Reisetagebuch 9. September 2019 – Amalfi #loosinterrail

Als ich am Morgen erwache, ist es draußen noch grau und regnerisch. Es soll aber bald aufklaren und wieder sommerlich warm werden. Ich mache mir also einen sehr gemütlichen Morgen im Bett – Kapselkaffeemaschine und typisch italienisches Frühstück (Cornetti, Zwieback, Kekse, Marmelade, Saft) stehen direkt im Zimmer, leider alles einzeln verpackt und gar nicht Zero Waste, aber manchmal muss man eben Kompromisse machen. Ich benutze dann auch nur eine Kaffeekapsel und öffne ein Cornetto. Frühstückend plane ich die Reiseroute für die nächsten Tage bzw. Wochen durch Apulien, die Basilikata, Kalabrien und Sizilien und verblogge den gestrigen Tag. Dann ist es zehn Uhr und die Sonne scheint. Ich mache mich also schnell fertig und spaziere dann durch die Innenstadt und am Dom vorbei hinunter zum Hafen, wo ich das Traghetto nach Amalfi nehme.

Die Sonne scheint, es ist warm und gar nicht mal so windig, aber trotzdem stampft das Schiff ganz schön auf den Wellen und die Gischt spritzt uns immer wieder nass, so dass ich mich bei der Ankunft in Amalfi wie frisch geduscht fühle und den Rest des Tages eine Salzkruste auf der Haut trage.

In Amalfi war ich damals mit Il Professore bzw. seiner Familie zwei- oder dreimal. Allerdings fuhren wir damals von Salerno aus die Küstenstraße entlang: Steile Wand nach oben rechts, steile Wand nach unten links, Serpentinen und Reisebusse im Gegenverkehr. Ich erinnere mich noch, wie ich beim letzten Mal ein wenig Panik bekam und nicht mehr rausgucken konnte. Dass ich noch einmal nach Amalfi wollte, war mir seit vielen Jahren klar und daher kam es diesmal ganz selbstverständlich auf die Reiseroute. Aber vor der Anreise hatte ich Respekt. Zum Glück brachte mich mein Host auf die Idee, doch einfach das Schiff zu nehmen. Das ist günstiger als der Bus, geht schneller und ist weniger gefährlich für Leib und Seele. Dafür wird man halt ein bisschen nass, aber bei dem Wetter ist das ja nicht schlimm.

In Amalfi angekommen ist sofort dieses schöne euphorische Gefühl wieder da, wie damals. Alles ist hübsch, das Meer ist tiefblau bis türkis, die Sonne scheint, farbenfrohe Keramik hängt überall und überall leuchten gelb die Zitronen und Zitronensouvenirs. Überhaupt bin ich erst durch Amalfi darauf gekommen, was für eine tolle Frucht Zitronen sind und dass die weit mehr können, als ich immer angenommen hatte. Hier sind sie auch noch besonders groß, mit einer dicken und runzeligen Schale und einem sehr feinen Aroma. Aus den Schalen macht der Papa von Il Professore selbst Limoncello und auch sonst ist für mich seit damals mit Zitronen vieles besser.

Amalfi war früher mal eine bedeutende Republik und dann stürzte im 14. Jahrhundert ein großer Teil der Stadt bei einem Erdbeben einfach ins Meer. Seitdem ist es ein eher kleiner Ort, man könnte sagen ein größeres Dorf und beherrscht wird es von Touristen. Trotzdem ist es superschön da und wenn man schon Kirchen baut, dann doch vielleicht am besten so:

Aber eigentlich bin ich ja wegen der Zitronen hier und da es inzwischen Mittagszeit ist, laufe ich von einem Restaurant zum nächsten und begucke mir die Speisekarte, bis ich mir genau das Menü zusammenstellen kann, das ich möchte. Es gibt Cozze al limone, also Miesmuscheln mit Zitrone, dann Trenette al limone, also Pasta mit einer Zitronen-Käse-Sauce, Zitronenstückchen und Petersilie und dann Delizia al limone, ein Zitronentörtchen, bei dem der Biskuit mit Limoncello getränkt ist. Hauptgericht und Dessert hatte ich von früher noch in guter Erinnerung, die Miesmuscheln mochte ich damals noch nicht. Alle drei Gänge waren unglaublich gut und sorgten für viele wohlige Laute und geschlossene Augen, um besser schwelgen zu können.

