05.06.2023 – re:publica remote

Es ist der 5. und wie jeden Monat ruft Frau Brüllen zum Tagebuchbloggen auf. Die anderen Beiträge zu “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” findet Ihr hier.

Ich wache kurz vor dem Weckerklingeln auf und horche in mich hinein – geht es mir besser? Kann ich zur re:publica? Oder sollte/muss ich im Bett bleiben? Zwei Herzen schlagen ach… Mal denke ich: es geht, mal denke ich: besser nicht, mal denke ich: unverantwortlich nach drei Jahren Pandemie! Ich mache einen Schnelltest (immer noch negativ), ich beratschlage mich mit dem Liebsten… Und dann teste ich das System live: Ich stehe auf, gehe ins Bad, ziehe mich an, gieße die Pflanzen, füttere die Katzen, bringe den Müll runter, mache mir Frühstück und… lege mich wieder ins Bett. Mist!

Immerhin mache ich mir eine Mate auf, für das re:publica-Feeling. Dann kümmere ich mich um Sprachlern-Apps und Tagebuchbloggen und nehme mir meinen Laptop für den Livestream von Stage 1 her. Einige der Sessions, die ich heute besuchen wollte, laufen eh auf Stage 1, andere leider nicht – ich hoffe auf Aufzeichnungen. So hänge ich aber nun von 10:45 (das re:publica Team beginnt gewohnt verspätet) bis 20:45 (El Hotzo endet ungewohnt früh) vorm Livestream. Aber der ist halt auch nur ein Tab unter vielen und da es dieses Jahr keinen Bildungsurlaub für die re:publica mehr gibt und ich auch nicht krankgemeldet bin, arbeite ich nebenher ein bisschen und wahrscheinlich auch ein bisschen mehr, als ich es vor Ort in der Arena getan hätte.

Zwischendurch fragt der Mitbewohner, ob ich mal so „10-15 Minuten“ für ihn hätte, er braucht mein neutrales Urteil. Diese 10-15 Minuten brauchen fast eine Stunde, während wir auf dem Balkon sitzen – immerhin frische Luft – und nicht nur zufällig genau bis zu dem Moment, als der Handwerker klingelt, der sich um den Heizkörper in der Küche kümmert, der seit Monaten heizt, obwohl er nicht soll. Ich hatte das bei der Hausverwaltung mehrmals moniert, aber erst beim dritten Mal (ich bin sehr faul geduldig bei sowas) erbarmte man sich und schickte jemanden vorbei, was dann nochmal drei Wochen dauerte.

Der Handwerker dreht manuell den Hahn zu, baut den ferngesteuerten Thermostat ab und einen manuellen Thermostat an, schimpft über die moderne, programmierbare Heizungsanlage und kündigt an, dass das eh bald alles zurückgebaut wird. Das ist enttäuschend, denn ich mag das Programmierbare, das man zukünftig auch per App von unterwegs steuern können sollte. Allerdings klappte es mit dem Heizkörper in der Küche seit Ewigkeiten nicht (der soll eigentlich immer aus sein, in der Küche brauche ich auch im Winter keine zusätzliche Wärme) und zweitens gab es schon seit ebenfalls Ewigkeiten keine Softwareupdates und Erweiterungen mehr zu der Beta-Version, die bei uns installiert wurde.

Als der Handwerker weg ist, kehre ich endlich zurück ins Bett und zum Livestream bzw. der Arbeit. Dann ruft der Liebste an und berichtet, dass die Flaschenpost, die das Teilzeitkind letztes Jahr im Urlaub in den Atlantik geworfen hat, gefunden wurde und sich der Finder gemeldet hat. Wie aufregend! Da muss jetzt natürlich zurückgeschrieben werden und vielleicht gibt es im Sommer ein Treffen, wenn wir wieder da sind? (Die Flasche wurde gut 10km Luftlinie entfernt, gefühlt eine Bucht weiter, gefunden, aber tatsächlich liegen diverse kleinere Buchten dazwischen – mit dem Auto fährt man 23 Minuten laut Google Maps – und wenn man das auf der Karte sieht und die Strömungen mit einbezieht, hat sie eine ganze Strecke zurückgelegt und Ebbe und Flut getrotzt, um dorthin zu gelangen.

Der Liebste muss zurück an die Arbeit und ich an den Livestream (Highlights: Igor Levit und Jagoda Marinić, Meron Mendel, Mareice Kaiser). Zum Mittag und Abendbrot gibt es jeweils Pasta mit Brokkoli von gestern, dann ist die Pfanne leer. Nach Ende des Streams teste ich wieder mein System. Ich räume um mein Bett herum auf und die Spuren des Krankseins weg, ich wasche Töpfe und Pfannen ab, ich siebe das Katzenklo durch… Und ich fühle mich dabei deutlich besser als am Morgen! Wenn es so bleibt, kann ich morgen live in die Arena gehen! Ich telefoniere mit meinen Eltern und nochmal mit dem Liebsten und dann schaue ich noch ein wenig auf TikTok herum, bevor gegen 23 Uhr das Licht ausgeht.

04.06.2023 – Reicht langsam mit dem Kranksein

Na super, ich wache auf und bin immer noch eindeutig krank. Nach hauptsächlich Halskratzen und Nase laufen an den ersten Tagen und verstopften Nebenhöhlen gestern ist heute der Hals dran, richtig dick zu sein und ständig abgehustet werden zu wollen. Immerhin wird es nicht langweilig…

Langweilig bzw. nervig wird es aber langsam, die ganze Zeit im Bett liegen zu müssen und das Leben da draußen zu verpassen. Eigentlich wollte ich das Wochenende mit dem Liebsten verbringen, eigentlich wollte ich bei meinen Eltern Holunderküchel essen, eigentlich wollte ich heute zur pre:publica gehen, mich akkreditieren lassen und mit einem Getränk awkward in der Gegend rumstehen wie jedes Jahr (außer 2020 und 2021 weil wegen…). Tja, fällt alles aus. Und gleichzeitig sieht es so langsam so aus, als würde auch ein Teil der #rp23 für mich remote stattfinden müssen. Grummelgrmpf.

