23.11.2023 – Homie

Es gab eine Phase in meinem Job, da waren wir so viele Leute im Team, dass das Büro aus allen Nähten platzte und es nicht genügend Rechner und Arbeitsplätze für alle gab. Damals wurden dann Pflicht-Homeoffice-Tage eingeführt, die durchs Team rotierten. Auch als im Büro mal das Internet ausfiel, wurden wir nach Hause geschickt, um von da zu arbeiten. Ein paar Jahre später galt Homeoffice dann als Privileg und es durften immer nur maximal zwei gleichzeitig Homeoffice machen – wir rangelten uns um die Plätze. Noch später wurde eingeführt, dass jede*r an einem Tag in der Woche Homeoffice machen darf, seitdem wurden hybride Meetings bei uns normal. Dann kam die Pandemie und heute ist man froh, wenn die Leute mal einen oder zwei Tage pro Woche ins Büro kommen, wegen der teuren Miete und wegen des Sozialgefüges. Vor der Pandemie nannten wir in meinem Team (als ich noch nicht in einem globalen war) das Homeoffice liebevoll Homie. Dies als Exkurs zur Überschrift: Ich bin heute im Homie.

Ich wache von alleine vor dem Weckerklingeln auf, lasse mir relativ viel Zeit und sitze dann irgendwann mit Müsli (Apple Crumble, mit Kaki und Mandelmus angereichert) und Melissentee mit Sanddornsaft am Schreibtisch. Eines meiner drei Meetings heute wird auf morgen verschoben. Ich bearbeite relativ viel Kleinkram, koordiniert mit der Kollegin in Paris wie gestern. Außerdem schaue ich mir ein Webinar zum Netzwerken in virtuellen Teams an. Dann Meeting mit Paris und Ostfriesland und schon ist es Zeit für die Mittagspause, in der ich auch direkt produktiv bin: Müll runterbringen, Geschirrspüler aus- und einräumen, Töpfe und Pfannen abwaschen.

Zu Essen gibt es die beiden übrig gebliebenen Hotdogs von gestern. Eine Freundin des Lieblingsnachbarn holt seinen Ersatzschlüssel bei mir ab, weil sie in die Wohnung muss, er aber heute nicht im Homie ist. Und ein Paket Katzenfutter kommt an – mein Schnäppchen aus der Black Week, ein paar Tage früher bestellt als es dringend geworden wäre, um den Rabatt zu nutzen.

Der Nachmittag beginnt dann mit zwei Stunden Meeting mit Biesdorf, Lichtenberg, Ostfriesland und Nürnberg. Man kommt auf gute Lösungen, wenn man Zeit zum Diskutieren hat! Danach noch ein wenig herumpusseln und dann mache ich heute mal früh Feierabend und noch ein bisschen im Haushalt weiter – Wäsche waschen, Katzenklo durchsieben, Wassernäpfe auffüllen, Pflanzen gießen und einen Granatapfel schlachten. Ich sitze ein bisschen auf der Couch, dann kommt der Hase vorbei und bringt mir einen Pannetone mit. Er war gerade in Italien im Urlaub und erzählt mir Geschichten aus Modena, Rom und Neapel. Wir sprechen über „L’Italiano“ und ich fotografiere ihm die entsprechenden Seiten aus „Azzurro – in 100 Songs durch Italien“.

Schön ist, dass wir heute so lange zusammen sitzen, dass sich auch Noosa irgendwann raustraut und mit ihm kuschelt, das gab es in der Form nicht mehr, seit er vor über vier Jahren hier ausgezogen ist.

Um 20 Uhr dann fliegender Wechsel – Hase raus und ich in den Workshop aus dem Adulting-Projekt. Nebenbei löffle ich die Reste der Suppe vom Dienstag. Um 21:15 ist dann endgültig Feierabend. Ich spiele noch ein bisschen, telefoniere mit dem Liebsten und lege mich dann in die Badewanne, bevor ich ins Bett gehe und mich von Hörbuch und Heizdecke in den Schlaf wiegen lasse.

22.11.2023 – Kurz mal raus(ch)

Der Morgen bietet heute ein ähnliches Szenario wie gestern, ich muss irgendwie rechtzeitig ins Büro loskommen. Verminderter Schwierigkeitsgrad, weil ich nicht gleich morgens dringendes zu klären habe und das einzige Meeting des Tages erst um 10 anfängt. Verminderter Schwierigkeitsgrad auch, weil es draußen zu kalt ist, um beim Laufen ein Kaltgetränk zu trinken – ich nehme weder Mate noch Ingwerlimo auf die Hand mit, stecke aber eine Limettenlimo für am Schreibtisch ein. Verminderter Schwierigkeitsgrad auch, weil ich noch Müsli im Büro habe und nur schnell eine Birne und eine Satsuma einstecken muss (und der Rucksack ansonsten noch von gestern fertig gepackt ist. Und ich muss auch weder Yogamatte noch Gymbag mitnehmen. ). Verstärkter Schwierigkeitsgrad, weil es wirklich arschkalt draußen ist (beim Aufbruch noch Minusgrade) und ich mich für einen Nachmittag draußen passend kleiden muss. Die Antwort sind Thermostrumpfhosen unter Jeans und warmen Socken, gefütterte Winterstiefel und zusätzlich zu Schal und Wintermantel jetzt auch Mütze und Handschuhe.

