Meine Reise in die Vergangenheit – Ein Wochenende in Rostock

Wie in den #12v12 schon berichtet, war ich am letzten Wochenende endlich mal wieder in Rostock. Es ist fast nicht zu glauben, dass es wirklich zwei Jahre her ist, dass ich in meiner zweiten Heimat, meinem Home away from Home, war. Nichtsdestotrotz ist es wahr und diese unglaublich lange Zeit war dann auch der der Anlass für meinen Besuch. Da ich alleine fuhr, musste ich mich auch gar nicht groß mit touristischen Dingen, der Altstadt, dem Ostermarkt oder der Kröpi aufhalten und konnte mich ganz auf das Alltagsleben in Rostock konzentrieren.
Ich kam zum allerersten Mal mit dem Bus an, leider nicht über meine übliche Strecke durch Brinckmannsdorf und Co von Osten her, sondern langweilig und trist durch die Südstadt. So kam das richtige Rostock-Feeling auch erst auf, als ich am Platz der Freundschaft dem Bus entstieg und mir die Ostseebrise um die Nase wehte. Es war kurz nach zehn Uhr abends an einem Freitag und ich hatte noch ein Stück Weges vor mir, das ich gedachte mit Straßen- oder S-Bahn zu bestreiten. Ich rechnete mit ungefähr einer halben Stunde, hatte aber nicht mit Rostocker Verhältnissen geplant: Sowohl S-Bahn als auch Straßenbahn fuhren überhaupt erst eine halbe Stunde später. Also entschied ich mich spontan, loszulaufen und dabei ungefähr den Straßenbahngleisen zu folgen und mich irgendwann von ihr einholen zu lassen.
Geübten Schrittes verließ ich das Bahnhofsgebäude und lief los in Richtung Innenstadt. Kaum war ich draußen, war ich zuhause. Alles sah so aus und fühlte sich so an, wie in den Jahren, in denen ich nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt gewohnt habe. Mein Herz lief ein wenig über, als mir auffiel, wie ich automatisch genau an derselben Stelle wie immer schräg über die Straße gelaufen war – ohne dass ich in all den Jahren je daran gedacht hätte – und mir genau dieselben Fassaden auffielen und den Weg wiesen, wie damals.
Ich lief an meiner alten Wohnung vorbei und sah, dass in “meinem” Zimmer Licht brannte. Leider standen direkt vor dem Haus Leute und unterhielten sich, sonst hätte ich kurz mal auf die Klingelschilder geguckt, um zu sehen, ob ich noch Namen wieder erkenne. Dann lief ich meinen alten Weg weiter, freute mich über Gleichgebliebenes und wunderte mich über die vielen neu gebauten Häuser – wo früher eine Brache war, über deren Vorhandensein auf meinen nächtlichen Heimwegen meine Eltern nicht sehr erfreut waren,  stehen nun diverse Neubauten. 
Am Friedhofsweg und um die OSPA herum hingen “junge Leute” herum, besonders die Punks vor der Sparkasse belustigten mich doch gar sehr. Dann war ich auch schon am Doberaner Platz und sah, dass es immernoch mehr als eine Viertelstunde dauern würde, bis mich die Straßenbahn einholen könnte. Also dachte ich: Nö. Ich laufe lieber mitten durch die KTV und sehe noch was von der Stadt. Zum Beispiel eine andere alte Wohnung von mir. Und die KTV mit all ihren kleinen Läden und Cafés, den vertrauten Straßen, den wunderschönen bunten Häusern und der entspannten Atmosphäre…
Nach ungefähr 40 Minuten kam ich dann bei meiner Gastgeberin an und bewunderte ihre kleine aber feine Wohnung – mit Bücherzimmer, Plattenzimmer und Schlafzimmer, mit liebevoll und detailreich dekorierten Wänden, Mangosaft, Tee und Bier…
Als ich am Sonnabend erwachte, schien die Sonne, der Himmel war blau und wenn ich aus dem Fenster sah und den Kopf nach links wandte, konnte ich in der Ferne die Warnow erahnen. Nach einem gemütlichen Frühstück mit köstlicher Mango und dem weltschönsten Wasserkocher lief ich wieder los und sog das Wochenendgefühl in der KTV in mich auf.
Am Wochenende sind (zumindest tagsüber) kaum Autos unterwegs und auch Menschen sind nicht allzu viele auf der Straße. Hier und da begegnete ich morgendlichen Brötchenholern, zwei Männer reparierten mit Musikbeschallung auf der Straße vor ihrem Haus ihre Fahrräder und die eine oder andere Familie brach zu Spaziergängen auf. Es herrschte eine entspannte Stimmung, wie ich sie aus Berlin quasi gar nicht kenne und die mich eher an das Leben im sonnigen Süden erinnerte. Wahrscheinlich liegt es am maritimen Erbe. Oder eben daran, dass Rostock deutlich kleiner als Berlin ist. Oder an beidem. Es ist jedenfalls sehr schön.

