03.12.2023 – Aktiver Sonntag

Heute werden getroffene Verabredungen dafür sorgen, dass ich aus dem Bett und sogar aus dem Haus komme, das ist ganz gut, denn bei Lichte betrachtet ist das Bett natürlich auch heute noch sehr gemütlich. Deshalb bleibe ich auch insgesamt bis gegen Mittag darin liegen. Erst lese ich das Internet leer, telefoniere mit dem Liebsten, mache meine Sprachübungen, spiele auf dem Handy und kuschele mit den Katzen. Dann esse ich Frühstück (Brot mit Quittengelee, Brot mit Pistaziencreme, Birne, Clementine, Kaffee mit Hafermilch, Pfefferminztee), dann schaue ich die Robbie-Williams-Doku zu Ende, telefoniere nochmal mit dem Liebsten, konkretisiere meine Verabredungen und schon ist es Zeit aufzustehen.

Die Katzen bekommen Frühstück und frisches Wasser, ihr Klo wird durchgesiebt, eine Waschmaschine angestellt, die Pflanzen gegossen, die Küche aufgeräumt, zwei weitere Räume an ihren Fenstergummis mit Schimmelmittel behandelt, das Bett neu bezogen, die Wohnung gesaugt. Dann geht es in die Badewanne, um auch den Körper grundzureinigen. Bis zur Verabredung habe ich jetzt noch anderthalb Stunden, in denen ich Tee trinkend auf der Couch sitze, meine Haare trocknen lasse und in meinem Buch weiterlese, die Protagonist*innen haben gewechselt, jetzt geht es um Taxifahren, Essen liefern und Polizeidienste.

Um 3 treffe ich mich dann draußen, einen heißen Tee in der Hand, mit dem Lieblingsnachbar, allerdings nicht an der gewohnten Ecke, sondern er kommt mir entgegen und wir gehen dann nicht unsere übliche Runde durch den Kiez, sondern spazieren Richtung Park. Da wollte wohl jemand mal seine Routine aufbrechen (und wir müssen ja heute nicht am Eisladen vorbei). Wir nutzen die letzte Stunde Tageslicht – und die erste halbe Stunde danach und stapfen durch Schnee und Eis durch die Gegend. Den Berg hoch traue ich mich nicht, ich schlittere auch so schon ganz ordentlich, falle aber kein einziges Mal hin (diesen ganzen Winter noch nicht!).

Wir erzählen uns, was gerade so los ist und philosophieren darüber, wie gute Work-Life-Balance aussehen könnte und mit welchen Strategien man dahin kommen kann. Der Lieblingsnachbar versucht mich vom Konzept der Aktiverholung zu überzeugen (diametral entgegengesetzt zu meiner aktuellen Strategie „Rumliegen und veratmen“ und ich bin geneigt, das mal auszuprobieren. Die – nach amerikanischem und jüdischem Kalender heute – startende Woche bietet dazu wegen viel Sozialklimbim ausreichende Gelegenheit. Es ist schön draußen, und kalt. Meine Finger stecken in Handschuhen und als ich beim Reinkommen mit dem Liebsten telefoniere stellen wir fest, dass die Kamera beschlagen ist. Gute Gründe, warum es vom Spazieren keine Fotos gibt.

Ich hänge die Wäsche auf und setze mich dann mit dem Mitbewohner zum „Adventskaffee“. Ohne Kranz oder Kerzen, ohne Kaffee, aber dafür mit Pannetone (yummie!), Erdbeerstollen (meh) und dem Erdbeer-Gin-Mix, den ich heute morgen aus dem Adventskalender gezogen habe (yummie). Dann lese ich noch ein bisschen weiter, bis es Zeit ist, wieder aufzubrechen. Ich fahre mit heißem Tee, Tram und S-Bahn nach Mitte, laufe über die Spree und treffe meinen Cousin (das grenzt es wenig ein, ich habe viele davon) und seine Freundin in einem Restaurant, wo es Sushi und vietnamesisches Essen gibt – in sehr gut und kreativ!

Die beiden sind beruflich in der Stadt und wir haben uns knapp ein Jahr nicht in Person gesehen – zuletzt zwischen letztem Weihnachten und letztem Neujahr. Es gibt also jede Menge zu erzählen und ähnlich wie im letzten Jahr heißt es in beiden Seiten in der Bilanz, dass es ein ziemliches Scheißjahr war. Ob das nochmal irgendwann anders wird? Vielleicht ja 2024, man muss es versuchen. Versuchen muss man auch das Restaurant, wir teilen uns Sashimi und dann gibt es für uns alle nochmal Lachs – der Cousin und ich essen ihn mit Reisbandnudeln in Kokossauce mit viel Gemüse und Dill, seine Freundin mit grünem Papaya-Salat. Ich trinke zum Essen einen Lychee Cooler mit Gurke, Minze und Litschi und zum flüssigen Nachtisch einen Kumquat Mojito – beides sehr lecker und hübsch dekoriert.

Wir erzählen bis kurz nach 10 und verabschieden uns dann. Die S-Bahn steht schon am Gleis, als ich komme, auf die Tram muss ich dann aber zehn Minuten warten, so dass es fast 11 ist, als ich wieder zuhause bin. Ich gehe direkt ins Bett und daddel noch ein bisschen auf dem Handy rum, bis ich gegen Mitternacht einschlafe.

