Für eine kurze Nacht im Flugzeug schlafe ich erstaunlich viel – oder döse, während der Film läuft? Mein FitBit kann keine Schlafdaten erfassen, aber ich bekomme nicht sehr viel mit vom Film. Als es dann zwei Stunden vor Landung ist, bleibe ich wach und gucke nochmal ernsthaft den Teil vom Film zu Ende, den ich bisher verpasst habe. Nebenbei wird das Frühstück serviert – ein English Muffin mit Käse und Ei, dazu Kaffee und O-Saft. Pünktlich 9:40 (in Toronto also 3:40) Uhr landen wir in Frankfurt. Bis wir in Parkposition sind, das Flugzeug verlassen haben, mit dem Bus zum Terminal gefahren sind, durch den Zoll sind und uns zur Gepäckausgabe durchgeschlagen haben, vergeht eine gute Stunde. Dafür ist mein Koffer dann einer der ersten und ich kann schnell weiter zum Bahnsteig.
Dort stellt sich heraus, dass der Zug, den ich ursprünglich nehmen wollte, heute nicht hier hält, dafür habe ich noch eine Chance, einen früher zu nehmen, wenn ich jetzt direkt in die S-Bahn zum Hauptbahnhof steige. Also mache ich das, auch wenn es etwas hektisch wird, und reserviere mir noch in der S-Bahn einen Sitzplatz. Kaum nehme ich darauf Platz, fährt der Zug auch schon los nach Berlin. Da meine Wasserflasche leer ist, muss ich mir für teures Geld eine Apfelschorle im Bordbistro holen – zum Auffüllen hatte ich keine Zeit mehr. Dann aber kann ich meine morgendlichen Tabletten nehmen, mir einen Podcast an- und die Augen zumachen.
Gemütlich schaukeln wir in viereinhalb Stunden nach Berlin, nachdem ich nochmal geschlafen habe, verbringe ich die Zeit mit Duolingo, Bloggen und Spielen. 15:30 kommen wir in Berlin an. Da das eine Stunde früher ist als geplant, kann der Liebste mich nicht direkt abholen (er hat meinen Schlüssel), sondern sitzt noch an der Arbeit. Ich hole mir also erstmal einen frisch gepressten Saft und setze mich draußen in die Sonne, bis sie hinter einem hohen Haus verschwindet, dann sitze ich drinnen weiter. Gegen 17 Uhr ist der Liebste dann da und wir fahren mit S-Bahn und Tram zu mir.
Nimbin begrüßt mich gleich recht offensiv, Noosa braucht ein paar Minuten, um mir zu verzeihen, dass ich sie alleine gelassen habe, aber bald sind beide äußerst verschmust und glücklich, mich wieder zu sehen. Wir bestellen gute italienische Pizza und machen dann Aufgabenteilung – der Liebste durchsiebt das Katzenklo, schließt meine neue Fernsehbox an das während meine Abwesenheit installierte Internet an und bezieht mein Bett neu, ich packe meinen Koffer aus, stelle die Waschmaschine an, füttere die Katzen, gieße die Pflanzen und überreiche ihn meine Mitbringsel. Dann ist auch schon die Pizza da.
Nach dem Essen verabschiedet sich der Liebste erstmal wieder und ich lasse mich in die warme Badewanne gleiten, bis die Wäsche fertig ist. Dann noch schnell aufhängen und dann liege ich mit zwei kuscheligen Kuschelkatzen gegen 21 Uhr im Bett und verschwinde ins Land der Träume.
Der letzte Tag in Toronto fühlt sich wie ein Katertag an, dabei habe ich ja gestern gar nichts getrunken. Was ich aber habe: In fünf Tagen Toronto 100.000 Schritte gemacht. Wenig geschlafen. Ein tolles Konzert erlebt. Und dann bin ich in einem rabbit hole gelandet und habe alles gelesen, was ich über die problematischen Aussagen und Haltungen von Hanson finden konnte – wer Interesse hat, sollte „Hansongate“ googlen und den Subreddit „PostHanson“ lesen. Aber Vorsicht, wenn man die Band mag, nimmt einen das ganz schön mit und stürzt in Gewissenskonflikte. Ich bin mit dem Denken noch nicht zu Ende, aber da ist etwas kaputt gegangen.
Ich verbringe den Vormittag im Bett, mit den üblichen Verrichtungen. Zwischendrin kommt mein Gastgeber nach Hause, der sich die Nacht bei einer Jam Session um die Ohren geschlagen hat. Er legt sich erstmal hin. Zwei Stunden später stehen wir dann beide auf und essen die Reste vom chinesischen Essen von gestern, reden über Musik, Hansongate, Literatur, Filme, Serien und das kanadische Thanksgiving, das heute stattfindet. Nebenbei habe ich meine Sachen zusammengepackt.
Kurz nach 15 Uhr mache ich mich auf den Weg durch schönstes Herbstwetter – Streetcar, Zug zum Flughafen, Terminal-Link, Einchecken, Security… Dann habe ich noch Zeit am Gate und gebe nochmal ein bisschen Geld für Mitbringsel aus. Schließlich geht es ins Flugzeug. Der Flug ist nicht sonderlich bequem, meine Sitznachbarin anstrengend, es gibt ein paar heftige Turbulenzen und irgendwie fand man es sinnvoll, zu einem Pastagericht als Salat Nudelsalat zu servieren. Aber ich gucke „Let them all talk“, der empfehlenswert ist, und schlafe dann bei „Barbie“ tatsächlich ein. Is doch auch was!
Der Tag beginnt damit, dass der Pittsburgher und seine Freundin wieder vor der Tür stehen und wir zu dritt in einem persischen Café um die Ecke frühstücken gehen. Es gibt sehr leckeren Orange Blossom Latte für mich und zu dritt teilen wir uns drei Gerichte – ein persisches Omelette, ein Crispy Chicken Maple Syrup Croissant mit Linsensuppe und ein süß-würziges Gonabadi Omelette mit Trauben und Walnüssen. Alles sehr, sehr gut und ungewöhnlich – lecker!
Während wir aufs Essen warten, stellt sich die Freundin des Pittsburghers noch nebenbei bei einem sehr beliebten Pie-Laden in die lange Schlange und kauft zwei verschiedene Birnen-Pies, die die beiden mit nach Hause nehmen werden. Nach dem Frühstück laufen wir rüber nach Chinatown, um in der chinesischen Bäckerei, in der ich seit 19 Jahren Kundin bin (also immer dann, wenn ich hier bin – heute zum vierten Mal) und kaufen uns chinesische Brötchen für den Reiseproviant. Dann fahren wir mit dem Auto nach Little Tibet und schauen uns da ein wenig um.
