Heute nun beginnt unser diesjähriger Roadtrip. Der Liebste und das Teilzeitkind haben gestern Abend schon gepackt, ich erledige meinen Teil vor dem Frühstück. Draußen frühstückt zeitgleich mit uns ein Streifenhörnchen und wir debattieren folgerichtig die primären, sekundären und tertiären Charaktere in „Chip & Chap“.

Nach dem Essen telefonieren wir nochmal kurz mit Deutschland (gut soweit) und dann fahren wir los – fünf Tage on the road liegen vor uns. Etwa eine Minute nach jeder Abfahrt tönt es von der Hinterbank „Hörspiel!“ und damit sind „Die drei !!!“ gemeint. Ab und an können wir ein paar Songs von des Liebsten Playlist herausschlagen, den Rest der Fahrt hören wir zu, wie Franzi, Kim und Marie Detektivfälle lösen und Probleme mit Jungs diskutieren und dürfen uns dabei nicht unterhalten. Wir müssen dringend nochmal über Kopfhörer sprechen…

Nach etwa zwei Stunden erreichen wir die Millbrook 27 First Nation, ein Reservat der örtlichen Mi‘kmaq, wo heute der zweite Tag des jährlichen Powwows stattfindet. Wir haben noch etwas Zeit, bevor es offiziell losgeht und laufen erst einmal über das Gelände und schauen uns die verschiedenen Stände an, an denen Kleidung, Kunst, traditionelles Handwerk und Essen (Hotdogs, Burger, Poutine oder Lobster) verkauft werden. In der Mitte der schon leicht schlammigen Wiese (Wir vermeiden alle das R-Wort!) befindet sich ein ringförmiges Dach um den Tanzplatz, unter dem die verschiedenen Trommelgruppen, Tänzer*innen und Besucher*innen sich nach und nach einfinden. Der Liebste holt nochmal kurz was aus dem Auto, die Zeit nutzen das Teilzeitkind und ich dafür, uns erstmal Smoothies zu besorgen. Dann setzen auch wir uns unter den Dachring.

Die „Show“ beginnt damit, dass ein Moderator (MC) das Publikum anheizt. Die Trommelgruppen (u. a. die Superstars der Szene, „Northern Cree“) singen und spielen erste Lieder, die beiden Frontrunners sollen dann für die „Entscheidung“ einen „Karaoke-Song“ ihrer Wahl im Northern-Cree-Stil performen. Eine Gruppe entscheidet sich unter dem Gelächter des Publikums für „The Lion Sleeps Tonight“, die andere für „I Want It That Way”, das unter den anwesenden Millenial-Frauen noch mehr Jubel auslöst und so deutlich gewinnt.

Dann beginnt der offizielle Teil des Powwows mit der Eröffnungszeremonie durch die Tänzer*innen, bevor die Flaggen hereingetragen und aufgehängt werden – die Flagge der Mi‘kmaq, die von Nova Scotia, die der Acadie, die von Kanada, die der USA, die der Streitkräfte und die der Veteran*innen. Währenddessen wird gestanden und den verstorbenen Ahnen, den Opfern der Kolonialisierung und den Gefallenen der Kriege gedacht. Dann gibt es einen speziellen Tanz, um anwesende Veteran*innen zu ehren.






Danach darf man sich wieder setzen und es folgen die Tanzvorführungen und -wettbewerbe, bei denen die Teilnehmer*innen in verschiedenen Altersgruppen und Kategorien gegeneinander antreten und bewertet werden. Die Musik dazu stammt von den Trommelgruppen, die ebenfalls miteinander im Wettbewerb stehen. Wir gucken jedem Tanz fasziniert zu, amüsieren uns bei den Kindern z. B. über Spiderman- und Pokémon-Kostüme und bewundern die komplizierten Schritte und Figuren.
Irgendwann bei der dritten Kategorie der Teeniemädchen knurrt mein Magen dann so sehr, dass ich mich opfere und zum Burgerstand gehe. Dort stehe ich etwa 40 Minuten an, bevor ich meine Bestellung loswerde und dann nochmal gute 20 Minuten, bis sie fertig ist. Ungefähr die Hälfte dieser Zeit stehe ich ungeschützt im Regen. Immerhin schmeckt das Essen – Forrest Poutine mit Pilzsauce statt Gravy und extra Baconwürfeln für den Liebsten und mich, das Teilzeitkind bekommt nackte Pommes.

