28.10.2023 – Weiter akklimatisieren

Ich erwache wieder gegen 8 und habe einen gemütlichen Morgen im Bett. Gegen 9 ruft der Liebste an und wir telefonieren ein halbes Stündchen. Dann werde ich langsam unruhig und ziehe mich doch an und gehe frühstücken. Im Frühstücksraum gibt es wieder Gespräche, gleich drei andere Gäst*innen sind anwesend, plus zwei Gastgeberinnen. Über das Wetter wird gesprochen, das sei jetzt genug Regen gewesen, sagen die Gastgeberinnen. Über den Ostseeradweg auch. Und der Gast aus dem Westen sagt, er hätte schon gerne auch mal in der DDR gelebt, um mitreden zu können. Daraus entspinnt sich ein Gespräch darüber, was besser und was schlechter war und was die Wende brachte.

Nach dem Essen lege ich mich nochmal aufs Bett, blogge und spiele auf dem Handy, dann ist es plötzlich schon 12. Höchste Zeit, ins Draußen zu gehen. Der angekündigte Regen für heute ist zum Glück nicht eingetroffen. Ich lenke meine Schritte zuerst zu der Ferienwohnung von damals (gestern Abend war es zu dunkel) und ja, ein bisschen erinnere ich mich. Vor allem an die grüne Farbe, die gab es damals auch schon. Leider ist der Hof, wo damals das Plumpsklo war, nicht richtig einsehbar.

Ich laufe weiter zur Kirche und gehe ausnahmsweise mal hinein. Ich habe in meiner Kindheit in den Urlauben so viele Kirchen besichtigt, dass ich heute meistens draußen bleibe. Diese aber interessiert mich und ja, auch die kommt mir vertraut vor. Da waren wir bestimmt auch mal drin, nur zum Angucken oder vielleicht zu einem Konzert/Vortrag? Finden hier nämlich auch statt, heutzutage zumindest.

Draußen auf dem Friedhof gucke ich dann nach dem für mich prominenten Gräbern – Gret Palucca (Ich lege auch einen Kiesel auf den Stein, wohl der Nachrichtenlage wegen.), Gerhart Hauptmann, Sabine Hirschberg. Letztere war laut Informationstafel Mitglied der Weißen Rose. Habe also die lokale Antifa besucht (der Liebste schickt mir in Reaktion ein ✊) und lese später nach, dass sie zwar kein bekanntes Mitglied war, aber wohl durchaus auch Flugblätter verteilt hat und ihre Großeltern hier ein Sommerhaus hatten.

Weiter geht es dann zum Heimatmuseum, mit einer bunten Mischung aus Inselgeschichte und Informationen zu Pflanzen, Tieren und Fossilien, die man hier sehen kann. Hätte ich es mir gemerkt, wüsste ich jetzt, wie welche der Muscheln heißt, auf die man hier am Strand ständig tritt. Die kleinen schwarzen sind wirklich Miesmuscheln, wenn auch deutlich kleiner als die, die man im Restaurant zu essen bekommt, dann noch Herzmuscheln, und… vergessen. Auch was sich gerade so am Wegesrand befindet steht frisch geschnitten in Vasen und mit Beschriftung herum. Nächstes Mal zuerst ins Museum und dann in die Natur! Außerdem gelernt, dass Mascha Kaléko auch eine häufige Hiddensee-Gästin war, das wusste ich noch nicht. Auch über den Antisemitismus hier im Dritten Reich und lange davor, schon 1922 warb Vitte mit „Kein Luxusbad, judenfrei“. Gruselig, auch vor der aktuellen Nachrichtenlage wieder.

Dann über die DDR-Zeit und die FDGB-Urlauber*innenzuteilung. Gastgeber*innen hatten zwei „Besuchsscheine“, die sie privat vergeben durften, der Rest war staatlich gelenkt. Das heißt wohl, dass meine Familie über Beziehungen das Glück hatte, hier unterzukommen, als Besucher*innen. Da mal nachfragen. Außerdem noch ein Zitat aus der Ausstellung, man bezog sich auf die Zeit nach der Wende: „Die Insel blieb von der Verstädterung durch Hotelneubauten, Vergnügungslokale und durchgängig gepflasterte Wege verschont“. Darauf einen Sanddornlikör.

Apropos, den nehme ich mir heute an einer Kasse des Vertrauens mit – in der Variante mit Vanille und nur in Flachmanngröße, aber immerhin den größten der Flachmänner (sie kosten alle gleich viel, sind aber zumindest optisch unterschiedlich groß). Dann laufe ich nochmal ins Hochland, diesmal auf anderen Wegen, und sehe schon ein bisschen mehr Herbstfärbung als am Donnerstag. Ende Oktober darf es dann auch mal langsam bunt werden.

Der „Große Inselblick“ heißt nicht umsonst so – links Bodden und dahinter Rügen, rechts Ostsee, in der Mitte erstreckt sich das söte Länneken weit gen Süden.

Ich kehre nochmal im Klausner ein, der Apfelstrudel lockt natürlich – mit Vanilleeis, Apfelmus, Sahne und Eierlikör. Dazu – klar – wieder heißer Sanddorn. Wieder ist die Inhaberin erst extrem ruppig und später total lieb. Dass mir das als Berlinerin überhaupt auffällt, sagt wohl einiges.

