15.05.2025 – Schuhbidubi

Die Katzen wieder früh wach ob des Lichts, ein Vorsatz zur Verdunkelung der Balkontür im Schlafzimmer wird gefasst und – Spoiler – im Laufe des Tages durchgeführt. Ich absolviere die morgendlichen Tätigkeiten bis einschließlich Bloggen im Bett und bereite dann erstmal Frühstück zu. Es gibt Müsli (Mango-Maracuja) mit einem Rest Joghurt und frischen Erdbeeren, dazu Weißen Tee mit Himbeeraroma und zusätzlichen TK-Himbeeren – in einer großen Kanne mein Getränk für den Tag. Erst setze ich mich mit dem Frühstück auf den Balkon, aber mit Wolken und Wind ist es dort heute tatsächlich zu kalt.

Ich schubse Noosa von meinem Schoß und wechsle nach drinnen auf die Couch, wo sie sofort den Weg zurückfindet. Nach dem Frühstück dann Französisch, Italienisch, Rätsel, dann mache ich mich tagfein und gehe an den Schreibtisch.

Als es mir dort reicht – Zahlen schubsen, Daten zusammensuchen und so – widme ich mich ein wenig dem Haushalt und dann meinen neuen Schuhen. Morgens habe ich sie zum weiteren Einlaufen direkt über die nächtlichen Schafwollsocken gezogen, später bin ich in etwas dickere normale Socken gewechselt. Jetzt probiere ich eine andere Schnürung aus, von Kreuz auf Gerade. Praktisch zum rein- und rauskommen, aber als ich dann damit herumlaufe, sitzen mir die Schuhe etwas zu locker. Aber erstmal drehe ich damit eine Runde draußen – Papier- und Restmüll weg, Altglas weg, Hose aus der Reparatur holen, Pfand weg, ein paar Einkäufe. Ich laufe fast schmerzfrei und ziemlich rund, aber so sind die Schuhe wirklich zu locker. Zuhause wechsle ich nochmal von gerader auf Leiterschnürung und jetzt sitzen sie perfekt.

Ich verräume die Einkäufe, schneide das frische Brot in Scheiben, friere diese ein und mache mir aus den Kanten und dem letzten Stück eingefrorenen Brot ein Mittagessen. Grillschnitte mit veganem Lachsschinken, Apfel und Gouda, Stulle mit veganem Lachsschinken, Stulle mit Kaviarcreme.

Dann werde ich müde und fröstelig und mache die Balkontüren für heut endgültig zu. Ich kuschele mich unter die Decke aufs Sofa, lasse mich von zusätzlichen Katzenkissen wärmen und beschließe, den Rest des Tages angemessen faul zu verbringen.

Ich habe noch zwei Folgen Sing meinen Song nachzugucken – Fanta 4 und MiA. – und hänge dabei meinen Erinnerungen an diese Lieder nach. Kein Wunder, dass Stadion-Paddy sich „MfG“ ausgesucht hat, vor meinem inneren Auge tauchen Bilder auf, wie er das um die Jahrtausendwende herum als Einsprengsel bei „Alle Kinder brauchen Freunde“ oder „One more freakin‘ Dollar“ performt hat? Kann das sein? Ich sehe ihn noch langhaarig und mit Wollmütze mit so langen Ohrbamseln dran auf und ab hüpfen, war das Staffelstein, Ischgl, Erfurt? Ansonsten natürlich viel Nostalgie bei den Fanta-Songs, die sind alle 1a im kulturellen Gedächtnis drin. Schön auch, wie sie darüber reden, dass viele der Abkürzungen in „MfG“ heute nicht mehr relevant sind, etwa „FDP“. Hihi.

Bei den MiA.-Songs habe ich auch ein paar Flashbacks in die eigene Vergangenheit. Erst zu der Kontroverse mit den Deutschland-Fahnen, da habe ich noch zuhause gewohnt, glaube ich. Kann das sein? Ich sehe SPON-Artikel vor meinem inneren Auge und den PC in meinem Kinderzimmer. Könnte hinkommen. (Edit: Müssen Semesterferiek gewesen sein, das war später.) Mein Lieblingslied von Mia. ist „Alles neu“, das hat sich leider niemand ausgesucht, lief aber damals immer auf den Parties im ST. Da lieg dann auch „Hungriges Herz“, aber das fanden wir alle ein bisschen peinlich und schlageresk und ich erinnere mich an Verballhornungen des Textes später bei den Indiesnobs – auf dem Immergut? Auf dem Populario? „Mein hungriges Pferd durchfährt ein bittersüßes Schwert“ und so… Zu „Tanz der Moleküle“ habe ich frisch verliebt und voller Rachegedanken (Revenge Knutsching) bei meinem ersten öffentlichen Auftritt mit dem Indiejungen im M.A.U. getanzt, das hab ich noch mit allen Sinnen vor Augen. Wilde Zeiten waren das 2006. Ach, Musik…

Zwischendrin mache ich mir noch Abendbrot – es gibt Gnocchi (fertige, nicht mal aus dem Kühlregal, aber aus ursprünglich rohen Kartoffeln) in Butter und Balkon-Salbei, verfeinert mit Knoblauch, Peperoncini, Pfeffer und Parmesan.

Und dann ist da noch das zweite Halbfinale vom ESC, wieder viel schönes dabei und ein unterhaltsamer Abend. Da passe ich aber weniger auf, von daher kann ich weniger spannendes dazu beitragen. Ich werde am Samstag interessiert zur Kenntnis nehmen, wer gewonnen hat, und dann ist das Thema auch wieder durch für dieses Jahr. (Trotzdem schön, wie hier so viele Länder friedlich und freundlich miteinander konkurrieren und Spaß haben und es selbst aus einigen der schlimmsten Regime queere oder queer-offene Formationen ins Rampenlicht schaffen und ihren Moment haben…)

14.05.2025 – Ordnung, Fuß und Blind Date

Die Katzen werden sehr früh wach, ich muss endlich die Balkontür im Schlafzimmer verdunkeln (Spoiler: Werde ich heute nicht). Abgesehen davon aber ein ruhiger Morgen mit gemütlicher Bettroutine. Zwischen Bloggen und Sprachen lernen stehe ich auf und mache mir zum Frühstück Grießbrei mit Erdbeeren und Matcha Latte.

