05.04.2024 – Letzter Arbeitstag in Valencia #WMDEDGT

Es ist der 5. und wie jeden Monat ruft Frau Brüllen zum Tagebuchbloggen auf. Die anderen Beiträge zu “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” findet Ihr hier.

Der Tag beginnt erstmals kurz nach 3. In meinem Traum druckt jemand im Wohnzimmer etwas aus, es brummt und piept. Dann bin ich wach und es brummt und piept immer noch. Immer nur ganz kurz – tiefes Brummen, ein-zwei Piepser, Stille. Nach ein paar Minuten wieder. Ich nehme im Halbschlaf an, dass wirklich irgendwer in der Wohnung drüber oder der nebenan etwas druckt, gehe kopfschüttelnd aufs Klo, lege mich wieder hin, versuche einzuschlafen. Brumm-Piep! So wird das mit dem Einschlafen nichts. Ich versuche es erst mit Abwarten, dann stehe ich mehrfach auf und überprüfe sämtliche elektrischen Gerätschaften in der Ferienwohnung – Kühlschrank, Mikrowelle, Wasserkocher, Boiler, Klimaanlage, alles ist brav aus oder zu oder rührt sich nicht. Ich kehre zurück ins Bett und hoffe, dass das aufhört. Etwa zwei Stunden lese ich (zwischendurch fällt mir auch ein Arbeitsding ein, das ich kurz überprüfe), dann scheint wieder Stille zu herrschen und ich schlafe gegen 5 wieder ein.

Halb 7: Brumm-Klingeling. Statt dem Piepen jetzt wie eine Handymelodie. Nur noch zwei-dreimal, aber genug, um als Wecker fungieren. Ich bin recht gerädert nach dieser Nacht, aber es ist gar nicht so schlecht, dass ich schon so früh wach bin, der Wecker hätte auch so um 7 geklingelt. Ich lese das Internet leer, blogge und stehe dann auf – der Liebste hat heute frei und schläft hoffentlich noch, also kein Morgentelefonat. Ich dusche, putze Zähne, ziehe mich an und bereite meine Sachen fürs Büro vor. Eine Birne wird kleingeschnippelt und verdost, der Rest Müsli eingepackt (die Milch hier hatte ich ja gestern schon alle gemacht, also gibt es das Frühstück erst im Büro). Ich trinke den Rest Pfirsichsaft aus und dann laufe ich los.

Erst durchs verschlafene Fischerdorfviertel, dann wieder die laute lange Straße entlang – unter Palmen und Orangenbäumen – bis zum Büroturm an deren Ende. Halb 9 bin ich da und treffe direkt unten auf einen Kollegen. Wir fahren gemeinsam hoch und ich setze mich heute mit an seine Schreibtischinsel. Heute am Freitag sind sehr wenige Leute da, die beiden Neuen und der Kollege, der sie einarbeitet, und ein anderes Team, das als einziges am Freitag den Bürotag hat. Dafür sind heute 80% der Anwesenden deutschsprachig, was irgendwie ungewohnt ist nach den letzten beiden Wochen.

Ich hole mir einen Kaffee, kippe Milch ins Müsli und stelle fest, dass ich die Birnendose zuhause vergessen habe. Na toll. Dann hole ich mir wieder eine deutsche Tastatur aus dem Fundus, richte meinen Arbeitsplatz ein und dann kann es losgehen:

  • Ich baue schnell eine Seite im Intranet um und versende dann eine globale E-Mail als unser HR-Chef anlässlich des Weltgesundheitstags, der am Sonntag stattfindet. Ist natürlich alles mit ihm abgesprochen und von ihm abgesegnet. Dann poste ich noch etwas dazu in unserem globalen Chat und im Chat unserer Wellness ERG, wo sich eine Diskussion über praktische Gesundheitstipps für den Alltag entspinnt, Mission geglückt
  • Um 9:15 startet die virtuelle Kaffeerunde für das deutsche Team, heute mit Kolleg*innen in Berlin, Valencia, Ostfriesland, Hannover und auch Barcelona, wo eine Kollegin gerade weilt. Wir reden über das Essen, das Wetter, die Unterschiede zwischen Spanien und Deutschland und spinnen Ideen für die Zukunft
  • 10:00 Meeting mit Ostfriesland
  • Danach kurze Atempause mit Abarbeiten von Kleinigkeiten und kurzem Check-in mit dem Liebsten, der mit dem Teilzeitkind auf dem Weg in ein Erlebnisbad ist
  • 11:00 Meeting mit Biesdorf, Moabit, Prenzlauer Berg und Hannover
  • Hinterher Nacharbeiten zu meinem Meeting-Marathon von gestern, da muss noch einiges an Action Items erledigt werden
  • 12:45 gehe ich mit einer ganzen Handvoll deutscher bzw. deutschsprachiger Kolleg*innen Mittag essen – heute gibt es Mexikanisch
  • 13:45 Meeting mit Ostfriesland, Biesdorf, Lichtenberg und Hannover (daher die für Spanien unheimlich frühe Mittagspause)
  • Dann wieder Nach- und Abarbeiten von Dingen, die vor dem Wochenende erledigt sein müssen – Aufgaben abschließen, Tickets erstellen, Wochenbericht schreiben…
  • Gegen 15 Uhr nochmal ein spontanes Meeting mit Biesdorf (inzwischen im Auto), Ostfriesland und Hannover
  • Nochmal Nacharbeit, dann gucke ich das Tutorial von gestern zu Ende und baue mit diesem Wissen dann eine Datenvisualisierung nach, die eine Kollegin geschickt hatte – Achievement unlocked, jetzt kann ich das auch

17:30 Feierabend. Ich packe meinen Kram zusammen, räume die Tastatur weg, bringe Geschirr in die Küche. Wir erklären den beiden Neuen, dass sie jetzt auch endlich ins Wochenende gehen sollten. Ein Teil der anderen geht noch in die Kneipe auf ein Bierchen, aber mich zieht es ans Meer – morgen muss ich schließlich von hier weg.

Ich spaziere zum Hafen – es ist nicht so warm wie gestern und vorgestern, aber immer noch so 22-23 Grad und die Sonne scheint. Auf den Stegen sonnen sich Menschen und einige Mutige springen direkt ins Wasser.

Dann kommt der Strand. Ich kaufe mir an einem Stand eine letzte Horchata und ein Farton dazu und setze mich damit in den Sand.

Nachdem ich aufgegessen und ausgetrunken habe, wird es mir langsam kühl. Der Wind hat aufgefrischt und es ist Abend geworden. Nur noch 17 Grad. Einige Verrückte sind noch im Wasser, ich hingegen ziehe mir alles an, was ich habe und gehe am Wasser spazieren.

Es sind einige Angler am Start und eine Frau plus Kind, die im flachen Wasser nach Muscheln graben. Ich überlege, ob ich nochmal Essen gehen soll – Paella bekomme ich alleine auf keinen Fall, das habe ich in den letzten Tagen gelernt – und entscheide mich dann, zum Rest Käse und Birne, die ich noch habe, einfach noch etwas dazuzukaufen und zuhause zu essen.

Nach ausführlichem Wellengucken drehe ich also um und laufe zurück in mein Viertel. Im Supermarkt kaufe ich eine kleine Flasche Gazpacho, eine Tüte Chips (Pfeffer und Zitrone) und eine Zitronenlimo. Ich überlege noch kurz vor der abgepackten Fertigpaella, entscheide mich aber dagegen. Leider gibt es keine kleinen Portionen jamón und auch keinen Orangenlikör zu kaufen. Nun denn.

Zuhause gibt es dann also gegen 21 Uhr Käsehäppchen, Birnenhäppchen, Gazpacho, Chips und Zitronenlimo auf dem Sofa. Dazu und danach telefoniere ich mit der Kollegin und Freundin in Frankreich, die ja eigentlich auch gerne mit nach Valencia gekommen wäre und aus Gründen nicht konnte. Nach drei Stunden (kurz nach Mitternacht) legen wir auf und ich mache mich bettfertig. Ich schaffe etwa eine halbe Seite Lesen und dann bin ich weg.