02.03.2023 – Runterkommen

Das erste Mal bin ich trotz spätem Schlafbeginn schon kurz nach 7 wach, das zweite Mal dann kurz nach 8 und das gefällt mir schon besser. Im Adventskalender sind heute Erdbeersaftgummibeerchen, das gefällt mir auch. Ich verbringe den Morgen gemütlich im Bett, denn alle Pläne für heute wurden ja abgesagt und ich bin nur noch mir selbst gegenüber verpflichtet. Erst gegen 12 stehe ich auf und mache mir Frühstück, dass ich dann aber auch wieder im Bett esse. Es gibt Brot mit Gelbwurst, Brot mit Gouda, ein Ei, Brot mit Pistaziencreme, Kokosjoghurt mit Granatapfel, Normalapfel, Clementinen, Tee und Sanddornsaft – bis auf den Tee alles in Bio-Qualität übrigens.

Nach dem Essen wird es langsam Zeit, Entscheidungen zu treffen. Die ursprüngliche Idee für den Tag war, ihn mit Schwimmen und viel Sauna zu verbringen. Im Bett ist es aber sehr gemütlich und warm und die Katzen sind kuschelig und ich müsste soviel Zeug durch die Gegend schleppen und draußen ins Kalte und das An-, Um-, Aus- und wieder Anziehen… Klingt alles anstrengend. Ich horche tief in mich hinein und bleibe dann ganz einfach liegen. Dafür bastle ich etwas für Weihnachten zu Ende und kaufe auch weitere Weihnachtsgeschenke ein. Geht ja heutzutage alles im Bett und Churchill hat ja auch weite Teile seiner Tage als Premierminister im Bett liegend verbracht, schließlich.

Außerdem schaue ich mir endlich mal die Folge aus „Fargo“ an, in der mein Kollege aus Chicago mitspielt und dann bin ich sehr stolz auf ihn und außerdem tut mir die Hand weh. Etwa 1,5 Minuten geht die Szene – in Folge S04E02.

Danach gucke ich mehrere Folgen „The West Wing“, quatsche mit dem Mitbewohner, esse später etwas von seiner Pasta mit Brokkoli, gucke das Weihnachtssspecial von „Virgin River“ und dann noch passend zum Vorabend die Robbie-Williams-Doku auf Netflix. Zwischendurch immer wieder mal Telefonate mit dem Liebsten, der den Magen-Darm-Virus wohl zum Glück nur in abgeschwächter Form abbekommen hat. Das Teilzeitkind selbst ist auch wieder fit und mit seinen Geschwistern Rodeln. Meine Eltern fangen mit Stollenbacken an, die Silvester-Crew beginnt mit der Partyplanung und die Welt dreht sich weiter.

01.12.2023 – Erst Hochdruck, dann Energieabfall

Und dann wacht man auf und es ist Dezember. Keine Vorstellung, wie das passieren konnte, aber ist dann jetzt wohl so.

Der Adventskalender steht ja schon eine Weile vor dem Bett und bietet heute morgen zum Einstieg dunkle Schokolade mit karamellisierten Kakaobohnensplittern. Das ist insgesamt recht bitter, passt aber zum Tag, der mit einer kleinen virtuellen Runde beginnt, in der wir dem verstorbenen Kollegen gedenken. Es fällt dabei mir zu, die einleitenden Worte zu sprechen und zwischendurch und am Ende immer mal wieder etwas Passendes zu sagen und so den Rahmen für die anderen zu geben, sich ihre Gedanken und Gefühle von der Seele zu reden. Mit ein paar Tagen Abstand geht das jetzt auch erstaunlich gut und fühlt sich glaube ich für alle stimmig an. Ich bin stolz auf mich – hätte nicht gedacht, dass ich das so gut hinbekomme. Der Mensch wächst wohl wirklich mit seinen Aufgaben.

Es bleibt nicht viel Zeit, lange weiter darüber nachzudenken, denn direkt danach nimmt der Arbeitstag gehörig an Fahrt auf – mein Team muss heute drei große Aufgaben abschließen und zu festen Uhrzeiten nach draußen kommunizieren, während eine von uns zeitweise im Flugzeug und Auto sitzt, eine zeitweise beim Arzt, eine zeitweise in einem Keller ohne Internetempfang und einer zeitzonenbedingt noch schläft. Die, die übrig bleibt, bin ich.

Ich koordiniere zwischen den beteiligten Personen, ich arbeite Last-Minute-Änderungswünsche des CEOs in das eine Projekt ein – dafür brauche ich eigentlich die Hilfe eines Designers, der gerade in Brasilien ist und noch schläft, mache dann aber einiges selbst und lasse mir bei anderem von einer Kollegin in Polen und einem Kollegen in Warschau helfen, ich schließe das erste Projekt ab und schicke es als erstes raus an die komplette globale Belegschaft, ich denke vor dem Rausschicken des zweiten Projekts rechtzeitig daran, dass da noch ein Schritt fehlt, den nur die Kollegin durchführen kann, die gerade im Keller sitzt, bereite aber schon mal alles andere vor.

Dann ist Mittagspause. Ich verräume die Biokistenlieferung, bringe Müll runter, gehe Lebensmittel fürs Wochenende einkaufen und als die Kollegin endlich Vollzug meldet drücke ich auf dem Handy auf „Absenden“ und die zweite Kommunikation geht an die gesamte Belegschaft raus. Ich habe einen guten Zeitpunkt fürs Rausgehen erwischt, blauer Himmel und Sonne auf weißem Schnee. Zwischendurch telefoniere ich kurz mit dem Liebsten, der ein Magen-Darm-krankes Teilzeitkind pflegt und sich selbst schon sehr blümerant fühlt. Wochenendpläne endgültig gestrichen. Das Teilzeitkind und ich schicken uns ein paar Sprachnachrichten. Schön, dass das jetzt geht.