Wir kaufen uns ein paar vegetarische Momos, dann setzen sich die Beiden ins Auto und treten die lange Rückfahrt an – theoretisch sind es nur fünf Stunden Fahrt nach Pittsburgh, aber mit Stau, Pausen und Grenzübergang werden sie am Ende achteinhalb brauchen. Ich hingegen habe erstmal nichts vor und spaziere weiter durch Toronto.
Erst geht es nochmal runter an den Lake Ontario, durch den Budapest Park an den Sunnyside Beach. Nicht sehr sunny heute.
Künstlicher Strand im Gegensatz zu dem im Ostteil der Stadt, im Hintergrund schon die Skyline von Mississauga
Dann laufe ich durch das polnische Viertel Roncesvalles Village nach Norden und dann auf verschlungenen Wegen durch Little Portugal und Trinity-Bellwoods zurück zum Gastgeber.
Der Gastgeber ist gerade unterwegs, also mache ich es mir erstmal auf der Couch gemütlich, lege die Füße hoch und gucke eine Folge Downton Abbey. Als er heimkommt, gehen wir in Chinatown ein frühes Abendbrot essen.
Drei Sorten Frühlingsrollen, gebratene Nudeln mit Pilzen und Seitan-„Fleisch“, gegrilltes Gemüse, dazu gratis grünen Tee, soviel wir mögen
Das hatte auch noch auf meiner mentalen To-Do-Liste gestanden. Das Restaurant in dem ich früher immer war, gibt es nicht mehr, aber das hier ist sehr ähnlich. Wir schlagen uns die Bäuche voll und der Gastgeber nimmt dann den Rest dann mit nach Hause für morgen. Ich hingegen steige ins Streetcar und fahre… zum Hanson-Konzert!
19 Jahre, nachdem ich Hanson zum ersten und bisher einzigen Mal live gesehen habe – hier in Toronto, in einem Venue, das inzwischen abgerissen wurde, um weitere Wolkenkratzer zu bauen; in Europa spielen sie nicht so oft und wenn in Deutschland meistens in Köln oder so – ist es wieder soweit. Damals bin ich nur aus höflichem Interesse hingegangen, wurde dann aber völlig weggeblasen und habe mein 90er-Fanherz wieder ausgegraben und bis heute erhalten, auch wenn ich die Erscheinungen der letzten Jahre nicht mehr ganz so intensiv gehört habe – meine letzte Hanson-CD habe ich 2010 gekauft, danach nur nach halbherzig gestreamt. Schwierig ist auch, dass es sich eben um evangelikale Christen handelt, die am Knotenpunkt von vier Indigenen-Reservaten in Oklahome leben und in ihrer nun über 30jährigen Karriere noch nie ein Wort über Indigene verloren haben. Über Gott und ihren Glauben zum Glück auch sehr wenig. Ab und zu dringen mal schwierige politische Aussagen durch, aber dafür engagieren sie sich dann auch wieder für gute karitative Zwecke…Edit: Von Zac und Isaac dringen leider immer wieder furchtbare Aussagen durch – transphobe, rassistische Witze, sexistische Witze… die scheinen beide spätestens mit der Pandemie abgedriftet zu sein (und der georgisch-orthodoxen Kirche beigetreten, Zac ist sogar Deacon). Taylor scheint hingegen unproblematisch, aber sagt halt auch nix dagegen, was seine Brüder da verzapfen.
Es ist also eine insgesamt kompliziert, musikalisch aber unstrittig gut. Dreistimmiger Satzgesang, während man gleichzeitig noch ein Instrument spielt (Taylor heute Keyboards, Gitarre und Schlagzeug, Zac Gitarre und Schlagzeug, Isaac „nur“ Gitarre) ist schon echt beeindruckend – ebenso wie die Texte, die ja zum Glück nicht von Religion oder Politik handeln, dafür aber oft ziemlich raffiniert sind.
Aktuell sind sie jedenfalls auf einer Jubiläumstour für ihr Album von vor 20 Jahren – pro Stadt mit je einem Akustik-Gig und After Party and Tag 1 und einem Elektro-Gig an Tag 2. Leider habe ich das zu spät mitbekommen, sonst hätte ich meine Reiseplanung darauf eingerichtet. So habe ich durch Zufall Glück, dass ich den Akustik-Gig und die After Party mitnehmen kann, während des Elektro-Gigs sitze ich schon im Flieger zurück nach Deutschland, schnüff.
Am Eingang gibt es strenge Sicherheitskontrollen, inklusive Metalldetektor und Taschendurchleuchten. Wer ein Ticket für die After Party hat, bekommt ein gelbes Bändchen. Wer Alkohol trinken will, muss seinen Ausweis zeigen und bekommt ein orangenes Bändchen – das spare ich mir, auch wenn ich später mitbekomme, dass auch die zwei originalen Hanson-Biere MMMHops IPA und Pink Moonlight Hazy IPA verkauft werden – aber ich steh ja eh nicht so auf IPA und bin mit meinem Ginger Ale zufrieden.
Support Act sollte heute eigentlich Matthew Sweet, der ist aber kurzfristig erkrankt, so dass Phantom Planet, die eigentlich erst morgen spielen sollten, kurzfristig auftreten und sich innerhalb eines Tages ein Akustik-Set zusammengebaut haben. Von denen erkenne ich zwei Lieder, unter anderem natürlich das ALLEN bekannte California. Ganz nett insgesamt. Kurz nach 20 Uhr dann aber endlich der Main Act.
„Underneath“ im klassischen Set-up mit Zac am Schlagzeug und Taylor am Flügel
Ich sitze witzigerweise zwischen zwei sehr unterschiedlichen Besucherinnenkonstellationen. Links von mir sitzen zwei, die augenscheinlich nur die großen Chart-Hits kennen (davon werden heute nur „MMMBop“ und „Penny and Me“ gespielt), rechts neben mir sitzen zwei, die jedes Lied sofort erkennen, abfeiern und jede Zeile mitsingen und sich genau so wie ich über Raritäten wie „Stories“ und „Annalie“ freuen. Ich bin mental ganz bei ihnen, auch wenn ich von den insgesamt 23 Songs nur 20 mitsingen kann – die anderen drei sind von den neuesten paar Alben, die ich weniger gut kenne. Die ganze Setlist hier.