04.04.2024 – Viel mit Menschen in Valencia

Nachts wieder einmal aufgewacht, aber nach kürzester Zeit (1-2 Buchseiten) wieder eingeschlafen und dann erst vom Wecker geweckt worden, den ich auf die für mich normale Zeit gestellt hatte. Dementsprechend werde ich ein wenig hektisch als ich erst gegen halb 9 mit dem Bloggen und Telefonieren fertig bin und mich dann sehr rasch fertig mache. Ein schnelles Müsli noch und dann bin ich wieder auf dem Weg, die laute Straße entlang Richtung Büro. Ich gehe wirklich aus der Tür heraus nach rechts, zwei Straßen weiter nochmal nach rechts, ein paar Straßen später biege ich nach links ab und dann geht es etwa 20 Minuten stur geradeaus. Wobei die Straße selbst einen Bogen macht und ab nach dem Bogen sehe ich den riesigen Büroturm immer näher kommen. Insgesamt brauche ich etwa 25 Minuten, je besser ich die Strecke kenne, desto schneller werde ich – schon 4 Minuten schneller als die von Google Maps geschätzte Zeit.

Im Büro ist es heute noch voller als Dienstag, weil noch mehr Teams einen verpflichtenden Bürotag haben – ich sehe nochmal viele neue Gesichter, auch von Menschen, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite. Der liebe Kollege, von dem ich so viele Empfehlungen bekam, ist leider immer noch angeschlagen und bleibt zuhause. Ich suche mir ein Plätzchen in einer ruhigeren Ecke, am Fenster und Blickrichtung Park, hole mir eine deutsche Tastatur (es gibt Kisten mit verschiedenen Ausführungen, aus denen man sich bedienen kann), hole mir einen Kaffee in der Küche und starte meinen Arbeitstag kurz vor halb 10.

Der ist heute vollgepackt mit Meetings. Das mit meiner Chefin fällt aus, da sie heute frei hat. Bleiben noch sieben geplante, von denen zwei im Laufe des Tages noch von der jeweils anderen Partei verschoben werden. Also fünf:

  • Mit Berlin
  • Mit Paris
  • Mit London
  • Und zwei globale, in denen ich vor allem zuhören muss

Drumherum steige ich in die Projektplanung für eine Sache in zwei Wochen ein, spreche mich mit Menschen per Chat ab und tausche mich mit Menschen vor Ort aus. Mittags hole ich mir eine Etage drunter ein sehr leckeres Cubano-Sandwich und esse dann mit vier deutschsprachigen Kolleg*innen und einer Kollegin aus den Niederlanden, das Tischgespräch findet auf Englisch statt und die anderen haben sich alle etwas von Zuhause mitgebracht.

Eines meiner Meetings fand vor dem Essen statt, die anderen vier kommen back to back direkt danach, von 15:00 bis 17:45, mit dem einen verschobenen wäre es bis 18:15 gegangen. Danach geht es mit einer großen Gruppe Kolleg*innen – aus Deutschland, Indien, Spanien, USA, den Niederlanden, Mexiko und der Ukraine – in eine Bar um die Ecke. Wir müssen eine ganze Menge Tische und Stühle zusammenschieben, kommen aber nochmal in den vollen Genuss des 26-Grad-Tages, zumindest bis die Sonne um den Büroturm herum ist und es dann kühler wird.

Am Anfang bin ich mit einem Auge noch am Diensthandy, im Teamchat, aber so ab 18:30 kann ich mich auf die Gespräche um mich herum konzentrieren. Über das Leben als Expat in Valencia, Spanien zu Lockdown-Zeiten, Sportroutinen, das Leben mit dem Krieg in der Ukraine, das Leben für LGBTQIA+ in den Emiraten, das Leben als Frau in Indien, indische Musik vs westliche Musik, das Leben in unserer Firma früher und heute, die besten und schlechtesten Paella-Restaurants der Stadt… Leider zerstreut sich die Gruppe nach zweieinhalb Stunden, so dass ich auch heute nicht zum Paella essen komme.

Stattdessen laufe ich zurück in meine Wohnung, komme dort kurz nach 9 an und mache mir Reste zum Abendbrot – Tortilla, Salat und jamón werden aufgebraucht, die Milch war schon heute Morgen alle. So langsam muss ich an den Abschied von Valencia und kurz danach auch von Spanien denken. Morgen ist der letzte Arbeitstag hier, übermorgen geht es nach Madrid, Sonntag nach Hause. Wie immer bei Reisen fühlt es sich am Anfang ewig an und dann rennen plötzlich die Tage. Kurz nach 10 liege ich mit Buch im Bett.

03.04.2024 – Alternatives Valencia

Man könnte sagen, ich hätte sehr gut geschlafen, hätte ich nicht von halb 5 bis halb 6 wachgelegen und gelesen. Brutto allerdings von 11 bis 7, dem Weckerklingeln. Bloggen, Telefonieren, Duschen, schnelles Frühstück (letzte gezuckerte Erdbeeren mit Müsli und Hafermilch, Pfirsichsaft) und dann bin ich zu Fuß auf dem Weg ins Büro, gleiche Strecke wie gestern. Diese führt größtenteils an einer vielbefahrenen Straße entlang, alles andere wären große Umwege, von daher sind die Kopfhörer nötig, um den Lärm ausblenden zu können und die schönen grünen Bäume und den blauen Himmel genießen zu können – heute werden 26 Grad.

Im Büro ist es heute weniger voll als gestern, da niemand Büropflicht hat. Trotzdem sind etwa 15 Leute da – es sind eben doch fast dreimal so viele Mitarbeiter*innen in Valencia als in Berlin, das zeigt sich dann. Es ist ja eigentlich auch meetingfreier Mittwoch, so dass ich größtenteils einfach ruhig durcharbeiten kann.

  • Vorbereitung eines internen Events mit Kommunikationsplan und Austausch mit Kolleg*innen
  • Fertigstellung eines Projekts mit Versand des letzten ausstehenden Schriftstücks
  • Versand einer internen Mail an das deutsche Team mit einer Stellenausschreibung
  • Korrekturen an einem Blogartikel, der von anderen ins Deutsche übersetzt worden und schon live gegangen war
  • Lektorieren einer anderen Übersetzung, rechtzeitig
  • Aktualisierung einer internen Liste mit Mailverteilern und Abgleich mit verschiedenen Quellen
  • Mit meiner Chefin besprechen, in welchem Ausmaß ich meine KPIs im ersten Quartal erfüllt habe – wir sind uns einig
  • Weitere Arbeit mit dem Team an der Festlegung der Projekte und KPIs fürs zweite Quartal
  • Absprache und kurze Schulung zum Intranet für zwei Kollegen in Prag und Dublin (das einzige Meeting heute!
  • Anschauen eines Tutorials

In der Mittagspause hole ich mir eine Etage drunter ein Thunfisch-Sandwich mit Oliven und esse das dann gemeinsam mit einer Gruppe italienischer Kolleg*innen. Wir sprechen Italienisch mit englischen Einwürfen, bis ein französischer Kollege dazukommt, dann wechseln wir alle zu Englisch, normalerweise hätten sie sich auf Spanisch unterhalten, aber sie nehmen Rücksicht auf mich.

Mit den beiden neuen deutschsprachigen Kolleginnen unterhalte ich mich heute auch wieder. Die eine ist erschreckend jung, hat ihre Ausbildung erst kurz vor der Pandemie begonnen. Ich erzähle ihr nicht so im Detail, dass ich nächsten Monat 14jähriges Firmenjubiläum feiere.

Ich mache dann schon um 17:30 Feierabend, denn ich habe noch große Pläne. Bei schönstem Wetter laufe ich einmal fast komplett durch den Valencia durchziehenden Park (nebenbei Telefonat mit dem Liebsten und die erste halbe Stunde noch letzte Absprachen mit dem Team im Chat) bis zu einem Baobab-Wäldchen.

Hier bin ich mit einer ehemaligen Kollegin verabredet, die auch Yoga-Lehrerin ist und mittwochs zum Feierabend hier Kurse gibt. Wir sind heute nur zu dritt und sie hat mir eine Yoga-Matte mitgebracht. Es ist meine zweite Session mit ihr, die erste war während der Pandemie online, ich nahm vom Kinderzimmer des Teilzeitkinds aus Teil. Diesmal also live, mit Live-Korrekturen und in schönster Umgebung. Das ist toll! Ich kann die anderen Menschen im Park sehr gut ausblenden (die Geräusche nicht so). Das Yoga ist ähnlich sanft wie bei meiner Klasse in Berlin, nur werden die Positionen etwas länger gehalten, als ich gewohnt bin. Beim Shavasana komme ich in dieser Umgebung nicht ganz zum Abschalten, aber ich widerstehe der Versuchung, einfach in die Bäume zu gucken.