Nach den Sprachen endgültiges tagfein machen und dann ist auch schon Zeit für anderthalb Stunden Webinar, wieder viel gelernt. Hinterher telefoniere ich mit dem Liebsten und esse zwischendurch zwei schnelle Käsebrote mit Pflaumenchutney. Wir feuern uns gegenseitig zu ungeliebten Aufgaben an. Meine ist, meinen Schreibtisch aufzuräumen, Ablage zu machen und neue Aktivierungsbriefe für die photoTAN-Apps auf dem neuen Telefon zu bestellen. Geht zum Glück einfach per Klick im Online-Banking. Während all dieser Dinge läuft im Hintergrund die Regierungserklärung live aus dem Bundestag.

Und zwar in einem Stream mit Live-Chat, auf den ich ab und an einen Blick werfe. Hui, zehn Deutsche sind wirklich dümmer als ein Deutscher (und das kommt gar nicht auf die Nationalität an, wurde aber damals von Heiner Müller so formuliert). Rechnet man ein paar offensichtliche Trolle und Bots ab, gibt es immer noch eine erschreckende Menge von Menschen, die wenn Merz über die Ukraine spricht schreiben: „Über Gaza darf er nicht reden.“ oder überhaupt eine Regierungserklärung mit: „Immer nur Reden, der soll mal was tun.“ kommentieren – eine Woche nach dem der Mann ins Amt gestartet ist. Und scheinbar glauben viele, der Kanzler würde die Kommentare live oder später nachlesen, es wird sich viel an ihn direkt gewendet, mit Handlungsaufforderungen. Faszinierend. Immerhin wird dann bei Weidels Erwiderung ordentlich empört kommentiert, scheinbar wird der Chat gut moderiert oder die AfD-Anhänger*innen gucken keinen Stream der ARD.

Anyway, irgendwann ist alles aufgeräumt und sortiert (also soweit, wie es nötig ist, Pareto-Prinzip und so) und ich erledige einige Telefonate und Planungen. Dann habe ich noch etwas Zeit und lese ein wenig in meinem Buch weiter. Und dann ist auch schon Aufbruch, denn ich habe heute noch etwas Spannendes vor. Ich ziehe mich ausgehfein an, wechsle von den einzulaufenden Docs in die eingelaufenen Sneakers, bringe eine Menge Papiermüll weg und mache mich auf den Weg. Leider fallen mir schnell zwei Probleme auf: Der Fuß, der in den Docs super zurecht kommt, hat in den Sneakern direkt wieder Schmerzen. Ich nehme also für eine Station die S-Bahn und bin auch ansonsten sehr humpelig unterwegs. Und mein Datenvolumen für diesen Monat ist alle, ich habe wohl in Ostfriesland und in den vielen Zügen doch mehr verbraucht, als sonst. Zähneknirschend kaufe ich für teures Geld ein GB nach und hoffe, damit die nächsten drei Tage im Draußen zu überstehen, bis es wieder frisches Volumen gibt. Das ist mir so zuletzt im Urlaub passiert und passt gar nicht mehr in mein aktuelles Erleben von WLAN zu WLAN. Verrückt.

Dann aber das Abenteuer. Die Freundin in Madrid hat mir bei unserem letzten Telefonat eine „neue“ App empfohlen. Man meldet sich an, bezahlt für einen gewissen Zeitraum eine Gebühr und kann dann wöchentlich an bis zu zwei Abendessen teilnehmen. Am Abend vorher erfährt man, in welchem Restaurant sie stattfinden und wie die Zusammensetzung der Gruppe nach Nationalitäten und Beschäftigungen ist. Man gibt vorher Präferenzen für Essen, Kosten und Bezirke ab und füllt einen Fragebogen über sich aus, nachdem die Leute gematcht werden, etwa zu Alter, Interessen, Sprachkenntnisse und Intro- oder Extrovertiertheit. Danach stellt die App (vermutlich ein Algorithmus) passende Gruppen zusammen. Pro Woche gibt es einen Termin nur für Frauen und einen für alle Geschlechter. Die Freundin in Madrid war begeistert von ihren Erfahrungen und jetzt probiere ich das auch aus.

Sehr gefreut habe ich mich gestern Abend über die Bekanntgabe des nepalesischen Restaurants, das ich noch nicht kenne und das gar nicht so weit weg liegt. Die Gruppenzusammensetzung sagte: Mexiko, Ukraine, Türkei, Puerto Rico und Deutschland, Dinnersprache Englisch. Drei Menschen aus dem Tech-Bereich, zwei aktuell nicht arbeitend. Typisch Berlin also. Im Laufe des heutigen Tages kam noch eine zweite deutsche Person aus dem Service-Bereich dazu – heute war keine deutschsprachige Gruppe zusammengekommen, sie wurde dann gefragt, ob Englisch auch OK wäre und wurde zu uns gematcht. Dafür tauchte die türkische Person am Ende nicht auf – schade.

Spannende Erfahrung, mit Leuten zusammengeworfen zu werden, die man nicht kennt und über die man nichts weiß. Aber eigentlich auch wie bei vielen Veranstaltungen, von daher werfe ich mich voll hinein. Zuerst werden die Gesichter mit Namen versehen und den Nationalitäten zugeordnet – man geht von dem aus, was man weiß und arbeitet sich dann vor. Die von der App vorgeschlagenen Gesprächsprompts ignorieren wir. Wir bestellen erstmal und starten dann in eine Vorstellungsrunde, wo jede*r etwas über sich erzählt – wie lange in Deutschland/Berlin, Lebenssituation, Arbeit… Alle so, wie sie Lust haben. Ich bin mal wieder die einzige in Berlin geborene, die andere deutsche Person ist aus Süddeutschland zugezogen, ja aus Baden-Württemberg. Alle wohnen im Prenzlauer Berg, alle sind mindestens mein Alter.

