03.11.2023 – Freitagsfreuden

Gut geschlafen, aber dann von aufmerksamsbedürftigen Mietzen doch deutlich vor dem Weckerklingeln geweckt worden. Langsamer und gemütlicher Morgen im Bett, denn heute ist endlich wieder Homeoffice. Zwei Tage Büro hintereinander schlauchen schon, wie ging das denn bitte früher? Anyway, kurz nach 9 sitze ich mit Müsli und heißem Sanddornsaft vorm Laptop und gehe ins erste Meeting, das dann direkt noch in kleinerer Runde ins zweite übergeht. Vor dem dritten habe ich dann ein wenig Zeit, um Dinge von der To-Do-Liste abzuräumen. Dann noch das letzte offizielle Meeting der Woche und schon ist Mittagspause.

Ich halte mich an meine Tageslichtregel und drehe draußen eine Spazierrunde, bevor ich mir Stullen schmiere und Kaki aufschneide und mich wieder an den Schreibtisch setze. Weiteres Abarbeiten von Dingen, dann telefoniere ich mit einem ehemaligen Kollegen, von dem ich schon wieder eine Weile nichts gehört habe. Direkt danach ein Videocall mit der Freundin in Frankreich, die ja nebenbei auch eine Kollegin ist. Wir sprechen hauptsächlich über Arbeitsdinge und lassen dann den Call einfach weiterlaufen, während wir unsere Aufgaben für diese Woche abschließen – virtuelles Büro sozusagen. Dazu gehören bei mir u. a. letzte Absprachen mit der Kollegen, die heute in Mutterschutz geht, außerdem das Fertigstellen von Dokumenten, die heute noch live gehen müssen, das Vervollständigen der Schulungsunterlagen für mein Team sowie das Schreiben des Wochenberichts.

Kurz vor 18 Uhr verabschiede ich mich von der Freundin, der Mutterschutzkollegin und meinem Team und läute das Wochenende ein. Eigentlich hätte ich mich jetzt um das Katzenklo kümmern müssen, aber der Mitbewohner hat das schon am Nachmittag erledigt. Also nur noch Pflanzen gießen, Wassernäpfe auffüllen, Katzen füttern, Spülmaschine aus- und einräumen, Rucksack fürs Wochenende packen und dann bin ich nach einer Stunde schon wieder unterwegs. Mit der Ringbahn fahre ich nach Tempelhof zur besten Freundin des Liebsten, die gemeinsam mit dem Liebsten in ihrer Wohnung Dinge an Wänden anbringt. Die beiden leben in einer Welt, wo man freitags gegen 15 Uhr spätestens Feierabend macht und sind schon fast fertig, als ich ankomme.

Dann gibt es Sekt und Abendbrot und noch mehr Sekt und viele gute Gespräche bis kurz vor 1 Uhr. Unter anderem stellen wir fest, dass die beste Freundin des Liebsten und ich eine gemeinsame Bekannte haben – sie hat sogar mal mit ihr in einer WG gelebt – und jetzt beide keinen Kontakt mit der haben. Zufälle gibts. Kurz vor 1 wie gesagt ruft der Liebste dann ein Taxi und eine gute Viertelstunde später liegen wir in Südberlin im Bett.

02.11.2023 – Volle Kanne Herbst

Schritte zählen schön und gut, beim Schlaf dokumentieren ist mein FitBit nicht gut. Schon kurios, was es alles als Schlafen interpretiert. Morgens ewig im Bett herumliegen und sowas, ja. Jedenfalls tut es so als hätte ich ewig und einigermaßen gut geschlafen und beides ist nicht der Fall. Erst hilft das Hörspiel des Liebsten nicht beim Einschlafen, sondern hält wach, dann irgendwann unruhiges Hin- und Herwälzen, irgendwann leichtes Schnarchen neben mir, und als ich dann endlich mal etwas tiefer und länger am Stück schlafen kann, wird vor dem Haus Krach gemacht, so dass wir eine halbe Stunde vor Weckerklingeln beide wach sind und Kaffee im Bett trinken. Ich schaue mir dabei die Kurzdoku über die neue, letzte, Beatles-Single an, die morgen erscheint. KI macht eine ganze Menge möglich, auch das Auseinanderdividieren von Tonspuren von in den 70ern aufgenommenen Kassetten.

Um 8 dann steht der Liebste auf und fängt an zu arbeiten und ich gehe ins Bad, mache mich fertig und fahre dann los – heute mit U-Bahn und U-Bahn, immer noch wegen der Baustelle – ins Büro und blogge dabei. Das Donnerstagsbüro ist ein ganz anderes als das am Mittwoch. Also, die Räume sind die gleichen, aber ich begegne heute insgesamt nur vier Kollegen insgesamt, davon sind zwei vormittags da, einer nachmittags und nur einer den ganzen Tag wie ich. Der, der am Nachmittag kommt, ist eine Überraschung. Den habe ich seit viereinhalb Jahren nicht mehr im Büro arbeitend gesehen (ich glaube, er kam einmal kurz vorbei, als wir eine Impfaktion organisiert hatten, aber auch das ist jetzt über drei Jahre her). Beruflich haben wir auch nichts miteinander zu tun, so dass wir uns auch nie in irgendwelchen Meetings sehen. Trotzdem schön, dass es ihn noch „gibt“.

Ich esse Müsli mit Apfel und Kaki zum Frühstück und trinke dazu Earl Grey. E-Mails und Kram abarbeiten, dann gibt es einen ersten kleinen Call, um für meine Teamkollegin „Happy Birthday“ zu singen. Sie ist heute im Londoner Büro und hat ein karibisches Mittagsbüffet für alle organisiert. Allerdings sind UK und Frankreich beide noch in Sturmklauen, es gibt Internet- und Infrastrukturprobleme. Trotzdem wäre ich bei dem Büffet gerne in London gewesen, die Bilder sehen toll aus und versetzen mich zurück nach Jamaika.

Dann Meeting in gleicher Runde plus die Kollegin in Dublin, zur weiteren Übergabe während deren Mutterschutz und Elternzeit. Hinterher chatten wir noch ein wenig privat – sie hofft, dass ihr Sohn rote Haare bekommt wie sie und hat schon einen uralten irischen Namen ausgesucht, den außerhalb Irlands wohl niemand auf Anhieb richtig aussprechen kann, das war ihr wichtig.

Hinterher nutze ich die Gelegenheit aus, dass es meiner Chefin heute gesundheitlich nicht gut geht und sie unser Meeting verschiebt und mache eine frühe Mittagspause. Ich spaziere an der Spree entlang zu meinen Eltern (Post und Blumen) und freue mich unterwegs über die Herbstfärbung.

Es ist windig und die bunten Blätter schneien sozusagen von den Bäumen. Nach genau einer Stunde bin ich zurück im Büro und mache mir mein Mittagessen warm, das ich dann Schreibtisch esse – es trägt auch Herbstfarben.

Ich bin erstaunt, wie wenig mich der Porree im Essen stört. Jahrelang habe ich ihn in der Biokiste immer abgewählt, weil ich den eigentlich nicht mag – oder das glaubte – und ihn immer nur in kleinen Mengen ertrage. Dann dachte ich, jetzt wo der neue Mitbewohner da ist, lasse ich den Porree mal drin, vielleicht kocht er ja damit. Hat er dann nicht, also musste ich ran und siebe da, gar nicht schlimm. Wieder ein Gemüse von der Nicht-Essen-Liste geholt. So richtig drauf sind dann jetzt also nur noch weißer Spargel und Rosenkohl und selbst beim Rosenkohl hatte ich schon okaye Zubereitungen auf der Gabel.

Nach dem Essen hole ich mir einen Kakao mit Extra-Espresso-Shot und etwas Zimt aus der Küche und will mich damit ans Überarbeiten von Dokumenten machen. Da bleibe ich dann aber am Tisch des überraschenden Kollegen hängen und wir quatschten erstmal 20 Minuten darüber, wie es ihm und seinem Team so ergangen ist. Er kommt dann jetzt öfter und auf mein Anraten hin mittwochs, dann trifft er auch mal den Rest der Bande und kann bei der Gelegenheit auch wieder aktiver Deutsch üben – braucht er ja im Arbeitsalltag sonst nicht.