Nach der Session zeigt mir die Ex-Kollegin noch ein bisschen ihr Valencia. Wir laufen durch Altstadtgassen und sie bestellt uns einen Tisch fürs Abendessen (für 21 Uhr), davor trinken wir noch etwas – sie ein Bier und ich ein Agua de Valencia in der Außengastronomie, es ist immer noch hell und warm.

Zum Essen geht es dann zu einem linken Kulturverein, der seinen Mitgliedern (ich trete schnell bei, kostet nichts), ein veganes Überraschungsmenü anbietet. Wasser und Tee sind umsonst und am Ende zahlt man, was man denkt und sich leisten kann.

Marinierte rohe Zucchini auf Brot
Gegrillte Aubergine mit Honig und Sesam
Reis mit Zeug und Seidentofu
Glutenfreier Brownie mit Karamell

Wir essen und reden und haben uns viel zu erzählen. Nach guten anderthalb Stunden zahlen wir 15 € pro Person, ich wollte erst mehr geben, aber die Ex-Kollegin, die mit den Gegebenheiten besser vertraut ist, meinte das sei zu viel. Danach bringt sie mich noch zu meiner Tram-Station. Leider fährt eine Tram gerade ab, als ich ankomme, auf die nächste muss ich eine Viertelstunde warten. Dann geht es durch das dunkle Valencia zurück in mein Viertel am Hafen. Gegen Mitternacht liege ich glücklich und zufrieden in meinem Bett.

02.04.2024 – Arbeitsalltag in Valencia

So, heute probiere ich dann also aus, wie sich die Normalität anfühlen würde, wenn ich in Valencia lebte. Zuerst aber klingelt der Wecker früher als normal, da ich ein bisschen Respekt vom Bürofinden, Reinkommen und Ankommen habe. Und dann wache ich natürlich auch noch vor dem Weckerklingeln auf, aufgeregt, wie ich bin. Dank früher Bettgehzeit habe ich aber trotzdem ausreichend geschlafen. Nach Lesen, Bloggen, Telefonieren und sogar Frühstücken und Apfelschneiden fürs Büro komme ich ausreichend pünktlich los und laufe mit Musik auf den Ohren eine knappe halbe Stunde bis zum Büro – anders als in Berlin bin ich hier eine der wenigen mit Musik auf den Ohren. Dafür sitzt schon arbeitende Bevölkerung in Grüppchen vor Lokalen und trinkt Kaffee, obwohl die Sonne gerade erst vor einer halben Stunde aufgegangen ist.

Geburtstagsorangenblüte fürs Tantchen fotografiert

Das Büro liegt im vierten Stock des drittgrößten Wolkenkratzers von Valencia. Als erstes muss ich meinen vorbereiteten Badge abholen (und dafür meinen Ausweis vorzeigen), dann darf ich durch das Vereinzelungsdrehdings durchgehen, ohne meinen Rucksack durchleuchten zu lassen (obwohl die Gerätschaft dafür vorhanden ist). Die Fahrstuhlsituation ist spannend. Man muss außen wählen, in welches Stockwerk man will und bekommt dann angezeigt, welchen Fahrstuhl man nehmen muss. Im Fahrstuhl selbst nur die Anzeige, an welchen Stockwerken er hält, aber keine Eingriffsmöglichkeit. Mit Unterstützung von Einheimischen komme ich im zweiten Versuch auf die richtige Etage, aber scheitere dann an der Bürotür selbst. Zum Glück sehen mich Kollegen und lassen mich rein.

Schicker Essbereich an der Büroküche mit Blick in den „Innenhof“ mit lauter Restaurants und Läden – die untersten Etagen sind eine Mall.

Ich hatte mein Auftauchen im Büro zwar ausführlich angekündigt, trotzdem herrscht einige Verwirrung, da heute auch noch zwei Kolleg*innen aus Chicago erwartet werden, um eine Schulung zu halten, und zwei Kolleginnen neu anfangen. Bis das alles sortiert und zugeordnet ist, vergeht etwas Zeit. Ich suche mir dann einen Platz in der Nähe einer Kollegin aus, mit der ich recht viel zu tun habe und richte mich ein. Während ich noch beim Lesen und Abarbeiten der E-Mails bin, die am langen Wochenende aufgelaufen sind, gehen die ersten Kolleg*innen schon zur Frühstückspause – Kaffee und Süßkram. Spanischer Arbeitsalltag eben. Ich verzichte dankend, halte dann aber später ein Schwätzchen an der Kaffeemaschine in der Küche. Das Team hier ist sehr international, neben Spanisch und Englisch wird um mich herum auch viel Deutsch, Italienisch und Französisch gesprochen – wie eigentlich überall in der Stadt.

Ich erledige typische Monatsanfangsaufgaben: einen Newsletter versenden, die Firmenjubiläen im Intranet aktualisieren, Nutzungsdaten des Intranets vom Vormonat ziehen, aufbereiten und verteilen… Um 11 dann das erste Meeting, mit dem Berliner Büro, Biesdorf und Ostfriesland, für das ich mich in einen der Meetingräume zurückziehe. Die sind allesamt nach spanischen Malern (kein Gendern nötig) benannt und es hängt drinnen jeweils ein Druck eines ihrer Werke. Eigentlich habe ich El Greco gebucht, aber Mirò ist von der Ausstattung her passender und so buche ich um, auch für das Nachmittagsmeeting. Zur Mittagspause um 14 Uhr hole ich mir mit einer Kollegin eine Etage weiter unten ein Pad Thai (spanische Küche ist im Food Court eher nicht angesagt) und dann essen wir gemeinsam mit den beiden Neustarterinnen in der Küche. Die beiden werden genau wie die Kollegin auch für den deutschen Standort arbeiten und wir reden dementsprechend Deutsch.

Am Nachmittag dann weiter emsiges Arbeiten, eine Schulung muss eingeplant und kommuniziert und der Inhalt auf Vollständigkeit und Korrektheit überprüft werden. Danach Teammeeting mit Nord- und Südengland, Paris und Chicago plus Nachbereitung. Dann habe ich noch ein wenig Zeit, gucke mir die einzelnen Meetingräume an und buche meine Meetings für den Rest der Woche um auf Picasso. Gegen 18 mache ich Feierabene, erkläre den Kolleg*innen aus Chicsgo, dass sie jetzt noch nicht viel Glück mit Abendessen in Restaurants haben werden, und spaziere dann feierabendlich erst zum Hafen und dann zum Strand.

Ich sitze und gucke aufs Meer, telefoniere mit dem Liebsten, knabbere die restlichen Apfelstückchen und als mir kalt wird, mache ich mich auf den Heimweg. Unterwegs kaufe ich noch in dem Supermarkt ein, der jetzt endlich auch mal offen hat.

Zuhause wasche ich ab, bereite ich Abendbrot zu und mache Meal Prep für morgen früh: Ich putze zwei Artischocken und koche sie in Salzwasser mit frischgepresstem Zitronensaft, bereite Salat aus den letzten Tomaten und einer kleinen Gurke zu, richte mir einen Käse- und Schinkenteller mit Birne an, mache mir eine kleine Tortilla warm und zuckere die letzten Erdbeeren fürs Frühstück ein.

Zum und nach dem Essen (die halbe Tortilla und mehr als die Hälfte vom Salat bleibt übrig) gucke ich „The Lobster“, einen reichlich merkwürdigen, aber nicht umspannenden Film. Danach ist es schon weit nach halb 11 und ich mache mich direkt bettfertig, über noch Italienisch und mache dann gegen 11 das Licht aus.

01.04.2024 – Ostermontagsspaziergang durch Valencia

Ohne Abstriche gut und lang geschlafen diesmal. Es ist sogar erstaunlich ruhig da draußen, dafür dass Spanien heute einen ganz normalen Arbeitstag hat, während ich noch feiertäglich faul im Bett liege. Ich mache mir recht früh ein Frühstückchen aus Tee, Saft, Apfel und Keksen im Bett, lese, blogge, telefoniere, spiele… Und stehe dann gegen Mittag auf. Heute ist der Tag, an dem ich frei habe und es nicht regnet, Zeit für Sightseeing also!

