15.09.2023 – Endlich Freitag, WG-Dings und viel Wein

Nach unruhiger Nacht vom Weckerklingeln geweckt worden und einigermaßen munter die Morgenroutine absolviert – nur die Sprach-Apps mussten verschoben werden, zum Glück gibt es später noch rechtzeitig eine Erinnerung und mein Duolingo-Streak überlebt auch diesen Tag, an dem ich mir neben der Arbeit auch viele Gedanken mache – über die Qual der Wahl nach dem WG-Casting. Details hierzu erst, wenn ein Untermietvertrag in Sack und Tüten ist und alle Beteiligten informiert sind. Ich überlege jedenfalls viel hin und her und hole viele Meinungen ein.

Arbeitstechnisch ist aber auch noch so einiges los, ich habe insgesamt sechs halbstündige Meetings, die alle recht intensiv sind, komme in Projekten voran, habe eine wahrscheinlich sehr gute Idee (die meine Chefin zum nächstwöchigen Treffen der C-Suite mitnehmen wird), haue vor einer relativ großen Gruppe von Menschen in einem E-Mail-Verlauf einmal kräftig mit der Faust auf den Tisch – mit Erfolg – und bespreche mit meiner Chefin die Neuaufteilung der Aufgaben in unserem Team und einen fancy Namen für das was ich zukünftig also tun soll – mal gucken, ob das auch eine Titeländerung mit sich bringen, oder nur für den internen Gebrauch genutzt werden wird.)

Am Nachmittag seit langem mal wieder ein gemeinsamer Chai mit dem Noch-Mitbewohner, samt Besprechung seiner Aus- und Umzugslogistik. Nach der Arbeit gehe ich dann eine längere Runde spazieren und tausche mich dabei mit meiner Freundin in Frankreich aus, bevor ich den Liebsten an der S-Bahn treffe und wir gemeinsam das Geschenk einlösen, das meine Cousinen mir zum 40. gemacht haben – eine Weinprobe zu seltenen italienischen Rebsorten. Die findet in einem der Foodie-Mekkas im Prenzlauer Berg statt, wo es gute Lebensmittel, jede Menge Kochbücher und eben auch Kochkurse etc. gibt. In einer hinteren Ecke des Ladens versammeln sich 14 Teilnehmende und ein Sommelier – ich habe nicht nachgezählt, sondern komme jetzt durch Logik darauf – wenn es von jedem Wein 0,1 l gibt, kommt man bei 15 Personen mit genau zwei Flaschen hin.

Das Publikum ist ein wenig so, wie man sich das in einem teuren Lebensmittelladen im Prenzlauer Berg so vorstellt – mit viel zur Schau getragenem Vor- und Halbwissen. Der Sommelier selbst ist hingegen sehr sympathisch, kennt sich aus und moderiert gut gelaunt durch den Abend. Am Anfang fremdeln wir noch ein wenig mit dem Gesamt-Set-up, aber der Wein hilft und beim zweiten Glas – dem Favoriten des Abends, bei allen, ist auch der Liebste aufgetaut und hat Spaß. Wir beginnen mit einem perlenden Naturwein aus dem Veneto – von den Rebsorten her eine Mischung aus Corvina, Molinara, Rondinelle und Sangiovese.

Darauf folgt der bereits erwähnte Favorit des Abends – ein Nascetta aus dem Piemont, der in der gleichen Gegend wie Barolo wächst und von den gleichen Vorzügen des Terroirs profitiert, aber nur in sehr sehr kleinen Mengen angebaut wird. Wir alle sind hin und weg.

Der dritte Wein kommt dann aus Abruzzen, ist ebenfalls weiß und heißt Pecorino, weil die Schafe der Gegend diese Trauben so gern fressen. Das ist vermutlich die bekannteste der Rebsorten, die heute Abend im Glas landen.

Mit dem Rosé geht es dann nach Sizilien, an den Ätna, die Rebe ist Nerello Mascalese und ich bin ziemlich sicher, dass ich bei einem meiner Sizilienbesuche (oder damals in der Enoteca in der Lombardei, als ich hinterher im Bett von Garibaldi schlief?) schonmal Nerello getrunken habe. Sehr gut jedenfalls! Dann geht es mit dem ersten Roten zurück in den Piemont, nach Novara und irgendwie habe ich diesmal kein Foto vom Glas gemacht, nur von der Flasche – lag vielleicht am gestiegenen Alkoholanteil in meinem Blut – Uva rara jedenfalls.

Hier wechseln wir dann auch vom leichten Pecorino (dem Käse, nicht dem Wein) zum kräftigen alten Kuhkäse (Gouda in dem Fall) als Begleitung, das passt besser. Brot und Wasser gibt es natürlich auch die ganze Zeit über. Der letzte Wein kommt dann wieder aus dem Süden, aus Kalabrien. Mit Wein aus der Gaglioppo-Rebe wurden schon die Sieger bei der antiken Olympiade bewirtet.

Außerdem gelernt:

  • Zinfandel ist nur ein anderer Name für Primitivo, allerdings kommt diese Rebe nicht ursprünglich aus Apulien, sondern aus Kroatien
  • Um 1870 herum wurde die Nordamerika nach Europa eingeschleppte Reblaus fast allen europäischen Weinstöcken zum Verhängnis, deshalb gibt es fast keine mehr, die älter sind. Danach wurden südamerikanische Weinstöcke, die immun gegen die Reblaus sind, nach Europa eingeführt und die alten europäischen Rebsorten darauf aufgepropft
  • Der Klimawandel macht schon jetzt vielen italienischen Rebsorten zu schaffen, besonders in den flacheren Anbaugebieten des Südens
  • Mal nach dem Sassicaia-Wein aus der Gegend um Bolgheri gucken, Empfehlung des Sommeliers zum Thema „Supertuscan“
  • Pauline Bonaparte, die Lieblingsschwester Napoleons, heiratete in die Toscana ein und war verantwortlich dafür, dass viele französische Reben seitdem dort angebaut werden

Wichtig ist dann natürlich noch der Hinweis, nachdem alle schon ordentlich angeheitert sind, dass es für die Teilnehmenden nur heute 10 % Rabatt im Laden gibt. Wir haben eh schon beschlossen, noch ein wenig einzukaufen und während die anderen noch den letzten Schluck trinken, steht der Liebste schon am Weinregal. Wir sichern uns schnell das Wenige, das vom Nascetta noch drinsteht – für die anderen Teilnehmenden wird noch eine Kiste von hinten geholt, aber dann muss man erst nachbestellen. Mit Wein und Käse versorgt machen wir uns vergnügt auf den Heimweg und lassen den Abend dann noch bei einem gutem toskanischen Grappa auf dem Balkon ausklingen.