Die Kopfhörer passen zum Glück schön über die Mütze und so gibt es beim Loslaufen immerhin schön aufmunternde Musik aus dem Mix der Woche. Außerdem scheint die Sonne munter und mein Körper schmerzt weniger als gestern, danke Heizdecke. Ich nehme fröhlich die Tram ins Büro, treffe unten einen Kollegen, mit dem ich ein paar Jahre im gleichen Team war (später noch eine andere Kollegin oben, mit der das richtig lange so war). Heute ist wieder Bürotag für die meisten, so dass viel Zeit auch für Gespräche (ernsthafte und lustige) draufgeht. Dazwischen und danach frühstücke ich, habe mein Meeting mit der Kollegin in Paris, finalisiere mit ihr ein Konzept und setze den ersten Teil um, kläre Dinge per Chat mit meiner Chefin und der Kollegin in Südengland, stoße fast im Vorbeigehen eine Änderung gemeinsam mit dem Geschäftsführer an, die uns im neuen Jahr hoffentlich beiden das Leben erleichtern wird… Es läuft heute.

Mittags gehe ich mit einem Kollegen draußen spazieren und eine Laugenstange kaufen. Dann sitzen wir noch lange auf einer Bank an der Spree und reden über ernsthafte und traurige Dinge. Der Nachmittag vergeht dann schnell und arbeitsam, denn schon kurz vor 16 Uhr brechen die meisten von uns im Pulk auf zum Team-Event, bei dem wir heute zwei Stunden lang Eisstockschießen und Glühwein trinken.

Ersteres macht erwartbar Spaß und ich bin (zumindest vor dem ersten Glühwein) unerwartet gut darin. Zweiteres sorgt auf meinen relativ leeren Magen dafür, dass ich eine Weile lang die Probleme der Welt komplett ausblende – oder sie nicht komplett an mich heranlasse, denn neben dem Spielen unterhalte ich mich mit einer ukrainischen Kollegin über ihre Familie zuhause und natürlich auch über den lieben Kollegen, der sich täglich mehr und mehr aus der Welt verabschiedet. Sagen wir, mein Kopf ist dabei in Watte gepackt.

Nach zwei Stunden ist es mir zu kalt, um noch weiterzuziehen und ich laufe zur nächsten Tramstation. Schon auf dem Weg merke ich, dass mein Magen heute Abend nicht die Reste der Suppe von gestern braucht, sondern etwas mit mehr Substanz und FeSaZu (Fett, Salz, Zucker). Ich bestelle noch unterwegs eine Hotdog-Box (eine Hälfte für heute, eine für morgen!) und Pommes.

Zuhause noch schnell Katzenfüttern und dann ist dringend Sofazeit. Ich telefoniere noch das dritte und vierte Mal heute mit dem Liebsten, verlängere meine Sprach-App-Streaks, kümmere mich um mein Handyspiel, schaue zwei Folgen „The West Wing“ und philosophiere im Team-Chat über die verschiedenen Arten, Weihnachten zu begehen. Beim Anschauen des Weihnachtsbaums am alten Familiensitz vom letzten Jahr werde ich ganz rührselig und komme zum ersten Mal dieses Jahr in leichte Weihnachtsvorfreude. Dazu passt, dass ich heute relativ spontan schon das dritte oder vierte Weihnachtsgeschenk besorgt habe und außerdem der Schwester des Liebsten bei der Auswahl eines Geschenks für ihn beraten habe.

Mit Weihnachtsliedohrwurm krieche ich kurz nach 10 zu Katzen und Heizdecke ins Bett und lasse mich dann erst von TikTok und dann vom Hörbuch berieseln, bis ich gegen Mitternacht einschlafe.

21.11.2023 – Ein Tag mit lauter Zeugs

Ich erwache ohne wirklichen Grund kurz vor 7 und habe so morgens mehr Zeit – man wird sich später über das frühe Bloggen wundern. Heute ist trotz der Absage aus Paris Bürotag, denn ich habe mittags etwas in der Stadt zu erledigen. Zum Glück geht es mir wieder ein Stück besser, aber statt Mate nehme ich mir heute eine Ingwerlimonade mit auf den Weg. In der Tram Sprach-Apps, während des Laufens Venedig-Podcast mit Petra Reski. Fast pünktlich um 9 komme ich an und baue meinen Laptop auf. Dann werde ich von einem Kollegen direkt in ein Gespräch verwickelt und kann mich dem erst entziehen, als ich mit der Arbeit am Rechner anfange. Darüber vergesse ich fast, mir Milch ins Müsli zu schütten, meinen Apfel kleinzuschneiden und Kaffee zu holen.

So bin ich noch das ganze erste, anderthalbstündige Meeting (mit Berlin und Ostfriesland) am Essen, die letzten Reste esse ich schon zurück am Platz. Dann emsige Arbeit, am gleichen Thema wie gestern aber mit weniger Zeitdruck dahinter – schon interessant, wie sich die Prioritäten der anderen manchmal verschieben und nebenbei Beratungen mit verschiedenen hochrangigen Personen über die richtige offizielle Vorgehensweise für den bevorstehenden Kollegentod. Da ich auf dieser Ebene diejenige bin, die am nächsten dran ist und ihn am besten kennt, interessiert man sich plötzlich auch ganz oben für meine Meinung und ich bekomme plötzlich persönliche Chatnachrichten von Leuten, von denen ich das nicht gewohnt bin.