Ich laufe zur Straßenbahnhaltestelle, verstehe aber erst dort, dass die Straßenbahnen von hier aus nicht in die Innenstadt fahren, sondern entweder von der U-Bahn-Station bis zum Meer oder einmal weiträumig um das Zentrum herum. Also weiter zur U-Bahn-Station und von da ein paar Stationen Richtung Altstadt. Dort steige ich aus und befinde mich nach kleinstädtisch-maritimen Tagen plötzlich in einer Großstadt mit vielspurigen Straßen und hohen modernistischen Gebäuden. Die Architektur ist speziell, ansonsten könnte ich auch in jeder anderen europäischen Großstadt sein, die Läden sind die Gleichen.

Ich laufe durch Touristenmassen und denke „Potsdamer Platz“, dann weiter in die richtig echte Altstadt, mit Kathedrale und allem Pipapo, inkl. als Comicheld*innen verkleideten Schausteller*innen, die Kinder bespaßen und Geld einsammeln wollen.

Kathedrale
Seidenbörse
Zentrale Markthalle, heute geschlossen
Runder Platz, Geschichte wieder aufgebaut und zur Einkaufspassage verunstaltet

Ich hake die wichtigen Sehenswürdigkeiten im Vorbeigehen ab und lasse mich dann ein wenig durch die abseitigeren Gassen treiben.

Dann mache ich mich auf die Suche nach einem Restaurant, dass mir ein Kollege für die „beste Paella“ empfohlen hat. Es ist abseits der touristischen Pfade und wird eher von Locals frequentiert, aber auch hier gilt: Paella erst ab zwei Personen. Ich werde mir an den nächsten Bürotagen Mitstreiter*innen suchen müssen, sonst klappt das nicht. Stattdessen esse ich wieder meeriges – heute Clotchinas (eine spezielle valenzianische Miesmuschel-Art) und frittierte Tintenfischringe und Mini-Tintenfische.

Nach dem Essen laufe ich hinüber in den „Stadtpark“. Nach einem schweren Hochwasser in den 50ern hat man den Fluss Turia um die Stadt herumgeleitet und aus dem Flussbett einen Park gemacht, der die gesamte Innenstadt durchzieht. Neben reinen Grünanlagen gibt es hier Gartenbereiche, Sportmöglichkeiten, Landschaftsgarten, Community Gardens und Kulturbetrieb jeglicher Couleur – und immer wieder Orangenbäumen. Ich spaziere von der Altstadt bis fast ans Ende, wo die großen Museen der Stadt sind. Unterwegs mache ich eine Pause mit Mandarinen-Granizado und Fartons am (künstlichen) Flüsschen.

Fast am Ende des Parks verlasse ich ihn dort, wo unser Büro liegt, in dem ich ab morgen für den Rest der Woche arbeiten werde. Ich gehe aber natürlich nicht hinein, sondern daran vorbei, und laufe von da weiter zum Hafen.

Meine Füße tun so langsam wirklich weh, kein Wunder nach stundenlangem Gehen und in den Barfußschuhen – wobei ich mich an die inzwischen echt gut gewöhnt habe. Ich gehe noch ein paar Schritte weiter (am Hotel Neptuno vorbei, hihi) und lege mich dann in den Strandsand und gucke auf die Wellen.

Das Liegen tut gut und ich hole meinen eReader heraus und lese eine ganze Weile, bis der starke Wind (und das Dauer-Peeling durch tiefliegenden Strandsand) es mir zu kühl und ungemütlich machen. Dann laufe ich noch eine Weile am Wasser entlang und später auf bekannten Wegen nach Hause. Dort angekommen schneide und zuckere ich mir ein paar Erdbeeren für später und setze mich nochmal mit eReader in den Hof, bis es auch da zu kühl wird – es ist etwa halb 8.

Ich mache mir zum Abendbrot Brot mit Olivenöl, Iberico-Schinken und Tomate, außerdem gibt es die Erdbeeren. Das Essen findet gemütlich im Bett statt und dazu und danach schaue ich „Love, Simon“ – nochmal Coming-of-Age-Film, nochmal empfehlenswert – und telefoniere zwischendurch mit dem Liebsten und dem Teilzeitkind (dies auch zwischendurch schonmal, auf dem Weg vom Büro zum Hafen). Kurz vor 11 dusche ich mir letzten Strandsand aus den Körperritzen und gehe schlafen, morgen klingelt wieder der Wecker und heute waren das über 22.000 Schritte.

31.03.2023 – Regenostersonntag

Ich erwache gegen 8 (neue Zeit), was relativ OK ist, abgesehen davon, dass hier gestern halt noch bis 1 Uhr nachts (alte Zeit) Party auf der Straße war – und das Ganze heute Morgen auch noch irgendwie weitergeht, mit immer noch Trommeln und Bläsern und Live-Musik, so ab 10 Uhr. Und das trotz Regen, der heute den ganzen Tag über angesagt ist. Das lädt natürlich dazu ein, einfach im Bett zu bleiben, was ich auch sehr ausgiebig tue. Irgendwann hole ich mir Tee dazu, Saft, Müsli mit Erdbeeren und Hafermilch. Danach schlafe ich nochmal ein, da muss es gegen 12 sein – ich hatte gerade angefangen, ein paar Seiten zu lesen.

Irgendwann am frühen Nachmittag bemerke ich eine längere Regenpause, checke den Regenradar (keine meiner beiden Wetter-Apps liefert hier wirklich zuverlässige Ergebnisse und sie weichen auch noch voneinander ab) und beschließe dann spontan, wenigstens einen kurzen Spaziergang ans Meer zu machen. Also ziehe ich mich fix an und gehe nach draußen. Dort hat der Regen soweit aufgehört, dass blauer Himmel zu sehen ist und die Sonne mich im warmen Pullover fast schwitzen lässt. Ich richte meine Schritte Richtung Meer, bleibe dann aber auf der Promenade, statt mir die Schuhe mit nassem Sand vollzuschmieren.

Beeindruckende Springbrunnen-Konstruktion an Strandpromenade

Eigentlich habe ich vor, an der Strandpromenade bis zum Ende zu laufen und dann wieder umzudrehen und zurück zu laufen, dann riecht es aber aus einem der Restaurants ganz gut und es gibt sogar einen freien Tisch mit Meerblick. Ich entscheide mich also für ein spontanes Mittagessen.

Das Agua de Valencia schmeckt, aber weniger aromatisch als gestern Abend. Dazu gibt es valenzianische Tomaten mit Thunfischbauch, Salat, Jalapeños, Zwiebeln und Thunfischrogen und Tellinas mit einem Kräuter-Knoblauch-Öl-Dip. Beides sehr lecker – die Muscheln habe ich hier schon beim Vorbeigehen an diversen Bars gesehen und muss sie unbedingt ausprobieren. Während ich esse kommen die ersten Tropfen runter. Mist. Ich bleibe erst noch hartnäckig sitzen und flüchte mich dann nach dem Essen mit einem Getränk unter eine Markise, als dort ein Tisch frei wird. Jetzt regnet es sich ein.

Ich schlürfe meinen Drink und lese mein Buch zu Ende (James Hawes – The shortest History of Germany – gerne und mit Gewinn gelesen, gegen Ende fühle ich mich aber als Ureinwohnerin von Ostelbien auch ein wenig schlecht dabei, dass meine Existenz quasi das Unglück des richtigen Deutschlands ist, das nur wegen mir und meinesgleichen an einer endgültigen Westbindung scheitert und nie wirklich zur Ruhe kommt, seit über 1000 Jahren.) Ohne Buch wird es mir dann zu kalt und langweilig und ich nutze eine Verringerung der Regentropfendichte, um zu zahlen und zurück in die Ferienwohnung zu laufen.

Hier geht es erstmal schnell ins warme Bett zum Aufwärmen (und direkt wieder einschlafen). Gegen halb 6 snacke ich eine Banane und fange das nächste Buch an: Charmaine Wilkerson – Black Cake. Kurz vor 8 werde ich wieder hungrig und mache mir Abendessen. Es gibt Brot mit Olivenöl, Iberico-Schinken, halbgereiftem Käse und Tomate.