14.09.2023 – Zurück im Homeoffice und letzter Casting-Tag

Nach dem vielen Stress gestern wird es heute zum Glück alles wieder etwas ruhiger, was ja im Sinne der Stressbewältigung eigentlich genau richtig ist – Sympathikus und Parasympathikus im Wechsel und so, aber der Ausschlag gestern war mir schon ein bisschen zu doll und lang. Im Nachhinein betrachtet dann wieder die Frage, wieviel davon „echt“ war und wie viel „in mir drin/hausgemacht“ – wenn man eh schon in Eile und dünnhäutig ist, wirken Unterbrechungen, Irritierendes und Deadlines ja gleich viel bedrohlicher. Anyway, heute also weniger davon und bewusst gewählte Ruhephasen zwischendurch.

Der Vormittag ist mehr durch Zufall als geplant komplett meetingfrei, so dass ich in Ruhe ein paar Dinge abarbeiten und organisieren kann. Zwischendurch nutze ich die Gelegenheit, die Katzenklos durchzusieben, kurz Post wegzubringen und Milch zu kaufen. Mittags gibt es die Reste des Kartoffel-Brokkoli-Thunfisch-Salats. Das erste Nachmittagsmeeting fällt dann auch noch spontan aus, so dass ich mehr Arbeit wegschaffen kann als geplant. Dann drei globale Meetings – zwei zum Mitmachen, eins zum Zuhören, und dann ist der Arbeitstag auch schon wieder vorbei.

Ich bringe den Müll runter und sauge schnell einmal durch (unglaublich, wie so eine Wohnung in dreieinhalb Tagen eindrecken kann) und setze mich dann chillend auf den Balkon, bis das WG-Casting weitergeht. Der Mitbewohner kocht währenddessen Nudeln mit Hühnchen und Paprika, irgendwie panasiatisch gewürzt. Zwei Minuten vor der Zeit klingelt es und der nächste Kandidat kommt mit einem Becher Kaffee von unten aus dem Stammcafé die Treppe hoch. Ich zeige ihm die Wohnung, dann sitzen wir auf dem Balkon und unterhalten uns eine knappe Stunde lang sehr angeregt. Als er weg ist, habe ich einen Videocall mit einer anderen Kandidatin über Skype. Danach esse ich einen Teller von den Nudeln und telefoniere mit dem Liebsten und dem Teilzeitkind, inkl. Fernkorrektur von Englischübungen, während der Liebste einen komplizierten Wäscheständer zusammenbaut.

Ein Knoten scheint geplatzt zu sein, plötzlich hat das Kind anscheinend Lust, Englisch zu können. Dazu muss man wissen, dass es schon die Hälfte seines Lebens in einer WG lebt, in der die Konversationssprache der erwachsenen Mitbewohner*innen Englisch ist. Und dass der Liebste und ich viele englischsprachige Serien und Filme gucken, die ihm bis jetzt verschlossen waren. Und dass es in den letzten zwei Jahren sechs Wochen in Kanada verbracht hat. Und halt in Berlin lebt. In dieser Klasse nun geht der Englischunterricht ganz strukturiert los, nicht mehr so spielerisch wie bisher und anscheinend hat da jetzt jemand eine Mission und ich muss dem Liebsten bald Italienisch beibringen. Geheimsprache isch over.

Dann muss das Kind ins Bett und ich schaue eine Folge „Mad Men“, während ich mir die Dreadlocks aus dem Unterhaar kämme. Ich will nämlich noch in die Badewanne und Haare waschen. Von dort aus telefoniere ich noch ein weiteres (fünftes?) Mal heute mit dem Liebsten und wäge potenzielle Mitbewohner*innen ab. Diese Casting-Runde ist vorbei, in den nächsten Tagen gilt es, Entscheidungen zu treffen.

Kurz nach 23 Uhr liege ich mit den Katzen im Bett und mache das Licht aus.

13.09.2023 – Bürogewusel und nächtlicher Marathon

Zum ersten Mal wache ich heute wegen eines einzelnen extrem lauten Donnerschlags gefühlt direkt über unserem Haus auf. Irgendwie ist das in letzter Zeit bei nächtlichen Gewittern oft so, dass es einen einzigen Donner gibt (oder ich den Rest noch verschlafe), sowohl hier als auch neulich in Kanada. Ist das jetzt ein neuer Trend im Gewitter-Business? Jedenfalls schlafe ich dann wieder ein, werde noch mindestens ein weiteres Mal von den Katzen geweckt und dann bin ich kurz vor 7 wieder wach und bleibe das dann direkt. Morgenroutine inkl. Duschen und etwas gediegener Anziehen für den Abendtermin, dann geht es mit Mate in der Hand los zum Büro.

Eigentlich habe ich mir einen ziemlich entspannten Arbeitstag vorgestellt und eingeplant. Der Mittwoch ist ja neuerdings meetingfrei (bis auf dringende Ausnahmen) und ich will im Büro vor allem ein paar Kleinigkeiten erledigen, die nicht virtuell gehen (Papierunterlagen suchen und scannen, Dokumente ausdrucken, Inventur bei physischen Gegenständen machen), mich dazu auch einmal kurz mit zwei Kollegen treffen und ansonsten konzentriert an einer kreativen Aufgabe arbeiten. Der Bürohund begrüßt mich sehr erfreut.

Wie das aber so ist im Büro, ständig kommt jemand und will etwas. Aus dem kurz mit zwei Kollegen treffen werden spontan zwei längere Meetings, weil‘s halt dringend ist. Meine Chefin schickt im Laufe des Tages drei Aufgaben, die bis zum Feierabend erledigt sein sollen – da der Tag meetingfrei sein soll, haben wir ja schließlich Zeit – und zumindest die zweite Tageshälfte entpuppt sich dann als ganz schön dolle stressig. Die kreative Aufgabe muss ich jedenfalls auf morgen schieben, die ist nämlich eigentlich auch dringend. Zum gemeinsamen Mittagessen gibt es gesponserte Pizza, die sehr lecker ist. Der Nachteil ist, dass ich die Pause eben auch mit Arbeitsgesprächen verbringe, statt draußen an der Spree zu sitzen.

