Irgendwann gegen 7 wird der Regen so laut auf den metallenen Fensterbrettern, dass ich aufwache. Noosa ist auch ganz wuschig und wir liefern uns eine kleine Keilerei, die bei mir mit einigen Kratzern endet. Das passiert sonst nur, wenn sie zum Tierarzt muss, sie ist generell eine sehr zurückhaltende, zarte Katze, die hauptsächlich mit mir Kuscheln will und dann ist das Leben schön. In letzter Zeit ist sie aber frecher geworden, stellt sich gerne mal auf meinen Oberkörper, setzt sich zwischen mich und den Laptop oder schaltet mir ganz nebenbei den Ton aus und grinst mich dann an. Nimbin hingegen liegt heute den ganzen Tag rum und chillt, mal zu meinen Füßen, mal in meiner Kniebeuge, mal auf meinem Bauch, und wird nur zu den Essenszeiten aktiver. So sind die jetzt also mit zehneinhalb.
Ich bin früh wach und absolviere also auch früh meine Morgenroutine. Dabei scanne ich meinen Körper und entdecke immer noch die gleichen Symptömchen wie seit Tagen. Ein weiterer Tag im Bett scheint mir recht angemessen und als der Liebste anruft und berichtet, dass er heute wieder mehr Symptömchen hat als zuletzt, verschieben wir unser Treffen nochmal. Dafür bringt er mich schon wieder mit Sachen zum Lachen, über die nicht alle lachen würden. Nach dem Telefonat mache ich mir und den Katzen Frühstück und dabei eine neue Pistaziencreme und saisonal passend ein Quittengelee auf. Dazu gibt es Sanddornsaft und wieder Ingwer-Honig-Zitrone.
Ich telefoniere mit meinem Bruder, der heute morgen aus dem Krankenhaus entlassen wurde und sich fragt, wo wir ständig unsere Infekte herbekommen. Danach beginnt der lange Tag des Nichtstuns, den ich mit Podcast hören, Handy spielen, Mittagsschlaf, Buch lesen und „The West Wing“ verbringe. Irgendwann am Nachmittag schreiben mir meine Eltern, dann telefonieren wir kurz. Zwischendurch halten sie das Handy ans Fenster für aufmunternde Aussicht und nach dem Telefonat schicken sie mir die Aussicht nochmal als richtiges Foto zu. Fernweh incoming.
Mittags und abends gibt es jeweils eine weitere Portion Colcannon von gestern und während einer der West-Wing-Folgen liege ich in der Badewanne. Nach der letzten Folge für heute lese ich noch ein Stündchen und mache dann pünktlich um Mitternacht das Licht aus.
Es war ja nun schon seit dem Bett-Office-Tag gestern so angedacht, dass ich einfach im Bett bleibe und mich der Genesung widme (ohne zu wissen, ob das funktioniert, bei meinen unbestimmten Symtömchen). Als ich wieder mit Hals- und Ohrenschmerzen aufwache, wird der Plan so umgesetzt. Die Wohnungseinweihungsparty findet heute ohne mich statt, das Treffen mit einer Freundin und ihren Kindern morgen sagt sie selbst ab. Körper und Geist fahren runter auf Bettruhe.
Ich lese das Internet leer, bediene die drei Italienisch-Apps, mache Wordle und Connections, telefoniere mit dem Liebsten und mache mir dann ein spätes Frühstück. Es gibt Käsebrot und hartgekochte Eier mit Sardellenpaste, eine Kaki und eine Birne, Sanddornsaft und Pfefferminztee mit Ingwer, Honig und Zitrone. Danach blogge ich und nehme dann mein Buch zur Hand und lese es aus – „Beyond that, the Sea“ von Laura Spence-Ash. Kommt aus dem Arbeitsbuchclub und liest sich gut weg, gegen Ende mit viel Rührungstränen. Als das Buch aus ist, mache ich mir ein frühes Abendbrot und bastle aus Guanciale, Kartoffeln und Wirsing einen irisch-italienischen Colcannon.
Beim Essen widme ich mich wieder „The West Wing“. Nach der ersten Folge werde ich sehr müde, mache die Augen zu und schlafe für ein Stündchen ein. Danach schaue ich die erste Staffel zu Ende, telefoniere mit dem Liebsten und schaue dann die ersten fünf Folgen der zweiten Staffel. Ich klappe den Laptop zu und nehme das nächste Buch zur Hand: Gerhard Dallmann – Dornenzeit. Nach 27 Seiten im 18. Jahrhundert auf Hiddensee fallen mir die Augen wieder zu. Ich wechsle zum Hörbuch und schlafe ein.