Der Nachmittag wird dann etwas weniger hektisch, an dem dritten Projekt bin ich nur insofern beteiligt, als dass ich nochmal Korrektur lese und eine Änderung vom CEO einpflege. Ansonsten kann ich mich jetzt um meine eigentlichen Aufgaben für diesen Tag kümmern. Ich ziehe einen Report und bereite die Daten auf, ich bereite einen Newsletter vor und schicke ihn zur Abnahme, ich übersetze den Text für eine Pressemitteilung und töckle ihn schonmal ins System ein, ich kommuniziere mit einer Kollegin in Chicago zu den Angelegenheiten des verstorbenen Kollegen, ich koordiniere Termine für die nächste Woche, ich schreibe meinen Wochenbericht.

Gegen 17:30 mache ich Feierabend. Theoretisch hätte ich noch mehr für Montag vorbereiten können, praktisch ist jetzt einfach die Luft raus. Ich mache mir die Ofengemüsereste von gestern warm (Mittag habe ich ausfallen lassen, weil ich den ganzen Arbeitstag über an meinem Frühstück – Porridge mit Kaki und Birne – gegessen habe) und gehe aufs Sofa. Erstmal brauche ich Abstand von Bildschirmen und fange deshalb den nächsten Roman auf meinem Bücherstapel an – Thorsten Nagelschmidt: Arbeit. Das geht für ein Stündchen ganz gut, dann wird es mir inhaltlich zu anstrengend (sehr viele Drogen) und ich wechsle doch wieder zum Bildchirm. Ich reise gedanklich in meine Jugend und gucke erst die Doku über Echt und dann die Doku über VIVA, beide in der ARD Mediathek. VIVA konnte ich ja damals nur bei Oma und Opa gucken, aber trotzdem kommen Erinnerungen hoch. An Echt sowieso. Wie krass lange her das alles ist und wie krass, dass das alles schon so lange her ist. Dann ist es auf einmal schon fast 1 und ich gehe so langsam ins Bett.

30.11.2023 – Jogginghosentag

Nach zwei Tagen Büro finde ich wieder: Endlich wieder Homeoffice. Direkt mit Anziehen der Jogginghose gefeiert. Morgens gibt es Müsli mit Apfel und Hafermilch und Espresso mit Hafermilch. Der Tag ist meetingarm – ein wöchentliches wird durch ein kurzes Telefonat ersetzt, ein monatliches (mit Madrid, London, Chicago und Dallas) findet statt, danach noch ein spontanes mit Paris. Ansonsten gibt es eine Menge zu tun, den Tag über. Ich lektoriere ein langes Dokument (und eine kurze Übersetzung, und einen kurzen Text), ich baue eine neue Seite ins Intranet, ich koordiniere mit einem Kollegen in Brasilien eine Landingpage, ich bereite für die Kollegin in Südengland eine Kommunikation an die Teams in London und Bristol vor (für die Britishness der Sprache nochmal durch ChatGPT gejagt), ich übertrage Daten von einem Working-Dokument in ein Live-Dokument, stelle dabei fest, dass beide irgendwie zerschossen sind und setze sie neu auf (und passe dann die Links zu beiden an diversen Stellen an), ich suche mir Termine zusammen und trage sie in Kalender ein, ich beantworte die Mail eines guten Freundes des verstorbenen Kollegen, der Hilfe bei Papierkram braucht, die mit dem Job des Kollegen zu tun haben, ich stehe Gewehr bei Fuß für spontane Anfragen meiner Chefin, die beim Offsite der C-Suite in Prag weilt… Lauter so Zeug.

Mittags esse ich eine Probierportion der Nudeln mit Salsiccia und Peperoni, die der Mitbewohner sich gestern Abend gemacht hat und gehe dann nach draußen zu Sonne und Schnee. Ich bringe jede Menge Müll weg, gebe dann die Pfanddose vom Banh Mi neulich zurück und gehe neues Katzenstreu holen. Auf dem Heimweg finde ich die Betriebskostenabrechnung vom letzten Jahr im Briefkasten – wie immer überpünktlich. Das Gute: Ich muss nichts nachzahlen, sondern im Januar sogar weniger, um das Guthaben zu verrechnen. Ab Februar steigen aber die Betriebskostenvorauszahlungen (die für die Heizkosten nicht). Sehr vorbildlich passe ich direkt noch den Dauerauftrag entsprechend an und hefte die Dokumente an die richtige Stelle, ich habe ja jetzt meinen Papierkram im Griff. Höhö. Als zweites Mittagessen gibt es dann Toast mit Hiddenseer Wildschweinleberpastete und saure Gurken aus dem Erdbeersud. (Ja, wirklich.)

Am Nachmittag kommt die Meldung, dass die Freundin, mit der wir morgen Abend in der Pizzeria verabredet sind, wahrscheinlich Scharlach hat und wir disponieren um. Ansonsten ist gegen 18 Uhr Feierabend (bis auf noch kurzen Austausch mit der Chefin in Prag). Ich setze mich erstmal kurz auf die Couch und chille, während der Mitbewohner zur Bandprobe aufbricht. Kurz danach werde ich aktiv und bereite mit Ofengemüse zu (Gelbe und rote Bete, Pastinaken, Möhren, Kartoffeln, Knoblauch, Olivenöl, mediterrane Kräuter). Als das im Ofen ist, kümmere ich mich um den Abwasch, siebe das Katzenklo durch und bearbeite drei Fensterfugen mit Anti-Schimmel-Spray – hallo Winter!