Am Ende schaffe ich es, einigermaßen pünktlich Feierabend zu machen und dann zumindest erstmal an der Spree entlang zu meinen Eltern zu spazieren, Blumen gießen (bzw. davon überzeugen, dass es ihnen gut geht und noch genug Wasser im Bewässerungssystem ist) und um die Post kümmern. Kurz telefonieren tue ich auch noch mit ihnen – dank neuem Glasfaseranschluss dort jetzt sogar ruckelfrei mit Video. Und dann muss ich direkt weiter und spaziere zu einem Museum in Mitte, wo heute Abend die Jahresversammlung meines Berufsverbands stattfindet.

Vor Beginn der für zwei Stunden angesetzten Versammlung gibt es Wasser und Brezel mit Frischkäse, zum Glück. Dann insgesamt fast zweieinhalb Stunden Sitzung mit den verschiedenen Rechenschaftsberichten, Entlastungen, Neuwahlen… Während der Auszählung der einzigen geheimen Wahl des Abends gibt es noch einen spannenden, kontroversen Antrag zu diskutieren und abzustimmen, dann Wahlergebnis, Tagesordnungspunkt Sonstiges und dann ist auch das geschafft. Da ich jetzt zweieinhalb Stunden nicht reden, sondern nur zuhören, abstimmen und Kreuzchen machen musste, ist mein sozialer Akku wieder ein kleines bisschen aufgeladen. Ich bediene mich an den Häppchen (Roastbeef-Zuckerschote, Mini-Lachs-Burger mit Ei und Meerrettich, Zucchini-Schafskäse… die anderen beiden habe ich leider verpasst, das eine waren vegane Gemüsespieße, das andere sah nach Krabbe-Ananas aus), trinke ein halbes Glas Weinschorle und komme an einem Stehtisch mit fünf mir vorher unbekannten netten Menschen ins Gespräch.

Kurz vor 11 vernetzen wir uns alle über LinkedIn und verabschieden uns. Ich spaziere zur U2, um dann festzustellen, dass die dort abends Schienenersatzverkehr hat. Darauf habe ich keine Lust und laufe ein Stück weiter, zur Buslinie 200. An der Bushaltestelle verabschiedet sich gerade ein Grüppchen, das vergeblich auf den Bus gewartet hat. Der nächste ist für in 20 Minuten avisiert. Ich beschließe, entlang der Buslinie weiter zur nächsten U-Bahnstation zu laufen und dann dort entweder in den Schienenersatzverkehr oder eben die nächste 200 einzusteigen – je nachdem, was als nächstes kommt. Nüscht kommt.

Ich denke kurz über ein Taxi nach, möchte aber das Geld nicht ausgeben und außerdem hatte ich in den letzten Tagen eh zu wenig Auslauf. Also laufe ich weiter an der Linie entlang, auf den Alex zu. An jeder Bushaltestelle halte ich kurz an und gucke, aber nein, weder der eine, noch der andere Bus sind in Sicht. Erst als ich schon fast am Alex bin, überholen mich plötzlich drei Busse hintereinander. Na vielen Dank auch. Ich komme an der Tram-Station an, als die Tram gerade losfährt. Zehn Minuten später geht es dann endlich auf Rädern Richtung Zuhause, wo ich kurz nach Mitternacht ankomme. Zwei hungrige Katzen freuen sich über Futter und Streicheleien und dann liegen wir gegen halb 1 zu dritt im Bett und schlafen bald ein.

12.09.2023 – Ach, Menschen…

Ich war ja gestern kurz vor 10 im Bett und heute weckt mich dann halb 8 der Wecker. Dazwischen war ich zwar ein paar Mal kurz wach, bin aber immer direkt wieder eingeschlafen. Ich fühle mich morgens ausgeruht und erholt, na sowas! Zum Frühstück am Laptop gibt es den Rest Skyr, den Rest Blaubeeren und einen Apfel, dazu die erste Flasche der neuen Mate. Ich habe aus Versehen die Zero mit Süßungsmitteln statt Zucker gekauft – schmeckt noch süßer und weniger gut, Mist.

Die Arbeit plätschert erstmal gemütlich vor sich hin, dann wird aus einem für 90 Minuten angesetzten Meeting ein zweistündiges, weil es immer noch mehr zu besprechen gibt und vieles damit hat mit der Verschiedenartigkeit und den Befindlichkeiten von Menschen zu tun. Gestern hat der eine WG-Kandidat gesagt, dass er nach seinem Studium auf jeden Fall was „mit Menschen“ machen will. Ich würde auch ganz gerne mal eine Weile was „ohne Menschen“ machen, mit reichen die außerhalb des Berufs schon völlig aus. Habe ihm das Buch „Hauptsache nichts mit Menschen“ von Paul Bokowski empfohlen.

Nach dem Meeting ist erst einmal Mittagspause. Ich habe Kartoffeln und Brokkoli zu verarbeiten, koche erstmal beide und überlege mir im Verlauf, was ich damit anstelle – es wird ein lauwarmer Kartoffel-Broccoli-Salat mit Thunfisch und Oliven. Eine zweite Portion gibt es abends dann kalt, schmeckt auch. Noosa leckt beide Male hinterher den Teller ab – Win-Win!

Am Nachmittag gibt es noch weitere „Menschen“-Situationen, in zwei größeren Meetings, per Chat und auf der Meta-Ebene noch im 1:1 mit meiner Chefin. (Dazu fällt mir ein, dass eine meiner Cousinen als Kind immer sagte, sie wolle „Chefin“ werden, weil die Angestellten ihrer Mutter diese immer „die Chefin“ nannten. Ich möchte bis heute lieber nicht Chefin werden.) Dann ist Feierabend und ich sitze auf dem Balkon und versuche mich mit Katzenkuscheln, in den letzten Sommerabend gucken und ein bisschen TikTok zu entspannen, bevor abends das WG-Casting weitergeht.