Penny and Me (Moonlight Version) mit Zac an der Lead-Gitarre, weil er sich das neue Riff ausgedacht hat und Isaac es angeblich zu schwer zu spielen findet und deswegen dann Taylor am Schlagzeug
Mit „MMMBop“ habe ich übrigens eine Wette gegen den Liebsten gewonnen, der der Meinung war, dass sie das ja zum Schluss oder als Zugabe spielen müssten, da das ja der einzige Song sei, den man von Hanson kenne. Ich war mir zu 99% sicher, dass sie ihn irgendwo mittendrin abhandeln werden, weil er halt dazugehört. Und ich hatte Recht! Definitiv nicht das Highlight des Konzerts, aber bei 30 Jahren Bandgeschichte gibt es eben viele andere, die tiefer ins Fan-Herz gehen als der Riesenhit. Ist bei den Kellys übrigens auch so, „An Angel“ kommt (inzwischen wieder) immer, aber halt irgendwo mittendrin. Jedenfalls – ich weiß, wer mich demnächst zum Essen einlädt!
Hanson spielen knapp zwei Stunden, mit nur einer Zugabe, aber eine halbe Stunde später kommt dann Taylor wieder raus und legt für die After Party auf. Ich kann das noch nicht so ganz fassen, dass ein Typ, der für mich Ende der 90er ein Riesenstar war (OG Taylor, liebe Swifties!), jetzt wenige Meter von mir entfernt in Ringelshirt und Jeans da steht und Lauryn Hill, Gwen Stefani, Katy Perry und Co. auflegt, vor einer versprengten Menge von den etwa 200-300 Fans, die nach dem Konzert noch geblieben sind. Bisschen wie Indie Night in Rostock, nur mit leicht anderer Musik. Das hätte meinem 90er-Ich mal jemand erzählen sollen! Und das alles in Toronto. Taylor ist drei Monate älter als ich, aber seit 22 Jahren verheiratet und Vater von sieben Kindern. In den 90ern war ich ja übrigens aus Prinzip Zac-Fan (wie ich auch bei den Kellys nie Paddy-Fan war), aber seit dem Konzert vor 19 Jahren hat Taylor sich auf den ersten Platz geschoben, unter anderem auch, weil er als einziger der drei bisher nicht mit fragwürdigen Aussagen aufgefallen ist. Und naja, optisch auch. 😁
DJ Taylor in Aktion
Nach einer knappen Stunde gehe ich dann aber doch – die Musik ist nicht so meins zum Tanzen und außerdem habe ich schon wieder die 20.000-Schritte-Marke geknackt und bin müde. Ich nehme das Streetcar nach Hause und friere mir auf den letzten Metern bei gefühlten drei Grad fast den Arsch ab, liege dann aber kurz nach Mitternacht glücklich und zufrieden auf meiner Couch und werde wild und witzig träumen. (Wusstet Ihr, dass Taylor Swift und Taylor Hanson früher zusammen waren, jetzt gemeinsam soziale Projekte anschieben und ich mich beim Mittagessen mit Taylor Hanson fast über Religion gestritten hätte?? Ich auch nicht, aber mein Unterbewusstsein!
Der Morgen beginnt recht früh, auch weil mein Gastgeber noch viel früher wach ist, als ich – unsere Schlafrhythmen sind sehr asynchron. Dafür aber geht er dann gegen 9 aus dem Haus und holt uns beiden Kaffee in seinem Stammcafé, während ich noch gemütlich im Bett auf dem Sofa liege, blogge und mit dem Liebsten telefoniere (Wir haben heute unser Fünfjähriges!). Gegen 10 dann bin auch ich fertig für den Tag und wir spazieren ein bisschen draußen herum und gucken nach etwas zu essen für mich. Am Ende landen wir dabei in einem neuen türkischen Café, in dem ich mir außergewöhnliche Baklava-Variationen hole.
Der Gastgeber muss dann weiter, Sachen erledigen, und ich setze mich ein bisschen in die Sonne, genieße mein Frühstück und mache Französisch und Italienisch. Dann nehme ich ein Streetcar zur nächsten U-Bahn-Station, fahre ein paar Stationen nach Osten, steige um und fahre ein paar Stationen nach Norden – so weit nach Norden übrigens, wie ich innerhalb Torontos noch nie war. Hier treffe ich dann bald auf den Pittsburgher und seine Freundin und wir fahren gemeinsam im Auto noch ein Stück bis zu einem Park rund um ein ehemaliges Ziegelwerk, wo heute ein Farmer‘s Markt stattfindet. Es ist verrückt, dass wir uns gerade noch (eine Woche bevor ich nach Kanada geflogen bin) in Berlin gesehen haben und jetzt zusammen in Toronto sind. Verrückt, aber sehr schön. Wir spazieren über den Markt und holen uns einen ersten kleinen Snack – für mich ein jamaikanisches Patty mit Kichererbsen und Grünkohl und ein Ting – so schade, dass es das in Berlin nicht gibt! Andererseits soll ich Grapefruit aufgrund meiner Medikamente eher meiden, von daher vielleicht doch ganz gut.
Die Beiden essen ein paar indische und ein paar griechische Snacks. Dann laufen wir durch den Park und erfreuen uns an sonnigem Herbstwetter und Ausblick.
Bevor wir nach knapp zwei Stunden wieder ins Auto steigen, hole ich mir noch ein „warmes Ingwer-Kurkuma-Tonic“ mit Zitrone, schwarzem Pfeffer und Kokosblütenzucker. Tut gut!
Wir fahren zurück in die Innenstadt – oder eher den Rand davon. Die Beiden haben Lust auf Hakka-Küche, die sie bei ihren letzten Toronto-Besuch entdeckt haben. Leider haben beide von uns angesteuerten Restaurants zu, so dass wir dann schließlich in einem Café landen, wo es Sandwiches und Salat gibt. Ich habe noch keinen Hunger, bzw. will mir meine Magenkapazitäten für anderes aufheben.
