Nach recht guter Nacht mit nur kurzer Unterbrechung komme ich morgens trotzdem schwer aus dem Bett. Die Katzen kleben nach meinen zwei Wochen Abwesenheit immer noch sehr an mir und ich muss mich quasi unter und zwischen ihnen hinauswinden, was die Sache nicht einfacher macht. Dann ziehe ich mich rasch an, packe meinen Rucksack fürs Büro, füttere die beiden Biester, winke dem Mitbewohner zu, der auch sehr verschlafen aussieht, und mache mich auf den Weg zur Tram.
Während der Fahrt mache ich einerseits Duolingo, andererseits verfolge ich den Büro-Chat (der Arbeitstag hat schon angefangen). Es gibt Probleme mit der Stromversorgung, also gehe ich gleich bei Ankunft zum Empfang und nehme direkt einen Techniker mit hoch, der sich kümmert. Dann baue ich meinen Laptop auf, löffle mein Frühstück (den Rest Rhabarberkompott mit Müsli) und bespreche mich mit zwei Kolleg*innen. Überhaupt findet heute viel live und vor Ort statt, vieles außerhalb von formalen Meetings. Von denen habe ich nur drei – eins großteils vor Ort mit einer Person zugeschaltet, eins mit meinem Team (also Nord- und Südengland, Paris und Chicago) und eines nur mit Chicago. Drumherum viel Organisatorisches und viel Zwischenmenschliches. In der Mittagspause gehe ich meine Eltern besuchen, erzähle von Spanien und bekomme Gemüsesuppe vorgesetzt – und die Aussicht auf Übernahme des Fahrrads meiner Mama, die in Berlin aus verständlichen Gründen nicht mehr fahren will – vielleicht kommt ja dafür das in Kanada bald wieder zum Einsatz? 😉
Die Freund*innen der beiden, die ich hier eigentlich auch treffen wollte, verspäten sich leider, ich begegne ihnen aber immerhin noch unten auf der Straße, als ich ins Büro zurückkehre. Dort geht es befeuert mit einer Flasche Spezi weiter wie am Vormittag, bis ich kurz nach 18 Uhr die Segel streiche und nach einem letzten Austausch mit einem Kollegen die U-Bahn zum Yoga nehme.
Dort sind wir heute zu viert und in einem kleineren Raum, weil im großen gebaut wird, es ist wie immer sehr schön, aber mir fehlen die Baobab-Bäume aus dem Turia-Park schon ein wenig. Ich stelle sie mir dann beim Shavasana vor. Wir überziehen die Stunde ordentlich und als ich mich auf den Heimweg mache ist es schon dreiviertel 9. Ich komme noch an einem offenen Späti/vietnamesischen Obst- und Gemüseladen vorbei und kann sowohl endlich Mispeln kaufen (die in Spanien sahen immer schon zu überreif aus) und außerdem meine Balkonbepflanzung erweitern – mit Minze, Melisse, Rosmarin, Estragon und Salbei. Jetzt noch Thymian, Oregano und was fürs Auge (und die Schmetterlinge und Bienen) und das Arrangement ist perfekt.
Zuhause angekommen stelle ich schnell die Töpfe in die Kästen, füttere die Katzen und mache mir einen Abendbrotteller mit Käsebrot, Salamibrot, Radieschen, Banane und Mispeln mit einem Rest Tee. Den gibt es gegen halb 10 auf der Couch.
Gegen 10 mache ich mich bettfertig und schaffe es tatsächlich noch, etwa 40 Seiten zu lesen – das neu angefangene Buch ist übrigens „Lessons in Chemistry“ von Bonnie Garmus – wärmstens empfohlen von diversen Menschen (außer der Chemikerin Frau Brüllen) und das aktuelle Buch in unseren Firmen-Buchclub, lag zum Glück schon seit Weihnachten auf meinem Bücherstapel.
Die Nacht war gut, die Katzen kuschelig, der Morgen ist entspannt. Nicht viel zu essen im Haus (also frühstücksgeeignet – das Carepaket, dass der Mitbewohner von seiner mamma zu Ostern bekommen hat, mit Würsten und Käse und allem möglichen sonst wird noch eine Weile reichen), also gibt es einen kleinen Rest Osterbrot und eine kleine Schüssel Müsli ohne Obst, dazu Mate und Früchtetee. Der Arbeitstag lässt sich gemütlich an, drei Meetings werden abgesagt oder verschoben, die verbliebenen drei finden erst am Nachmittag statt. Ich puzzle also am Morgen so vor mich hin, endlich wieder Arbeit mit Katze auf dem Schoß.
Mittags drehe ich dann eine Einkaufsrunde zu Drogerie- und Supermarkt und werde vom eingetroffenen Frühling bei Sommertemperaturen fast erschlagen.
Die Tulpen habe ich fast verpasst, leider
Als ich wieder zuhause bin, gibt es den Mangosalat, den ich gestern eigentlich als Vorspeise bestellt hatte, zum Mittag und danach das erste Meeting des Tages – mit Ostfriesland, dem Berliner Büro, Pankow, Barcelona und London. Danach wieder Stillarbeit bis zum Meeting mit London. Zwischendurch telefoniere ich erst mit dem Liebsten, im Zug zu einer Dienstreise, und dann mit dem Teilzeitkind, das deswegen den Nachmittag über alleine zuhause ist, weil die Lehrer*innen heute Weiterbildung haben und sein Bonuspapa es erst am Nachmittag abholen kann, wenn er die kleinen Geschwister aus dem Kindergarten holt. (Mama ist auch auf Dienstreise.) Das Kindelein ist ganz zufrieden mit der Situation, es guckt fern und putzt nebenbei die Küche. Evtl. sollte man es öfter mal alleine lassen?
Dann ist es Zeit für das dritte Meeting, mit Chicago und Maine – hier sprechen wir neben den eigentlichen Themen auch über die Sonnenfinsternis, die beide Kolleginnen im Laufe des Tages erreichen würde, und wie sie sich noch eine passende Brille basteln könnten. Ich erzähle von meinem Total-Eclipse-Erlebnis 1999 in England und der partiellen vor einigen Jahren in Berlin.
Kurz vor 18 Uhr bin ich für heute fertig und gehe wieder raus, diesmal eine Runde über Baumarkt, Blumenladen und einen weiteren Supermarkt, mit dem Ziel der Balkonbegrünung. Scheinbar hat Berlin am Wochenende ordentlich zugeschlagen, die Ausbeute ist gering. Ich kaufe zwei schmückende Pflanzen mit gelben und orangenen Blüten, außerdem Katzengras, Schnittlauch, Petersilie und Basilikum.