Um 19 Uhr kommt eine Kandidatin live vorbei, mit der ich gleich einen guten Draht habe. Wir unterhalten uns, lachen zusammen, sie liebt die Wohnung, die Katzen und die Gegend. Ich bin kurz davor, ihr direkt zuzusagen (auf ihrem WhatsApp-Foto ist sie in Venedig und trägt eine pinke „Feminist“-Mütze!), bleibe aber noch ein bisschen vorsichtig, auch weil ja noch ein paar Termine anstehen und ich noch andere gute Kandidaten bereits gesprochen habe und eine „informed decision“ treffen möchte. Um 20 Uhr dann Telefon-Termin mit Italien – ein solides Gespräch, könnte gut werden.

Hinterher bin ich platt, liege auf dem Bett und gucke drei Folgen „Mad Men“ – zum Lesen bin ich zu aufgekratzt und auch sonst kann ich mich nicht gut konzentrieren, weil ich nebenbei die verschiedenen Kandidat*innen abwäge, unsere Dialoge nochmal durchlese, mich durch Instagram-Profile scrolle (Habe gelernt, dass heutzutage das Instagram-Profil zu den Bewerbungsunterlagen gehört). Kurz vor Mitternacht schreibt die Kandidatin von vorhin, dass sie eine wichtige Frage vergessen habe, sie würde demnächst ihren Hund nach Berlin holen und ob der dann auch einziehen könnte oder ob das wegen der Katzen ein Problem wäre. Ich schicke ein 😖 zurück, das exakt meinen Gemütsausdruck entspricht und sage ihr dann schweren Herzens ab. Was ist mit den Menschen?

Kurz nach Mitternacht ist die dritte Folge vorbei und ich lege mich schlafen.

11.09.2023 – Müder Montag mit mehr Meetings

Die Nacht war stückig, ich habe insgesamt recht lange geschlafen, aber halt mehrmals unterbrochen und dann klingelte der Wecker und ich war platt und mein Hals tat weh. Also gleich erstmal einen (negativen) Covid-Test gemacht. Außerdem das übliche Morgenprogramm und dann sitze ich halb 10 mit Müsli, Skyr und Blaubeeren am Schreibtisch.

Es ist insgesamt ein entspanntes vor mich hin Arbeiten heute, aber ich bin wirklich sehr müde und antriebslos, evtl. würde eine dringlichere Aufgabe dem ganzen gut tun? Manchen kann man es wohl nie recht machen. Ich habe dazwischen diverse Meetings – mit Berlin/NRW, mit Berlin, mit NRW/Ostfriesland, mit Paris, mit Madrid/Dublin/Bristol/Chicago und zum Schluss noch mit Paris/Chicago/Nordengland. Mittags mache ich mir zum Rest des Zucchini-Tomaten-Gemüses von gestern noch Nudeln, dazu Pecorino romano, und sitze auf dem Balkon.

Zwischen Meetings am Nachmittag kommt der Getränkelieferant und bringt je einen Kasten Feierabendlimo, Mate und sprudeliges Mineralwasser (hatte ich mir ja ursprünglich zum Mixen von Cocktails zugelegt, jetzt trinke ich es auch manchmal einfach so mit etwas Saft oder Sirup) und nimmt insgesamt fünf leere Kästen mit (noch vom Nachgeburtstagspicknick). Ich bin sehr fasziniert, wie er anmutig mit zwei vollen Kästen die Treppe hochgehüpft kommt und drücke ihm sehr gerne fünf Euro Trinkgeld in die Hand.

Nach der Arbeit gibt es dann Feierabendlimo (Blutorange) und den Rest der Pasta, bevor die nächste Runde WG-Casting ansteht. Um 19 Uhr kommt der erste Live-Kandidat vorbei und nach einer kurzen Besichtigungsrunde sitzen wir fast eine Stunde auf dem Balkon und quatschen. Als er weg ist, ist direkt danach der nächste Kandidat per Videocall dran, mit dem rede ich nochmal fast genauso lange, aber dann bin ich wirklich wirklich sehr sehr müde. Ich helfe dem aktuellen Mitbewohner noch kurz an einer schwierigen Stelle seiner Steuererklärung, telefoniere mit dem Liebsten und dann liege ich noch vor 22 Uhr im Bett und schlafe ein.

10.09.2023 – Sonntagssäubern und WG-Casting

Da ich ja ziemlich früh im Bett war, ist es fast OK, dass ich schon kurz nach 7 wach werde. Mehr Schlafdefizit aufholen wäre noch besser gewesen, aber ich nehme ja, was ich kriegen kann. Und liege erst einmal zweieinhalb Stunden noch gemütlich im Bett, während der Liebste pennt. Das Teilzeitlind hingegen rührt sich recht bald im Nebenraum, aber hört halt Hörspiel oder schlägt Räder oder durchsucht den Schrank nach offenen Chips-Tüten oder macht andere Dinge, die Zehnjährige so tun statt zu den Eltern ins Bett zu kommen. Eine sehr angenehme Entwicklung ist das! Irgendwann wird der Liebste dann von einem Anruf geweckt und steht danach auf, um Kaffee zu machen.

Kaum haben wir den Kaffee und somit Anzeichen gegeben, wach zu sein, da ist das Teilzeitkind dann da, kuschelt sich an mich und verlangt nach meinem Handy. Da ich sogar schon gebloggt habe, lasse ich es gewähren. Gegen halb 11 stehen wir dann auf und Frühstücken mit Eiern und Würstchen und allem Drum und Dran. Danach heißt es dann aufräumen. Der Liebste und das Teilzeitkind räumen ihre Zimmer auf, ich kümmere mich in der Zwischenzeit um das Abräumen des Frühstückstischs und bringe den Papiermüll weg. Dann hänge ich mit TikTok auf dem Sofa rum, bis die beiden soweit fertig sind (der Liebste früher).

Gegen 13 Uhr machen wir uns zu dritt auf in den Prenzlauer Berg. Der große Koffer, den ich dem Liebsten für den Urlaub geliehen habe, soll wieder mit zu mir. Das Teilzeitkind hat außerdem seinen Roller dabei, denn rollen ist seliger denn laufen. Wir fahren erst mit der U-Bahn und dann mit der S-Bahn. Letztere hat dann irgendwelche Störungen, so dass wir eine Station früher aussteigen und den Rest laufen. Das gibt uns Gelegenheit, bei einem meiner Stamm-Eisläden anzuhalten.