Unweit von hier ist dann nämlich ein Gelato-Laden, den die beiden ebenfalls bei ihrem Besuch entdeckten. Wir gönnen uns alle zwei große Scoops – für mich gibt es Ricotta mit kandierter Orangenschale und Sorbet aus lokalen Concord-Trauben – so, so gut! Dann steigen wir ein letztes Mal ins Auto und fahren ins „echte“ Toronto – dahin wo ich früher gewohnt habe und wo der Gastgeber heute wohnt (wir beide sind uns einig, dass Toronto sich eigentlich zwischen Waterfront, Ossington, Bloor und Yonge befindet und alles andere nur Beiwerk ist. Wir stellen das Auto ab und kehren erstmal kurz bei meinem Gastgeber ein. Ich überreiche dem Pittsburgher einen Beutel mit Dingen, die er in Berlin vergessen hat, ziehe mich etwas wärmer an (durch den Wind ist es heute echt ganz schön kalt) und dann ziehen wir zu viert los durch die Stadt. Die Drei verstehen sich so gut, wie ich erhofft und erwartet habe, sehr schön. Mein Gastgeber wohnt seit 35 Jahren in dieser Gegend und kann uns viel erzählen.
Wir laufen durch Kensington Market und China Town bis zur Art Gallery of Ontario, am Ontario College for Arts and Design vorbei (spannende Architektur!) und dann die Queen Street entlang nach Westen, durch den Fashion District, meine alte Hood, und bis zum Trinity-Bellwoods-Park.
Ontario College for Art and Design
Den Park verlassen wir in Little Portugal, ein paar Blocks weiter beginnt Little Italy und es wird langsam dunkel.
Noch ein paar Blocks weiter sind wir in Korea Town. Hier haben wir in einem äthiopischen Restaurant einen Tisch reserviert. Wir teilen uns zwei vegane Platten mit insgesamt acht verschiedenen Gerichten – jeweils vier gleiche und dann zwei verschiedene pro Platte.
Das Essen ist so, so gut! Die Amerikaner*innen schaffen nicht so viel, weil sie nicht so sorgsam geplant hatten, wie ich, aber „wir Torontonians“ schlagen uns die Bäuche voll, bis fast nichts mehr da ist. Dazu gibt es Gespräche rund ums Essen, Kochen, Backen, Fermentieren und die Sinnhaftigkeit verschiedenster Küchen-Gadgets. Und viel Gelächter immer wieder, weil die beiden Herren den gleichen Vornamen und auch sonst viele Gemeinsamkeiten haben und wir deswegen nach guten Namen suchen, mit denen man sie unterscheidbar ansprechen kann. JB und JG funktioniert nicht, weil es zu ähnlich klingt. Am Ende einigen wir uns auf vegan J und ovo-lacto J, weil der eine Veganer und der andere Vegetarier ist.
Satt und zufrieden laufen wir dann durch Korea Town zurück nach Kensington Market, machen Pläne für morgen und verabschieden die beiden Amis, die noch fast eine Stunde bis in den Vorort zu fahren haben, in dem sie übernachten. Mein Gastgeber und ich sitzen noch eine Weile, sprechen über kanadische und deutsche Politik, kanadische Literatur, die verschiedenen Instant Messenger und Chatkanäle, die man heute so braucht, um alle Freund*innen-Gruppen unter einen Hut zu kriegen (wir haben beide Messenger, WhatsApp, Signal, Instagram und Discord, ich außerdem noch iMessage, Threema, Telegram, Mastodon, Bluesky und Threads) und die guten alten Retro-Chatsysteme aus den 90ern – ICQ (hat diesen Sommer endgültig dichtgemacht), Trillian (alle Messenger in einem System – bessere Zeiten!) und IRC (gibts noch).
Gegen 11 dann mache ich mich bettfertig und der Gastgeber geht noch mal in seine Stammkneipe nebenan, wo Freunde auf ihn warten.
Gemütlicher Morgen im Bett auf der Couch mit der üblichen Morgenroutine samt Liebstentelefonat. Als mein Gastgeber dann auch wach ist, esse ich ein schnelles Müsli mit Granola, Mandeljoghurt und Hafermilch, dann geht es los ins Draußen. Wir beginnen den Tag mit einem entspannten Kaffee in der Sonne vor seinem Stammcafé.
Danach begebe ich mich auf die Spuren meiner Vergangenheit. Ich laufe meinen alten Arbeitsweg nach Downtown entlang – den ich damals allerdings fast immer mit dem Streetcar bewältigt habe, es sei denn, das war voll und fuhr vorbei – auch das habe ich jetzt noch nicht erlebt, aber ich war auch nicht zur Rush Hour unterwegs. Die Straße führt durch den Entertainment District, mit Kinos und dem kanadischen Walk of Fame, wo sich Leute wie Dan Akroyd, John Candy, Neil Young, Leonard Cohen, Bryan Adams, Cathleen O‘Hara, Margaret Atwood, Joni Mitchell, Buffy St Marie oder Celine Dion verewigt haben.
An der üblichen Haltestelle biege ich ab und laufe an der Kirche vorbei, in der ich damals aus höflichem Interesse mit einem Freund meinen ersten (und einzigen, außer zu Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen oder Weihnachten mit der Hasenfamilie) Gottesdienst besucht habe. War eine interessante Erfahrung ohne nachhaltige Auswirkungen auf mein Leben. Der Freund hingegen hatte bereits Anschluss in der Gemeinde gefunden und seine spätere Frau dort kennengelernt, wenn mich nicht alles täuscht – wir haben uns in den letzten 19 Jahren aus den Augen verloren.
Nächster Halt ist der Foodcourt in der Nähe von meinem ehemaligen Büro, in dem ich viele Mittagspausen verbracht habe und zum ersten Mal Pad Thai gegessen habe. Der Thai-Laden ist leider nicht mehr da, aber den Griechen (Mr Souvlaki) und natürlich den Tim Horton’s gibt es noch. Ich mache ein Foto vor dem alten Bürogebäude, laufe dann weiter von Downtown mit all den Wolkenkratzern nach Old Town. Im St. Lawrence Market bewundere ich die vielen tollen Stände, aber da ich ja gerade erst gefrühstückt habe, hole ich mir nur einen Obstsalat für später.
Dann fahre ich mit Bus (Schienenersatzverkehr) und Streetcar hinaus zu den Beaches. Hier sind die gleichen Häuser wie weiter drinnen Einfamilienhäuser oder Doppelhaushälften, alles sieht etwas gediegener aus. Ein Ort für gutsituierte Menschen, besonders da, wo man einen Blick auf den See hat. Ich spaziere erst auf der Promenade und dann direkt am Wasser entlang den Strand entlang.