Dazu und danach schaue ich Filme – erst „Are you there God? It‘s me, Margret“, eine Coming-of-Age-Buchverfilmung. Ich glaube mich zu erinnern, dass die „alte Freundin“ das Buch mochte und verstehe, warum. Danach gucke ich noch „Only you“, eine RomCom mit Marisa Tomei und Robert Downey Jr, die auch noch größtenteils in Italien spielt. Venedig, Toskana, Rom, Portafino – die Bilder und die Schauspieler*innen sind besser als der Plot und hui, waren RomComs in den 90ern toxisches Zeug. Danach ist es fast Mitternacht, ich dusche noch und lese dann nochmal, bis ich einschlafe.

30.03.2024 – Halbfauler Ostersamstag

Ich erwache gegen 8, also nach acht Stunden Tiefschlaf (die App behauptet, ich wäre erst nach 3 eingeschlafen, aber daran würde ich mich ja erinnern) und gewöhne mich erst ganz langsam ans Wachsein. Relativ früh mache ich mir einen Tee (English Breakfast aus den Vorräten der Ferienwohnung), den ich dann im Bett trinke, während ich das Internet leer lese, blogge und mit dem Liebsten telefoniere. Nach den anstrengenden letzten Tagen bin ich träge und am Ende ist es halb 12, als ich endlich aufstehe. Die Sonne scheint, der Hinmel ist blau und ich spaziere zu einer vorher recherchierten Churreria in der Nachbarschaft und bestelle mir mein Frühstück.

Als ich Churros bestelle, werde ich gefragt, wie viele ich möchte und bin etwas erstaunt, ob der Annäherung „uno, dos, tres?“. Die Größe erklärt es dann und für mein Verständnis sind das ja schon fast Porras und keine Churros, aber was weiß ich schon. Mit Schokolade groß und Horchata klein lag ich jedenfalls richtig – meine erste Horchata. Kann man machen, aber keine Offenbarung – evtl. kann man die noch spannender würzen?

Nach dem Frühstück geht es weiter zur Markthalle, mit diversen Fleisch-, Fisch- und Gemüseständen. Vergleichsweise wenig Käse, dafür ganze Kaninchen an den Fleischständen und ein Extrastand für Pferdefleisch. Die Kaninchen gehören ja in die originale paella hinein, mal schauen, ob mir die noch unter die Gabel kommt in den nächsten Tagen. Ich bin da ja zwiegespalten und mag die Konsistenz von Kaninchen nicht. Überhaupt wird in Spanien viel mehr Tier gegessen als in Deutschland – im Sinne von Schnecken auf fast jeder Speisekarte, diversen Innereien, gegrilltes Ohr und vieles mehr. Jede Tapas-Bar hat Sachen mit Leber, Hirn oder Füßen auf der Karte. Finde ich ja grundsätzlich richtig, aber selbst essen muss ich das nicht unbedingt… Ob das die Folgen von deutlich längeren Zeiten des Mangels sind? Oder ist man hier einfach deutlich experimentierfreudiger? Ich ahne die Antwort und schäme mich ein bisschen für mein Unbehagen.

Kaufen tue ich nichts, ich muss zwar noch Einkaufen, aber traue meinem Spanisch nicht genug, um das vernünftig zu machen. Heute haben ja auch die normalen Läden wieder offen. Als Nächstes geht es also weiter zu dem Supermarkt, der gestern schon zu hatte – und es heute unverständlicherweise auch ist. Hmpf. Also nehme ich mir den 24-Stunden-Supermarkt vor, den die Gastgeberin mir gestern nannte, nehme aber die scenic route am Hafen entlang.

Der Supermarkt entpuppt sich dann als besserer Kiosk/Späti, so dass ich vor allem Basics hole und mir vornehme, auf dem Rückweg nochmal in einem Obst- und Gemüseladen einzukehren. Natürlich läuft mir dann als erstes ein großer offener Supermarkt mit allem Drum und Dran über den Weg, wo ich sicherlich besseren jamon, queso und Brot bekommen hätte – zu spät. Dafür ist die Obst— und Gemüseabteilung ausbaufähig und ich hole nur Tomaten, Äpfel und Erdbeeren. Die Gurken sind mir zu stachelig und Mispeln und Artischocken, die mich auf dem Markt angelacht hatten, gibt es nicht. Direkt hinter dem Supermarkt kommt dann noch ein Obst- und Gemüseladen – vielen Dank auch. Da bin ich dann aber schon vollgepackt und so ganz gut sehen die Artischocken auch nicht mehr aus.

Ich komme nach Hause, verräume meine Einkäufe, erledige den Abwasch, lege die getrocknete Wäsche zusammen und mache mir einen Snack zurecht – der Rest Chips von gestern und ein Apfel – und lege mich damit aufs Sofa. Es ist 14:00, Zeit für Siesta. Ich spiele und höre Podcast, dann schnappe ich mir mein Buch und schlafe nach wenigen Seiten ein – nochmal für knapp anderthalb Stunden. Als ich aufwache ist es halb 6 und wie gestern muss ich mit mir ringen, ob ich nochmal rausgehen möchte zum Abendessen, oder einfach drinnen bleiben – Lebensmittel hätte ich ja jetzt.

Heute aber siegt die Abenteuerlust. Nach ausführlichen Recherchen reserviere ich mir einen Tisch in einem Restaurant um die Ecke, koche mir einen Kaffee und nasche ein paar Kekse. Dann verbringe ich die restliche Zeit mit Administrativem. Ich führe mein Haushaltsbuch – bis auf mein deutlich überzogenes Budget für „auswärts essen“ läuft der Monat gut, da muss ich wohl nochmal umschichten. Dann plane ich meinen Mai um.

Aufgrund von Terminkonflikten gebe ich drei Urlaubstage zurück und buche eine Zugfahrt nach Prag. Leider werde ich die re:publica dieses Jahr verpassen – für einen Tag lohnt sich das teure Ticket nicht, das verkaufe ich demnächst – und auch den ersten Abend vom Immergut – hier würden mich zwei Tagestickets mehr kosten als das 3-Tage-Ticket, das ich schon habe – und werde stattdessen früher zum Team-Offsite nach Prag anreisen und noch einen halben Tag durch die Stadt spazieren. Der Plot ändert sich also von:

  • Wochenende mit Teilzeitkind-Geburtstag
  • 3 Tage re:publica
  • 3 Tage Immergut
  • 1 Tag Rückreise und Ausruhen

zu:

  • Wochenende mit Teilzeitkind-Geburtstag
  • 1 Tag Homeoffice
  • 3 Tage Prag (1 Tag Anreise und Urlaub, 1 Tag Offsite, 1 Tag Offsite und Rückreise)
  • 2 Tage Immergut
  • 1 Tag Rückreise und Ausruhen

Schwer zu sagen, was das weniger anstrengende Programm wäre.

Fünf Minuten vor 8 verlasse ich die Ferienwohnung, drei Minuten vor 8 sitze ich an meinem reservierten Tisch. 5 Minuten nach 8 steht der erste Gang vor mir:

Warmes Brot mit Olivenöl, Tomaten-Dings und Aioli – von dem Brot brauche ich später noch ein zweites für die Reste der Dips und zum Teller aufwischen – gegrillte Jakobsmuschel, mit Lauch umwickelt, mit Lauch-Öl und Schinken, Agua di Valencia (Cava mit Orangenlikör und Orangen- und Zitronenscheiben). Es ist alles wahnsinnig lecker.

Der zweite Gang sind gegrillte Artischockenviertel (wegen denen hatte ich das Restaurant ausgesucht) mit einer Trüffel-Carbonara, Schinken und Parmesan. Wäre für mich auch ohne Schinken und Käse gut gegangen. Ja, Ihr könnt jamon gut, aber er ist schon etwas dominant, ist er nicht? Jedenfalls, Artischocken mit Ei und Trüffel sind eine Wucht!

Der dritte Gang ist dann der baskisch anmutende Cheesecake, allerdings mit Boden. Sehr gut, aber etwas unterwältigend vom Geschmack.

In unter einer Stunde bin ich fertig, habe bezahlt und liege nach einem kurzen Verdauungsspaziergang wieder auf der Couch.