Naja, wenn man davon absieht, hat im Bett liegen und nix zu tun zu haben ja auch Vorteile. Katzen kuscheln, lesen, Serien gucken und zwischendurch auch mal einnicken zum Beispiel. Mache ich heute alles. Dazwischen gibt es Mahlzeiten (morgens: Toast mit Johannisbeergelee, Kirschen, Apfel; mittags: Pasta mit Broccoli, selbst gekocht; abends: Stulle mit Pastrami und sauren Gurken) und viel Tee (Ingwer, Zitrone, Honig, Melisse, Minze – später dann das Ganze nochmal mit Apfelsaft und Mineralwasser aufgegossen). Zu lesen gibt es weiter „Patria“, als Serie fange ich heute „Succession“ an – sechs Folgen schaffe ich.

Abends lege ich mich dann nochmal in die Badewanne, bevor es gegen 23 Uhr endgültig Schlafenszeit ist. Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt, dass ich morgen fit genug für re:publica live sein könnte…

03.06.2023 – Bett ohne Office

Ich habe wieder erstaunlich gut geschlafen, aber schon beim Aufwachen wird klar, dass ich weiter im Bett bleiben werde. Die Nase läuft ordentlich, wenn sich nicht gerade die Nebenhöhlen schmerzhaft zuziehen und ich fühle mich insgesamt eher schlechter als besser. Ich verteile die Morgenroutine also gemütlich über den Vormittag. Zum Frühstück gibt es dann Beerenporridge (diesmal in heiß) mit Banane und Erdbussbutter und dazu Tee mit Balkonkräutern (Zitronenmelisse, Pfefferminze, Salbei), Honig, Ingwer und Limette. Bei und nach dem Essen telefoniere ich ausgiebig mit dem Liebsten und wir verschieben unsere Wochenendpläne.

Zwischendrin muss ich eine Pause machen, denn ich höre verdächtiges Kratzen auf dem Laminat. Noosa versucht, eine gelbe Lache verschwinden zu lassen. Klappt aber ohne Streu nicht. Ich wische also erstmal auf und werfe einen Schal, der in die Lache hing und zwei Jacken, die mir bei der Aktion auch noch hineingefallen sind, in den Hygienewaschgang. Dann siebe ich das Katzenklo durch und fülle die Wassernäpfe auf. Hoffentlich war es nur eine Protestnote und kein Krankheitszeichen.

Dann werde ich schon wieder ganz müde und schlafe erstmal anderthalb Stunden tief und fest. Als ich wieder aufwache, habe ich Lust auf seichte Unterhaltung und fange die erste Staffel „And just like that…“ an. Die Folgen sind nicht wahnsinnig lang und es gibt auch nur 10 davon, also gucke ich die Staffel einfach bis zum Abend durch. Zwischendurch gibt es Süßkartoffeln mit Chili sin carne, Käse und Jalapeños zum Mittag und zum Abendessen Stullen mit Pastrami und Käse.

Nach Serienende und Abendessen fallen mir schon wieder die Augen zu und ich döse für eine knappe Stunde weg. Dann wird es draußen langsam dunkel und ich beschließe, nix neues mehr anzufangen, sondern einfach den Katzen Abendbrot zu geben und dann zu schlafen. Hoffentlich ist es morgen besser, ab Montag ist re:publica!

02.06.2023 – Bett-Office und Burger

Hmm tja, die Erkältung ist immer noch da und immer noch nicht so, dass ich nicht arbeiten könnte – also noch ein Tag Bett-Office und dann ist eh Wochenende. Ich bin etwas langsam bei der Morgenroutine, deshalb verschiebe ich das Bloggen auf später. Alles andere ist aber erledigt, als ich kurz nach 9 den Laptop aufklappe und 9:15 Uhr ins erste Meeting gehe. Das ist unsere monatliche virtuelle Kaffeerunde, bei der heute alle von Zuhause aus dabei sind, alle in Berlin/Potsdam sind und fast alle stattdessen Tee trinken. Die Gespräche drehen sich um Tee, um asiatische Süßspeisen, das neue Foo Fighters Album, legendäre Ärzte-Konzerte im SO36 und dann gegen Ende nochmal ein wenig um Arbeitsdinge.

Danach bleibe ich mit einem Kollegen gleich im Raum und wir halten unser wöchentliches Meeting ab. Als das vorbei ist, schreibe ich ein paar E-Mails, chatte mit einer Kollegin in Dublin und lektoriere einen internen Newsletter. Zwischendurch nehme ich die Biokiste entgegen, die heute auch von King Charles eigenhändig erstellten Möhrengouda enthält. Dann gibt es nochmal ein einstündiges Meeting mit zwei Kolleg*innen hier in Berlin, auch die sitzen jeweils zuhause. Gegen 13 Uhr mache ich Mittagspause. Ich blogge, esse den Rest Mangosalat von gestern und lasse mir dann Zeit, wieder ins Arbeiten zu kommen, da ich auf Zuarbeit aus Chicago und Atlanta warten muss und die schlafen ja noch selig.