Wohl aus Sorge vor der Deadline heute Mittag werde ich früh wach und beende kurz vor 7 schon endgültig die Nacht. Das gibt mir die Zeit, morgens alles zu erledigen, bevor die Arbeit losgeht – inkl. kompletter Internetrunde, Wordle, Sequences, Duolingo, Babbel, Busuu, Handyspiel und Liebstentelefonat. Bei letzterem spekuliere ich darüber, ob ich gleich im Bett bleibe oder mich bis zur Deadline noch an den Schreibtisch setze. Ich habe immer noch Hals- und Ohrenschmerzen.
Die Frage erledigt sich dann, als beim Schnelltest eine schwache zweite Linie zu sehen ist – sie ist so schwach, dass ich unsicher bin, ob sich das Licht nur an der Linie spiegelt, die für die zweite Linie vorgesehen ist, oder ob da wirklich was ist. Ein zweiter Test ist negativ, aber ich bleibe vorsichtig und im Bett (nachdem ich mir vorher mit Maske noch Frühstück gemacht habe). Dann ab 9 erstmal drei Stunden hochkonzentriertes Arbeiten bis zur Deadline, die ich auf die Minute genau einhalte und um 12 dann das einzige Meeting des Tages, mit Biesdorf, Lichtenberg und Dortmund bzw. Herdecke. Erst dann ist Zeit für Durchatmen, einen dritten Test (negativ) und einen kurzen Schnack mit dem Mitbewohner.
Mittagshunger habe ich noch nicht, ich esse nur eine Satsuma und atme kurz tief durch, dann geht es nach 30 Minuten weiter mit den restlichen Aufgaben für heute. Es gibt noch genügend zu tun, um mich bis nach 17 Uhr zu beschäftigen – teils mit Deadlines heute, teils mit Deadline am Montag. Ausgerechnet heute hat der Liebste einen ruhigen Nachmittag und ruft mich regelmäßig an, um mir Belanglosigkeiten zu erzählen. Als ich endlich den Laptop zuklappen kann, rufe ich ihn sofort an und lenke ihn mit Belanglosigkeiten vom Zocken ab. Es ist eine ausgewogene Beziehung.
Außerdem gibt es jetzt Mittagessen und Abendbrot in einem, der Mitbewohner hat Nudeln mit Hackfleischsauce gemacht (kein ragù, sagt er, dafür hat es nicht lange genug geköchelt. Den Rest des Abends verbringe ich mit den ersten vier Folgen der neuen, letzten, Staffel „The Crown“ und dann noch einigen Folgen „The West Wing“, bei der letzten davon schlafe ich ein.
Gut geschlafen, aber insgesamt zu kurz, weiter diffuse HNO-Beschwerden ohne „echtes“ Krankheitsgefühl. Da mein erstes Meeting erst um 10 ist, beschließe ich, den Arbeitstag auch dann erst anzufangen und lasse mir morgens Zeit. Heute rächt sich das Meetinggeschiebe vom Dienstag – ich habe geplant sieben, tatsächlich dann sechs, weil für eines der andere Teilnehmer krank ist. Vier dieser Meetings habe ich am Vormittag, so dass ich kaum zu anderem komme. Nummer 1 mit Madrid, Paris, Dublin, Salerno, Brüssel. Nummer 2 mit Hessen und NRW, Nummer 3 mit Paris und Nummer 4 mit Nordengland. Zwischendrin rede ich kurz mit dem aktuellen und schreibe mit dem Ex-Mitbewohner.
In der Mittagspause dann gehe ich nach draußen, statt auf die Couch, und bringe erst Müll und dann eine Pfanddose weg. Das Wetter belohnt mich mit Aufklaren.
Zu Essen hole ich mir ein Banh Mi mit Rinderschmorbraten drin – die eine Hälfte gibt es direkt zurück am Schreibtisch, die zweite dann später zum Abendbrot. Dann stürze ich mich tief in die Auswertung einer Umfrage, sortiere und errechne Zahlen und lese die Antworten aus den Freitextfeldern. Den Teil muss ich morgen früh dann nochmal genau angehen, denn ich habe ja auch noch Meetings am Nachmittag – ein globales und eins mit Valencia und Chicago. Danach nochmal Zahlenschubsen bis 19 Uhr.
Ich gehe mit Banh Mi und alkoholfreiem Radler auf die Couch und telefoniere zum dritten Mal heute mit dem Liebsten. Korrektur zum Beitrag neulich: Das Handy des Teilzeitkinds hat auch mobile Daten, es ist jetzt also doch schon mit 10 in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Da es selbständig zwischen zwei Haushalten, der Schule und diversen Freizeitaktivitäten pendelt, war das nötig geworden. Mein inneres Kind gibt ihm gedanklich ein High Five, was mein erwachsenes Ich davon hält, werden die nächsten Begegnungen zeigen.
