29.11.2023 – Schneetag im Büro

Mein Bürorucksack ist ja noch von gestern gepackt und Frühstück habe ich dort auch noch von gestern, also geht der Morgen heute recht fix und ich komme schnell aus dem Haus. Ich stapfe durch den Schnee zur Tram und nehme dann aber erst die zweite, weil die erste so voll ist. In der zweiten habe ich sogar einen Sitzplatz und kann Italienisch üben. Im Büro dann erstmal Begrüßung diverser Kolleg*innen, inkl. Umarmungen und Gespräche über den verstorbenen Kollegen. Nebenbei Frühstück (Müsli mit Hafermilch und Apfel, Espresso mit Hafermilch).

Alle sind emotional ein wenig drüber und es prasseln lauter Anfragen und Kommentare auf mich ein, die mir heute Morgen gehörig auf den Zeiger gehen – zu Dingen, für die ich nicht zuständig bin oder Dinge, die nicht so laufen, wie sie laufen sollten (u. a. weil mein Team wie die meisten anderen auch unterbesetzt und überarbeitet ist) oder Meckereien zu Sachen, für die sich mein Team den Arsch aufgerissen hat, an denen man aber trotzdem etwas zu bemängeln hat. Ich werde teilweise laut und patzig und gucke dann erstmal lieber eine Weile aus dem Fenster und beobachte den Schnee.

Gegen Mittag wird das da draußen ein veritables Schneegestöber mit viel Wind, so dass ich keine Lust auf den eigentlich geplanten Weihnachtsmarktbesuch habe. Stattdessen esse ich herumliegendes Obst, Kekse und Schokolade und dann hole ich mir einem Kollegen Weihnachten aus dem Lagerraum.

Der Nachmittag wird dann entspannter – Dinge abarbeiten, mit Kolleg*innen aus aller Welt Sachen koordinieren, den Spotify-Jahresrückblick durchgucken. Nicht wahnsinnig überraschend, aber wenn man so viele verschiedene Sachen hört wie ich (5471 Songs von 2309 Künstler*innen), werden dann auch kurze Phasen, in denen man an einer Band hängenbleibt gleich zu „meistgespielte Künstler*innen. Es ist also eigentlich nicht repräsentativ – vier davon sind welche, bei denen ich dieses Jahr halt auf einem Konzert war. Die dazugehörige Playlist ist es dann schon eher, auch wenn der Top-Song wie im letzten Jahr der ist, den wir in Kanada immer beim Losfahren hören, weil der Liebste darauf besteht.)

Irgendwann gegen 18 Uhr verlasse ich als Letzte das Büro und laufe dann durch den Schnee, der inzwischen dicht, aber sanft und gemütlich fällt, an der Spree entlang zu meinen Eltern und schaue nach Pflanzen und Briefkasten. Danach geht es mit U-Bahn und Tram nach Hause.

Dort ein kurzer Plausch mit dem Mitbewohner, während ich mir den letzten Rest Suppe warm mache. Dazu soll es Käsebrot geben, aber das Brot hat sich einen dicken Pelz angezogen und wird entsorgt. Toastbrot ist aber noch da, es gibt also Gemüsesuppe, Käsetoast und eine überreife Birne, dazu Sanddornschorle. Ab 20 Uhr dann zwei Stunden Workshop in meinem Adulting-Projekt, ich liege dabei auf dem Bett und werde von stürmisch kuschelnden Katzen bedrängt. Diejenigen, die sich die Aufzeichnung angucken, werden sich freuen. Kurz nach 10 telefoniere ich dann zum dritten Mal heute mit dem Liebsten und dann geht es mit dem Buch unter die Decke. Ich lese wieder eine gute Stunde und könnte noch länger, wenn sich Noosa nicht ständig zwischen mich und das Buch legen würde. Halb 12 gebe ich auf, mache ein Hörbuch an und die Augen zu.

28.11.2023 – Emotionaler Winterbeginn

Echt kalt ist es jetzt ja schon ein paar Tage, aber heute liegt draußen Schnee und so ist der kurze Herbst ab heute für mich gegessen, auch wenn es noch zwei Tage bis zum meteorologischen Winterbeginn sind – den kalendarischen kann ich in dem Fall sowieso nicht ernstnehmen. Winter also.

Ich hole die Liegestühle und Getränkekästen vom Balkon. Und ich mache einen Bürotag, weil ich nach den Nachrichten gestern bei und mit Menschen sein will, die ähnlich fühlen. Statt der Weg-Mate gibt es heißen Weg-Pfefferminztee und Mütze, Schal und Handschuhe.

Im Büro ist Müsli-Tag, das hatte ich vergessen, dass das dienstags ist. Also lasse ich mein mitgebrachtes Müsli samt Obst für morgen stehen, bediene mich am Cerealien-Büffet und ergänze mit Blaubeeren, Physalis, weißen und roten Trauben. Dazu gibt es doppelten Espresso mit Hafermilch. Im alltäglichen Konsum bin ich in den letzten Wochen fast komplett auf Hafermilch umgestiegen und es fehlt nix. Um 10 ein erstes Meeting mit Paris, danach habe ich ein wenig Luft, löffle mein Müsli und unterhalte mich mit einem Kollegen – nach herzlicher Umarmung vor allem über berufliche Sachthemen. Danach ist wieder Meeting – zwei sind aus Lichtenberg bzw. Ostfriesland zugeschaltet, wir anderen sitzen plus Hund im Büro.

Nach dem Meeting noch schnell Telefonkonferenz mit Ostfriesland und Nürnberg zur Abstimmung einer E-Mail und dann geht das normale Arbeiten heute los. In der Mittagspause gehe ich nach draußen – inzwischen scheint die Sonne am blauen Himmel, sowas muss man nutzen – und hole mir auf dem inzwischen eröffneten Weihnachtsmarkt eine warme Breze mit Leberkäse und süßem Senf – nicht sehr weihnachtlich, aber genau das Richtige für heute.