Dann endlich die Italienisch-Apps bedienen. So langsam bekomme ich Hunger und schalte dann neben der Ofenlampe auch noch die Temperatur an, hüstel. Ich beschäftige mich mit meinem Handyspiel bis das Essen fertig ist. Oben drauf kommt noch Tahini und es ist echt lecker und macht satt.

Ich gammle noch ganz schön lange auf dem Sofa herum, telefoniere zum zweiten Mal heute mit dem Liebsten (Sein Tag ist auch sehr voll und anstrengend), gratuliere meinen Eltern zum Jubiläum (vor 48 Jahren hatten sie ihr erstes Date) und dann bin ich gegen 11 im Bett. Gegen halb 1 habe ich mein Buch (Gerhard Dallmann – Dornenzeit. Ein Hiddensee-Roman) ausgelesen (erstaunlich fesselnd, das Hiddensee als das Meer noch den Tod brachte und nicht die Badegäste) und mache das Licht aus. Morgen ist ein neuer Tag, ein neuer Monat, ein neues Buch und Advent ist auch noch – hallo, Türchen!

29.11.2023 – Schneetag im Büro

Mein Bürorucksack ist ja noch von gestern gepackt und Frühstück habe ich dort auch noch von gestern, also geht der Morgen heute recht fix und ich komme schnell aus dem Haus. Ich stapfe durch den Schnee zur Tram und nehme dann aber erst die zweite, weil die erste so voll ist. In der zweiten habe ich sogar einen Sitzplatz und kann Italienisch üben. Im Büro dann erstmal Begrüßung diverser Kolleg*innen, inkl. Umarmungen und Gespräche über den verstorbenen Kollegen. Nebenbei Frühstück (Müsli mit Hafermilch und Apfel, Espresso mit Hafermilch).

Alle sind emotional ein wenig drüber und es prasseln lauter Anfragen und Kommentare auf mich ein, die mir heute Morgen gehörig auf den Zeiger gehen – zu Dingen, für die ich nicht zuständig bin oder Dinge, die nicht so laufen, wie sie laufen sollten (u. a. weil mein Team wie die meisten anderen auch unterbesetzt und überarbeitet ist) oder Meckereien zu Sachen, für die sich mein Team den Arsch aufgerissen hat, an denen man aber trotzdem etwas zu bemängeln hat. Ich werde teilweise laut und patzig und gucke dann erstmal lieber eine Weile aus dem Fenster und beobachte den Schnee.

Gegen Mittag wird das da draußen ein veritables Schneegestöber mit viel Wind, so dass ich keine Lust auf den eigentlich geplanten Weihnachtsmarktbesuch habe. Stattdessen esse ich herumliegendes Obst, Kekse und Schokolade und dann hole ich mir einem Kollegen Weihnachten aus dem Lagerraum.

Der Nachmittag wird dann entspannter – Dinge abarbeiten, mit Kolleg*innen aus aller Welt Sachen koordinieren, den Spotify-Jahresrückblick durchgucken. Nicht wahnsinnig überraschend, aber wenn man so viele verschiedene Sachen hört wie ich (5471 Songs von 2309 Künstler*innen), werden dann auch kurze Phasen, in denen man an einer Band hängenbleibt gleich zu „meistgespielte Künstler*innen. Es ist also eigentlich nicht repräsentativ – vier davon sind welche, bei denen ich dieses Jahr halt auf einem Konzert war. Die dazugehörige Playlist ist es dann schon eher, auch wenn der Top-Song wie im letzten Jahr der ist, den wir in Kanada immer beim Losfahren hören, weil der Liebste darauf besteht.)

Irgendwann gegen 18 Uhr verlasse ich als Letzte das Büro und laufe dann durch den Schnee, der inzwischen dicht, aber sanft und gemütlich fällt, an der Spree entlang zu meinen Eltern und schaue nach Pflanzen und Briefkasten. Danach geht es mit U-Bahn und Tram nach Hause.

Dort ein kurzer Plausch mit dem Mitbewohner, während ich mir den letzten Rest Suppe warm mache. Dazu soll es Käsebrot geben, aber das Brot hat sich einen dicken Pelz angezogen und wird entsorgt. Toastbrot ist aber noch da, es gibt also Gemüsesuppe, Käsetoast und eine überreife Birne, dazu Sanddornschorle. Ab 20 Uhr dann zwei Stunden Workshop in meinem Adulting-Projekt, ich liege dabei auf dem Bett und werde von stürmisch kuschelnden Katzen bedrängt. Diejenigen, die sich die Aufzeichnung angucken, werden sich freuen. Kurz nach 10 telefoniere ich dann zum dritten Mal heute mit dem Liebsten und dann geht es mit dem Buch unter die Decke. Ich lese wieder eine gute Stunde und könnte noch länger, wenn sich Noosa nicht ständig zwischen mich und das Buch legen würde. Halb 12 gebe ich auf, mache ein Hörbuch an und die Augen zu.