Mittags geht es nach draußen und ich laufe an der Spree entlang durch leicht unangenehmes Novemberwetter zur Wohnung meiner Eltern. Dort treffe ich auf meinen Bruder und gemeinsam überprüfen wir die Funktion der Klingelanlage, wie von der Hausverwaltung gebeten. Außerdem schauen wir nach Post (keine da) und versorgen die Pflanzen. Dann nehmen wir noch ein paar Stationen gemeinsam die U-Bahn, um noch Zeit zum Reden zu haben. Ich muss zurück ins Büro, er hat Erledigungen zu tun und geht dann zurück auf die Couch, um sich weiter von seiner OP zu erholen.

Hier sind die Tafeln mit historischen Bahn-Illustrationen abgenommen worden?

Zurück im Büro weiteres Arbeiten, dann Meeting mit Nordengland, Meeting mit Warschau, Zuhören bei einem globalen Meeting und nebenbei Fertigstellung eines langwierigen Projekts, das ich jetzt endlich aus meiner Aufgabenlisten und meinen Tabs entfernen kann. Nach dem Meeting telefoniere ich zum zweiten Mal heute mit dem Liebsten und bekomme unter anderem von einer unfairen 2+ in Mathe berichtet. Da stehen uns noch aufregende Zeiten ins Haus… Um 17 Uhr noch ein Meeting mit Chicago, danach arbeite ich noch Dinge weg und verlasse dann gegen halb 7 das Büro Richtung Yoga.

Dort ist heute eine neue Teilnehmerin dabei und während wir noch auf die Lehrerin und einen weiteren Teilnehmer warten, quatschen wir eine Runde über dies und das. Die Yoga-Session selbst ist mal wieder sehr gut. Ich habe schon davor bemerkt, wie mein Körper vor lauter Anspannung anfängt, zu schmerzen und steif zu werden – die Erkenntnis wird bei den Asanas immer deutlicher, auch wenn ich bis auf eine alle ausführen kann. Immerhin weiß ich jetzt, dass vielleicht auch mein Kranksein in den letzten Tagen von Stress und Anspannung beeinflusst wurde. Körper says „Au“. Auf dem Heimweg höre ich Bill Gates bei Trevor Noah und telefoniere dann ab dem letzten Stück wieder mit dem Liebsten. Das tue ich dann auch, während ich mir ein schnelles Süppchen koche – Gemüsebrühe gewürzt mit Gochuang-Paste, Reisnudeln, Möhren, Erbsen und dem Rest Bio-Würstchen. Deutsch-asiatische Fusionküche, sehr aufheizend.

Dazu gibt es Sanddornsaft und Sprachlern-Apps, Handy-Spiel und Podcast. Gegen 11 hole ich gegen den schmerzenden Rücken die Heizdecke raus und muss dann mit den Katzen um Platz darauf streiten, während ich langsam zum Hörbuch einschlafe. Draußen sind erstmals ernsthaft Minusgrade.

20.11.2023 – Novembermontag

Das Wochenende im Bett hat gut getan – körperlich geht es mir ein bisschen besser, seelisch habe ich definitiv aufgetankt. Allerdings bin ich der Welt auch ein bisschen entrückt und habe Mühe, mich wieder reinzufinden. Da ich weiß, dass der Arbeitstag nach hinten raus lang wird, eile ich mich morgens nicht allzu sehr und sitze erst kurz nach halb 10 am Schreibtisch. Und muss dafür das Licht anmachen. Mitten am Tag. Draußen ist es diesig grau und wird einfach nicht hell. Es ist doch ganz erstaunlich, dass das Wetter nach dem nicht enden wollenden Sommer jetzt wirklich komplett auf November umgeschaltet hat.

Ich sitze mit Pistaziencreme-Toast, Quittengelee-Toast, Ingwer-Zitrone-Honig und einem innerlich rosanen Apfel namens Kissabel Rouge aus der Biokiste vor dem Laptop und plane Tag und Woche. Drei meiner vier geplanten Meetings heute fallen aus – zwei mit Ansage, eins ohne, aber da das ohne mit der gleichen Person ist, die eines der anderen abgesagt hat, bin ich weder überrascht oder verärgert. Die Person besucht heute den sterbenden Kollegen im Hospiz, da kann so etwas banales wie eine Terminabsage einem schon mal durch die Lappen gehen.

Das andere Meeting wird von meiner Kollegin in Paris verschoben, weil sie zu viel zu tun hat. Da mein Tag jetzt sehr leer aussieht, nehme ich ihr eine Aufgabe ab, die mich dafür dann ordentlich Zeit und Nerven kostet – aber erst am Nachmittag. Bis dahin plätschert der Arbeitstag vor sich hin und ich habe zwischendurch Gelegenheit, das Katzenklo durchzusieben und zwei Maschinen Wäsche zu waschen und aufzuhängen. Meine Cousine schickt ein Bild ihres jüngsten Kindes (wird bald 2) mit Fahne auf einer Gewerkschaftsdemo.