Papadams mit Achar, Sojabohnensalat
Mungbohnen-Raja, vier Sorten Momos (Gemüse, Hühnchen, Lamm und Wasserbüffel)

Schnell finden sich Anknüpfungspunkte – das Wetter in Berlin, Architektur, in London verbrachte Zeiten, öffentlicher Nahverkehr, Pandemieerfahrungen… Eine Person hat ein Projekt in einer Stadt gehabt aus der eine andere kommt, eine dritte war dort mal touristisch unterwegs… Es ist erstaunlich, wie schnell man etwas findet, auch mit völlig Fremden. Das Essen gerät dabei leider etwas in den Hintergrund. Es schmeckt gut, aber ich habe schon besser Nepalesisch gegessen, gerade neulich in Hamburg, zum Beispiel. Die Essen in Madrid, bei denen meine Freundin war, waren anders – spanisch lebhaft, mit Alkohol und hinterher Nummern austauschen. Bei uns geht es ruhiger zu. Kein Alkohol, wir bestellen alle nur jeweils einen Gang und als es am Ende darum geht, in die in der App bekannt gegebene Bar zu wechseln, in der sich alle Gruppen in der Umgebung treffen können, winken bis auf einen alle ab. Man muss zurück zu Kindern oder morgen früh raus und bei mir mahnt mein Fuß, zusätzliche Wege zu vermeiden. Außerdem ist die Bar am Rosenthaler Platz, das ist mir zu hektisch und ungemütlich.

Also höfliche Verabschiedung und Heimweg, kurz nach 9 bin ich schon wieder zuhause. In der App kann ich dann Feedback geben, zum Lokal und zu den Teilnehmenden – geben sich zwei positives Feedback, können sie über die App Kontakt aufnehmen. Die Gruppe war gut zusammengesetzt, wir waren drei Frauen und zwei Männer, das Verhältnis zwischen still und laut war gut austariert, so dass schnell ein Gespräch ins Laufen kam. Mit etwas mehr Zeit hätten sich die Gespräche bestimmt vertieft und vielleicht gibt es ja nochmal Kontaktaufnahmen über die App. Genau so cool wie bei der Freundin in Madrid war es leider nicht, aber ich habe noch drei Monate lang Gelegenheit, es weiter auszuprobieren, wenn Zeit und Kontostand es erlauben.

13.05.2025 – Weiter im Text

Theoretisch ausschlafen gekonnt, praktisch wieder kurz nach 7 wach gewesen. Dafür aber lasse ich mich in der morgendlichen Routine so gar nicht stressen, lese ausführlich das Internet leer, blogge in Ruhe, mache Französisch und Italienisch hingebungsvoll und zaubere mir dann zum Frühstück auf dem Balkon aus letztem Buchweizen und vorletztem Apfel mit Holunderblütenzucker eine ordentliche Gretschka/Kascha/Gretschnewaja Kascha. Dazu Joghurt mit Crowdfarming-Orange und Beerenmate.

Danach mache ich mich tagfein in der Erwartung, dass der Bote mit meinem neuen Telefon bald klingelt. Das Lieferfenster verschiebt sich aber nochmal nach hinten, was mir Gelegenheit gibt, mich darüber zu ärgern, dass das Telefon seit gestern Abend erst von Prag nach Köln, dann von Köln nach Berlin geflogen ist. Sicherlich ergibt das in irgendwelchen Logistik-Zusammenhängen Sinn, aber aufs einzelne Gerät gerechnet eine unheimliche Verschwendung und Umweltsünde.

Als es dann später klingelt. stecke ich gerade mitten in einem Webinar, aber das Annehmen geht ja schnell. Nach dem Webinar packe ich aus, fange schon mal an, zu laden und stecke das Gerät direkt in seine neue Hülle. Die liegt sehr angenehm in der Hand, ich werde mir aber noch neue Handhaltungen antrainieren müssen, denn die neue Hülle hat die Aussparungen anders und drückt mir noch stärker auf den kleinen Finger als die alte. Irgendwas ist ja immer.

Jetzt ist es Zeit nach draußen zu gehen. Ich bringe eben Müll weg und laufe dann zum Handyladen in der Nähe und lasse direkt professionell noch eine Displayschutzfolie aufziehen. Erst jetzt habe ich ein gutes Gefühl dabei, tatsächlich mit dem Telefon zu hantieren. Schon skurril, dass die nicht einfach so gebaut sind, dass sie nicht kaputt gehen, wenn sie unvermeidlich irgendwann runterfallen. Auf dem Heimweg kaufe ich noch Erdbeeren, wenn schon die Kohle aus dem Fenster schmeißen, dann richtig.

Zurück am Schreibtisch mache ich mich ans Einrichten des neuen Telefons. Nachdem sowas ja früher eeeeeeewig gedauert hat, vor allem mit Abschreiben und Wiedereintippen von lauter Telefonnummern – so wurden damals Kontakte aussortiert – und es dann eine Zeitlang superschnell ging, dauert es heutzutage wieder eine ganze Weile. Es wird zum Beispiel direkt ein Betriebssystem-Update notwendig, das sich unvernünftig lange hinzieht. Ich recherchiere kurz und breche den Vorgang dann ab, setze das Gerät nochmal zurück, richte es provisorisch ein, mache das Update (dauert jetzt nur ne gute halbe Stunde), setze es nochmal zurück und übertrage erst dann die Daten vom alten Gerät aufs neue. Während des Updates bastle ich mir aus dem Rest Kartoffeln von gestern plus roter Spitzpaprika, Oliven, Schnittlauch und Oregano einen schnellen Salat.

Und dann geht es daran, alle Apps einsatzfähig zu machen – einige sind ganz einfach da, ich bin eingeloggt und alles passt. Bei anderen muss ich mich neu einloggen und verifizieren. Wieder andere wurden nicht übertragen und müssen neu aus der Cloud runtergeladen werden. Und bei allem, was mit Geld zu tun hat, sind nochmal zusätzliche Schritte notwendig. Ich werde das alte Handy noch eine Weile in Betrieb halten müssen, um meine photoTAN-Apps zu nutzen, bis auch das funzt. Jetzt ist das Handy jedenfalls einsatzfähig – etwa sieben Stunden nach Erhalt, reine Einrichtungszeit locker vier Stunden. Ich setze mich noch eine Weile nach draußen auf den Balkon, trinke Acqua Sale e Limone und telefoniere mit dem Liebsten.

Später wechsle ich nach drinnen, esse Käsebrot und Erdbeeren und schlage etwas Zeit tot, bis um 21 Uhr das erste Halbfinale des ESC beginnt. Das Finale am Sonnabend werde ich verpassen, weil wir da auf einem 40. Geburtstag sind (der Mann der besten Freundin, der junge Hüpfer!), aber wenn ich beide Halbfinale gucke, habe ich ja trotzdem alle Acts gesehen. Donnerstag steht noch nichts an, das sollte klappen.

