20.11.2023 – Novembermontag

Das Wochenende im Bett hat gut getan – körperlich geht es mir ein bisschen besser, seelisch habe ich definitiv aufgetankt. Allerdings bin ich der Welt auch ein bisschen entrückt und habe Mühe, mich wieder reinzufinden. Da ich weiß, dass der Arbeitstag nach hinten raus lang wird, eile ich mich morgens nicht allzu sehr und sitze erst kurz nach halb 10 am Schreibtisch. Und muss dafür das Licht anmachen. Mitten am Tag. Draußen ist es diesig grau und wird einfach nicht hell. Es ist doch ganz erstaunlich, dass das Wetter nach dem nicht enden wollenden Sommer jetzt wirklich komplett auf November umgeschaltet hat.

Ich sitze mit Pistaziencreme-Toast, Quittengelee-Toast, Ingwer-Zitrone-Honig und einem innerlich rosanen Apfel namens Kissabel Rouge aus der Biokiste vor dem Laptop und plane Tag und Woche. Drei meiner vier geplanten Meetings heute fallen aus – zwei mit Ansage, eins ohne, aber da das ohne mit der gleichen Person ist, die eines der anderen abgesagt hat, bin ich weder überrascht oder verärgert. Die Person besucht heute den sterbenden Kollegen im Hospiz, da kann so etwas banales wie eine Terminabsage einem schon mal durch die Lappen gehen.

Das andere Meeting wird von meiner Kollegin in Paris verschoben, weil sie zu viel zu tun hat. Da mein Tag jetzt sehr leer aussieht, nehme ich ihr eine Aufgabe ab, die mich dafür dann ordentlich Zeit und Nerven kostet – aber erst am Nachmittag. Bis dahin plätschert der Arbeitstag vor sich hin und ich habe zwischendurch Gelegenheit, das Katzenklo durchzusieben und zwei Maschinen Wäsche zu waschen und aufzuhängen. Meine Cousine schickt ein Bild ihres jüngsten Kindes (wird bald 2) mit Fahne auf einer Gewerkschaftsdemo.

Mittags gehe ich ins Draußen, ein paar Dinge müssen eingekauft werden. Testweise gehe ich dafür in den Discounter neben meinem normalen Supermarkt – irgendwann vor Jahren habe ich in einem Anfall von Lifestyle Inflation aufgehört, regelmäßig in Discounter zu gehen und mache das sonst fast nur, wenn es keine Alternativen in der Nähe gibt. Ich kenne mich daher vor Ort wenig aus und entdecke einiges an „Neuem“. Ansonsten bekomme ich fast alles, was auf meiner Liste steht, nur ist die Auswahl z. B. bei Bio-Produkten deutlich geringer. Nicht auf der Liste stehen Vanillekipferl und Elisenlebkuchen.

Der Liebste und das Teilzeitkind bekommen jedes Jahr eine Kiste mit Weihnachtsleckereien. Die Lebkuchen haben sie vor einer Weile abgewählt und um die Vanillekipferl gibt es immer Streit, weil wir die alle drei sehr mögen. Ich bevorrate mich also weise selbst. Außerdem gibt es hier bei den Backwaren frische Buchteln und die muss ich natürlich ausprobieren. Deshalb wandert auch noch Vanillesauce in den Korb – für eine Portion ist mir das selbst anrühren mit Puddingpulver zu anstrengend und würde auch zu viel. Für das letzte, was auf der Liste steht, gehe ich noch schnell in die Drogerie, freue mich über die schnelle Selbstscankasse und dann geht es wieder nach Hause.

Zum Mittag gibt es den letzten Rest Colcannon und dazu zwei Bio-Wiener, Sanddornsaft und die ersten Seiten des Monatsmagazins meines Berufsverbands. Dann geht es zurück an den Schreibtisch, wo auf einmal die Aufgabe, die ich der Kollegin abgenommen habe, ordentlich ab Priorität gewinnt, da die C-Suite sich plötzlich dahintergeklemmt hat. Ich dachte ja, ich mach das in den nächsten Tagen nach und nach, aber nein, da ist jetzt Druck auf dem Kessel. Nervig. Im Teamchat diskutieren wir hin und her und weil es schriftlich ist und asynchron ist das nicht sehr zielführend und dafür anstrengend. Zum Glück ist 17 Uhr dann Teammeeting und wir können das Ganze aufklären und auf den richtigen Weg bringen.

Das Meeting geht dann am Ende gute anderthalb Stunden, weil einfach mal wieder so viel zu besprechen ist. Wir schaffen es nichtmal, über alles zu reden, was auf der Agenda steht und müssen sehen, ob der Rest noch irgendwann drankommt oder ob dann wieder etwas anderes wichtiger ist. Das alles strengt mich heute irgendwie furchtbar an, so im Vergleich zum chilligen Wochenende. Immerhin hat ein Kollege aus Frankreich seinen Besuch morgen bei uns abgesagt, das entzerrt den Tag ein wenig und erleichtert generell meine Planung gleich für die nächsten Tage, beruflich und privat. Immer so viele Bälle gleichzeitig in der Luft.

Halb 7 klappe ich den Laptop zu, um 7 sitze ich mit Buchteln und warmer Vanillesauce auf dem Sofa und telefoniere zum vierten Mal heute mit dem Liebsten. Dann will ich abschalten. Fürs Lesen bin ich zu aufgewühlt, „The West Wing“ ist mir zu nah am Arbeitstag. Ich entscheide mich für einen Podcast von Jan Müller und Thees Uhlmann über die „10 besten Nirvana-Songs“ und spiele dabei auf dem Handy. Nebenbei schreibt mich der Kollege aus Chicago an und wir werten nochmal einen emotionalen Moment aus dem Meeting aus.

Nach dem Podcast folgt die entsprechende Playlist. Sehr schön. Dann ist es auch plötzlich schon 23 Uhr und ich mache mich bettfertig. Im Bett liegend öffne ich nochmal TikTok, dessen Benachrichtigungen ich am Tag ignoriert habe, und dort schlägt mir der Algorithmus die letzte Rede von Barack Obama beim „White House Correspondents Dinner“ vor. Verrückterweise schafft die es, mich endlich von meinen gestressten Arbeitsgedanken wegzulotsen – es war eine heilere Welt, niemand dachte, dass Trump die nächste Wahl gewinnen würde und Onkel Barry hat echte Stand-up-Qualitäten. Wenn man nicht zu weit weiter denkt, ist das sehr schön anzusehen. Irgendwann wechsle ich zum Hörbuch und schlafe dann schnell ein.

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