Mittags gehe ich ins Draußen, ein paar Dinge müssen eingekauft werden. Testweise gehe ich dafür in den Discounter neben meinem normalen Supermarkt – irgendwann vor Jahren habe ich in einem Anfall von Lifestyle Inflation aufgehört, regelmäßig in Discounter zu gehen und mache das sonst fast nur, wenn es keine Alternativen in der Nähe gibt. Ich kenne mich daher vor Ort wenig aus und entdecke einiges an „Neuem“. Ansonsten bekomme ich fast alles, was auf meiner Liste steht, nur ist die Auswahl z. B. bei Bio-Produkten deutlich geringer. Nicht auf der Liste stehen Vanillekipferl und Elisenlebkuchen.

Der Liebste und das Teilzeitkind bekommen jedes Jahr eine Kiste mit Weihnachtsleckereien. Die Lebkuchen haben sie vor einer Weile abgewählt und um die Vanillekipferl gibt es immer Streit, weil wir die alle drei sehr mögen. Ich bevorrate mich also weise selbst. Außerdem gibt es hier bei den Backwaren frische Buchteln und die muss ich natürlich ausprobieren. Deshalb wandert auch noch Vanillesauce in den Korb – für eine Portion ist mir das selbst anrühren mit Puddingpulver zu anstrengend und würde auch zu viel. Für das letzte, was auf der Liste steht, gehe ich noch schnell in die Drogerie, freue mich über die schnelle Selbstscankasse und dann geht es wieder nach Hause.

Zum Mittag gibt es den letzten Rest Colcannon und dazu zwei Bio-Wiener, Sanddornsaft und die ersten Seiten des Monatsmagazins meines Berufsverbands. Dann geht es zurück an den Schreibtisch, wo auf einmal die Aufgabe, die ich der Kollegin abgenommen habe, ordentlich ab Priorität gewinnt, da die C-Suite sich plötzlich dahintergeklemmt hat. Ich dachte ja, ich mach das in den nächsten Tagen nach und nach, aber nein, da ist jetzt Druck auf dem Kessel. Nervig. Im Teamchat diskutieren wir hin und her und weil es schriftlich ist und asynchron ist das nicht sehr zielführend und dafür anstrengend. Zum Glück ist 17 Uhr dann Teammeeting und wir können das Ganze aufklären und auf den richtigen Weg bringen.

Das Meeting geht dann am Ende gute anderthalb Stunden, weil einfach mal wieder so viel zu besprechen ist. Wir schaffen es nichtmal, über alles zu reden, was auf der Agenda steht und müssen sehen, ob der Rest noch irgendwann drankommt oder ob dann wieder etwas anderes wichtiger ist. Das alles strengt mich heute irgendwie furchtbar an, so im Vergleich zum chilligen Wochenende. Immerhin hat ein Kollege aus Frankreich seinen Besuch morgen bei uns abgesagt, das entzerrt den Tag ein wenig und erleichtert generell meine Planung gleich für die nächsten Tage, beruflich und privat. Immer so viele Bälle gleichzeitig in der Luft.

Halb 7 klappe ich den Laptop zu, um 7 sitze ich mit Buchteln und warmer Vanillesauce auf dem Sofa und telefoniere zum vierten Mal heute mit dem Liebsten. Dann will ich abschalten. Fürs Lesen bin ich zu aufgewühlt, „The West Wing“ ist mir zu nah am Arbeitstag. Ich entscheide mich für einen Podcast von Jan Müller und Thees Uhlmann über die „10 besten Nirvana-Songs“ und spiele dabei auf dem Handy. Nebenbei schreibt mich der Kollege aus Chicago an und wir werten nochmal einen emotionalen Moment aus dem Meeting aus.

Nach dem Podcast folgt die entsprechende Playlist. Sehr schön. Dann ist es auch plötzlich schon 23 Uhr und ich mache mich bettfertig. Im Bett liegend öffne ich nochmal TikTok, dessen Benachrichtigungen ich am Tag ignoriert habe, und dort schlägt mir der Algorithmus die letzte Rede von Barack Obama beim „White House Correspondents Dinner“ vor. Verrückterweise schafft die es, mich endlich von meinen gestressten Arbeitsgedanken wegzulotsen – es war eine heilere Welt, niemand dachte, dass Trump die nächste Wahl gewinnen würde und Onkel Barry hat echte Stand-up-Qualitäten. Wenn man nicht zu weit weiter denkt, ist das sehr schön anzusehen. Irgendwann wechsle ich zum Hörbuch und schlafe dann schnell ein.

19.11.2023 – Prio: Genesung

Irgendwann gegen 7 wird der Regen so laut auf den metallenen Fensterbrettern, dass ich aufwache. Noosa ist auch ganz wuschig und wir liefern uns eine kleine Keilerei, die bei mir mit einigen Kratzern endet. Das passiert sonst nur, wenn sie zum Tierarzt muss, sie ist generell eine sehr zurückhaltende, zarte Katze, die hauptsächlich mit mir Kuscheln will und dann ist das Leben schön. In letzter Zeit ist sie aber frecher geworden, stellt sich gerne mal auf meinen Oberkörper, setzt sich zwischen mich und den Laptop oder schaltet mir ganz nebenbei den Ton aus und grinst mich dann an. Nimbin hingegen liegt heute den ganzen Tag rum und chillt, mal zu meinen Füßen, mal in meiner Kniebeuge, mal auf meinem Bauch, und wird nur zu den Essenszeiten aktiver. So sind die jetzt also mit zehneinhalb.