Erstes Foto mit dem neuen Telefon – der Mond kurz vor Mitternacht

12.05.2025 – Ein Tag voller Dinge

Diesen Montagmorgen wird die Routine ordentlich durcheinandergewürfelt, weil der Wecker nämlich erstens überhaupt und zweitens schon halb 7 klingelt. Und das, wo ich grad wieder unruhiger schlafe, denn als Linksschläferin mit Schulter, Ellbogen und Fuß kaputt, jeweils links, hat man es nicht leicht. Trotzdem werde ich erstaunlich schnell wach, da hilft der Termin im Draußen. Vorher aber noch ein Brot mit Büffel-Weichkäse und Feigenmarmelade und ein Matcha Latte für unterwegs.

Mit Tram und Tram (und Tram und Tram, bin aus Versehen einmal falsch umgestiegen) geht es zur Praxis der besten Freundin, Kontrolle, zwei Medikamente auf die Karte laden, Termin für Laboruntersuchung machen. Nächster Halt dann Apotheke, jetzt sind die Vorräte wieder aufgefüllt. Dann mit der nächsten Tram weiter nach Mitte. Hier macht in einer knappen Stunde der Laden auf, in dem ich mich mit den Zauberschuhen versorgen will, die machen sollen, dass ich in zwei Wochen das Immergut trotz Fuß gut überstehe. Vorher aber erstmal sitzen und ausruhen, ich bestelle mir in einem Café eine Holunder-Minz-Limo und lausche den Menschen um mich herum – eine wilde Mischung aus Tourist*innen, alteingesessenen Originalen, (Lebens-?)künstler*innen und einem Start-up-Dude, der über Viability, Confidence und Case telefoniert – auf Deutsch.

Kurz nach 11 stehe ich dann im Laden und lasse mich beraten, meine vorherigen Recherchen waren ziemlich gut, ich gehe kurz danach gut versorgt wieder raus und zur nächsten Tram, die mich dann nach Hause bringt. Das Schrittziel (das neue Fitnessband macht das dynamisch, aktuell sind wir nur bei knapp 6000) ist erreicht, als ich zuhause einchecke. Ich packe meine neuen Schuhe aus, ziehe die Einlaufsocken und dann die Schuhe an und weite den Rest des Tages fleißig das Leder.

Dabei telefoniere ich erst mit dem Liebsten, dann kümmere ich mich um die nächste Baustelle. Pünktlich nach zwei Jahren macht der Akku meines Telefons langsam schlapp und obwohl ich keine der Apps genutzt habe, die wirklich viel Energie ziehen, ist er in knapp sechs Stunden von 100 auf 23 Prozent runter. Das ist im Alltag OK, wenn ich eh die meiste Zeit drinnen bin, aber nicht, wenn in zwei Wochen re:publica und Immergut anstehen. Also beiße ich in den sauren Apfel (höhö), bestelle das aktuelle Modell und gebe das vorherige Modell in Zahlung. Das jetzige behalte ich für Notfälle, gute alte Tradition. Nervig ist, dass ich das alte nochmal kurz einrichten muss, um an die Seriennummer zu kommen, die nicht draußen dran steht. Anyway, neues Handy dann also morgen, in der gleichen Farbe wie die neue Brille, ein bisschen Nerdigkeit muss sein.

Zum späten Mittagessen gibt es dann Pellkartoffeln, Cornichons und Kräuterquark mit Leinöl allem, was Balkon und Tiefkühlfach so zu bieten haben (außer Koriander und Rosmarin): Dill, Schnittlauch, Basilikum, Thymian, Petersilie, Liebstöckel, Estragon, Minze, Zitronenmelisse und Salbei. Dann kümmere ich mich endlich um meine Französisch- und Italienischlektionen, heute Morgen war ja keine Zeit.

Hinterher mache ich mir nochmal eine große Tasse Ostfriesentee mit Kluntjes und Mascarpone-Schlagsahne und lese eine Weile in meinem Buch (James Rebanks – The Place of Tides) weiter, es geht um Eiderdaunengewinnung auf norwegischen Inseln und das Leben am Meer im Allgemeinen, auch um norwegische Geschichte und deutsche Besatzung usw.

Zwischendrin kommt eine Ladung Katzenstreu und Katzenfutter an, die ich auch noch verräume. Netter Plausch mit dem DHL-Fahrer, der gut gelaunt und mit einem Augenzwinkern sagt: „Gut, dass sie nur im zweiten Stock wohnen!“ Der Karton ist mal wieder beim Transport gerissen, diesmal immerhin nicht die Katzenstreu-Säcke. Werde ich wohl ein weiteres Mal die schlechte Verpackung monieren.

Um 17 Uhr dann, der Tee zeigt inzwischen volle Wirkung, nochmal anderthalb Stunden Webinar, diesmal sehr interaktiv, ich spreche in Breakout Rooms mit insgesamt sieben anderen Teilnehmerinnen, die ich noch nicht kenne. Danach bin ich immer noch ganz aufgekratzt und räume meine Tabs auf, schreibe E-Mails und Nachrichten und betreibe Recherchen. Dann bringe ich noch den kaputten Karton zum Müll und laufe so das erste Mal in den neuen Schuhen draußen rum – erstaunlich, wie gut das geht. Viel schneller und sicherer als in den Sneakers, die ich vor allem gekauft hatte, weil ich da mit Schiene reinpasse. Ich bin guter Dinge, was das Festival angeht.

Erst kurz vor 8 beschließe ich Feierabend, mache mir Brote mit Crowdfarming-Avocado und Gouda und beschließe den Tag mit ein paar Folgen Yellowstone, bevor ich das Leder der Schuhe nochmal behandle und mich dann ins Bett begebe.

11.05.2025 – Wholesome Sunday

Heute mal bis fast halb 8 geschlafen, höhö. Jedenfalls ist der Liebste schon wach, als ich die Augen aufschlage und macht wenig später Kaffee. Das Teilzeitkind stellt sich auch schon hinter die Dusche – was da los, es ist doch Sonntag?? Wenig später hören wir es telefonieren und erfahren danach: Mama angerufen zum Muttertag. Na gut. Dann hören wir aus der Küche Schneidegeräusche und als der Liebste den zweiten Kaffee macht, kommt er mit Infos zurück: Das Kind macht irgendein Joghurt-Dings mit Beeren. Ab da bin ich ein wenig aufgeregt. Gegen 10 dann stehen wir auch auf und gehen in die Küche. Das Joghurt-Ding mit Beeren sind so Häufchen, die jetzt im Tiefkühlschrank sind, auf dem Herd ist Schokolade zum Schmelzen im Wasserbad vorbereitet. Erstmal gibts aber Frühstück.