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich mich am Meer wähnen. Es gibt Wind, Wellen, Möwen und das gegenüberliegende Ufer (die USA) ist ähnlich weit weg wie Gedser von Warnemünde, aber überhaupt nicht zu erkennen. Ich setze mich in den Sand und löffle meinen Obstsalat – drei Sorten Melone, Mango, Blaubeeren, Trauben und Feigen, alles superfrisch, superreif und herrlich aromatisch. Das Gefäß fasst etwa 300 ml und hat mich nur umgerechnet 2,67 € gekostet. Bei den Essenspreisen hier ein Hammer-Deal!
Durch einen kleinen Park laufe ich zurück zur Streetcar und fahre zurück in die City. Dabei weicht das Streetcar zweimal von der Stammstrecke ab, weil gerade eine neue (die dritte) U-Bahn-Linie gebaut wird. So bekomme ich noch mehr von der Stadt zu sehen als geplant. Im Eaton Center, dem gigantischen Einkaufszentrum, hole ich mir ein Ladekabel (meins liegt bei meinem Gastgeber auf dem Sofa), und einen Litschi-Bubble-Tea.
Damit setze ich mich draußen in die Sonne, lade mein Handy auf (die Powerbank habe ich nicht vergessen) und Fotos hoch. Dann treffe ich die Freundin von gestern wieder und wir besuchen die Miniaturenausstellung Little Canada die überraschend gut gemacht und unterhaltsam ist – definitiv eine Empfehlung! Besonders freut mich, dass es mein kanadischer Lieblingseisladen und das tolle Restaurant am Cabot Trail letztes Jahr in die Ausstellung geschafft haben.
Wir verbringen gute anderthalb Stunden in der Ausstellung und haben eine Menge Spaß. Danach treffen wir den Partner der Freundin in einer Hotelbar hoch über der Stadt. Wir kommen genau rechtzeitig zum Sonnenuntergang an. Es gibt leckere Cocktails (für mich mit Gin, Mandelsirup und Passionsfruchtsaft) und dazu ein Charcuterie-Board, Mini-Burger, frittiertes Hähnchen mit scharfem Dip, frittierten Halloumi und gebratene japanische Paprika. Die Bar ist allerdings recht dunkel – man kann das Essen kaum sehen, geschweige denn fotografieren. Es schmeckt aber sehr gut. Wir unterhalten uns über Familie, Jobs, politische und soziale Systeme in Deutschland und Kanada, Arbeitnehmerrechte (der Partner ist Gewerkschaftsführer) und vieles mehr.
Nach etwa zwei Stunden verabschieden wir uns und ich laufe noch ein paar Blocks nach Hause. Gegen 21 Uhr sitze ich nach gut 20.000 Schritten wieder auf der Couch. Ich schreibe mit dem Pittsburgher und seiner Freundin, die heute in Toronto angekommen sind und wir machen Pläne für morgen, dann mache ich gegen 11 das Licht aus.
Die Nacht im Flughafenhotel ist kurz und unruhig, natürlich ist sie das. Der Wecker klingelt um 3, als ich das letzte Mal aufwache und auf die Uhr gucke sind es nur noch zwölf Minuten. Also mache ich mir schnell einen Kaffee (Hotelzimmerkaffee, ich kippe zweimal Zucker und zweimal Whitener rein, damit es so früh am Morgen erträglich schmeckt) und drehe zum Wachwerden eine kurze Aufwärmrunde durchs Internet. Eine halbe Stunde später stehe ich auf, ziehe mich an, packe meine Siebensachen wieder zusammen und mache mich auf den Weg. Halb 4 checke ich aus, dann laufe ich über die Fußgängerbrücke hinüber vom Hotel ins Terminal, fünf Minuten später stehe ich am Check-in. Erstaunlich viele Menschen sind da, für einen Flug vor 6 Uhr morgens. Direkt hinter der Security ist die Filiale von Tim Horton‘s schon geöffnet und alle, die durch die eine Schlange durch sind, stellen sich dann dort an – ich also auch. Ich kaufe mir zwei Donuts zum schnellen Frühstück, damit die Tabletten eine Basis bekommen. Einen mit Ahornsirup-Überzeug, einen mit Apfelstückchen und Zimt. Dann laufe ich Richting Gate und habe noch eine knappe Stunde bis zum Boarding. Der gute Souvenirladen, mit den schicken Nova-Scotia-Tartan-Sachen, hat leider noch zu. Also sitze ich herum, telefoniere mit dem Liebsten und blogge.
Im Flugzeug muss ich um meinen reservierten Platz kämpfen, weil die Leute, die da sitzen, sich einfach irgendwo hingesetzt haben, ohne auf ihre Bordkarten zu gucken. Dann sitze ich aber so, dass ich mich anlehnen kann, ohne meinen Arm zu belasten. Ich würde gerne weiter schlafen, aber das klappt so nicht – immerhin ein bisschen die Augen zu machen, bis der Service durchkommt. Hinter mir wird fleißig geschnarcht, das höre ich sogar durch die Noise-Cancelling-Kopfhörer. Zweieinhalb Stunden später landen wir genau zum Sonnenaufgang in Toronto.
Das Flugzeug spuckt mich aus in das Gewimmel eines riesigen internationalen Flughafens. So viele Menschen auf einmal habe ich seit einem Monat nicht mehr gesehen! Bis zum Gepäckband ist es ein weiter Weg, aber dafür ist mein Koffer dann auch schon da. Ich schnappe ihn mir und folge den Schildern, fahre mit dem Shuttle-Zug vom einen Terminal zum nächsten und nehme von da den Zug in die Stadt. Dann muss ich in die Streetcar umsteigen, was ein bisschen kompliziert ist – mangelhafte Beschilderung, fehlende Barrierefreiheit, ich muss teilweise über einen Hinterhofparkplatz laufen und wenn Google Maps und der Strom der Menschen mir nicht Sicherheit geben würden, würde ich denken, dass ich hier falsch bin. Dann aber lande ich an der richtigen Station, finde mein Streetcar und bin endlich in meinem Wohlfühl-Toronto. Anders als vor 19 Jahren, als ich hier gewohnt habe, werden die Haltestellen jetzt per digitaler Anzeige und Durchsage angekündigt, das macht vieles einfacher. Damals rief der Fahrer (meistens Männer) einfach irgendwann in seinem eigenen Dialekt/Akzent den Namen der Station nach hinten und ob man es hörte und verstand, war Glückssache. Außerdem musste man sich bei ihm einen „Transfer“ aus Papier abholen, wenn man umsteigen wollte und vorher Papiertickets kaufen oder Dollars in Metall-Tokens umtauschen. Heute hält man beim Einsteigen einfach sein Handy (oder eine Chipkarten) an einen Sensor – fertig.