Ich bin früh wach und absolviere also auch früh meine Morgenroutine. Dabei scanne ich meinen Körper und entdecke immer noch die gleichen Symptömchen wie seit Tagen. Ein weiterer Tag im Bett scheint mir recht angemessen und als der Liebste anruft und berichtet, dass er heute wieder mehr Symptömchen hat als zuletzt, verschieben wir unser Treffen nochmal. Dafür bringt er mich schon wieder mit Sachen zum Lachen, über die nicht alle lachen würden. Nach dem Telefonat mache ich mir und den Katzen Frühstück und dabei eine neue Pistaziencreme und saisonal passend ein Quittengelee auf. Dazu gibt es Sanddornsaft und wieder Ingwer-Honig-Zitrone.

Ich telefoniere mit meinem Bruder, der heute morgen aus dem Krankenhaus entlassen wurde und sich fragt, wo wir ständig unsere Infekte herbekommen. Danach beginnt der lange Tag des Nichtstuns, den ich mit Podcast hören, Handy spielen, Mittagsschlaf, Buch lesen und „The West Wing“ verbringe. Irgendwann am Nachmittag schreiben mir meine Eltern, dann telefonieren wir kurz. Zwischendurch halten sie das Handy ans Fenster für aufmunternde Aussicht und nach dem Telefonat schicken sie mir die Aussicht nochmal als richtiges Foto zu. Fernweh incoming.

Mittags und abends gibt es jeweils eine weitere Portion Colcannon von gestern und während einer der West-Wing-Folgen liege ich in der Badewanne. Nach der letzten Folge für heute lese ich noch ein Stündchen und mache dann pünktlich um Mitternacht das Licht aus.

18.11.2023 – Bett-Tag und Colcannon

Es war ja nun schon seit dem Bett-Office-Tag gestern so angedacht, dass ich einfach im Bett bleibe und mich der Genesung widme (ohne zu wissen, ob das funktioniert, bei meinen unbestimmten Symtömchen). Als ich wieder mit Hals- und Ohrenschmerzen aufwache, wird der Plan so umgesetzt. Die Wohnungseinweihungsparty findet heute ohne mich statt, das Treffen mit einer Freundin und ihren Kindern morgen sagt sie selbst ab. Körper und Geist fahren runter auf Bettruhe.

Ich lese das Internet leer, bediene die drei Italienisch-Apps, mache Wordle und Connections, telefoniere mit dem Liebsten und mache mir dann ein spätes Frühstück. Es gibt Käsebrot und hartgekochte Eier mit Sardellenpaste, eine Kaki und eine Birne, Sanddornsaft und Pfefferminztee mit Ingwer, Honig und Zitrone. Danach blogge ich und nehme dann mein Buch zur Hand und lese es aus – „Beyond that, the Sea“ von Laura Spence-Ash. Kommt aus dem Arbeitsbuchclub und liest sich gut weg, gegen Ende mit viel Rührungstränen. Als das Buch aus ist, mache ich mir ein frühes Abendbrot und bastle aus Guanciale, Kartoffeln und Wirsing einen irisch-italienischen Colcannon.

Beim Essen widme ich mich wieder „The West Wing“. Nach der ersten Folge werde ich sehr müde, mache die Augen zu und schlafe für ein Stündchen ein. Danach schaue ich die erste Staffel zu Ende, telefoniere mit dem Liebsten und schaue dann die ersten fünf Folgen der zweiten Staffel. Ich klappe den Laptop zu und nehme das nächste Buch zur Hand: Gerhard Dallmann – Dornenzeit. Nach 27 Seiten im 18. Jahrhundert auf Hiddensee fallen mir die Augen wieder zu. Ich wechsle zum Hörbuch und schlafe ein.

17.11.2023 – Turbo-Tag im Bett-Office

Wohl aus Sorge vor der Deadline heute Mittag werde ich früh wach und beende kurz vor 7 schon endgültig die Nacht. Das gibt mir die Zeit, morgens alles zu erledigen, bevor die Arbeit losgeht – inkl. kompletter Internetrunde, Wordle, Sequences, Duolingo, Babbel, Busuu, Handyspiel und Liebstentelefonat. Bei letzterem spekuliere ich darüber, ob ich gleich im Bett bleibe oder mich bis zur Deadline noch an den Schreibtisch setze. Ich habe immer noch Hals- und Ohrenschmerzen.

Die Frage erledigt sich dann, als beim Schnelltest eine schwache zweite Linie zu sehen ist – sie ist so schwach, dass ich unsicher bin, ob sich das Licht nur an der Linie spiegelt, die für die zweite Linie vorgesehen ist, oder ob da wirklich was ist. Ein zweiter Test ist negativ, aber ich bleibe vorsichtig und im Bett (nachdem ich mir vorher mit Maske noch Frühstück gemacht habe). Dann ab 9 erstmal drei Stunden hochkonzentriertes Arbeiten bis zur Deadline, die ich auf die Minute genau einhalte und um 12 dann das einzige Meeting des Tages, mit Biesdorf, Lichtenberg und Dortmund bzw. Herdecke. Erst dann ist Zeit für Durchatmen, einen dritten Test (negativ) und einen kurzen Schnack mit dem Mitbewohner.