Raffaelo-Zitrone ist eine super Kombi für heiße Tage!

Außerdem kommen wir auf dem Weg noch an zwei Caches vorbei. Den einen hatte ich neulich schon vergeblich gesucht und auch die beiden haben kein Glück. Den zweiten finden sie genau wie ich neulich. Bei mir angekommen heißt es erstmal, den hungrigen Nimbin versorgen. Noosa traut dem Teilzeitkind nicht und bleibt den Großteil der Zeit unter dem Bett. (Dafür muss das Kind länger hier sein, die paar Male, die es hier übernachtet hat, durfte es dann auch mit Noosa kuscheln.) Der Liebste baut mir die neue Duschvorhangsspinne an, die ich auf Wunsch des Mitbewohners im November gekauft hatte. Die Bohrmaschine, die ich mir zu diesem Behufe ebenfalls im November vom Lieblingsnachbar geborgt hatte – der Mitbewohner hatte große Pläne – bringen wir danach zurück.

Nachdem die Beiden auf dem Rückweg nach Südberlin sind, packe ich mir einen Podcast auf die Ohren, räume den Geschirrspüler aus und ein, lege Wäsche zusammen, sauge Staub, putze das Bad und die Küche und mache mir Abendbrot. Es gibt Zucchini-Tomaten-Gemüse mit Minze und einen Rest Salat.

Der Mitbewohner kommt um Punkt 20 Uhr nach Hause, rechtzeitig für das erste WG-Casting-Gespräch über Videocall. Der Kandidat und ich unterhalten uns sehr gut, es kommt u. a. heraus, dass er vorhat, in der gleichen Lokalität zu jobben, wie das die nun ehemalige Mitbewohnerin des Liebsten am Anfang tat. Dann führe ich die Wohnung vor und er ist ganz begeistert. Wäre eine Option. Hinterher telefoniere ich kurz mit dem Liebsten und sage dem Teilzeitkind Gute Nacht. Dann ist um 21 Uhr das zweite Casting dran – mit dem Kandidaten bei dem sich gestern witzigerweise herausstellte, dass er ein guter Freund meines Cousins ist. Auch ein sehr gutes Gespräch, allerdings ist er verunsichert, weil die Wohnung so weit weg von seiner Arbeitsstelle ist, in die er jeden Tag fahren müssen wird. Wir werden sehen.

Dann reicht es für heute. Ich lege mich in die Badewanne, erstatte dem Liebsten Bericht und höre dann weiter Podcast, auch noch im Bett.

09.09.2023 – Septembersommer, Südberlin

Viel zu früh nach dem Einschlafen bin ich wieder wach – auf jeden Fall vor 9. Aber immerhin wurde mir ja gestern versprochen, ich dürfte dann noch ganz lange liegen bleiben und das ist tatsächlich so der Fall. Es gibt Kaffee im Bett und Internet leer lesen, Sprachkram machen usw. Zwischendurch kommen weitere Anfragen für das WG-Zimmer rein. Der Stand gestern Abend waren bereits 7 Besichtigungstermine für die kommende Woche. Ich fange an, Anfragen komplett zu ignorieren und nur noch auf die besonders sympathischen zu reagieren, um entweder abzusagen oder sie auf evtl. die Woche darauf zu vertrösten.

Kurz nach 11 kommt das Teilzeitkind an, krabbelt zu mir ins Bett und verlangt nach kurzer Begrüßungseuphorie nach meinem Handy. Während es spielt, geht der Liebste kurz zum Supermarkt und ich stehe jetzt auch endlich auf und mache mich schon mal (ein wenig) in der Küche nützlich. Dann gibt es Frühstück (für das Teilzeitkind eher Mittagessen). Der nächste Schritt sind die kaputten Jalousien im noch leeren Zimmer der zukünftigen neuen Mitbewohnerin vom Liebsten und dem Teilzeitkind. Ich halte die Leiter und reiche Dinge an, während der Liebste zumindest eine davon wieder richtig flott kriegt – für die zweite muss dann mal ein Profi kommen.

Dann wird es Zeit für den dem Teilzeitkind versprochenen Film. Wir treffen uns auf dem Sofa und schauen „Die Känguru-Chroniken“. Bzw, das Teilzeitkind schaut, der Liebste guckt nebenbei auf seinem Handy herum und ich döse ziemlich schnell weg – wir beide kennen den Film ja aber auch schon von unserem letzten Kino-Besuch vor dem Lockdown. Nach dem Film kommt die neue Mitbewohnerin kurz vorbei, um ihren Schlüssel zu bekommen – morgen zieht sie dann richtig ein. Hinterher setzt sich der Liebste an seinen Rechner und spielt weiter „Starfield“, das Teilzeitkind und ich gehen nach Draußen. Erster Stopp ist die Südberliner Stammeisdiele, für mich gibt es Guave und Brombeere-Zitronenthymian, die Kugel zu 2,20 €.

Frisch gestärkt gehen wir eine größere Runde durch die Umgebung und klappern drei Geocaches ab – einen, der für uns beide neu ist und die beiden, die ich letztes Wochenende schon alleine gemacht hatte noch einmal. Außerdem haben wir zwischendrin viel Zeit für ernsthafte Gespräche über die Zukunftsplanung, in der vierten Klasse macht man sich ja schon Gedanken, wie es weitergehen soll. Nach knappen zwei Stunden sind wir völlig verschwitzt und ausgedörrt wieder drinnen, trinken viel Wasser und ruhen uns aus. Ich bearbeite wieder ein paar WG-Anfragen, die zwischendurch eingetrudelt sind.

Dann schreibt mir mein Cousin, dass sein Kumpel ein Zimmer sucht und ob er uns connecten soll. Moment mal, mit genau dem habe ich doch vor einer halben Stunde geschrieben und ihn auf nächste Woche vertröstet. Das wird gleich erstmal revidiert und er bekommt noch einen Videocall-Slot für morgen. Das sind dann jetzt also acht Besichtigungen an vier Tagen, drei live vor Ort und fünf virtuell.