Also nehme ich mir weitere Bookmarks vor und schaue mir Webinar-Aufzeichnungen an, zu denen ich nur noch zwei Wochen lang Zugang habe, dann endet das Weiterbildungsprogramm, an dem ich teilgenommen habe, endgültig. Ich beschäftige mich mit bis Atlanta wach wird. Eine Stunde später ist auch Chicago am Start und versendet eine E-Mail nach der anderen, die alle gelesen werden wollen. Um 17:30 Uhr nehme ich dem Kollegen in Chicago noch eine Aufgabe ab, da heute zwei aus dem Team fehlen und von ihm vertreten werden. Dadurch mache ich dann erst 18:30 Uhr Feierabend, aber das ist OK, ich liege ja eh im Bett und habe nicht mehr viel vor.

Ich denke kurz darüber nach, etwas zu kochen, beschließe dann aber, dass ich nicht lange in der Küche stehen möchte und bestelle mir stattdessen einen veganen Burger (Linse-Hirse, mit extra Käse und Avocado) und Süßkartoffelpommes mit Chili sin carne, Käse und Jalapeños. Den Burger esse ich auf, die Pommes koste ich und hebe sie mir dann für morgen auf.

Ansonsten schaue ich die „Queen Charlotte“-Staffel von Bridgerton zu Ende und bin damit bis nach 23 Uhr beschäftigt. Danach heißt es dann direkt Zähne putzen und Licht aus.

01.06.2023 – Sommererkältung also

Yay, es ist Juni. Geburtstagsmonat, meteorologischer Sommerbeginn, fluffige Mitte 20 Grad draußen. Läuft bei mir – vor allem die Nase. Allerdings geht es mir nach einer von Nase und Katzen mehrfach unterbrochener Nacht erstaunlicherweise zumindest nicht schlechter als gestern. Ich beschließe, arbeiten zu können und das aber vorsichtigerweise trotzdem vom Bett aus zu tun. Nach der Morgenroutine koche ich mir also eine große Kanne Tee mit der leckeren Schokoladenminze vom Balkon und klappe den Laptop auf.

Am Vormittag habe ich nur zwei kurze 1:1 Meetings, beide mit Dublin, aber mit verschiedenen Personen, eine davon zuhause, eine im Büro. Ansonsten arbeite ich Dinge ab, gestalte einen One Pager und bereite ein Mailing an die Senior Managers vor. Mittags mache ich mir etwas schnelles, leichtes und gesundes zum Mittagessen, nämlich einen Zucchini-Salat mit Olivenöl, Zitronensaft, Salz, Pfeffer und Grana Padano (in Ermangelung von Parmesan, schmeckt aber auch), den ich in den vergangenen Tagen sowohl auf Rachels Instagram als auch später in einem TikTok-Video einer Creatorin bezieht, die sich auf das Rezept bei Rachel bezieht. Jetzt ist sie also sogar schon TikTok-berühmt! (Hier übrigens der Blogpost zu meinem bisher letzten Treffen mit Rachel vor 4 Jahren in Testaccio.)

Bis hierhin habe ich das Gefühl, dass sich mein Zustand kontinuierlich weiter verbessert, aber ab dem Nachmittag schwellen die Schleimhäute wieder an und es wird schwerer, mich zu konzentrieren. Ich muss noch etwas mit einem Kollegen in Chicago klären und überbrücke die Wartezeit damit, Bookmarks abzuarbeiten, mit denen ich mich mal beschäftigen wollte, wenn ich Zeit habe. Dann um 17 Uhr kurze Abstimmung mit dem Kollegen. Gegen 17:40 klappe ich den Laptop zu.

Ich habe dummerweise heute noch etwas zu erledigen und gehe deshalb aus dem Haus. Mit S- und U-Bahn fahre ich in den Wedding und hole dort die Ikea-Tasche mit meinem Zelt, Schlafsack etc. ab, da meine Bekannte morgen mit dem Bulli raus ins Grüne fährt und das alles sonst in ihre Wohnung im Dachgeschoss bugsieren müsste. Für den Rückweg mit Gepäck gönne ich mir dann aber ein Taxi. Zuhause trage ich die Sachen dann auch nicht hoch, sondern nur runter in den Keller und dann bin ich auch durch mit dem Tag. Ich trinke eine Feierabendlimo im Liegestuhl auf dem Balkon (Dattel-Granatapfel) und bestelle mir Mangosalat und Pho in Mehrwegdosen zum Abendbrot. Dazu gibt es Almdudlerschorle mit Schokoladenminze und nun endlich weitere Folgen Queen Charlotte.

Kurz nach 22 Uhr befolge ich den Ratschlag der irischen Kollegin von heute morgen (die andere ist Südtirolerin) und mache mir einen Hot Toddy als Schlummertrunk. Außerdem gibt es wieder Nasenspray, Schmerztablette und Erkältungssalbe und dann wird diese Nacht erstaunlich gut und fast durchgeschlafen.

31.05.2023 – Büro und Abbau

Ich habe mir extra den Wecker auf eine halbe Stunde früher gestellt, damit ich mich nicht hetzen muss und trotzdem pünktlich im Büro bin. Prompt wache ich nochmal eine halbe Stunde früher als das auf – diesmal nicht von den Katzen, sondern einfach vom Licht geweckt, das sich drei Wochen vor der Sommersommenwende auch durch das Abhängen der Balkontür mit einer dunklen Decke nicht mehr aussperren lässt. Da ich aber gut geschlafen habe und mich fit fühle, stört mich das gar nicht und ich habe einfach noch mehr Ruhe für die Morgenroutine.

Neben dem üblichen täglichen Dingen muss ich heute noch meine Sporttasche fertig packen (das Saunahandtuch hing noch auf dem Wäscheständer), den Bürorucksack packen, Erdbeeren fürs Müsli schnippeln und beides einpacken und Müll runterbringen. Nebenbei telefoniere ich auch noch mit dem Liebsten und dann stapfe ich los zur Tram, mit Sonne im Herzen, Musik auf den Ohren und Mateflasche in der Hand. Ich freue mich, wie gut es mir gerade physisch und mental geht und werde direkt ängstlich, dass sich das jetzt bestimmt bald wieder ändern kann. Little did I know.