Mittagshunger habe ich noch nicht, ich esse nur eine Satsuma und atme kurz tief durch, dann geht es nach 30 Minuten weiter mit den restlichen Aufgaben für heute. Es gibt noch genügend zu tun, um mich bis nach 17 Uhr zu beschäftigen – teils mit Deadlines heute, teils mit Deadline am Montag. Ausgerechnet heute hat der Liebste einen ruhigen Nachmittag und ruft mich regelmäßig an, um mir Belanglosigkeiten zu erzählen. Als ich endlich den Laptop zuklappen kann, rufe ich ihn sofort an und lenke ihn mit Belanglosigkeiten vom Zocken ab. Es ist eine ausgewogene Beziehung.

Außerdem gibt es jetzt Mittagessen und Abendbrot in einem, der Mitbewohner hat Nudeln mit Hackfleischsauce gemacht (kein ragù, sagt er, dafür hat es nicht lange genug geköchelt. Den Rest des Abends verbringe ich mit den ersten vier Folgen der neuen, letzten, Staffel „The Crown“ und dann noch einigen Folgen „The West Wing“, bei der letzten davon schlafe ich ein.

16.11.2023 – Im Flow

Gut geschlafen, aber insgesamt zu kurz, weiter diffuse HNO-Beschwerden ohne „echtes“ Krankheitsgefühl. Da mein erstes Meeting erst um 10 ist, beschließe ich, den Arbeitstag auch dann erst anzufangen und lasse mir morgens Zeit. Heute rächt sich das Meetinggeschiebe vom Dienstag – ich habe geplant sieben, tatsächlich dann sechs, weil für eines der andere Teilnehmer krank ist. Vier dieser Meetings habe ich am Vormittag, so dass ich kaum zu anderem komme. Nummer 1 mit Madrid, Paris, Dublin, Salerno, Brüssel. Nummer 2 mit Hessen und NRW, Nummer 3 mit Paris und Nummer 4 mit Nordengland. Zwischendrin rede ich kurz mit dem aktuellen und schreibe mit dem Ex-Mitbewohner.

In der Mittagspause dann gehe ich nach draußen, statt auf die Couch, und bringe erst Müll und dann eine Pfanddose weg. Das Wetter belohnt mich mit Aufklaren.

Zu Essen hole ich mir ein Banh Mi mit Rinderschmorbraten drin – die eine Hälfte gibt es direkt zurück am Schreibtisch, die zweite dann später zum Abendbrot. Dann stürze ich mich tief in die Auswertung einer Umfrage, sortiere und errechne Zahlen und lese die Antworten aus den Freitextfeldern. Den Teil muss ich morgen früh dann nochmal genau angehen, denn ich habe ja auch noch Meetings am Nachmittag – ein globales und eins mit Valencia und Chicago. Danach nochmal Zahlenschubsen bis 19 Uhr.

Ich gehe mit Banh Mi und alkoholfreiem Radler auf die Couch und telefoniere zum dritten Mal heute mit dem Liebsten. Korrektur zum Beitrag neulich: Das Handy des Teilzeitkinds hat auch mobile Daten, es ist jetzt also doch schon mit 10 in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Da es selbständig zwischen zwei Haushalten, der Schule und diversen Freizeitaktivitäten pendelt, war das nötig geworden. Mein inneres Kind gibt ihm gedanklich ein High Five, was mein erwachsenes Ich davon hält, werden die nächsten Begegnungen zeigen.

Um 8 steht eigentlich ein Webinar aus dem Adulting-Projekt in meinem Kalender, aber scheinbar wurde das verschoben. Stattdessen mache ich sozusagen „Hausaufgaben“ aus dem Projekt und lasse nebenbei drei Folgen „The West Wing“ laufen. Hinterher chatte ich noch mit meinem baskischen Freund in Liverpool über die aktuelle Regierungsbildung in Spanien und dann ist es plötzlich 23 Uhr. Ich räume noch den Geschirrspüler aus und ein, siebe das Katzenklo durch und dann falle ich ohne Lesen ins Bett.

15.11.2023 – Community-Tag

Da ich ja von gestern so müde und erschöpft war, schlief ich einfach mal so sieben Stunden durch, ohne eine einzige Unterbrechung – selbst die Katzen ließen mich in Ruhe. Ich bin also deutlich ausgeruhter als gestern und nachdem der Schnelltest weiter negativ ist, kann ich wie geplant ins Büro gehen. Die Weg-Mate spare ich mir heute, ich bin innerlich aufgekratzt genug. Um mich mental für den Tag zu stärken, trage ich Orangensocken aus dem Spanienurlaub vor zwei Jahren, meinen Hiddensee-Hoodie und meinen Nova-Scotia-Schal.

