Vom Paddeln und Schlemmen

Man darf ja so Blogthemen nicht zu lange liegen lassen, ansonsten sind sie irgendwann einfach weg und man hat nicht darüber geschrieben (Vor wenigen Tagen habe ich genau dazu einen tollen Text gelesen, den ich jetzt leider nicht mehr finde. Es kam immer ein sehr passendes “Wuuuusch!” drin vor, vielleicht erinnert sich ja jemand – ich muss mir dringend so ne Gelesene-Sachen-Aufheb-App zulegen…). Deswegen folgt jetzt hier der bereits angekündigte Post zu unserem Paddelwochenende auf der Mecklenburger Seenplatte.
Letztes Weihnachten habe ich ja erstmal zur Probe eingeführt, lieber Zeit als Dinge zu verschenken. Mit meinen Eltern waren wir deswegen Anfang Juni in Sopot und Gdánsk. Letztes Wochenende folgte dann die Einlösung des Geschenks für meinen Bruder und seine Freundin und wir fuhren paddeln. Von Berlin aus ging es mit dem Zug bis Fürstenberg, wo wir relativ lange auf unser bestelltes Taxi warten mussten, das uns dann aber mit vollem Komfort mitten rein in die Seenlandschaft zum Kanuverleih Kanatu in Priepert brachte. Dann ging alles recht schnell und uns wurden die bestellten Kajaks samt Zubehör (Paddel, Wertsachentonnen, Spritzdecken etc.) ausgeteilt und wir konnten packen. Unser Gepäck wurde in die “Packlöcher” (so nenne ich sie jetzt mal, keine Ahnung, ob das wirklich so heißt) vorne und hinten im Kajak verteilt, Portemonnaies, elektronische Geräte etc. kamen in die Wertsachentonne und diese in Fußraum der vorn sitzenden Person. Für mein Smartphone und seine Kamera hatte mein Bruder uns wasserdichte Beutel mitgebracht, die er auf Exkursionen benutzt, um Eisproben zu nehmen – die Proben können dann im Notfall ruhig schmelzen, aber der zu untersuchende Inhalt geht ihm nicht verloren, es fließt nämlich nichts heraus. Hinein spritzte zum Glück auch nichts, so dass mein iPhone unversehrt blieb. Allerdings musste man es immer recht umständlich aus- und wieder einpacken, so dass ich fast nur während der Pausen Fotos gemacht habe.
Wasserflasche, Regenjacke und Karte kamen in ein Netz vorn auf dem Kajak, dann zogen wir uns Schwimmwesten (eine Vorschrift für Leihkajaks) und Spritzdecken über, stiegen ein und stießen uns vom Steg ab. Es konnte losgehen und wir paddelten über den Ellbogensee. Meine letzte und bis dahin einzige Kajak-Erfahrung hatte ich 15 Jahre früher auf dem Lac à Pic in Nova Scotia, Kanada gehabt. Es dauerte also erstmal einen Moment, bis ich mich wieder daran gewöhnt hatte, nicht wie beim Kanu ab und an die Seite zu wechseln und damit auch zu steuern, sondern eine möglichst runde und gleichmäßige Bewegung auszuführen und den Hasen, der hinter mir saß, mit den Füßen steuern zu lassen. Ich habe auch bis zum Ende des Trips immer wieder etwas variiert und herumprobiert, wo ich das Paddel am besten halte, in welchem Winkel ich es ins Wasser einsteche und ob und wann ich es leicht drehen muss, ohne aus dem Takt zu kommen und mir Blasen an den Händen zu holen. Es klappte allerdings gut genug, um ziemlich schnell voran zu kommen.
Erstaunlich schnell kamen wir an unsere erste Schleuse (und stellten bei der Gelegenheit fest, dass wir uns direkt zu Beginn verpaddelt hatten und unsere 2-Tages-Route nun im statt gegen den Uhrzeigersinn fuhren, nunja…). Die Schleusen waren immer mit viel Warten verbunden, während die Gegenseite bedient wurde, dann konnte man einfahren (Motorboote zuerst, Kajaks und Kanus zuletzt), hielt sich irgendwo am Rand fest und wartete, dass das Wasser stieg, bzw. fiel. Die ganze Prozedur dauerte gut und gerne eine Dreiviertelstunde, so dass ich am Ende ganz froh war, dass auf unserer Tour nur zwei Schleusen lagen. Hinter der Schleuse lag der Große Pälitzsee, an dessen Ufer wir eine kurze Rast machten, ein paar der mitgebrachten Brötchen verdrückten und dem Gebüsch einen Besuch abstatteten. Dann ging es über den Kleinen Pälitzsee und den Canower See zur nächsten Schleuse, die uns zum Labussee brachte. Dort folgte eine längere Pause “Beim Fischer in Canow”, wo wir Fischbrötchen und Co (ich hatte Kartoffelsalat und gebeizte Lachsforelle) aßen und ängstlich das Wetter beäugten. Eigentlich war Gewitter und starker Regen vorausgesagt, das wir dann gerne dort an Land abgewartet hätten. Obwohl der Himmel zwischenzeitlich immer wieder sehr bedrohlich aussah, blieb alles ruhig, so dass wir in Ruhe aufaßen und uns dann wieder zurück in die Kajaks begaben.