Im Büro angekommen begrüße ich die anwesenden Kolleg*innen, gieße mir Milch ins Müsli und ziehe mir einen Triple Cappuccino an der Kaffeemaschine. Dann lese ich meine E-Mails und arbeite relativ konzentriert an meinen Projekten – auf unserer Seite des Großraumbüros sind wir heute nur zu zweit, so dass es wenig Unterbrechungen gibt. Ich telefoniere mit einigen nicht Anwesenden, bespreche Details mit Anwesenden und dann habe ich 12:30 ein Meeting mit Paris. Hinterher gehe ich ins Einkaufszentrum nebenan und hole für mich und einen Kollegen etwas vom Vietnamesen und für mich einen Bubble Tea.

Wir essen gemeinsam mit noch anderen Kolleg*innen in der Küche und tauschen uns über die aktuellen Entwicklungen und Transformationsprozesse aus. Zurück am Schreibtisch wird dann das einzige andere Meeting des Tages abgesagt, stattdessen habe ich Zeit für meine Aufgaben. Ich organisiere Dinge, lese einen Textentwurf und gebe Kommentare ab, übersetze einen Fragenkatalog und verschaffe mir Zugang zu Archivdokumenten, die ich für eine Aufgabe brauche.

Im Laufe des Nachmittags fängt meine Nase immer stärker zu laufen an und mein Hals kratzt. Na toll. Bekomme ich jetzt auch Heuschnupfen? Habe ich ein Katzenhaar ungünstig eingeatmet? Habe ich mir auf dem Immergut doch Covid eingefangen? Im Büro liegen noch zwei Sorten längst abgelaufene Schnelltests herum. Einer funktioniert noch, zeigt aber direkt ein uneindeutiges Ergebnis, das zumindest Interpretationsspielraum lässt. Ein anderer funktioniert nicht mehr – die Testflüssigkeit ist komplett verdampft. Langsam zieht sich mein Kopf zu.

Ich telefoniere kurz mit der besten Freundin und sage unsere Sportverabredung für den Abend ab. Dann packe ich kurz vor 18 Uhr meine Sachen und fahre wieder nach Hause. In der Tram, im Treppenhaus und in der Wohnung setze ich eine Maske auf – man weiß ja nie. Auf dem Balkon mache ich dann noch zwei nicht abgelaufene Schnelltests. Der eine zeigt auch erst ein fragwürdiges Ergebnis, der zweite bleibt aber klar negativ und nach einigen Minuten ist auch der erste Test wieder schneeweiß. Puh. Trotzdem fühle ich mich langsam kränker und beschließe, schnell noch ein paar Dinge wegzuschaffen, falls ich wirklich bald flachliege.

Ich siebe das Katzenklo durch, wasche mein Kochgeschirr von gestern ab, stelle die Spülmaschine an und sauge Katzenhaare in meinem Zimmer weg – im Rest der Wohnung hat das der Mitbewohner kürzlich getan. Dann mache ich mir einen Teller mit Käsewürfeln (Waldmeisterkäse und Grana Padano), Tomaten und Kirschen zurecht und lege mich samt Feierabendlimo (Orange-Vanille) ins Bett. Ich esse und trinke, telefoniere mit dem Liebsten, gucke ein wenig TikTok… Inzwischen reicht meine Konzentration nicht mehr für Lesen oder Seriengucken. Gegen 10 putze ich mir die Zähne und mache mich schlaffertig.

Und dann liege ich wach. Putze mir dauernd die Nase, bekomme einen trockenen Hals vom durch den Mund Atmen, höre einen Podcast nach dem anderen, gucke dummerweise nochmal in die Arbeitsmails und lese etwas über eine Entwicklung, die mich die nächsten Tage und Wochen noch beschäftigen wird, so ich denn nicht ernsthaft krank werde und wie blöd wäre das denn eigentlich, jetzt wo so viel Dringendes zu tun ist, auch andere im Team fehlen und außerdem ja nächste Woche re:publica ist… Ihr könnt es Euch vorstellen.

Kurz nach Mitternacht muss ich nochmal aufs Klo und starte danach einen Reset-Versuch. Nase so gut wie möglich ausleeren, Nasenspray benutzen, Schmerztablette einwerfen und Dekolleté und Stirn mit der pakistanischen Erkältungssalbe des Mitbewohners einschmieren , die für dauerhaftes Inhalieren von atemwegsbefreienden Substanzen sorgt. So kann ich endlich erstmal einschlafen, auch wenn die Nacht unruhig wird.

30.05.2023 – Back to Life

Nach dem ausgiebigen fünftägigen Wochenende so entrückt von meinem normalen Alltag fällt das Zurückfinden am Dienstag morgen schwer. Ich schlafe bis zum Weckerklingeln und meine Morgenroutine braucht heute besonders lange. Um überhaupt produktiv sein zu können, entscheide ich mich gegen das Balkon-Office und für den Schreibtisch. Während der Zubereitung des Frühstücks für die Katzen und mich telefoniere ich mit dem Liebsten. Dann gibt es eine Cuppa Tea und eine Mate zu Müsli mit Erdbeeren und 145 E-Mail-Loops plus Chatnachrichten und Benachrichtigungen aus dem Projektmanagement-Tool.

Pünktlich zum ersten Meeting um 10:00 (rein Berlin, einer im Büro, Rest remote) habe ich mir zumindest einen Überblick verschafft. Ein zweites Meeting folgt um 11:00 (ebenfalls rein Berlin, einer im Büro, Rest remote) und dauert anderthalb Stunden plus Protokollschreiben von mir. Danach schaue ich mir noch ein Townhall vom letzten Donnerstag an und mache dann eine späte Mittagspause. Ich gehe einkaufen, hänge Wäsche auf, mache mir zwei Sandwiches (bereits wieder mit einem Kollegen telefonierend) und setze mich dann wieder an den Schreibtisch und arbeite Dinge ab.

