Aus den Fugen

Gestern Abend sagte ein kluger Mensch im Fernsehen, es sei schon erstaunlich. Alles hätte doch so gut angefangen. Es gab ein paar Frühlingstage, in Nordafrika wuchsen neue Demokratien, ein großer Schummler wurde des Amtes verwiesen, die Herrschaft des Volkes rückte immer näher… Dann spielt plötzlich Gaddafi verrückt und seit letztem Freitag ist das alles sowieso irgendwie hinüber. Da zeigt uns die Natur wieder einmal, dass wir eben doch nicht über diesen Planeten herrschen und selbst wenn wir unser bestmöglichstes Benehmen an den Tag legen, manches einfach immernoch unglaublich schiefgehen kann. Wir sind dann jetzt also doch nicht Gott. Gut, dass uns das mal einer sagt.

Auch gut, dass uns mal einer sagt, dass Atomkraft gar nicht sicher ist, hätte unsere Regierung sonst gar nicht mitbekommen. Komisch, wie eine studierte Physikerin diesen Fakt mal eben jahrzehntelang ausblenden kann, wenn es die Seilschaften nötig machen. Es gruselt einen ganz gewaltig. Noch gruseliger ist natürlich, was direkt vor Ort in Japan passiert. Seit letztem Freitag schlafen wir wohl alle nur noch gerade soviel wie unbedingt nötig ist. Der letzte Blick am Abend und der erste am Morgen gelten den Live-Tickern. Man wünscht sich geradezu einen kombinierten Japan-Libyen-Ticker, damit man ja nichts verpasst und in komprimierter Form alle Entwicklungen zu sich nehmen kann, während hier in Deutschland die Welt einfach weitergeht und Tag für Tag bezwungen werden will.

Geht nur mit Galgenhumor, denn wie will man denn hochkonzentriert arbeiten, unter Stress, in einem Raum voller lauter Leute, wenn die Gedanken  ständig ängstlich den Ticker rekapitulieren. Wenn die Bilder im Kopf geprägt sind von dem Buch, dass man als Kind gelesen hat und das jetzt wieder die Bestenlisten hinaufklettert? Wie soll man denn einen klaren Kopf behalten, wenn man nicht über die ganze Scheiße lacht? Ich habe noch nie so viele politisch unkorrekte Witze gemacht, wie in dieser letzten Woche.

Und es ist ja nicht nur Japan. Momentan läuft irgendwie alles schief. Die Arbeit wird immer mehr, die Technik spielt uns Streiche, die Gesundheit von vielen macht einfach nicht mehr mit. Hiobsbotschaften wohin man auch sieht. Da gehen die positiven Entwicklungen leicht unter.

Trotzdem hier die Top 7 der Dinge, die diese Woche wider Erwarten doch lebenswert gemacht haben:

  • Die Freundin einer Freundin ist meine neue Kollegin und bringt das Büro zum Strahlen (schon wieder einer dieser Witze…)
  • Das Beobachten einer gerade beginnenden Liebe(lei?) und die glücklichen Gesichter der beiden Probanden, denen man das bisschen Glück von Herzen wünscht
  • Das Foto vom gerade geborenen Kollegen-Sohn, dass heute im E-Mail-Postfach lag
  • Dass der Liebste gerade eine wundervolle Zeit mit seiner Familie in Italien hat, von der guten Laune schwappt einiges herüber ins kalte, graue Berlin
  • Seit gestern bin ich stolze Besitzerin eines Tickets für das diesjährige Immergut-Festival, auf das ich mir schon jetzt ein Loch in den Bauch freue
  • Dank der sturmfreien Wohnung gibt es morgen einen wundervollen Mädelsabend mit Schokofondue und lieben Freundinnen
  • Die Lektüre des soeben erworbenen Männer und Frauen passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte. Warum die Liebe trotzdem glücklich macht von Malte Welding – voller Wahrheiten und Lehren und Lachern

Irgendwie ist halt doch nicht alles vorbei und selbst an den schlimmsten Tagen beginnt immer auch etwas Gutes. Mein unverbesserlicher Optimismus lässt sich einfach nicht unterkriegen!

PS: Am Nervenaufreibensten ist wohl, dass sich all die Katastrophen alle so lange und unbestimmt hinziehen. Man will doch Ergebnisse sehen und wissen, ob man jetzt Angst haben muss, erleichtert sein soll, oder einfach alles scheiße ist, aber zum Glück nur für die Anderen. Being in limbo is exhausting…