#ithasien – Italien-Roadtrip 2018 – Tag 2: Strand, Ghetto und eine Überdosis Venedig

Zunächst muss ich noch von unserer Ankunft in Venedig berichten, die zwar technisch gesehen an Tag 1 stattfand, allerdings erst nachdem ich bereits vom Zug aus den Text dazu veröffentlicht hatte.

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Wir erreichten den Bahnhof Santa Lucia mit ein paar Minuten Verspätung etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang. Da ich die Nahverkehrstickets bereits unterwegs über die App gekauft hatte, konnten wir unsere ganze Kraft darauf verwenden, den richtigen Vaporetto (Also richtige Linie, richtige Richtung aka richtiger Ableger) zu finden – was gar nicht so einfach war und auch in den nächsten Tagen nicht reibungslos lief. Dann aber saßen wir in der Linie 5.1 zum Lido und fuhren während des Sonnenuntergangs los, haben aber das Schönste davon verpasst, bis wir das “offene” Wasser der Lagune erreichten, von wo aus wir ihn perfekt hätten sehen können. Trotzdem gab es ein tolles Licht auf Wasser und Palazzi. Vom Bahnhof aus ist die Tour zum Lido relativ lang, der Vaporetto voll und unser Gepäck war nur so mitteloptimal zu verstauen.

Trotzdem ging alles glatt und als wir am Lido ankamen, fanden wir problemlos unser Domizil, ein 1-Zimmer-B&B im obersten Stockwerk eines Jugendstil-Palazzos zwischen Lagune und Meer. Nach kurzem Schnack mit der Gastgeberin, bei dem sie uns u. a. einlud, morgen mit ihr und ihrer Familie auf dem eigenen Boot an einer Blockade der Kreuzfahrtschiffe teilzunehmen, richteten wir uns häuslich ein und ich suchte uns ein schönes Restaurant für den ersten Abend aus.

Dorthin liefen wir dann durch den recht dunklen Ort und bekamen einen schönen Tisch draußen, an dem es uns erst gegen Ende der Mahlzeit etwas fröstelte. Es gab einen halben Liter Weißwein und eine Flasche Wasser, den Oktopus-Salat, von dem der Hase schon seit Monaten träumt, sautierte Venus- und Miesmuscheln, frittierte Meeresfrüchte mit Polenta und Tintenfisch in einer Tomatensauce, die mit der Tinte gefärbt war, ebenfalls mit Polenta. Als wir das alles bewältigt hatten, war das Nachtischangebot zum Glück schon alle, so dass wir uns mit einem Espresso (ich) bzw. einem Grappa (der Hase) begnügten und dann nach Hause und ins Bett gingen.

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Am nächsten Morgen, und damit wirklich an Tag 2, schliefen wir erst einmal aus und trödelten dann noch eine Weile herum, so dass wir erst gegen 11 aus dem Haus kamen. Als erstes liefen wir zum Strand, wo wir Reste unseres Zugproviants zum Frühstück aßen. Dann ging ich zum ersten Mal in diesem Jahr (Skandal!) im Meer baden und das war außerdem auch das erste Mal in der Adria für mich. Dem Hasen war es zu kalt und außerdem hatte er keine Badehose mitgenommen, also blieb er draußen. Nach dem Baden setzten wir uns noch in ein kleines Café und tranken einen Caffè latte, bevor wir zurück in die Unterkunft gingen und uns stadtfein machten.

Eigentlich wollten wir nur schnell zu den Giardini übersetzen, einem großen Park, der u. a. die Biennale beherbergt. Dort wollten wir ein wenig flanieren und dann von dort aus weiter zum Ghetto laufen. Aber wir hatten natürlich zwar die richtige Vaporetto-Linie, aber die falsche Richtung erwischt, so dass wir stattdessen an der Friedhofsinsel San Michele vorbeifuhren, Ezra Pound und Igor Stravinsky zuwinkten und dann direkt in der Nähe des Ghettos ausstiegen. Als wir auf der Ghetto-Insel und am Jüdischen Museum ankamen, war es gerade 5 Minuten vor Führungsbeginn, so dass wir die Chance ergriffen, einmal eine Synagoge von innen zu sehen. Und zwar nicht nur eine, sondern gleich drei, nämlich die alte deutsche Synagoge, die neue deutsche Synagoge und die levantinische Synagoge, lernten also sowohl aschkenasische als auch sephardische Tradition kennen. In Venedig ist der Unterschied recht frappierend, da aschkenasische Juden mit einer größeren Zahl an Einschränkungen zu kämpfen hatten als die Sephardischen, die Handel trieben und somit Venedig von großem Nutzen waren. Ihre Synagoge war dann auch mit besseren Materialien und von bedeutenderen Künstlern gestaltetet worden. Übrigens wurden die Synagogen natürlich von christlichen Handwerkern gebaut, da Juden diese Handwerke nicht erlernen durften.

Es gibt auch noch die italienische und und die spanische, aber in denen werden gerade die Thora-Rollen aufbewahrt, daher sind sie nicht für Touristen geöffnet. (Demnächst wechseln die Rollen ihren Aufbewahrungsort, dann ändert sich das.) Allen Synagogen gemein ist, dass sie in bestehende Häuser hinein gebaut wurden, weil es den Juden nicht gestattet war, neue Häuser zu bauen. Da zwischen einer Synagoge und dem Himmel aber nichts sein darf, sind sie jeweils im obersten Stockwerk der Häuser integriert. Auch sonst hielten sich die christlichen Baumeister größtenteils an die jüdischen Gebräuche. Dafür durften die Juden dann aber auch bis Napoleon die Stadt einnahm das Ghetto nicht verlassen – eine wirklich winzige Insel mit nur einem großen Platz und einer Straße – auf der zu Hochzeiten 5000 Menschen plus Tiere lebte. Um die alle unterzubringen, wurde in die Höhe gebaut: Eines der Gebäude hat 8 Stockwerke und gehört damit zu den höchsten der Stadt und wird auch venezianischer Wolkenkratzer genannt.