Wieder zuhause topfe ich den Basilikum um – aus eins nach vier, in der Hoffnung, dass er so länger hält und wächst und gedeiht, entsorge alte und vertrocknete Pflanzen, verteile die restlichen Töpfe auf die Balkonkästen und gieße. Ein Anfang ist gemacht, aber Fotos gibt es erst, wenn ich ausreichend Pflanzen habe und mit dem Gesamtbild zufrieden bin. Ich durchsiebe noch die beiden Katzenklos (das auf dem Balkon wird ja jetzt auch wieder häufiger frequentiert, bringe Müll weg und hole frisches Streu aus dem Keller, dann habe ich Feierabend.
Ich verarbeite den ersten Rhabarber mit Ahornsirup, Erdbeersirup, Wasser und Vanillepuddingpulver zu Kompott. Dann mache ich mir einen deutsch-italienischen Abendbrotteller: Roggenvollkornbrot mit Butter und Kresse, Radieschen und dann kampanische Salami, Parmesan und eingelegte Zucchini. Gegessen wird erstmals auf dem Balkon, wo es auch nach 20 Uhr noch warm genug dafür ist.
Das Kompott gibt es dann aber schon drinnen auf der Couch (bei offener Balkontür), dazu Podcast und Spielen. Gegen 22 Uhr mache ich mich bettfertig und schlafe dann auch schnell ein, ohne Lesen heute.
Um noch möglichst viel vom Tag zu haben, hatte ich mir den Wecker auf halb 8 gestellt. Dann werde ich schon um 7 wach, döse aber immer wieder ein. Gegen 8 ist dann ein Munterkeitsstatus erreicht, der mir erlaubt, das Internet leer zu lesen und zu bloggen. Gegen 9 stehe ich auf, dusche, ziehe mich an und packe schon wieder meine Sachen, während ich mit dem Liebsten telefoniere. Ich hatte letzte Woche einiges in Madrid gelassen, das jetzt irgendwie in den Koffer muss, dafür wird der Wintermantel hündisch getragen werden müssen – gebraucht ganz sicher nicht, in Madrid und Berlin werden es heute entspannte 23/24 Grad. Die Hitzewelle, in deren Ende ich vor zwei Wochen bei Ankunft in Madrid noch gerutscht bin, hat mittlerweile Deutschland erreicht.
Kurz vor 10 gehe ich los in die Chocolaterie, in der wir vor zwei Wochen am Sonntag auch waren (drei Sonntage in Spanien, dreimal Churros – jetzt ist es Tradition). Mir fällt auf, dass das das einzige Lokal ist, in dem ich in den vergangenen zwei Wochen zweimal war.
Nach dem reichlichen Frühstück fasse ich einen Plan für die restliche Zeit bevor ich los muss und spaziere zum Königlichen botanischen Garten. Unterwegs besorge ich noch ein paar Souvenirs und dann geht’s ins Grüne und Bunte.
Mandelbaum mit Früchten
Auf dem Heimweg laufe ich dann mit vielen anderen mitten auf der Straße, die schon seit gestern wegen irgendeines Laufes gesperrt ist. Natürlich tue ich das. Manche Leute laufen trotzdem auf dem Gehweg, aber schon aus politischen Gründen muss es die Straße sein.
Wieder in der Wohnung verschnaufe ich nochmal kurz, trinke etwas Wasser, telefoniere nochmal mit dem Liebsten, schreibe meiner Gastgeberin einen Zettel, lege ihre Schlüssel, Madrid Travel Card und Valencia Travel Card hin – falls sie mal hinwill – und dann heißt es Abschied nehmen. Mit Rucksack, Rollkoffer und Wintermantel geht es zurück zum Bahnhof – zum Glück heute bergab. Am Museum Reina Sofia wickelt sich wieder eine Schlange um den ganzen Platz… Beim nächsten Mal muss ich wochentags Zeit haben und online ein Ticket kaufen, dann versuche ich das mal.
Der Bahnhof ist groß und unübersichtlich. Die Automaten helfen mir nicht wirklich weiter beim Ticketkauf, also gehe ich zum Schalter. Da gibt es dann unproblematisch ein Ticket zum Flughafen und irgendwann habe ich auch das richtige Gleis gefunden. Unspektakuläre Zugfahrt, dann wieder viel Lauferei auf dem Madrider Flughafen. Zum Gepäck abgeben muss ich meine Bordkarte scannen (eingecheckt hatte ich schon gestern), dann dem Schreck entweichen, dass ich draufzahlen solle, weil der Automat erst im zweiten Schritt ansagt, dass ich ja schon zugebucht und bezahlt habe und dann den Koffer abgeben. Ähnlich chaotisch ist es an der Security, für Leute, die nicht so oft fliegen muss das alles ganz schön undurchsichtig sein.
Nach der Security habe ich dann eine Viertelstunde Zeit, bis mein Gate angezeigt wird. Die nutze ich für noch mehr Souvenirkauf. Bis zum Gate laufe ich dann noch ganz schön lange – und schlecht ausgeschildert. Die 10.000 Schritte habe ich für heute längst erreicht. Das Boarding ist dann wieder unspektakulär und den Flug verbringe ich mit Podcasts, Schlafen und Kreuzworträtseln. Gegen halb 7 landen wir in Berlin. Dann wieder ellenlange Fußwege, aufs Gepäck warten und zur Bahn. Auch hier wieder – gut, dass ich mich auskenne. Trotzdem muss ich den Koffer Treppen runterschleppen. Und dann nochmal rauf – am Ostkreuz beim Umsteigen. Beim Betreten der Ringbahn schicke ich meine Essensbestellung ab, die ich beim Warten aufs Gepäck zusammengestellt hatte.
Ein letztes Kofferschleppen dann beim Ankommen zuhause. Nimbin maunzt mich an und schimpft, dass ich so lange weg war. Dann kommt er kuscheln. Noosa kommt direkt und freut sich. Meine erste Amtshandlung ist es, die Balkontüren aufzureißen und die Liegestühle auf den Balkon zu stellen. Dann gibt es ein Radler draußen – es ist 20 Uhr, schon dunkel (eine Stunde früher als in Madrid) und noch 20 Grad. T-Shirt-Wetter im Dunkeln am 7. April. Der Mitbewohner kommt dazu und wir quatschten kurz, bis mein Essen ankommt – warmer Glasnudelsalat mit Tofu und ein Mangosalat, den ich mir für morgen aufhebe.
Dabei telefoniere ich nochmal mit dem Liebsten, bevor ich mich in die lang ersehnte Badewanne lege. Gegen 23 Uhr liege ich bei offener Balkontür im Bett und fange mein neues Buch an – zehn Minuten später schlafe ich tief und fest.