Mein erster Stopp war Herr Koreander, der Gebrauchtbuchladen einer Bekannten. Nachdem Virginie und ich uns gegenseitig auf den neusten Stand über Berlin, Rostock und gemeinsame Bekannte gebracht hatten, stöberte ich durch den Laden und nahm einige Bücher mit. Dann ging es weiter zur anderen Buchhandlung, wo ich einen ausführlichen Schnack mit einer guten Freundin meines Onkels hielt, bis er zufällig auch vorbeikam. 
Das ist das Schöne an Rostock: Man muss sich gar nicht mit so vielen Leuten verabreden, sie laufen einem meist sowieso über den Weg. Onkelchen und ich verabredeten uns für den Sonntag zum Frühstück, ich kaufte noch ein Buch und ging dann weiter, um endlich mal das Café Liebreiz auszuprobieren, von dem ich schon so viel gutes gehört hatte. Auf dem Weg dorthin (einmal quer über den Doberaner Platz) lief mir mein ehemaliger Chorleiter über den Weg. 
Ich setzte mich mit einem Tee draußen in die Sonne, checkte Twitter, Instagram und Facebook und blätterte durch meine neuen Bücher, als ich eine weitere ehemalige Chorkollegin mit Kind und Kegel vorbeispazieren sah. Das bestätigte wieder eine meiner Weisheiten über Rostock: Ich kann dort nie das Haus verlassen, ohne auf bekannte Gesichter zu stoßen. 
Als nächstes führte mich mein Weg in den Stadthafen. Unterwegs freute ich mich über die abfallenden Gärten einiger Wohnhäuser, in denen die Mieter sich Grillplätze, Strandkörbe und Rutschen über mehrere Ebenen eingerichtet hatten. Dann endlich: der Hafen. Schiffe, der Fluss, die Angler und der Blick über die Altstadt. 
Ich lief ein wenig am Wasser entlang, als meine Gastgeberin anrief und mich fragte, ob ich nicht mit ihr und ihrem Freund auf den Darß fahren wolle. Bei dem Wetter? Aber hallo! So kam ich dann doch schon einen Tag früher als geplant in den Genuss, das beste Meer der Welt wieder zu sehen und sogar meine Füße hineinzuhalten. Auf dem Rückweg gab es dann sogar noch ein überraschend gutes Eis bei Glassissimo in Dierhagen.

Zurück in Rostock warf ich meine Einkäufe zuhause ab und kämpfte mich dann durch typisches Rostocker Regenwetter zur Wohnung meines ehemaligen Mitbewohners, den ich nun nach sieben Jahren zum ersten Mal wieder sehen sollte – zusammen mit seiner Freundin und unseren beiden Katzen, die ich damals bei meinem Umzug in Berlin endgültig seiner Obhut übergeben hatte. Da seine Freundin hochschwanger mit Kind Nummer 2 ist, half ich ihm beim Aufbauen einer IKEA-Couch, während wir uns die Erlebnisse der letzten sieben Jahre erzählten. 
Ganz dem Klischee entsprechend fehlten irgendwann ein paar Schrauben und die falschen Füße waren eingepackt, so dass wir am Ende nur ein Provisorium fertig bekamen. Das gab mir jedoch Gelegenheit, Fotos von den Miezen zu machen, die sich doch seit damals deutlich verändert hatten – wenn auch nicht im Charakter, wie man im Vergleich mit den alten Fotos gut sieht.
Robbie heute und Robbie 2008.

Bienchen heute und Bienchen 2008.

Es war ein sehr schöner Nachmittag, der sich anfühlte als wäre keine Zeit vergangen seit damals. Schade, dass wir uns so lange nicht gesehen hatten, das soll nicht wieder passieren! (Wie leicht man den Kontakt verliert, wenn einer kaum online ist und eine ständig…)

Nach diesem Wiedersehen ging es mit weniger Spektakulärem weiter – ich traf einen Freund und seine Freundin sowie später einen weiteren gemeinsamen Freund zum Abendbrot im Lom. Die beiden Männer sehe ich relativ regelmäßig, mindestens alle 1-2 Jahre, nur die Freundin war neu. 🙂 Nach leckerem Essen und sehr gutem Gespräch verlagerten wir den Abend dann ins Peter-Weiß-Haus, wo an diesem Abend eine 80er-Party, einzig mit Vinyl-Platten, stattfand. 

Auch wenn ich die 80er musikalisch nicht bewusst miterlebt habe und auch nur ausgewählte Teilbereiche der damaligen Musik gerne höre, war es doch ein sehr schöner Abend, nachdem ich erst gegen halb 5 wieder in meinem Bett lag – fast so spät wie nach den unzähligen Rostocker Clubnächten früher…

Vom Sonntag habe ich ja schon einige Bilder gezeigt, was ich da gemacht habe, könnt Ihr beim 12v12 nachlesen. Mir bleibt an dieser Stelle noch, die emotionale Seite etwas genauer zu beleuchten. Neben dem Onkel-Frühstück war das Highlight des Tages natürlich mein Ausflug nach Warnemünde – wieder ein komplettes Heimspiel. 