Dann aber wirklich Dokumentenarbeit, bis es Zeit ist, endlich die Schulung zu geben, die jetzt schon seit Wochen ansteht. Die Hälfte meines Teams ist live dabei, für die andere Hälfte zeichnen wir das Ganze auf. Ich muss also besonders professionell sein, wer weiß, wer das wann noch so guckt. Es läuft gut und nachdem die Aufzeichnung abgeschlossen ist, quatschen wir drei noch ein bisschen – in Paris ist Sturm, in Chicago liegt Schnee und die Arbeit nervt mitunter, aber zum Glück haben wir uns. Als der Call vorbei ist, ist es fast Feierabendzeit. Ich erinnere mich, dass es heute in der Gemeinschaftsküche unten Cocktails gibt und hole mir noch einen kleinen Schluck „Dark ‚n‘ stormy“, bevor ich mich auf den Heimweg durch den dunklen, windigen und regnerischen Herbstabend mache.

Auf dem Heimweg in der Tram mache ich Duolingo und Babbel und verpasse darüber meine Haltestelle, so dass ich dann etwas weiter laufen muss und noch ordentlich nass werde. Aber ist OK. Zuhause kurzes Abklatschen mit dem Mitbewohner, der zu einem Geburtstag los muss. Dann packe ich meine Sachen aus und das Paket mit dem Sanddornsaft. Den gibt es direkt in Heiß zum Abendbrot, dazu Stulle mit Käse und Apfelmeerrettich bzw. mit Hiddenseer Wildschweinleberpastete und eine Feierabendlimo.

Dazu höre ich Podcast. Nach dem Essen ab in die Badewanne und dann liege ich vor 22 Uhr im Bett und lese noch ein Stündchen, bevor ich in einen tiefen und ununterbrochenen Schlaf falle.

01.11.2023 – November, Büro, Sport

Deutlich besser geschlafen als gestern, aber dann trotzdem schon wieder deutlich vor dem Weckerklingeln wach. In Ruhe morgens alles fertig machen, inkl. Frühstück und Mittagessen für zwei Tage, Übernachtungskram, Laptop und Sportsachen einpacken. Mit Mate in der Hand und Podcast auf den Ohren laufe ich zur Tram und bin dann fast pünktlich im Büro. Die Uhrzeit spielt aber keine Rolle, weil mein erstes Meeting erst um 11 stattfindet. Im Büro ist es heute mal wieder so richtig voll, zeitweise sitzen wir zu sechst im Großraumbüro und alle reden gleichzeitig, am Telefon oder miteinander. Das ist zwar immer noch weniger als präpandemisch, aber wir sind auch deutlich weniger Leute als damals – einige haben die Firma verlassen, andere sind weggezogen, andere sind langzeitkrank und einige sitzen weiterhin nur im Homeoffice. Trotzdem fühlt es sich kurz wie früher an und hätte ich jetzt etwas Dringendes fertigzustellen, müsste ich mir Kopfhörer aufsetzen.

Um 11 dann Meeting – zu dritt im Raum, zwei aus Charlottenburg bzw. Ostfriesland zugeschaltet. Danach bleiben wir drei noch eine ganze Weile sitzen und reden weiter. War dringend nötig. Danach ist es Zeit für die Mittagspause und ich mache mir die Hälfte des gestern vorbereiteten Essens warm und setze mich damit in die Küche. Der Nachmittag ist dann auch größtenteils mit Kolleg*innengesprächen gefüllt, teils konstruktiv zu Arbeitsthemen, teils Beziehungspflege, die für meinen Job ebenso wichtig ist. Dazwischen gibt es noch zwei Meetings – eins mit Dublin und eins mit Dublin, Madrid, Dallas und Chicago. Die haben beide mit der Übergabe der Dubliner Kollegin vor ihrem Mutterschutz zu tun und sind bereichernd und motivierend.

Dazwischen arbeite ich weiter an den Materialien für die Schulung meines Teams – vor meinem Urlaub hatte ich die schonmal an einer Kollegin getestet und festgestellt, dass ich einiges noch ausführlicher erklären muss. Nach und nach verabschieden sich alle und um 18 Uhr verlasse ich als Vorletzte das Büro und fahre U-Bahn, S-Bahn und U-Bahn nach Südberlin zum Sport (so kompliziert, weil auf der Stadtbahn gebaut wird). Heute bin ich schon zehn Minuten vor Kursbeginn im Wasser und schwimme noch 250 m, bevor es losgeht. Der Kurs ist gut und teilweise anstrengend. Ein merkwürdiger Moment ist, als der Trainer sich direkt vor mich stellt und mich zu mehr Schnelligkeit antreiben will und sagt, ich soll aufhören zu lächeln. Das ist so das Gegenteil von der Yoga-Session gestern, dass ich laut loslachen muss und ihn nicht ernstnehmen kann. (Yoga: So gut machen, wie es heute eben geht. Nicht stressen, nicht vergleichen und sich zwischendurch immer wieder ein Lächeln schenken.) Vielleicht generell eine gute Lektion fürs Leben.

Da das Teilzeitkind diese Woche bei Mama ist und nicht mit dem Einschlafen wartet, bis ich da bin, lasse ich mir nach dem Kurs Zeit und mache direkt zwei Saunagänge. Dazwischen und danach liege ich nur in ein Handtuch gewickelt draußen auf einer Liege – auf der Dachterrasse eines Südberliner Einkaufszentrums – und gucke in den bewölkten Novemberhimmel. Nach dem zweiten Gang habe ich dann aber auch genug, gehe Duschen und laufe dann zum Liebsten – auf dem Weg das Schrittziel erreichend. Kurz nach 21 Uhr komme ich an und bekomme Abendessen serviert.

Halloumi, vegane Köttbullar, Couscous mit Tomate, Brot mit Tomaten-Mozzarella-Aufstrich, Oliven

Dabei erzählen wir uns von unserem Tag und von teils herausfordernden Gesprächen, die wir hatten. Schön, dass wenigstens wir die gleiche Meinung haben. Danach liegen wir auf der Couch und lassen uns von einer Folge „Feel Good“ und zwei Folgen „Young Sheldon“ berieseln, bevor es kurz nach 23 Uhr ins Bett geht.

31.10.2023 – Oktober vorbei

Ich habe unglaublich schlecht geschlafen – der Liebste hat zwar nur etwa ein Drittel des Bettes in Beschlag genommen, aber schon halt auch 50 % der Bettdecke, so dass ich ein wenig an ihn gebunden war und nicht einfach die anderen 2/3 flexibel nutzen konnte, um schmerzende Beine und anhängliche und aufmerksamkeitsbedürftige Katzen angemessen und flexibel Jonglieren zu können. Das Resultat war mindestens alle zwei Stunden richtig wach sein und zwischendurch auch eher Dämmern und Dösen als Tiefschlaf. Da war ich dann aber, als der Wecker klingelte und ich aufstehen musste, um uns Kaffee zu machen.

Die anstrengenden Katzen ziehen sich dann noch durch den ganzen Tag, belagern und behindern mich bei der Arbeit am Schreibtisch und verfolgen mich auch sonst auf Schritt und Tritt. Ist das eine neue Herbstkuscheligkeit oder haben sie mich wirklich so krass vermisst, als ich weg war? Immerhin hat Noosa in meiner Abwesenheit wohl endlich ihre Angst vorm neuen Mitbewohner abgelegt und sucht jetzt auch seine Nähe und lässt sich von ihm streicheln.

Der Arbeitstag verläuft ziemlich ruhig und mit viel Kaffee. Ich habe drei Meetings, über den Vormittag verteilt, und kann ansonsten sehr produktiv an einem meiner Projekte arbeiten, für das ich seit Wochen auf die entsprechenden Zuarbeiten gewartet hatte. Wegen der Vormittagsmeetings habe ich jedoch mein Frühstücksmüsli erst kurz vor 12 aufgegessen und lasse daher das Mittagessen ausfallen. Die Pause nutz ich wieder für Tageslicht draußen und gehe Katzenstreu und ein paar Süßigkeiten für etwaige Halloween-Kinder kaufen. Letztes Jahr haben sie nur einmal geklingelt (die Vorräte sind immer noch nicht komplett aufgebraucht, aber inzwischen zu alt zum Herausgeben), die Jahre davor teilweise bis zu fünfmal. Es ist etwas unberechenbar, aber ich kaufe wohlweislich nur wenig.