Mit einer winzigen Wachpause gut durchgeschlafen und noch eine ganze Weile gemütlich liegengeblieben, nachdem ich mir Wasser mit Zitrone gemacht habe. Irgendwann nach dem Telefonat mit dem Liebsten stehe ich dann auf, denn es gibt ja noch einiges zu tun heute. Ich dusche und ziehe mich an, dann heißt es Kofferpacken. Bzw. erstmal Koffer, Rucksack und Handtasche. Da ich bei den heutigen Temperaturen lauschige 23 Grad sowohl hier als auch in Madrid ungern den Wintermantel mit mir herumschleppen möchte, muss der in den Koffer und nimmt dort eine Menge Platz weg, so dass dann nicht alles andere in den Rucksack passt. Außerdem will ich ja nochmal raus und da nur die Tasche mitnehmen.
Dann heißt es, die Wohnung in übergabefertigen Zustand zu bringen – aufräumen und den Abwasch der letzten Tage erledigen – ich habe es ein wenig schleifen lassen, weil auch pro Tag nicht so viel angefallen ist, jetzt also eine große Ladung. Außerdem schneide ich noch den letzten Apfel klein und packe ihn mir mit dem Rest Chips von gestern Abend als Reiseproviant ein – alle Reste ratzekahl verputzt! Yay!
Als alles fertig ist, gehe ich ins Draußen – zunächst zum Café um die Ecke, das mir die Gastgeberin als ihr Stammcafé empfohlen hat. Ich sitze an einem Tisch draußen und frühstücke Waffeln mit weißer Schokoladensauce, Rosenmarmelade und Pistazien, dazu heiße Schokolade und frisch gepressten O-Saft. Leider ist die heiße Schokolade nicht die richtige, die man zu Churros kriegt, sondern eher Kakao – hätte ich also auch Kaffee nehmen können.
Dann tragen mich meine Füße nochmal zum Meer. Es ist diesig heute (Sahara-Staub vielleicht?) aber trotzdem ordentlich warm und die Sonne hat trotzdem richtig Kraft. Ich setze mich nah ans Wasser, starre in die Wellen, beobachte mutige Schwimmer*innen und plantschende Kinder, atme tief die Seeluft ein und schnappe mir dann irgendwann mein Buch.
Nach ungefähr anderthalb Stunden vor dieser Kulisse verabschiede ich mich schweren Herzens und kehre ein letztes Mal zurück zur Ferienwohnung, um mein Gepäck zu holen. Damit geht es dann Richtung Tram-Haltestelle am Hafen. Unterwegs ruft es von der anderen Straßenseite – ein Kollege hat mich entdeckt und wünscht mir eine gute Heimreise. Hach. Mit der Tram geht es direkt bis in den U-Bahnhof, das hat den Vorteil, dass ich mein Gepäck weder die Treppe runtertragen muss, noch im Fahrstuhl steckenbleiben kann. Die U-Bahn fährt dann vom gleichen Bahnsteig, andere Seite, und bringt mich wieder zum Bahnhof. Dort duften die Orangenblüten wieder genauso intensiv wie am Ankunftstag und machen den Abschied perfekt.
Am Bahnhof habe ich noch ein paar Minuten Zeit und ein schlauer Mensch hat genau hier einen Bonbonladen mit Selbstmischmöglichkeit hingebaut. Folglich reise ich also mit gemischten Gummibonbons weiter (und einem Stück kandierter Pomeloschale – sehr lecker!)
Man muss dann warten, bis der Zug aufgerufen ist, dann darf man sein Gepäck durchleuchten lassen, das Ticket wird kontrolliert und man kommt auf den Bahnsteig. Der Zug hat heute 10 Minuten Verspätung, weil unterwegs irgendwo langsamer gefahren werden muss, ansonsten klappt alles so reibungslos wie auf der Hinfahrt. Ich habe wieder einen Fensterplatz mit Tisch und verbringe die Fahrt Apfel- und Chips-naschend und mein Buch auslesend. Kann man gut lesen und wahrscheinlich werde ich mir auch noch die Verfilmung (als Serie) anschauen. Schön auch, dass am Ende des Buches das Black-Cake-Rezept verraten wird.
Nach zwei Stunden kommen wir in Madrid an, an einem anderen Ende des Bahnhofs als ich abgefahren bin, bzw. als ich vor zwei Wochen vom Flughafen aus angekommen bin. Ich muss also ganz schön weit laufen, bis ich wieder auf mir bekannten Wegen bin, dann allerdings geht es ohne Probleme und Google Maps wieder zurück zur Wohnung meiner lieben Kollegin. Ohne Probleme stimmt nicht ganz, denn es geht natürlich wieder steil bergauf und ich bin ganz außer Puste, als ich ankomme. Mich erwarten ein lieber Brief und mein geliebtes Sofa. Die Kollegin war zwar Sonntag aus Frankreich zurückgekommen, ist dann aber Donnerstag wieder nach Irland abgereist und kommt dann erst nach einem Umweg über die Slowakei nach Madrid zurück, wenn ich schon längst wieder in Berlin bin.
Ich ruhe mich aus, trinke Wasser und recherchiere Dinge im Internet. Dann entscheide ich mich für ein Lokal fürs Abendessen und dafür, für spanische Verhältnisse früh hinzugehen (so dass ich auch an einem Samstagabend noch einen Tisch kriege und mich nicht mit anderen an der Bar drängen muss). Kurz vor 20 Uhr bestelle ich mir einen alkoholfreien Cocktail (Ananas, Maracuja, Vanille, Minze, Limette) und eine Paella mit Meeresfrüchten. Acht Tage lang habe ich in Valencia eine Gelegenheit gesucht, alleine Paella zu essen, in Madrid ist das kein Problem. Ist zwar nicht das valenzianische Original, aber ich mag Meeresfrüchte auch eh lieber als Kaninchen und außerdem gibt es in Madrid aufgrund des Hauptstadtstatus‘ angeblich sowieso die besten Fische und Meeresfrüchte des Landes. Schmeckt jedenfalls.
Kurz nach 9 liege ich wieder auf der Couch und gucke dann erst die beiden neuen Folgen LOL und dann noch ein bisschen auf YouTube herum, bis ich gegen Mitternacht ins Bett falle und schnell einschlafe. Letzte Nacht in Spanien, schnüff.
Es ist der 5. und wie jeden Monat ruft Frau Brüllen zum Tagebuchbloggen auf. Die anderen Beiträge zu “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” findet Ihr hier.