Der nächste spannende Abschnitt war die Dollbek, eine enge Wasserstraße, die uns vom Labussee in den Gobenowsee brachte und sehr eng und relativ flach war (entgegenkommenden Kanus und Kajaks musste man schon einige Aufmerksamkeit entgegenbringen, um sie nicht zu touchieren) und gleichzeitig das pure Naturidyll war. Ab diesem Zeitpunkt hatten wir erstmal keine Motorboote mehr um uns herum, so dass alles etwas ruhiger und langsamer ablief und um einen herum wirklich nur noch Wasser und Wald waren (und ab und zu Seeadler und Milane über uns am Himmel). Spätestens jetzt wähnte ich mich immer mal wieder in Kanada oder wahlweise auf dem Silbersee, auf der Suche nach dem Schatz. Und jedes Mal, wenn ich gedanklich dort angekommen war, fiel mir ein, dass die Indianer ja Kanus hatten, während Kajaks das Fortbewegungsmittel der Inuit waren. Und dann grübelte ich darüber nach, ob sie, wenn sie ein Baby auf den Rücken gebunden hatten, auch Kajak fuhren und ob das rein vom Platz her möglich gewesen wäre, geschweige denn bei der so kolonialistisch benannten “Eskimo-Rolle” [sic]. Überhaupt fand ich schon jedes Fitzelchen Wind, Regen und Welle so aus dem Takt bringend, dass ich mir ein Paddeln auf dem Arktischen Ozean eher ungemütlich, anstrengend und wenig entspannend vorstelle. Dann lieber weiter durch die Mecklenburgische Seenplatte: Über den Gobenowsee und den Klenzsee gelangten wir nach Wustrow, wo wir unsere Kajaks an Land zogen und entluden – das Tagesziel war erreicht. 
Bevor uns der Besitzer unserer gebuchten Pension Waldlust abholen konnte, saßen wir noch ein wenig an einer Badestelle und erholten unsere müden Arme. Also, vor allem meine. Denn neben einem bisschen Muskelkater in Schultern und Nacken, auf den man ja eher stolz sein kann und der nicht ganz so sehr nervt, taten mir plötzlich die Arme wie Hölle weh. Wahrscheinlich war da eine Sehne gereizt oder so, ich konnte jedenfalls kaum die Bierflasche zum Mund heben und die Arme gerade auszustrecken war auch eher unschön. So verbrachte ich den Rest des Abends mit angewinkelten Armen und schmierte sie mir vor dem Schlafengehen ordentlich mit Voltaren ein – am nächsten Tag war der Schmerz wie weggeblasen. Doch man soll den Morgen nicht vor dem Vorabend loben, denn der hatte es in sich. Bei unserer Suche nach einem guten Abendessen in Wustrow landeten wir nämlich im Kaminrestaurant Diogenes, das sich völlig unverhofft als wahrer Glückstreffer entpuppte.
Während die beiden anderen Lokalitäten vor Ort gähnend leer waren, brach das Diogenes aus allen Nähten und vor uns gingen schon wieder Leute, nachdem ihnen der Besitzer eröffnet hatte, dass sie wohl bis zu anderthalb Stunden auf ihr Essen würden warten müssen. Zum Glück waren unsere Bäuche noch ganz gut vom Mittag gesättigt, so dass uns die Ansage nicht schocken konnte, lieber ein gutes Essen mit Warten als ein durchschnittliches sofort. Das Leben ist ja schließlich zu kurz für nur so mittel Essen. Wir nahmen zunächst draußen auf der Terrasse Platz, konnten aber dann recht schnell in den gemütlichen Innenraum wechseln, indem es neben Esstischen und Schränken voller Spirituosen auch Regale mit regionalen Lebensmitteln und insgesamt vier ungarische Kamine gab. Das Bier kam auch in annehmbarer Zeit bei uns an, mit der Warnung, dass die Gläser einem schon vor dem Trinken “einen im Tee haben” lassen würden. Nun gut, wir hatten ja nichts mehr vor und erfreuten uns daher unbesorgt am guten Störtebeker aus Stralsund (Mittags hatte es Lübzer gegeben, man will ja schließlich die lokale Wirtschaft ankurbeln, zum Glück hatten sie nirgends Rostocker…). Der Hase hat dann auch das Atlantic Ale der Störtebekers ausprobiert, das sehr frisch und leicht schmeckte und in der Karte als Alternative zu “Weißwein zum Fisch” angeboten wurde.

