Trotz spätem Schlafens wache ich schon halb 8 final auf, wohl weil ich ein bisschen aufgeregt bin. Heute ist ein Tag, auf den ich seit Monaten gespannt und ein wenig nervös blicke: Ich fahre mit zwei Kolleg*innen zum Book Bash Festival in Altes Lager, bzw. im Marketing-Sprech im „Secret Forest bei Berlin“. Seit ich beruflich in der Buchbranche unterwegs bin, sind mir die Ausmaße der Subkultur rund um BookTok und Bookstagram erst so richtig bewusst geworden.
Zwar habe ich schon vor Jahren die Cosplayer auf der Leipziger Buchmesse leicht irritiert angestaunt, aber was sich da in den letzten Jahren entwickelt hat, ist nochmal ein ganz anderer Schnack. Wirklich, wirklich viele Menschen lesen und hören wirklich, wirklich viele Bücher, davon sehr viele aus den Genres Romance, Dark Romance und Romantasy. Sie lesen, hören, machen Content darüber, kaufen die Bücher in manchmal sogar mehreren Ausgaben (viele davon mit fantasiereichen Farbschnitten), bilden on- und offline Comminities, cosplayen Charaktere und sind überglücklich, wenn sie Autor*innen, Sprecher*innen oder Menschen in Charakterkostümen live sehen und sich Autogramme holen können. Es ist eine für Außenstehende ziemlich verrückt wirkende Bubble, aber auch ein superherzlicher und liebevoller Safespace für wirklich, wirklich viele, größtenteils als FLINTA gelesene Personen.
Und jetzt haben die also erstmals ein Open Air Festival, mit Lesungen, Signierstunden, Gesprächsrunden, Schwertyoga, Hexenzirkeln, Cosplay Contests, Bobbycar-Rennen, Bastel- und Malrunden, Gruselparcours und Taylor-Swift-Parties. Das musste ich in echt sehen und durch die Arbeit ergab sich die Gelegenheit, das auch noch umsonst und mit einem Mitarbeiterbändchen, Catering und Zugang zum Backstage-Bereich zu tun.

Erstmal aber morgendlicher Reboot und Balkonfrühstück. Dann ein bisschen Haushaltsadmin, Sachen packen und kurz nach 11 mache ich mich auf den Weg. An der Straßenbahn (einer anderen als sonst, wegen SEV) treffe ich die eine Kollegin. Wir fahren zum Hauptbahnhof, holen uns Kaffee bzw. Mango Matcha Latte (Ihr dürft raten…) und steigen in den RegionalExpress. An einer anderen Station steigt die andere Kollegin dazu. Wir fahren bis Jüterbog, wechseln dort in einen Shuttlebus nach Altes Lager, landen schließlich auf dem alten Flughafengelände und haben vom Parkplatz noch ordentlich zu laufen, bis wir am Einlass sind und unsere Bändchen bekommen.

Wir verschaffen uns erstmal einen kleinen Überblick über das Gelände und meine Kolleginnen lassen sich, weil nur gerade jetzt ein Slot frei ist, spontan bzw. halbspontan kleine Tattoos stechen (ein Ahornblatt und einen Mond, respectively) während ich mich weiter umschaue, herausfinde, für wen da gerade eine lange Autogrammschlange ansteht (Lin Dox) und nebenbei an den verschiedenen Stände der Verlage und Autor*innen die Merch-Klamotten abchecke. Wir werden nämlich länger bleiben, als ich eingeplant habe und ich hätte gerne noch einen Hoodie für später in der Nacht. Die meisten sind von den Motiven aber irgendwie nicht zu mir passend oder sind zu spezifisch irgendwelchen Buchreihen zugeordnet, die ich aber ja alle nicht kenne. Einen mit „Take Me to the Book Shop“ nehme ich beinahe, aber der Spruch geht mit „and tell me I‘m pretty“ und das ist mir wieder viel zu Bubble-spezifisch und missverständlich im Real Life.

Als die beiden fertig tätowiert sind, treffen wir uns mit der Kundin, die uns hierher eingeladen hat, und bekommen eine Führung durch die VIP-Bereiche, ein kühles Getränk und den Weg zu separaten Klos und dem Catering gezeigt. Dort unterhalten wir uns mit einer Creatorin und Bloggerin, die für einen Verlag hier ist und arbeitet, aber nebenbei auch cosplayed. Außerdem besprechen wir den Plan für später. Dann essen wir erstmal zu Mittag, holen uns koffeinhaltige Getränke (für mich einen Espresso Tonic) und bummeln weiter übers Gelände.