Der Tag beginnt erstmals kurz nach 3. In meinem Traum druckt jemand im Wohnzimmer etwas aus, es brummt und piept. Dann bin ich wach und es brummt und piept immer noch. Immer nur ganz kurz – tiefes Brummen, ein-zwei Piepser, Stille. Nach ein paar Minuten wieder. Ich nehme im Halbschlaf an, dass wirklich irgendwer in der Wohnung drüber oder der nebenan etwas druckt, gehe kopfschüttelnd aufs Klo, lege mich wieder hin, versuche einzuschlafen. Brumm-Piep! So wird das mit dem Einschlafen nichts. Ich versuche es erst mit Abwarten, dann stehe ich mehrfach auf und überprüfe sämtliche elektrischen Gerätschaften in der Ferienwohnung – Kühlschrank, Mikrowelle, Wasserkocher, Boiler, Klimaanlage, alles ist brav aus oder zu oder rührt sich nicht. Ich kehre zurück ins Bett und hoffe, dass das aufhört. Etwa zwei Stunden lese ich (zwischendurch fällt mir auch ein Arbeitsding ein, das ich kurz überprüfe), dann scheint wieder Stille zu herrschen und ich schlafe gegen 5 wieder ein.
Halb 7: Brumm-Klingeling. Statt dem Piepen jetzt wie eine Handymelodie. Nur noch zwei-dreimal, aber genug, um als Wecker fungieren. Ich bin recht gerädert nach dieser Nacht, aber es ist gar nicht so schlecht, dass ich schon so früh wach bin, der Wecker hätte auch so um 7 geklingelt. Ich lese das Internet leer, blogge und stehe dann auf – der Liebste hat heute frei und schläft hoffentlich noch, also kein Morgentelefonat. Ich dusche, putze Zähne, ziehe mich an und bereite meine Sachen fürs Büro vor. Eine Birne wird kleingeschnippelt und verdost, der Rest Müsli eingepackt (die Milch hier hatte ich ja gestern schon alle gemacht, also gibt es das Frühstück erst im Büro). Ich trinke den Rest Pfirsichsaft aus und dann laufe ich los.
Erst durchs verschlafene Fischerdorfviertel, dann wieder die laute lange Straße entlang – unter Palmen und Orangenbäumen – bis zum Büroturm an deren Ende. Halb 9 bin ich da und treffe direkt unten auf einen Kollegen. Wir fahren gemeinsam hoch und ich setze mich heute mit an seine Schreibtischinsel. Heute am Freitag sind sehr wenige Leute da, die beiden Neuen und der Kollege, der sie einarbeitet, und ein anderes Team, das als einziges am Freitag den Bürotag hat. Dafür sind heute 80% der Anwesenden deutschsprachig, was irgendwie ungewohnt ist nach den letzten beiden Wochen.
Ich hole mir einen Kaffee, kippe Milch ins Müsli und stelle fest, dass ich die Birnendose zuhause vergessen habe. Na toll. Dann hole ich mir wieder eine deutsche Tastatur aus dem Fundus, richte meinen Arbeitsplatz ein und dann kann es losgehen:
Ich baue schnell eine Seite im Intranet um und versende dann eine globale E-Mail als unser HR-Chef anlässlich des Weltgesundheitstags, der am Sonntag stattfindet. Ist natürlich alles mit ihm abgesprochen und von ihm abgesegnet. Dann poste ich noch etwas dazu in unserem globalen Chat und im Chat unserer Wellness ERG, wo sich eine Diskussion über praktische Gesundheitstipps für den Alltag entspinnt, Mission geglückt
Um 9:15 startet die virtuelle Kaffeerunde für das deutsche Team, heute mit Kolleg*innen in Berlin, Valencia, Ostfriesland, Hannover und auch Barcelona, wo eine Kollegin gerade weilt. Wir reden über das Essen, das Wetter, die Unterschiede zwischen Spanien und Deutschland und spinnen Ideen für die Zukunft
10:00 Meeting mit Ostfriesland
Danach kurze Atempause mit Abarbeiten von Kleinigkeiten und kurzem Check-in mit dem Liebsten, der mit dem Teilzeitkind auf dem Weg in ein Erlebnisbad ist
11:00 Meeting mit Biesdorf, Moabit, Prenzlauer Berg und Hannover
Hinterher Nacharbeiten zu meinem Meeting-Marathon von gestern, da muss noch einiges an Action Items erledigt werden
12:45 gehe ich mit einer ganzen Handvoll deutscher bzw. deutschsprachiger Kolleg*innen Mittag essen – heute gibt es Mexikanisch
13:45 Meeting mit Ostfriesland, Biesdorf, Lichtenberg und Hannover (daher die für Spanien unheimlich frühe Mittagspause)
Dann wieder Nach- und Abarbeiten von Dingen, die vor dem Wochenende erledigt sein müssen – Aufgaben abschließen, Tickets erstellen, Wochenbericht schreiben…
Gegen 15 Uhr nochmal ein spontanes Meeting mit Biesdorf (inzwischen im Auto), Ostfriesland und Hannover
Nochmal Nacharbeit, dann gucke ich das Tutorial von gestern zu Ende und baue mit diesem Wissen dann eine Datenvisualisierung nach, die eine Kollegin geschickt hatte – Achievement unlocked, jetzt kann ich das auch
17:30 Feierabend. Ich packe meinen Kram zusammen, räume die Tastatur weg, bringe Geschirr in die Küche. Wir erklären den beiden Neuen, dass sie jetzt auch endlich ins Wochenende gehen sollten. Ein Teil der anderen geht noch in die Kneipe auf ein Bierchen, aber mich zieht es ans Meer – morgen muss ich schließlich von hier weg.
Ich spaziere zum Hafen – es ist nicht so warm wie gestern und vorgestern, aber immer noch so 22-23 Grad und die Sonne scheint. Auf den Stegen sonnen sich Menschen und einige Mutige springen direkt ins Wasser.
Dann kommt der Strand. Ich kaufe mir an einem Stand eine letzte Horchata und ein Farton dazu und setze mich damit in den Sand.
Nachdem ich aufgegessen und ausgetrunken habe, wird es mir langsam kühl. Der Wind hat aufgefrischt und es ist Abend geworden. Nur noch 17 Grad. Einige Verrückte sind noch im Wasser, ich hingegen ziehe mir alles an, was ich habe und gehe am Wasser spazieren.
Es sind einige Angler am Start und eine Frau plus Kind, die im flachen Wasser nach Muscheln graben. Ich überlege, ob ich nochmal Essen gehen soll – Paella bekomme ich alleine auf keinen Fall, das habe ich in den letzten Tagen gelernt – und entscheide mich dann, zum Rest Käse und Birne, die ich noch habe, einfach noch etwas dazuzukaufen und zuhause zu essen.