Zurück am Schreibtisch aktualisiere ich etwas im Intranet, bereite Talking Points für zwei Abteilungsleiter vor und beginne mit dem Erstellen einer Präsentation. Dazwischen immer wieder Gespräche mit Kolleg*innen vor Ort über den verstorbenen Kollegen und wie schnell das jetzt alles ging. Ein weiteres Meeting mit Paris habe ich dann auch noch und dann lichten sich langsam die Reihen im Büro. Ich telefoniere zum ersten Mal heute mit dem Liebsten (morgens war keine Zeit) und dann breche ich auf zum Yoga.

Unterwegs höre ich eine Folge unseres internen Podcasts, den wir im Sommer 2020 aufgenommen haben. Der am Sonntag verstorbene Kollege spricht darin mit zwei anderen über sein Erleben von Kurzarbeit, Lockdown und Homeofficepflicht. Es ist traurigschön, seine Stimme zu hören, aber nach einer Weile beschäftigt mich der Inhalt mehr. Wie optimistisch wir damals waren, dass das Schlimmste überstanden ist, dass wir als Firma in Deutschland gut durch die Krise kommen, dass ja gar nicht klar ist, ob es eine zweite Welle geben würde. Drei Jahre später sind wir aus Gründen nur noch ein Sechstel der Mitarbeiter*innen hier am Standort. Was für ein Zeitdokument!

Das Yoga ist schön aber heute wahnsinnig anstrengend. Abschalten schaffe ich auch so gar nicht. Trotzdem tut es gut. Auf dem Heimweg telefoniere ich wieder mit dem Liebsten. Zuhause angekommen mache ich mir Suppe warm und setze mich damit und mit einem Erdbeerradler auf die Couch. Nach dem Essen lege ich mich in die Badewanne und höre erstmals in diesem Jahr meine Weihnachtsplaylist. Dann geht es ins Bett – heute mit Buchlesen, wie schön.

27.11.2023 – Schwerer Tag

Der Liebste wird des Nachts immer wieder von Hustenanfällen geschüttelt – und ich mit – Reizhusten in der Nachfolge des letzten Infekts, der höchstwahrscheinlich Covid war (zum dritten Mal), sich aber nicht mit Test nachweisen ließ. Kurz nach halb 6 sind wir beide endgültig wach und trinken dann bald resignierend Kaffee im Bett. Immerhin viel Zeit für Morgenlektüre, Bloggen und alle diese Dinge. Halb 7 klingelt der Wecker des Teilzeitkinds, Dreiviertel 7 wird es endgültig zum Aufstehen gedrängt. Eigentlich soll es halb 8 aus dem Haus aber heute dauert alles etwas länger. Aber auch mit einer knappen Viertelstunde Verspätung wird es dank Roller noch pünktlich angekommen sein.

Als die Wohnungstür ins Schloss fällt, gehe ich ins Bad und dann begleitet mich der Liebste noch bis zur S-Bahn. Ich nutze die Fahrt für die Sprach-Apps und höre dann Monchi bei Feelings zu. Kurz vor 9 laufe ich von meinem S-Bahnhof nach Hause und treffe auf dem Weg den Lieblingsnachbarn, der gerade auf dem Weg ins Büro ist. Wir verabreden uns für später in der Woche. Zuhause angekommen setze ich Teewasser auf und will mir gerade Frühstück machen, als mich die Nachricht erreicht, das unser todkranker Kollege gestern gestorben ist. Fuck. Frühstück fällt erstmal aus. Ich gebe den Katzen schnell ihr Futter und setze mich mit Tee an den Schreibtisch.

Der Tag versinkt im emotionalen Chaos – zwischen Erleichterung, dass der liebe Kollege nicht mehr leiden muss und dass der furchtbare Schwebezustand ein Ende hat immer wieder Fassungslosigkeit und Trauer. Ich spreche mit vielen Kolleg*innen, alle in unterschiedlichen Phasen der Trauer und Verarbeitung. Ich sage meiner Chefin Bescheid und organisiere Dinge, sorge dafür, dass alle am deutschen Standort Bescheid wissen und wissen, dass sie sich heute nicht zu Höchstleistungen zwingen müssen, sorge dafür, dass ihre Vorgesetzten im Ausland das auch so sehen und Verständnis haben, schreibe meine erste offizielle Rundmail zum Tod eines Kollegen, sage ehemaligen Kolleg*innen Bescheid, mit denen ich in den letzten Wochen dazu in Kontakt war, setze auf eines der Fotos, die ich in den letzten Wochen herausgesucht habe einen Schwarz-Weiß-Filter, finalisiere Pläne für das offizielle Verhalten der Firma und setze diese durch.

Etwas zu tun zu haben, fühlt sich gut an. Aber da sind noch die anderen Aufgaben, die nichts mit dem Thema zu tun haben. Die brechen mir heute das Genick. Ebenso das merkwürdige Verhalten weitgehend unbeteiligter Personen. Gerade noch habe ich allen geschrieben, sie sollen sich heute selbst Zeit und Raum geben, aber ich muss mich mit so einem Scheiß rumärgern? Bevor ich unflätig wäre, ziehe ich die Reißleine und gehe für eine Weile auf die Couch. Zwischendurch hatte ich mir schon ein Müsli runtergewürgt, aber am frühen Nachmittag nutze ich ein ausgefallenes Meeting aus und stelle mich an den Herd. Ich koche mir in aller Ruhe einen Gemüseeintopf aus Zwiebeln, Möhren, Sellerie, Pastinaken, gelber Bete, Kartoffeln, Erbsen, Petersilie und den letzten Suppennudeln.