Nach einer halben Stunde steige ich aus und laufe die letzten paar Meter zum Haus des Freundes in Kensington Market, bei dem ich übernachte. Er hatte mir geschrieben, dass er wahrscheinlich noch schlafen wird, der Schlüssel aber im Briefkasten liegt. Ich fische ihn heraus, lasse mich herein und finde drinnen weitere Zettel mit Infos und dem WLAN-Passwort. Hach. Kurz nach 9 Uhr Ortszeit, sieben Stunden nach dem Aufwachen, liege ich wieder auf dem Sofa und versuche ein Nickerchen. Natürlich erfolglos, ich bin zu aufgeregt. Also gucke ich, was ich in den letzten Stunden verpasst habe und mache Französisch und Italienisch. Eine Stunde später knurrt mein Magen und ich gehe wieder nach draußen (von Kensington Market anderthalb Blocks nach Süden, durch Chinatown hindurch bis zur Queen Street) und gönne mir dort ein richtiges Frühstück – kanadisch mit allem, was dazugehört.
Zwei Spiegeleier mit Bacon, Würstchen und Bratkartoffeln, ein Riesen-Pancake, French Toast, gebutterter Roggentoast, Erdbeermarmelade und dazu einen Caramel Pumpkin Latte, es ist schließlich Herbst
Bis auf eine Scheibe Toast verdrücke ich das alles. Dann laufe ich wieder zurück, an dreisprachigen Straßenschildern vorbei. Hach, Multikulti-Toronto!
Wieder zurück ist mein Gastgeber inzwischen aufgestanden, macht mir einen Tee und dann sitzen wir erstmal und erzählen. Wir überlegen, wann wir uns das letzte Mal gesehen haben und bekommen es nicht mehr so richtig zusammen. Zuletzt in dieser Wohnung war ich jedenfalls vor 16 Jahren, aber er war danach noch ein paar Mal in Berlin, allerdings haben wir uns da nicht jedes Mal gesehen und auch diesen Sommer leider verpasst. Egal, es ist schön, dass es jetzt klappt! Nach einem Stündchen oder so brechen wir zu einem gemeinsamen Spaziergang durch dieses und die angrenzenden Viertel auf – meine alte Hood sozusagen. Kensington Market, Queen West, Trinity-Bellwoods, Little Italy. Wir gucken bei meiner alten Wohnung vorbei und machen ein Beweisfoto und kehren dann in die einer Salatbar ein, wo mein Gastgeber einen Salat frühstückt und ich einen Mango-Hibiskus-Vanille-Eistee trinke.
Ich war Kellerkind
Wieder zurück schmieden wir Pläne für die nächsten Tage und dann ist uns beiden wieder nach Nickerchen – klappt auch diesmal nicht bei mir, schließlich bin ich noch verabredet. Kurz vor 5 breche ich wieder auf und spaziere durch Kensington Market und den Discovery District (Museen, Universitäten, Parlament von Ontario) zu einem Restaurant, wo ich mich um 6 dann mit meiner Freundin treffe.
Kensington MarketTypisches Wohnviertel-StraßenbildAus der Hüfte beim Überqueren der Kreuzung geknipst Alt und NeuRauchfreier CampusParlamentSchwarzes SquirrelGraues SquirrelKreuzung mit zusätzlichem diagonalem Fußgängerüberweg – ich will das in Berlin!Tacos (für mich mit rohem Thunfisch) und Erdbeer-Passionsfrucht-Limonade
Das Wiedersehen ist toll! Wir wissen auch genau, wann wir uns das letzte Mal gesehen haben, nämlich als ich das letzte Mal in Toronto war, also vor elf Jahren. Damals war das Kind der Freundin sieben, jetzt geht es in Montreal aufs College. Wir haben uns also viel zu erzählen und in unser beider Leben ist sehr viel passiert seitdem.
Nach dem dem Essen geht es um 8 weiter ins Theater, zu The Thanksgiving Play. Eine Gruppe von Menschen versucht im Native American Heritage Month, ein altersgerechtes Theaterstück über (das amerikanische) Thanksgiving für Grundschüler*innen zu inszenieren und dabei in keinerlei Fettnäpfchen zu treten und dabei auch noch die Kriterien mehrerer Stipendienprogramme zu erfüllen. Stichworte Awareness, Diversity, Equity, Wokeness, Political Correctness usw. Natürlich sind zwei der Protagonist*innen auch noch aus der Yoga-Bubble und eine stellt sich im Laufe des Stücks als Weiße heraus, die nur „auch“ Native-Rollen spielt.
Es werden wirklich alle Register gezogen, rassistische Klischees bloßgestellt und gleichzeitig den aktuellen Bemühungen der Spiegel vorgehalten. Trotzdem bleibt es irgendwie unbefriedigend und hinter den Erwartungen zurück, will zu viel und schafft zu wenig. Einige Besucher*innen gehen schon während des Stücks, am Ende gibt es nur kurzen Höflichkeitsapplaus (niemand ist von der Bühne bevor er endet) und zur anschließenden Q&A-Session bleiben nur eine Handvoll Leute sitzen – wir nicht. Besonders meine Freundin ist enttäuscht, zumal das Drehbuch von einer indigenen Dramaturgin ist, die Regisseurin schon viele indigene Stücke inszeniert hat und einer der Schauspieler ihr schon aus gemeinsamen Arbeiten bekannt ist. Hmm.
Wir laufen gemeinsam zur Streetcar und fahren noch eine Weile zusammen, bis ich aussteigen muss. Kurz danach bin ich wieder „zuhause“, wo mein Gastgeber – ganz Kanadier – Hockey guckt. Ich schaue noch eine Weile mit, aber gegen 11 bin ich einfach zu platt. Wir beziehen die Couch für mich und er geht in seiner Stammkneipe weitergucken. Ich habe 21 Stunden Tag nach fünf Stunden Nacht hinter mir, 27.777 Schritte (mein persönlicher Rekord, 20,57 km) und zwei Wiedersehen nach langer, langer Zeit. Zum Einschlafen gucke ich noch Barack Obamas Wahlkampfauftritt für Kamala Harris heute in Pittsburgh, aber darüber fallen mir dann tatsächlich die Augen zu (und das Handy aus der Hand).