Nach ausführlichem Wellengucken drehe ich also um und laufe zurück in mein Viertel. Im Supermarkt kaufe ich eine kleine Flasche Gazpacho, eine Tüte Chips (Pfeffer und Zitrone) und eine Zitronenlimo. Ich überlege noch kurz vor der abgepackten Fertigpaella, entscheide mich aber dagegen. Leider gibt es keine kleinen Portionen jamón und auch keinen Orangenlikör zu kaufen. Nun denn.
Zuhause gibt es dann also gegen 21 Uhr Käsehäppchen, Birnenhäppchen, Gazpacho, Chips und Zitronenlimo auf dem Sofa. Dazu und danach telefoniere ich mit der Kollegin und Freundin in Frankreich, die ja eigentlich auch gerne mit nach Valencia gekommen wäre und aus Gründen nicht konnte. Nach drei Stunden (kurz nach Mitternacht) legen wir auf und ich mache mich bettfertig. Ich schaffe etwa eine halbe Seite Lesen und dann bin ich weg.
Nachts wieder einmal aufgewacht, aber nach kürzester Zeit (1-2 Buchseiten) wieder eingeschlafen und dann erst vom Wecker geweckt worden, den ich auf die für mich normale Zeit gestellt hatte. Dementsprechend werde ich ein wenig hektisch als ich erst gegen halb 9 mit dem Bloggen und Telefonieren fertig bin und mich dann sehr rasch fertig mache. Ein schnelles Müsli noch und dann bin ich wieder auf dem Weg, die laute Straße entlang Richtung Büro. Ich gehe wirklich aus der Tür heraus nach rechts, zwei Straßen weiter nochmal nach rechts, ein paar Straßen später biege ich nach links ab und dann geht es etwa 20 Minuten stur geradeaus. Wobei die Straße selbst einen Bogen macht und ab nach dem Bogen sehe ich den riesigen Büroturm immer näher kommen. Insgesamt brauche ich etwa 25 Minuten, je besser ich die Strecke kenne, desto schneller werde ich – schon 4 Minuten schneller als die von Google Maps geschätzte Zeit.
Im Büro ist es heute noch voller als Dienstag, weil noch mehr Teams einen verpflichtenden Bürotag haben – ich sehe nochmal viele neue Gesichter, auch von Menschen, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite. Der liebe Kollege, von dem ich so viele Empfehlungen bekam, ist leider immer noch angeschlagen und bleibt zuhause. Ich suche mir ein Plätzchen in einer ruhigeren Ecke, am Fenster und Blickrichtung Park, hole mir eine deutsche Tastatur (es gibt Kisten mit verschiedenen Ausführungen, aus denen man sich bedienen kann), hole mir einen Kaffee in der Küche und starte meinen Arbeitstag kurz vor halb 10.
Der ist heute vollgepackt mit Meetings. Das mit meiner Chefin fällt aus, da sie heute frei hat. Bleiben noch sieben geplante, von denen zwei im Laufe des Tages noch von der jeweils anderen Partei verschoben werden. Also fünf:
Mit Berlin
Mit Paris
Mit London
Und zwei globale, in denen ich vor allem zuhören muss
Drumherum steige ich in die Projektplanung für eine Sache in zwei Wochen ein, spreche mich mit Menschen per Chat ab und tausche mich mit Menschen vor Ort aus. Mittags hole ich mir eine Etage drunter ein sehr leckeres Cubano-Sandwich und esse dann mit vier deutschsprachigen Kolleg*innen und einer Kollegin aus den Niederlanden, das Tischgespräch findet auf Englisch statt und die anderen haben sich alle etwas von Zuhause mitgebracht.
Eines meiner Meetings fand vor dem Essen statt, die anderen vier kommen back to back direkt danach, von 15:00 bis 17:45, mit dem einen verschobenen wäre es bis 18:15 gegangen. Danach geht es mit einer großen Gruppe Kolleg*innen – aus Deutschland, Indien, Spanien, USA, den Niederlanden, Mexiko und der Ukraine – in eine Bar um die Ecke. Wir müssen eine ganze Menge Tische und Stühle zusammenschieben, kommen aber nochmal in den vollen Genuss des 26-Grad-Tages, zumindest bis die Sonne um den Büroturm herum ist und es dann kühler wird.
Am Anfang bin ich mit einem Auge noch am Diensthandy, im Teamchat, aber so ab 18:30 kann ich mich auf die Gespräche um mich herum konzentrieren. Über das Leben als Expat in Valencia, Spanien zu Lockdown-Zeiten, Sportroutinen, das Leben mit dem Krieg in der Ukraine, das Leben für LGBTQIA+ in den Emiraten, das Leben als Frau in Indien, indische Musik vs westliche Musik, das Leben in unserer Firma früher und heute, die besten und schlechtesten Paella-Restaurants der Stadt… Leider zerstreut sich die Gruppe nach zweieinhalb Stunden, so dass ich auch heute nicht zum Paella essen komme.
Stattdessen laufe ich zurück in meine Wohnung, komme dort kurz nach 9 an und mache mir Reste zum Abendbrot – Tortilla, Salat und jamón werden aufgebraucht, die Milch war schon heute Morgen alle. So langsam muss ich an den Abschied von Valencia und kurz danach auch von Spanien denken. Morgen ist der letzte Arbeitstag hier, übermorgen geht es nach Madrid, Sonntag nach Hause. Wie immer bei Reisen fühlt es sich am Anfang ewig an und dann rennen plötzlich die Tage. Kurz nach 10 liege ich mit Buch im Bett.
Man könnte sagen, ich hätte sehr gut geschlafen, hätte ich nicht von halb 5 bis halb 6 wachgelegen und gelesen. Brutto allerdings von 11 bis 7, dem Weckerklingeln. Bloggen, Telefonieren, Duschen, schnelles Frühstück (letzte gezuckerte Erdbeeren mit Müsli und Hafermilch, Pfirsichsaft) und dann bin ich zu Fuß auf dem Weg ins Büro, gleiche Strecke wie gestern. Diese führt größtenteils an einer vielbefahrenen Straße entlang, alles andere wären große Umwege, von daher sind die Kopfhörer nötig, um den Lärm ausblenden zu können und die schönen grünen Bäume und den blauen Himmel genießen zu können – heute werden 26 Grad.
Im Büro ist es heute weniger voll als gestern, da niemand Büropflicht hat. Trotzdem sind etwa 15 Leute da – es sind eben doch fast dreimal so viele Mitarbeiter*innen in Valencia als in Berlin, das zeigt sich dann. Es ist ja eigentlich auch meetingfreier Mittwoch, so dass ich größtenteils einfach ruhig durcharbeiten kann.