Damit geht es zurück an den Schreibtisch, denn eine dringende Deadline ist soeben nochmal dringender geworden. Ich sitze vor der Aufgabe und mein Kopf streikt. Tilt. Nix geht. Der Kollege, der mir dabei helfen soll, ist in Chicago und steht gerade erst auf. Also atme ich tief durch und fange einfach an irgendeiner Stelle an. Und dann kriege ich es hin. Nicht so, wie gedacht – dazu sind meine Excel-Kenntnisse zu rudimentär – aber eine Alternativlösung bekomme ich hin. Danach wieder Sitzen und Atmen bis zum Treffen unserer Frauen-ERG. Seit diesem Monat bin ich da nicht nur zum Spaß dabei, sondern auch als Teil meines Jobs. Mit Kolleginnen aus Madrid, Chicago, Bristol und Maine sprechen wir über das, was gerade so ansteht – beruflich und privat. Das tut gut.

Dann Teammeeting mit Paris, Chicago und Nordengland (Südengland hat heute frei). Wir besprechen, wie sich auch die globale Firma zu dem Tod des Kollegen verhalten sollte – also kommunikativ. Ich bin dankbar, dass die anderen das Reden übernehmen und ich nur sagen muss, ob etwas für mich passend und kulturell angemessen ist. 13,5 Jahre war das mein Kollege, bis zur Pandemie sahen wir uns jeden Arbeitstag, bis zu seiner Krankheit hatten wir auch danach noch regelmäßig virtuell miteinander zu tun. Jetzt bin ich – zusammen mit zwei anderen, die am gleichen Tag angefangen haben wie ich, die dienstälteste Mitarbeiterin in Deutschland. Und er kommt wirklich nie mehr wieder.

Wir besprechen dann noch die anderen Themen für die Woche und dann mache ich um 18 Uhr Feierabend. Ich quatsche kurz mit dem Mitbewohner und ziehe mich dann mit noch einer Schüssel Suppe, einer Satsuma, einem Schokoladenweihnachtsmann und den Katzen auf die Couch zurück. Nur noch Einmummeln will ich mich. Ich zünde zwei Kerzen an – Gedenken und Gemütlichkeit.

Beim Durchscrollen der Timeline sehe ich, dass heute ein Solidaritätskonzert gegen Antisemitismus im Berliner Ensemble stattfindet und live übertragen wird. Also verbringe ich den Abend mit Igor Levit, Margot Friedländer, Katharina Thalbach, Wolf Biermann (neben Margot Friedländer ist der alte Mann plötzlich ein junger Hüpfer), Alexander Scheer, Sven Regener, Thees Uhlmann, den Toten Hosen und einigen mehr. Die Gedanken aber schweifen auch hier immer wieder ab zum Kollegen. Gegen Mitternacht ist das Konzert vorbei und ich gehe ins Bett. Heizdecke und Podcast sorgen (samt Schlafdefizit) für ein schnelles Einschlafen.

26.11.2023 – Bilderbuchsonntag

Der Sonntag beginnt damit, dass der Liebste vor mir wach wird und Kaffee macht. Den gibt es wie immer im Bett, während das Internet leer gelesen wird. Irgendwann kommt das Kindelein und holt sich mein Handy, ich steige aufs Diensthandy um, dann aufs Blog. Als ich mein Handy zurück habe, fange ich an zu bloggen. Der Liebste steht auf und geht Brötchen holen und erteilt dem Kind die Aufgabe, mir „aus dem Bett zu helfen“, damit ich beaufsichtigen kann, wie es den Geschirrspüler ausräumt. Teile und herrsche, er hat das drauf. Dafür hören wir in der Küche meine Musik, bis er zurück ist. Zum Frühstück gibt es Spiegelei und Würstchen.

Nach dem Essen blogge ich zu Ende und liege dann mit meinem Buch auf dem Sofa. Das Nachbarskind ist auch wieder da und der Liebste leitet die beiden Kids an, einen Brief an die Frau zu schreiben, deren Portemonnaie sie gestern gefunden haben. Als das erledigt ist, sind Schularbeiten dran. Das Teilzeitkind übt Mathe für einen Test nächste Woche und der Liebste kontrolliert die Hausaufgaben in Deutsch und Englisch. Ich bin ziemlich sicher, dass ich in der Grundschule weniger Hausaufgaben zu machen hatte – vielleicht wäre es aber auch gut gewesen, eine vernünftige Routine reinzubringen, das hätte mich vielleicht vor dem Notenabfall am Gymnasium bewahrt?

Als der Schulkram fertig ist, geht das Kind chillen und wir gehen in den Park spazieren und dann zur Konditorei, Kuchen und Torte holen. Haben wir ewig nicht mehr gemacht und zu höchsten Pandemiezeiten sonst dauernd. Überhaupt ist heute alles ein bisschen so wie damals, da habe ich viel mehr Zeit in Südberlin verbracht als aktuell. Wegen diverser aufeinanderfolgender Krankheiten haben der Liebste und ich uns gerade drei Wochen nicht gesehen. Davor waren Ferien und da wir getrennt verreist sind, waren es beim Teilzeitkind und mir sogar sechs Wochen. Wir können es aber alles noch gut.

Es gibt dann also Tee und Torte/Kuchen (für mich ein Stück Schokosahne mit Baiser und Johannisbeeren und ein Stück Apfelstrudel), ein Telefonat mit der Liebstenmama und das Nachbarskind ist auch wieder dabei. Danach machen die Kinder Kinderdinge und wir Erwachsenen beschließen, dass ich heute auch nochmal hier übernachte und erst morgen früh zurück nach Hause fahre. Daraufhin geht der Liebste ESports gucken und ich lese und schlafe dabei fast auf dem Sofa ein, bis die Kindelein mehr Tee brauchen.

