Nach leicht unruhiger Nacht (zu zweit auf sehr weicher, nicht allzu breiter Matratze, so dass man sich ständig in der Mitte trifft – das Teilzeitkind im Bett gegenüber schlief gut), packen wir unsere Sachen recht schnell zusammen und stehen kurz nach Öffnung der Mall in einem Klamottenladen. Das Teilzeitkind darf sich einen Packen Socken aussuchen, nachdem es ja für 5 Tage Wildnis nur ein Paar dabei hatte und das jetzt nass ist) und greift zielsicher zu den Jordans. Dann soll es auch noch neue Schuhe bekommen, da die alten schon fast auseinander fallen und undicht sind. Das Argument, dass es ja in Deutschland noch Schuhe hätte, lassen wir nicht gelten. Also sucht es sich wiederum sehr zielsicher, Markenschuhe aus – in blasslila. „Ich weiß aber nicht, ob die dreckig werden dürfen…“ Wir versichern, dass sie dreckig werden dürfen und dann ist es zufrieden. Vor dem Bezahlen geht sich der Liebste dann auch nochmal einen Packen Socken holen, nachdem ich meinen Vortrag über „ein paar Socken pro Tag einpacken“ einmal zu oft gehalten habe.
Danach gehen wir direkt nebenan, immer noch in der Mall, in ein Frühstückslokal mit dem schönen Namen „Pür & Simple“. Das Teilzeitkind speist eine Waffel mit Erdbeeren, Bananen, Nutella und Sahne – bzw. eigentlich vor allem den Belag, den Großteil der nackten Waffel lassen wir uns hinterher einpacken. Der Liebste nimmt einen Breakfast Burger mit Bratkartoffeln und für mich gibt es das Canadian Breakfast mit zwei Eiern, Würstchen, Bacon, Bratkartoffeln, Blaubeerpfannkuchen und Vollkorntoast. Sehr lecker!

Dann ist es Zeit, wieder auf die Straße zu kommen. Wir fahren zurück an die Küste (jetzt die Eastern Shore, also östlich von Halifax) und hören dabei nochmal eine Folge „Die drei !!!“. Eigentlich wollen wir uns rekonvaleszente Wildtiere anschauen, aber die Auffangstation ist heute leider für Besucher geschlossen. Also geht es direkt weiter, den Marine Drive entlang nach Nordosten. Das Teilzeitkind hört sein Hörspiel jetzt mit Kopfhörern, der Liebste und ich einigen uns als Kompromiss auf den lokalen Country-Sender und hören herzzerreißende Lieder über Männer, die nur unter Alkohol ihre Gefühle zeigen können und bewundern die wunderschöne, menschenleere Landschaft.

Nach guten zwei Stunden kommen wir an unserem Hotel für heute an – eine Lodge im Stil der Ferienhotels des Borscht Belt (vgl. „Dirty Dancing“ und „Marvelous Mrs Maisel“), allerdings ohne Animationsprogramm, aber durchaus mit u. a. Shuffleboard, Draußenschach, hoppelnden Kaninchen und Tiergehegen. Wir beziehen unser Zimmer und schicken Fotos von unserem Balkon hinaus in die Welt.

Das Poolhaus mit Pool, Whirlpool und Sauna ruft schon sehnsüchtig nach uns, aber vor die Erholung hat der Plan die Anstrengung gesetzt, also gehen wir jetzt wandern. Vom Hotel aus gibt es sechs verschiedene Trails, vier zum Spazieren, zwei zum Wandern. Von denen suchen wir uns den kürzeren aus, der mit einer Stunde Dauer angegeben ist, melden uns an der Rezeption ordnungsgemäß ab und laufen los. Nach einem Stück die Straße entlang geht es schnell in den Wald. Ein schmaler Pfad windet sich bergauf und bergab über Stock und Stein, an vielen Stellen matschig und sumpfig, weil es in den letzten Tagen hier viel geregnet hat. Das macht das Laufen beschwerlich – schon mal grundsätzlich und dann noch, weil ein nicht näher benanntes Kind seine neuen blasslila Schuhe nicht dreckig machen möchte und über jedes bisschen Schlamm motzt und meckert.

Nach etwa einem Drittel des Weges kommen wir am Flussufer an und ruhen uns kurz aus.

Kurz haben alle wieder gute Laune, aber dann kommt der beschwerliche Teil des Weges, bei dem wir immer wieder abenteuerlich klettern, Hindernisse überwinden und durch vollgesogenes Moos und schlammige Stellen waten müssen. Irgendwann waren wir alle mit den kompletten Schuhen einmal in der Matschepampe drin. Das ist dann der Moment, wo sich das Teilzeitkind den Zimmerschlüssel geben lässt und wütend davon prescht, weil wir ihm zu langsam sind und es seine Schuhe so schnell wie möglich sauber machen möchte. Von dem Moment an brauchen der Liebste und ich noch fast eine halbe Stunde, bis wir aus dem Wald heraus und zurück auf dem Hotelgelände sind.




Wir sind kaputt und müde, mit schmerzenden Gliedern von mehreren Stürzen und völlig verdreckt, als wir ins Hotelzimmer kommen, wo ein vor Energie strotzendes Kind einen Schuh schon fast sauber hat, kurz davor ist, mit dem nächsten anzufangen und uns fröhlich anbietet, danach mit unseren Schuhen weiter zu machen, das sei so schön entspannend. Mit viel Fingerspitzengefühl schaffen wir es nach einer kurzen Ausruhphase, das Kind von seinen Schuhen zu lösen und in seinen Badeanzug zu stecken. Dann laufen wir endlich hinüber ins Poolhaus. Der Pool selbst ist der Wärmste, den ich seit den Thermalbädern in Island vor 24 Jahren erlebt habe, ohne dabei nach Schwefel zu riechen. Der Whirlpool ist noch heißer, ähnlich wie ein isländischer Hot Pot. Dazu gibt es noch eine Sauna, die aber nur so um die 70 Grad heiß ist, und eine Sonnenterrasse. Wir lassen es uns gute zwei Stunden gut gehen und wechseln zwischen den vier Orten und Temperaturen hin und her.

Halb 8 wird es dann langsam Zeit, sich fürs Abendessen fertig zu machen, das wir für 20 Uhr reserviert haben. Da ich ja nur ein paar Socken pro Tag für den Roadtrip eingepackt habe und nicht wie die anderen seit heute morgen noch welche extra in petto habe, gehe ich in Flipflops zum Essen. Es ist aber auch immer noch warm genug dafür.




Auf der Sonnenterrasse hatte ich noch geschwankt, ob ich den Lachs oder die pochierten Heilbuttbäckchen nehme, habe mich dann aber ob des Preises und der zu erwartenden Konsistenzen (zum Heilbutt gab es Kartoffelbrei und Erbsenpüree) doch für den Lachs, das Signature Dish des Hauses, entschieden. Die anderen beiden essen Tomatensuppe und jeweils einen Burger (der Liebste mit Bisonfleisch) und das Teilzeitkind noch ein Eis. Mit einem weiteren alkoholischen Getränk bewaffnet, ziehen wir uns nach dem Essen ins Kaminzimmer zurück. Das Feuer ist nicht an, aber es ist trotzdem sehr gemütlich. Das Teilzeitkind darf auf meinem Handy spielen, der Liebste liest das Internet leer und ich fange ein neues Buch an. Kurz nach 22 Uhr fallen mir aber schon die Augen zu und ich verabschiede mich als erste ins Bett.