Am Nachmittag esse ich eine große Kaki, das reicht dann als spätes Mittagessen. Außerdem pausiere ich kurz und mache mit dem Mitbewohner das Unboxing eines Pakets, das während meines Urlaubs hier angekommen ist. Ich war am Magen vor meiner Darmspiegelung etwas eskaliert, hatte mir spontan einen Adventskalender bestellt und noch diverse andere Sachen, um Gratis-Versandkosten auszunutzen und weil einige Sachen so verrückt klangen, dass ich sie ausprobieren musste.

Demnächst also Erdbeerstollen und Erdbeer-Gewürzgurken
Nimbin freut sich auch

Nach der Arbeit breche ich auf zum Yoga und höre Kurt Krömer beim Podcasten mit Gästen zu, während ich mich durch marodierende Horden verkleideter Prenzlauer-Berg-Kinder auf Süßigkeitenjagd kämpfe. Beim Yoga sind wir heute erstmals zu sechst – mehr passen auch nicht in den Raum – und da eine absolute Anfängerin dabei ist, wird es heute etwas weniger anstrengend als sonst. Das sorgt für einige Erfolgserlebnisse für mich und insgesamt recht tiefe Entspannung, yay! Überhaupt bin ich trotz kurzer Stressmomente auch nach dem zweiten Tag noch tief in der Urlaubsentspannung drin. Gut, dass ich im Oktober so viel frei hatte (insgesamt fast die Hälfte der Arbeitstage, durch Urlaub, zwei lange Wochenenden und eben die Darmspiegelung), ab jetzt heißt es Durchhalten bis Weihnachten.

Auf dem Heimweg telefoniere ich zum zweiten Mal heute mit dem Liebsten, kurz danach ist das Schrittziel für heute erreicht. Wieder zuhause mache ich Meal Prep für die anstehenden beiden Tage im Büro. Dreiviertel eines Hokkaido, zwei Hände voll Kartoffeln und zwei Stangen Porree wandern mit dem Rest Guanciale, Olivenöl, Salz und Pfeffer in den Ofen. Als das erledigt ist, ist es schon 22 Uhr und statt mit dem Abendbrot zu warten, bis das Essen fertig ist, schmiere ich mir schnell Stullen und esse stattdessen die. Währenddessen kommt der Mitbewohner mit Besuch nach Hause. Zusammen essen wir noch etwas Walnusseis und quatschen in der Küche. Dann ist mein Essen fertig, ich schalte den Ofen aus, manche mich bettfertig und gehe direktemang Schlafen.

30.10.2023 – Back in Berlin

Sanftes Aufwachen mit ganz langsam aus dem Traum in die Realität finden und dann auf die Uhr schauen und feststellen, dass der Wecker bald klingelt – der Montag fängt erstaunlich gut an. Ich mache mir zum Frühstück Toast mit Marmelade (Pflaume) und Mandelcreme und setze mich an den Schreibtisch. 160 E-Mail-Loops plus diverse Benachrichtigungen aus dem Projektmanagementtool plus Chatnachrichten erwarten mich. Ich muss mich daran erinnern, dass ich auf die meisten E-Mails schon einen halben Blick geworfen habe und nichts gravierend Schlimmes dabei war. Und dass diese Woche nicht allzu viele Meetings anstehen und ich also vermutlich genügend Zeit für alles haben werde und alles viel weniger stressig wird, als ich jetzt denke. Dann geht es, ich atme tief durch und fange an.

Kurz vor dem ersten Meeting halb 11 bin ich mit dem Lesen und Sortieren durch und habe sogar schon etwas beantwortet. Dann ein kurzer Catch-up mit Dortmund, keine großen Dramen. Danach habe ich Zeit, mich in Ruhe an die Aufgaben zu machen, die anstehen, ausführlich mit einem Kollegen zu telefonieren und einen kurzen Schnack mit dem Mitbewohner zu halten, den ich gestern Abend nicht mehr gesehen hatte. In der Mittagspause gehe ich raus – Tageslicht tanken und Lebensmittelvorräte aufstocken.

Während meiner Abwesenheit hat auch in Berlin der Goldene Oktober Einzug gehalten

Ich komme gerade mit Äpfeln, Kakis, Gurke, Brot, Käse und Hafermilch beladen – die Kühllager werden weiter bestreikt und heute war auch die Bio-H-Milch alle, aber ich wollte ja eh mal auf pflanzlich umstellen – zurück in die Wohnung, als der Kollege in Ostfriesland fragt, ob wir unser Meeting spontan früher machen können. Ich kürze also meine Mittagspause radikal ab und verschiebe Stullen schmieren und essen auf nach dem Meeting. Am Nachmittag weiter geruhsames Abarbeiten (es sind viele kleine Dinge, also nicht ganz so geruhsam als wenn es nur ein großes Projekt wäre, aber ich komme voran), bis zu einem globalen Meeting. Kurz danach dann unser Team-Meeting, bei dem wir dann gnadenlos 20 Minuten überziehen, weil es schon wieder so viel zu besprechen gibt.

Deshalb muss ich dem Ex-Mitbewohner, als er Punkt 18 Uhr klingelt, um seine Post abzuholen, auch kurz schreiben, dass er sich noch gedulden soll – ich hänge mit Kopfhörerkabeln und Kamera am Laptop und wenn ich jetzt erklären muss, dass ich kurz an die Tür muss, zieht sich das Meeting noch länger und dafür habe ich keine Zeit. Um 18:05 verabschieden wir uns in die Woche und ich lasse den Ex-Mitbewohner rein. Er öffnet seine Post noch in der Wohnung, damit ich ggf. mit Übersetzungen helfen kann, dann reden wir kurz ein bisschen, er streichelt Nimbin (Noosa ist seit dem Klingeln unterm Bett verschwunden) und bricht nach 10 Minuten wieder auf. Zum Glück, denn jetzt habe ich nur noch genau 45 Minuten um das Katzenklo durchzusieben, das Bett neu zu beziehen, die Wohnung durchzusaugen und mich umzuziehen.

Um Punkt 19 Uhr verlasse ich das Haus und fahre mit Tram und Tram nach Friedrichshain, in die neue Wohnung von meinem Bruder. Dort warten schon der Liebste, mein Bruder, seine Freundin und der Bootsbauer-Cousin auf mich. Es gibt eine kurze Tour durch die Wohnung – noch ist alles im Werden, aber man kann sich inzwischen ein Bild machen, wie es aussieht, wenn alles da ist und ausgepackt ist und außerdem gibt es inzwischen eine Küche, mit schicker, professionell vom Cousin zugeschnittener und angebrachter Arbeitsplatte. Dann brechen wir auf und gehen gemeinsam „russisch“ essen. Eher sowjetisch, denn auf der Karte stehen auch ukrainische, georgische und aschkenasische Gerichte.

Salzgurke, gebratene Wareniki, Forellenmousse, Lachstartar, Rote-Bete-Aufstrich, Mors
Chicken Kiev – nach dem Aufschneiden lief die leckere Dillbutter raus – mit Kartoffelbrei und Salzgurke
Quarkpfannkuchen mit Waldbeeren
Ein Vodka aufs Haus

Wir essen und erzählen und lachen viel und dann ist es schon ganz schön spät. Gegen halb 11 verlassen wir das Lokal und verabschieden uns. Der Liebste und ich fahren mit Tram und S-Bahn zu mir und sitzen dann noch mit einer Limo auf dem Balkon, bis seine Allergietablette wirkt. Es sind immer noch 12 Grad – mehr als auf Hiddensee in den letzten Tagen tagsüber. Kurz vor Mitternacht liegen wir dann im Bett, samt Katzen natürlich, aber die Tablette tut ihren Job.