Im Bürofahrstuhl

Beim Rausgehen sehe ich, dass das ältere alte Paar in der Wohnung nebenan heute auszieht, wahrscheinlich in eine barrierefreie Wohnung oder betreutes Wohnen oder so, die Möbel kommen jedenfalls alle mit, das ist beruhigend. Bis auf gelegentliches „Hallo“ und ein ausführlicheres Gespräch bei unserem Einzug vor nunmehr zehn Jahren hatten wir nichts weiter miteinander zu tun. Ich bin gespannt, wer als nächstes einzieht und relativ sicher, dass die Miete der Wohnung gewaltig ansteigen wird – im Rahmen des Erlaubten.

Im Büro angekommen schütte ich mir Hafermilch ins Müsli, schnipple einen Apfel hinein und hole mir einen Milchkaffee. Ich schicke dem Liebsten ein Foto des heutigen Startbildschirms – da wollen wir evtl. im nächsten Jahr wieder hin.

Dann fangen auch schon die vielen Gespräche mit Kolleg*innen an, über die beschissene Situation des sterbenden Kollegen. Es gibt viele Umarmungen heute, Erzählungen von früher, alle müssen sich das Thema von der Seele reden. Eine Kollegin sagt scherzhaft „Hallo Familie“ und hat irgendwie Recht damit. Das alles tut gut und hilft beim Verarbeiten und Einordnen – ähnlich wie oft die eigentliche Trauerfeier nach einer Beerdigung.

Eine muslimische Kollegin erzählt mir, dass nach ihrem Glauben bereits bei der Geburt der Todestag eines jeden Menschen festgelegt ist und man selbst darauf keinen Einfluss hat. Darüber denke ich lange nach. Das ist sicherlich manchmal tröstlich und hilft, nicht zu sehr mit dem Schicksal zu hadern, aber es entbindet einen auch irgendwie von jeglicher Verantwortung. Geht man denn zur Vorsorge, wenn man das glaubt? Schwierig. Am Nachmittag ruft mich noch eine ehemalige Kollegin an, die den Post des Kollegen auch gesehen hat und seitdem geistig damit beschäftigt ist und jemanden zum drüber Reden braucht.

Zwischen dem ganzen Reden ist natürlich auch Arbeit. Ich bereite Dokumente vor und übersende sie an zwei Kolleginnen in London und Madrid. Ich erteile Arbeitsaufträge an Kolleg*innen in Prag, Madrid, Warschau, Paris. Ich gehe einer Sache auf den Grund und bespreche mich dazu mit Kolleg*innen aus verschiedenen Teams und Führungsebenen vor Ort. Ich lektoriere eine Übersetzung für eine italienische Kollegin in Dublin. Ich ändere etwas auf unserer Corporate Website, ich helfe einem Kollegen vor Ort bei einer Formulierung. Ich recherchiere etwas für unsere Weihnachtsplanung und bespreche mich dazu mit einem Kollegen vor Ort…

Mittags gehe ich in den Food Court des Einkaufszentrums nebenan, stelle mir bei einem asiatischen Büffet einen vegetarischen und dazu noch sehr gemüselastigen Teller zusammen und esse den direkt vor Ort. Dabei kommen Erinnerungen auf an Toronto vor 18 Jahren. (18?? Das kommt mir beim Schreiben unheimlich viel vor, stimmt aber.) Da guckten ein Kollege und ich uns jeden Mittag an und fragten: Food Court oder Hot-Dog-Stand? Meistens wurde es der Food Court und dort meistens der asiatische Imbiss, wo ich mich meistens für das Golden Ginger Chicken mit Pad Thai als Beilage entschied. Das war meine erste Begegnung mit dem Konzept „Food Court“ – die Einkaufszentren in Bautzen und Rostock hatten so etwas nicht.

Am späten Nachmittag habe ich dann noch zwei Calls – einen mit London und einen mit Paris, London und Chicago. Dann ist der Arbeitstag um, ich bleibe aber noch etwas und suche im Archiv nach Fotos des sterbenden Kollegen. Die Kollegin aus Madrid hatte mich gestern Abend danach gefragt – sie wollte lustige Fotos, um sie ihm zu schicken und aufzumuntern. Ich gucke nebenbei auch nach anderen, weil ich ahne, dass ich demnächst auch eins ohne Partyhütchen brauchen werde.

Gegen halb 7 brechen ein Kollege und ich auf und laufen gemeinsam zu seiner Tram-Haltestelle. Wir haben uns wie immer viel zu erzählen. Morgen wird er bei einer Veranstaltung auf Christian Lindner treffen und aus Gründen womöglich Fotos mit ihm machen. Ich bitte ihn, Herrn Lindner von mir zu fragen, warum er arme Menschen hasst. Seine Bahn kommt auch nach zehn Minuten Warten nicht und die angezeigte Wartezeit wächst an. Er entscheidet sich dann für ein Uber und ich laufe weiter zu meiner eigenen Tram und fahre nach Hause.

Auf dem Weg habe ich große Lust, mir etwas zu essen zu bestellen. Zuhause ist dann aber sturmfrei und ich erinnere mich, dass der Mitbewohner aushäusig zum Essen verabredet ist und mir die Reste seines Abendessens von gestern angeboten hat. Es gibt also nicht von mir gekochte Pasta mit Brokkoli und das ist wie Essen bestellen, nur günstiger. Dazu Sanddornsaft.

Außerdem in der Post: Der Steuerbescheid mit der Bestätigung der Rückzahlung, die meine Software mir errechnet hatte. Noch ein Win. Ich fotografiere außerdem ein Behördenschreiben für den Ex-Mitbewohner und übersetze ihm den wichtigsten Teil.