Danach zieht sich der Liebste zu Kontemplation (aka Zocken) zurück, das Kindelein will Schokolade schmelzen und mich überkommt ein Gefühl von geradezu mütterlicher Verantwortung und ich will helfen. Dadurch machen wir auch erstmal alles falsch, weil ich die Versuchsanordnung ändere, aber später google ich und dann ist die (das?) Bain-Marie richtig aufgestellt. Der zweite Fehler passiert dann, weil die Schokolade zu heiß wird und die falsche Konsistenz kriegt. An der Stelle will das Kind aufgeben, aber ich insistieren, dass das noch zu retten ist. „Du hast das doch im Griff, oder? Dann kann ich ja solange in mein Zimmer gehen…“ Und dann stehe ich da also alleine fluchend am Herd und bin an meiner Ehre gepackt. Fühle mich sofort mit Müttern solidarisch und sehe meine eigene vor mir, die ich garantiert in ähnliche Situationen gebracht habe. Es folgen mehrere Iterationen von Mikrowelle, dann ist die Masse zumindest einigermaßen gleichmäßig weich, dann geht es zurück auf den Herd und mit mehreren Iterationen Milchzugabe und Schneebesen habe ich bald etwas, das wie geschmolzene Schokolade aussieht und kann das Kind rufen. Es kommt beim fünften Mal, war beschäftigt.

Drei Tafeln billige Vollmilchschokolade – was das Taschengeld so hergibt

Beim Ablösen der gefrorenen Erdbeer-Joghurt-Haufen schneidet sich das Kind in den Finger und wird von mir verarztet (und blutet ein Geschirrtuch voll, weil es ungeduldig ist), dann überzieht es die Haufen mit Schokolade. Die wandern dann wieder in die Kühlung und ich habe Pause und kann aufräumen und die Küche wieder vorzeigbar machen – yay! Kein emanzipatorischer Tag bisher.

Dann erstmal ausführlich Duolingo und Babbel auf der Couch, bis die Schokolade fest ist und wir das Meisterwerk zu zweit aufessen (der Liebste hat kein Interesse). Das Kind beginnt nun mit den Hausaufgaben und der Liebste und ich stürzen uns in Juniplanungen. Bald wird es Zeit, sich stadtfein zu machen. Wir gehen zu dritt los zur Eisdiele und holen uns das zweite Eis des Tages.

Dann kehrt das Kind zurück nach Hause und wir nehmen die S-Bahn zum Brandenburger Tor: Kundgebung für ein AfD-Verbot. Es ist heiß in der Sonne und wir setzen uns erst in den Schatten, dann stößt eine ehemalige Kollegin dazu und passend zum Start der Kundgebung stehen wir dann auch in der Menge, lassen uns zählen, klatschen und skandieren, was zu skandieren ist.

Es ist weiter heiß und der Fuß mag das lange stehen nicht, also brechen wir nach einer halben Stunde wieder auf. Der Liebste bringt mich noch zur U-Bahn und fährt dann zurück nach Südberlin. Ich steige am Alex in die Tram um und bin bald zuhause bei den Katzen. Kurz verschnaufen, dann beginnen die Arbeiten dort: Katzen füttern, Katzenklos reinigen, Katzennäpfe auffüllen, Pflanzen gießen, Rucksack auspacken. Dann erst ist richtig Ausruhen.

Tonic mit TK-Himbeeren, Minze und Melisse an Buch

Noch ist es warm genug zum Draußen sitzen, bald aber muss ich nach Drinnen wechseln und kümmere mich dann auch erstmal ums Abendessen. Ich mache mit Pasta mit Paprika (und Knoblauch, Thymian, Schnittlauch, Peperoncini, Tomatenmark und einem Schuss Essig) und aus dem letzten Crowdfarming-Fenchel einen Salat mit Orange und Salzkapern.

Bei all diesen Tätigkeiten höre ich Politik-Podcasts (Pod Save America und Anne Will), aber nach dem Essen geht es wieder zum Buch und damit in die Badewanne. Im Bett lese ich auch noch weiter und dann geht gegen 23 Uhr das Licht aus, morgen klingelt der Wecker früh.

10.05.2025 – Low Movement Day

Im Bett des Liebsten früh erwacht, aber ich kann mich ja gut beschäftigen und still liegen und all das. Irgendwann wird er auch wach und macht Kaffee und das Teilzeitkind beschäftigt sich eh alleine, es ist ja schon groß, und wir bleiben einfach liegen. Bis kurz vor 10, denn dann beginnt mein heutiger Workshop. Dreieinhalb Stunden mit fast 120 Frauen, zum Glück alles online und in meinem Fall mit Kamera und Mikro aus, denn ich liege einfach weiter im Bett, während die anderen beiden auf den Markt gehen, frühstücken und Haushaltsdinge tun. Ich frühstücke kalte Pizza und lerne und bin fleißig.

Halb 2 dann stehe ich doch auf, es gibt eine zweite Mahlzeit für alle (für mich Börek, Karotten und Radieschen), dann trifft sich das Teilzeitkind mit einer Freundin zum Lernen „und ein bisschen shoppen“ (Praktisch, dass die Bibliothek im Einkaufszentrum ist.) und wir hängen so rum. Der Liebste räumt immer wieder Sachen hin und her und ich liege hauptsächlich und schone meinen Fuß. Dabei viel Zeug im Internet und so.

Später geht der Liebste noch ein zweites Mal einkaufen, sammelt unterwegs das Teilzeitkind ein und ich bestelle chinesisches Essen für alle, in dem Restaurant um die Ecke, das total unscheinbar aussieht und dann aber hauptsächlich Chines*innen verköstigt und so Dinge wie gebratene Hühnerfüße und Schweinenieren serviert. Für uns halte ich es etwas gefälliger. Es gibt gebratene Nudeln mit gebackenem Hähnchen, Frühlingsrollen, Dim Sum, Algensalat, Morchelsalat, Gurkensalat und Pak Choi mit Pilzen und Reis. Nicht zu scharf, aber ordentlich knoblauchig, so sind alle zufrieden.

