Am Frauentag denke ich immer zu allererst an meine Oma A., die für mich so ein bisschen den Geist dieses Frauenkampftages symbolisiert und diesen auch immer sehr ernsthaft beging. Sie wurde 1928 in eine kommunistisch geprägte Arbeiterfamilie hineingeboren. Nach der 8. Klasse ging sie von der Schule ab, um ganz klassisch auf einem Gut in der Landwirtschaft zu arbeiten, auf die Kinder aufzupassen und so weiter. Eine weitere Ausbildung hätte sich die Familie nicht leisten können.
Nach dem Krieg kam dann die Möglichkeit an einer Arbeiter- und Bauernfakultät das Abitur nachzuholen und auf Bestreben meines Uropas hin tat sie genau das. Danach studierte sie und lernte in dieser Zeit meinen Opa kennen. Kurz danach wurde geheiratet und ein Jahr später kam mein Papa, das erste von drei Kindern, zur Welt. Da Oma und Opa zu diesem Zeitpunkt an zwei verschiedenen Orten studierten wuchs er die ersten Jahre bei seinen Großeltern mütterlicherseits auf.
Irgendwann war das Studium vorbei, die Familie zog zusammen und wurde größer und Oma wurde schlussendlich Hochschullehrerin. In dieser Tätigkeit lernte sie viele internationale Studenten kennen, die bei ihnen zuhause ein und aus gingen, und fuhr sogar ins nicht-sozialistische Ausland, nach Finnland. Neben ihrer Arbeit kümmerte sich Oma um den kompletten Haushalt und die Kinder und tippte spätabends noch wissenschaftliche Arbeiten für meinen Opa auf der Schreibmaschine ab. (So viel zum Thema Gleichberechtigung in der DDR…) Oma war auch diejenige der beiden, die den Führerschein machte (am Tag als mein Bruder als ihr erstes Enkelkind geboren wurde) und sie von nun an durch die Gegend kutschierte.
Und trotz all der Arbeit, die sie erledigte und meinem Opa damit abnahm – für uns als Enkel war klar, wer in dieser Ehe die Hosen anhatte. 😉 Nachdem mein Opa gestorben war, zog Oma an den Ort zurück, an dem sie am glücklichsten gewesen war. Sie spazierte jeden Tag umher, traf Freunde und Bekannte, trank ihren Espresso mit Blick auf den Strand, las täglich zwei Zeitungen, sah Nachrichten und Polit-Talkshows, ging ins Theater, empfing ihre Kinder und Enkel, versorgte sich größtenteils selbst und unternahm verschiedene Reisen, für die Opa nicht fit genug gewesen wäre, bzw. die er sich nicht zugetraut hätte. Bis dann auch ihre Gesundheit nachließ. Als ihr eine Krankheit nach und nach erst das Rauchen, dann das Reden und die Selbständigkeit nahm, wählte sie ihr Ende selbstbestimmt und stark wie eh und je.
Noch vor drei Jahren hätte ich sie heute angerufen oder mit einer roten Nelke in der Hand besucht – heut bleibt mir nur dieser Text.
Da im Büro grad ein wenig die Technik streikt, kann ich ja mal kurz nach Frankfurt zur Buchmesse rüberwinken. Als quasi in einer Buchhandlung aufgewachsene freut es mich besonders, dass diesen Herbst einige aus meinem Umfeld auf der Frankfurter Buchmesse vertreten sind.
Da wäre zum einen das bereits empfohlene (und erschienene) Weil ein #aufschrei nicht reicht. Die Autorin Anne Wizorek „kenne“ ich seit langem aus meiner Twitter-Timeline und ich möchte ihr Buch allen ans Herz legen.
Auch zum Beispiel der lieben Sabine Wirsching, die „nichts von Gender hält“ 😉 Dafür ist sie aber mit ihrem Buchprojekt „Druckstaueffekt“ auf der Messe vertreten, das Ihr hier crowdfunden könnt, damit es dann nächstes Jahr erscheinen kann.
