Ausnahmezustand

Trennungen sind Ausnahmezustand. Man wird in seinen Bed├╝rfnissen auf das Wesentliche zur├╝ckgeworfen. Isst man sonst zu relativ geregelten Zeiten, meistens mit anderen Menschen, so ist dieses Bed├╝rfnis nach einer Trennung auf ein Minimum reduziert. So wirklich Appetit hat man nicht. Ich kann mich in der Theorie an kulinarischen Leckereien erfreuen, mich an ein vollgestelltes Brunch-B├╝ffet w├╝nschen usw., aber in der Praxis sagen Gaumen und Magen: Och n├Â, lass mal. Erst wenn eine gewisse Hungermarke erreicht wird, l├Ąsst man sich dann doch hinab, etwas zu essen und zwar weit weniger kultiviert, als man es sonst gew├Âhnt ist: Im Stehen oder Gehen, Automatenfra├č, Eis um Mitternacht (direkt aus der Packung)…

├ähnlich ist es mit dem Schlafen. Ich habe diese Woche (teilweise noch Jetlag-bedingt) nie vor 2 Uhr morgens geschlafen und war dementsprechend den ganzen Tag ├╝ber m├╝de. Trotzdem war ich halt nie in der Lage, am n├Ąchsten Abend fr├╝her zu schlafen. Gestern nun war ich endlich so hin├╝ber, dass ich schon gegen 10 im Bett lag und vor 11 rettungslos weggepennt bin. Wach war ich dann allerdings auch schon kurz vor 6. Sobald das unmittelbare Bed├╝rfnis gestillt ist, ist man wieder voll da.

Lesen ist auch so eine Sache. Lesen kann ich grad nicht. Normalerweise atme ich ein Buch nach dem Anderen weg, aber momentan fehlt es mir an der n├Âtigen Konzentration. Selbst f├╝r l├Ąngere Texte im Internet reicht es nicht. Serien gehen, Filme habe ich noch nicht probiert. Es fehlt die F├Ąhigkeit, sich in etwas zu verlieren. Ich habe in den letzten Wochen (vielleicht auch zur Ablenkung von den immer gravierender erscheinenden Problemen) t├Ąglich diverse Stunden in ein Online-Spiel gesteckt, das mich im Moment einfach nicht fesseln kann.

Mein Kommunikationsbed├╝rfnis ist derzeit gro├č, erstreckt sich aber nur auf bestimmte Leute. Das sind vor allem enge Freunde sowie M├Ąnner, an denen ich mal intensiver romantisch und/oder erotisch interessiert war. Oder fl├╝chtige Bekannte und Kollegen, mit denen ich gerade NICHT ├╝ber die Situation sprechen muss. Was eher nicht geht, sind Familie oder Freunde, die den Verfall dieser Beziehung nicht so mitbekommen haben und also Informationsbedarf haben. Vielleicht, weil mein Denken gerade eher auf die Zukunft ausgerichtet ist (├ťberlebensinstinkt und Selbstschutz gemischt), als auf das gerade Beendete.

Interessant ist, dass trotz dieses Einschnitts vieles auch einfach gleich bleibt. Ich kann genauso gut herumalbern, ich lache ├╝ber dieselben Dinge, ich kann mich einigerma├čen gut auf die Arbeit konzentrieren, ich interessiere mich f├╝r ├Ąhnliche Themen im Internet… Tagespolitik hingegen ist mir im Moment herzlich egal, ebenso wie der Zustand meiner Wohnung (Also, der ist nicht egal, aber mir fehlen Kraft, Motivation und Wille, um so richtig aufzur├Ąumen und zu putzen und das ist irgendwie OK f├╝r mich.) oder Punkte auf meiner To Do-Liste, die im Moment einfach mal warten m├╝ssen.

Ist jetzt nichts Neues, aber an diese Gef├╝hle erinnert man sich wahrscheinlich einfach nicht, wenn man nicht aktuell davon betroffen ist. Insofern hab ichs mal aufgeschrieben, for future reference.