Der Liebste und ich gammeln noch ein bisschen gemeinsam auf dem Sofa herum, dann gehen wir zu dritt rüber zum Stammitaliener – das Teilzeitkind hatte uns schon am frühen Nachmittag einen Tisch draußen reserviert. Es ist laut Wetterbericht der letzte Sommerabend des Jahres, an dem wir hier zu dritt gemeinsam sitzen können werden – wir schlagen nochmal richtig zu. Es gibt Sarti Spritz für mich (der Liebste mag nach gestern noch nicht wieder Alkohol), dann Bruschetta, Focaccia und Tris di Antipasti (Lachs-Carpaccio, Rinder-Carpaccio und Vitello tonnato).

Das Teilzeitkind bekommt eine Pizza nach Art des Hauses, der Liebste nimmt Pasta mit Pfifferlingen und Speck und ich die Spaghetti mit Calamaretti und Tomatensauce.

Danach gibt es noch eine Kugel Eis, einen Espresso und einen Limoncello (Aufteilung bitte selbst erschließen) und dann laufen wir zufrieden nach Hause. Das Teilzeitkind macht sich bettfertig, ich gucke ein wenig TikTok und der Liebste reist noch ein bisschen durchs Weltall. Dann geht das Kindelein schlafen und wir schauen noch zwei Folgen „Reservation Dogs“ und eine Folge „What we do in the shadows“, bevor ich kurz nach 23 Uhr schlafen gehe und der Liebste wieder in unendliche Weiten entschwindet.

08.09.2023 – Casting und schon wieder Party

Noosa maunzt mich gegen 6:30 Uhr an, weil sie jetzt ganz ganz dringend kuscheln und gestreichelt werden muss. Drei Stunden vorher hatte es schon eine Weckung durch Nimbin gegeben, der aber eher auf einen kleinen Snack aus war. Macht mal wieder nur sechs Stunden Schlaf brutto. So langsam bräuchte ich da mal wieder eine solidere Nacht zum Ausgleichen. Jedenfalls bin ich noch ziemlich gerädert, als der Liebste gegen 8 anruft und nicht wirklich konversationsfähig. Aufstehen tue ich dann irgendwann kurz vor 9 und kurz nach 9 sitze ich am Schreibtisch und freue mich, dass Freitag ist.

Zu Müsli mit Blaubeeren und weißem Tee mit Minze schmeiße ich mir den entsprechenden Song von The Cure an und teile das Video direkt noch mit dem ganzen deutschen Team – zu äußerst positiven Reaktionen. Ich arbeite vor mich hin und habe dann halb 11 ein längeres Gespräch mit einem Berliner Kollegen. Die Nachbereitung trägt mich fast bis ins nächste Meeting um 12 mit zwei Kolleginnen in Berlin und einem in NRW.

Dann erzählt mir der Mitbewohner im Vorbeigehen, dass er den Zuschlag für die Wohnung bekommen hat und jetzt wirklich schon zum Oktober ausziehen wird. Ich aktiviere also mein am Mittwoch bereits aktualisiertes Mitbewohner*innengesuch und gehe ins nächste Meeting – 30 Minuten mit Ostfriesland. Danach habe ich fünf Anfragen auf mein Gesuch. Aber erstmal ist anderes zu tun. Ich nutze die Mittagspause, um die Mehrwegdosen von den beiden Essensbestellungen der letzten beiden Wochen zurück zu bringen und nehme mir direkt noch ein Bánh mi mit Tofu mit. Das esse ich dann auf dem Balkon, während ich mit dem Mitbewohner über die neue Wohnung die Umzugslogistik und die deutsche Bürokratie spreche. Nebenbei geht der Zähler der Nachrichten in der WG-App steil nach oben, bis zum Abend wird er bei 30 liegen.

Ich sichte schonmal ein bisschen vor, aus soziologischem Interesse – viele Student*innen natürlich um diese Jahreszeit, die meine Wunsch-Altersangabe von 25 bis 50 ignorieren. Geradezu automatisierte Anfragen, die lauter Fragen stellen, die ich alle bereits im Angebot beantwortet haben, oder keinerlei Informationen über sich selbst geben, oder das Ganze als Transaktion wie in einem Hotel betrachten… Aber natürlich gibt es auch viele völlig okaye und angemessene Anfragen, mit Informationen über sich selbst, Vorstellungen und Ansprüchen an ein Zusammenleben, teilweise sogar mit konkreten Nachfragen zu Dingen, die ich geschrieben habe.

Das Geschlechterverhältnis ist insgesamt fast ausgeglichen, mit leichtem Männerüberschuss. Ein paar Anfragen von Deutschen gibt es, dazu erwartbar viel Südasien (Indien und Bangladesh), Italien und dann einzelne Anfragen von Leuten aus dem Iran, Syrien, der Türkei, China, Russland, Südkorea, Mauritius, Australien und Kanada. (Ich habe wieder „Internationals welcome“ und „LGBTQIA+-friendly“ angeklickt, um Menschen mit zweifelhafter Gesinnung von vornherein möglichst auszuschließen.)

Am Nachmittag geht es weiter mit Meetings. 15 Uhr mit Prag, 15:30 Uhr global, 16 Uhr mit Warschau… Ich schreibe dann noch meinen Wochenbericht und klappe gegen 17:30 Uhr den Laptop zu. Dann setze ich mich mit dem Rest Tee und den Katzen auf den Balkon und beantworte den ersten Schwung anfragen – zuerst die vielversprechendsten, dann direkt Absagen an diejenigen, wo klar ist, dass da nichts geht (zwei mit Hund zum Beispiel, oder zwei, die nur für einen und oder drei Monate suchen). Bei anderen frage ich noch Sachen nach oder lege sie erstmal für später auf Halde. Gegen 18:30 Uhr raffe ich mich auf, siebe die Katzenklos durch und packe meinen Rucksack fürs Wochenende.

Zuerst fahre ich mit Tram und U-Bahn zu den Eltern, checke den Wasserstand bei ihren Blumen und leere den Briefkasten. Dann geht es mit U-Bahn und U-Bahn weiter nach Friedrichshain, wo der beste Freund des Liebsten heute seinen Geburtstag feiert. Es ist eine Wohnungsparty und als ich ankomme, sitzt der harte Kern inklusive des Liebsten schon ein Weilchen da. Bis auf eine Gästin, die ich noch nicht kenne, kann ich alle mit Umarmung begrüßen – nach knapp vier Jahren mit dem Liebsten, wovon ein großer Teil pandemiebedingt eher kontaktarm war, ist das schon beeindruckend, finde ich.