Den Großteil der Erwachsenenwettbewerbe habe ich verpasst, kann aber noch sehen, wie Headman und Headwoman gemeinsam tanzen.
Darauf folgen ein gemeinsamer Tanz mit Northern Cree und dem Moderator sowie der Abschlusstanz aller Teilnehmer*innen, bei dem die Flaggen wieder abgenommen werden („zur Ruhe gelegt“, nicht „zurückgezogen“, denn First Nations ziehen sich nie zurück!).
Danach kommen zwei Rounddances, bei denen auch alle Besucher*innen eingeladen sind, mitzumachen. Wir bleiben aber sitzen. Der letzte Programmpunkt ist dann die Siegerehrung, die aber gar nicht so sehr im Mittelpunkt steht. Hier geht es um die Gemeinschaft und die Pflege der Traditionen (und die Geldpreise), weniger um das Feiern der Individuen.

Hinterher wollten wir eigentlich noch ein wenig Geld an den Ständen ausgeben, aber inzwischen regnet es wirklich in Strömen und wir laufen stattdessen schnell zum Auto und fahren die paar Minuten zu unserem Motel, wo wir die Heizung anstellen und uns erstmal in unsere Betten legen, um uns aufzuwärmen. Nach und nach fällt mir auf, warum das Motel auf Google Maps nur 3 von 5 Sternen hat: Nur eine der Leselampen funktioniert, es gibt keinen Wasserkocher – man soll sich den Tee wohl in der Mikrowelle zubereiten – und es gibt zwar Tee und Kaffee sowie Milchpulver, Zucker und Süßstoff, aber nichts, womit man das alles umrühren könnte. Dass der Teebeutel dann auch noch aufreißt, schlägt dem Fass die Krone mitten durchs Gesäß, oder wie das heißt.
Nach etwa anderthalb Stunden machen wir uns auf den Weg zum Abendessen in unser „Stammlokal“ hier in der Gegend. Das Teilzeitkind soll zu diesem Behufe trockene Socken anziehen und verkündet uns nach über einer Woche Urlaub, dass es insgesamt nur zwei Paar Socken eingepackt hat und eins davon noch bei meinen Eltern liegt. Immerhin hat es die nassen Socken an der Heizung halbwegs getrocknet und kann sie jetzt anziehen. Und wir gehen dann also morgen früh erstmal Socken kaufen. Vor dem Motel werden wir von unserem Zimmernachbarn, der dort mit einem Bier vor seinem Zimmer sitzt, gefragt, ob er dem Kind ein Eiscremesandwich geben darf. Zum Glück haben wir mit „nicht vor dem Abendessen“ eine gute Ausrede. Er versteht und erzählt uns, dass er bereits seit drei Jahren in diesem Motel wohnt und allen Kindern Süßigkeiten schenkt. Wir fahren schnell los.
Im Stammlokal gibt es Craftbeer für die Erwachsenen (ein Hoppy Boy IPA aus Halifax für den Liebsten und ein North Shore Lager aus Tatamagouche für mich) und Eiswasser für das Kindelein.








Nach dem Essen spazieren wir noch ein wenig durch das inzwischen trockene und schwüle Truro und sammeln unterwegs zwei Geocaches ein.

Dann fahren wir zurück ins Motel. Der Zimmernachbar lässt sich nicht blicken. Die drei !!! schallen durchs Zimmer, ich setze mir Kopfhörer auf und vertreibe mir die Zeit auf TikTok und dann mit einem Podcast. Nebenbei versuche ich, den Powwow-Schlamm von Schuhen und Hose zu bekommen. Dann ist gegen 10 für alle Bettgehzeit. Ich höre noch Podcast, bis der Timer den Hörspiellärm beendet (ich höre trotz Noise-Cancelling-Kopfhörern und Podcast immer noch fast jedes Wort) und die anderen beiden schlafen. Dann kann ich die Kopfhörer abnehmen, mich bequem hinlegen (mehr oder weniger, die weiche Matratze behagt meinem schmerzenden Rücken nicht) und schlafe schnell ein.