Zum und nach dem Essen schauen wir endlich die letzten beiden Folgen der aktuellen Staffel LOL. Ich weiß nicht, ob es an mir liegt, aber so langsam ist entweder das Konzept ausgelutscht oder es sind die falschen Leute dabei – so richtig witzig ist es nicht mehr, mir bleibt nichts in bleibender Erinnerung. Siegfried und Joy sind eine gute Ergänzung und Marti Fischer kann gut Stimmen, aber irgendwie ist die Luft raus.

Danach ist es noch total früh, deswegen führen wir das Teilzeitkind in einen weiteren Klassiker der Filmgeschichte ein und schauen den ersten Zurück in die Zukunft. Ohne, dass wir etwas sagen müssen, vergleicht es Biff mit Donald Trump – das Kind ist am Puls der Zeit! Ich habe den Verdacht, dass wir zumindest Teil 2 auch zeitnah gucken werden. Das wird dann für das Kind noch mehr Mindfuck, wo doch die Zukunft 2015 schon zehn Jahre her ist und es sich wahrscheinlich nicht an die fliegenden Autos erinnert, die es damals – zwei Jahre nach seiner Geburt – gab. Dafür werden die Videocalls für es viel weniger krass sein, als sie es für uns damals waren und Faxe hat es nie bewusst erlebt,

Nach dem Film geht das Kindelein zu Bett und wir schauen noch fix die erste Hälfte der einzigen kanadischen LOL-Staffel, die sehr viel sehr lustiges hat, aber leider nicht so erfolgreich war, dass es weitere gegeben hätte. Unser*e gemeinsam*er Favorit*in Mae Martin ist leider auch viel zu früh draußen. (Wir kennen beide vor allem Mae Martin, und dann noch Caroline Rhea, Tom Green und Dave Foley ein bisschen.) UK und Südafrika müssen wir wohl auch noch gucken und vielleicht wage ich mich auch mal an Italien ran…

09.05.2025 – Brückentag mit Pizza

Aufwachen um 7, meine These von gestern bestätigt sich. Mit einem Podcast döse ich nochmal weg, bis halb 9 der Liebste anruft. Dann aber endgültig wach und rin in die morgendliche Churchillei. Das Internet wird leer gelesen, der gestrige Tag verbloggt, bei Duolingo ordentlich Strecke auf Französisch gemacht, in Babbel zwei Lektionen Italienisch nachgeworfen – es geht um Wasserpflanzen und ich lerne, dass Wasabi im Wasser wächst, war mir neu. Dann noch die Rätsel des Tages und schon ist es fast Mittag.

Balkonfrühstück mit Ostfriesentee, Brot mit Käse und Tomate, Brot mit Büffel-Weichkäse und Feigenmarmelade, Apfel

Der Balkon hat für eine kurze Weile perfekte klimatische Verhältnisse. Die Sonne ist schon fast rum und brennt nicht mehr, eine zarte Brise kühlt durchs T-Shirt, das dunkle Holz ist warm und duftet genau richtig. Ich lese und höre Musik von vor 20 Jahren und freue mich, dass Mai ist und bald Juni ist und was in diesen beiden Monaten alles ansteht. Zwischendurch immer wieder Leseunterbrechungen, weil mir Dinge einfallen und ich recherchiere oder mit Leuten schreibe, alles im Sinne der Freuerei.

Irgendwann ziehen dann Wolken auf und es wird doch frisch. Also gehe ich rein und kümmere mich um Haushaltsdinge, tägliche und ausgefallenere wie Schimmelbehandlung, Fensterputzen und Kleiderschrank entrümpeln. Dann gehe ich raus und bringe zwei Säcke mit Kleidung und Schuhen zur entsprechenden Sammelstelle und eine Hose zur Änderungsschneiderei. Und weil da die Sonne wieder scheint hole ich mir auf einem kleinen Umweg noch ein Eis.

Passionsfrucht-Vanille und Rhabarber-Butterstreusel

Wieder zuhause dann Sachen packen und noch ein bisschen ausruhen, dann geht es schon wieder los zum Italiener, heute nach Mitte und mit den Ellis, dem Liebsten und dem Teilzeitkind. Es gibt Aperitivi, Antipasti und dann für mich Pizza mit Kartoffeln und Rosmarin und Wein, hinterher Panna Cotta. Und viel zu erzählen und zu lachen natürlich.

Hinterher geht es mit U- und S-Bahn nach Südberlin und der Liebste und das Teilzeitkind haben unterwegs einen Disput, der deutlich pubertäre Züge trägt – es wird ja auch bald zwölf, schließlich. Das Thema ist fast nichtig, die Heftigkeit, die Argumentationslinien und die Rollenverteilung katapultieren mich direkt in die 90er zurück. Ach guck, so wird das jetzt also, stimmt ja. Ich halte mich so gut ich kann raus und bin die Schweiz. Zuhause sind dann alle ausreichend kaputt, so dass alle freiwillig gegen 23 Uhr im Bett liegen und dann auch bald schlafen.

08.05.2025 – Weltgeschichte, Zeitgeschichte, Pasta

Um 7 scheint jetzt die Zeit zu sein, wo die Katzen spätestens schauen, ob ich wach bin, meist mit Tatze ins Gesicht. Habe die Verdunkelung immer noch nicht angebracht, aber vielleicht ist es ja auch ganz OK, nicht den ganzen Tag zu verschlafen. Noch ein bisschen zu Podcast dösen, dann beginnt der Tag mit den üblichen Verrichtungen und schon recht früh bin ich bereit fürs Frühstück. Es ist Feiertag, ich investiere also ein bisschen mehr Zeit und pochiere mir zwei Eier. Dann sitze ich auf dem Balkon und denke nach übers Essen und die Geschichte.

Die Eier sind auf Bagels, dazwischen Crowdfarming-Avocado aus Spanien, regionale Tomaten aus Brandenburg. Dazu gibt es Matcha Latte aus Japan und Crowdfarming-Orange aus Spanien. Mein erster Impuls ist, ha, Bagels und ausländisches Zeug zum Tag der Befreiung, da schlage ich den blöden Nazis ein Schnippchen! Hätte es die nicht gegeben, hätten wir hier in Berlin überall und bessere Bagels! Dann aber auch: Ohne Antisemitismus gäbe es gar keine Bagels, denn sie sind entstanden, weil Juden nicht so backen durften, wie Christen. Bezüglich des Matcha und des Obst fällt mir ein, dass die Nazis wahrscheinlich wenig gegen Obst aus ausgerechnet Japan und Spanien gehabt hätten, aus Gründen. Hmm. Dann überlege ich, wie unsere Berliner Esskultur wohl aussähe, hätte es die Nazis und den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. Vermutlich mehr Bagels, ja. Aber vermutlich auch weniger Döner und wenige vietnamesische Restaurants, denn ohne den Krieg hätten „wir“ die Gast- und Vertragsarbeiter gar nicht gebraucht. International wäre die Küche wohl trotzdem gewesen, denn schon bei Volker Kutscher essen sie im chinesischen Restaurant Kiwis. Worüber man so nachdenkt beim Essen am Tag der Befreiung.

