Tagebuch-5 im Februar

Es ist wieder der 5. und Frau Brüllen fragt: WMDEDGT?

Gegen 6:20 erwache ich in einem Zimmer des Irie Rest Guesthouses in Treasure Beach an der jamaikanischen Südküste. Ich habe etwa 9 Stunden geschlafen – in den Tropen geht man früh ins Bett. Draußen geht die Sonne auf, im Zimmer ist es weitestgehend dunkel und der Mann schläft noch. Ich liege also im Dunkeln unter meinem Laken und lausche den Geräuschen draußen. Man hört vor allem Grillen und diverse Vögel (gestern war auch ein jaulender Hund dabei), außerdem ein Grundrauschen aus Wind und Meer. Bis zum Wasser sind es keine 200 m Luftlinie. 

Entweder ist der Router für das WLAN noch nicht an, oder das Signal reicht nicht bis hierher ans Bett. Trotz recht gutem 3G-Empfang bekomme ich mit dem iPhone auch wieder keine Verbindung zustande – aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen funktioniert es manchmal nicht und dann plötzlich wieder doch. Zum Buch lesen ist es noch zu dunkel, ich beschäftige mich also mit dem Telefon, sortiere und bearbeite Fotos und mache mir Notizen.
Ein nächster Versuch bringt die Verbindung und ich starte auf meine morgendliche Runde durch die Blogs und sozialen Netzwerke, während die ersten Geräusche aus der Küche an mein Ohr dringen. Um 7:00 sind es draußen 23 Grad, 31 sollen es noch werden. Eine Stunde nach dem Aufwachen ist es dann auch im Zimmer hell und mir wird langsam warm. Im Halbschlaf macht der Mann die Jalousien zu. Zack, wieder dunkel! Ich verschwinde im Bad und begucke mir meinen gestrigen Sonnenbrand.
Es sieht weniger schlimm aus als gedacht, aber besonders Ohren und Beine sind schon sehr rot. Ich trage Sonnencreme auf und ziehe mich an – passend dazu in Rot- und Lilatönen. Dann begebe ich mich nach Draußen in die Hängematte und harre der Dinge, die da kommen. Der Mann kommt kurze Zeit später dazu und auch unsere anderen Mitreisenden lassen nicht lange auf sich warten. Sachsen-Anhalt, das Land der Frühaufsteher… 
Bis alle soweit sind in den Tag zu starten, schaukeln der Mann und ich in den Hängematten. Sie sind so angebracht, dass sie sich gegenseitig in Schwingung versetzen, was durchaus lustige Momente mit sich bringt. Nebenbei beantworte ich eine Doodle-Anfrage meines Teams zuhause für unser nächstes Team-Event. Wenigstens gibt’s hier draußen ab und an WLAN.
Einer der Locals (es ist etwas unübersichtlich, wer zur Familie des Guesthouse-Betreibers gehört, wer angestellt ist und wer einfach nur als Nachbar hier rumhängt) läuft an uns vorbei, kurze Zeit später liegt süßer Ganja-Duft in der Luft. Wir beobachten das bei ihm schon seit wir angekommen sind. Er muss auch heut morgen vor unserem Fenster langgelaufen sein. 
Ich versuche, möglichst viele aussagekräftige Fotos von unserer Unterkunft zu machen, ohne dabei die Hängematte zu verlassen. Auf dieser Reise habe ich den Job der Fotografin inne. Die Planung war diesmal nicht drin, da ich ja erst kurz vor knapp erfahren habe, dass ich mitfliege. Das Treibenlassen ist auch mal eine schöne Erfahrung, obwohl ich mir natürlich trotzdem noch schnell einen Lonely Planet gekauft habe, sicher ist sicher.

Der wunderschöne sand-orange getigerte Jungkater Ginger kommt uns Gesellschaft leisten. Ein Wunder, dass der Hund Blacky, Adoptivtochter Lucky (4) und Enkelin Jada (2) noch nicht hier aufgetaucht sind, aber Lucky ist wohl im Kindergarten, der Likkle Fish School. Während ich den Satz schreibe, rückt Blacky an. Der Mann streichelt synchron. Dann bekommt Blacky von Ginger eine gelangt und jault panisch auf. Ginger läuft weg, Blacky legt sich zwischen uns auf den Boden.

Als sich alle eingefunden haben, begeben wir uns zum Frühstück mit Blue Mountain Coffee und frischer Ananas. Dazu bekommt jeder, was er am Vorabend bestellt hat: Callalou mit Dumplings, Ackee mit Saltfish, Pancakes mit Rührei, Eier mit Toast…  Blacky liegt derweil unter dem Tisch und versucht ab und zu reihum, ob sie wer streichelt. Irgendwann tobt auch Jada wieder um uns herum.


Nach dem Frühstück machen wir uns strandfertig. Das karibische Meer ist hier relativ wild und wellenreich, mit gefährlichen Strömungen. Daher geht man am besten nur bis zum Bauch hinein und hockt sich da hin und spielt Badewanne – eine Badewanne, in der man immerzu hin und her geworfen wird. Aber was solls, man sitzt in türkisem Wasser vor weißem Sandstrand mit Kokospalmen.