Vorbereitung eines internen Events mit Kommunikationsplan und Austausch mit Kolleg*innen
Fertigstellung eines Projekts mit Versand des letzten ausstehenden Schriftstücks
Versand einer internen Mail an das deutsche Team mit einer Stellenausschreibung
Korrekturen an einem Blogartikel, der von anderen ins Deutsche übersetzt worden und schon live gegangen war
Lektorieren einer anderen Übersetzung, rechtzeitig
Aktualisierung einer internen Liste mit Mailverteilern und Abgleich mit verschiedenen Quellen
Mit meiner Chefin besprechen, in welchem Ausmaß ich meine KPIs im ersten Quartal erfüllt habe – wir sind uns einig
Weitere Arbeit mit dem Team an der Festlegung der Projekte und KPIs fürs zweite Quartal
Absprache und kurze Schulung zum Intranet für zwei Kollegen in Prag und Dublin (das einzige Meeting heute!
Anschauen eines Tutorials
In der Mittagspause hole ich mir eine Etage drunter ein Thunfisch-Sandwich mit Oliven und esse das dann gemeinsam mit einer Gruppe italienischer Kolleg*innen. Wir sprechen Italienisch mit englischen Einwürfen, bis ein französischer Kollege dazukommt, dann wechseln wir alle zu Englisch, normalerweise hätten sie sich auf Spanisch unterhalten, aber sie nehmen Rücksicht auf mich.
Mit den beiden neuen deutschsprachigen Kolleginnen unterhalte ich mich heute auch wieder. Die eine ist erschreckend jung, hat ihre Ausbildung erst kurz vor der Pandemie begonnen. Ich erzähle ihr nicht so im Detail, dass ich nächsten Monat 14jähriges Firmenjubiläum feiere.
Ich mache dann schon um 17:30 Feierabend, denn ich habe noch große Pläne. Bei schönstem Wetter laufe ich einmal fast komplett durch den Valencia durchziehenden Park (nebenbei Telefonat mit dem Liebsten und die erste halbe Stunde noch letzte Absprachen mit dem Team im Chat) bis zu einem Baobab-Wäldchen.
Hier bin ich mit einer ehemaligen Kollegin verabredet, die auch Yoga-Lehrerin ist und mittwochs zum Feierabend hier Kurse gibt. Wir sind heute nur zu dritt und sie hat mir eine Yoga-Matte mitgebracht. Es ist meine zweite Session mit ihr, die erste war während der Pandemie online, ich nahm vom Kinderzimmer des Teilzeitkinds aus Teil. Diesmal also live, mit Live-Korrekturen und in schönster Umgebung. Das ist toll! Ich kann die anderen Menschen im Park sehr gut ausblenden (die Geräusche nicht so). Das Yoga ist ähnlich sanft wie bei meiner Klasse in Berlin, nur werden die Positionen etwas länger gehalten, als ich gewohnt bin. Beim Shavasana komme ich in dieser Umgebung nicht ganz zum Abschalten, aber ich widerstehe der Versuchung, einfach in die Bäume zu gucken.
Nach der Session zeigt mir die Ex-Kollegin noch ein bisschen ihr Valencia. Wir laufen durch Altstadtgassen und sie bestellt uns einen Tisch fürs Abendessen (für 21 Uhr), davor trinken wir noch etwas – sie ein Bier und ich ein Agua de Valencia in der Außengastronomie, es ist immer noch hell und warm.
Zum Essen geht es dann zu einem linken Kulturverein, der seinen Mitgliedern (ich trete schnell bei, kostet nichts), ein veganes Überraschungsmenü anbietet. Wasser und Tee sind umsonst und am Ende zahlt man, was man denkt und sich leisten kann.
Marinierte rohe Zucchini auf BrotGegrillte Aubergine mit Honig und SesamReis mit Zeug und SeidentofuGlutenfreier Brownie mit Karamell
Wir essen und reden und haben uns viel zu erzählen. Nach guten anderthalb Stunden zahlen wir 15 € pro Person, ich wollte erst mehr geben, aber die Ex-Kollegin, die mit den Gegebenheiten besser vertraut ist, meinte das sei zu viel. Danach bringt sie mich noch zu meiner Tram-Station. Leider fährt eine Tram gerade ab, als ich ankomme, auf die nächste muss ich eine Viertelstunde warten. Dann geht es durch das dunkle Valencia zurück in mein Viertel am Hafen. Gegen Mitternacht liege ich glücklich und zufrieden in meinem Bett.
So, heute probiere ich dann also aus, wie sich die Normalität anfühlen würde, wenn ich in Valencia lebte. Zuerst aber klingelt der Wecker früher als normal, da ich ein bisschen Respekt vom Bürofinden, Reinkommen und Ankommen habe. Und dann wache ich natürlich auch noch vor dem Weckerklingeln auf, aufgeregt, wie ich bin. Dank früher Bettgehzeit habe ich aber trotzdem ausreichend geschlafen. Nach Lesen, Bloggen, Telefonieren und sogar Frühstücken und Apfelschneiden fürs Büro komme ich ausreichend pünktlich los und laufe mit Musik auf den Ohren eine knappe halbe Stunde bis zum Büro – anders als in Berlin bin ich hier eine der wenigen mit Musik auf den Ohren. Dafür sitzt schon arbeitende Bevölkerung in Grüppchen vor Lokalen und trinkt Kaffee, obwohl die Sonne gerade erst vor einer halben Stunde aufgegangen ist.
Das Büro liegt im vierten Stock des drittgrößten Wolkenkratzers von Valencia. Als erstes muss ich meinen vorbereiteten Badge abholen (und dafür meinen Ausweis vorzeigen), dann darf ich durch das Vereinzelungsdrehdings durchgehen, ohne meinen Rucksack durchleuchten zu lassen (obwohl die Gerätschaft dafür vorhanden ist). Die Fahrstuhlsituation ist spannend. Man muss außen wählen, in welches Stockwerk man will und bekommt dann angezeigt, welchen Fahrstuhl man nehmen muss. Im Fahrstuhl selbst nur die Anzeige, an welchen Stockwerken er hält, aber keine Eingriffsmöglichkeit. Mit Unterstützung von Einheimischen komme ich im zweiten Versuch auf die richtige Etage, aber scheitere dann an der Bürotür selbst. Zum Glück sehen mich Kollegen und lassen mich rein.
Schicker Essbereich an der Büroküche mit Blick in den „Innenhof“ mit lauter Restaurants und Läden – die untersten Etagen sind eine Mall.