28.11.2023 – Emotionaler Winterbeginn

Echt kalt ist es jetzt ja schon ein paar Tage, aber heute liegt draußen Schnee und so ist der kurze Herbst ab heute für mich gegessen, auch wenn es noch zwei Tage bis zum meteorologischen Winterbeginn sind – den kalendarischen kann ich in dem Fall sowieso nicht ernstnehmen. Winter also.

Ich hole die Liegestühle und Getränkekästen vom Balkon. Und ich mache einen Bürotag, weil ich nach den Nachrichten gestern bei und mit Menschen sein will, die ähnlich fühlen. Statt der Weg-Mate gibt es heißen Weg-Pfefferminztee und Mütze, Schal und Handschuhe.

Im Büro ist Müsli-Tag, das hatte ich vergessen, dass das dienstags ist. Also lasse ich mein mitgebrachtes Müsli samt Obst für morgen stehen, bediene mich am Cerealien-Büffet und ergänze mit Blaubeeren, Physalis, weißen und roten Trauben. Dazu gibt es doppelten Espresso mit Hafermilch. Im alltäglichen Konsum bin ich in den letzten Wochen fast komplett auf Hafermilch umgestiegen und es fehlt nix. Um 10 ein erstes Meeting mit Paris, danach habe ich ein wenig Luft, löffle mein Müsli und unterhalte mich mit einem Kollegen – nach herzlicher Umarmung vor allem über berufliche Sachthemen. Danach ist wieder Meeting – zwei sind aus Lichtenberg bzw. Ostfriesland zugeschaltet, wir anderen sitzen plus Hund im Büro.

Nach dem Meeting noch schnell Telefonkonferenz mit Ostfriesland und Nürnberg zur Abstimmung einer E-Mail und dann geht das normale Arbeiten heute los. In der Mittagspause gehe ich nach draußen – inzwischen scheint die Sonne am blauen Himmel, sowas muss man nutzen – und hole mir auf dem inzwischen eröffneten Weihnachtsmarkt eine warme Breze mit Leberkäse und süßem Senf – nicht sehr weihnachtlich, aber genau das Richtige für heute.

Zurück am Schreibtisch aktualisiere ich etwas im Intranet, bereite Talking Points für zwei Abteilungsleiter vor und beginne mit dem Erstellen einer Präsentation. Dazwischen immer wieder Gespräche mit Kolleg*innen vor Ort über den verstorbenen Kollegen und wie schnell das jetzt alles ging. Ein weiteres Meeting mit Paris habe ich dann auch noch und dann lichten sich langsam die Reihen im Büro. Ich telefoniere zum ersten Mal heute mit dem Liebsten (morgens war keine Zeit) und dann breche ich auf zum Yoga.

Unterwegs höre ich eine Folge unseres internen Podcasts, den wir im Sommer 2020 aufgenommen haben. Der am Sonntag verstorbene Kollege spricht darin mit zwei anderen über sein Erleben von Kurzarbeit, Lockdown und Homeofficepflicht. Es ist traurigschön, seine Stimme zu hören, aber nach einer Weile beschäftigt mich der Inhalt mehr. Wie optimistisch wir damals waren, dass das Schlimmste überstanden ist, dass wir als Firma in Deutschland gut durch die Krise kommen, dass ja gar nicht klar ist, ob es eine zweite Welle geben würde. Drei Jahre später sind wir aus Gründen nur noch ein Sechstel der Mitarbeiter*innen hier am Standort. Was für ein Zeitdokument!

Das Yoga ist schön aber heute wahnsinnig anstrengend. Abschalten schaffe ich auch so gar nicht. Trotzdem tut es gut. Auf dem Heimweg telefoniere ich wieder mit dem Liebsten. Zuhause angekommen mache ich mir Suppe warm und setze mich damit und mit einem Erdbeerradler auf die Couch. Nach dem Essen lege ich mich in die Badewanne und höre erstmals in diesem Jahr meine Weihnachtsplaylist. Dann geht es ins Bett – heute mit Buchlesen, wie schön.

27.11.2023 – Schwerer Tag

Der Liebste wird des Nachts immer wieder von Hustenanfällen geschüttelt – und ich mit – Reizhusten in der Nachfolge des letzten Infekts, der höchstwahrscheinlich Covid war (zum dritten Mal), sich aber nicht mit Test nachweisen ließ. Kurz nach halb 6 sind wir beide endgültig wach und trinken dann bald resignierend Kaffee im Bett. Immerhin viel Zeit für Morgenlektüre, Bloggen und alle diese Dinge. Halb 7 klingelt der Wecker des Teilzeitkinds, Dreiviertel 7 wird es endgültig zum Aufstehen gedrängt. Eigentlich soll es halb 8 aus dem Haus aber heute dauert alles etwas länger. Aber auch mit einer knappen Viertelstunde Verspätung wird es dank Roller noch pünktlich angekommen sein.

Als die Wohnungstür ins Schloss fällt, gehe ich ins Bad und dann begleitet mich der Liebste noch bis zur S-Bahn. Ich nutze die Fahrt für die Sprach-Apps und höre dann Monchi bei Feelings zu. Kurz vor 9 laufe ich von meinem S-Bahnhof nach Hause und treffe auf dem Weg den Lieblingsnachbarn, der gerade auf dem Weg ins Büro ist. Wir verabreden uns für später in der Woche. Zuhause angekommen setze ich Teewasser auf und will mir gerade Frühstück machen, als mich die Nachricht erreicht, das unser todkranker Kollege gestern gestorben ist. Fuck. Frühstück fällt erstmal aus. Ich gebe den Katzen schnell ihr Futter und setze mich mit Tee an den Schreibtisch.