Weil es mitten am Tag war, gab es ausnahmsweise keinen Wein zum Essen und dafür hinterher einen Espresso. Dann bummelte ich noch ein wenig durch die Gassen und kaufte mir ein T-Shirt, das mich schon auf dem Hinweg angelacht hatte und mir hoffentlich zukünftig ob seiner Farbe und der mit den Worten verknüpften Erinnerungen immer gute Laune machen wird. Wenn das klappt, sind das 15 sehr gut investierte Euro.

Was noch sehr zuverlässig für gute Laune sorgt, ist das Meer. Deswegen lief ich als nächstes wieder hinunter ans Wasser und setzte mich im Schatten der Mole an den Strand – nicht ohne vorher noch mit den Füßen in den Wellen zu plantschen. Leider hatte ich meinen Kindle in der Unterkunft vergessen und konnte so nicht in der “Italienischen Reise” weiterlesen. Stattdessen las ich die historischen Kapitel des Reiseführers sowie das Internet leer, starrte lange aufs Wasser und versuchte zwischendurch auch kurz, zu meditieren. An einem vollen Strand ist das allerdings etwas schwierig, musste ich feststellen. Kurz nach 17 Uhr brach ich wieder zum Fähranleger auf und dann trug uns das Traghetto über deutlich ruhigere See diesmal recht gemütlich zurück nach Salerno.

Ich verbrachte noch eine gute weitere Stunde dort im Hafen und am Strand, wo ich auch schon am Abend vorher gesessen hatte, und lief dann als es kühler wurde wieder Richtung AirBnB. Unterwegs holte ich mir an einer Friggitoria noch eine frittierte Mini-Calzone mit Mozzarella und eine Cedrata.

Dann wollte ich mir einen gemütlichen Netflix-Abend machen, aber bekam prompt beim Aufklappen des Rechners erstmal eine Mail, dass mein Account gehackt worden wäre. Ich musste also erstmal in Deutschland mit der Netflix-Hotline telefonieren und das klären. Als der Account safe und mein Passwort geändert war, informierte ich meine Mitbewohnerin über die neuen Gegebenheiten und bekam prompt ein süßes Katzenfoto zurückgeschickt. Und weil ich dann in den Gedanken schon so weit in Berlin war, wollte ich noch kurz etwas anderes erledigen: Direkt in meiner ersten Arbeitswoche steht eine Dienstreise an und eine zweite in der Woche danach. Da ich für die erste Reise noch keine genauen Termine hatte und für die zweite noch rechtzeitig Flüge buchen muss, um innerhalb der Reiserichtlinie zu bleiben (es ist leider zu weit, um mit dem Zug zu fahren), loggte ich mich in meinen Arbeits-E-Mail-Account ein.

Und natürlich habe ich es dann nicht geschafft, nur nach den relevanten Informationen zu gucken, sondern mir sprangen direkt noch diverse weitere E-Mails Chat-Verläufe ins Auge. Keine größeren Katastrophen und viele unwichtige Sachen habe ich direkt gelöscht, damit der Einstieg in den Arbeitsalltag in zwei Wochen weniger stressig wird, aber natürlich war ich dann mit dem Kopf gleich wieder in diversen Arbeitsthemen drin, priorisierte bereits im Geiste die Aufgaben für nach dem Urlaub usw. usw. Es dauerte bestimmt eine Stunde, bis ich alles gebucht, überflogen und wegsortiert hatte und mich wieder aus dem Tunnel befreien und einen Film anschalten konnte. Nur leider war mein schöner Urlaubsmodus zumindest für diesen Abend dahin und auch die Nacht verbrachte ich mit viel Grübelei und Planerei statt mit erholsamem Schlaf. Das muss ab morgen ganz dringend wieder anders werden!