Die Spanier*innen essen ja spät zu Abend, in den meisten Lokalen macht die Küche erst um 20:30 auf – in dem von heute schon 19:30 und ich war mit meiner Reservierung um 20:00 der zweite Tisch, an dem Essen bestellt wurde – am anderen saßen ebenfalls Deutsche. Als ich gehe ist es dann schon ordentlich voll. Das ist also der Trick – für einen Zeitpunkt reservieren, bevor die Spanier*innen selbst einfallen, dann klappt es auch mit dem Tisch. So ähnlich habe ich das vor anderthalb Jahren auf Procida auch gemacht, nur dass die Italiener*innen eine Stunde früher essen als die Spanier*innen und ich da schon um 7 im Restaurant sitzen konnte.

Auf der Couch dann schaue ich die beiden neuen Folgen von LOL – nachdem ich mir vom Liebsten die Erlaubnis eingeholt hatte, das ohne ihn und das Teilzeitkind zu gucken. Auch hier ist der Einstieg noch etwas unterwältigend und absolut vorhersehbar, wer als erstes rausfliegt, aber ich bin sicher, dass sich das über die nächsten Folgen steigert. Dann gucke ich noch ein bisschen im Internet herum, bevor ich kurz vor Mitternacht mit Buch ins Bett gehe.

Die Zeitangabe ist relevant, weil von 0:00 bis etwa 0:20 draußen ein ohrenbetäubendes Feuerwerk abgeht – der Herr ist auferstanden oder so – und danach dann quasi direkt vor der Haustür eine Riesenparty steigt. Mit „Saturday Night“ und „Macarena“ und allem Drum und Dran. Ist fast wie Einschlafversuche auf dem Immergut, nur mit deutlich bequemerem Nachtlager. Kurz vor 1 fallen mir dann trotz Musik die Augen zu.

29.03.2024 – Auf nach Valencia

Das war wieder eine sehr stückige Nacht. Gut, dass sie so früh begann, denn kurz nach 4 ist sie zu Ende – drei Stunden vor dem Weckerklingeln. Nach dem gestrigen aufregenden Abend bin ich immer noch etwas benommen, wattig und natürlich sehr, sehr müde, als ich schließlich aufstehe – es hilft ja aber nichts, ich muss heute den Zug nach Valencia nehmen. Ich stelle mich unter die Dusche, räume den gestrigen Tag auf, packe meine Sachen, lasse den Teil der Dreckwäsche da, den ich die nächste Woche über nicht brauchen werde und ebenso den Beutel mit den Mitbringseln. Dann mache ich mir Müsli mit Erdbeeren und packe den Rest Erdbeeren für die Fahrt ein. Kurz vor 9 verlasse ich die Wohnung und laufe durch ein regnerisch-kaltes Madrid zum Bahnhof.

Das Bahnhofserlebnis ist speziell in Spanien, während ich es erlebe, erinnere ich mich wieder an meine Fahrten zwischen Sevilla, Cádiz und Málaga vor 12 Jahren ungefähr um diese Zeit. Nachdem ich herausgefunden habe, ob mein Zug im Unter- oder Obergeschoss fährt, gehe ich (nachdem mein Ticket gescannt wird) durch die jeweilige Gepäckschleuse, bei der Gepäck und Jacken durchleuchtet werden. Dahinter gibt es einen Wartebereich, auch ähnlich wie am Flughafen. An einer Anzeigetafel versammeln sich jeweils die Passagiere, deren Züge demnächst fahren und warten darauf, dass das Gleis angezeigt wird. Ist das soweit (in meinem Fall etwa zehn Minuten vorher), geht man zum Bahnsteig. Beim Betreten dessen wird das Ticket ein weiteres Mal gescannt, erst dann darf man zum Zug und sucht sich seinen Platz – der wird beim Ticketbuchen direkt und kostenfrei mitgebucht. Dabei muss man auch eine Ausweisnummer angeben, Menschen ohne Papiere können wohl nur mit Regionalzügen fahren?

Ich habe einen Fensterplatz mit Tisch, Steckdose und Audiobuchse für die Bordunterhaltung, die (mit Untertiteln) über die Bildschirme flimmert. Der Platz neben mir ist eigentlich besetzt, aber der Zug ist so leer, dass mein Sitznachbar sich mit seinen im Wagen verteilten Freunden einen gemeinsamen Vierer suchen kann. Extrem leer für einen Feiertag, aber hier war ja auch gestern schon frei und vermutlich sind die meisten gestern schon gefahren. Die Sitze sind extrem bequem und ich nicke direkt am Anfang ein, als wir durch langweilige Vororte fahren. Dann aber will ich was von Spanien sehen und bleibe wach und nasche Erdbeeren.

Nach zwei Stunden mit nur zwei Zwischenhalten sind wir in Valencia. Hallo Mittelmeer, hallo 25 Grad, hallo Orangenbäume überall!

Der Duft von Orangenblüten lauert hier an jeder Ecke und ist deutlich betörender als mein Parfüm (ebenfalls angeblich Orangenblüte). Ich rollkoffere vom Bahnhof zur nächsten U-Bahn-Station (namens Jésus), kaufe mir ein 10-Fahrten-Ticket für 11 € (das in Madrid hat 6,50 € gekostet) und fahre bis zur Station Maritim. Dort ist die Rolltreppe ausgefallen und weil die Treppe lang und steil ist, entscheide ich mich für den Fahrstuhl. Dumme Idee.

Zwei Minuten später stehe ich gemeinsam mit fünf anderen Menschen und deren Gepäck bei 25 Grad in einem engen Fahrstuhl, der zwischen den Stockwerken stehengeblieben ist (und ja, er ist für 10 Pesonen ausgelegt, daran liegt es nicht). Neben mir sind zwei deutsche Tourist*innen am Start und drei einheimische, die hektisch auf Spanisch debattieren und dann auf verschiedenen Wegen Hilfe anfordern – es gibt einen Notfallknopf und eine Telefonnummer und beide werden mehrfach betätigt. Techniker ist informiert, aufgrund des Feiertags kann es etwas dauern. Eine der spanischen Damen ist Asthmatikerin und wird schnell ein wenig panisch, am Ende dauert es aber zum Glück nur gut 20 Minuten, bis jemand kommt. Der Fahrstuhl wird dann sehr, sehr langsam wieder nach unten gelassen und die Tür mit Gewalt aufgestemmt, so dass wir alle rauskommen.

Ich atme befreit die frische Bahnhofsluft und bin froh, dass ich nicht zum zweiten Mal in zwei Tagen umgekippt bin. Dann trage ich meinen Koffer doch die lange, steile Treppe hoch und laufe die Viertelstunde durch schönsten Sonnenschein durch das ehemalige Fischerdörfchen El Cabanyal zu meiner Unterkunft. Dort treffe ich auf meine Gastgeberin, bekomme den Schlüssel und Anweisungen zu Küchengeräten, Lichtschaltern und Mülltrennung. Dann ist endlich Durchatmen angesagt. Ich gehe aufs Klo (hätte schon seit dem Hauptbahnhof gemusst) und telefoniere mit dem Liebsten und seiner Familie. Dann stelle ich die Waschmaschine an – ich habe in Madrid mehr von den wärmeren Klamotten verbraucht, als vorgesehen – und lege mich ein bisschen hin.

Lange liegen ist aber nicht, denn irgendwie muss ich noch an Essen kommen – angeblich ist der Supermarkt um die Ecke noch bis 15 Uhr auf. Als ich kurz nach 14 Uhr dort ankomme, muss ich feststellen, dass dem nicht so ist. Also laufe ich erstmal weiter zum Strand, in der Hoffnung dort irgendwo ein „Fischbrötchen“ oder ähnliches zu finden. Dabei und an der Strandpromenade komme ich an lauter überfüllten Restaurants vorbei – es ist beste spanische Mittagessenzeit und Feiertag und alle sind unterwegs. Ich will mich ja eigentlich gar nicht richtig hinsetzen, sondern nur schnell ein Calamares-Sandwich oder frittiertes Irgendwas auf die Hand, aber bis auf Burger King ist hier nichts Take-away und soweit sinke ich dann doch nicht. Also schaue ich mir die Restaurants nochmal aus der Nähe an, aber es stehen überall Leute an, die auf freie Tische warten.

