Wenn das Wörtchen "Wenn" nicht wär…

…dann würde ich heute wahrscheinlich sowieso arbeiten und nicht krank auf der Couch liegen. Aber nehmen wir einmal an, ich wäre nicht krank und hätte trotzdem frei. Dann würde ich heute wahrscheinlich nochmal eine ordentliche Portion Plätzchen backen oder panisch rumlaufen und kleine Mitbringsel für die kommenden weihnachtlichen Besuche besorgen.

Denn morgen früh geht der Trubel los – Familie und Freunde, wohin man blickt. Zum Glück nicht allzu viele Autobahnkilometer, dafür aber bestimmt Unmengen an Essen, Geschichten, Weihnachtsfilmen und für mich neuen Traditionen. Zum ersten Mal werde ich zu Weihnachten eine Kirche betreten und neben der Befürchtung, dass es kalt oder zu langatmig werden könnte und der inneren Ermahnung, bloß die Atheistin nicht zu sehr raushängen zu lassen, finde ich das ganze auch sehr spannend. So vom ethnologischen Standpunkt aus betrachtet.

Ansonsten sind alle Geschenke bereits gepackt und die zwei Weihnachtskarten (Premiere auch das) und das Paket fürs Brüderchen und seine Freundin sind verschickt – man hat ja Zeit, wenn man krank ist und sich die letzten harten Tage im Büro spart. Ist auch ein schönes As im Ärmel, wenn mir der Trubel jetzt zuviel wird. Dann leg ich mich nämlich einfach mit einem guten Buch für ne Weile hin und fröhne meiner eigenen Weihnachtstradition: Lesen, lesen und lesen. Hab ich lesen schon erwähnt?

Spätestens, wenn meine Ma nachher gleich noch ihren selbstgebackenen Stollen vorbeibringt, ist wirklich Weihnachten. Und mit den vielen freien Tagen, ist es dann fast wie in den Weihnachtsferien früher: Keine Verpflichtungen, gutes Essen, nette Menschen und einfach ganz viel Zeit. Ein Traum!

Ich werde alt

Huch klingt das dramatisch. Sagen wir nicht alt, sagen wir erwachsen. Obwohl das übertrieben ist. Gesetzt vielleicht? Solide! Jedenfalls fällt mir in letzter Zeit zunehmend auf, dass sich meine Prioritäten verschieben – notfalls mit Gewalt.

Derzeit liege ich mal wieder krank im Bett, das hat – so kurz vor Weihnachten – fast schon Tradition. Der zunehmende Jahresend-Stress auf Arbeit im Einklang mit Resturlaubs- und erkältungsbedingten personellen Engpässen plus gesteigertem Aufkommen sozialer Aktivitäten und Geschenkbesorgungen für selbige haben mich ausgeknockt. Schon wieder.

Jetzt ist es nicht so, als ob das was neues wäre – mein Immunsystem macht ja viel öfter Urlaub als ich und Kranksein ist für mich kein Ausnahmezustand mehr. Meine Freunde fragen nicht “Ohje, Du Arme. Wie gehts Dir denn?” sondern eher leicht ungehalten (zumindest interpretiere ich das ab und zu so, besonders wenn die Frage schriftlich kommt): “Schon wieder? Was machst Du denn immer? (Jetzt streng Dich doch verdammt nochmal an!)”.

Aber so langsam beschleicht mich eben zusätzlich das Gefühl, dass es etwas mit meinem Immernoch-Irgendwie-Studenten-Lifestyle zu tun haben könnte. Morgens so lange wie möglich im Bett bleiben, schnell zwischen Tür und Angel – am besten erst im Büro – frühstücken. Arbeiten bis 19 bzw. 22 Uhr, jedenfalls bis es dunkel ist (doofer Winter!), und danach Leute zum Essen und/oder Trinken treffen, Theater, Kino, Kneipenquiz, Konzert oder – selten – Yoga. Irgendwann am späteren Abend dann zurück in eine von zwei unaufgeräumten, ungeputzten Wohnungen, in denen der Kühlschrank nur sporadisch aufgefüllt wird (meine) bzw. kaputt ist (seine). Schnell noch nen Film oder ein paar Serienfolgen reinziehen und dann mit letzter Kraft ins Bett wanken und schlafen, solange es geht.

Wenn ich mir darüber dann mal Gedanken mache, bekomme ich Lust auf ein solides Leben, wie ich es mir hinter all den Heile Welt-, Food- und Familienbloggern vorstelle. Die scheinen irgendwie früher Feierabend zu haben, sich ein bisschen Zeit für den Haushalt abzuzwacken, einen gut gefüllten Kühlschrank zu besitzen und statt Freizeitstress, Marathon-Internetsurfen und Binge-Seriengucking entspannte Kochsessions abzuhalten. Wann bloggen und twittern die eigentlich? Und wann schlafen sie? Und wieso krieg ich das nicht auf die Reihe?

Sollte ich demnächst wieder gesund sein und nicht mehr ständig unter Übelkeit leiden, will ich das auch: Zeit-Freiräume schaffen, gute Lebensmittel kaufen, Zeit zum Kochen nehmen. In zwei Wohnungen leben, die so aussehen, dass ich mir die Freunde gerne dahin einlade. Und dann mach ich vielleicht auch noch Fotos davon und stelle am Ende des Abends die besten Essens-Fotos, die lustigsten Bonmots und die ganze schöne bräsige Solidität hier in dieses Blog. Hach, das wär schön. Und das denke ich wirklich: Nicht spießig und langweilig, sondern schön. Das meine ich mit: Ich werde alt.