Um 8 steht eigentlich ein Webinar aus dem Adulting-Projekt in meinem Kalender, aber scheinbar wurde das verschoben. Stattdessen mache ich sozusagen „Hausaufgaben“ aus dem Projekt und lasse nebenbei drei Folgen „The West Wing“ laufen. Hinterher chatte ich noch mit meinem baskischen Freund in Liverpool über die aktuelle Regierungsbildung in Spanien und dann ist es plötzlich 23 Uhr. Ich räume noch den Geschirrspüler aus und ein, siebe das Katzenklo durch und dann falle ich ohne Lesen ins Bett.
Da ich ja von gestern so müde und erschöpft war, schlief ich einfach mal so sieben Stunden durch, ohne eine einzige Unterbrechung – selbst die Katzen ließen mich in Ruhe. Ich bin also deutlich ausgeruhter als gestern und nachdem der Schnelltest weiter negativ ist, kann ich wie geplant ins Büro gehen. Die Weg-Mate spare ich mir heute, ich bin innerlich aufgekratzt genug. Um mich mental für den Tag zu stärken, trage ich Orangensocken aus dem Spanienurlaub vor zwei Jahren, meinen Hiddensee-Hoodie und meinen Nova-Scotia-Schal.
Im Bürofahrstuhl
Beim Rausgehen sehe ich, dass das ältere alte Paar in der Wohnung nebenan heute auszieht, wahrscheinlich in eine barrierefreie Wohnung oder betreutes Wohnen oder so, die Möbel kommen jedenfalls alle mit, das ist beruhigend. Bis auf gelegentliches „Hallo“ und ein ausführlicheres Gespräch bei unserem Einzug vor nunmehr zehn Jahren hatten wir nichts weiter miteinander zu tun. Ich bin gespannt, wer als nächstes einzieht und relativ sicher, dass die Miete der Wohnung gewaltig ansteigen wird – im Rahmen des Erlaubten.
Im Büro angekommen schütte ich mir Hafermilch ins Müsli, schnipple einen Apfel hinein und hole mir einen Milchkaffee. Ich schicke dem Liebsten ein Foto des heutigen Startbildschirms – da wollen wir evtl. im nächsten Jahr wieder hin.
Dann fangen auch schon die vielen Gespräche mit Kolleg*innen an, über die beschissene Situation des sterbenden Kollegen. Es gibt viele Umarmungen heute, Erzählungen von früher, alle müssen sich das Thema von der Seele reden. Eine Kollegin sagt scherzhaft „Hallo Familie“ und hat irgendwie Recht damit. Das alles tut gut und hilft beim Verarbeiten und Einordnen – ähnlich wie oft die eigentliche Trauerfeier nach einer Beerdigung.
Eine muslimische Kollegin erzählt mir, dass nach ihrem Glauben bereits bei der Geburt der Todestag eines jeden Menschen festgelegt ist und man selbst darauf keinen Einfluss hat. Darüber denke ich lange nach. Das ist sicherlich manchmal tröstlich und hilft, nicht zu sehr mit dem Schicksal zu hadern, aber es entbindet einen auch irgendwie von jeglicher Verantwortung. Geht man denn zur Vorsorge, wenn man das glaubt? Schwierig. Am Nachmittag ruft mich noch eine ehemalige Kollegin an, die den Post des Kollegen auch gesehen hat und seitdem geistig damit beschäftigt ist und jemanden zum drüber Reden braucht.
Zwischen dem ganzen Reden ist natürlich auch Arbeit. Ich bereite Dokumente vor und übersende sie an zwei Kolleginnen in London und Madrid. Ich erteile Arbeitsaufträge an Kolleg*innen in Prag, Madrid, Warschau, Paris. Ich gehe einer Sache auf den Grund und bespreche mich dazu mit Kolleg*innen aus verschiedenen Teams und Führungsebenen vor Ort. Ich lektoriere eine Übersetzung für eine italienische Kollegin in Dublin. Ich ändere etwas auf unserer Corporate Website, ich helfe einem Kollegen vor Ort bei einer Formulierung. Ich recherchiere etwas für unsere Weihnachtsplanung und bespreche mich dazu mit einem Kollegen vor Ort…
Mittags gehe ich in den Food Court des Einkaufszentrums nebenan, stelle mir bei einem asiatischen Büffet einen vegetarischen und dazu noch sehr gemüselastigen Teller zusammen und esse den direkt vor Ort. Dabei kommen Erinnerungen auf an Toronto vor 18 Jahren. (18?? Das kommt mir beim Schreiben unheimlich viel vor, stimmt aber.) Da guckten ein Kollege und ich uns jeden Mittag an und fragten: Food Court oder Hot-Dog-Stand? Meistens wurde es der Food Court und dort meistens der asiatische Imbiss, wo ich mich meistens für das Golden Ginger Chicken mit Pad Thai als Beilage entschied. Das war meine erste Begegnung mit dem Konzept „Food Court“ – die Einkaufszentren in Bautzen und Rostock hatten so etwas nicht.