Ich laufe nochmal ein Stück zurück in die Stadt, wo ich einen offenen Gemüseladen gesehen habe. Dort hole ich mir zwei Bananen, eine Packung Kekse und eine Tüte Chips und kehre damit an den Strand zurück, jetzt richtig bis ans Wasser. Ich starre freudig auf die Wellen – einige Mutige sind auch im Wasser, aber es ist sehr windig heute und damit trotz der 25 Grad frisch und das Wasser hat auch nur 15 Grad – und mampfe Banane und Chips. Dann wird mir der Wind zum Sitzen zu kalt und ich laufe am Wasser entlang und lasse mir die Beine nassspritzen.

Dann laufe ich zurück zu meiner Unterkunft, bevor der angekündigte Regen anfangen soll.

Ich hänge die Wäsche auf und lege mich zu einer ausführlichen Siesta ins Bett. Nach anderthalb Stunden komatösem Tiefschlaf wecken mich sintflutartige Regenfälle, die aufs Plastikvordach pladdern, unter dem meine Wäsche hängt. Als ich wieder einigermaßen bei mir bin, beginne ich mit den Recherchen fürs Abendessen. Ich habe Empfehlungen von meinem Kollegen, der mir El Cabanyal als Basislager empfohlen hat, und Empfehlungen von der Gastgeberin. Ich schaue mir die Lokale auf Google Maps, Foursquare, TripAdvisor an, lese die Speisekarten… und werde dabei immer träger. Vielleicht muss ich nicht an einem Feiertag abends nochmal los und in überfüllten Lokalen speisen? Gerade nach der Erfahrung gestern habe ich wenig Lust darauf, außerdem bin ich kaputt.

Dann kommt mir die entscheidende Eingebung: Was mache ich zuhause, wenn ich nichts zu essen im Haus hab und nicht rausgehen will oder kann? Richtig, Essen bestellen! Von den Apps, die ich dafür habe, ist UberEats diejenige, die auch in Valencia aktiv ist. Ich suche eine Weile, bis ich auf „spanisches“ Essen stoße (es gibt sonst vor allem Burger, Pizza, Tacos und Burritos) und stelle mir dann ein Menü zusammen – Patatas bravas mit zwei Saucen, Bocadillo mit Tomaten, Olivenöl und jamón, Orangenlimo. Gerade als ich bestellt habe, geht es draußen mit Musik los. Die Karfreitagsprozessionen gehen in die nächste Runde.

Schon bei der Ankunft hatte ich diverse kostümierte Menschen gesehen, aber jetzt geht es richtig los – mit Trommeln und Bläsern und Roben und allem Schnickschnack. Ich gehe raus vor die Tür und sehe einen Teil einer Prozession direkt vorm Haus vorbeiziehen.

Noch lange höre ich die Musik aus verschiedenen Richtungen, irritierenderweise zwischendurch auch die spanische Nationalhymne. Trennung von Kirche und Staat, so wichtig. Die ganzen Prozessionen scheinen den Essenslieferungsprozess zu beeinträchtigen – ich kann beobachten, wie der Fahrer auf dem Weg zum Restaurant mehrfach lange irgendwo steht und nicht weiterkommt und dann auf der Fahrt vom Restaurant zu mir Umwege fahren muss. Am Ende dauert es 50 Minuten statt der ursprünglich geschätzten 20-30, aber dann ist das Essen da. Etwas matschig und nicht mehr ganz heiß zwar – ich stecke es nochmal in die Mikrowelle – aber ausreichend lecker.

Nach dem Foto entscheide ich mich dann aber für Essen im Bett und dazu einen Film. Ich schaue „Late Night“ Emma Thompson und Mindy Kaling, der erwartungsgemäß OK ist, und hinterher nochmal zwei Folgen „Gipfeltreffen“ – weniger witzig als neulich, Johann König unangenehmer als früher, Torsten Sträter weniger weise, Olaf Schubert der unbestrittene Höhepunkt der Show. Dann ist es schon nach 23 Uhr. Ich könnte noch die neue Staffel LOL anfangen, entscheide mich aber für Zähneputzen, Pullern und ab ins Bett. Nach etwa zwei Buchseiten schlafe ich tief und fest, während draußen im barrio immer noch getrommelt und geblasen wird.

28.03.2024 – Gründonnerstag in Madrid und ein Kreislauf-Déja-vu am Abend

Der erste Morgen alleine in Spanien und im Apartment – natürlich wieder nach zu kurzer Nacht. Es liegt nicht an äußeren Umständen, mein Körper und Geist sagen sich einfach nach etwa fünf Stunden, dass es jetzt reicht. Mein Hirn sieht das ganz anders, kann sich aber nicht durchsetzen. Da ich auf niemanden Rücksicht nehmen muss, stehe ich erst recht spät auf und mache dann auch erst einmal ganz ruhig, schnipple mir Erdbeeren ins Müsli, koche Kaffee usw. und schreibe dabei erste Arbeitsnachrichten auf dem Handy. Mit Frühstück und Laptop geht es dann ins Couch-Office.

Viel Kleinkram und Koordination heute, dazu einige Übersetzungen und die üblichen Verrichtungen des letzten Arbeitstages der Woche, diesmal eben am Donnerstag. Außerdem ein Meeting mit Südengland und eins mit Paris und dann ist auch schon Mittagspause. Die Sonne scheint mal wieder kurz, also drehe ich draußen eine Runde.

Wieder zurück habe ich ein Meeting mit Nordengland. Danach hole ich mir den Rest der bocata di tortilla von gestern aus dem Kühlschrank und schaffe es nebenbei, eine Vorratsdose aus Glas auf die Fliesen knallen zu lassen. Zum Glück hat mir die Gastgeberin gestern noch gezeigt, wo der Staubsauger steht, das wäre sonst sehr schwierig geworden. Ich esse und mache meine beiden Übersetzungen fertig, dann ist Teammeeting für die Planung des zweiten Quartals angesagt. Hinterher schreibe ich noch meinen Wochenbericht und mache dann gegen 17 Uhr einen frühen Feierabend. Hallo, Osterwochenende, hallo Spanien!

Gleich hier um die Ecke ist das Museum Reina Sofia, wo „Guernica“ hängt und noch eine ganze Menge mehr. Und das Museum hat noch vier Stunden auf. Ganz kunstbeflissen mache ich mich auf den Weg, sehe aber schon von weitem, dass das heute nichts wird. Die Schlange für Leute mit Tickets ist etwa 50 Meter lang, die für Leute ohne Tickets eher 150. Ich lache über meinen Unverstand und laufe einfach daran vorbei. Nächstes Mal also Zeit-Slot vorzeitig buchen und dann trotzdem Zeit mitbringen. Wie schaffen es Leute, in Museen zu gehen, die nur für einen Wochenendbesuch in einer Stadt sind? Noch scheint die Sonne, also spaziere ich einfach los, u. a. am Prado vorbei, dessen Schlange nochmal doppelt so lang ist wie die am Reina Sofia. (Bei Thyssen keine Schlange, ist wohl zu.)

Zitrusbilder im Prado – auch verpasst
Tulpen kurz vor dem Ausbruch

Recht bald zieht sich der Hinmel wieder zu, dann gibt es den Abend über Regen in verschiedenen Stärkegraden. Zum Glück ist mein Wintermantel wasserabweisend und die Kapuze sitzt.

Trotzdem drehe ich dann um und laufe den Retiro-Park der Länge nach hindurch zurück. Zum Abendessen ist es noch viel zu früh, aber ich suche mir eine Bar für die spanische Variante eines Aperitivos. Leider gibt es keine Getränkekarte und die Bedienung spricht kein Englisch, ich radebreche, dass ich keinen Aperol Spritz möchte, sondern irgendwas anderes. Aus der Liste der Antworten erkenne ich Sangria und bestelle halt die. Passt so gar nicht zum Wetter, aber immerhin sitze ich draußen, unter einem Schirm, und es gibt leckerste Oliven dazu. Ich schreibe und telefoniere mit dem Liebsten, der unterwegs in die alte Heimat klassische Bahn-Abenteuer erlebt, schicke den Kolleginnen Sangria-Fotos, schaue was tagsüber so in der Welt los war und friere irgendwann ziemlich in meinem Mantel.

Da ist es zum Glück schon beinahe 20 Uhr. Ich laufe zurück in „meinen Kiez“.