Um 16:30 gibt es ein globales Meeting, bei dem ich aber nur zuhören muss und nebenbei weiterarbeite. Um 17:00 dann Meeting mit meiner Chefin in Nordengland. Wir besprechen uns zu ein paar aktuellen Projekten und sie gibt mir noch zwei neue Aufgaben und überträgt mir eine der Kollegin aus Südengland, die diese Woche frei hat. Plötzlich kann ich diese Woche wohl nicht mehr über Langeweile klagen. Ich mache noch bis 18 Uhr mit einer Schulung zu einem neuen Tool weiter, dann lasse ich den Stift fallen, schnappe mir eine Ladung Müll und meine Yoga-Matte und ziehe los.

Nach dem Müllplatz rufe ich den Liebsten an und wir telefonieren den Großteil des Weges bis zum Yoga. Dort angekommen geht es wieder in kleiner Gruppe (zu dritt inkl. Lehrerin) auf die Matten. Bis auf ein wenig Müdigkeit bin ich erstaunt, wie gut ich das anstrengende Wochenende körperlich überstanden habe. Ich kann sogar Asanas machen, die letzte Woche nicht gingen. Nur selten geben mir Schmerzen vor, etwas anders oder gar nicht zu tun. Auch die Meditationsanteile sind heute on point, obwohl ich beim Shavasana nicht wirklich abtauche, sondern in Gedanken in einem Restaurant am Mittelmeer sitze und Zitronenpasta esse, bzw. meinen Plan fürs Abendessen schmiede.

Als ich nach Hause laufe, ist es immer noch taghell. Wie großartig! Ich höre Lieblingsmusik und singe lautlos mit, tänzele beim Laufen und hüpfe innerlich beim Duft des blühenden Holunders an einer Grünfläche – dabei habe ich schon den ganzen Tag selbstgemixte Holunderblütenlimo getrunken, aber in echt riecht das nochmal viel anregender.

Wieder zuhause stelle ich mich immer noch mit Musik auf den Ohren an den Herd und koche meine Pasta:

-Ich zerdrücke eine Knoblauchzehe und lasse sie in viel heißem Olivenöl ziehen und goldbraun werden, bevor ich sie wieder herausnehme

-Dann röste ich in diesem Olivenöl gehackte Mandeln goldbraun

-Dann gebe ich anderthalb Esslöffel Butter dazu und zwei der Zitronensaft-Eiswürfel, die der Mitbewohner hergestellt hat

-Dann kommen Salz, Pfeffer und gehackte Kräuter vom Balkon dazu – Petersilie, Schnittlauch, Minze, Dill, Basilikum und Zitronenmelisse, dazu ein großzügiger Schluck Pastawasser

-Als die Spaghetti al dente sind gebe ich sie mit in die Pfanne und lasse sie noch eine Minute in der Sauce weiter köcheln, dann gebe ich unter ständigem Rühren viel Grana Padano hinzu, der sich mit der Sauce verbindet und cremig wird

In einer perfekten Welt hätte ich vielleicht die Mandeln zwischendurch noch aus der Pfanne genommen oder sie oder alternativ Pinienkerne als erstes geröstet und erst am Ende drüber gegeben, aber sie sind immer noch knusprig und nicht verbrannt, also soweit alles gut. Diesen riesigen Berg Spaghetti spachtele ich dann gegen 22 Uhr in mich hinein. Nebenbei unterhalte ich mich mit dem Mitbewohner, dann blogge ich und gucke noch ein wenig im Internet umher. Erst nach 23 Uhr gehe ich ins Bett und dort lese ich noch ein paar Seiten, bevor ich tief und fest einschlafe.

29.05.2023 – Festival-Fazit

Heute wird es auf dem Zeltplatz schon gegen 8 wieder lauter, die Menschen packen zusammen und reisen ab. Ich lasse mir ein wenig mehr Zeit, mein Weg ist ja nicht so weit. Allerdings hat es auch wenig Sinn, lange Zeit zu vertrödeln, wo doch zuhause fließendes Wasser, Strom, Internet-Empfang etc. auf mich warten. Ich verschiebe den Großteil der normalen Morgenroutine auf empfangreichere Zeiten und absolviere die Festival-Morgenroutine: Haare kämmen, in den Schlafsachen und Flip-Flops zum Kompostklo schlurfen, frische Socken und Unterwäsche anziehen, im Liegen in die Hose quälen, Porridge anrühren und frühstücken, zur Waschstation gehen, waschen und Zähne putzen, frisches T-Shirt anziehen.

Dann fange auch ich an, zusammenzupacken. Ich sortiere meinen wenigen Müll in die drei Beutel (Papier, Plastik, Rest), packe meinen Rucksack und meinen Stoffbeutel, stopfe meinen Schlafsack in den Übersack (?), lasse die Luft aus meiner Isomatte und verpacke diese, sammle die Heringe ein, falte die Zeltstangen, lege Innenzelt und Außenzelt zusammen, falte die Wasserschutzplane, falte die Picknickdecke, falte die Fleece-Decke… Am Ende liegen da wieder ein Reiserucksack, ein re:publica-Stoffbeutel und eine Ikea-Tasche voller Campingzubehör. Ich bringe meine drei Müllbeutel zur Sammelstation und sammele unterwegs noch einiges ein, aber sie werden nicht einmal halb voll. Viele Besucher*innen sind inzwischen so müllsparsam unterwegs, dass herumliegender Müll zum Füllen der Beutel ein begehrtes Gut ist. Früher gab es nur gegen volle Beutel Pfand zurück, inzwischen hat man aber wohl eingesehen, dass die Beutel einfach nicht mehr voll werden. Ich entscheide mich statt der 5 € Pfand für einen schicken Immergut-Beutel, mit dem ich dann wohl nächste Woche auf der re:publica auflaufe.