Am späten Nachmittag habe ich dann noch zwei Calls – einen mit London und einen mit Paris, London und Chicago. Dann ist der Arbeitstag um, ich bleibe aber noch etwas und suche im Archiv nach Fotos des sterbenden Kollegen. Die Kollegin aus Madrid hatte mich gestern Abend danach gefragt – sie wollte lustige Fotos, um sie ihm zu schicken und aufzumuntern. Ich gucke nebenbei auch nach anderen, weil ich ahne, dass ich demnächst auch eins ohne Partyhütchen brauchen werde.
Gegen halb 7 brechen ein Kollege und ich auf und laufen gemeinsam zu seiner Tram-Haltestelle. Wir haben uns wie immer viel zu erzählen. Morgen wird er bei einer Veranstaltung auf Christian Lindner treffen und aus Gründen womöglich Fotos mit ihm machen. Ich bitte ihn, Herrn Lindner von mir zu fragen, warum er arme Menschen hasst. Seine Bahn kommt auch nach zehn Minuten Warten nicht und die angezeigte Wartezeit wächst an. Er entscheidet sich dann für ein Uber und ich laufe weiter zu meiner eigenen Tram und fahre nach Hause.
Auf dem Weg habe ich große Lust, mir etwas zu essen zu bestellen. Zuhause ist dann aber sturmfrei und ich erinnere mich, dass der Mitbewohner aushäusig zum Essen verabredet ist und mir die Reste seines Abendessens von gestern angeboten hat. Es gibt also nicht von mir gekochte Pasta mit Brokkoli und das ist wie Essen bestellen, nur günstiger. Dazu Sanddornsaft.
Außerdem in der Post: Der Steuerbescheid mit der Bestätigung der Rückzahlung, die meine Software mir errechnet hatte. Noch ein Win. Ich fotografiere außerdem ein Behördenschreiben für den Ex-Mitbewohner und übersetze ihm den wichtigsten Teil.
Dann verbringe ich den Abend auf der Couch, mit Trevor-Noah-Podcast, Sprach-Apps und Liebstentelefonat. Wichtigste News: Das Teilzeitkind hat auf seinem Handy, das es bisher nur zum Fotografieren und Hörspielhören hatte und das nur im WLAN funktioniert, jetzt auch WhatsApp und wurde in die Familien-WhatsApp-Gruppe aufgenommen und ist sehr entzückt von einem süßen Video des Kindes der Schwester des Liebsten (dessen Tante ich ganz offiziell bin), das dort heute geteilt wurde.
Gegen halb 11 gehe ich in die Badewanne, gegen 11 liege ich im Bett und dann lese ich noch bis halb eins, bevor mir die Augen zufallen.
Ich sagte ja bereits, dass die Nacht furchtbar war – kurz, mit schweren Träumen und vielen Unterbrechungen. Morgens also neben sehr traurig und aufgewühlt auch sehr müde. Ich raffe mich aber trotzdem zum vollständig Anziehen und an den Schreibtisch setzen auf, weil abends ja noch Yoga geplant ist und ich also irgendwann aus dem Haus muss.
Inzwischen hat auch der Rest der Welt die Ankündigung des Kollegen gelesen und ich bekomme Nachrichten dazu aus aller Welt. Die im Nachhinein wichtigste ist die der Kollegin aus Paris, die sagt, wir sollen es heute langsam angehen lassen. Vor mir liegen sechs Meetings. Im Laufe des Tages werden zum Glück drei davon von der Gegenseite verschoben, das verschafft mir etwas Luft. Um 10 geht es los mit einem Call mit Warschau und Paris, um 11 dann länger und mit vielem Reden über den Kollegen und was man für ihn tun kann, mit verschiedenen Leuten in Berlin. Ich informiere nun auch offiziell den Rest der Belegschaft, gebe den Hinweis auf Unterstützungsprogramme der Firma und die Möglichkeit, sich Zeit zum Verarbeiten zu nehmen weiter und gehe in die Pause.
Nebenbei unterschwellige Aufregung weil mein Bruder heute wieder operiert wird. Die Mittagspause verbringe ich mit Rest-Salat von gestern und Handyspielen auf der Couch. Zwischendurch gucke ich immer wieder auf den Post des Kollegen, unter dem sich die Kommentare sammeln – von aktuellen und ehemaligen Kolleg*innen, Geschäftspartner*innen und Wegbegleiter*innen von noch früher (wir arbeiteten seit mehr als 13 Jahren zusammen, alles davor ist tiefstes Früher).