29.10.2023 – Zum Ende endlich Wetter

Ich wache früh auf, laut Handy ist es kurz vor 7, aber zum Glück hat das ja über Nacht die Uhr umgestellt und ich habe doch insgesamt fast acht Stunden geschlafen. Da ich heute bis 10 Uhr auschecken muss, hatte ich mir den Wecker auf 8 gestellt und brauche ihn nun nicht. Ich lese das Internet leer – gleich als zweites, dass Matthew Perry tot ist. Ich warte, bis der Liebste das erste Lebenszeichen von sich gibt, dann rufe ich ihn direkt an. Er hat es auch gerade gelesen und wir sind zusammen traurig. Wir telefonieren dann bis kurz nach halb 9, dann stehe ich auf, dusche, ziehe mich an und packe meine Sachen. Alles passt wieder in den Rucksack rein – sogar etwas besser als auf der Hinfahrt, weil ich einen der voluminösen Wollpullover anhabe – die Souvenirs kommen in einen Extrabeutel. Als ich zum Frühstück runtergehe, nehme ich das Gepäck direkt mit und stelle es wie verabredet in den Flur. So kann mein Zimmer schon während ich esse für die nächste Belegung fertig gemacht werden (die Betreiberinnen sind nur vormittags hier).

Zum Frühstück nochmal das Gleiche wie an allen anderen Tagen – Käsebrot, Marmeladenbrötchen, Müsli mit Sanddornquark, Eier, Tee, Saft. Nebenan sitzt heute eine große Runde und unterhält sich, erst über angenehme Todesarten und welche man für einen Suizid nutzen würde (Ertrinken wohl besser als Erfrieren), dann über die Insel und über zukünftig geplante Reisen (Segelkreuzfahrt auf der Ostsee? Yes, please! Eine Gästin macht die anlässlich ihres 60. nächstes Jahr mit ihrer Tochter, die sich geweigert hätte, zu fliegen oder eine reguläre Kreuzfahrt zu machen. Es gibt noch Hoffnung!)

Draußen regnet es aktuell noch in Strömen, deshalb lasse ich mir Zeit mit dem Essen und vor allem mit dem Austrinken. Wordle kostet mich heute etwas Zeit, bei Connections schaffe ich nur zwei Gruppen… Ich bezahle meine „Schulden“ bei der Gastgeberin – für Sanddorngelee, Rosengelee, Wildschweinleberpastete und die Flasche Wasser vom Anreisetag. Dann ist der Frühstücksraum leer und ich rufe meinen Cousin an, der sich gestern Abend gemeldet hatte und jetzt auch auf der Insel ist – aber am anderen Ende. Wir verabreden uns für ein Treffen in der Mitte. Als der Regen nachlässt, laufe ich los.

Über den Deich laufe ich nach Vitte, an Schafen und überfluteten Wiesen voller Kanadagänse, Enten und Kormorane vorbei. Das dauert eine knappe Dreiviertelstunde, dann sitze ich im Hipstercafé von neulich und genehmige mir einen weiteren heißen Sanddornsaft. Kurz darauf treffen auch mein Cousin und seine Freundin ein, die mit dem Fahrrad aus Neuendorf gekommen sind. Zuletzt sahen wir uns ja gerade erst vor zwei Wochen im Bahnhof in der Wasserstadt, von daher gibt es wenig Neuigkeiten zu erzählen und wir reden viel über Wohnsituationen in Berlin, Rostock und auf Hiddensee und über das Cousins- und Cousinentreffen, das unsere Väter mit ihrer Schwester und ihrem Cousin gerade in Kanada abhalten. Wir bekommen regelmäßig Fotos und meine Tante bloggt auch (passwortgeschützt) darüber.

Als „zweiten Gang“ gibt es für alle noch einen Tee, dann lockt uns die Sonne nach draußen. Zum ersten Mal, seit ich angekommen bin, gibt es eitel Sonnenschein auf Hiddensee – ausgerechnet am Abreisetag. Ich entscheide mich, den Besuch im Gerhart-Hauptmann-Museum sausen zu lassen (Ich komme ja jetzt hoffentlich wieder öfter her.) und wir spazieren gemütlich am Strand entlang Richtung Norden.

Etwa auf der Hälfte der Strecke verabschieden sich die beiden und kehren zurück zu ihren Fahrrädern. Ich laufe weiter nach Kloster und bin gegen 14 Uhr zurück in der Pension. Mit Gepäck geht es dann hinunter zum Hafen, wo ich bis zur Abfahrt der Fähre auf einer Bank in der Sonne sitze und den Blogeintrag über gestern fertigstelle.

Als wir abgelegt haben, gehe ich nochmal eine Weile oben an Deck und nehme Abschied von der Insel. Dann hole ich mir drinnen ein Matjesbrötchen, ein Stück Apfelkuchen und einen letzten heißen Sanddornsaft und esse Mittag/Vesper/Abendbrot in einem.

Etwa zweieinhalb Stunden dauert die Überfahrt über ruhige See, inklusive diesmal wunderschönem Sonnenuntergang.

Als wir in Stralsund anlegen, werden die Häuser noch vom letzten Nachglühen erhellt, dann ist Schluss mit Licht für heute. Im Dunkeln laufe ich einmal quer durch die Altstadt zum Bahnhof und brauche trotz des Gepäcks dafür nur genau die 27 Minuten, die Google Maps dafür veranschlagt. So habe ich noch kurz Zeit, bevor der Zug abfährt und kaufe mir am Automaten am Bahnsteig eine Tafel Salted-Caramel-Schokolade für den Fall, dass ich doch nochmal Hunger bekomme. Um 18:04 fährt der Zug pünktlich ab. Jetzt krame ich meine Kopfhörer raus – zum ersten Mal seit Mittwoch – und kümmere mich endlich um Duolingo und Babbel. Danach hole ich mein Buch raus.

In Neustrelitz heißt es dann nochmal Umsteigen. Ich winke innerlich kurz der Immergut-Stadt zu – spätestens in sieben Monaten sehen wir uns wieder! Dann noch eine gute Stunde weiter bis Berlin, fleißig lesend. Halb 10 schließe ich die Wohnungstür auf – wieder über 12 km gelaufen heute. Ich begrüße die Katzen, informiere den Ex-Mitbewohner über eingetroffene Post, telefoniere mit dem Liebsten, packe mein Gepäck aus und liege um 10 mit Buch und Schokolade in der Badewanne. Um 22:40 liege ich im Bett – eine Katze links, eine Katze rechts, das Buch vor der Nase – und um 23:30 mache ich das Licht aus. Urlaub vorbei.

28.10.2023 – Weiter akklimatisieren

Ich erwache wieder gegen 8 und habe einen gemütlichen Morgen im Bett. Gegen 9 ruft der Liebste an und wir telefonieren ein halbes Stündchen. Dann werde ich langsam unruhig und ziehe mich doch an und gehe frühstücken. Im Frühstücksraum gibt es wieder Gespräche, gleich drei andere Gäst*innen sind anwesend, plus zwei Gastgeberinnen. Über das Wetter wird gesprochen, das sei jetzt genug Regen gewesen, sagen die Gastgeberinnen. Über den Ostseeradweg auch. Und der Gast aus dem Westen sagt, er hätte schon gerne auch mal in der DDR gelebt, um mitreden zu können. Daraus entspinnt sich ein Gespräch darüber, was besser und was schlechter war und was die Wende brachte.

Nach dem Essen lege ich mich nochmal aufs Bett, blogge und spiele auf dem Handy, dann ist es plötzlich schon 12. Höchste Zeit, ins Draußen zu gehen. Der angekündigte Regen für heute ist zum Glück nicht eingetroffen. Ich lenke meine Schritte zuerst zu der Ferienwohnung von damals (gestern Abend war es zu dunkel) und ja, ein bisschen erinnere ich mich. Vor allem an die grüne Farbe, die gab es damals auch schon. Leider ist der Hof, wo damals das Plumpsklo war, nicht richtig einsehbar.

Ich laufe weiter zur Kirche und gehe ausnahmsweise mal hinein. Ich habe in meiner Kindheit in den Urlauben so viele Kirchen besichtigt, dass ich heute meistens draußen bleibe. Diese aber interessiert mich und ja, auch die kommt mir vertraut vor. Da waren wir bestimmt auch mal drin, nur zum Angucken oder vielleicht zu einem Konzert/Vortrag? Finden hier nämlich auch statt, heutzutage zumindest.