Es wird ein sehr gemütlicher, mal wieder ein wenig zu langer Abend, mit netten Gesprächen, zwischendurch auch ein wenig Tanzen und irgendwann führen der Liebste und ich dann mal wieder die Unterhaltung zu „Warum wir so gut zusammenpassen“ auf und machen seine Freund*innen neidisch, wie entspannt und eingespielt wir miteinander sind. Wir sind ein Vorzeigepärchen – die Vorstellung ist ein bisschen unangenehm aber dann auch irgendwie wieder ganz cool. Mit meinem Freundeskreis führen wir das Gespräch eigentlich nie – der ist allerdings auch nicht so ein verschworenes Grüppchen sondern besteht eher aus vielen Einzelpersonen und es gibt selten Anlässe, wo viele davon auf einem Haufen zusammenkommen. Wir starten den Aufbruch eine Stunde früher als letzten Freitag, sind aber aufgrund des längeren Weges wieder nur unwesentlich früher im Bett in Südberlin und schlafen diesmal schon so 20 vor 3 ein.

07.09.2023 – Angeknipst

Irgendwie nicht gut geschlafen heute Nacht – in der Rückschau fühlt es sich an, als hätte ich die ganze Zeit auf angenehme Art vor mich hingedöst. Augen waren zu, Bett war bequem, niemand hat geschnarcht, aber ich war halt „an“. Das FitBit behauptet, es hätte auch Schlaf gegeben, und obwohl ich dem dabei nicht traue – zu oft stimmen seine Daten nicht mit der Realität überein – muss ich durchaus auch geschlafen haben, denn ich liege ganz sicher nicht sechs Stunden lang einfach so da und ärgere mich nicht oder gucke nicht auf mein Handy. Halb 7 jedenfalls gucke ich dann doch und dann ist die Nacht vorbei – eine Stunde vor Weckerklingeln. Ich erledige den stillen Teil der morgendlichen Routine, um den tiefschlafenden Liebsten nicht zu stören. Meinen Wecker um halb 8 überhört er komplett, seinen ersten um 7:40 Uhr stellt er aus und döst weiter. Um 7:50 Uhr, seine gestern Abend anvisierte Aufwachzeit, wecke ich ihn vorsichtig und er steht auf und kocht uns Kaffee.

Jetzt kann ich auch kurz laut sein und wähle die richtigen Videos für den Blogpost aus. Dann liegen wir beide mit Kaffee im Bett und lesen. Kurz vor halb 9 setzt sich der Liebste für sein erstes Meeting an den Rechner – in seiner Firma gibt es nicht wie bei uns die Kultur der normalerweise angeschalteten Kamera – und ich gehe schnell ins Bad und mache mich bürofertig. Da ich weder Katzen noch Pflanzen versorgen muss und mir mein Frühstück unterwegs hole, brauche ich dafür nur 10 Minuten und dann bin ich auch schon unterwegs – auf den Kopfhörern die Ärzte.

Ich fahre mit der S-Bahn nach Mitte, hole mir beim Umsteigen in die U-Bahn eine Kardamomschnecke und eine Apfel-Karamell-Schnecke und bin dann gegen halb 10 im Büro. Ich mache mir einen Pfefferminztee und drehe eine kleine Begrüßungsrunde, dann setze ich mich mit den Frühstücksschnecken an den Laptop und gehe meine E-Mails durch. Daraufhin folgen ein Telefonat mit einem Kollegen und die Absage eines Calls mit Dublin. Mit der unverhofft freien Zeit drehe ich eine weitere Runde und erfahre Neues zu verschiedenen Situationen.

Um 12:30 Uhr dann Meeting mit meiner Chefin, wie wir beide entsetzt feststellen zum ersten Mal seit Mitte Juli – einige wurden wegen dringenden Arbeitsdingen verschoben und dann fielen fünf am Stück wegen unserer jeweiligen Urlaube aus. Wir haben eine gute halbe Stunde jedenfalls sehr viel zu besprechen. Danach noch kurze Nachbereitung und dann gehe ich in die Mittagspause. Im Supermarkt stelle ich mir einen Salat zusammen – Couscous mit Tomaten, Reissalat mit Paprika, Bohnensalat, Feta, Wassermelone – und hole mir dazu einen Smoothie. Mit all dem geht es hinüber an die Spree.

Ich sitze auf einer Bank, esse und gucke aufs Wasser. Um mich herum wieder jede Menge Berliner Jugendliche mit ihren Jugendlichengesprächen – hier muss irgendwo ein Nest sein.

Um 14 Uhr bin ich zum nächsten Meeting wieder drinnen, wir halten es aber angenehm kurz. Danach weitere Absprachen per Chat, Abarbeiten kleinerer Dinge, kurze Kaffeepause mit einer Kollegin (bis dahin war ich die einzige Frau im Büro heute und hatte vier Toilettenkabinen ganz für mich alleine). Zu 16 Uhr kümmere ich mich darum, dass ein globales Meeting über einen der großen Bildschirme gestreamt wird und wir das alle gemeinsam anschauen können.

Um 17 Uhr bin ich dann zuständig für die Aufzeichnung eines Workshops, leider bin ich nicht aufnahmefähig genug, um aktiv zuzuhören, aber ich habe ja dann die Aufnahme und kann das nachholen. Um 18 Uhr mache ich Feierabend und gehe unter Bauchschmerzen (war es der Salat, der Smoothie oder doch der zweite Kaffee?) zur Tram. Die Bewegung hilft ein bisschen, aber um nach Hause zu laufen tut es zu doll weh.

Zuhause begrüßen mich zwei hungrige, kuschelbedürftige Katzen. Ich mache erst ihnen Abendbrot und dann mit – gebackene Möhren und Zucchini mit Tahini, dazu eine Feierabendschorle auf dem Balkon und eine erste Schale Spreewälder Blaubeeren.

Beim Essen schreibe ich mit der Freundin und Frankreich und schmiede Pläne für meinen Herbsturlaub. Ich habe mich entschieden, doch nicht zwei Wochen in Italien zu verbringen – teils im Mailänder Büro, teils mit dem Interrail-Ticket unterwegs – sondern Geld und Energie zu sparen und es mir eine Woche lang zuhause und in der näheren Umgebung schön zu machen. Dafür haben wir gemeinsam eine gute Idee, die ich womöglich demnächst umsetze.