14 Uhr zurück an den Schreibtisch. Austausch mit Kolleg*innen, Vor- und Nachbereiten von Meetings, immer wieder der Blick auf die Uhr und die Frage, wann mein Bruder sich wohl wieder melden wird. 15:30 dann ein produktiver Call mit Madrid und Chicago, der zunächst nur mit Madrid anfängt, so dass wir natürlich über den Kollegen sprechen. Als die Kollegin aus Chicago dazukommt, vertagen wir das Thema auf später und machen uns an die Arbeit.
Die letzten Stunden des Arbeitstages werde ich langsam unruhig, weil sich mein Bruder noch nicht gemeldet hat. Ich telefoniere mit dem Liebsten, schreibe mit der Freundin des Bruders, klicke mich durchs Netz und versuche mich abzulenken. Es ist alles zu viel auf einmal. Ich mache um 17:30 einen frühen Feierabend und gehe zurück aufs Sofa. Kurz danach meldet sich die Freundin meines Bruders und sagt, dass er auf dem Weg vom Aufwachraum auf die Station ist. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Wenigstens die eine Last ist erstmal genommen. Dann telefoniere ich mit der Kollegin in Madrid, wir gleichen unser Erleben der Situation ab, tauschen uns aus, weinen fast und lachen viel. Auch das tut gut, ebenso wie die Sprachnachricht eines anderen Kollegen.
Jetzt, wo ich weiß, dass mein Bruder okay ist, kann ich auch zum Yoga aufbrechen – zwischenzeitlich habe ich das im Geist schon abgesagt, weil ich dort nicht erreichbar bin. So aber breche ich auf und laufe mit einem Podcast (Trevor Noah bei Dax Shepard) auf den Ohren durch den Pberg. Es ist erstaunlich warm. Das Yoga tut gut, auch wenn mein Körper schmerzt und ich gedanklich nicht von den Themen des Tages wegkomme. Beim Shavasana döse ich mehrfach weg. Auf dem Rückweg dann Nachrichten von meinem Bruder. Endlich.
Wieder zuhause schmiere ich mir schnell Stullen (Hiddenseer Wildschweinleberpastete, Bockshornkleegouda) und esse sie mit Cornichons und danach zwei Satsumas. Eigentlich wollte ich noch ein-zwei Folgen „The West Wing“ gucken, bin aber zu aufgewühlt und spiele stattdessen und schaue TikTok. Gegen 23 Uhr mache ich mich bettfertig und nach zwei Seiten im Buch schlafe ich völlig erschöpft ein.
Nicht wirklich ausgeschlafen in die Woche gestartet, zudem mit leichten Halsschmerzen – ich bin in einer komischen Zwischenwelt, in der ich mich zeitweise krank oder kränklich fühle und dann wieder vollkommen OK. Ich mache mir Tee aus frischem Ingwer mit Honig und Limette zum Müsli und setze mich nicht zu früh an den Schreibtisch. Die erste frische E-Mail des Tages weist auf den heutigen World Kindness Day hin und fordert uns auf, heute besonders darauf zu achten, zu uns selbst, unseren Mitmenschen und der Welt freundlich zu sein. Ein erster Call mit Dortmund um 10:30 findet in gewohnter Manier statt. Wir reden auch über das Wetter und in Berlin ist heute morgen strahlend blauer Himmel. Ich checke den Wetterbericht und sehe, dass es später ganz anders wird, also flitze ich nach dem Call erstmal direkt nach draußen und erledige meinen „was am Wochenende aufgebraucht wurde“-Einkauf.
Nach einer halben Stunde bin ich zurück am Schreibtisch und arbeite ab, was abzuarbeiten geht. Den zweiten Teil der Mittagspause verschiebe ich nach hinten, als sich herausstellt, dass die Kollegin in Warschau, mit der ich dringend etwas abklären muss, nur genau dann Zeit hat. Also eine halbe Stunde Call mit Warschau (Die Kollegin ist sichtlich sehr krank, arbeitet aber trotzdem, weil so viel zu tun ist…) und direkt im Anschluss Call mit Dortmund und Ostfriesland. Darin erfahre ich Neuigkeiten, die mich erstmal emotional aus der Bahn werfen. Gut, dass für danach Pause eingeplant ist.
Ich mache mir die letzten Tortellini warm, kuschele mit den Katzen und telefoniere nochmal mit dem Liebsten, der mir rät, die Emotionen erstmal sacken zu lassen und dass ich dann später immer noch und besser aktiv werden kann. Er hat natürlich Recht. Dann noch ein wenig abarbeiten vor dem nächsten Meeting mit Madrid und Chicago, direkt gefolgt vom wöchentlichen Team-Meeting und danach noch einen kurzen Call mit der Kollegin in Südengland. Als ich den Laptop zuklappe ist es fast 18:30.