Auf dem Rückweg laufe ich praktischerweise meiner Berliner Bekannten über den Weg und kann ihr gleich noch die Ikea-Tasche bringen, bevor sie mit ihrem Bulli zurück nach Berlin fährt. Dann schultere ich Rucksack und Stoffbeutel und fahre mit Pendelzug, RegionalExpress und S-Bahn wieder nach Hause. Gleich ab Neustrelitz Hbf gibt es wieder Empfang und ich nutze die Zugfahrt zum Bloggen. Auf dem Nachhauseweg von der S-Bahn kaufe ich noch ein Kilo Erdbeeren am Erdbeerhäuschen und dann bewege ich mich heute keinen Schritt mehr vor die Tür.

Zuhause wollen Katzen gefüttert und Pflanzen gegossen werden. Das Katzenklo wird durchgesiebt und eine erste Maschine Wäsche dreht ihre Runden. Ich lege mich erst einmal zum Einweichen in die Badewanne und telefoniere mit dem Liebsten, der ebenfalls gerade von seinem Wochenende an der Ostsee zurückgekommen ist. Dann wasche ich mich gründlich und dusche nochmal allen Dreck ab, bevor ich mich auf dem Sofa niederlasse und Sushi bestelle – in Mehrwegdosen, was irgendwie dazu führt, dass man im Restaurant vergisst, wie man Sushi richtig transportfähig verpackt. Es sieht nicht schön aus, schmeckt aber sehr gut.

Eigentlich wollte ich gleich noch im Mecklenburg-Strelitz-Vibe bleiben und die neue Staffel Bridgerton weitergucken, aber irgendwie spinnt Netflix auf dem Fernseher. Ich kümmere mich also um meine Sprachlernsachen, schaue ein wenig TikTok und lese dann in meinem Buch weiter. Und ich lasse das Festivalwochenende Revue passieren – hier ein paar Bemerknisse:

-Ich bin mal wieder alleine hingefahren und habe auch bei meinem 9. Immergut vor Ort wieder jede Menge bekannte Gesichter getroffen – 20 um genau zu sein. Erstaunlich, wie das immer noch geht – die meisten von ihnen waren auch bei meinem ersten Immergut 2006 dabei.

-Seit 2006 haben sich Charakter, Musik und Publikum des Immergut stark gewandelt, ob das nun am Zeitgeist liegt, am Wechsel des Organisationsteams oder einfach daran, dass ich älter werde, sei mal dahingestellt.

-Ich habe weniger Spaß an der Musik als früher, dafür aber an den Lesungen, Diskussionsrunden und Denkanstößen.

-2006 standen nur wenige Frauen auf der Bühne, 2023 würde ich von Parität sprechen, auch wenn ich nicht explizit nachgezählt habe.

-2006 gab es nicht so wahnsinnig viel vegetarisches Essen zur Auswahl, 2023 gab es nur an zwei der Stände überhaupt Wurst im Angebot.

-Das Immergut ist sehr nachhaltig geworden – Müllpfand gab es damals schon, aber jetzt wird der Müll getrennt, es gibt Immergutbecher, die man an allen Ständen nutzen kann, es gibt Kompostklos und es gibt Wasserhähne, an denen man sich kostenlos bedienen kann.

-Überhaupt, Kompostklos sind der Shit! In den Nuller Jahren konnte man nur freitags und dann jeweils Samstag und Sonntag morgens einigermaßen OK auf die Dixies gehen und hat sich alles andere verkniffen. Heute ist der Klobesuch rund um die Uhr und an allen Tagen angenehm, sauber und geruchsarm.

-Diversität und Awareness spielen eine immer größere Rolle – es gibt ein Awareness-Team, das man ansprechen kann, es gab einen Privilegien-Check, mit dem man sich auseinandersetzen konnte, ein trans Autor hat gelesen, LGBTQIA+ Leute waren da und sichtbar und anders als 2006 habe ich auch eine signifikante Anzahl Nichtweiße Besucher*innen und Künstler*innen wahrgenommen.

-Es liefen jede Menge Kinder herum und wurden ins Festivalgeschehen einbezogen, das hängt sicherlich mit dem Älterwerden des Stammpublikums zusammen, die meisten von denen hatten in den Nuller Jahren noch keine Kinder. Das Immergut wäre aber damals auch noch kein so guter Ort für Kinder gewesen.

Ich frage mich, ob all diese Entwicklungen mit dem Musikwandel – weg von gitarrenlastiger „ehrlicher Rockmusik“ hin zu vielfach mit elektronischen Hilfsmitteln hergestellter „Popmusik“ mit Show-Effekten – zu tun haben. Und ob ich das OK finde, bei der Musik Abstriche zu machen, wenn ich dafür den ganzen Rest haben kann. Hab ja noch ein Jahr Zeit, mir darüber Gedanken zu machen.

Das Immergut war dann übrigens auch der letzte Auftritt dieses Paars Sneaker. Ich habe sie Anfang Oktober auf Procida aus der Not heraus für 24,99 € gekauft, weil meine Chucks sich aufgelöst haben und ich sonst nur Flip-Flops dabei hatte. Und da sie schrecklich bequem waren, habe ich sie seitdem fast jeden Tag getragen – außer, wenn ich krank darniederlag und an den 1-2 Tagen im Winter, an denen mir Stiefel angemessener schienen. Sie haben mir gute Dienste geleistet und mein Wiedererstarken nach den beiden Covid-Erkrankungen begleitet – vor allem den wochenlangen 10.000+-Schritte-Streak Anfang des Jahres, mit dem ich mich zurück ins Leben gelaufen habe. Vor 1-2 Wochen fingen sie an, Auflösungserscheinungen zu zeigen und da fürs Immergut kein Regen angesagt war, beschloss ich, dass sie mit diesem Festival einen würdigen Abschied feiern könnten. Das waren sehr gut investierte 24,99 €, danke!