Ab 20 Uhr dann nochmal ein Zoom-Meeting, diesmal privat aber trotzdem anspruchsvoll und Aktivität verlangend. Gehört zu meinem Adulting-Projekt, das ich mir in Nova Scotia am Strand vorgenommen habe. Hinterher bin ich platt – vor allem mental aber eben auch müde. Es ist aber erst kurz nach 9. Für Lesen bin ich nicht mehr aufnahmefähig genug, also schaue ich eine Folge „Mad Men“. Und dann halt unvernünftigerweise noch eine und noch eine. Kurz nach Mitternacht kommt der Mitbewohner nach Hause und das ist dann mein Zeichen, nach der dritten Folge aufzuhören und mich bettfertig zu machen. Halb 1 ist das Licht aus.

06.09.2023 – Ohne Meetings, mit Termin

Seit diesem Monat gibt es bei uns in der Firma den meetingfreien Mittwoch, heute also zum allerersten Mal so richtig. Ich persönlich hatte mich ja für den Freitag ausgesprochen, the powers that be haben sich aber anders entschieden. Nun denn, mal schauen, wie so ein Innehalten mitten in der Woche sich langfristig auswirkt. Heute jedenfalls passt mir das Ganze erstmal sehr gut in den Kram, es hilft bei der flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit, passend zu den Erfordernissen des Tages.

So schreibe ich gleich morgens um 8 schon eine erste dienstliche E-Mail vom Bett aus, habe danach aber ausreichend Zeit für gemütliche Morgenroutine. Zum Frühstück mache ich mir die Reste des Pflaumen-Crumbles von gestern warm. Dazu gibt es eine Mate, denn die große Teekanne lohnt sich heute aus Gründen nicht. Ich setze mich zunächst zum Arbeiten raus auf den Balkon in die Sonne, aber die Kombination aus tiefstehender ebendieser, Wärme und Nimbin, der unbedingt auf meinem Schoß zwischen mir und dem Laptop sitzen will, macht, dass ich mit meiner Augabe – Übersetzung einer Präsentation, inkl. Layout-Anpassungen, da Deutsch nun mal länger ist als Englisch, nicht vorankomme.

Also wechsle ich doch wieder nach drinnen, aber weil es sich zeitlich nicht lohnt nicht an den Schreibtisch, sondern nur aufs Bett. Hier klappt das alles besser und beide Katzen können sich an mich kuscheln, ohne dass der Laptop in Mitleidenschaft gezogen wird. Ich beende diese Aufgabe, lektoriere noch eine weitere Übersetzung, spreche mich per Chat mit Kolleg*innen zu Dingen ab und dann ist es auch schon wieder Zeit für die Mittagspause. Der Mitbewohner kündigt an, dass er hoffentlich diese Woche noch den Zuschlag für eine Wohnung ab Oktober bekommt – das geht dann jetzt doch schneller als erwartet – und serviert frisch gekochtes Chicken Biryani.

Nach dem Essen packe ich schnell meinen Rucksack und fahre los nach Südberlin, wo ich aus geostrategischen Gründen die Nachmittagsschicht absolvieren werde. In der S-Bahn logge ich mich bei WG Gesucht ein und aktualisiere schon mal mein Inserat von zuletzt 2021. Als ich es danach aus Versehen kurz aktiviere, trudelt bereits nach 2 Minuten die erste Anfrage ein. Das wird ein Spaß. Ich nehme das Inserat aber erstmal wieder direkt runter. Wenn der Mitbewohner den neuen Mietvertrag unterschrieben hat, ist dafür immer noch Zeit.

Als ich beim Liebsten ankomme, steckt der gerade mitten in einem Meeting. Ich richte mich mit meinem Laptop auf seinem Bett ein (gute Traditionen sind gut) und arbeite weiter – lektorieren, Absprachen per Chat, Brainstorming im Projektmanagement-Tool. Dann ruft nochmal ein Kollege an und ich nehme das Handy mit ins noch leere Zimmer der der zukünftigen Mitbewohnerin des Liebsten, die am Freitag einziehen wird, da der Liebste selbst im nächsten Meeting steckt. Um 17 Uhr machen wir beide Feierabend und uns auf den Weg nach Potsdam, wir haben da noch einen Ärzte-Termin. In der S-Bahn gibt es Brezel mit Wegbier bzw. Wegmangosaft zum Abendbrot.

Mit zwei S-Bahnen, der Tram und dem Fuß geht es zum Open-Air-Bereich des Waschhauses, wo wir auf meinen Bruder samt „Patenkind“ und Kolleg*innen treffen. Dank des Altweibersommers/Septemberhochs wird es ein schöner sommerlicher Konzertabend.

Von Punkt 19 Uhr bis Punkt 22 Uhr stehen die drei älteren Herrschaften auf der Bühne – mit Ausnahme von drei kurzen Pausen vor den drei Zugaben – spielen Lieder von alt bis neu und machen halt so ihren Ärzte-Quatsch.

Ich bin ja bis 2007 („Jazz ist anders“) einigermaßen textsicher, die drei (?) Alben danach sind dann bis auf einzelne Songs nicht mehr so meins. Leider waren die verständlicherweise der Schwerpunkt des Abends.

Trotzdem gab es aber viel zu lachen und viel zu tanzen und mitzusingen (von 37 Songs konnte ich das bei 20). Ich hätte mir mehr von den alten Songs gewünscht, der Liebste mehr Westerland, mein Bruder mehr Farin-Songs und wir alle mehr Gelaber, aber drei Stunden sind halt auch ein begrenzter Zeitraum bei dem Œuvre.

Nach dem Konzert geht es auf dem gleichen Weg wir hin zurück nach Südberlin. Ich befülle WhatsApp und Instagram mit Fotos und Videos, während der Liebste noch ein bisschen Starfield zockt. Dann schlafe ich gegen Mitternacht zum Hörbuch ein und werde nur ganz kurz nochmal wach, als der Liebste auch irgendwann den Weg ins Bett findet.

Und hier dann noch die Setlist und das Videomaterial des Abends:

Quark
Ich ess Blumen
Ist das noch Punkrock
Angeber
Der lustige Astronaut
Unrockbar
Hurra
Wie es geht
Junge
Schrei nach Liebe