Ich nehme mir ein alkoholfreies Radler vom Balkon, als Feierabenddrink und spürbare Zäsur für den Tagesablauf, mache mir aber vor dem Trinken auch noch einen heißen Sanddornsaft, weil es sich grad wieder kränklicher anfühlt. Dann gehe ich auf die Couch und schaue mir anderthalb Stunden Webinar aus meinem Adulting-Projekt an. Zwischendurch meldet sich der Ex-Mitbewohner und fragt, ob er kurz vorbeikommen kann. Er holt seine Post ab und wir sitzen eine halbe Stunde oder so in der Küche und er redet sich seinen Frust von der Seele – verständlichen Frust, er ist wirklich in einer beschissenen Situation gerade. Zwischendurch bedankt er sich bei mir für alles, entschuldigt sich, dass er mich immer so zulabert (und bedauert, dass er ausgezogen ist). Ich winke ab, nicht wegen des World Kindness Days, sondern weil sein Frust heute wirklich angemessen ist und ich bedauere, ihm nur mit Zuhören helfen zu können.
Als er geht, mache ich mir Feldsalat mit Birne, Gorgonzola und gerösteten Walnüssen zum Abendbrot, dazu gibt es getoastetes Brot mit Butter und den Rest vom Webinar. Danach komme ich direkt ins Tun (es ist halb 10 oder so) und fülle eine Excel-Tabelle soweit ich kann und heute schaffe aus. Nach zwei Stunden beschließe ich, dass es reicht und gehe mich bettfertig machen. Während das Elmex Gelee einwirkt, checke ich nochmal kurz das Internet und sehe, dass der Kollege, über dessen Neuigkeiten ich so betroffen bin, diese jetzt auch offiziell bei LinkedIn verkündet hat. Das Lesen und die vielen Antworten darauf machen dann auf eine gute Art emotional und ich kann ihm selbst ein paar Abschiedsworte schreiben. Er antwortet sogar noch sehr lieb, als ich schon im Bett liege. Ich leite die Info auch noch an den Hasen weiter, der gerade im Urlaub und nicht auf LinkedIn ist, aber letzte Woche auch an der Geld- und Gute-Worte-Sammelaktion beteiligt hat. Da hatten wir noch Hoffnung.
Ich versuche zu lesen, um runterzukommen und schlafe dann wohl irgendwann gegen 1 ein – eine unruhige Nacht, mit furchtbaren Träumen von todkranken Menschen in meinem Umfeld (nur der eine ist es wirklich) und mehreren Wachphasen, in denen ich mit den Gedanken bei diesem lieben Kollegen bin.
Das war nicht schlau von mir, bis nach 2 noch fernzusehen, denn kurz vor 9 werde ich schon von Geräuschen im Haus wach. Der Mitbewohner war aushäusig und selbst die Katzen haben sich rücksichtsvoll verhalten, aber das kann ich wohl von den anderen Mietparteien nicht verlangen. Seufz. Ich fühle mich eigentlich nach einem weiteren Tag im Bett, aber auch nicht richtig krank, es ist kompliziert.
Nach morgendlichem Herumtrödeln und ausführlichem Telefonat mit dem Liebsten (u. a. über Die Linke, die US-Demokraten und die heilige Sonntagsruhe) stehe ich irgendwann gegen 12 auf, füttere die Katzen, mache mir Frühstück und gehe damit dann nicht zurück ins Bett, sondern esse es im Sitzen. Damit suggeriere ich meinem Körper, das heute eben kein Bett-Tag ist und erstaunlicherweise klappt das ganz gut.
Ich erledige dann nacheinander Haushaltsdinge und setze mich dazwischen immer wieder kurz hin: Wäsche abnehmen und zusammenlegen, Spülmaschine anstellen, Wäsche waschen, um mein Bett herum aufräumen, Katzenhaare wegsaugen. Dann gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und hole meinen Papierkram hervor, der am Montag übrig geblieben ist, und breite ihn auf dem Bett aus. So kann ich nicht liegen, aber sortieren wäre jetzt relativ einfach. Dann telefoniere ich aber erstmal mit meinem Bruder und außerdem fragt der Lieblingsnachbar, ob wir spazieren gehen wollen. Auch noch mit Tageslicht und Aktivität manipulieren, gute Idee!