Das Neue Spiel von Michael Seemann ist bereits fertig gecrowdfunded und erscheint morgen – ich freue mich darauf, am Samstag mit ihm und anderen darauf anzustoßen! 🙂
Rechtzeitig zur Buchmesse erschienen ist außerdem auch das neue Buch meiner Eltern: Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis. Die Autor_Innen sitzen derweil allerdings in der kanadischen Provinz und arbeiten bereits am nächsten Werk. 😉
Wow, so „close to home“ war eine Buchmesse für mich noch nie. Ich bin wahnsinnig stolz auf Euch alle! 🙂
Seit gestern habe ich meine 15-jährige Cousine zu Besuch. Damals, an dem Tag als sie geboren würde, war ich die erste in der Familie, die sie getragen hat. Also, nach ihrer Mutter, vermute ich mal. Wir kamen im Krankenhaus an und das kleine Baby lag mit anderen im Säuglingszimmer, während die Mutter sich von der anstrengenden Geburt erholen sollte. Ich durfte sie dann gemeinsam mit der Krankenschwester holen. Da war die Kleine vier Stunden alt und ich war es, die 15 war.
Dieses Kind war immer irgendwie besonders. Besonders anhänglich zum Beispiel, aber auch besonders abenteuerlustig. Sie kletterte meterhoch in die Bäume im Garten, noch bevor sie überhaupt zur Schule ging. Dabei kam sie schon mit 5 in die erste Klasse, die kleinste und jüngste. Jetzt ist sie 15 und kommt in die 11. In zwei Jahren hat sie ihr Abitur bereits in der Tasche.
Was dieses Kind noch kann, ist Musik. Aber so richtig. Sie spielt Geige und Klavier und singt im Chor. Alles hochprofessionell, mit Landesjugendorchester, Meisterkurs in Kroatien etc. Ein Cousin von uns hat ihr mal ein Banjo geschenkt, von da war es bis zur Gitarre nicht mehr weit.
Als sie gestern meine sah, nahm sie sie, stimmte sie nach Gehör und spielte erstmal perfekt Blackbird darauf. Danach arbeiteten wir uns gemeinsam durch den Beatles-Backkatalog. Die meisten Lieder spielte sie mit Riffs und Solos. Ich konnte nur den Gesang beisteuern. Sie hat dann oft die zweite Stimme dazu gesungen. Wenigstens die Texte könnten wir beide gleich gut.
Danach spielte sie mir noch vom Handy ihre Version von While My Guitar Gently Weeps vor. Am Computer aufgenommen, ein Track E-Gitarre, ein Track Akustikgitarre, selbst gemischt. Das Solo vom Ende kann sie noch nicht. Das haben wir dann gemeinsam verbal improvisiert. Die Katzen guckten etwas irritiert.
Yasmina Banaszuk sprach auf der re:publica über die Fankultur im Internet und rannte damit bei mir offene Türen ein. Vieles von dem, was sie sagte habe ich genau so erlebt. Das Fazit war, dass man sich nicht mehr schämen müsste und solle, ein Fan zu sein, weil Fansein und vor allem der Austausch mit anderen Fans einen persönlich weiterbringen. Während des gesamten Vortrags dachte ich immer wieder: Ja, genau so war’s und deswegen werde ich jetzt mal zusammenschreiben, was das Fansein mir gebracht hat.
Als erstes muss ich mich outen: Ich war eine von „denen“ – ein Kelly Family-Fan. Bitte jetzt nicht direkt weiterklicken, ich werde hier weder schwärmen, noch was vorsingen und niemand muss vor Läusen oder stinkenden Klamotten Angst haben. Es geht hier sozusagen um die Wissenschaft.
Ich wurde mit1996, mit 13, Fan, nachdem ich die Band bereits eine Weile wohlwollend beobachtet hatte und sie Jahre vorher ein paar Mal zufällig auf der Straße gesehen hatte. Mir gefielen die Andersartigkeit sowohl im Aussehen, als auch in der Bandzusammensetzung. Sie sahen komplett anders aus als alle anderen Bands, verströmten ein gewisses Hippie-Flair und waren Geschwister, die jüngsten nur wenig älter als ich selbst. Die Musik kannte ich kaum, denn wir hatten damals nur öffentlich-rechtliches Fernsehen und im Radio lief Fritz. Aus meinem also eher theoretischen Interesse heraus bat ich eine Klassenkameradin, mir ein Video eines Kelly-Konzerts auszuleihen und ab diesem Moment war es um mich geschehen.
Die nächsten Monate verbrachte ich damit im sämtliche CDs und Videos zu besorgen, mich in der BRAVO und anderen Teeniemagazinen zu informieren und mir alles Neue einzuprägen. Ich nahm ganz nebenbei die Geburtstage der Kellys in mein Langzeitgedächtnis auf, lernte die Texte durch Mitlesen und entwickelte eine gewisse Recherchekompetenz (kam mir an der Uni später sehr zupass) um nur ja nichts zu verpassen, was in irgendwelchen Medien über und mit den Kellys stattfand.