Ich finde dann doch noch ein passenden Hoodie – mit aufgestickten Büchern und Ottern, ohne Spruch. Im Backstage treffen wir auf einen amerikanischen Star der Szene, mit dem meine Kolleginnen ein Foto machen. Und dann geht’s tatsächlich ein bisschen an die Arbeit, trotz Urlaub bzw. Wochenende. Meine eine Kollegin wird gleich einen Talk moderieren, die andere Kollegin und ich assistieren ein bisschen bei der Orga. Wir treffen wieder auf die Menschen vom Hörbuchverlag, dazu auf eine Autorin und insgesamt sechs Sprecher*innen. Die heißt es zu briefen und rechtzeitig zur entsprechenden Bühne zu bringen.
Im letzten Moment ändern die Veranstalter*innen noch den Plan. Auf der Bühne ist kein Platz für sieben Menschen, also lassen sie zwei Militärfahrzeuge auffahren, auf und neben denen sie dann Platz nehmen – es passt augenscheinlich, weil die neue Buchreihe, um die es geht als Military Romance gilt. Spielt aber eher in den USA und dreht sich um Kampfjet-Piloten, nicht in der NVA…

Der Talk ist eine Mischung als Leseszenen und Interviews und daher sehr kurzweilig. Ich werde diese Bücher definitiv niemals lesen, verstehe aber ein bisschen den Appeal, vor allem als Hörbuch.
Hinterher gibt es noch eine Signierstunde, während wir drei und einer der Sprecher, der spontan eingesprungen ist und hier keine Fans hat, schonmal zum Catering gehen und Abendbrot essen.

Hinterher hören wir der Band ELL zu, die auf der Hauptbühne gerade schönen feministischen Krachpop spielt – Musik gibt’s hier nämlich zwischendurch auch immer wieder. Dann ruhen wir uns eine Weile im Backstagebereich aus, während es langsam dunkel wird.

Schließlich wird es Zeit, den letzten Programmpunkt für heute vorzubereiten – eine Gruselparty. Dabei besteht unser Teil vor allem im Goodie Bags packen, Candy Bar befüllen, Goodie Bags durch den dunklen Gruselpfad im Wald zum Thron des Lords bringen, den die Besucher*innen finden sollen und dann wieder in Künstler*innenbetreuung. Ab 22 Uhr werden die Besucher*innen, die sich rechtzeitig ein Ticket gesichert haben, in kleinen Gruppen auf den Gruselpfad geschickt, zwischendurch ordentlich erschreckt und dann mit Goodie Bag auf eine kleine Lichtung geführt, wo sie Gummibonbons kaufen und einer weiteren Lesung lauschen können. Dann geht es von dort weiter ans Lagerfeuer, wo aber erst ab Mitternacht zur Gitarre gesungen werden kann, weil vorher alles von der Taylor-Swift-Party nebenan übertönt wird.

Gegen Mitternacht aber brechen wir auf. Der letzte Shuttlebus soll halb 1 fahren und wir haben noch einen ordentlichen Weg bis zum Parkplatz vor uns. Im Stockdunklen. Dann stehen wir dort fast eine halbe Stunde, aber es taucht kein Bus auf. Allerdings ist diese Bubble hier so lieb, dass wir keine Skrupel haben, zwei Besucher*innen anzusprechen, die gerade in ihr Auto steigen, und die uns ganz selbstverständlich zum Bahnhof fahren.
Der RegionalExpress hat dann natürlich Verspätung, so dass wir nochmal fast eine halbe Stunde auf dem fast leeren Bahnsteig in Jüterbog stehen, bis viertel 2 der Zug losfährt. Die Rückfahrt zieht sich und wir nicken alle immer mal weg. Am Südkreuz steigt die eine Kollegin aus, mit der anderen fahre ich bis zum Hauptbahnhof, dann sprinten wir zur M10 und am Ende laufen wir durch den nächtlichen, aber sehr belebten Pberg nach Hause. Kurz vor 3 liege ich als letzte erschöpft aber zufrieden in meinem Bett. What a day.