Dass “Ghetto” einfach “Gießerei” bedeutet und der Name des Viertels war, schon lange bevor dort Juden lebten und dass dieser Name sich von Venedig aus auf der ganzen Welt verbreitete, wisst Ihr natürlich schon, oder? Wir wussten das tatsächlich schon und schlenderten nach der Tour noch einmal ins Museum zurück, um uns im Shop umzusehen und ein paar jüdisch-venezianische Leckereien zu probieren, nämlich eine Azzima (ungesäuertes Brot, süß und mit deutlicher Anisnote) und eine Impada, eine Art längliche Mandelmakrone, mit Puderzucker bestäubt.

Als nächstes wollten wir ungefähr zum Dogenpalast, um uns die blockierenden Boote in der Lagune zumindest vom Ufer aus anzusehen. Allerdings lief das alles nicht ganz so gut, wie geplant, denn es ist relativ schwer, in Venedig in gerader Linie von A nach B zu kommen. Eigentlich dachten wir, wir laufen zum Canal Grande und dann den entlang bis zur Rialto-Brücke und schlagen uns dann irgendwie Richtung Süden durch. Dann stellten wir fest, dass man direkt am Canal nicht entlang laufen kann, also mussten wir uns doch durchs Innere schlängeln, im wahrsten Sinne des Wortes, denn von einem Schachbrettmuster ist man in Venedig meilenweit entfernt. Die Straßen und Gassen machen Bögen und dann kommt immer mal ein Kanal, den man erst überqueren muss, um weiter in die gewünschte Richtung laufen zu können oder auch gerne eine Sackgasse, aus der man erst einmal wieder um drei Ecken zurück zum Ausgangspunkt laufen muss. Je näher wir der Rialto-Brücke kam, desto touristischer und voller wurde es außerdem, so dass wir uns dann irgendwann nur noch sehr langsam durch die engen Gassen vorwärts schoben und mit den Touristenströmen mitflossen, ob wir wollten oder nicht. Am Ende erreichten wir den Markusplatz von einer völlig anderen Richtung als ich erwartet hatte und standen dann kurz danach am Ufer der Lagune.

Leider waren dort gar nicht so viele Boote am Start. Zwar flitzten mehr Boote herum als wir zuvor dort gesehen hatten, aber eine kritische Masse wurde nicht erreicht. Die Gastgeberin erzählte uns später, dass die Italiener das Problem einfach nicht radikal genug angängen. Zu wenige protestieren und diese Proteste werden auch noch lange vorher öffentlich angekündigt, so dass die Kreuzfahrtschiffe ihre Fahrten entsprechend anpassen können. Die Polizei war in großer Zahl und mit Wasserwerfern vor Ort und machte auch ordentlich Wellen, so dass es für kleinere Boote nicht ungefährlich war.

Wir wollten dann eigentlich als nächstes auf die Insel Giudecca übersetzen und fanden auch die richtige Vaporetto-Linie dafür. Leider am falschen Anleger und damit in der falschen Richtung, was wir aber erst zwei Stationen später bemerkten, da waren wir schon ziemlich weit in der anderen Richtung und hatten keine Lust mehr, zum richtigen Anleger zurückzulaufen. Stattdessen bummelten wir durch die Gegend und suchten uns eine nette Cichetteria für einen Aperitivo. Wir fanden schließlich eine mit guten Bewertungen und außer uns nur italienischen Gästen und tranken ganz klassisch einen Spritz, der ja aus Venedig kommt. Dazu aßen wir drei typisch venezianische Cichetti – süßsauer eingelegte Sardinen, Stockfisch in Tomatensauce und Stockfisch in Sahnesauce, jeweils auf Brot, und zwei nichtvenezianische – meine geliebten frittierten Zucchiniblüten, gefüllt mit Mozzarella und Anchovis und unseren ersten Panzerotto (mit Tomate und Mozarella).

Dann liefen wir zum Canal Grande und setzten uns in die Linie 1, mit der wir bequem wieder bis zum Dogenpalast fuhren und dabei die volle Pracht der venezianischen Palazzi bestaunen konnten. Dann spazierten wir zu dem Ort, wo in den Donna-Leon-Romanen die Questura liegt, in der Commissario Brunetti arbeitet. Tatsächlich befindet sich dort die Staatspolizei. Inzwischen war es dunkel geworden und langsam Zeit fürs Abendbrot. Das Restaurant, das wir uns ursprünglich ausgesucht hatten, war leider komplett ausgebucht, also liefen wir eine Weile herum, ignorierten die Leute, die Touristen von der Straße weg mit besonderen Angeboten in ihre Restaurants locken, und fanden schließlich ein schönes gemütliches Lokal mit maritimem Ambiente und einem lauschigen Hinterhof, in dem wir noch ein Plätzchen ergatterten. Der Hase bestellte Antipasti, die sich als eine riesige Menge Aufschnitt (Bresaola, Parmaschinken, Mortadella und Coppa) und ein paar Oliven entpuppten und danach gab es für ihn eine gemischte Platte mit frittiertem Fisch und Gemüse und für mich Tagliatelle mit Jakobsmuscheln und Kirschtomaten. Danach waren wir pappsatt und hundemüde und fanden zum Glück sofort den richtigen Vaporetto, der uns zurück nach Hause fuhr.

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