Der Tag versinkt im emotionalen Chaos – zwischen Erleichterung, dass der liebe Kollege nicht mehr leiden muss und dass der furchtbare Schwebezustand ein Ende hat immer wieder Fassungslosigkeit und Trauer. Ich spreche mit vielen Kolleg*innen, alle in unterschiedlichen Phasen der Trauer und Verarbeitung. Ich sage meiner Chefin Bescheid und organisiere Dinge, sorge dafür, dass alle am deutschen Standort Bescheid wissen und wissen, dass sie sich heute nicht zu Höchstleistungen zwingen müssen, sorge dafür, dass ihre Vorgesetzten im Ausland das auch so sehen und Verständnis haben, schreibe meine erste offizielle Rundmail zum Tod eines Kollegen, sage ehemaligen Kolleg*innen Bescheid, mit denen ich in den letzten Wochen dazu in Kontakt war, setze auf eines der Fotos, die ich in den letzten Wochen herausgesucht habe einen Schwarz-Weiß-Filter, finalisiere Pläne für das offizielle Verhalten der Firma und setze diese durch.

Etwas zu tun zu haben, fühlt sich gut an. Aber da sind noch die anderen Aufgaben, die nichts mit dem Thema zu tun haben. Die brechen mir heute das Genick. Ebenso das merkwürdige Verhalten weitgehend unbeteiligter Personen. Gerade noch habe ich allen geschrieben, sie sollen sich heute selbst Zeit und Raum geben, aber ich muss mich mit so einem Scheiß rumärgern? Bevor ich unflätig wäre, ziehe ich die Reißleine und gehe für eine Weile auf die Couch. Zwischendurch hatte ich mir schon ein Müsli runtergewürgt, aber am frühen Nachmittag nutze ich ein ausgefallenes Meeting aus und stelle mich an den Herd. Ich koche mir in aller Ruhe einen Gemüseeintopf aus Zwiebeln, Möhren, Sellerie, Pastinaken, gelber Bete, Kartoffeln, Erbsen, Petersilie und den letzten Suppennudeln.

Damit geht es zurück an den Schreibtisch, denn eine dringende Deadline ist soeben nochmal dringender geworden. Ich sitze vor der Aufgabe und mein Kopf streikt. Tilt. Nix geht. Der Kollege, der mir dabei helfen soll, ist in Chicago und steht gerade erst auf. Also atme ich tief durch und fange einfach an irgendeiner Stelle an. Und dann kriege ich es hin. Nicht so, wie gedacht – dazu sind meine Excel-Kenntnisse zu rudimentär – aber eine Alternativlösung bekomme ich hin. Danach wieder Sitzen und Atmen bis zum Treffen unserer Frauen-ERG. Seit diesem Monat bin ich da nicht nur zum Spaß dabei, sondern auch als Teil meines Jobs. Mit Kolleginnen aus Madrid, Chicago, Bristol und Maine sprechen wir über das, was gerade so ansteht – beruflich und privat. Das tut gut.

Dann Teammeeting mit Paris, Chicago und Nordengland (Südengland hat heute frei). Wir besprechen, wie sich auch die globale Firma zu dem Tod des Kollegen verhalten sollte – also kommunikativ. Ich bin dankbar, dass die anderen das Reden übernehmen und ich nur sagen muss, ob etwas für mich passend und kulturell angemessen ist. 13,5 Jahre war das mein Kollege, bis zur Pandemie sahen wir uns jeden Arbeitstag, bis zu seiner Krankheit hatten wir auch danach noch regelmäßig virtuell miteinander zu tun. Jetzt bin ich – zusammen mit zwei anderen, die am gleichen Tag angefangen haben wie ich, die dienstälteste Mitarbeiterin in Deutschland. Und er kommt wirklich nie mehr wieder.

Wir besprechen dann noch die anderen Themen für die Woche und dann mache ich um 18 Uhr Feierabend. Ich quatsche kurz mit dem Mitbewohner und ziehe mich dann mit noch einer Schüssel Suppe, einer Satsuma, einem Schokoladenweihnachtsmann und den Katzen auf die Couch zurück. Nur noch Einmummeln will ich mich. Ich zünde zwei Kerzen an – Gedenken und Gemütlichkeit.

Beim Durchscrollen der Timeline sehe ich, dass heute ein Solidaritätskonzert gegen Antisemitismus im Berliner Ensemble stattfindet und live übertragen wird. Also verbringe ich den Abend mit Igor Levit, Margot Friedländer, Katharina Thalbach, Wolf Biermann (neben Margot Friedländer ist der alte Mann plötzlich ein junger Hüpfer), Alexander Scheer, Sven Regener, Thees Uhlmann, den Toten Hosen und einigen mehr. Die Gedanken aber schweifen auch hier immer wieder ab zum Kollegen. Gegen Mitternacht ist das Konzert vorbei und ich gehe ins Bett. Heizdecke und Podcast sorgen (samt Schlafdefizit) für ein schnelles Einschlafen.

26.11.2023 – Bilderbuchsonntag

Der Sonntag beginnt damit, dass der Liebste vor mir wach wird und Kaffee macht. Den gibt es wie immer im Bett, während das Internet leer gelesen wird. Irgendwann kommt das Kindelein und holt sich mein Handy, ich steige aufs Diensthandy um, dann aufs Blog. Als ich mein Handy zurück habe, fange ich an zu bloggen. Der Liebste steht auf und geht Brötchen holen und erteilt dem Kind die Aufgabe, mir „aus dem Bett zu helfen“, damit ich beaufsichtigen kann, wie es den Geschirrspüler ausräumt. Teile und herrsche, er hat das drauf. Dafür hören wir in der Küche meine Musik, bis er zurück ist. Zum Frühstück gibt es Spiegelei und Würstchen.

