Noosa maunzt mich gegen 6:30 Uhr an, weil sie jetzt ganz ganz dringend kuscheln und gestreichelt werden muss. Drei Stunden vorher hatte es schon eine Weckung durch Nimbin gegeben, der aber eher auf einen kleinen Snack aus war. Macht mal wieder nur sechs Stunden Schlaf brutto. So langsam bräuchte ich da mal wieder eine solidere Nacht zum Ausgleichen. Jedenfalls bin ich noch ziemlich gerädert, als der Liebste gegen 8 anruft und nicht wirklich konversationsfähig. Aufstehen tue ich dann irgendwann kurz vor 9 und kurz nach 9 sitze ich am Schreibtisch und freue mich, dass Freitag ist.

Zu Müsli mit Blaubeeren und weißem Tee mit Minze schmeiße ich mir den entsprechenden Song von The Cure an und teile das Video direkt noch mit dem ganzen deutschen Team – zu äußerst positiven Reaktionen. Ich arbeite vor mich hin und habe dann halb 11 ein längeres Gespräch mit einem Berliner Kollegen. Die Nachbereitung trägt mich fast bis ins nächste Meeting um 12 mit zwei Kolleginnen in Berlin und einem in NRW.
Dann erzählt mir der Mitbewohner im Vorbeigehen, dass er den Zuschlag für die Wohnung bekommen hat und jetzt wirklich schon zum Oktober ausziehen wird. Ich aktiviere also mein am Mittwoch bereits aktualisiertes Mitbewohner*innengesuch und gehe ins nächste Meeting – 30 Minuten mit Ostfriesland. Danach habe ich fünf Anfragen auf mein Gesuch. Aber erstmal ist anderes zu tun. Ich nutze die Mittagspause, um die Mehrwegdosen von den beiden Essensbestellungen der letzten beiden Wochen zurück zu bringen und nehme mir direkt noch ein Bánh mi mit Tofu mit. Das esse ich dann auf dem Balkon, während ich mit dem Mitbewohner über die neue Wohnung die Umzugslogistik und die deutsche Bürokratie spreche. Nebenbei geht der Zähler der Nachrichten in der WG-App steil nach oben, bis zum Abend wird er bei 30 liegen.
Ich sichte schonmal ein bisschen vor, aus soziologischem Interesse – viele Student*innen natürlich um diese Jahreszeit, die meine Wunsch-Altersangabe von 25 bis 50 ignorieren. Geradezu automatisierte Anfragen, die lauter Fragen stellen, die ich alle bereits im Angebot beantwortet haben, oder keinerlei Informationen über sich selbst geben, oder das Ganze als Transaktion wie in einem Hotel betrachten… Aber natürlich gibt es auch viele völlig okaye und angemessene Anfragen, mit Informationen über sich selbst, Vorstellungen und Ansprüchen an ein Zusammenleben, teilweise sogar mit konkreten Nachfragen zu Dingen, die ich geschrieben habe.
Das Geschlechterverhältnis ist insgesamt fast ausgeglichen, mit leichtem Männerüberschuss. Ein paar Anfragen von Deutschen gibt es, dazu erwartbar viel Südasien (Indien und Bangladesh), Italien und dann einzelne Anfragen von Leuten aus dem Iran, Syrien, der Türkei, China, Russland, Südkorea, Mauritius, Australien und Kanada. (Ich habe wieder „Internationals welcome“ und „LGBTQIA+-friendly“ angeklickt, um Menschen mit zweifelhafter Gesinnung von vornherein möglichst auszuschließen.)
Am Nachmittag geht es weiter mit Meetings. 15 Uhr mit Prag, 15:30 Uhr global, 16 Uhr mit Warschau… Ich schreibe dann noch meinen Wochenbericht und klappe gegen 17:30 Uhr den Laptop zu. Dann setze ich mich mit dem Rest Tee und den Katzen auf den Balkon und beantworte den ersten Schwung anfragen – zuerst die vielversprechendsten, dann direkt Absagen an diejenigen, wo klar ist, dass da nichts geht (zwei mit Hund zum Beispiel, oder zwei, die nur für einen und oder drei Monate suchen). Bei anderen frage ich noch Sachen nach oder lege sie erstmal für später auf Halde. Gegen 18:30 Uhr raffe ich mich auf, siebe die Katzenklos durch und packe meinen Rucksack fürs Wochenende.
Zuerst fahre ich mit Tram und U-Bahn zu den Eltern, checke den Wasserstand bei ihren Blumen und leere den Briefkasten. Dann geht es mit U-Bahn und U-Bahn weiter nach Friedrichshain, wo der beste Freund des Liebsten heute seinen Geburtstag feiert. Es ist eine Wohnungsparty und als ich ankomme, sitzt der harte Kern inklusive des Liebsten schon ein Weilchen da. Bis auf eine Gästin, die ich noch nicht kenne, kann ich alle mit Umarmung begrüßen – nach knapp vier Jahren mit dem Liebsten, wovon ein großer Teil pandemiebedingt eher kontaktarm war, ist das schon beeindruckend, finde ich.
Es wird ein sehr gemütlicher, mal wieder ein wenig zu langer Abend, mit netten Gesprächen, zwischendurch auch ein wenig Tanzen und irgendwann führen der Liebste und ich dann mal wieder die Unterhaltung zu „Warum wir so gut zusammenpassen“ auf und machen seine Freund*innen neidisch, wie entspannt und eingespielt wir miteinander sind. Wir sind ein Vorzeigepärchen – die Vorstellung ist ein bisschen unangenehm aber dann auch irgendwie wieder ganz cool. Mit meinem Freundeskreis führen wir das Gespräch eigentlich nie – der ist allerdings auch nicht so ein verschworenes Grüppchen sondern besteht eher aus vielen Einzelpersonen und es gibt selten Anlässe, wo viele davon auf einem Haufen zusammenkommen. Wir starten den Aufbruch eine Stunde früher als letzten Freitag, sind aber aufgrund des längeren Weges wieder nur unwesentlich früher im Bett in Südberlin und schlafen diesmal schon so 20 vor 3 ein.