Zum Abschied gibt das Wetter heute nochmal alles. Das Frühstück gibt es noch drinnen, aber danach steht die Sonne so hoch, dass ich nochmal lange und ausführlich auf dem Deck sitzen kann, während die Chipmunks um mich herum Eicheln für den Winter sammeln und sich über der Bucht die Gänse versammeln um gen Süden zu ziehen.
Irgendwann muss ich dann auch meine Sachen sammeln, um weiter zu ziehen – nach Westen allerdings. Koffer packen und wiegen (trotz Mitbringseln noch 1 kg unter der Gewichtsgrenze, puh), letzte Kuchen aufessen, das obligatorische Abschiedsfoto mit den Eltern machen und dann sind die knapp vier Wochen hier schon wieder vorbei. Schnüff.
Wir fahren auf dem Highway durch buntes Herbstlaub Richtung Flughafen, machen dann aber noch einen touristischen Schwenker und verbinden das Nützliche mit dem Angenehmen. Erst halten wir (kurz, nur für Klo und ein paar Fotos) am Touristenmagneten Peggy‘s Cove.
Dann fahren wir noch ein wenig weiter, dahin wo kaum Touristen hinkommen: Polly Cove. Hier gibt’s noch eine kleine Mini-Wanderung durch herbstliche Tundra-Landschaft.
Dann setzen mich meine Eltern am Flughafen-Hotel ab und machen sich wieder auf den Heimweg. Wiedersehen in etwa vier Wochen dann in Berlin!
Ich beziehe mein Zimmer im Zehnten Stock und blicke direkt auf die Ankunftshalle, die ich sonst nur von unten kenne. Diese woken Kanadier*innen haben jetzt zusätzlich zum Fußgängerüberweg auch noch die Bäume in Regenbogenfarben angemalt!
Zum Abendbrot an der Hotelbar gibt es Blaubeer-Basilikum-Limonade und eine echte Lokalspezialität aus Halifax: die überraschend leckere Donair-Pizza. Eigentlich wollte ich danach noch in den Pool, aber da es dann schon recht spät ist und mein Wecker morgen um 3 klingelt, hüpfe ich dann doch nur noch schnell unter die Dusche und liege gegen 20:15 im Bett – da sind die Ellis gerade wieder zuhause angekommen.
Ich erwache zu stürmischem Wetter – die Bucht schlägt Wellen, die Bäume rauschen, es herbstelt gar sehr.
Zum Frühstück mache ich mein Knuspermüsli alle, das Ginger Ale wurde gestern schon geleert, die Chipstüte hoffentlich heute Abend – Restevertilgungsloosy ist am Start, denn morgen breche ich hier auf und nicht alles, was ich so esse, kommt auch meinen Eltern über die Lippen.
Nach dem Frühstück letztes Wäschewaschen und lange Couch-Session mit Blick auf die unruhige See. Ich absolviere meine Französisch-, Italienisch- und Sorbisch-Lektionen und beende dabei den A1-Teil vom Sorbischkurs. Wirklich können tue ich das alles aber noch nicht, ich glaube, den mache ich direkt nochmal, bevor ich zu A2 übergehe. Außerdem schaue ich mich im Internet um, schaue, was Kamala Harris in den letzten Tagen medial so getrieben hat, telefoniere mehrmals mit dem Liebsten, schreibe mit Freund*innen… Die Zeit vergeht.
Schon um 14 Uhr gibt es heute Kaffee und Kuchen, da abends ja ein größeres Gelage ansteht. Kurz darauf fängt es draußen an, richtig und heftig zu regnen.
Und dann beginnen auch schon die Vorbereitungen fürs Abendessen, denn pünktlich halb 7 trudeln die Gäst*innen ein – alles Deutsche nämlich. Die Nachbarn von der anderen Seite der Bucht, die von einer Informationsveranstaltung zum anstehenden internationalen Theaterfestival kommen, bei dem sie Teilnehmer*innen beherbergen werden; ein weiterer Nachbar, der gestern Abend erst aus Berlin eingetroffen ist und vorgestern noch live im Fernsehen war; eine ehemalige Nachbarin, die jetzt eine halbe Stunde weiter weg gezogen ist und gerade von ihrer letzten diesjährigen Tour als Reiseleiterin zurückgekehrt ist.
Regenbogenforelle mit Tsatsiki, gebackene Kartoffeln-Karotten-Sellerie, gedünsteter Brokkoli, gedünstete Möhren, Hasselback-Butternut-Kürbis, Salat mit Birnen und Blaubeeren.
Wir sitzen und schlemmen und trinken und erzählen – Geschichten aus der Nachbarschaft und dem kulturellen Leben der umliegenden Dörfer und Städtchen, DDR-Geschichten, Hurrikans, US-Politik, Kreuzfahrten pro und contra, Wildtierbegegnungen in Kanada und in Alaska… Anscheinend gibt es hier in der Bucht neben Waschbären und Bobcats auch mindestens einen Bären und einen Puma – und neuerdings ja auch ab und an Haie im Wasser. Es wird nicht langweilig! Gegen 10 ist dann allgemeiner Aufbruch – der Jetlag, der weite Heimweg… Und für mich geht es dann auch ins Bett, zur Vorbereitung des Schlafrhythmus auf morgen, denn dann muss ich sehr früh schlafen und dann noch früher aufstehen…
Heute morgen ist es trocken und zeitweise auch sonnig, das verlangt gewissermaßen nach Aktivität. Also nach dem ausführlichen Frühstück und der ausführlichen Internetrunde am Morgen usw. usw. Aber dann, gegen 13 Uhr, nachdem auch noch die über Nacht fertiggetrocknete Wäsche abgenommen ist, gehen Mama und ich recht optimistisch auf Pilztour. Es fängt auch gut an, mit einem Butterpilz relativ am Anfang. Dann aber wird es eher enttäuschend. Hier in der Nähe gibt es einen Pfad im Wald, der früher mal eine Bahnstrecke war – die Gleise gibt es schon längst nicht mehr. Normalerweise gibt es dort viele Pilze – mein Bruder und seine Freundin haben dort letztes Jahr Steinpilze ohne Ende gefunden. Scheinbar aber wurde dort in den letzten Tagen sehr viel gebaut – aus dem Pfad ist eine breite Schotterstraße geworden, wer weiß, zu welchem Zweck, und alles, was mal pilzträchtig war, wurde plattgewaltzt. Mama ist empört. Dafür gibt es aber wenigstens schöne Aussicht über die Bucht.