Hier habe ich mir, um die Ecke von der Wohnung, ein Restaurant fürs Abendessen ausgesucht (nicht im Bild). Es ist die typisch spanische Kombination von Bar und Restaurant. Leider sind alle Tische reserviert, ich bekomme aber einen Platz an der Bar angeboten und die Info, dass die Küche um 20:30 aufmacht. Ich bestelle mir ein Bier (das Weißbier ist aus, stattdessen empfiehlt man mir ein glutenfreies) und bekomme weitere Oliven. Der Laden ist voll, eng, warm und stickig, immerhin taue ich so wieder auf. Um 20:30 bin ich bereit, mein Abendessen zu bestellen und fange mit zwei Tapas an – Txistorra, eine Art Wurst aus Iberico-Schinken, und gegrillte Artischocke mit Steinpilzen und hauchdünn geschnittenem Speck. Eigentlich wollte ich noch patatas bravas mit allioli dazu, werde aber darauf hingewiesen, dass das eine riesige Portion wäre und verzichte.

Trotz Hitze merke ich so langsam, dass direkt in meinem Rücken die Tür ist und regelmäßig kalte Luftschwälle kommen, wenn jemand rein oder raus geht. Das und die Enge drücken auf meinen Kreislauf. Ich fange beherzt an zu essen, merke aber sehr schnell, wie mir schwindlig wird. Ich überlege, nach der Toilette zu fragen, aber da ist es schon zu spät und ich erkenne die Anzeichen einer beginnenden Ohnmacht. Ich lege meinen Kopf auf meine auf der Theke verschränkten Arme, um wieder klarzukommen (und nicht vom Hocker zu fallen) und gefühlt im nächsten Moment werde ich festgehalten, mein Rücken gestreichelt und mir kaltes Wasser ins Gesicht geschwappt. Ich muss wohl ein paar Sekunden weg gewesen sein. Neben mir sitzt der Besitzer des Ladens, der beruhigend auf mich einredet, fragt, ob ich Epileptikerin bin, wie ich heiße, wie alt ich bin usw. – zum Glück auf Englisch.

Ich bin schon wieder bei vollem Bewusstsein, aber noch ein wenig benommen, beantworte aber seine Fragen und beginne auch schon zu scherzen und ihn zu beruhigen, dass alles OK ist. Ich bekomme Wasser zu trinken und beginne langsam wieder zu essen. Dann taucht eine Ambulanz auf, die aus Vorsicht gerufen wurde. Eine Santitäterin misst meine Herzfrequenz und sagt, dass alles völlig normal ist, stellt mir ein paar Fragen – wenig geschlafen, wenig getrunken, Sangria und Bier, Hitze und Kälte… und ist dann ganz entspannt. Kreislauf halt. Sie bittet mich noch kurz mit ins den Wagen, wo nochmal in Ruhe Puls gemessen und mein Herz abgehört wird. Alles im Lot. Kurz meine Daten aufnehmen, Protokoll schreiben, Unterschrift, dann darf ich wieder rein. Verrückt, vor zwei Jahren zu Ostern in Spanien ist am letzten Abend fast das Gleiche passiert – ohne Sanis, weil ein Arzt vor Ort war. Da war ich aber auch gerade erst frisch von Covid genesen.

Ich setze mich wieder hin, esse die Artischocken komplett auf, die Würste fast, und trinke viel Wasser – das Bier wurde mir weggenommen. Dafür bekomme ich viele aufmunternde Worte vom Personal und den umstehenden Gästen und mein Abendessen geht aufs Haus. Als ich fertig bin, werde ich herzlich verabschiedet, lehne das Angebot ab, mich nach Hause zu begleiten und laufe die 150 Meter im Regen alleine. Etwas wackelig bin ich noch auf den Beinen und der Schreck sitzt mir in den Gliedern. Also beherzige ich den Rat der Sanitäterin, räume nicht mehr auf, packe nicht mehr meinen Koffer für morgen, sondern mache mich einfach bettfertig und lege mich um 10 ins Bett. Erst beim Bloggen am nächsten Morgen fällt mir auf, dass ich ja eigentlich noch Cheesecake zum Nachtisch essen wollte. Mist.

27.03.2024 – Homeoffice zu zweit in Madrid

Ich schlafe in Etappen von ein- bis anderthalb Stunden, aber immerhin bis der Wecker der Gastgeberin (10 Minuten vor meinem eigenen klingelt). Das übliche Internetleerlesen, Bloggen und Telefonieren findet statt, kurz nach 8 verlasse ich mein Zimmer und gehe ins Bad für ausführliches Duschen mit Haarewaschen und allem Drum und Dran, während die Gastgeberin an den Schreibtisch wechselt, der in meinem Zimmer steht. Homeoffice zu zweit mache ich ja mit dem Liebsten auch öfter, aber mit jemandem aus der gleichen Firma, das ist schon sehr lange her. Ich erinnere mich an eine Situation 2010 oder 2011, als im Büro Internetausfall war und ich einen Kollegen mit zu mir nahm, weil er so schneller zum Arbeiten kam, als bei sich zuhause. Das heute ist anders, wir sind beide Homeoffice gewohnt und arbeiten auch in verschiedenen Teams. Im Laufe des Tages wechseln wir uns mit Arbeits- und Wohnzimmer ab, je nachdem, wer einen zweiten Bildschirm für seine Aufgaben gebrauchen kann. Während Meetings machen wir die Tür zu, ansonsten werfen wir uns ab und zu Kommentare hin und her, wir halt auch im Büro.

Ich frühstücke Kaffee und Müsli und fange dann kurz vor 9 an zu arbeiten. Heute auf dem Programm:

  • Ein langes Meeting mit Biesdorf, Lichtenberg und der polnischen Ostseeküste inkl. längerer Vor- und Nachbereitung
  • Viel Kleinkram an verschiedensten Projekten
  • Übersetzung eines groben Plans in Aufgaben im Projektmanagementtool und Übertragung der Timeline in teaminterne und firmeninterne Kalender
  • Kurzmeeting zur Absprache mit London
  • Meeting mit Prenzlauer Berg (Hach, hallo Heimat aus der Ferne)

Zur normalen Mittagspausenzeit soll es regnen, aber nach dem langen Meeting habe ich Luft und die Sonne scheint, so dass ich schon deutlich früher einfach eine Stunde Pause mache und nach draußen gehe – hallo Madrid!

Ich spaziere relativ gezielt bis zur Plaza Major und gehe dann dort in der Nähe in ein Geschäft, wo ich Mitbringsel für mich und andere kaufe. Auf dem Heimweg hole ich mir eine Bocata gefüllt mit Tortilla für später. Zurück am Laptop verlege ich dann meinen Arbeitsplatz vom Wohnzimmertisch auf die Couch – wenn schon unergonomisch, dann wenigstens bequem.

Die Gastgeberin macht gegen 17 Uhr Feierabend, packt ihre Sachen fürs Osterwochenende und geht dann zu ihrem Tanzkurs, als ich gegen 18 Uhr Feierabend mache. Ich telefoniere mit dem Liebsten, mache seit langem mal wieder ausführliche Dinge mit den Sprachlern-Apps, recherchiere für mein morgiges Abendessen, höre Podcast… Halb 9 treffe ich die Gastgeberin an der Falafeleria an der Ecke und wir holen uns Sabij, Falafel, Hummus und Limonade fürs Abendessen.

Wir essen noch zusammen und dann müssen wir uns verabschieden – die Gastgeberin kommt erst am Montag zurück, wenn ich schon in Valencia bin und fliegt dann am Mittwoch schon wieder los, so dass ich am Samstag hier in eine leere Wohnung zurückkehre, bevor ich am Sonntag wieder nach Berlin fliege. Es war kurz, aber intensiv und schön und wir hoffen, dass wir das bald in Berlin fortsetzen können.

Ab jetzt habe ich also sturmfrei, bis ich in anderthalb Wochen wieder in Berlin bin. Ich fläze mich wieder auf die Couch, telefoniere nochmal ausführlicher mit dem Liebsten und bleibe dann irgendwie bei YouTube hängen und schaue drei Folgen eines Formats dreier deutscher Comedians (Olaf Schubert – seit Mitte der 90er ein Favorit, früher besser als heute, Torsten Sträter – Neuentdeckung der letzten Jahre, Johann König – früher richtig toll, einige der Pointen sind heute eher nicht mehr zeitgemäß), deren Humor ich sehr schätze, auch wenn nicht jeder Gag zündet. Ich muss erstaunlich viel lachen und komme so dann doch erst wieder kurz vor Mitternacht ins Bett.