Draußen auf dem Friedhof gucke ich dann nach dem für mich prominenten Gräbern – Gret Palucca (Ich lege auch einen Kiesel auf den Stein, wohl der Nachrichtenlage wegen.), Gerhart Hauptmann, Sabine Hirschberg. Letztere war laut Informationstafel Mitglied der Weißen Rose. Habe also die lokale Antifa besucht (der Liebste schickt mir in Reaktion ein ✊) und lese später nach, dass sie zwar kein bekanntes Mitglied war, aber wohl durchaus auch Flugblätter verteilt hat und ihre Großeltern hier ein Sommerhaus hatten.

Weiter geht es dann zum Heimatmuseum, mit einer bunten Mischung aus Inselgeschichte und Informationen zu Pflanzen, Tieren und Fossilien, die man hier sehen kann. Hätte ich es mir gemerkt, wüsste ich jetzt, wie welche der Muscheln heißt, auf die man hier am Strand ständig tritt. Die kleinen schwarzen sind wirklich Miesmuscheln, wenn auch deutlich kleiner als die, die man im Restaurant zu essen bekommt, dann noch Herzmuscheln, und… vergessen. Auch was sich gerade so am Wegesrand befindet steht frisch geschnitten in Vasen und mit Beschriftung herum. Nächstes Mal zuerst ins Museum und dann in die Natur! Außerdem gelernt, dass Mascha Kaléko auch eine häufige Hiddensee-Gästin war, das wusste ich noch nicht. Auch über den Antisemitismus hier im Dritten Reich und lange davor, schon 1922 warb Vitte mit „Kein Luxusbad, judenfrei“. Gruselig, auch vor der aktuellen Nachrichtenlage wieder.

Dann über die DDR-Zeit und die FDGB-Urlauber*innenzuteilung. Gastgeber*innen hatten zwei „Besuchsscheine“, die sie privat vergeben durften, der Rest war staatlich gelenkt. Das heißt wohl, dass meine Familie über Beziehungen das Glück hatte, hier unterzukommen, als Besucher*innen. Da mal nachfragen. Außerdem noch ein Zitat aus der Ausstellung, man bezog sich auf die Zeit nach der Wende: „Die Insel blieb von der Verstädterung durch Hotelneubauten, Vergnügungslokale und durchgängig gepflasterte Wege verschont“. Darauf einen Sanddornlikör.

Apropos, den nehme ich mir heute an einer Kasse des Vertrauens mit – in der Variante mit Vanille und nur in Flachmanngröße, aber immerhin den größten der Flachmänner (sie kosten alle gleich viel, sind aber zumindest optisch unterschiedlich groß). Dann laufe ich nochmal ins Hochland, diesmal auf anderen Wegen, und sehe schon ein bisschen mehr Herbstfärbung als am Donnerstag. Ende Oktober darf es dann auch mal langsam bunt werden.

Der „Große Inselblick“ heißt nicht umsonst so – links Bodden und dahinter Rügen, rechts Ostsee, in der Mitte erstreckt sich das söte Länneken weit gen Süden.

Ich kehre nochmal im Klausner ein, der Apfelstrudel lockt natürlich – mit Vanilleeis, Apfelmus, Sahne und Eierlikör. Dazu – klar – wieder heißer Sanddorn. Wieder ist die Inhaberin erst extrem ruppig und später total lieb. Dass mir das als Berlinerin überhaupt auffällt, sagt wohl einiges.

Da ich die Ostsee heute bisher nur von weitem bzw. aus dem Museumsfenster gesehen habe, entscheide ich mich spontan für den Abstieg über die Klausnertreppe, das Steilküstenufer hinunter. Überall stehen Schilder, dass das auf eigene Gefahr geschieht und ja, vor 33 Jahren war die Treppe weniger kaputt und der Strand weniger voller abgebrochener Bäume und großer Steine. Hier muss man gut zu Fuß sein, es riecht nach Abenteuer. Erstmal unten angekommen sieht es dann aber sehr schön aus.

Dann soll es am Strand entlang, um die Hucke herum, zurück nach Kloster gehen. Der Weg ist etwa so wie auf dem obigen Foto und verlangt meine komplette Aufmerksamkeit – daher keine weiteren Fotos. Ich komme aber am Ende gut an und sitze dann erstmal noch gemütlich am Wasser und ruhe mich aus, bevor ich die nächste Treppe nach oben erklimme, um noch einen Blick auf die „Lietzenburg“ zu erhaschen.

Von dort geht es dann wieder hinunter ins Dorf und ich bummele noch ein bisschen. Zuerst geht es in die weitgerühmte Buchhandlung und ich bin wirklich beeindruckt vom Sortiment. Ich sehe vieles, was ich schon gelesen habe, nehme anderes in die Hand und mache Fotos, um es später auf meine Wunschliste zu packen und werde dann am Ende doch noch schwach – an dem Tisch mit den Hiddensee-Büchern. Der Stapel neben meinem Bett wird nun langsam wirklich gefährlich hoch, aber was soll ich machen? Die Hiddenseekarte mit den houses of the stars, also den Ferienunterkünften der Künstler*innen, die die Insel besuch(t)en („Künstlerkarte Hiddensee“) muss auch noch mit. Darauf lerne ich später, dass in meinem Pensionszimmer möglicherweise schon Albert Einstein geschlafen hat – im gleichen Haus auf jeden Fall.

Direkt nebenan ist noch ein Café mit einigen Souvenirs. Ich will nur mal kurz gucken, denn irgendwie möchte ich noch etwas Dauerhafteres mitnehmen als „nur“ Fressalien und Bücher. Auf den ersten Blick sehe ich nichts und bin ganz erleichtert, dass ich nicht noch mehr Geld ausgebe. Dann aber sehe ich diesen einen Hoodie, den ich mir noch genauer ansehen möchte, bevor ich wieder gehe. Blöderweise ist der dann wunderschön. Noch blödererweise ist er auch sehr teuer, aber dafür aus fair gehandelter Bio-Baumwolle. Er ist in S und ich habe kurz die Hoffnung, dass er mir nicht passt. Aber ich probiere an und doch, der sitzt auch noch. Dann muss er wohl mit. Die Verkäuferin verspricht mir, dass er lange hält und sie manchmal Kund*innen in ihren Klamotten sieht, die noch acht Jahre später wie neu aussehen. Na dann hoffen wir mal, wa?

Es ist kurz vor 17 Uhr und ich gehe meine Möglichkeiten durch. In einer idealen Welt würde ich erst im ältesten Hotel des Dorfes einen Sanddorn Spritz als Aperitif nehmen und dann in einem anderen Restaurant fürs Abendessen einkehren. Dieses hat aber heute geschlossen, weil der Koch krank ist, und das Hotel ist mit mehreren Festgesellschaften heute komplett ausgebucht. Mist. Muss ich mir den Spritz also demnächst zuhause machen. Ich laufe dann also noch zu einer weiteren Gaststätte mit ganz guten Bewertungen und werde direkt in den noch leeren Gastraum geführt. Eigentlich ist es noch ein wenig früh zum Essen, aber andererseits habe ich schon ein bisschen Appetit.

Ich bestelle mir also das mit Apfel und Sanddorn überbackene Schollenfilet und eine Sanddornschorle. Der Wirt und ich unterhalten uns über die Aufregung draußen vor dem Fenster. Dort stehen inzwischen mehr Fahrzeuge als ich dachte, dass auf der Insel existieren. Ein Polizeiauto, zwei Feuerwehren, zwei Notarztwägen und ein Rettungshubschrauber kreist auch noch. Ein 90jähriger Mann ist von seiner Tochter auf einer Bank „geparkt“ worden und war weg, als sie wieder kam. Draußen dämmert es schon langsam und danach wird es echt schwer, hier jemanden zu finden, der ziellos herumirrt. Nach und nach füllt sich der Gastraum mit Menschen – fast alle Inselbewohner, die den Wirt duzen, ihre üblichen Bestellungen bekommen und über Inseldinge reden. Und den Vorfall draußen vor dem Fenster natürlich. Irgendwann sammeln sich alle Helfer wieder und fahren ohne Hektik ab, wir gehen also davon aus, dass der Mann gefunden wurde.