Zum frühen Abendbrot gibt es Restepizza und Restepasta und danach noch eine Folge „Ducktales“ zu dritt auf dem Sofa. Das Teilzeitkind hält eigentlich nicht viel von Zeichentrick, lässt sich aber mal wieder vom Konzept „bewegte Bilder“ anlocken und ist dann doch angefixt und sauer, dass es ins Bett muss, statt noch eine Folge zu gucken. Wir hingegen schauen noch die nächsten vier Folgen „The West Wing“ (der Liebste kennt das in- und auswendig und kann wahrscheinlich egal wo jederzeit einsteigen), bevor wir auch schlafen gehen.

25.11.2023 – Detektivarbeit, Gans und Filmgeschichte

Ich erwache schon kurz vor 7, aber wir waren ja recht früh im Bett. Vorausschauend spiele ich zuerst auf dem Handy, bevor ich es an das Teilzeitkind abtreten muss. Das steht gegen halb 8 auf und geht kurz nach 8 rüber zum Nachbarskind. Eine halbe Stunde später ist es zurück und verlangt nach Handyspielen. Ich gebe mein Telefon ab und lese auf dem Diensthandy das Internet leer. Dazu Kaffee im Bett und Kuscheln mit dem Liebsten. Irgendwann klingelt es und das Nachbarskind steht vor der Tür. Ich bekomme mein Handy wieder und im Kinderzimmer geht es ab da hoch her.

Irgendwann stehen dann auch wir Erwachsenen auf und dann gehen wir zu viert auf den Markt. Der Quarkbällchenmann, der ja außer Quarkbällchen auf hausgemachte Kartoffelchips verkauft, hat weiter expandiert und bietet jetzt auch frisch gepresste Zitronenlimo an. Das Teilzeitkind und ich nehmen jeweils eine – auch ich ohne Limoncello. Dann gibt es ein erstes Quarkbällchen auf die Hand.

Wir kaufen noch Börek, Oliven, Bulgursalat, Baguette, alten Gouda und Bio-Eier. Auf dem Heimweg entdecken die Kinder ein nasses, offenes Portemonnaie in einem Gebüsch. Das wird natürlich mitgenommen und zuhause erst einmal gesäubert und ausgiebig untersucht. Wir finden die Adresse und sogar die Telefonnummer der Besitzerin und können so direkt anrufen, ohne irgendwelchen Behördenkontakt. Das Portemonnaie wurde bereits im September aus einem tagsüber um die Ecke aufgebrochenen Auto geklaut. Wow! Wir werden es zurückschicken und die beiden Kinder werden ihre Adressen mitschicken, man will sich etwas für sie überlegen.

Dann gibt es aber wirklich Frühstück. Oder Brunch. Oder Berliner Frühstück, denn es ist 13:30 Uhr. Wir erzählen den ungläubigen Kindern, dass das in den Cafés in den Szenebezirken eine klassische Frühstückszeit ist. Ich habe die passende Szene aus „Herr Lehmann“ im Kopf. Soße drüber und fertig ist das Gartenhäuschen. Nach dem Essen gehen die Kinder im Kinderzimmer weiter Kinderdingen nach und wir legen uns wieder hin und lesen gemütlich den Nachmittag weg. Aus dem Nebenzimmer dringen immer wieder ungewohnte Geräusche, u. a. geht der Staubsauger sehr oft. Wir halten uns da wohlweislich raus und bekommen dann irgendwann ein komplett aufgeräumtes, umgeräumtes und sauber gemachtes Zimmer präsentiert. Huch. Die beiden hatten offensichtlich ein Interior-Design-Projekt und haben das ganz eigenständig umgesetzt.

Zum Abendessen kehren wir nach langer Zeit mal wieder beim Stammitaliener ein – natürlich auch zu viert. Die Kids bekommen O-Saft und wir gönnen uns Campari Spritz bzw. Negroni sbagliato zu Bruschetta und Aufstrichen mit Brot. Dann gibt es für die Kinder Pizza Margherita und für Montepulciano d’Abruzzo zum italienischen Klassiker Gänsebrust mit Rotkraut und Klößen, für den Liebsten mit Braten-, für mich mit Orangensauce. Man muss ja die Gelegenheit nutzen, wenn man sie hat und Weihnachten wird es aus Gründen keine Gans geben. Es ist faszinierend: Das erste Stück Gänsefleisch („Gänsefleisch ma herkommen?“) im Mund und Zack ist Weihnachten. Es gibt wahrscheinlich kein anderes Essen, das für mich so eindeutig mit einem bestimmten Ereignis verbunden ist.

Zum Nachtisch gibt es dreimal gemischtes Eis und für mich die Crema Caramel. Der Liebste bekommt noch einen Grappa und ich einen Ramazotti und dann geht es wieder nach Hause. Das Nachbarskind verabschiedet sich und das Teilzeitkind profitiert von unserer gelösten Stimmung (und wir von seiner Bereitschaft, ohne Unterlass bewegte Bilder anzusehen) und wir gucken zu dritt noch „Blues Brothers“ – eine Premiere fürs Kind, das sich zum Glück prächtig amüsiert. Dann ist es aber plötzlich ganz schön spät und jemand muss ganz schnell ins Bett. Wir hingegen gucken uns noch ein Comedy-Special von W. Kamau Bell an, bevor auch wir schlafen gehen.

24.11.2023 – Gar nicht schwarzer Freitag

Ich erwache vom Weckerklingeln und finde das Wachwerden heute nicht so gut insgesamt. Oder besser gesagt, das Aufstehenmüssen. Damit lasse ich mir deswegen auch viel Zeit. Eigentlich gehe ich jeden Morgen zum Haare kämmen raus auf den Balkon – frische Luft atmen, Wetter checken, Baumstatus checken usw. (Heute: Es sind noch Blätter dran. Und Birnen.) Aber heute ist es mir draußen zu kalt, selbst für die 1-2 Minuten. Die Katzen gucken mich auch aus meinem Bett heraus an, als ob ich irre wäre.