Ich ziehe mich untenrum richtig an, werfe oben wieder einen Hoodie über den Schlafanzug und dann kann es auch schon losgehen. Wir laufen etwa anderthalb Stunden durch den Pberg und unterhalten uns die meiste Zeit über den dieswöchigen Krankenhausaufenthalt des Lieblingsnachbars (ich habe eine Idee für eine Fernsehserie), dann über Büros und Arbeitskonzepte (die Firma, die er leitet, zieht demnächst um, meine evtl. im Sommer) und den merkwürdig unterschiedlichen Umgang der ehemals vernünftigen Leute mit Covid im Jahr 3. Dann stehen wir wieder vor meinem Haus, holen noch schnell seine Sackkarre aus dem Keller und dann gehe ich wieder nach oben.
Unterwegs habe ich Hunger bekommen und einen Essensplan gefasst. Ich koche tortellini tricolore, werfe nach zwei Dritteln der Kochzeit Tiefkühlerbsen dazu und mache in einem anderen Topf aus einer Dose Datteltomaten, Knoblauch, Kräutern und peperoncini eine schnelle Tomatensauce. Dann gieße ich das Wasser ab und die Sauce ein, verrühre alles und gebe auf dem Teller noch pecorino romano und etwas Olivenöl dazu. Sehr, sehr lecker!
Nach dem Essen widme ich wieder der Situation auf meinem Bett und verbringe knapp drei Stunden mit dem Sortieren und Durchdringen von Dokumenten. Kurz vor 20 Uhr habe ich für heute genug – der Posteingang von acht Jahren ist jetzt endlich durchsortiert. Was bleibt ist eine kleine To-Do-Liste und der Vorsatz, irgendwann nochmal neue Ordner zu kaufen und alles schön zu machen. Das ist dann aber Stufe 2, mit dem jetzigen Zustand kann man gut arbeiten und erstens Sachen schnell finden und zweitens neu dazugekommenes gleich richtig ein- und damit wegsortieren.
Jetzt habe ich so gut wie alles, was ich dieses Wochenende dringend machen wollte, erledigt. Yay! Ich gönne mir drei Folgen „The West Wing“, dann lege ich mich nochmal kurz in die Badewanne, esse noch eine Minischüssel Tortellini um nächtlichen Hungerattacken vorzubeugen und lese dann noch bis kurz nach halb 1 weiter in „Beyond that, the sea“.
Hui, mal eben zehn Stunden geschlafen, ähnlich wie in der gleichen Nacht der Vorwoche. War wohl bitter nötig mal wieder. Gemütlicher Morgen im Bett, Telefonat mit dem Liebsten – dem Teilzeitkind geht es besser und der Strich wird schwächer. Ich bin unsicher, was mit dem Tag anzufangen ist. Einerseits habe ich eine recht lange To-Do-Liste für das Wochenende, andererseits sagen Körper und Geist liegenbleiben. Ich vertage eine Entscheidung noch ein bisschen, dann fängt aber irgendwann meine Nase an zu laufen und ich nehme das als Zeichen heute liegenzubleiben und sage meine Verabredung für den Nachmittag ab.
Irgendwann gegen 12 stehe ich auf und mache mir Frühstück – zwei Stullen mit Käse, Toast mit Mandelmus, zwei Eier im Glas, eine Birne, einen Sanddornsaft, einen Hafer-Cappuccino und eine Kanne Kräutertee. Dabei treffe ich den Mitbewohner, der auch gerade aufgestanden ist. Wir sprechen über seine Pläne für das Wochenende und ich werde ein bisschen neidisch. Der Mann ist ein halbes Jahr älter als ich, aber führt aktuell ein Leben wie ich vor 20 Jahren als Studentin. Sicherlich auch, weil er gerade zwischen zwei Projekten ist und einfach Zeit hat, aber eben auch: Mehrfach die Woche ausgehen und was mit Freunden unternehmen, in einer Band spielen, Kultursachen machen. Er sagt, ich soll einfach mal mitkommen. Fühle mich sehr alt und müde. Ist das mein Post Covid, meine allgemeine Konstitution, die Nachwirkung von jahrelangem Einigeln oder ist mein Job anstrengender als ich mir eingestehe?
Anyway, mit dem Frühstück geht es zurück ins Bett. Ich höre heute mehr als sieben Stunden lang den „Alles gesagt“-Podcast mit Wolf Biermann. Puh, der Mann ist anstrengend. Und zwischendurch klug und unterhaltsam. Und dann wieder anstrengend und schwierig. Vieles zum Nach- und Weiterdenken dabei. Das Gute an diesem Podcast ist, dass ich mich auch mit Leuten intensiv auseinandersetze, bei denen ich es sonst nicht tun würde. Das Schlechte ist, dass der Podcast einen großen Teil meines Bettages einnimmt und ich in der Zeit nicht lesen kann, sondern eben vor allem Spiele spielen – und ein bisschen an Weihnachtsgeschenken basteln. Für Hausarbeit oder Spazieren wäre es natürlich auch gut, aber die habe ich ja für heute abgewählt.