Zum Nachtisch gibt es einen „Sturmbeutel“ mit Schlagsahne und Sanddorncreme. Am Nebentisch drehen sich die Gespräche inzwischen über die wilde Jugend im Osten, Vorträge über John Lennon als Friedenskämpfer und die Musik, die man damals in der Disko gehört hat, viel weniger „Ost“ als damals vorgeschrieben war. Dann beschwert sich eine der Gästinnen aber, dass die lokalen Bands heute alle auf Englisch singen würden und sie dann immer direkt weiterschalten würde. Was ist nur mit den Leuten?

Ich zahle und bin gegen 18:30 schon wieder auf meinem Zimmer. Dort lese und spiele ich bis etwa 23 Uhr auf meinem Handy, dann mache ich mich bettfertig und nehme nochmal für ein Stündchen ein Buch in die Hand, bevor ich einschlafe.

27.10.2023 – Natur und Postmoderne

Heute schlafe ich länger, bis gegen 8 im Haus das Leben losgeht. Gegen halb 10 gehe ich hinunter zum Frühstück – diesmal in Flip-Flops, und treffe dort wieder auf gesprächige Menschen. Da fährt man auf eine nur wenig bewohnte Insel um mal seine Ruhe zu haben und bekommt schon zum Frühstück Gespräche an die Backe genagelt. Schlimm. Um das auszugleichen, gehe ich dann nach dem Bloggen direkt nach draußen und spaziere eine lange Weile durch menschenleeres Gebiet.

An den Pferden vorbei geht es zum Strand und dort dann diesmal nach Süden. Ich gucke nur halbherzig nach Steinen, sehe hauptsächlich Muscheln, Meer und Möwen und atme Seeluft. Dabei telefoniere ich auch kurz mit dem Liebsten und dem Teilzeitkind, bevor sie zurück nach Berlin fahren. Dann einfach laufen, laufen, Kopf leer machen.

Auf Höhe von Vitte gibt es kurzzeitig ein paar Fetzen blauen Himmel und außerdem kreative Sandskulpturen. Ich laufe dann noch weiter bis zur Dünenheide. Dort verlasse ich den Strand und stehe plötzlich wirklich mitten im Nirgendwo, hier gibt es auch keine vereinzelten Spaziergänger mehr.

Ob man das blaue Haus mieten kann?

Ich laufe zur geografischen Mitte der Insel, da steht ein Schild und eine Bank und natürlich gibt es einen Geocache, den ich erfolgreich gebe – der erste in diesem Urlaub, nachdem ich in Berlin und Stralsund jeweils zwei nicht gefunden hatte. Dann laufe ich wieder Richtung Norden und nach Vitte hinein. Plötzlich sind da Menschen, Zivilisation und ein moderner Ostsee-Ferienort. Im Gegensatz zu Kloster sind hier soweit ich überblicken kann alle Straßen gepflastert. Es gibt einen Supermarkt, einen Geldautomat (Ich decke mich ein, damit ich die Kassen des Vertrauens füttern kann – bisher habe ich nur eine einzige mit PayPal-QR-Code gesehen), diverse Läden, Cafés und Restaurants.

Ich kehre in einem Café ein, das auch allerlei regionale Produkte verkauft und fühle mich fast in den Prenzlauer Berg zurückversetzt. Die Käse- und Wursttheke sieht aus wie in meinem Stamm-Bioladen, allerdings ist fast alles regional. Die Menschen tragen bunte Mützen und Schals und haben Bullerbü-Kinder dabei und wahrscheinlich kommen die meisten aus Großstädten. Der Sanddornsaft wird hier mit dem Milchaufschäumer der schicken Kaffeemaschine heiß gemacht. Dazu gönne ich mir eine Waldbeerentorte und eine Nussecke und die Lektüre der Firmenzeitung.

Das Café gehört mit vielen weiteren Läden und Gastronomiebetrieben zum Imperium der Familie, der die kleine Insel Öhe seit 700 Jahren gehört. Dort züchten sie Rinder und Schafe und engagieren sich als zurückgekehrte Großstädter für die lokalen Fischer, Bauern, Fleischer etc. Klingt alles sehr lobenswert, nach Slowfood und zurück zur Natur, aber ein bisschen skeptisch macht es schon auch. Zumal sie dann noch eine Zeitung über sich in Auftrag gegeben haben und die für 3 € verkaufen. Egal, mich interessiert die Thematik und ich habe sie mitgenommen. Trotzdem mal recherchieren, was es mit dem Imperium noch so auf sich hat.

Ich sitze draußen und teile mir die Kuchenkrümel mit den Spatzen der Umgebung, bis es mir zu kalt wird. Dann setze ich mich nach drinnen, trinke noch einen Tee, lese und lausche den Gesprächen an den Nachbartischen. Zwei Gästinnen tauschen sich über queere Codes in Harry Potter und Tintenherz aus, eine weiße Mama mit Dreadlocks hilft ihrem Sohn beim Postkartenschreiben… Hier ist definitiv das Hipstercafé von Hiddensee.

Gegen 16 Uhr breche ich wieder auf und spaziere noch ein wenig durch Vitte. Erst zur Blauen Scheune, die aber jetzt im Herbst für Besucher*innen geschlossen ist, dann zum Asta-Nielsen-Haus.

Dann geht es über den Deich zum Hafen von Vitte, nochmal mit dem Liebsten und dem Teilzeitkind telefonierend, die inzwischen wieder zuhause angekommen sind.

Dort kehre ich in einem weiteren Lokal des Imperiums ein, das ein konsequentes Katzenthema durchzieht – vom veganen Katzengras-Burger bis zum Katzenklo, das laut Bedienung grad frisch eingestreut ist. Ich bestelle mir einen Burger vom Öhe-Rind, der hier mit „Pommes Chips“ und Sauerrahm serviert wird – nix Ketchup – und weiche so von Fisch-Thema der letzten Tage ab. Eine große Dosis Histamin ist wohl trotzdem dabei, entweder vom Fleisch oder vom Sanddorn-Radler.

Ich esse also langsam und behutsam und trinke hinterher viel Wasser nach – so geht es einigermaßen. Zwanzig vor 6 breche ich wieder auf, denn um 18 Uhr fängt im Zeltkino die Vorstellung von „Sophia, der Tod und ich“ an. Ich dachte ja, das Kino hätte für die Saison geschlossen, aber nein, die ziehen das durch und zeigen sogar zur für mich passenden Zeit den Film, den ich schon seit Wochen sehen will. Großartig! In diesem Kino (bzw. einem der Vorgänger, das aktuelle Zelt steht wohl erst zehn Jahre), habe ich damals „Die BMX-Bande“ gesehen und womöglich noch andere Filme, vielleicht „Mio mein Mio“, „Die unendliche Geschichte“, „E.T.“?

Der Film ist zum Glück so gut wie erwartet, die etwa 20 anderen Zuschauer*innen und ich haben viel Spaß. Danach laufe ich die 2,2 km zurück in meine Pension, zwischen den beiden Dörfern ohne Straßenlaternen und teilweise ohne befestigter Straße. Pünktlich 20:15 liege ich dann auf meinem Bett, wieder mit über 14 km in den Füßen, und beschäftige mich mit meinem Handy, poste Fotos, spiele… Dann irgendwann bettfertig machen und weiter Buch lesen. Kurz nach Mitternacht schlafe ich ein.

26.10.2023 – Auf den Spuren der Vergangenheit

Ich erwache früh, schon kurz nach 7. Im Haus ist schon einiges los. Natürlich bleibe ich aber trotzdem noch lange im Bett liegen, lese im Internet, mache Sprachlerndinge, blogge… Dann gehe gegen halb 10 runter zum Frühstück und werde vorpommersch herzlich begrüßt – der einzige andere Gast im Raum nickt mir zu und die Frau von der Pension möchte erst einmal Kurtaxe – in bar und jetzt sofort. Ich gehe also nochmal hoch und habe zum Glück passendes Kleingeld. Nach dem Bezahlen guckt die Frau auf meine besockten Füße, hält einen Vortrag über Versicherungen in der Gastronomie und ich gehe also nochmal hoch und ziehe mir meine Wanderschuhe an. Dann ist sie zufrieden. Am Buffet stelle ich mir mein Frühstück zusammen – Müsli mit Sanddornquark, Kaki und Kiwi, Käsebrot, Brötchen mit hausgemachten Marmeladen – ich entscheide mich für Sanddorngelee und Rosengelee – hartgekochtes Ei, schwarzer Tee, Multivitaminsaft.