Ich hatte mein Auftauchen im Büro zwar ausführlich angekündigt, trotzdem herrscht einige Verwirrung, da heute auch noch zwei Kolleg*innen aus Chicago erwartet werden, um eine Schulung zu halten, und zwei Kolleginnen neu anfangen. Bis das alles sortiert und zugeordnet ist, vergeht etwas Zeit. Ich suche mir dann einen Platz in der Nähe einer Kollegin aus, mit der ich recht viel zu tun habe und richte mich ein. Während ich noch beim Lesen und Abarbeiten der E-Mails bin, die am langen Wochenende aufgelaufen sind, gehen die ersten Kolleg*innen schon zur Frühstückspause – Kaffee und Süßkram. Spanischer Arbeitsalltag eben. Ich verzichte dankend, halte dann aber später ein Schwätzchen an der Kaffeemaschine in der Küche. Das Team hier ist sehr international, neben Spanisch und Englisch wird um mich herum auch viel Deutsch, Italienisch und Französisch gesprochen – wie eigentlich überall in der Stadt.
Ich erledige typische Monatsanfangsaufgaben: einen Newsletter versenden, die Firmenjubiläen im Intranet aktualisieren, Nutzungsdaten des Intranets vom Vormonat ziehen, aufbereiten und verteilen… Um 11 dann das erste Meeting, mit dem Berliner Büro, Biesdorf und Ostfriesland, für das ich mich in einen der Meetingräume zurückziehe. Die sind allesamt nach spanischen Malern (kein Gendern nötig) benannt und es hängt drinnen jeweils ein Druck eines ihrer Werke. Eigentlich habe ich El Greco gebucht, aber Mirò ist von der Ausstattung her passender und so buche ich um, auch für das Nachmittagsmeeting. Zur Mittagspause um 14 Uhr hole ich mir mit einer Kollegin eine Etage weiter unten ein Pad Thai (spanische Küche ist im Food Court eher nicht angesagt) und dann essen wir gemeinsam mit den beiden Neustarterinnen in der Küche. Die beiden werden genau wie die Kollegin auch für den deutschen Standort arbeiten und wir reden dementsprechend Deutsch.
Am Nachmittag dann weiter emsiges Arbeiten, eine Schulung muss eingeplant und kommuniziert und der Inhalt auf Vollständigkeit und Korrektheit überprüft werden. Danach Teammeeting mit Nord- und Südengland, Paris und Chicago plus Nachbereitung. Dann habe ich noch ein wenig Zeit, gucke mir die einzelnen Meetingräume an und buche meine Meetings für den Rest der Woche um auf Picasso. Gegen 18 mache ich Feierabene, erkläre den Kolleg*innen aus Chicsgo, dass sie jetzt noch nicht viel Glück mit Abendessen in Restaurants haben werden, und spaziere dann feierabendlich erst zum Hafen und dann zum Strand.
Ich sitze und gucke aufs Meer, telefoniere mit dem Liebsten, knabbere die restlichen Apfelstückchen und als mir kalt wird, mache ich mich auf den Heimweg. Unterwegs kaufe ich noch in dem Supermarkt ein, der jetzt endlich auch mal offen hat.
Zuhause wasche ich ab, bereite ich Abendbrot zu und mache Meal Prep für morgen früh: Ich putze zwei Artischocken und koche sie in Salzwasser mit frischgepresstem Zitronensaft, bereite Salat aus den letzten Tomaten und einer kleinen Gurke zu, richte mir einen Käse- und Schinkenteller mit Birne an, mache mir eine kleine Tortilla warm und zuckere die letzten Erdbeeren fürs Frühstück ein.
Zum und nach dem Essen (die halbe Tortilla und mehr als die Hälfte vom Salat bleibt übrig) gucke ich „The Lobster“, einen reichlich merkwürdigen, aber nicht umspannenden Film. Danach ist es schon weit nach halb 11 und ich mache mich direkt bettfertig, über noch Italienisch und mache dann gegen 11 das Licht aus.
Ohne Abstriche gut und lang geschlafen diesmal. Es ist sogar erstaunlich ruhig da draußen, dafür dass Spanien heute einen ganz normalen Arbeitstag hat, während ich noch feiertäglich faul im Bett liege. Ich mache mir recht früh ein Frühstückchen aus Tee, Saft, Apfel und Keksen im Bett, lese, blogge, telefoniere, spiele… Und stehe dann gegen Mittag auf. Heute ist der Tag, an dem ich frei habe und es nicht regnet, Zeit für Sightseeing also!
Ich laufe zur Straßenbahnhaltestelle, verstehe aber erst dort, dass die Straßenbahnen von hier aus nicht in die Innenstadt fahren, sondern entweder von der U-Bahn-Station bis zum Meer oder einmal weiträumig um das Zentrum herum. Also weiter zur U-Bahn-Station und von da ein paar Stationen Richtung Altstadt. Dort steige ich aus und befinde mich nach kleinstädtisch-maritimen Tagen plötzlich in einer Großstadt mit vielspurigen Straßen und hohen modernistischen Gebäuden. Die Architektur ist speziell, ansonsten könnte ich auch in jeder anderen europäischen Großstadt sein, die Läden sind die Gleichen.
Ich laufe durch Touristenmassen und denke „Potsdamer Platz“, dann weiter in die richtig echte Altstadt, mit Kathedrale und allem Pipapo, inkl. als Comicheld*innen verkleideten Schausteller*innen, die Kinder bespaßen und Geld einsammeln wollen.
KathedraleSeidenbörseZentrale Markthalle, heute geschlossenRunder Platz, Geschichte wieder aufgebaut und zur Einkaufspassage verunstaltet
Ich hake die wichtigen Sehenswürdigkeiten im Vorbeigehen ab und lasse mich dann ein wenig durch die abseitigeren Gassen treiben.
Dann mache ich mich auf die Suche nach einem Restaurant, dass mir ein Kollege für die „beste Paella“ empfohlen hat. Es ist abseits der touristischen Pfade und wird eher von Locals frequentiert, aber auch hier gilt: Paella erst ab zwei Personen. Ich werde mir an den nächsten Bürotagen Mitstreiter*innen suchen müssen, sonst klappt das nicht. Stattdessen esse ich wieder meeriges – heute Clotchinas (eine spezielle valenzianische Miesmuschel-Art) und frittierte Tintenfischringe und Mini-Tintenfische.