Wir kehren also mit einem Pilz zurück, finden dann ums Haus herum immerhin noch fünf andere (Champignons, Birkenpilze…), aber eine Pilzmahlzeit wird daraus jedenfalls nicht. Immerhin ist aber der Herbst jetzt auch wirklich eindeutig da gewesen und hat die Blätter angemalt.
Wir kehren nochmal für Kaffee, Tee und Kuchen (Reste von Pflaumenkuchen, Birnentarte und Schokoladenkuchen) zuhause ein und machen uns dann langsam bereit für unseren heutigen kleinen Roadtrip – im Vorbeifahren mache ich ein paar schnelle Herbst-Schnappschüsse.
Erster Halt ist heute Mahone Bay, wo wir neulich schon bei den südafrikanischen Freunden waren und letztes Jahr lecker essen. Vor 13 Jahren war ich zur gleichen Jahreszeit auch da, aber – ich habe gerade nachgesehen – habe nicht darüber gebloggt. Nur Facebook liefert Jahr für Jahr zuverlässig die Erinnerung. Jedenfalls, in Mahone Bay ist immer von Ende September bis zum kanadischen Thanksgiving (nächsten Montag) das Scarecrow Festival, in dem die ganze Stadt Vogelscheuchen aufstellt – Privatleute in ihren Gärten, Unternehmer*innen vor ihren Geschäften – oftmals mit passenden Bezügen oder popkulturellen Referenzen. Nur teilweise sind die Vogelscheuchen so gruselig, dass sie auch als Halloween-Dekorationen durchgehen – aber von denen ist die ganze Gegend eh schon spätestens seit Ende September auch voll – Spooktober auch hier. Das Scarecrow Festival zeigt dann auf jeden Fall die ganze Stars-Hollow-Haftigkeit dieser Gegend hier und ist deswegen immer wieder ein Erlebnis, schaut selbst:
Ja, das ist vor einem Friseur
Nach der Fototour durch den Ort fahren wir nochmal ins benachbarte Lunenburg, wo wir neulich schon zum Orgelkonzert waren. Heute lassen wir uns ein bisschen mehr Zeit zum Herumlaufen und Fotografieren
Spooktober und Oktoberfest – was ist gruseliger?Kanada, Deutschland, Nova Scotia und Mi’kma’ki
Zum Schluss kehren wir noch in einem der Lieblingsrestaurants meiner Eltern ein. Für mich gibt es lokalen Cider, Shrimp-Cocktail und Muscheln in Rosé-Knoblauch-Sauce.
Hinterher fahren wir mit einem Umweg über den Supermarkt für Einkäufe zu meinem morgigen Abschiedsessen („Fete“, wie meine Eltern sagen) wieder nach Hause. Gegen halb 9 liege ich müde und vollgefuttert wieder auf der Couch. Der Abend endet dann mit dem „60 Minutes„-Interview von Kamala Harris und hinterher noch ein wenig Downton Abbey (Ende Staffel 4 und Beginn Staffel 5).
Heute wieder Aufwachen zu blauem Himmel, gemütliches Frühstück (drinnen) gegen halb 11. Der Tag verspricht schön zu werden, keinen Tropfen Regen gibt es in der Wetter-App. Also direkt mal eine Ladung Wäsche waschen!
Danach steht die Sonne hoch genug und ich setze mich draußen aufs Deck für Runde zwei der Morgenroutine. Nebenbei schreibe ich mit der Freundin in Toronto und wir schmieden Pläne für das kommende lange Wochenende dort.
Als die Waschmaschine fertig ist, hänge ich meine Wäsche wie hier (also bei meinen Eltern) üblich, auf die Leine im Wald.
Kaum ist das erledigt, steht auch schon der heutige Besuch vor der Tür. Ein befreundetes Paar ist aus Halifax zu uns gekommen, Mama hat Pflaumenkuchen und Birnentarte gebacken. Wir sitzen und essen und gucken aufs Wasser und wechseln dann hinüber ins Wohnzimmer, an den Kamin. Die Sonne ist jetzt weg. Trotzdem hänge ich noch eine zweite Ladung Wäsche auf und stelle fest, dass die erste dank Wind und Sonne schon fast trocken ist. Kaum sind die Gäste wieder weg gibt es dann einen ergiebigen Regenschauer, den die Wetter-App uns verschwiegen hatte. Wir retten die fast trockene Wäsche nach drinnen und lassen sie dort zu Ende trocknen, der noch nassen wünschen wir für die Nacht alles Gute und hoffen, sie morgen dann trocken reinholen zu können.
Wo der Kamin schon mal an ist, bleiben wir dann auch gleich im Wohnzimmer – ich zum Beispiel bei einem schönen Mittagsschläfchen. Als ich wieder wach bin, dämmert es draußen schon langsam.
Zum Abendbrot gibt es die Reste vom gestrigen jamaikanischen Essen, dazu einen frischen Salat mit Birne, Blaubeere, Zitronendressing und Melisse.
Dann geht es zurück an den Kamin. Ich lese das schon vor einer Weile begonnene „In der Zukunft sind wir alle tot“ von Stefanie Sargnagel zu Ende, bevor meine Ausleihzeit in der Onleihe abläuft, mache dann Kreuzworträtsel und Handyspiele und höre mit einem halben Ohr mit, als meine Eltern die dieswöchigen Folgen von heute-show und ZDF Magazin Royale nachgucken. Ersteres ist anstrengend, weil es nicht so wahnsinnig witzig ist – der Part zum amerikanischen Wahlkampf ist schon von den (besseren) amerikanischen Late-Night-Comedians besser durchgenudelt worden, Oliver Welke kann „Kamala“ immer noch nicht vernünftig aussprechen, der Teil zur österreichischen Wahl hat viel Cringe-Potenzial und schmunzeln muss ich nur einmal kurz, als es um den Papst geht. Böhmermann hinterher ist anders anstrengend – immerhin mit Absicht und Konzept – I see what you did there! – aber lustig ist auch anders.
Als beides vorbei ist, gehe ich mit Downton Abbey in die Badewanne und dann nach einer Folge weiter ins Bett.