Dank eines Buches über die Geschichte der Kelly Family, das die Ereignisse auch in einen historischen Rahmen einordnete, hörte ich zum ersten Mal von der irischen Hungersnot und der daraus resultierenden Einwanderungswelle in die USA, lernte, dass es in Spanien vor gar nicht langer Zeit eine Diktatur gab und dass das Land weit vielschichtiger war, als ich bisher wusste. Ich begann mich für die Geschichte Irlands, Spaniens und besonders die des Baskenlandes zu interessieren. Zudem wollte ich natürlich wissen, worüber gesungen wurde und übersetzte mir die Texte aus dem Englischen und lernte auch ein paar spanische Wörter. Dass ich später Anglistik und Amerikanistik studiert habe, könnte auch mit dieser frühen Beschäftigung mit Sprache, Geschichte und Kultur englischsprachiger Länder zusammenhängen (aber auch die Beatles hatten da ihren Einfluss ;))
Der nächste große Schritt war dann das Internet. Es war 1997 und seit einiger Zeit beschäftigten sich meine Eltern abends intensiv mit dem Surfen im Web. Ich habe das ein wenig belächelt und fand es eher langweilig und uncool. Bis meine Eltern mich mal davor setzten und in die Suchmaschine (ich glaube es war Yahoo) „Kelly Family“ eingaben. Ich war sofort hin und weg und verbrachte Stunden damit, mich auf der offiziellen Webseite und den diversen Fan-Homepages umzutun. Meine Bookmarksammlung wuchs ins Unermessliche und nachdem meine Eltern mir geholfen hatten, eine E-Mail-Adresse bei Hotmail anzulegen, begann ich, Kontakt mit anderen Fans aufzunehmen. Bald kommunizierte ich regelmäßig, per Brief, E-Mail und in diversen Chats mit Fans aus Deutschland, der Schweiz, Norwegen, Schweden, den Niederlanden, Polen, Frankreich und Kanada. Das war natürlich ein weiterer Quantensprung in der Entwickung meiner Englischkenntnisse sowie meiner Tipp-Geschwindigkeit.
Dann fing meine Mutter an, sich HTML beizubringen, fand, dass das etwas für mich wäre und baute mir eine index.html (das lief damals ganz easy über den Windows Editor und das Öffnen der Dateien im Browser). Dann drückte sie mir dann das Handbuch in die Hand und ließ mich alleine. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich meine eigene Kelly-Fanseite – ergänzt um ein paar andere Dinge, damit meine Eltern nicht ganz so enttäuscht über die Einseitigkeit meines Interesses waren. Nach und nach schaute ich mir einiges bei anderen Seiten ab, kollaborierte mit anderen und hatte dann über die Jahre fünf verschiedene Webseiten, die dank des regen Kontakts mit anderen Fans auch gut besucht waren. Irgendwann kamen dann CSS, PHP etc. in Mode und mir wurde alles etwas zu kompliziert und ich gab das Thema eigene Webseite vorerst auf – bis ich ein paar Jahre später, 2005, mein(en) erstes/n eigenen/s Blog hatte. Die Affinität für das Internet ist mir jedoch geblieben und sorgte nicht zuletzt dafür, dass ich heute in einer Online-Redaktion arbeite.
Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Themenkomplex ist wohl der soziale, zwischenmenschliche. Zum Einen habe ich über das Fansein und das Herumhängen im Internet einen großen, internationalen Freundeskreis aufgebaut, inkl. Sprachkenntnisse, interkultureller Kompetenz etc. Zum Anderen gab es einen Gegenpol zu den Leuten um mich herum, im „realen Leben“. In meiner Klasse war ich nämlich durch das Fansein lange Zeit eher eine Außenseiterin. Ich denke, dass zum einen der Kontakt mit Gleichgesinnten mir Rückhalt gegeben hat, zum anderen auch die Philosophie, die irgendwie hinter den Kellys steht und stand: Man muss nicht im Mainstream mitschwimmen. Man kann auch cool sein, indem man einfach sein Ding durchzieht. Es gibt andere Lebenswege, die genauso valide sind, wie die, die meine Altersgenossen gut finden. Lügen ist scheiße und man kann auch mal unangenehme Situationen aushalten, wenn man dafür bei der Wahrheit bleiben kann. Und: Alle Menschen sind gleich viel Wert, egal wie sie aussehen, was sie können, was sie glauben, wie sie leben oder woher sie kommen.