Fisch sollte es natürlich geben, wegen Seenplatte und so. Mein Bruder und ich entschieden uns für eine Vorspeise, nämlich ein Edelfischsüppchen, das wirklich umwerfend lecker war – selbst wenn man keine Fischfanatikerin ist. Man schmeckte heraus, dass da keine Fertigbrühe in die Nähe gekommen war und die Würzung war alles andere als langweiliger Einheitsbrei. Danach gab es für den Bruder und seine Freundin einen großen Salatteller mit Fisch und der Hase versuchte sich an einer Räucherforelle mit Meerettich. Das Bauernbrot mit Butter dazu verschmähte er allerdings, weil wir vorher am Tag zu viel über Pommes geredet hatten… Nunja. Für mich gab es Havelzander mit Kräuterbutter und Zitrone und dazu Petersilienkartoffeln. Wahrlich ein Gedicht, auch wenn man keine Fischfanatikerin ist (Ich wiederhole mich hier gerne) und ich habe auch noch nie so gut gemachte profane Petersilienkartoffeln gegessen. Leider war die Dessertempfehlung des Tages, Mousse au Chocolat mit Kirschragout und Schlagsahne bereits alle. Ansonsten gab es nur eine Eiskarte mit Langnese-Eisspezialitäten, auf die wir nicht so wirklich Lust hatten. Zum Glück entdeckten wir aber noch Ben & Jerry’s-Fähnchen, so dass drei von uns sich noch an einem Becherchen davon gütlich tun konnten.



Die Toilette war sauber und seriös eingerichtet, aber scheinbar fehlte doch irgendetwas und so konnte ich mich an diesen Fotos erfreuen. Überhaupt hingen viele spannende Dinge an der Wand des Diogenes, unter anderem Briefe, Autogramme und Fotos von diversen bekannten Köchen (Lafer, Lichter, Kleeberg, Poletto…) und Zertifikate von Spirituosen-Workshops. Die zweite große Leidenschaft des Besitzers neben dem Essen (oder die dritte, neben den Kaminen), ist nämlich Hochprozentiges. Wir durchstöberten die ausufernde Karte und probierten dann Holunderblütenlikör, Honig-Kräuter-Whisky-Likör, Borowicka und Palinka. Und netterweise gab es dann nach dem Bezahlen noch einen aufs Haus – zweimal Wacholdergeist und zweimal Sauerkirsch-Obstbrand, Fachsimpeleien über deutsche, österreichische und japanische Whisky-Sorten zwischen dem Hasen und dem Gastronom inklusive. Also: Absolute Empfehlung für das Diogenes, für wenn Ihr mal nach Wustrow kommt!