Nach dem Essen blogge ich zu Ende und liege dann mit meinem Buch auf dem Sofa. Das Nachbarskind ist auch wieder da und der Liebste leitet die beiden Kids an, einen Brief an die Frau zu schreiben, deren Portemonnaie sie gestern gefunden haben. Als das erledigt ist, sind Schularbeiten dran. Das Teilzeitkind übt Mathe für einen Test nächste Woche und der Liebste kontrolliert die Hausaufgaben in Deutsch und Englisch. Ich bin ziemlich sicher, dass ich in der Grundschule weniger Hausaufgaben zu machen hatte – vielleicht wäre es aber auch gut gewesen, eine vernünftige Routine reinzubringen, das hätte mich vielleicht vor dem Notenabfall am Gymnasium bewahrt?

Als der Schulkram fertig ist, geht das Kind chillen und wir gehen in den Park spazieren und dann zur Konditorei, Kuchen und Torte holen. Haben wir ewig nicht mehr gemacht und zu höchsten Pandemiezeiten sonst dauernd. Überhaupt ist heute alles ein bisschen so wie damals, da habe ich viel mehr Zeit in Südberlin verbracht als aktuell. Wegen diverser aufeinanderfolgender Krankheiten haben der Liebste und ich uns gerade drei Wochen nicht gesehen. Davor waren Ferien und da wir getrennt verreist sind, waren es beim Teilzeitkind und mir sogar sechs Wochen. Wir können es aber alles noch gut.

Es gibt dann also Tee und Torte/Kuchen (für mich ein Stück Schokosahne mit Baiser und Johannisbeeren und ein Stück Apfelstrudel), ein Telefonat mit der Liebstenmama und das Nachbarskind ist auch wieder dabei. Danach machen die Kinder Kinderdinge und wir Erwachsenen beschließen, dass ich heute auch nochmal hier übernachte und erst morgen früh zurück nach Hause fahre. Daraufhin geht der Liebste ESports gucken und ich lese und schlafe dabei fast auf dem Sofa ein, bis die Kindelein mehr Tee brauchen.

Zum frühen Abendbrot gibt es Restepizza und Restepasta und danach noch eine Folge „Ducktales“ zu dritt auf dem Sofa. Das Teilzeitkind hält eigentlich nicht viel von Zeichentrick, lässt sich aber mal wieder vom Konzept „bewegte Bilder“ anlocken und ist dann doch angefixt und sauer, dass es ins Bett muss, statt noch eine Folge zu gucken. Wir hingegen schauen noch die nächsten vier Folgen „The West Wing“ (der Liebste kennt das in- und auswendig und kann wahrscheinlich egal wo jederzeit einsteigen), bevor wir auch schlafen gehen.

25.11.2023 – Detektivarbeit, Gans und Filmgeschichte

Ich erwache schon kurz vor 7, aber wir waren ja recht früh im Bett. Vorausschauend spiele ich zuerst auf dem Handy, bevor ich es an das Teilzeitkind abtreten muss. Das steht gegen halb 8 auf und geht kurz nach 8 rüber zum Nachbarskind. Eine halbe Stunde später ist es zurück und verlangt nach Handyspielen. Ich gebe mein Telefon ab und lese auf dem Diensthandy das Internet leer. Dazu Kaffee im Bett und Kuscheln mit dem Liebsten. Irgendwann klingelt es und das Nachbarskind steht vor der Tür. Ich bekomme mein Handy wieder und im Kinderzimmer geht es ab da hoch her.

Irgendwann stehen dann auch wir Erwachsenen auf und dann gehen wir zu viert auf den Markt. Der Quarkbällchenmann, der ja außer Quarkbällchen auf hausgemachte Kartoffelchips verkauft, hat weiter expandiert und bietet jetzt auch frisch gepresste Zitronenlimo an. Das Teilzeitkind und ich nehmen jeweils eine – auch ich ohne Limoncello. Dann gibt es ein erstes Quarkbällchen auf die Hand.

Wir kaufen noch Börek, Oliven, Bulgursalat, Baguette, alten Gouda und Bio-Eier. Auf dem Heimweg entdecken die Kinder ein nasses, offenes Portemonnaie in einem Gebüsch. Das wird natürlich mitgenommen und zuhause erst einmal gesäubert und ausgiebig untersucht. Wir finden die Adresse und sogar die Telefonnummer der Besitzerin und können so direkt anrufen, ohne irgendwelchen Behördenkontakt. Das Portemonnaie wurde bereits im September aus einem tagsüber um die Ecke aufgebrochenen Auto geklaut. Wow! Wir werden es zurückschicken und die beiden Kinder werden ihre Adressen mitschicken, man will sich etwas für sie überlegen.