Dann verbringe ich den Abend auf der Couch, mit Trevor-Noah-Podcast, Sprach-Apps und Liebstentelefonat. Wichtigste News: Das Teilzeitkind hat auf seinem Handy, das es bisher nur zum Fotografieren und Hörspielhören hatte und das nur im WLAN funktioniert, jetzt auch WhatsApp und wurde in die Familien-WhatsApp-Gruppe aufgenommen und ist sehr entzückt von einem süßen Video des Kindes der Schwester des Liebsten (dessen Tante ich ganz offiziell bin), das dort heute geteilt wurde.

Gegen halb 11 gehe ich in die Badewanne, gegen 11 liege ich im Bett und dann lese ich noch bis halb eins, bevor mir die Augen zufallen.

14.11.2023 – Umnebelter Tag

Ich sagte ja bereits, dass die Nacht furchtbar war – kurz, mit schweren Träumen und vielen Unterbrechungen. Morgens also neben sehr traurig und aufgewühlt auch sehr müde. Ich raffe mich aber trotzdem zum vollständig Anziehen und an den Schreibtisch setzen auf, weil abends ja noch Yoga geplant ist und ich also irgendwann aus dem Haus muss.

Inzwischen hat auch der Rest der Welt die Ankündigung des Kollegen gelesen und ich bekomme Nachrichten dazu aus aller Welt. Die im Nachhinein wichtigste ist die der Kollegin aus Paris, die sagt, wir sollen es heute langsam angehen lassen. Vor mir liegen sechs Meetings. Im Laufe des Tages werden zum Glück drei davon von der Gegenseite verschoben, das verschafft mir etwas Luft. Um 10 geht es los mit einem Call mit Warschau und Paris, um 11 dann länger und mit vielem Reden über den Kollegen und was man für ihn tun kann, mit verschiedenen Leuten in Berlin. Ich informiere nun auch offiziell den Rest der Belegschaft, gebe den Hinweis auf Unterstützungsprogramme der Firma und die Möglichkeit, sich Zeit zum Verarbeiten zu nehmen weiter und gehe in die Pause.

Nebenbei unterschwellige Aufregung weil mein Bruder heute wieder operiert wird. Die Mittagspause verbringe ich mit Rest-Salat von gestern und Handyspielen auf der Couch. Zwischendurch gucke ich immer wieder auf den Post des Kollegen, unter dem sich die Kommentare sammeln – von aktuellen und ehemaligen Kolleg*innen, Geschäftspartner*innen und Wegbegleiter*innen von noch früher (wir arbeiteten seit mehr als 13 Jahren zusammen, alles davor ist tiefstes Früher).

14 Uhr zurück an den Schreibtisch. Austausch mit Kolleg*innen, Vor- und Nachbereiten von Meetings, immer wieder der Blick auf die Uhr und die Frage, wann mein Bruder sich wohl wieder melden wird. 15:30 dann ein produktiver Call mit Madrid und Chicago, der zunächst nur mit Madrid anfängt, so dass wir natürlich über den Kollegen sprechen. Als die Kollegin aus Chicago dazukommt, vertagen wir das Thema auf später und machen uns an die Arbeit.

Die letzten Stunden des Arbeitstages werde ich langsam unruhig, weil sich mein Bruder noch nicht gemeldet hat. Ich telefoniere mit dem Liebsten, schreibe mit der Freundin des Bruders, klicke mich durchs Netz und versuche mich abzulenken. Es ist alles zu viel auf einmal. Ich mache um 17:30 einen frühen Feierabend und gehe zurück aufs Sofa. Kurz danach meldet sich die Freundin meines Bruders und sagt, dass er auf dem Weg vom Aufwachraum auf die Station ist. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Wenigstens die eine Last ist erstmal genommen. Dann telefoniere ich mit der Kollegin in Madrid, wir gleichen unser Erleben der Situation ab, tauschen uns aus, weinen fast und lachen viel. Auch das tut gut, ebenso wie die Sprachnachricht eines anderen Kollegen.

Jetzt, wo ich weiß, dass mein Bruder okay ist, kann ich auch zum Yoga aufbrechen – zwischenzeitlich habe ich das im Geist schon abgesagt, weil ich dort nicht erreichbar bin. So aber breche ich auf und laufe mit einem Podcast (Trevor Noah bei Dax Shepard) auf den Ohren durch den Pberg. Es ist erstaunlich warm. Das Yoga tut gut, auch wenn mein Körper schmerzt und ich gedanklich nicht von den Themen des Tages wegkomme. Beim Shavasana döse ich mehrfach weg. Auf dem Rückweg dann Nachrichten von meinem Bruder. Endlich.

Wieder zuhause schmiere ich mir schnell Stullen (Hiddenseer Wildschweinleberpastete, Bockshornkleegouda) und esse sie mit Cornichons und danach zwei Satsumas. Eigentlich wollte ich noch ein-zwei Folgen „The West Wing“ gucken, bin aber zu aufgewühlt und spiele stattdessen und schaue TikTok. Gegen 23 Uhr mache ich mich bettfertig und nach zwei Seiten im Buch schlafe ich völlig erschöpft ein.