Pünktlich um 12:00 taucht eine Ziegenmutter mit ihren beiden Jungen am Strand auf und tut sich an den Blättern der umstehenden Pflanzen gütlich. Da am Strand außer uns nur etwa zehn andere Personen sind (soweit man in beide Richtungen sehen kann), ist das durchaus ein Ereignis. Das nächste sind zwei Locals, die ihren Hund im seichten Wasser mit Seife oder irgendeiner Tinktur abschrubben. Der Hund steht mit den Hinterbeinen im Wasser – die Vorderpfoten hält die Besitzerin – und lässt die Prozedur stoisch über sich ergehen. Danach wälzt er sich im Sand.
Wir machen einen kurzen Spaziergang am Wasser entlang und ich fotografiere bunte Fischerboote und den Grund unter dem klaren Wasser. Dabei sammeln wir Muscheln und finden eine komplette Krabbenhülle.

Später kommt ein Local vorbei und setzt sich zu uns. Nach etwas landesüblichem Smalltalk fragt er, ob wir was zu Rauchen kaufen wollen, was wir verneinen. Dann redet er über Musik und die Reggae-Künstler, die er kennt und singt uns ein Lied vor. Als nächstes bietet er uns Muscheln zum Kauf an, was wir mit einem Hinweis auf unsere Funde ablehnen. Zuletzt rückt er damit heraus, dass er kein Geld hat und fragt, ob wir ihm vielleicht helfen können. Wir geben ihm 50 Jamaika-Dollar, etwa 45 Cent. Er bedankt sich und zieht weiter.
Am frühen Nachmittag geht es zurück ins Guesthouse, Duschen und Sachen packen. Dann setzen wir uns nochmal gemütlich in den WiFi-Bereich und warten darauf, abgeholt zu werden. Es geht heute zurück zu unserem Freund in den Bergen. Lucky ist aus dem Kindergarten zurück und die beiden Mädchen lassen uns von ihren Juiceboxes kosten. Wir drehen die Musik lauter und bekommen eine Kostprobe jamaikanischer Tanzkunst. Dann klammert sich Jada an einen riesigen Plüsch-Elmo, während Lucky sich von uns Grimassen beibringen lässt.


Niemand wundert sich, dass wir viel länger als verabredet auf unsere Abholung warten müssen, das ist eben Jamaika: Die Leute sind lässig, die Straßenverhältnisse schlecht… In der Zwischenzeit sorgen die beiden Kinder immer wieder für Unterhaltung der kindertypischen Art (eine heult, die andere rennt weg und versteckt sich).

Am Ende ist es zwei Stunden später als geplant, als wir uns wieder auf den Weg machen. Das Auto ist klapprig, aber gut gefedert, die Straßen sind voller Schlaglöcher. Je weiter wir nach Norden kommen, desto grüner und vielfältiger wird die Vegetation. In Black River halten wir an, um unsere Bargeldvorräte aufzufüllen. Man kann hier fast nirgends mit Karte zahlen, so dass wir regelmäßig den Höchstbetrag abheben. Damit ist dann das Portemonnaie direkt so voll, dass es nicht mehr zugeht. Man bekommt ein dickes Bündel 1.000 J$-Scheine, jeder etwa 7,80 € wert. Zum Vergleich: Wir haben für die letzten zwei Übernachtungen in einem Guesthouse direkt am Meer inklusive Frühstück, Abendessen und Getränke ca. 60 € pro Person gezahlt. Nicht wirklich viel, aber zu fünft sind das ne Menge Tausender.

Gegen 6:00 geht die Sonne unter, leider können wir das Meer dabei nicht mehr sehen. Warm bleibt es trotzdem noch – in den Bergen fällt das Thermometer nachts auch nicht unter 20 Grad. Wir fahren weiterhin mit offenen Fenstern, auch weil der Benzingeruch sonst zu stark wäre. Besonders im Dunkeln wird vor jeder engen Kurve gehupt, damit es keine Unfälle gibt. Das Auto hat schwer zu tragen an seinen sechs Insassen (einer sitzt im Kofferraum) und klettert nur mühsam durch die Schlaglöcher den Berg hinauf. Unser Fahrer Dino lässt sich die Laune nicht verderben und singt lauthals zur Musik mit, obwohl wir immer wieder Schwierigleiten haben, vorwärts zu kommen.  Um uns herum ist jetzt alles grün.

Gefühlt mitten im Wald steht eine kleine Bude, an der wir für jeden von uns eine Kokosnuss kaufen und sofort austrinken. Sie kosten einen knappen € pro Stück. Für drei von uns (mich eingeschlossen) ist es eine (sehr angenehme) Premiere. Kurz vor 7:00 ist es stockdunkel. In Darliston halten wir an einem chinesischen Supermarkt an und kaufen 10 Liter Wasser und eine Dose Eis für den Nachtisch. Ich bekomme noch einen Erdbeer-Kiwi-Arizona Ice Tea und unser Senior ein Stück Gebäck. Danach erleichtern wir den Rastamann an seinem Stand um ein Kilo Bananen.

Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir unser Ziel. Vom sternenklaren Himmel leuchten Millionen Sterne. Ich meine den Orion zu erkennen. Dazu zirpen die Grillen natürlich wie bekloppt. Jetzt bleibt die letzte Herausforderung für heute: Spaghettii mit Tomatensauce für acht Leute kochen! Dabei snacken wir frisch geschältes Zuckerrohr – eine weitere Premiere für mich.

Für einen der Jamaikaner sind unsere Spaghetti eine Premiere. Er fragt, wann wir wieder da sind – wir haben sozusagen einen Markt begründet. Nach den Nudeln stellen wir das Grapenut-Eis in die Mitte des Tisches, aber wir schaffen den Liter nicht, nach all den Nudeln.

Der Abend endet Jamaica-typisch mit Rum, Kaffee und anderen lokalen Genussmitteln. Da wir morgen früh losfahren wollen, bleibe ich nicht bis Mitternacht auf und beende diesen Eintrag bereits um 10.


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