Nunja. Schnell Frühstück machen (Zimt-Dingsis mit Granatapfelkernen und Hafermilch, Pfefferminztee) und dann an den Schreibtisch. Ich sitze mit Wolldecke an der Heizung, teilweise mit Katze auf dem Schoß, und werde trotzdem nicht ganz warm. Arbeitstechnisch ist es ruhig, die meisten amerikanischen Kolleg*innen haben noch Thanksgiving-frei. Ich habe ein Meeting mit Ostfriesland, eins mit Nordengland, kläre Dinge per Chat, mache Updates im Intranet und habe sonst ausreichend Zeit, das Monatsmagazin meines Berufsverbands auszulesen, meinen Questionable-Content-Rückstand entscheidend aufzuholen (ich hatte nach einem Browser-Absturz irgendwann im Frühling vergessen, weiterzulesen) und in den Pausen Haushaltsdinge zu tun – Katzenklo reinigen, Staubsaugen, Bad putzen, Müll runterbringen. Mittags mache ich mir Pellkartoffeln mit Butter, Pfeffer und Feldsalat – eine Kombi, die ich mal von der Schwester meines ersten Freundes gelernt habe. Gegen 17 Uhr schließe ich meinen Wochenbericht ab, klappe den Rechner zu und packe meinen Rucksack fürs Wochenende.

Dann geht es mit S- und S-Bahn nach Südberlin, zum ersten Mal seit drei Wochen – es war immer irgendwer krank. Auf dem Weg zum Liebsten begegnen mir ein aufgedrehtes Teilzeitkind und ein aufgedrehtes Nachbarskind, die ganz dringend nochmal in den Supermarkt müssen, weil es ja Black Friday ist. Ich schreibe mir eine Antikapitalismus-Schulung auf die innere To-Do-Liste. Beim Liebsten angekommen gibt es zum Einläuten des Wochenendes ein Glas Wein, während er die von mir bestellte vegane Bolognese zu Ende kocht.

Trubeliges Abendessen mit zwei immer noch aufgedrehten Kindern (sie kamen mit Eistee und Chips zurück) und der Mitbewohnerin. Das ist ungefähr das Gegenteil des Abends, den ich zuhause gehabt hätte, aber das ist vielleicht auch ganz gut so. Kurz danach geht die Mitbewohnerin aus, das Nachbarskind verabschiedet sich, das Teilzeitkind nimmt mein Handy in Beschlag und der Liebste und ich lassen den Abend gemütlich auf der Couch ausklingen.

23.11.2023 – Homie

Es gab eine Phase in meinem Job, da waren wir so viele Leute im Team, dass das Büro aus allen Nähten platzte und es nicht genügend Rechner und Arbeitsplätze für alle gab. Damals wurden dann Pflicht-Homeoffice-Tage eingeführt, die durchs Team rotierten. Auch als im Büro mal das Internet ausfiel, wurden wir nach Hause geschickt, um von da zu arbeiten. Ein paar Jahre später galt Homeoffice dann als Privileg und es durften immer nur maximal zwei gleichzeitig Homeoffice machen – wir rangelten uns um die Plätze. Noch später wurde eingeführt, dass jede*r an einem Tag in der Woche Homeoffice machen darf, seitdem wurden hybride Meetings bei uns normal. Dann kam die Pandemie und heute ist man froh, wenn die Leute mal einen oder zwei Tage pro Woche ins Büro kommen, wegen der teuren Miete und wegen des Sozialgefüges. Vor der Pandemie nannten wir in meinem Team (als ich noch nicht in einem globalen war) das Homeoffice liebevoll Homie. Dies als Exkurs zur Überschrift: Ich bin heute im Homie.

Ich wache von alleine vor dem Weckerklingeln auf, lasse mir relativ viel Zeit und sitze dann irgendwann mit Müsli (Apple Crumble, mit Kaki und Mandelmus angereichert) und Melissentee mit Sanddornsaft am Schreibtisch. Eines meiner drei Meetings heute wird auf morgen verschoben. Ich bearbeite relativ viel Kleinkram, koordiniert mit der Kollegin in Paris wie gestern. Außerdem schaue ich mir ein Webinar zum Netzwerken in virtuellen Teams an. Dann Meeting mit Paris und Ostfriesland und schon ist es Zeit für die Mittagspause, in der ich auch direkt produktiv bin: Müll runterbringen, Geschirrspüler aus- und einräumen, Töpfe und Pfannen abwaschen.

Zu Essen gibt es die beiden übrig gebliebenen Hotdogs von gestern. Eine Freundin des Lieblingsnachbarn holt seinen Ersatzschlüssel bei mir ab, weil sie in die Wohnung muss, er aber heute nicht im Homie ist. Und ein Paket Katzenfutter kommt an – mein Schnäppchen aus der Black Week, ein paar Tage früher bestellt als es dringend geworden wäre, um den Rabatt zu nutzen.

Der Nachmittag beginnt dann mit zwei Stunden Meeting mit Biesdorf, Lichtenberg, Ostfriesland und Nürnberg. Man kommt auf gute Lösungen, wenn man Zeit zum Diskutieren hat! Danach noch ein wenig herumpusseln und dann mache ich heute mal früh Feierabend und noch ein bisschen im Haushalt weiter – Wäsche waschen, Katzenklo durchsieben, Wassernäpfe auffüllen, Pflanzen gießen und einen Granatapfel schlachten. Ich sitze ein bisschen auf der Couch, dann kommt der Hase vorbei und bringt mir einen Pannetone mit. Er war gerade in Italien im Urlaub und erzählt mir Geschichten aus Modena, Rom und Neapel. Wir sprechen über „L’Italiano“ und ich fotografiere ihm die entsprechenden Seiten aus „Azzurro – in 100 Songs durch Italien“.