Je näher mich meine Schritte der Parkstraße 9 brachten, dem Haus, in dem ich meine Großeltern früher immer besuchte, desto nostalgischer wurde ich. Alte Bilder kamen mir vor Augen, wie wir früher im Trabi hier ankamen oder abfuhren und Oma unten an der Straße stand und uns begrüßte bzw. verabschiedete. Wie ich mit Erwachsenenhilfe die Parkstraße überquerte und dann gemeinsam mit meinem Bruder oder später den Cousins von dort aus alleine durch den Park und über die Promenade an den Strand laufen durfte. Wie ich im Garten des Hauses mit den Nachbarskindern gespielt hatte, wie wir hier oft Station machten, bevor wir die Fähre nach Dänemark nahmen und unsere Skandinavien-Urlaube begannen… Als ich schließlich vor dem Haus stand und mir all dies durch den Kopf ging kamen mir dann doch ein wenig die Tränen. Viel besser und emotionaler als jeder Friedhofsbesuch es hätte sein können.
Dann lief ich die alte Route zum Strand und sann darüber nach, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn meine Eltern damals von Berlin aus nicht nach Bautzen, zur einen Oma, sondern nach Warnemünde, zur anderen Oma, gezogen wären und ich statt in der Lausitz an der Ostsee aufgewachsen wäre. Bei genauerer Betrachtung ist das wirklich ein wenig zu bedauern, denn ich liebe das Meer und Mentalität der Leute (oder sagen wir, eines gewissen Kreises an Leuten – Segler_innen, Surfer_innen und Kulturschaffende und deren Umfeld in und um Rostock) und spätestens durch meine Studienzeit in Rostock fühle ich mich dort oben viel mehr zuhause als dort, wo ich die ersten 19 Jahre meines Lebens hauptsächlich verbrachte. 
Wahrscheinlich würde ich heute genauso sehr an diesem Stückchen Land und dieser Stadt hängen, wie viele meiner Rostocker Freunde, die nach Jahren in Berlin oder Hamburg zurückkehren oder das zumindest irgendwann einmal vorhaben. Meine Gastgeberin hat ja da die Theorie, dass so ein Meer einem einfach noch ein Stück mehr Heimat ist, als andere Landschaften.

Nichts gegen meine andere Oma und die anderen Verwandten in der Lausitz und natürlich auch nicht gegen die Freunde fürs Leben, die ich in der Schule getroffen habe 😉 Auch bei denen fühle ich mich zuhause. Aber dorthin zurückziehen? Niemals. Nach Rostock hingegen… Das kann ich mir unter gewissen Umständen durchaus vorstellen. 
Was nun genau der Grund dafür ist, kann ich nicht sagen – ich denke es ist eine Kombination aus dem Meer, den prägenden Erlebnissen der Studienzeit und irgendwie auch der Mentalität der Leute. Auch wenn ich dafür schonmal fast ausgelacht worden bin – ich finde die Rostocker offen, freundlich, hilfsbereit, entspannt, spontan und lebensfroh. Auch wenn Berlin deutlich multikultureller ist als Rostock – mir gefällt beides. Sehr. Und jetzt muss ich aufhören zu schreiben, sonst fang ich gleich wieder an, nach Jobs und Wohnungen da oben zu suchen 😉

2 thoughts on “Meine Reise in die Vergangenheit – Ein Wochenende in Rostock

  1. Wunderbar! Ich freu mich sehr für Dich, dass Dich Dein Weg endlich mal nach Rostock zurückgeführt hat und Du so eine schöne Zeit hattest – sogar mit einem Abstecher auf den Darß! Ja, Rostock ist klein aber es hat viele feine Ecken, man muss sie nur entdecken! Ich wünsche Dir, dass nicht allzu viel Zeit bis zu Deinem nächsten Rostockbesuch vergeht!

  2. Meine Mutter hat mir den gleichen Wasserkocher zum Geburtstag geschenkt, und weil er dann meinem Vater so gut gefiel, hat sie den kleinen Wasserkocher gleich noch einmal gekauft, zusammen mit sämtlichen anderen rot-weiß gepunkteten Küchengeräten. Mein Vater hat jetzt ein Set mit Schüsseln, Tassen, Kaffeekanne, Messer etc. ^^

    Sehr schön, deinen Rostock Besuch auf die Art mitzuverfolgen, ich war ja noch im letzten Herbst sehr häufig in der Stadt und es war immer ein wenig wie (Resort) Urlaub. Die Leute sind im Vergleich zu anderen Städten in MV im Schnitt jünger, haben Kinder und tragen am Liebsten sehr sportliche Kleidung, zumindest die (häufig bunten) Jacken sind Helly Hansen, Jack Wolfskin etc. etwas was einem in Frankfurt wohl kaum einmal auffallen wird, wo zum schwarzen Anzug meist der schwarze Mantel, mit schwarzen Schuhen und schwarzer Tasche kombiniert wird 🙂

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