Dann schaue ich mir sehr ausführlich die Gedenkveranstaltung zu Gerd Poppe in der Heinrich-Böll-Stiftung gestern Abend an und lerne schon wieder viel über einen anderen Teil deutscher Geschichte, der aber natürlich mit dem davor zusammenhängt. Hier gibt es viel Wissen anzulegen aus den verschiedensten Bereichen und viele Referenzen auf Menschen, die ich aus anderen Zusammenhängen kenne. Am überraschendsten dabei ist, dass Gerd Poppes Sohn Musiker ist und ich ihn schon live gesehen habe, als er 2007 beim Populario mit Kissogram aufgetreten ist. Der Indiejunge und ich hatten noch wochenlang einen Ohrwurm von „I am the Night before“.

Dann aber zum eigentlich Gedenken des Tages, im Bundestag findet die offizielle Gedenkstunde zum Tag der Befreiung statt und ich bin mit etwas Verspätung im Livestream dabei. Überraschend gute Rede von Julia Klöckner, andere gute Beiträge, wirklich gute Rede von Steinmeier. Am Ende werden die deutsche und die europäische Hymne gespielt. Natürlich regen sich in den sozialen Netzwerken wieder Leute auf, dass nicht alle mitsingen. Bis vor wenigen Jahren war das total normal! Ich hingegen versuche, bei der europäischen Hymne mitzusingen, die ist mir näher. Leider hänge ich immer an der gleichen Zeile und schreibe sie jetzt hier auch nochmal hin, damit das irgendwann anders wird: „Deine Zauber binden wieder“. Den Rest kann ich und habe dabei immer meinen Bruder vor Augen, der das nämlich im Musikunterricht singen musste und stolz wie Bolle den Text deklamiert hat. Immer wieder.

Am späten Nachmittag fahre ich rüber nach Schöneberg und treffe mich mit einer Freundin zu einem frühen Abendessen. Wir haben gute zwei Stunden, um uns auf den neusten Stand zu bringen (und es ist viel passiert, auf beiden Seiten) und essen dazu sehr gut.

Antipasti: Lachstartar, Thunfischtartar, Oktopussalat, Caprese, Carpaccio, Parmigiana, Vitello tonnato
Hausgemachte Tagliolini aus dem Parmesanlaib mit Trüffeln
Pastiera

Die Pastiera bekommen wir gratis, weil wir ehrlich geantwortet haben, dass die Taglioni etwas zu salzig waren. Endlich wieder Pastiera!!! Zum Glück war meine Freundin da schon sehr satt und ich bekam ihr Stück auch noch. Ich liebe Pastiera. Als wir gerade beim Bezahlen sind, erzählen sich die Anwesenden Italiener*innen: „Habemus papam!“ Schon? Wer denn? Wissen wir noch nicht. Ich übersetze für die Freundin, aber dann muss sie los zu ihrer nächsten Verabredung und ich mache mich auf den langen Heimweg mit zwei U-Bahnen und Tram. Unterwegs kommt dann die nächste Eilmeldung mit dem Namen vom Papst und ich verbringe die Rückfahrt mit den sozialen Netzwerken.

Schon um 20 Uhr bin ich wieder daheim und kann dann nochmal alle möglichen Dinge nachgucken – Brantner bei Lanz gestern (spannend, besonders wie Lanz sich plötzlich auf die Seite der Grünen gegen die CSU schlägt, na huch?), Banaszak und Bas bei Maischberger gestern. Und natürlich die Antrittsansprache vom Papst und den Rauch- äh Brennpunkt zu seiner Wahl. Dann geht es müde ins Bett, aber ein paar Seiten lesen schaffe ich noch, bis um Mitternacht das Licht ausgeht.

07.05.2025 – Viel Kleinkram und der wichtigste Tag des Jahres

Vier Wesen im Bett machen eine wärmere Nacht, aber halt auch vier bewegliche Elemente, die zusammen mit dem frühen Sonnenaufgang für viel Bewegung sorgen. Muss endlich mal an die Verdunklung der Balkontür denken. Jedenfalls, Nacht mehr als früh vorbei, aber dann gibt es halt noch früher Kaffee im Bett und mehr Zeit zusammen, bevor der Liebste los muss. Mit Bloggen und Französisch und Italienisch machen bin ich dann auch früh fertig und dann geht’s mit Frühstück auf den Balkon.

Bagel mit Feigenmarmelade, Bagel mit Büffelweichkäse (so gut!), Mispeln, Espresso Tonic

Das Konklave verspricht heut weniger spannend zu werden als die Kanzlerwahl, erstens beginnt es erst am Nachmittag und zweitens wird da traditionell beim ersten Wahlgang nichts entschieden – auch wenn mein Internet das sehr witzig finden würde. Und wir wissen ja, in der postmodernen Welt ist die einzig relevante Einteilung „witzig“ oder „unwitzig“. Nach dieser Maxime war die Kanzlerwahl eindeutig witzig.

Vom Balkon geht es dann an den Schreibtisch für diversen Kleinkram. Telefonate, E-Mails, sogar ein Brief – ganz echt mit Papier, Unterschrift, Briefmarke und Umschlag. Dafür muss ich erstmal zum Drogeriemarkt, um den Brief auszudrucken, und dann zur Post, um eine Briefmarke zu kaufen. Auf Vorrat kaufen lohnt nicht, weil ich etwa ein Mal im Jahr eine brauche und bis dahin sind die Preise wieder gestiegen.

Das Gute ist, dass direkt vor dem Postamt ein Erdbeerhäuschen steht und die haben jetzt ja offen. Traditionell gibt’s die ersten Erdbeeren noch zu Mondpreisen und Flair ist wirklich nicht meine Lieblingssorte, aber man nimmt, was man kriegen kann!