Schön ist, dass wir heute so lange zusammen sitzen, dass sich auch Noosa irgendwann raustraut und mit ihm kuschelt, das gab es in der Form nicht mehr, seit er vor über vier Jahren hier ausgezogen ist.

Um 20 Uhr dann fliegender Wechsel – Hase raus und ich in den Workshop aus dem Adulting-Projekt. Nebenbei löffle ich die Reste der Suppe vom Dienstag. Um 21:15 ist dann endgültig Feierabend. Ich spiele noch ein bisschen, telefoniere mit dem Liebsten und lege mich dann in die Badewanne, bevor ich ins Bett gehe und mich von Hörbuch und Heizdecke in den Schlaf wiegen lasse.

22.11.2023 – Kurz mal raus(ch)

Der Morgen bietet heute ein ähnliches Szenario wie gestern, ich muss irgendwie rechtzeitig ins Büro loskommen. Verminderter Schwierigkeitsgrad, weil ich nicht gleich morgens dringendes zu klären habe und das einzige Meeting des Tages erst um 10 anfängt. Verminderter Schwierigkeitsgrad auch, weil es draußen zu kalt ist, um beim Laufen ein Kaltgetränk zu trinken – ich nehme weder Mate noch Ingwerlimo auf die Hand mit, stecke aber eine Limettenlimo für am Schreibtisch ein. Verminderter Schwierigkeitsgrad auch, weil ich noch Müsli im Büro habe und nur schnell eine Birne und eine Satsuma einstecken muss (und der Rucksack ansonsten noch von gestern fertig gepackt ist. Und ich muss auch weder Yogamatte noch Gymbag mitnehmen. ). Verstärkter Schwierigkeitsgrad, weil es wirklich arschkalt draußen ist (beim Aufbruch noch Minusgrade) und ich mich für einen Nachmittag draußen passend kleiden muss. Die Antwort sind Thermostrumpfhosen unter Jeans und warmen Socken, gefütterte Winterstiefel und zusätzlich zu Schal und Wintermantel jetzt auch Mütze und Handschuhe.

Die Kopfhörer passen zum Glück schön über die Mütze und so gibt es beim Loslaufen immerhin schön aufmunternde Musik aus dem Mix der Woche. Außerdem scheint die Sonne munter und mein Körper schmerzt weniger als gestern, danke Heizdecke. Ich nehme fröhlich die Tram ins Büro, treffe unten einen Kollegen, mit dem ich ein paar Jahre im gleichen Team war (später noch eine andere Kollegin oben, mit der das richtig lange so war). Heute ist wieder Bürotag für die meisten, so dass viel Zeit auch für Gespräche (ernsthafte und lustige) draufgeht. Dazwischen und danach frühstücke ich, habe mein Meeting mit der Kollegin in Paris, finalisiere mit ihr ein Konzept und setze den ersten Teil um, kläre Dinge per Chat mit meiner Chefin und der Kollegin in Südengland, stoße fast im Vorbeigehen eine Änderung gemeinsam mit dem Geschäftsführer an, die uns im neuen Jahr hoffentlich beiden das Leben erleichtern wird… Es läuft heute.

Mittags gehe ich mit einem Kollegen draußen spazieren und eine Laugenstange kaufen. Dann sitzen wir noch lange auf einer Bank an der Spree und reden über ernsthafte und traurige Dinge. Der Nachmittag vergeht dann schnell und arbeitsam, denn schon kurz vor 16 Uhr brechen die meisten von uns im Pulk auf zum Team-Event, bei dem wir heute zwei Stunden lang Eisstockschießen und Glühwein trinken.

Ersteres macht erwartbar Spaß und ich bin (zumindest vor dem ersten Glühwein) unerwartet gut darin. Zweiteres sorgt auf meinen relativ leeren Magen dafür, dass ich eine Weile lang die Probleme der Welt komplett ausblende – oder sie nicht komplett an mich heranlasse, denn neben dem Spielen unterhalte ich mich mit einer ukrainischen Kollegin über ihre Familie zuhause und natürlich auch über den lieben Kollegen, der sich täglich mehr und mehr aus der Welt verabschiedet. Sagen wir, mein Kopf ist dabei in Watte gepackt.

Nach zwei Stunden ist es mir zu kalt, um noch weiterzuziehen und ich laufe zur nächsten Tramstation. Schon auf dem Weg merke ich, dass mein Magen heute Abend nicht die Reste der Suppe von gestern braucht, sondern etwas mit mehr Substanz und FeSaZu (Fett, Salz, Zucker). Ich bestelle noch unterwegs eine Hotdog-Box (eine Hälfte für heute, eine für morgen!) und Pommes.

Zuhause noch schnell Katzenfüttern und dann ist dringend Sofazeit. Ich telefoniere noch das dritte und vierte Mal heute mit dem Liebsten, verlängere meine Sprach-App-Streaks, kümmere mich um mein Handyspiel, schaue zwei Folgen „The West Wing“ und philosophiere im Team-Chat über die verschiedenen Arten, Weihnachten zu begehen. Beim Anschauen des Weihnachtsbaums am alten Familiensitz vom letzten Jahr werde ich ganz rührselig und komme zum ersten Mal dieses Jahr in leichte Weihnachtsvorfreude. Dazu passt, dass ich heute relativ spontan schon das dritte oder vierte Weihnachtsgeschenk besorgt habe und außerdem der Schwester des Liebsten bei der Auswahl eines Geschenks für ihn beraten habe.