28.05.2023 – Der Immergute Sonntag

Wow, ich habe wirklich erstaunlich gut und lange geschlafen – die neue Anordnung von Klamotten und Decken ist soweit approved und wird heute Nacht so weitergeführt werden. Als ich das erste Mal auf die Uhr gucke, ist es schon nach 9. Ich gucke ein wenig im Internet rum – soweit das bei dem miesen Empfang möglich ist – und statte dann frisch gekämmt aber noch in Schlafsachen dem Kompostklo einen Besuch ab. Auf so einem Festival macht man Meter. Zurück am Zelt gibt es wieder Porridge mit H-Milch und einen Apfel. Dann packe ich mir meinen Beutel für den Vormittag und laufe in Flip Flops los. Erst Zähne putzen und waschen und dann direkt weiter zum Immergutzocken Fußballturnier.

Dafür läuft man eine gute halbe Stunde durch den Wald – ganz hier in der Nähe ist der Wegweiser nach Userin, vor dem ich vor ein paar Jahren ein Selfie gemacht habe, das mir lange Zeit als treues Profilfoto diente. Ganz so weit muss ich heute aber nicht, sonst hätte ich mal ein Update geschossen. Stattdessen also Rudolf-Harbig-Stadion aka Fips-Asmussen-Kampfarena, wie mein als Kommentator fungierender Bekannter als Rostock es nennt. Hier spielen sechs Mannschaften ein Turnier gegeneinander, zwei davon aus dem gestrigen Torwandschießen auf dem Festivalgelände hervorgegangen, davon eins aus lauter Kindern bestehend – auch der Sohn meines Ex-Kollegen ist dabei.

Ich sitze die meiste Zeit mit dem Ex-Kollegen und seinen Kindern beieinander, unterhalte mich, höre den professionellen Kommentaren zu und lache mich wie immer kaputt, trinke eine Rhabarberschorle und blogge nebenher. Nach dem Finale laufe ich zurück zum Festivalgelände, es ist mittlerweile fast 15 Uhr, und mache mich für die Konzerte bereit. Flip-Flops aus, Socken und Sneakers an, Pullover und Jacke in den Beutel (Zahnpasta und Deo raus), Sonnencreme und Mückenspray nachlegen und dann kann es losgehen. Als erstes hole ich mir einen Cappuccino doppio, ein Stück Kirsch-Streusel-Kuchen und einen Physalis-Nuss-Cookie, setze mich damit in den Schatten und lausche der Lesung von Henri Maximilian Jakobs.

Danach spielt Joya Marleen und ich verliere mich erst ein wenig in der Musik, nutze dann aber die Gelegenheit auch wieder, um zu lesen. Die Sonne brennt inzwischen und Schatten ist weiterhin knapp. Ich stehe auf und gehe meinen Immergutbecher nach dem Kaffee ausspülen und fülle ihn direkt mit Trinkwasser auf. Eigentlich will ich zurück zum Birkenhain, wo als nächstes Şeyda Kurt liest, aber da laufe ich einem guten Freund und anderen Bekannten quasi in die Arme und wir unterhalten uns stattdessen mit Unterbrechungen und in wechselnden Konstellationen für die nächsten Stunden. Als sich ein Feuerwehrmann erbarmt und für etwa fünf Minuten einen Schlauch in die Luft hält, hat das Festival einen neuen Social Media Star.

Gemeinsam tanzen wir zu Donkey Kid und Fuffifuffzich. Dann hole ich mir einen Burrito, bevor wir uns bei Betterov vor der Bühne wieder treffen.

Während ich mir auf der Zeltbühne Ditz anhöre und dann draußen davor einen ehemals sehr guten Bekannten treffe, holen sich die anderen wärmere Sachen aus dem Auto. Dann sehen wir uns bei Edwin Rosen wieder vor der Bühne wieder. Es wird mir aber langsam alles zu anstrengend – heute war zu viel Bewegung und zu wenig Ruhepause. Ich verabschiede mich, hole mir einen Tinto de verano und setze mich am Rand für eine Weile auf einen Liegestuhl. Dann schnuppere ich noch bei Caroline Rose im Zelt vorbei und feiere die ersten Lieder von Blond auf der Hauptbühne, bevor ich mich ins Zelt verziehe.

Ich kuschele mich wieder in das Arrangement von gestern Nacht und lausche Blond, während ich Kreuzworträtsel löse. Aber nicht lange, dann fallen mir die Augen zu. Ich erwache, als einer der späteren Acts/DJ Teams hämmernde Bässe auflegt und versorge mich mit Ohropax. Jetzt klingt es nicht mehr so, als stände die Box direkt neben meinem Kopf, sondern eher so im Nebenzimmer. Das reicht, um wieder einschlafen zu können…

27.05.2023 – Camp Life

Die Nacht war kalt und laut und von wenig echtem Schlaf gekennzeichnet und dann wird es dafür aber schon wieder gegen halb 8 relativ warm im Zelt und geräuschvoll auf dem Zeltplatz. Ich gebe das Schlafen vorerst auf und versuche mich an meiner Morgenroutine. Der Empfang ist schlecht, ich kann nur mit Mühe das Internet leer lesen und bloggen. Der Liebste und ich kommunizieren ausnahmsweise mit SMS. Die Sprach-Apps gehen gar nicht – zum Glück habe ich einen Streak Freeze, so dass meine über 500 Tage nicht gestört werden.