Während ich esse wird es weniger vorpommersch. Man spricht über das Wetter, ich erkundige mich nach der Sturmflut letzte Woche („Wir haben ja Deiche“), dann bekomme ich von den vielen Tieren auf der Insel erzählt. Die Wildschweine kommen schon bis ganz nach Süden, ursprünglich schwimmen die ja von Rügen rüber, Damwild auch. Und viele Kormorane gibt es im Süden, die stehen zwar unter Naturschutz, „aber die fressen schon viel Fisch weg“, die Seeotter auch und ein paar Robben gibt es auch noch. Dann geht die Frau in meinem Zimmer Zimmerservice machen und lobt mich hinterher, wie sauber es doch war. Bisschen doll familiär hier, wie im Cheshire Cat Inn.

Nach dem Essen mache ich mich schnell fertig und gehe nach draußen. Erst laufe ich wieder hinunter zum Hafen (gestern war es ja dunkel) und versuche, meine Erinnerungen von früher hervorzuholen und abzugleichen. Die Bilder aus meinem Kopf passen wenig zusammen mit der heutigen Realität, sind aber auch schon über 30 Jahre alt. Ich habe mehrere Sommerurlaube hier verbracht, beim letzten war ich 7, zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Auf einem der Fotos habe ich den Teddy in der Hand, den mir meine Eltern bei unserem ersten Besuch in Westberlin gekauft haben – mein Begrüßungsgeld-Teddy sozusagen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich den Hafen von der Gangway aus, Fahrräder, Handwägen, Pferdefuhrwerke – alles da, sieht aber anders aus – außerdem sandig-schlammige, unbefestigte Straßen (Check) und wenn es nach meiner Erinnerung von damals geht (oder der mit 4, 5, 6?) müsste es irgendwo eine Straße nach rechts ab geben, dort eine Bauernkate mit Reetdach, darin eine Ferienwohnung mit einem durch einen Vorhang abgetrennten Bereich mit Betten und hinten auf dem Hof ein Plumpsklo. Bloß ist da rechts gar keine Straße. Nun ja, der Orientierungssinn von Kindern… Vielleicht können mir ja mitlesende ältere Familienmitglieder einen Tipp hinterlassen, wo das war. 😉 (Edit: Mein Bruder hat geliefert, die Straße ging links rein, nicht rechts.) Ich laufe dann quasi vom Bodden bis zur Ostsee, einmal durch das ganze Dorf, und schaue mich um.

Hausgemachter Sanddornlikör mit Kasse des Vertrauens. Als ich später die 10-Euro-Flasche mitnehmen will, ist sie schon weg. Die 8,50 € hätte ich nicht passend. Vielleicht habe ich die Tage nochmal Glück.

Es sprühregnet im Laufe des Tages immer wieder mal, ich habe aber einen Schmuddelwetter-Wintermantel, eine Kapuze und sogar eine Mütze, komme also insgesamt ganz gut durch. Am Strand jauchzt mein Herz kurz auf ob der helltürkisen Ostsee bei diesem grauen Himmel, dann laufe ich ein Stück Richtung Norden, zur Steilküste. Anders als die anderen Spaziergänger*innen ist mein Blick nicht auf den Boden geheftet, auf der Suche nach Bernstein, Hühnergott und Donnerkeil, sondern ich schaue aufs Wasser. Das mit den Steinen mache ich bestimmt auch noch, gehört ja dazu.

Dann nehme ich eine der Treppen nach oben und laufe oben entlang, durch die herbstliche „Botanik“ mit immer wieder schönen Blicken aufs Meer, im/durch den Dornbusch bis fast zum Leuchtturm. Dabei versuche ich, alte Erinnerungen hervorzukramen – wann war ich hier, wer war noch alles da, welche Erinnerungen gehören hier auf die Insel und welche nach Warnemünde? Was sind echte Erinnerungen und was sind Fotos? Roch es in Kloster wirklich nach Kuhscheiße oder war das nur der Geruch vom Plumpsklo? Wo stand der Softeis-Automat mit dem Himbeer-Vanille-Eis, gab es den wirklich und kostete das Eis 50 Pfennig? Ich laufe die Pfade, die schon mindestens drei Generationen meiner Familie entlanggelaufen sind und überlege, wer schon alles hier war und wer noch regelmäßig herkommt. Es sind viele. Und dann fällt mir ein, dass mein Bruder hier mit meiner Tante im Urlaub war, als ich geboren wurde und evtl. gibt es die Geschichte, dass er dann dringend früher zurück nach Berlin wollte – oder hat das meine Tante dazu erfunden und sie kamen planmäßig zurück?

Als ich im Klausner einkehre, ist es kurz nach 12. Ich erinnere mich an den Außenbereich und habe einen Geschmack im Mund von DDR-Gaststätte, unbestimmt, irgendwas mit Fleisch und Rotkraut? Oder vermischt sich das mit der „Suppe“ aus Lutz Seilers „Kruso“? Ich überlege, ob mein Cousin damals in den 80ern hier mit den „Aussteigern“, „Schiffbrüchigen“, am Strand rumgehangen hat, er war damals in dem Alter. Oder meine jüngste Tante? Und welche Geschichten gibt es noch von damals? Haben die Generationen vor mir hier mit den ganzen Künstler*innen Umgang gepflegt? Hätte Lust auf einen Familienroman, über Generationen weg, erzählt entlang der Sommer auf Hiddensee.

Im Klausner gibt es Sanddorngrog, und damit der nicht gleich so zu Kopfe steigt noch Eierkuchen mit heißen Kirschen. Zu spät fällt mir ein, dass der Apfelstrudel hier die Spezialität des Hauses ist, ich glaube auch damals schon – vielleicht komme ich nochmal wieder? Auch hier wieder vorpommersch herzlicher Empfang – die Hausherrin erklärt patzig, dass die Quarkplinsen alle sind und läuft erst weiter, bevor sie meine Aufweichbestellung aufnimmt. Im zweiten Anlauf ist sie dann aber sehr freundlich.

Nach dem Grog geht es hoch zum Leuchtturm. Meine Cousine erzählte mir noch, wie neidisch sie sei, dass ich den jetzt frisch renoviert zu Gesicht bekäme, die Arbeiten dauern aber noch an. Ich schaue mich da ein wenig um, laufe dann weiter, über Stock und Stein und auf überwachsenen Pfaden.

Auf einer Lichtung spricht mich ein Wanderer an und wir unterhalten uns kurz über die Beschaffenheit der Wanderwege. Er weist mich darauf hin, dass es dort, wo ich eigentlich lang möchte, nicht lang geht – auf den Wanderkarten sind die Wege als gesperrt markiert und noch weiter hinten darf man nicht lang, weil dort Wildschutzgebiet ist. Er ist sehr nett, aber dann kommt er auf den Klimawandel zu sprechen, der „das sagen viele“ auch mit Schuld ist an der Küstenerosion, dabei „wandelt sich das Klima seit Millionen Jahren“. Er merkt wohl, dass er da bei mir auf Granit beißt und verabschiedet sich. Kurz danach nehme ich auch den Weg nach unten, Richtung Bodden.

Ich laufe die lange gepflasterte Straße vom Eingang zu Enddorn-Nationalpark über Grieben zurück nach Kloster. Auf dem Weg telefoniere ich ausgiebig mit dem Liebsten und dem Teilzeitkind, so dass mir die Zeit nicht lang wird. Zurück in Kloster gehe ich kurz in einen Laden und kaufe stilles Wasser – meine Wasserflasche passt nicht unter den Hahn im Zimmer und die Flasche Wasser in der Pension kostet das vierfache wie im Laden – und als Snack für heute Abend beim Lesen Geleebirnen in dunkler Schokolade. Eigentlich will ich nur kurz die Einkäufe auf mein Zimmer bringen und wieder los, dann fällt mir aber ein, dass ich Urlaub habe und ich heute schon ordentlich gelaufen bin und ich lege mich erstmal aufs Bett und ruhe mich aus. Etwa drei Stunden liege ich, lese, spiele, döse weg… Und dann ist es 18 Uhr und ich habe Hunger.