Irgendwann nach 20 Uhr ist der Podcast vorbei und ich mache mir den Rest Suppe von gestern warm, dazu den Rest Salat und hinterher gibt es den Rest Halloween-Schokolade. Dazu und danach sieben Folgen „The West Wing“ – der Liebste nannte es mal liebevoll „Demokratie-Porno“. Wir haben vor drei Jahren oder so mal die ersten beiden Staffeln gesehen und sind dann wieder davon abgekommen, u. a. weil der Liebste es schon so oft gesehen hatte. Meinen Rewatch habe ich jetzt wieder von Anfang an gestartet, weil ich nicht mehr genau wusste, bis wohin wir gekommen waren. Es ist großartig und macht diesmal sogar noch mehr Spaß. Vielleicht, weil ich noch mehr Demokratie-Porno brauche gerade oder weil ich nach den drei Jahren noch mehr Verbundenheit und Parallelen zu meinem Team spüre. Meine Chefin ist ja sowas von CJ!
Ich mache dann den Laptop zu weil es schon halb 2 ist, nicht weil ich unglaublich müde wäre, lese noch ein paar Seiten und als sich Noosa zwischen mein Gesicht und das Buch legt, wechsle ich zum Hörbuch und schlafe dann doch recht schnell ein.
Heute dann seit langem mal wieder vom Wecker geweckt worden, nachdem es gestern ja etwas später wurde. Die Motivation ist irgendwo in den Urlaub geflogen, glaube ich, und insgesamt fühle ich mich ziemlich matt. Ob das nun an den vielen Viren liegt, gegen die mein Immunsystem nach den vielen Kontakten und Situationen diese Woche kämpft, an den diversen anderen Wehwehchen, die mein Körper so chronisch dabei hat, an allgemeiner Trägheit, der anstrengenden Woche oder doch am Novemberwetter vermag ich nicht zu sagen. Ich wäre jedenfalls bereit für einen mehrmonatigen Winterschlaf. Der Kompromiss ist dann, mir einfach einen Hoodie über den Schlafanzug zu ziehen und mich so an den Schreibtisch zu setzen.
Morgens gibt es erstmal vieles zu lesen – das E-Mail-Postfach ist voll und diesmal auch mit lauter Dingen, die ich verstehend und sinnerfassend lesen und idealerweise behalten muss. Als nächstes habe ich ein kurzes Meeting mit Ostfriesland, bevor ich anderthalb Stunden im Backend verschwinde um dringende Aktualisierungen durchzuführen. Das trägt mich zeitlich fast bis ins nächste Meeting, mit Südengland. Danach ist es schon Zeit für die Mittagspause. Entgegen meiner Vorsätze gehe ich nicht raus (ich bin ja im Schlafanzug), sondern setze ich mich nur ans Fenster beim Stullen essen. Gerade als es Zeit ist, an den Schreibtisch zurückzukehren, klart es draußen auf. Mist. Wäre das früher passiert, hätte ich mich vielleicht aufgerafft.
Am Nachmittag heißt es dann, letzte Dinge abzuarbeiten, die diese Woche noch erledigt sein müssen. Außerdem komme ich mit der Freundin (und Kollegin) in Frankreich ins Chatgespräch und wir verlegen das dann wieder in einen Videocall. Unter anderem gebe ich ihr Tipps für den Umgang mit unserem Projektmanagement-Tool, das für viele noch Neuland ist. Mein Team hingegen gehört zu den Early Adoptern und ich glaube, ich gehe ganz gut damit um. Um 17:30 habe ich meinen Wochenbericht abgeschickt und der Teil meines Teams diesseits des Atlantik verabschiedet sich ins Wochenende.
Ich telefoniere mit dem Teilzeitkind, das in seinen Zimmer isoliert ist, Comics liest und Fernsehen guckt und Corona gar nicht so schlimm findet. Dann koche ich mir Abendbrot. Das letzte Stück Kürbis muss ich leider wegtun, aber vom Sellerie ist noch genug gut, um daraus mit Kartoffeln, Zwiebeln und Brühe eine Suppe zu kochen. Dazu gibt es Fladenbrot und einen Salat mit Satsumas und Tahini-Dressing.
Der Mitbewohner und ich essen gemeinsam, bevor er sich nochmal „eine Stunde“ schlafenlegt. Er wird den Rest des Abends nicht mehr gesehen. Ich verbringe den Abend mit „The West Wing“, Schokolade und Katzen auf der Couch, nicke dann aber bei der vierten Folge mehrmals weg und gehe gegen 23 Uhr ebenfalls schlafen.