Da ich die Ostsee heute bisher nur von weitem bzw. aus dem Museumsfenster gesehen habe, entscheide ich mich spontan für den Abstieg über die Klausnertreppe, das Steilküstenufer hinunter. Überall stehen Schilder, dass das auf eigene Gefahr geschieht und ja, vor 33 Jahren war die Treppe weniger kaputt und der Strand weniger voller abgebrochener Bäume und großer Steine. Hier muss man gut zu Fuß sein, es riecht nach Abenteuer. Erstmal unten angekommen sieht es dann aber sehr schön aus.

Dann soll es am Strand entlang, um die Hucke herum, zurück nach Kloster gehen. Der Weg ist etwa so wie auf dem obigen Foto und verlangt meine komplette Aufmerksamkeit – daher keine weiteren Fotos. Ich komme aber am Ende gut an und sitze dann erstmal noch gemütlich am Wasser und ruhe mich aus, bevor ich die nächste Treppe nach oben erklimme, um noch einen Blick auf die „Lietzenburg“ zu erhaschen.

Von dort geht es dann wieder hinunter ins Dorf und ich bummele noch ein bisschen. Zuerst geht es in die weitgerühmte Buchhandlung und ich bin wirklich beeindruckt vom Sortiment. Ich sehe vieles, was ich schon gelesen habe, nehme anderes in die Hand und mache Fotos, um es später auf meine Wunschliste zu packen und werde dann am Ende doch noch schwach – an dem Tisch mit den Hiddensee-Büchern. Der Stapel neben meinem Bett wird nun langsam wirklich gefährlich hoch, aber was soll ich machen? Die Hiddenseekarte mit den houses of the stars, also den Ferienunterkünften der Künstler*innen, die die Insel besuch(t)en („Künstlerkarte Hiddensee“) muss auch noch mit. Darauf lerne ich später, dass in meinem Pensionszimmer möglicherweise schon Albert Einstein geschlafen hat – im gleichen Haus auf jeden Fall.

Direkt nebenan ist noch ein Café mit einigen Souvenirs. Ich will nur mal kurz gucken, denn irgendwie möchte ich noch etwas Dauerhafteres mitnehmen als „nur“ Fressalien und Bücher. Auf den ersten Blick sehe ich nichts und bin ganz erleichtert, dass ich nicht noch mehr Geld ausgebe. Dann aber sehe ich diesen einen Hoodie, den ich mir noch genauer ansehen möchte, bevor ich wieder gehe. Blöderweise ist der dann wunderschön. Noch blödererweise ist er auch sehr teuer, aber dafür aus fair gehandelter Bio-Baumwolle. Er ist in S und ich habe kurz die Hoffnung, dass er mir nicht passt. Aber ich probiere an und doch, der sitzt auch noch. Dann muss er wohl mit. Die Verkäuferin verspricht mir, dass er lange hält und sie manchmal Kund*innen in ihren Klamotten sieht, die noch acht Jahre später wie neu aussehen. Na dann hoffen wir mal, wa?

Es ist kurz vor 17 Uhr und ich gehe meine Möglichkeiten durch. In einer idealen Welt würde ich erst im ältesten Hotel des Dorfes einen Sanddorn Spritz als Aperitif nehmen und dann in einem anderen Restaurant fürs Abendessen einkehren. Dieses hat aber heute geschlossen, weil der Koch krank ist, und das Hotel ist mit mehreren Festgesellschaften heute komplett ausgebucht. Mist. Muss ich mir den Spritz also demnächst zuhause machen. Ich laufe dann also noch zu einer weiteren Gaststätte mit ganz guten Bewertungen und werde direkt in den noch leeren Gastraum geführt. Eigentlich ist es noch ein wenig früh zum Essen, aber andererseits habe ich schon ein bisschen Appetit.

Ich bestelle mir also das mit Apfel und Sanddorn überbackene Schollenfilet und eine Sanddornschorle. Der Wirt und ich unterhalten uns über die Aufregung draußen vor dem Fenster. Dort stehen inzwischen mehr Fahrzeuge als ich dachte, dass auf der Insel existieren. Ein Polizeiauto, zwei Feuerwehren, zwei Notarztwägen und ein Rettungshubschrauber kreist auch noch. Ein 90jähriger Mann ist von seiner Tochter auf einer Bank „geparkt“ worden und war weg, als sie wieder kam. Draußen dämmert es schon langsam und danach wird es echt schwer, hier jemanden zu finden, der ziellos herumirrt. Nach und nach füllt sich der Gastraum mit Menschen – fast alle Inselbewohner, die den Wirt duzen, ihre üblichen Bestellungen bekommen und über Inseldinge reden. Und den Vorfall draußen vor dem Fenster natürlich. Irgendwann sammeln sich alle Helfer wieder und fahren ohne Hektik ab, wir gehen also davon aus, dass der Mann gefunden wurde.

Zum Nachtisch gibt es einen „Sturmbeutel“ mit Schlagsahne und Sanddorncreme. Am Nebentisch drehen sich die Gespräche inzwischen über die wilde Jugend im Osten, Vorträge über John Lennon als Friedenskämpfer und die Musik, die man damals in der Disko gehört hat, viel weniger „Ost“ als damals vorgeschrieben war. Dann beschwert sich eine der Gästinnen aber, dass die lokalen Bands heute alle auf Englisch singen würden und sie dann immer direkt weiterschalten würde. Was ist nur mit den Leuten?

Ich zahle und bin gegen 18:30 schon wieder auf meinem Zimmer. Dort lese und spiele ich bis etwa 23 Uhr auf meinem Handy, dann mache ich mich bettfertig und nehme nochmal für ein Stündchen ein Buch in die Hand, bevor ich einschlafe.

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