Ich laufe durchs dunkle Dorf zu dem Restaurant, das mir von meiner Cousine und meinem Bruder am wärmsten empfohlen wurde, und habe Glück, dass ich so früh da bin – so kann ich noch einen Tisch nutzen, der dann ab 19:30 reserviert ist.

Ich esse Fischsuppe und Dorsch mit Tagliatelle in Sanddornrahm und trinke eine Sanddornschorle. Die Desserts sprechen mich nicht so an (bis auf den Sanddornquark, aber den gibts in meiner Pension ja auf dem Frühstücksbuffet) und so liege ich schon kurz nach 19 Uhr wieder auf meinem Bett, mit über 14 km in den Füßen. Ich lese und knabbere Geleebirnen zum Nachtisch. Als der Liebste und das Teilzeitkind vom Abendessen mit den Großeltern zurück sind, telefonieren wir nochmal ausführlich, dann müssen die beiden Snooker gucken. Ich mache mich bettfertig und lese dann noch bis nach Mitternacht in meinem Buch weiter. So geht Urlaub.

25.10.2023 – Back to the Island

Heute also endlich wieder Reisen. Ich wache vor lauter Aufregung viel zu früh auf – natürlich – und höre noch Hörbuch bis kurz vor Weckerklingeln um 8. Nach Internet leer lesen und mit dem Liebsten und dem Teilzeitkind telefonieren ist es irgendwann schon Dreiviertel 9 und höchste Zeit, aufzustehen. Ich mache mich fertig für den Tag, mache mein Bett und sammle darauf alles was ich für vier Übernachtungen im Herbst an der Ostsee brauche. Bei der Überlegung Koffer oder Rucksack entscheide ich mich nach Abschätzen des Gesamtvolumens dann doch für Rucksack, damit bin ich einfach mobiler, und packe alles ein. Wahnsinn, wie vier Tage im Herbst den Rucksack genauso füllen wir zehn Tage im Sommer. Ich rechne mit vielen Lagen Klamotten, dicken Pullovern und Wechselklamotten für nach potenziellen Regengüssen. Außerdem ein zweites Paar feste Schuhe aus dem gleichen Grund.

Dann noch schnell Katzen füttern, Tee trinken und Müsli mit Joghurt, Apfel und Granatapfel essen und schon kann es losgehen. Mit der S-Bahn fahre ich zum Bahnhof und steige dort in den Regionalzug nach Stralsund. Am Anfang ist es sehr voll, ich finde aber nach einigen Suchen noch einen Sitzplatz. Neben mir wird Funny van Dannen gelesen. Ich kümmere mich um Duolingo und Babbel und fange dann an zu bloggen. Ab Eberswalde wird es deutlich leerer, ich kann mich ans Fenster setzen und habe neben mir einen freien Platz. Dort blogge ich zu Ende und beschäftige mich dann mit meinem Reiseführer, um mich auf die vier Stunden Aufenthalt in Stralsund vorzubereiten. Ab Pasewalk ist der Zug so gut wie leer – ich habe einen Vierersitz für mich alleine und draußen ist vorpommersche Einöde, aber schön. Die Schaffnerin kommt, muss aber kurz warten, bis wir aus einem Funkloch raus sind, bevor ich ihr mein 49-Euro-Ticket zeigen kann. Direkt mal einen Screenshot machen für die Rückfahrt – just in case.

In Stralsund laufe ich hinüber in die Altstadt und spaziere gemütlich aber relativ direkt zum Alten Markt, wo das Restaurant mit „kreativer nordischer Küche“ liegt, das ich mir mit Hilfe von Reiseführer, Google-Maps-Bewertungen und Online-Speisekarte ausgesucht habe. Weil auch andere draußen sitzen, lasse ich die Jacke an und speise mit Blick auf das Stralsunder Rathaus und die alte schwedische Kommandatur, Ich ignoriere die saisonalen Angebote und bestelle genau, was ich mir bereits online ausgesucht hatte: Zanderfilet, gebratener Blumenkohl mit Pflaumen-Portwein-Chutney, Pimientos de Padrón, Tomaten-Knoblauch-Kartoffelstampf, Grapefruit-Salat mit Tamarindendressing, dazu lokales Sanddorn-Radler und zum Nachtisch die Spezialität des Hauses: Brotpudding. Alles sehr lecker!

Nach dem Essen spaziere ich noch etwas gemütlicher – jetzt habe ich ja Zeit – durch die Gassen der Altstadt und hinunter zum Hafen.

Einem Tipp folgend fahre ich mit dem Fahrstuhl auf das Dach vom Parkhaus des Ozeaneums, habe dort einen tollen Ausblick auf Altstadt, Hafen und Strelasund und stelle fest, dass dieses Dach wohl auch ein Treffpunkt für die örtliche Jugend ist. Verständlich!

Wieder unten spaziere ich weiter am schönen Hafen entlang (der ist netter als der Stadthafen in Rostock und auch besser in die Stadt integriert), ruhe mich eine ganze Weile auf einer Holzbank aus und gucke aufs Wasser und dann wird es schon langsam Zeit, an die Weiterfahrt zu denken. Ich hole mir ein Rollmopsbrötchen fürs Abendbrot an einem Fischkutter und spaziere dann Richtung Anleger für die Fähre. Die kommt früher als erwartet an, so dass ich kaum zu früh bin. Ich bringe mein Gepäck nach drinnen zu gemütlichen Sesseln ganz vorne am Bug, besuche fix die Örtlichkeiten und gehe dann zum Ablegen nach oben an Deck. Leider ist der Himmel komplett zugezogen, sonst könnte man genau jetzt den Sonnenuntergang sehen.

Die See ist spiegelglatt und auch für die nächsten zwei Stunden spürt man kaum mal ein paar Wellen. Ich gehe bald wieder nach Drinnen, denn es wird jetzt schnell dunkel. Dort sitze ich dann und lese den Großteil der Überfahrt in meinem Buch. Am ersten Hiddenseer Hafen steigt der Großteil der Passagier*innen aus, jetzt sind wir nur noch zu sechst plus Crew. Ich esse mein Fischbrötchen, lese noch ein bisschen und dann biegen wir auch schon in den Hafen ein. Am Anleger stehen jede Menge Fahhräder und Handwägen – Autos gibt es hier praktisch nicht. Außer mir ist nur noch eine andere Passagierin touristisch da – die anderen steigen auf ihre Fahrräder und fahren nach Hause – einer mit einer Katze, mit der er beim Tierarzt war, andere mit Einkäufen aus der „großen Stadt“.

Ich schultere meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zu meiner Pension. Abseits vom Hafen ist es zappenduster, aber ein paar erleuchtete Fenster weisen noch den Weg. Ich folge der Wegbeschreibung „hinter dem Ententeich links ab und an der ehemaligen Zahnarztpraxis vorbei“, und muss dann auf unbefestigtem, teils schlammigem Weg noch ein wenig bergauf, dann lande ich tatsächlich an meiner Unterkunft. Auch hier ist alles dunkel, aber an der Tür hängt ein Umschlag mit meinem Namen, dem Schlüssel und einer kleinen Einweisung.

Ich suche mein Zimmer und stelle an den Schuhen vor den anderen Zimmern fest, das wohl alle belegt sind und auch alle anderen Gäst*innen schon da sind. Ich lege mein Gepäck ab, hole mir aus der Teeküche noch einen Pfefferminztee und eine Flasche Wasser, und bleibe dann auf meinem Zimmer. Gut, dass ich Duschgel und Shampoo dabei habe, das gibt es hier nicht, ebensowenig wie Seife. Dafür riechen meine Hände jetzt nach Litsea und Zitrone und verbreiten „Lebensfreude“. Ich drehe die Heizung runter, mache die Balkontür auf und schaue auf dem Handy, was in der Welt passiert ist. Nur eins der beiden Betten ist bezogen, zum Glück das für mich richtige. Jetzt muss ich nur noch die Mehrfachsteckdose von der anderen auf diese Seite umstecken und schon ist alles, wie es sein soll. WLAN gibt es keins, aber einen Balken mit abwechselnd 4G und 5G.

Gegen 10 raffe ich mich nochmal auf und ziehe meinen Schlafanzug an. Dann kuschele ich mich wieder ins Bett, lausche auf die Stille da draußen und lese noch ein Stündchen weiter, bis mir die Augen zufallen.