Wieder zurück gibt es ein Webinar und den Rest Suppe von gestern. Dann kommt das neulich bestellte Paket mit Klamotten an und ich verbringe einige Zeit mit dem Anprobieren. Von den zehn bestellten Teilen passen und gefallen sechs. Ein Kleid sieht an mir sackartig aus und darf zurück. Und die drei Hosen, die sind zwar an sich schön, aber zwei davon sind zu kurz (Hochwasserhosen an großer Frau sieht aus wie gewollt und nicht gekonnt) und die, deren Beine lang genug sind (32 Zoll, bitte!) gab es nur noch mit einer Bundweite, die ich von vorn herein hätte ignorieren sollen, sowas hat mir zuletzt vor knapp 20 Jahren gepasst. Es setzt sich also der Trend zu Röcken und Kleidern fort – ist eh bequemer. Hätte man mir vor 30 Jahren mal erzählen sollen, dass ich als Erwachsene ständig Mädchensachen anziehen würde. (Furchtbare Pick-Me-Energie bei meinem jüngeren Ich.) Immerhin schicke ich so die teuersten Sachen zurück und habe quasi 360 € gespart. Die Farben der (meiner) Saison sind unter anderem Titan, Shadow, Dusty Indigo und Thymian. Und: Das Shadow-farbene Kleid hat Taschen!

Ich bringe das Paket mit den zurückgehenden Sachen direkt wieder weg (der „Späti“ gegenüber nimmt die jetzt auch an*), jage die neuen Klamotten durch die Waschmaschine und leite dann den Feierabend ein. Es gibt den Rest der verfügbaren Folgen Pørni (nächste und letzte Staffel in einer Woche) und die Hälfte von The Four Seasons. Dazwischen ist dann Zeit für den Höhepunkt des Jahres: Die ersten Erdbeeren, diesmal mit der neu entdeckten Mascarpone-Sprühsahne. Sooo gut, und ab jetzt werden die Erdbeeren nur besser! Preismäßig allerdings krass, dass die eine Portion gleich 3,30 € gekostet hat. Fast gut, dass ich wegen Histaminintoleranz nicht mehr so viele Erdbeeren essen kann wie noch vor ein paar Jahren, sonst wäre das jetzt eine tägliche Ausgabe.

*Späti, weil er täglich 20 Uhr zu macht, aber ansonsten alle Kriterien erfüllt.

06.05.2025 – Mehr so ruckelig

Die Politik schmeißt mir mal wieder meine Routinen durcheinander. Statt wie sonst erstmal ordentlich Dinge churchillhaft vom Bett aus zu erledigen, wechsle ich schon nach dem Bloggen aufs Sofa und vor den Fernseher, um der Kanzlerwahl zuzusehen. Wird ja nicht lange dauern, denke ich mir, und danach kann ich ja zurück ins Bett und da Französisch und Italienisch machen und so. Na Pustekuchen. Erster Wahlgang scheitert, wie und wann es weitergeht ist ungewiss. Ich mache mir schnell Müsli mit Joghurt und dann die Sprachübungen und später die Rätsel auf dem Sofa, während im Hintergrund Phoenix lautlos weiterläuft.

Um 12 wechsle ich an den Schreibtisch und nehme noch mit ausgeschalteter Kamera an einem Webinar teil. Danach ein wenig Hausarbeit und dann Webcam-fein machen für einen Videocall. Leider taucht mein Gegenüber auch nach zehn Minuten nicht auf und dann stellen wir per E-Mail fest, dass es technische Probleme gab und und wir parallel alleine in zwei verschiedenen Meetings saßen. Im fünften Jahr nach Beginn der Pandemie schon witzig, dass das immer noch vorkommt. Wir vertagen uns und ich fahre den Adrenalinspiegel wieder runter.

Zwischenzeitlich kam die Meldung, dass auf die historische Wahlniederlage nun ein historischer gemeinsamer Antrag von Linker und CDU (und rot-grün) folgt, nochmal abzustimmen. Ich bin wieder live dabei und der Liebste inzwischen auch, von Südberlin aus. Im zweiten Anlauf schafft es Merz, was gleichzeitig gut und meh ist. Aber gut, ich habe auch schon acht Jahre Kohl und 16 Jahre Merkel überlebt. Müssen wir eben wieder viel demonstrieren gehen. Apropos gehen, der Fuß geht sich ganz gut ohne Schiene, das probiere ich jetzt erstmals auch draußen aus.

Ich gehe in die Apotheke (nachgeholt von Sonnabend) und dann noch in den Supermarkt. Der Fuß mag keine Stöße, Schrägen und Unebenheiten, aber ansonsten komme ich schon deutlich schneller voran als mit der Schiene und solange ich glatten Untergrund drunter habe auch beschwerdefrei. Ich halte die Strecken erstmal noch kurz, bin aber optimistisch. Muss auch sein, denn in drei Wochen ist re:publica und direkt im Anschluss Immergut!

Wieder zuhause setze ich gekauften Rinderfonds mit Ingwer, Knoblauch, Zimt, Nelken, Peperoncini, Sternanis, Pfeffer, Petersilienstängeln und Liebstöckel an, lasse aufkochen und dann ziehen.

Das ist nicht unscharf, das dampft!

Dann nochmal anderthalb Stunden Webinar, das ich aber teilweise mit in die Küche nehme. Ich schnipple den Crowdfarming-Chinakohl, hole die Würzmittel aus der Brühe, gieße mit Gemüsebrühe auf, koche den Kohl, gebe Gyozas mit Schweinefleisch und Hirtentäschel dazu, würze mit Sojasauce und Fischsauce nach und dann ist es auch schon halb 8 und der Liebste steht vor der Tür.

Wir essen, erzählen, gucken dann ganz traditionell die Tagesschau und den Brennpunkt zum Kanzlerwahlkrimi. Dann ein bisschen Carney im Oval Office (guter Mann aber boah ist Trump unangenehm, also zusätzlich zu gefährlich und böse), ein bisschen Chelsey Handler… Dazu Rotwein. Gegen halb 11 wechseln wir ins Schlafzimmer, damit die Mitbewohnerin in ihrem ans Wohnzimmer grenzende Zimmer vor ihrer Frühschicht genug Schlaf bekommt. Obwohl es immer noch ganz schön kalt ist, bleiben die Balkontüren heute Nacht offen. Wir sind ja einer mehr im Bett und so ein ausgewachsener Mann wärmt mehr als zwei flauschige aber im Vergleich kleine Katzen.