Mailand die 35 Minuten Aufenthalt nutzen, um gemütlich einen Aperitivo zu trinken und die Wahlprognosen aus Sachsen und Brandenburg zu verarbeiten. Allerdings bin ich ja jetzt in Italien und damit sind die Züge wieder nicht so pünktlich. Außerdem muss ich bis zum allerletzten Gleis laufen, um meinen kleinen regionalen Bummelzug zu finden und dann wird es mir doch zu hektisch. Ich sitze also im Zug, als ich die Wahlprognosen lese, ohne Alkohol. Im ersten Moment freue ich mich, dass die AfD in keinem der beiden Länder stärkste Kraft geworden ist. Im zweiten wird mir klar, wie viele Menschen sie gewählt haben und was das für die Landtage, die Parteienfinanzierung und das allgemeine Lebensgefühl in Sachsen und Brandenburg bedeutet. Heidewitzka. Kleiner Lichtblick: Die wahrscheinlichste Koalition bedeutet in beiden Ländern, dass die Grünen demnächst mitregieren. In noch zwei Ländern. Im Osten. Und Brandenburg wird das nächste R2G-Land. Perspektivisch eigentlich eine ganz schöne Aussicht… Wenn dann bei der nächsten Wahl die Protestwählenden wieder umschwenken (sollten), dann sind die AfD-Ergebnisse bestimmt immer noch viel zu hoch, aber vielleicht dreht sich der Trend dann trotzdem deutlich. Immer optimistisch bleiben!

Apropos optimistisch, bei der Ausfahrt aus Mailand habe ich keine Sorge mehr, heute Abend nicht mehr ausreichend Essen in mich hineinschaufeln zu können. Reisen macht hungrig. Oder in Italien sein. Jetzt muss ich nur noch ein nettes Lokal in Hostelnähe finden, das am Sonntagabend geöffnet hat. In Genua angekommen ist es bereits dunkel. Google Maps bringt mich zuverlässig zu meinem Hostel, das abseits der Via di Prè liegt, einer langen, sich windenden Gasse, in der auch am Sonntagabend das Leben tobt. Ein kleines Lädchen liegt hier neben dem anderen, dazwischen Imbisse, Restaurants und Cafés. Vor allem Schwarze Menschen in traditionellen afrikanischen Gewändern prägen das Straßenbild und scheinen dabei perfekt italienisiert: Stehen vor den Geschäften und unterhalten sich mit Passant*innen und Nachbarinnen, während ihre Kinder noch im Dunkeln draußen auf der Gasse spielen. Mal gucken, ob der Rest von Genua auch so multikulturell ist! Unterwegs werde ich von einer weiteren Backpackerin angesprochen, die ebenfalls mein Hostel sucht, aber kein Datenpaket für ihr Handy hat. Da kann ich helfen – danke EU! Im Hostel geht dann alles italienisch langsam, der Typ an der Rezension hat alle Zeit der Welt, als er mich eincheckt, nebenbei telefoniert, meinen Personalausweis abschreibt, Bezahlung, Kurtaxe und Schlüsselpfand verlangt, Bettwäsche heraussucht, meinen Schlüssel heraussucht, die Hostel-Regeln erklärt und mir dann mein Zimmer zeigt. Währenddessen drückt der Rucksack immer mehr auf meine Schultern und mein Magen hängt in den Kniekehlen.

Mein Zimmer ist dann überraschend nett, ich habe ein Doppelbett mit fester Matratze und eine Klimaanlage mit akustisch angenehmem Schlafmodus. Das Bad ist gleich um die Ecke und ich teile es mir nur mit den Bewohner*innen des 4er-Zimmers nebenan. Kann man machen! Nach kurzem Frischmachen laufe ich dann mit leichtem Gepäck hinaus in die Genueser Nacht – es wird Zeit für das Einstandsdinner! Bereits im Vorfeld habe ich mir eine gut bewertete Trattoria mit ligurischer Küche in der Nähe ausgesucht. Interessant und auch schon woanders in Italien so gesehen: Von der Straße aus blickt man erst einmal in einen sehr kleinen, familiären Gastraum, in dem gefühlt nur die Familie der Betreiber*innen sitzt und freut sich, dass man so ein authentisches Lokal gefunden hat. Kommt man aber dann hinein, wird man durch einen Bogen in den weitaus größeren Gastraum geleitet, an dem dann deutlich mehr Menschen sitzen und es gastronomisch professionell zugeht. War aber trotzdem immer noch sehr nett da und neben Tourist*innen waren auch viele Italiener*innen am Start.

Ich beginne meinen „Eatalien“-Urlaub mit Antipasti vom Meer und einem Viertel vom weißen Hauswein, die beide gleich beim ersten Mundkontakt überzeugten. Im Ernst, wie kann etwas ganz einfaches gleich so viel besser schmecken als zuhause? Nun gut, das Meeresgetier ist sicher fangfrisch, die Tomaten italiensonnengereift und das Olivenöl von guter Qualität. Beim Wein spielt vielleicht auch das Urlaubsgefühl eine Rolle. Das muss ich in den nächsten Tagen mal beobachten. Als Hauptgang gönne ich mir dann noch die Trofie al pesto genovese, denn wenn ich schon in Genua bin, muss ich auch echtes Pesto essen! Und wow, ja, jetzt weiß ich, wie das eigentlich gedacht ist! Herrlich aromatischer Basilikum-Geschmack, eine sehr sämige Konsistenz, die aus der Verbindung mit viel stärkehaltigem Pastakochwasser kommen muss und interessanterweise gab es darin noch ein paar grüne Bohnen und Kartoffelstücke, die traditionell wohl eher nicht hineingehören, aber sehr köstlich waren und das Ganze noch aufwerteten.

Ich spare mir Nachtisch, Espresso und Digestif und gehe schnellen Schrittes und ganz ohne digitale Navigationshilfe zurück ins Hostel und direkt ins Bett. Nach 20 Stunden Wachsein schlafe ich recht unproblematisch zum weißen Rauschen der Klimaanlage ein.

 

*Gestern ganz klischeemäßig noch „Ich bin dann mal weg“ und „Eat Play Love“ auf Netflix gesehen. In letzterem gelernt: Es ist OK, jemanden zu vermissen. Dann einfach Licht und Liebe dorthin senden und weitermachen.