Mit Weihnachtsliedohrwurm krieche ich kurz nach 10 zu Katzen und Heizdecke ins Bett und lasse mich dann erst von TikTok und dann vom Hörbuch berieseln, bis ich gegen Mitternacht einschlafe.

21.11.2023 – Ein Tag mit lauter Zeugs

Ich erwache ohne wirklichen Grund kurz vor 7 und habe so morgens mehr Zeit – man wird sich später über das frühe Bloggen wundern. Heute ist trotz der Absage aus Paris Bürotag, denn ich habe mittags etwas in der Stadt zu erledigen. Zum Glück geht es mir wieder ein Stück besser, aber statt Mate nehme ich mir heute eine Ingwerlimonade mit auf den Weg. In der Tram Sprach-Apps, während des Laufens Venedig-Podcast mit Petra Reski. Fast pünktlich um 9 komme ich an und baue meinen Laptop auf. Dann werde ich von einem Kollegen direkt in ein Gespräch verwickelt und kann mich dem erst entziehen, als ich mit der Arbeit am Rechner anfange. Darüber vergesse ich fast, mir Milch ins Müsli zu schütten, meinen Apfel kleinzuschneiden und Kaffee zu holen.

So bin ich noch das ganze erste, anderthalbstündige Meeting (mit Berlin und Ostfriesland) am Essen, die letzten Reste esse ich schon zurück am Platz. Dann emsige Arbeit, am gleichen Thema wie gestern aber mit weniger Zeitdruck dahinter – schon interessant, wie sich die Prioritäten der anderen manchmal verschieben und nebenbei Beratungen mit verschiedenen hochrangigen Personen über die richtige offizielle Vorgehensweise für den bevorstehenden Kollegentod. Da ich auf dieser Ebene diejenige bin, die am nächsten dran ist und ihn am besten kennt, interessiert man sich plötzlich auch ganz oben für meine Meinung und ich bekomme plötzlich persönliche Chatnachrichten von Leuten, von denen ich das nicht gewohnt bin.

Mittags geht es nach draußen und ich laufe an der Spree entlang durch leicht unangenehmes Novemberwetter zur Wohnung meiner Eltern. Dort treffe ich auf meinen Bruder und gemeinsam überprüfen wir die Funktion der Klingelanlage, wie von der Hausverwaltung gebeten. Außerdem schauen wir nach Post (keine da) und versorgen die Pflanzen. Dann nehmen wir noch ein paar Stationen gemeinsam die U-Bahn, um noch Zeit zum Reden zu haben. Ich muss zurück ins Büro, er hat Erledigungen zu tun und geht dann zurück auf die Couch, um sich weiter von seiner OP zu erholen.

Hier sind die Tafeln mit historischen Bahn-Illustrationen abgenommen worden?

Zurück im Büro weiteres Arbeiten, dann Meeting mit Nordengland, Meeting mit Warschau, Zuhören bei einem globalen Meeting und nebenbei Fertigstellung eines langwierigen Projekts, das ich jetzt endlich aus meiner Aufgabenlisten und meinen Tabs entfernen kann. Nach dem Meeting telefoniere ich zum zweiten Mal heute mit dem Liebsten und bekomme unter anderem von einer unfairen 2+ in Mathe berichtet. Da stehen uns noch aufregende Zeiten ins Haus… Um 17 Uhr noch ein Meeting mit Chicago, danach arbeite ich noch Dinge weg und verlasse dann gegen halb 7 das Büro Richtung Yoga.

Dort ist heute eine neue Teilnehmerin dabei und während wir noch auf die Lehrerin und einen weiteren Teilnehmer warten, quatschen wir eine Runde über dies und das. Die Yoga-Session selbst ist mal wieder sehr gut. Ich habe schon davor bemerkt, wie mein Körper vor lauter Anspannung anfängt, zu schmerzen und steif zu werden – die Erkenntnis wird bei den Asanas immer deutlicher, auch wenn ich bis auf eine alle ausführen kann. Immerhin weiß ich jetzt, dass vielleicht auch mein Kranksein in den letzten Tagen von Stress und Anspannung beeinflusst wurde. Körper says „Au“. Auf dem Heimweg höre ich Bill Gates bei Trevor Noah und telefoniere dann ab dem letzten Stück wieder mit dem Liebsten. Das tue ich dann auch, während ich mir ein schnelles Süppchen koche – Gemüsebrühe gewürzt mit Gochuang-Paste, Reisnudeln, Möhren, Erbsen und dem Rest Bio-Würstchen. Deutsch-asiatische Fusionküche, sehr aufheizend.

Dazu gibt es Sanddornsaft und Sprachlern-Apps, Handy-Spiel und Podcast. Gegen 11 hole ich gegen den schmerzenden Rücken die Heizdecke raus und muss dann mit den Katzen um Platz darauf streiten, während ich langsam zum Hörbuch einschlafe. Draußen sind erstmals ernsthaft Minusgrade.

20.11.2023 – Novembermontag

Das Wochenende im Bett hat gut getan – körperlich geht es mir ein bisschen besser, seelisch habe ich definitiv aufgetankt. Allerdings bin ich der Welt auch ein bisschen entrückt und habe Mühe, mich wieder reinzufinden. Da ich weiß, dass der Arbeitstag nach hinten raus lang wird, eile ich mich morgens nicht allzu sehr und sitze erst kurz nach halb 10 am Schreibtisch. Und muss dafür das Licht anmachen. Mitten am Tag. Draußen ist es diesig grau und wird einfach nicht hell. Es ist doch ganz erstaunlich, dass das Wetter nach dem nicht enden wollenden Sommer jetzt wirklich komplett auf November umgeschaltet hat.