Am nächsten Morgen mussten wir dann unsere Kajaks umtragen, um unsere Tour auf dem Plätlinsee fortsetzen zu können. Während der Nacht hatten es sich Schnecken mit und ohne Haus sowie eine Eidechse in unseren Booten gemütlich gemacht. Die Schnecken konnten wir weitestgehend absammeln, die Eidechse versteckte sich hingegen unter einem der Sitze und krabbelte mir während der Tour immer mal auf den Beinen herum. Dann kam bald das anspruchsvollste Stückchen Weg, die Schwaanhavel, ein sehr sehr flaches Stückchen Wasser, sehr eng und oft mit überhängenden Bäumen versehen, so dass die Navigation uns doch ab zu vor Herausforderungen stellte, besonders bei Gegenverkehr. Schön wars aber auch sehr, wie man auf dem Foto sehen kann.
Danach folgte ein Stück echte Havel – jetzt wieder im vollen Alltagsverkehr mit Partyfloßen, Motoryachten und Junggesellenabschiedsbooten mit dekorativen Gummipuppen. An einer alten überdachten Holzbrücke, wo die Havel in den Finowsee fließt, machten wir noch einmal Station beim Fischer – mit dem gleichen Kartoffelsalat wie am Vortag (scheinbar gehören die Lokale zusammen oder es gibt ein Convenience-Produkt für Fischläden, das “Hausgemachter Kartoffelsalat” heißt), diesmal allerdings mit Matjessalat dazu.

Dann paddelten wir über ein weiteres Stück Havel und den kleinen und den großen Priepertsee zurück nach Priepert und gaben unser Kajak wieder ab – nicht ohne für 70 € eine Spritzdecke zu kaufen, die leider irgendwie einen kleinen Riss bekommen hatte. Wir waren deutlich früher angekommen, als geplant und hatten für die Rückfahrt ein Berlin-Brandenburg-Nacht-Ticket, das erst ab 18 Uhr galt. So mussten wir noch etwas Zeit totschlagen, warfen unser letztes Bargeld zusammen und kehrten im Yachthafen-Restaurant ein. Die Freundin meines Bruders und ich hatten jeweils einen dieser wundervollen Windbeutel, gefüllt mit Vanilleeis, Schlagsahne und Roter Grütze:

Irgendwann kam dann das Taxi, das uns zurück nach Fürstenberg brachte. Auf dem Bahnsteig sprach uns eine Frau an, die mit ihrem kleinen Sohn reiste und der die endlos lange Schlange am Fahrkartenautomat zu lang war. Wir ließen sie auf unserem Ticket mitfahren, bekamen dafür trotz Proteste unverhältnismäßig viel Geld und verbrachten dann eine gute Stunde in einem völlig überfüllten Zug voller Ostsee- und Seenplatte-Touristen zurück nach Berlin. Der kleine Junge entpuppte sich schnell als astreine Unterhaltung für den gesamten Zug und wären wir nicht so müde und kaputt gewesen, hätten wir uns bestimmt noch mehr darüber freuen können – ein kleines bisschen anstrengend war das laute Heulen, Schreien und Kreischen und die Wiederholung der immer gleichen Wortgruppen in anschwellender Lautstärke dann aber doch und so waren wir froh, als wir endlich wohlbehalten zuhause ankamen, wo uns die Katzen freudig erwarteten.

Fazit: Paddeln ist ne extrem gute Sache, vor allem bei schönem Wetter. Nächstes Mal können wir uns ruhig eine längere Tour vornehmen, denn wir sind wirklich sehr viel schneller vorangekommen als gedacht und bis auf die Armschmerzen am ersten Abend habe ich keine bleibenden Schäden behalten – also zumindest keine, die sich auf das Paddeln zurückführen ließen 😉 Das war ne tolle Sache und wird auf jeden Fall wiederholt. Kommt ja nicht oft vor, dass ich eine tolle Aktivität finde, die man bei näherer Betrachtung auch als Sport durchgehen lassen kann, und vielleicht kann mich der Reisezweier ja demnächst noch ein wenig inspirieren 😉

3 thoughts on “Vom Paddeln und Schlemmen

  1. Das klingt ja nach einer sehr runden Tour. Das mit den Armen kenne ich nur zu gut, das gehört einfach mal dazu.

    Aber eine Frage musst Du mir gestatten: warum hat der “Hase” denn nix selbst gefangen?

  2. Der Hase hatte seine Angel zuhause gelassen um sich ein wenig Stress zu ersparen, sowohl trage- als auch zeittechnisch. Wenn ich das Ding dabei gehabt hätte wäre unser Zeitplan sicherlich ordentlich durcheinander gekommen, das wollte ich den anderen Reiseteilnehmern nicht zumuten 🙂

  3. Atlantik Ale ist auch das derzeitige Lieblingsbier von meinem Vater, wenn er mal nicht einfach nur so was trinken, sondern es ein wenig ‚besser‘ sein darf. Bei mir wäre das eher das Bernsteinweizen von Störtebeker, wenn überhaupt Bier – und eindeutig ohne Fisch ^^

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