Dieser letzte Punkt ist ein angestrebtes Ziel, dass täglich vor diverse Prüfungen gestellt wird und ich bin weit davon entfernt, nicht manchmal auf Menschen herabzusehen (vor allem wenn sie dummes Zeug reden ;)). Aber hey, man muss es versuchen, oder? Vielleicht liegt in diesem ganzen Fansein auch die Ursache dafür, dass ich heute andauernd mit Leuten über Gleichberechtigung, nichtdiskriminierende Sprache usw. diskutiere(n) muss.
Also: Sprachkenntnisse, Geschichtskenntnisse, das Internet als Solches, diverse Freundschaften, Gerechtigkeitssinn, Wahrheitsliebe und eine gewisse Scheiß-drauf-was-ihr-von-mir-denkt-Mentalität – das habe ich vom Fansein gelernt.
Hier ist übrigens nochmal der sehr zu empfehlende Vortrag von Yasmina Banaszuk, zu dem es nächstes Jahr mit etwas Glück noch ein paar tiefergehende Ergänzungen geben soll:
Dieses Wochenende war wie aus einem Bilderbuch. Mein Zwillingscousin und sein bester Freund hatten mitten in die mecklenburgische Pampa, nordöstlich von Schwerin, geladen, um dort am Ufer der Warnow, umgeben von Blumenwiesen, Wald und Seen ihren Geburtstag zu feiern.
Wir kamen in der Dämmerung an, unzählige Menschen saßen ums Lagerfeuer, zwei Grills liefen auf Hochtouren, vom DJ-Pult kam angenehm chillige Musik und ein Hund (ständig auf der Suche nach Nahrungsabfällen) sowie eine nicht überschaubare Menge an Kindern trieben ihr Unwesen.
Geschlafen wurde in Zelten, Gästezimmern, Bullis (so viele Surfer auf einem Haufen gibt’s sonst nur beim Zuparken) oder im hauseigenen Heuhotel.
Handy-Empfang gab es quasi keinen, es sei denn man bestieg den hinter dem Haus liegenden, von Blumen und Kräutern überwachsenen Berg, der dementsprechend hochfrequentiert war. Doch selbst dort oben: Edge. Wir waren wirklich raus aus der Welt.
Es gab Unmengen an tollen Essen, wundervollen Menschen, Sonne und guter Musik. Die begeistertsten Tänzer waren diesmal die Kinder. Überhaupt, diese Kinder… Allesamt einem Astrid-Lindgren-Roman entstiegen. Alle zwischen weiß- und dunkelblond, alle mit verwuschelten Haaren, allesamt zu nix als Unsinn aufgelegt. Herrlich, zumindest, weil wir ja nicht die Verantwortung trugen.
Sonnabend und Sonntag ging es jeweils an den nahe gelegenen See, zumindest für die, die nicht direkt in der Warnow plantschten. Zum ersten Mal seit viel zu langer Zeit habe ich dann auch wieder Kubb gespielt. Das muss diesen Sommer auf jeden Fall noch öfter passieren. Zum Glück hat der Sommer gerade erst angefangen und es stehen noch einige wundervolle Wochenenden bevor – nur vielleicht nicht ganz so bullerbüesk.
Heute ist der 12. Juni, da kann ich auch gleich nochmal meinem Cousin einen Geburtstagspost widmen. Auf den bin ich nämlich ganz schön stolz. Früher war er immer irgendwie der „Kleine“. Dazu muss ich kurz ausholen: Bei uns Cousins und Cousinen. (väterlicherseits) gab es mehrere Altersstufen. Am nächsten beeinander sind ich, meine mittlere Cousine und meine beiden großen Cousins. Zwei von uns sind 1983 geboren und werden in wenigen Tagen 30. Zwei von uns sind 1984 geboren. Aber für mein Gefühl war es nie „wir zwei Großen und die zwei Kleinen“, sondern „wir drei Großen“, denn wir waren in derselben Klassenstufe. Und er eine drunter, der „Kleine“ eben.