Ich sitze mit Pistaziencreme-Toast, Quittengelee-Toast, Ingwer-Zitrone-Honig und einem innerlich rosanen Apfel namens Kissabel Rouge aus der Biokiste vor dem Laptop und plane Tag und Woche. Drei meiner vier geplanten Meetings heute fallen aus – zwei mit Ansage, eins ohne, aber da das ohne mit der gleichen Person ist, die eines der anderen abgesagt hat, bin ich weder überrascht oder verärgert. Die Person besucht heute den sterbenden Kollegen im Hospiz, da kann so etwas banales wie eine Terminabsage einem schon mal durch die Lappen gehen.

Das andere Meeting wird von meiner Kollegin in Paris verschoben, weil sie zu viel zu tun hat. Da mein Tag jetzt sehr leer aussieht, nehme ich ihr eine Aufgabe ab, die mich dafür dann ordentlich Zeit und Nerven kostet – aber erst am Nachmittag. Bis dahin plätschert der Arbeitstag vor sich hin und ich habe zwischendurch Gelegenheit, das Katzenklo durchzusieben und zwei Maschinen Wäsche zu waschen und aufzuhängen. Meine Cousine schickt ein Bild ihres jüngsten Kindes (wird bald 2) mit Fahne auf einer Gewerkschaftsdemo.

Mittags gehe ich ins Draußen, ein paar Dinge müssen eingekauft werden. Testweise gehe ich dafür in den Discounter neben meinem normalen Supermarkt – irgendwann vor Jahren habe ich in einem Anfall von Lifestyle Inflation aufgehört, regelmäßig in Discounter zu gehen und mache das sonst fast nur, wenn es keine Alternativen in der Nähe gibt. Ich kenne mich daher vor Ort wenig aus und entdecke einiges an „Neuem“. Ansonsten bekomme ich fast alles, was auf meiner Liste steht, nur ist die Auswahl z. B. bei Bio-Produkten deutlich geringer. Nicht auf der Liste stehen Vanillekipferl und Elisenlebkuchen.

Der Liebste und das Teilzeitkind bekommen jedes Jahr eine Kiste mit Weihnachtsleckereien. Die Lebkuchen haben sie vor einer Weile abgewählt und um die Vanillekipferl gibt es immer Streit, weil wir die alle drei sehr mögen. Ich bevorrate mich also weise selbst. Außerdem gibt es hier bei den Backwaren frische Buchteln und die muss ich natürlich ausprobieren. Deshalb wandert auch noch Vanillesauce in den Korb – für eine Portion ist mir das selbst anrühren mit Puddingpulver zu anstrengend und würde auch zu viel. Für das letzte, was auf der Liste steht, gehe ich noch schnell in die Drogerie, freue mich über die schnelle Selbstscankasse und dann geht es wieder nach Hause.

Zum Mittag gibt es den letzten Rest Colcannon und dazu zwei Bio-Wiener, Sanddornsaft und die ersten Seiten des Monatsmagazins meines Berufsverbands. Dann geht es zurück an den Schreibtisch, wo auf einmal die Aufgabe, die ich der Kollegin abgenommen habe, ordentlich ab Priorität gewinnt, da die C-Suite sich plötzlich dahintergeklemmt hat. Ich dachte ja, ich mach das in den nächsten Tagen nach und nach, aber nein, da ist jetzt Druck auf dem Kessel. Nervig. Im Teamchat diskutieren wir hin und her und weil es schriftlich ist und asynchron ist das nicht sehr zielführend und dafür anstrengend. Zum Glück ist 17 Uhr dann Teammeeting und wir können das Ganze aufklären und auf den richtigen Weg bringen.

Das Meeting geht dann am Ende gute anderthalb Stunden, weil einfach mal wieder so viel zu besprechen ist. Wir schaffen es nichtmal, über alles zu reden, was auf der Agenda steht und müssen sehen, ob der Rest noch irgendwann drankommt oder ob dann wieder etwas anderes wichtiger ist. Das alles strengt mich heute irgendwie furchtbar an, so im Vergleich zum chilligen Wochenende. Immerhin hat ein Kollege aus Frankreich seinen Besuch morgen bei uns abgesagt, das entzerrt den Tag ein wenig und erleichtert generell meine Planung gleich für die nächsten Tage, beruflich und privat. Immer so viele Bälle gleichzeitig in der Luft.

Halb 7 klappe ich den Laptop zu, um 7 sitze ich mit Buchteln und warmer Vanillesauce auf dem Sofa und telefoniere zum vierten Mal heute mit dem Liebsten. Dann will ich abschalten. Fürs Lesen bin ich zu aufgewühlt, „The West Wing“ ist mir zu nah am Arbeitstag. Ich entscheide mich für einen Podcast von Jan Müller und Thees Uhlmann über die „10 besten Nirvana-Songs“ und spiele dabei auf dem Handy. Nebenbei schreibt mich der Kollege aus Chicago an und wir werten nochmal einen emotionalen Moment aus dem Meeting aus.

Nach dem Podcast folgt die entsprechende Playlist. Sehr schön. Dann ist es auch plötzlich schon 23 Uhr und ich mache mich bettfertig. Im Bett liegend öffne ich nochmal TikTok, dessen Benachrichtigungen ich am Tag ignoriert habe, und dort schlägt mir der Algorithmus die letzte Rede von Barack Obama beim „White House Correspondents Dinner“ vor. Verrückterweise schafft die es, mich endlich von meinen gestressten Arbeitsgedanken wegzulotsen – es war eine heilere Welt, niemand dachte, dass Trump die nächste Wahl gewinnen würde und Onkel Barry hat echte Stand-up-Qualitäten. Wenn man nicht zu weit weiter denkt, ist das sehr schön anzusehen. Irgendwann wechsle ich zum Hörbuch und schlafe dann schnell ein.