Als es im Zelt dann wirklich zu heiß wird, setze ich mich auf meiner Picknickdecke nach draußen und frühstücke. Es gibt Beerenporridge mit H-Milch und einen Apfel. Dann gehe ich Zähne putzen und mich waschen und ziehe mich für den Tag an. Rund ums Zelt ist es jetzt knalleheiß – ich suche mir jetzt ein schattigeres Plätzchen, das ich auf dem Marktplatz an der Bühne finde. Hier moderieren der wunderbare Sam Vance-Law und eine Frau, deren Namen mir nicht einfällt, eine sehr lustige Frühstücksrunde und interviewen verschiedene Immergut-Mitarbeiter*innen und die Band AZE von gestern. Ich hole mir einen Rooibos-Eistee mit Passionsfrucht in meinen Becher und habe viel Spaß.

Nach der Frühstücksrunde breite ich meine Picknickdecke im Halbschatten abseits der Bühne aus und lege mich hin. Auf der Bühne diskutieren Menschen über den Nutzen von Social Media für Musiker*innen. Ist ja fast wie ein Podcast! Da kann ich mich gut nochmal auf die Seite drehen und einschlafen. Als ich wieder wach werde, hat sich der Platz ganz schön gefüllt und ich bin immer noch müde. Ich hole mir einen Spritzring vom Bäckerstand und kehre nochmal zum Zelt zurück. Das ist inzwischen nicht mehr komplett in der Sonne und nur noch angenehm warm. Ich lege mich rein und lese und schlafe nochmal ein.

Gegen 15 Uhr macht das Festivalgelände wieder auf. Ich wechsle von Flip Flops auf Socken und Sneakers, packe meine warmen Sachen in den Beutel und stürze mich ins Geschehen. Als erstes hole ich mir ein veganes Gyros im Brot und setze mich dann damit vor den Birkenhain, wo Carla Kaspari aus ihrem Buch „Freizeit“ vorliest. Danach spielt auf der gleichen Bühne Philine Sonny entspannten Gitarrenpop, zu dem ich gemütlich weiter lesen kann. Mir fällt auf, dass dieses Festival ein sehr ausgewogenes Geschlechterverhältnis hat – zumindest für mein Gefühl, gezählt habe ich nicht.

Als nächstes liest El Hotzo aus seinem Roman „Mindset“, was erwartbar lustig ist. Ich hole mir dazu einen Cold Brew, um wieder richtig wach zu werden für den Rest des Tages. Dann wird die Main Stage endlich eröffnet und von Uche Yara aus Österreich gerockt. Macht viel Spaß und das liegt nicht an der Weißweinschorle, die ich mir eben geholt habe. Im Publikum entdecke ich einen Bekannten samt Freundin, Sohn und Schwester und mir fällt siedendheiß ein, dass ich ein T-Shirt seiner Band trage, die schon seit Jahren aufgelöst ist. Auf Mastodon sagen die Leute, das wäre doch super, ich finde es eher ein bisschen peinlich – zumal ich auch nicht weiß, wie die verschiedenen Mitglieder inzwischen zueinander und zur Band stehen (den Gitarristen begrüße ich etwas später auch noch, da ist es aber schon etwas kälter und ich habe eine Jacke drüber).

Am Birkenhain spielt dann Ron Gallo – kann man gut hören und dabei weiter lesen. Ich komme heute ordentlich mit meinem Buch weiter und finde das in Kombination mit der Musik und der Stimmung einen ganz fantastischen Zeitvertreib. Bei Zimmer 90 auf der Mainstage treffe ich dann besagten Gitarristen und einen weiteren Bekannten, den Co-Geschäftsführer von meinem Lieblingsnachbarn. Dann wird die Zeltbühne von Bulgarian Cartrader eröffnet, der aber seinen großen Hit relativ am Anfang spielt und danach nicht mehr ganz so spannend ist. Ich hole mir einen Crêpes mit Apfelmus und treffe direkt danach auf das Geburtstagskind, das ich ja gestern schon gesehen hatte und gratuliere natürlich.

Dann geht es zu Dilla auf die Mainstage, wo ich insgesamt drei weitere Bekannte treffe. Hinterher spielen John Moods im Zelt und das ist jetzt der erste Act, der mir so gar nicht zusagt. Der Vibe erinnert mich an eine 80er-Jahre-Softrock-Band, die auf Hochzeiten spielt, aber dabei aussieht wie eine 70er-Jahre-Hippie-Rockband. Einige Songs fangen vielversprechend an, versanden dann aber zu Brei, bevor sie richtig loslegen. Das Zelt ist dementsprechend relativ leer und uninspiriert, aber draußen ist es inzwischen dunkel und kalt und so bleibe ich trotzdem drinnen.

Dann geht es aber wieder nach draußen, wo alles auf den Main Act Casper wartet. Ich laufe direkt einem ehemaligen Kollegen in die Arme, der mit seinen beiden größeren Kindern (10 und 12) da ist, die jetzt, kurz vor Mitternacht, immer noch total steil gehen und Party machen. In guter alter Tradition schaue ich mir den ersten Teil des Sets an und verschwinde dann Richtung Zelt. Amüsiert stelle ich fest, dass die Nachtigall sich nicht abhalten lässt, gegen die Lautstärke-Übermacht von Casper anzusingen.

Diesmal bereite ich mich besser vor: Ich lasse den Wollpulli an, verteile die Fleece-Decke sorgfältig im Schlafsack, lege die Picknickdecke oben drüber und als Casper fertig ist, dengele ich mir die Oropax tief in den Gehörgang und kuschele mich gemütlich ein. Funktioniert, diese Nacht schlafe ich sehr viel besser und friere kaum!