Dann gibt es aber wirklich Frühstück. Oder Brunch. Oder Berliner Frühstück, denn es ist 13:30 Uhr. Wir erzählen den ungläubigen Kindern, dass das in den Cafés in den Szenebezirken eine klassische Frühstückszeit ist. Ich habe die passende Szene aus „Herr Lehmann“ im Kopf. Soße drüber und fertig ist das Gartenhäuschen. Nach dem Essen gehen die Kinder im Kinderzimmer weiter Kinderdingen nach und wir legen uns wieder hin und lesen gemütlich den Nachmittag weg. Aus dem Nebenzimmer dringen immer wieder ungewohnte Geräusche, u. a. geht der Staubsauger sehr oft. Wir halten uns da wohlweislich raus und bekommen dann irgendwann ein komplett aufgeräumtes, umgeräumtes und sauber gemachtes Zimmer präsentiert. Huch. Die beiden hatten offensichtlich ein Interior-Design-Projekt und haben das ganz eigenständig umgesetzt.

Zum Abendessen kehren wir nach langer Zeit mal wieder beim Stammitaliener ein – natürlich auch zu viert. Die Kids bekommen O-Saft und wir gönnen uns Campari Spritz bzw. Negroni sbagliato zu Bruschetta und Aufstrichen mit Brot. Dann gibt es für die Kinder Pizza Margherita und für Montepulciano d’Abruzzo zum italienischen Klassiker Gänsebrust mit Rotkraut und Klößen, für den Liebsten mit Braten-, für mich mit Orangensauce. Man muss ja die Gelegenheit nutzen, wenn man sie hat und Weihnachten wird es aus Gründen keine Gans geben. Es ist faszinierend: Das erste Stück Gänsefleisch („Gänsefleisch ma herkommen?“) im Mund und Zack ist Weihnachten. Es gibt wahrscheinlich kein anderes Essen, das für mich so eindeutig mit einem bestimmten Ereignis verbunden ist.

Zum Nachtisch gibt es dreimal gemischtes Eis und für mich die Crema Caramel. Der Liebste bekommt noch einen Grappa und ich einen Ramazotti und dann geht es wieder nach Hause. Das Nachbarskind verabschiedet sich und das Teilzeitkind profitiert von unserer gelösten Stimmung (und wir von seiner Bereitschaft, ohne Unterlass bewegte Bilder anzusehen) und wir gucken zu dritt noch „Blues Brothers“ – eine Premiere fürs Kind, das sich zum Glück prächtig amüsiert. Dann ist es aber plötzlich ganz schön spät und jemand muss ganz schnell ins Bett. Wir hingegen gucken uns noch ein Comedy-Special von W. Kamau Bell an, bevor auch wir schlafen gehen.

24.11.2023 – Gar nicht schwarzer Freitag

Ich erwache vom Weckerklingeln und finde das Wachwerden heute nicht so gut insgesamt. Oder besser gesagt, das Aufstehenmüssen. Damit lasse ich mir deswegen auch viel Zeit. Eigentlich gehe ich jeden Morgen zum Haare kämmen raus auf den Balkon – frische Luft atmen, Wetter checken, Baumstatus checken usw. (Heute: Es sind noch Blätter dran. Und Birnen.) Aber heute ist es mir draußen zu kalt, selbst für die 1-2 Minuten. Die Katzen gucken mich auch aus meinem Bett heraus an, als ob ich irre wäre.

Nunja. Schnell Frühstück machen (Zimt-Dingsis mit Granatapfelkernen und Hafermilch, Pfefferminztee) und dann an den Schreibtisch. Ich sitze mit Wolldecke an der Heizung, teilweise mit Katze auf dem Schoß, und werde trotzdem nicht ganz warm. Arbeitstechnisch ist es ruhig, die meisten amerikanischen Kolleg*innen haben noch Thanksgiving-frei. Ich habe ein Meeting mit Ostfriesland, eins mit Nordengland, kläre Dinge per Chat, mache Updates im Intranet und habe sonst ausreichend Zeit, das Monatsmagazin meines Berufsverbands auszulesen, meinen Questionable-Content-Rückstand entscheidend aufzuholen (ich hatte nach einem Browser-Absturz irgendwann im Frühling vergessen, weiterzulesen) und in den Pausen Haushaltsdinge zu tun – Katzenklo reinigen, Staubsaugen, Bad putzen, Müll runterbringen. Mittags mache ich mir Pellkartoffeln mit Butter, Pfeffer und Feldsalat – eine Kombi, die ich mal von der Schwester meines ersten Freundes gelernt habe. Gegen 17 Uhr schließe ich meinen Wochenbericht ab, klappe den Rechner zu und packe meinen Rucksack fürs Wochenende.

Dann geht es mit S- und S-Bahn nach Südberlin, zum ersten Mal seit drei Wochen – es war immer irgendwer krank. Auf dem Weg zum Liebsten begegnen mir ein aufgedrehtes Teilzeitkind und ein aufgedrehtes Nachbarskind, die ganz dringend nochmal in den Supermarkt müssen, weil es ja Black Friday ist. Ich schreibe mir eine Antikapitalismus-Schulung auf die innere To-Do-Liste. Beim Liebsten angekommen gibt es zum Einläuten des Wochenendes ein Glas Wein, während er die von mir bestellte vegane Bolognese zu Ende kocht.

Trubeliges Abendessen mit zwei immer noch aufgedrehten Kindern (sie kamen mit Eistee und Chips zurück) und der Mitbewohnerin. Das ist ungefähr das Gegenteil des Abends, den ich zuhause gehabt hätte, aber das ist vielleicht auch ganz gut so. Kurz danach geht die Mitbewohnerin aus, das Nachbarskind verabschiedet sich, das Teilzeitkind nimmt mein Handy in Beschlag und der Liebste und ich lassen den Abend gemütlich auf der Couch ausklingen.