Nach dem Essen laufe ich hinüber in den „Stadtpark“. Nach einem schweren Hochwasser in den 50ern hat man den Fluss Turia um die Stadt herumgeleitet und aus dem Flussbett einen Park gemacht, der die gesamte Innenstadt durchzieht. Neben reinen Grünanlagen gibt es hier Gartenbereiche, Sportmöglichkeiten, Landschaftsgarten, Community Gardens und Kulturbetrieb jeglicher Couleur – und immer wieder Orangenbäumen. Ich spaziere von der Altstadt bis fast ans Ende, wo die großen Museen der Stadt sind. Unterwegs mache ich eine Pause mit Mandarinen-Granizado und Fartons am (künstlichen) Flüsschen.
Fast am Ende des Parks verlasse ich ihn dort, wo unser Büro liegt, in dem ich ab morgen für den Rest der Woche arbeiten werde. Ich gehe aber natürlich nicht hinein, sondern daran vorbei, und laufe von da weiter zum Hafen.
Meine Füße tun so langsam wirklich weh, kein Wunder nach stundenlangem Gehen und in den Barfußschuhen – wobei ich mich an die inzwischen echt gut gewöhnt habe. Ich gehe noch ein paar Schritte weiter (am Hotel Neptuno vorbei, hihi) und lege mich dann in den Strandsand und gucke auf die Wellen.
Das Liegen tut gut und ich hole meinen eReader heraus und lese eine ganze Weile, bis der starke Wind (und das Dauer-Peeling durch tiefliegenden Strandsand) es mir zu kühl und ungemütlich machen. Dann laufe ich noch eine Weile am Wasser entlang und später auf bekannten Wegen nach Hause. Dort angekommen schneide und zuckere ich mir ein paar Erdbeeren für später und setze mich nochmal mit eReader in den Hof, bis es auch da zu kühl wird – es ist etwa halb 8.
Ich mache mir zum Abendbrot Brot mit Olivenöl, Iberico-Schinken und Tomate, außerdem gibt es die Erdbeeren. Das Essen findet gemütlich im Bett statt und dazu und danach schaue ich „Love, Simon“ – nochmal Coming-of-Age-Film, nochmal empfehlenswert – und telefoniere zwischendurch mit dem Liebsten und dem Teilzeitkind (dies auch zwischendurch schonmal, auf dem Weg vom Büro zum Hafen). Kurz vor 11 dusche ich mir letzten Strandsand aus den Körperritzen und gehe schlafen, morgen klingelt wieder der Wecker und heute waren das über 22.000 Schritte.
Ich erwache gegen 8 (neue Zeit), was relativ OK ist, abgesehen davon, dass hier gestern halt noch bis 1 Uhr nachts (alte Zeit) Party auf der Straße war – und das Ganze heute Morgen auch noch irgendwie weitergeht, mit immer noch Trommeln und Bläsern und Live-Musik, so ab 10 Uhr. Und das trotz Regen, der heute den ganzen Tag über angesagt ist. Das lädt natürlich dazu ein, einfach im Bett zu bleiben, was ich auch sehr ausgiebig tue. Irgendwann hole ich mir Tee dazu, Saft, Müsli mit Erdbeeren und Hafermilch. Danach schlafe ich nochmal ein, da muss es gegen 12 sein – ich hatte gerade angefangen, ein paar Seiten zu lesen.
Irgendwann am frühen Nachmittag bemerke ich eine längere Regenpause, checke den Regenradar (keine meiner beiden Wetter-Apps liefert hier wirklich zuverlässige Ergebnisse und sie weichen auch noch voneinander ab) und beschließe dann spontan, wenigstens einen kurzen Spaziergang ans Meer zu machen. Also ziehe ich mich fix an und gehe nach draußen. Dort hat der Regen soweit aufgehört, dass blauer Himmel zu sehen ist und die Sonne mich im warmen Pullover fast schwitzen lässt. Ich richte meine Schritte Richtung Meer, bleibe dann aber auf der Promenade, statt mir die Schuhe mit nassem Sand vollzuschmieren.
Beeindruckende Springbrunnen-Konstruktion an Strandpromenade
Eigentlich habe ich vor, an der Strandpromenade bis zum Ende zu laufen und dann wieder umzudrehen und zurück zu laufen, dann riecht es aber aus einem der Restaurants ganz gut und es gibt sogar einen freien Tisch mit Meerblick. Ich entscheide mich also für ein spontanes Mittagessen.
Das Agua de Valencia schmeckt, aber weniger aromatisch als gestern Abend. Dazu gibt es valenzianische Tomaten mit Thunfischbauch, Salat, Jalapeños, Zwiebeln und Thunfischrogen und Tellinas mit einem Kräuter-Knoblauch-Öl-Dip. Beides sehr lecker – die Muscheln habe ich hier schon beim Vorbeigehen an diversen Bars gesehen und muss sie unbedingt ausprobieren. Während ich esse kommen die ersten Tropfen runter. Mist. Ich bleibe erst noch hartnäckig sitzen und flüchte mich dann nach dem Essen mit einem Getränk unter eine Markise, als dort ein Tisch frei wird. Jetzt regnet es sich ein.
Ich schlürfe meinen Drink und lese mein Buch zu Ende (James Hawes – The shortest History of Germany – gerne und mit Gewinn gelesen, gegen Ende fühle ich mich aber als Ureinwohnerin von Ostelbien auch ein wenig schlecht dabei, dass meine Existenz quasi das Unglück des richtigen Deutschlands ist, das nur wegen mir und meinesgleichen an einer endgültigen Westbindung scheitert und nie wirklich zur Ruhe kommt, seit über 1000 Jahren.) Ohne Buch wird es mir dann zu kalt und langweilig und ich nutze eine Verringerung der Regentropfendichte, um zu zahlen und zurück in die Ferienwohnung zu laufen.
Hier geht es erstmal schnell ins warme Bett zum Aufwärmen (und direkt wieder einschlafen). Gegen halb 6 snacke ich eine Banane und fange das nächste Buch an: Charmaine Wilkerson – Black Cake. Kurz vor 8 werde ich wieder hungrig und mache mir Abendessen. Es gibt Brot mit Olivenöl, Iberico-Schinken, halbgereiftem Käse und Tomate.
Dazu und danach schaue ich Filme – erst „Are you there God? It‘s me, Margret“, eine Coming-of-Age-Buchverfilmung. Ich glaube mich zu erinnern, dass die „alte Freundin“ das Buch mochte und verstehe, warum. Danach gucke ich noch „Only you“, eine RomCom mit Marisa Tomei und Robert Downey Jr, die auch noch größtenteils in Italien spielt. Venedig, Toskana, Rom, Portafino – die Bilder und die Schauspieler*innen sind besser als der Plot und hui, waren RomComs in den 90ern toxisches Zeug. Danach ist es fast Mitternacht, ich dusche noch und lese dann nochmal, bis ich einschlafe.