Eine meine intensiveren Kindheitserinnerungen an ihn ist, wie er mal bei Gewitter nachts mit in mein Bett krabbelte, weil er sich fürchtete. Natürlich haben wir ihn ein bisschen ausgelacht, aber ich war auch stolz, ihn als „Große“ beschützen zu können – auch vor dem Spott der anderen. Ängstlich war er öfter mal. Und ein bisschen mehr Babyspeck als wir anderen hatte er drauf. Das gab sich aber sehr schnell und heute ist er von uns allen 8 der Größte und Dünnste. Kommt manchmal eben alles anders.
Auch Angst hat er heute nicht mehr – so scheint es. Von Surftouren an der Atlantikküste herunter bis nach Portugal über ein Praktikum in Toronto und ein Auslandsjahr in Rom bis hin zu einer Recherchereise durch Russland traut er sich einfach alles. Nebenbei ist er ein virtuoser Gitarrist, schreibt tolle Songs und tritt mit seiner Band auf. Achja und eigentlich wird er gerade Journalist, schreiben kann er nämlich auch. Außerdem finde ja auch, dass Brad Pitt ihm ähnlich sieht 😉
Teufelskerl, was? Umso stolzer bin ich auf ein paar Dinge, die wir gemeinsam haben: Wir sind beide weitestgehend Vegetarier, wir waren beide längere Zeit in Toronto, uns verbindet beide viel mit Italien und wir sind (neben meinem Bruder und seinem kleinen Bruder, der noch etwas zu jung dafür ist), die einzigen aus der ganzen Truppe, die unser Einstellung als Kinder treu geblieben sind und nicht rauchen. Woohoo! Also, kleiner großer Cousin, alles liebe zum Geburtstag!
Edit: Genau wie ich hat er dreimal seine Führerschein-Prüfung versemmelt. Aber im Gegensatz zu mir hat er einfach weiter gemacht und es beim 4. Mal geschafft.
In den letzten Tagen gab es diverse Ereignisse, die meine Gedanken immer wieder auf meine Familie brachten. Ich denke viel an früher™, als ich noch klein war. An das Haus, in dem wir wohnten, an die Geschichten, die mir meine Oma erzählt hat. Überhaupt an meine Oma, an typische Redewendungen und Bewegungen, ans Stricken und Spinnen und an den Garten voller Obst, Gemüse und Kräuter. An Pflaumenknödel, Schinkenhörnchen, Müslikuchen und Nusstorte. (Seltsam, dass die meisten Menschen ihre Omas mit gutem Essen assoziieren. Wird das unseren Kindern auch noch so gehen?)
Von der einen Oma denke ich zur anderen, zur Familie meines Vaters, zu vergangenen Sommern an der Ostsee. Zu meiner eigenen Zeit in Rostock, die nun schon beinahe so lange zurückliegt, wie sie überhaupt dauerte und die trotzdem in meiner Erinnerung viel mehr Raum und gefühlte erlebte Zeit einnimmt, als die Jahre hier in Berlin seitdem. Neulich war ich in Potsdam beim Konzert einer Rostocker Band und im Publikum waren einige Leute, die ich noch von früher kannte und auf einmal war ich wieder dort und wieder Studentin und wieder, ja was, jung? Frei? (Ohje, sind solche Gedanken nicht bereits ein Zeichen des Alt-und-gesetzt-werdens? Mein Studentinnen-Ich würde mich belächeln!)
Meine kleine Cousine, die geboren wurde, als ich 15 war und in meinen Gedanken immer erst maximal 9 ist, bis ich mich mit Nachrechnen korrigiere, ist jetzt selbst fast 15. Seit Neuestem skypen wir und heute hat sie mir zum ersten Mal einen YouTube-Link geschickt. Äußerst merkwürdig, das.
Mein jüngster Onkel wird morgen 53. Vor einigen Jahren glaubten mir Kommilitonen noch nicht, dass er wirklich mein Onkel ist und nicht etwa mein Cousin. Mein ältester Onkel ist heute 80 geworden. Wie muss sich das anfühlen, den eigenen Bruder anzurufen, um ihn dazu zu gratulieren, dass er 80 geworden ist? Meine Mutter ist zum Glück sehr viel jünger als er, aber seltsam muss es doch trotzdem gewesen sein.
Ich denke an ganz viel Vergangenheit, an die Gegenwart mit großen und kleinen Wehwehchen bei so vielen in meiner Familie gerade. Und fühle mich irgendwie immer mehr erwachsen, sowohl im positiven, als im negativen Sinne. So langsam möchte ich lieber wieder an die Zukunft denken.